Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945 • Band 1
Wolfgang Benz • Barbara Distel (Hrsg.)
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Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945 • Band 1
Die ersten
Konzentrationslager im Nationalsozialismus 1933-193 5
4ETROPOL
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Wolfgang Benz • Barbara Distel (Hrsg.)
Terror ohne System
Reihe
Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945 Band 1
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Wolfgang Benz • Barbara Distel (Hrsg.)
Terror ohne System
Die ersten Konzentrationslager im Nationalsozialismus I933~I935
Redaktion: Angelika Königseder
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Terror ohne System : Die ersten Konzentrationslager im Nationalsozialismus / hrsg. v. Wolfgang Benz und Barbara Distel - Berlin Metropol, 2001 ISBN 3-932482-61-1
Umschlagbild: KZ Dachau, Entlassung 1933 (Archiv KZ-Gedenkstätte Dachau)
Redaktion: Angelika Königseder
© 2001 Metropol Verlag Kurfürstenstr. 135 D-10785 Berlin www.metropol-verlag.de Alle Rechte Vorbehalten Druck: Druckhaus Köthen
Inhalt
Vorwort _ _ 7
Stanislav Zämecnik
Das frühe Konzentrationslager Dachau _ 13
Markus Kienle
Das Konzentrationslager Heuberg in
Stetten am kalten Markt _ 41
Markus Kienle
Gotteszell - das frühe Konzentrationslager für Frauen
in Württemberg _ 65
Silvester Lechner
Das Konzentrationslager Oberer Kuhberg in Ulm - 79
Udo Wohlfeld
Das Konzentrationslager'Nohra in Thüringen - - 105
Bernward Dörner
Ein KZ in der Mitte der Stadt: Oranienburg _ _ 123
Dietfrid Krause-Vilmar
Das Konzentrationslager im Arbeitshaus Breitenau 1933/1934 - - 139
Markus Meckl
„Herr Obersturmbannführer, bauen Sie mir schnell eine Kapelle“.
Das Konzentrationslager Kemna in Wuppertal _ 163
Andrea Rudorff
„Anhäufung vaterlandsfeindlicher Elemente“
Das Konzentrationslager Hammerstein im
Regierungsbezirk Schneidemühl . 179
Stefanie Schüler-Springorum Das Konzentrationslager in Ostpreußen:
Quednau bei Königsberg . 187
Lawrence D. Stokes
Das oldenburgische Konzentrationslager in Eutin,
Neukirchen und Nüchel 1933 . 189
Albrecht Eckhardt
Das Konzentrationslager Vechta . . 211
Jörg Wollenberg
Das Konzentrationslager Ahrensbök-Holstendorf im
oldenburgischen Landesteil Lübeck . 223
Willy Klawe
Wittmoor - das erste Konzentrationslager Hamburgs . 25 1
Herbert Diercks
Fuhlsbüttel - das Konzentrationslager in der Verantwortung
der Hamburger Justiz _ _ _ 26 1
Die Autorinnen und Autoren _ 309
Vorwort
Die Befreiung der Konzentrationslager durch alliierte Truppenverbände ab Herbst 1944 offenbarte Zustände, die jede Phantasie überstiegen. Die Kon¬ frontation mit der Realität nationalsozialistischer Verfolgung, gerichtet gegen politische Gegner, Opfer der Rassenideologie, gesellschaftliche Randgruppen, unangepaßte Minderheiten, Widerstandskämpfer und Eliten der unterwor¬ fenen Völker vieler Nationen Europas, Kriegsgefangene, insbesondere der Roten Armee, und nicht zuletzt der jüdischen und osteuropäischen Arbeits¬ sklaven, löste Entsetzen und Abscheu aus und erklärt drastische Reaktionen der Alliierten bei der Besetzung Deutschlands. Die Namen mancher Konzen¬ trationslager wurden zum Synonym des Staatsterrors, viele sind aber verges¬ sen, und mit der Beseitigung ihrer Spuren in der Nachkriegszeit sind diese Schreckensorte auch aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden.
1944 existierten im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich mindestens 25 Konzentrationslager, wenn man die formal korrekte Definition - Unterstel¬ lung unter den Reichsführer SS, zentrale Administration durch die „Inspektion der Konzentrationslager“ und durch das SS-Wirtschafts-Verwaltungshaupt- amt - zugrunde legt, wenn man die reinen Mordstätten und Vernichtungslager wie Chelmno (Kulmhof), Belzec, Sobibör, Treblinka (deren Spuren teilweise schon 1943 verwischt wurden) nicht mitrechnet und wenn man die zahllosen Haft- und Terrororte außer acht läßt, die nicht als Konzentrationslager defi¬ niert waren, die unter verschiedener Hoheit als Zwangsarbeitslager für Juden, als Arbeitserziehungslager, Polizeihaftlager in den besetzten Gebieten, als „Sonderlager“ mit wechselnder Funktion wie der Komplex der 15 Lager im Emsland an der niederländischen Grenze, als „Jugendschutzlager“ als Ghetto, als „Zigeuner-Lager“ oder als mobile SS-Bau- oder Eisenbahnbaueinheit
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firmierten. Diese Haftstätten, in denen weitgehend die gleichen Bedingungen herrschten wie in den offiziellen KZ, gehörten nicht zum System der Konzen¬ trationslager, das mit der Errichtung von Dachau im März 1933 begründet wurde und mit der Befreiung vofi Mautfiausen am 5. Mai 1945 und dessen Nebenlager Ebensee am Nachmittag des folgenden Tages zu bestehen aufhör¬ te. Die 2^5jLager bildeten den Kern des KZ-Systems, zu dem insgesamt min¬ destens 1200 Außen- oder Nebenlager gehörten. Dachau etwa hatte schlie߬ lich rund 209jülialen, darunter 1944/45 riesige Lagerkomplexe wie Kaufering bei Landsberg am Lech mit etwa 30 000 Gefangenen in elf Einzellagern und Mühldorf mit vier Lagern und mindestens 8300 Häftlingen. Zu Mauthausen gehörten außer dem Nebenlager Gusen, das dem Stammlager an Größe gleich- niehr als 60 Außenlager in Österreich, und Auschwitz bestand aus dem Stammlager (Auschwitz I) und dem Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II). Monowitz (Auschwitz III) war der Standort der I. G. Farbenfabrik („Buna¬ werke ), in der die Arbeitskraft der Häftlinge ausgebeutet wurde, von Mono¬ witz aus wurden auch mindestens 40 Außenlager verwaltet, die bei Kohle¬ gruben und Industriestandorten in Oberschlesien errichtet worden waren.
Ohne Außenlager blieb vor allem ein bekanntes KZ, das erst Ende April I943 m der Lüneburger Heide gegründete Lager Bergen-Belsen.
Im Sommer 1933 waren 26 000 Menschen in Konzentrationslagern inhaf¬ tiert, 1935 war die Zahl auf einen Tiefstand von 4000 gefallen, im Herbst 1938 nach verschiedenen „Aktionen“ und der „Reichskristallnacht“ gab es 16 000 Häftlinge, bei Kriegsbeginn ein Jahr später waren es 21 000, dann stiegen die Zahlen sprunghaft an bis 1944/45, als 700 000 Menschen insgesamt in KZ- Haft waren. Mit der Ausweitung des Lager-Kosmos im Zweiten Weltkrieg im ganzen deutschen Herrschaftsgebiet, bedingt durch die Anforderungen der Rüstungsindustrie und die Politik der Vernichtung durch Arbeit, nahm auch die Zahl weiblicher Häftlinge zu. Frauen waren freilich von allem Anfang an Objekte nationalsozialistischen Terrors gewesen. Außer den Frauen vorbe¬ haltenen KZ der frühen Stunde Gotteszell, Moringen, Lichtenburg wurde Schutzhaft an Frauen auch an weiteren Orten vollstreckt bis zur Errichtung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück 1939. Am Ende der NS-Herrschaft bestanden in den meisten Konzentrationslagern Abteilungen, Kommandos oder Nebenlager für Frauen.
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Eine Gesamtgeschichte der Konzentrationslager existiert nicht. Es ist höch¬ ste Zeit, sie zu rekonstruieren, darzustellen und das Ergebnis für die Allge¬ meinheit nutzbar zu machen. Über das wissenschaftliche Interesse hinaus ist das ein Erfordernis der Erinnerungskultur: Das öffentliche Gedenken bedarf nicht nur der Rituale und Denkmale, es muß sich auf gesicherte Informationen stützen, die in einer dringend notwendigen Anstrengung erschlossen und be¬ reitgestellt werden sollen.
Dieser Band, der die Reihe „Geschichte der Konzentrationslager 1933- 1945“ eröffnet, präsentiert die ersten Ergebnisse eines großen Projektes, das die Gesamtdarstellung aller Konzentrationslager im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich 1933-1945 zum Ziel hat. Entgegen gerne geäußerten Ver¬ mutungen, die den leidigen Gegenstand als hinlänglich erforscht und behan¬ delt, als abgeschlossen also sehen möchten, herrscht noch beträchtlicher For¬ schungsbedarf auf dem Weg zur umfassenden und vollständigen Historio¬ graphie derjenigen Einrichtungen, die unter dem Namen Konzentrationslager wesentliche Bestandteile des Herrschaftsinstrumentariums des NS-Staates wa¬ ren, in denen von Anfang an Terror gegen Regimekritiker, politische Gegner, Andersdenkende und schließlich Angehörige von Minderheiten, gegen reli¬ giös, politisch oder „rassisch“ Unerwünschte, geübt wurde.
Das Projekt „Geschichte der KZ“ verfolgt zwei Absichten. Einmal wird eine wissenschäftlichen Ansprüchen genügende Gesamtdarstellung des natio¬ nalsozialistischen Verfolgungsapparats erstrebt, zum anderen soll diese An¬ strengung unmittelbar allen Bereichen der politischen Bildung, dem Schul¬ unterricht und ebenso der Wissenschaft wie der Gedenkkultur nutzbar ge¬ macht werden. Die Aufarbeitung-gesicherter Erkenntnisse im lokalen und ^gionalep^Bereich soll der Zerstörung von Legenden und als didaktische Grundlage der Vermittlung von Aufklärung über historische Realität dienen.
Während die Strukturen des KZ-Systems inzwischen gut erforscht sind (eine Skizze als Überblick wird in einem der folgenden Bände erscheinen), enthält die Topographie derjConzentrationslager noch viele weiße Flecken. Es geht um die Beschreibung einzelner Lager und insbesondere unbekann¬ ter Außenlager uncT Außenkommandos. Monographische Darstellungen der einzelnen Lager sollen in engem Kontakt mit örtlichen Gedenkstätten, Ge¬ schichtswerkstätten, Initiativen etc. entstehen und die vorhandenen Potentiale
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einbeziehen und nutzen. Zur Mitarbeit sind außer den Gedenkstätten alle ein¬ geladen, die in mühevoller Kleinarbeit vor Ort die Geschichte eines lokalen KZ erforscht haben, deren Arbeitsergebnisse jedoch oft über den örtlichen Rah- men hinaus kaum bekannt sind.
Ein erster Projektabschnitt beschäftigt sich mit einem besonderen Desi¬ derat, den frühen Konzentrationslagern, die unmittelbar nach der Macht-
I Übernahme der nationalsozialistisch/deutschnationalen Koalition im Frühjahr 1933 ganzen Deutschen Reich entstanden. Die Verordnung des Reichsprä¬ sidenten zum „Schutz von Volk und Staat“ suspendierte am 28. Februar 1933 das Grundrecht der persönlichen Freiheit und ermöglichte die Verfolgung poli¬ tischer Gegner des Regimes unabhängig von der Justiz. Die Errichtung von „Konzentrationslagern“ (von der NSDAP schon vor 1933 propagiert) zur Voll¬ streckung der „Schutzhaft“ an geeigneten Orten (stillgelegte Fabriken, Gefängnisse, aufgelassene Zuchthäuser, Kasernen, Arbeitshäuser, auch SA- und SS-Sturmlokale) begann im März 1933 an zahlreichen Orten des ganzen Reichsgebiets. Die Bewachung der Gefangenen - zunächst vor allem kommu¬ nistische und sozialdemokratische Funktions- und Mandatsträger und andere Oppositionelle - oblag der Polizei, der SA, der SS, dem Stahlhelm als Hilfspoli- _gei, sie war jmfangsjiich^^ Die Existenz der meisten KZ die¬
ses Typs endete bereits 1933 und 1934.
Unter ausschließlicher Hoheit derSS entwickelte sich dann ah Mit-t-p 1934 auf der Grundlage der frühen KZ das System des Staatsterrors, das sich zum SS-Imperium mit eigenen wirtschaftlichen Interessen und Produktionsbe¬ trieben, zum Arbeitskräftereservoir der Rüstungsindustrie und zum Vernich¬ tungsapparat im Rahmen der Rassenpolitik perfektionierte. Die Wachmann- schaften der KZ spielten bei der Entstehung der Waffen-SS eine wichtige Rolle. Nach der völlig unkontrollierten Rekrutierung der Gefangenen in der An- * fangszeit durch lokale Stellen und Initiativen exfolgte jiach der Zentralisierung des KZ-Systems die Einweisung durch die Gestapo. Der Schutzhafterlaß des Reichsministers des Innern vom 12./2 6. April 1934 schrieb die Rechtlosigkeit der KZ-Gefangenen reichseinheitlich fest. (Der Begriff „Schutzhaft“ wird im folgenden als terminus technicus stets ohne Anführungszeichen verwendet, das ist selbstverständlich keine Verharmlosung des rechtlichen und morali¬ schen Sachverhalts.)
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15 Monographien über jxühe. Konzentrationslager sind in diesem Band vereinigt. Sie reichen von Dachau, das als eines der ersten KZ Modellcharakter für alle späteren bekam und als einziges über die gesamte Zeit nationalso¬ zialistischer Herrschaft existierte, über so bekannte Terrorstätten wie Kemna (Wuppertal) und Oranienburg bei Berlin zu längst vergessenen Lagern der er¬ sten Stunde wie Quednau bei Königsberg in Ostpreußen, Nohra bei Weimar in Thüringen, den beiden Hamburger Haftstätten Wittmoor und Fuhls¬ büttel, den drei Lagern im kleinen Lande Oldenburg Eutin, Ahrensbök und Vechta. Auf württembergischem Territorium existierten ebenfalls drei frühe KZ, Heuberg bei Stetten am kalten Markt, Oberer Kuhberg in Ulm und Gotteszell (Schwäbisch Gmünd), das zugleich das erste Konzentrationslager für Frauen war.
Insgesamt haben im deutschen Raum .133.3/34 neben „Schutzhaftabtei- lungen“ in Gefängnissen, SA-Folterkellern und anderen Terrororten minde¬ stens 80 frühe Konzentrationslager existiert. Manche von ihnen wurden bald wieder aufgelöst, einige waren länger, mindestens bis zur Neuordnung des KZ- Systems durch den Reichsführer SS Himmler bzw. die „Inspektion der KZ“ un¬ ter Theodor Eicke 1935/36 in Betrieb. Nach der Liquidierung Ernst Röhms und der Entmachtung der SA im Sommer 1934 waren die Konzentrationslager aus¬ schließlich in der Regie der SS. Träger und Herren der KZ der ersten Stunde sind neben der SS und der SA auch staatliche Organe gewesen, einige Lager haben sich aus dem Arbeitsdienst heraus entwickelt oder standen gar unter kirchlicher Trägerschaft wie Kuhlen bei Rickling (Schleswig-Holstein). Der Schwerpunkt dieses Bandes liegt auf den ersten Gründungen von kurzer Dauer. Ein Folgeband - „Herrschaft und Gewalt. Frühe Konzentrationslager 1933-1939“ - wird das Spektrun^^^ und Lager wie das KZ Lichten-
burg, die badischen Haftstätten Ankenbuck und Kislau, die bremischen KZ Mißler, Ochtumsand, Langlütjen, den Emsland-Lagerkomplex, ebenso frühe Konzentrationslager in Berlin und Brandenburg wie Sonnenburg und die Lager Kuhlen, Leschwitz (bei Görlitz) usw. beschreiben.
Forschungsstand und Quellenlage stehen einer streng systematischen - etwa chronologisch oder geographisch angeordneten - Präsentation der KZ- Monographien im Weg. Herausgeber und Verlag haben sich deshalb zu einer pragmatischen Veröffentlichungspolitik im Interesse der raschen Publikation
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einzelner Ergebnisse entschlossen, um dem angestrebten Ziel eines Gesamt¬ bildes aller Konzentrationslager im gesamten nationalsozialistischen Herr¬ schaftsbereich in absehbarer Zeit nahezukommen.
Außerordentlich hilfreich war die Unterstützung, die dem Projekt durch die BayerischeLandeszentrale für politische Bildungsarbeit zuteil wurde. Eine Ta- gung führte im November 2000 in Schloß Schney bei Lichtenfels Experten zu¬ sammen, die den Forschungsstand und methodische Probleme (wie definiert man Konzentrationslager in Abgrenzung zu anderen Haftstätten des NS-Re- gimes mit ähnlichen Lebensbedingungen? Welche Kriterien über die formalen Unterstellungen hinaus ermöglichen die Einordnung in das Herrschafts- und Terrorsystem? Wie unterscheiden sich „wilde“ KZ als Haftstätten in der Zeit der „Machtergreifung“ von frühen Konzentrationslagern mit längerem Be¬ stand?) sowie Einzelergebnisse zu 19 frühen Konzentrationslagern diskutier¬ ten. Herzlicher Dank für die Finanzierung dieser Tagung gilt dem Direktor der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Dr. Michael Rupp, sowie dein Stellvertretenden Direktor Dr. Peter März, die ebenso wie Regie¬ rungsdirektor Werner Karg das Unternehmen engagiert gefördert haben.
Wolfgang Benz , Barbara Distel , Angelika Königseder
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Stanislav Zämecnik
Das frühe Konzentrationslager Dachau
Am 9. März 1933 übernahmen die Nationalsozialisten in Bayern durch die Einsetzung des Generals Franz Xaver Ritter von Epp als Reichskommissar die Macht, und bereits in derselben Nacht leiteten sie umfangreiche Verhaf¬ tungen ein, so daß die Polizei- und Justizgefängnisse bald überfüllt waren. Am 13. März prüfte eine Kommission der politischen Polizei eine brachliegende Munitionsfabrik in der Nähe der Stadt Dachau, ob sie zur Unterbringung von Schutzhaftgefangenen geeignet sei.1 Eine Woche später, am 20. März, hielt der Münchner kommissarische Polizeipräsident Heinrich Himmler eine Pres¬ sekonferenz ab, und am nächsten Tag berichteten die Zeitungen, daß am 22. März in der Nähe von Dachau „das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen von 5000 Menschen“ für kommunistische, sozialdemo¬ kratische und Reichsbanner-Funktionäre eröffnet werden würde.2
Die ehemalige Munitionsfabrik lag etwa drei Kilometer von der Kleinstadt Dachau entfernt in einer bewaldeten Schotterebene, nördlich der Landstraße
1 Chronik der gesamten SS-Lageranlage in Dachau. Bundesarchiv Berlin (BArch), R 2/28350. Zit. in: Johannes Tuchei, Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der „Inspektion der Konzentrationslager“ 1934-1938, Boppard a. R. 1991, S. 124. Das Dokument ist auf den 1. 3. 1938 datiert und nach Auffassung Tucheis im Verwaltungsamt der SS angefertigt worden.
2 Münchner Neueste Nachrichten, 21. 3 . 193 3 . Kopie in: Konzentrationslager Dachau 1933-1945. Herausgegeben im Auftrag des Comite International de Dachau, Re¬ daktion Barbara Distel/Ruth Jakusch, Brüssel 1978, S. 44. Auf Seite 43 dieses Ka- taloges findet sich auch die Kopie eines Artikels aus dem Völkischen Beobachter , der nach Umfang und Inhalt weitgehend mit dem Artikel aus den Münchner Neuesten Nachrichten übereinstimmt. Die Berliner Ausgabe des Völkischen Beobachter brach¬ te dagegen von dem Vorgang nur eine kurze Notiz.
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nach Schleißheim. Sie bestand aus 6 1 gemauerten, durch Bäume getarnten Pro¬ duktionshallen, Depots und Unterkünften für etwa 8000 Arbeiter. Trotz seines desolaten Zustandes eignete sich das von einer hohen Mauer umgebene Objekt vorzüglich für ein Konzentrationslager.
Ursprünglich war der Bau von 20 Baracken für 5000 politische Gefangene geplant. Für die erste Häftlingsgruppe, die ihr eigenes Gefängnis errichten sollte, stellte eine Abteilung des Freiwilligen Arbeitsdienstes der NSDAP ein einstöckiges Gebäude fertig und riegelte es mit einem dreifachen Stacheldraht¬ verhau ab. Für die Bewachung des Lagers wurde eine Hundertschaft Schutz¬ polizei unter Leitung von Hauptmann Schlemmer bestimmt. Am 22. März wurden die ersten 24 Häftlinge aus dem Untersuchungsgefängnis Neudeck, 24 aus Landsberg und 48 aus dem Gefängnis München-Stadelheim in das Lager gebracht;^ sie arbeiteten an dessen Ausbau. Als am 11. April ein Trans¬ port aus Nürnberg eintraf, war bereits eine weitere Baracke fertiggestellt und mit dreistöckigen Bettgestellen ausgestattet.4 Gekocht wurde anfangs in Feld¬ küchen, das Essen wurde in einer großen Halle außerhalb des umzäunten Teils des Lagers eingenommen. Die Polizisten verhielten sich den Häftlingen gegen¬ über im wesentlichen korrekt.
Die Zahl der Gefangenen erhöhte sich schnell. Im März 193 3 erreichte man Häftlingsnummer 170, im April 1137 und im Mai 2033. Einige wurden jedoch wieder entlassen, so daß im Juni 1933, a^s die Nummer 2375 registriert wurde, x953 Häftlinge in Dachau einsaßen. 5 Bis zum Jahr 1938 bewegte sich ihre Gesamtzahl stets zwischen 1600 und 2500.
Die erste Belegschaft bestand aus deutschen Kommunisten, später wurden in zunehmendem Maße Sozialdemokraten, bürgerliche Politiker und Monar¬ chisten gefangengehalten. Als die politische Polizei im Juni 1933 einen Schlag gegen die Führung der Bayerischen Volkspartei durchführte, wurden zahlrei¬ che Funktionäre dieser Partei in das Konzentrationslager Dachau verbracht.
3 Erinnerung von L. Kollmann, in: Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Dachau (im folgenden Mitteilungsblatt), 1963.
4 Willi Gesell, Die ersten Transporte in das KZ Dachau. Mitteilungsblatt, Dezember 1972.
5 „ Häftlings-Nummernzuteilung in Konzentrationslagern“, Internationaler Such¬ dienst, Arolsen 1965.
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KZ Dachau, Mai 1933 (Archiv KZ Gedenkstätte Dachau)
Noch früher als Dachau waren die Konzentrationslager Nohra, Plaue, Hohnstein, Königstein, Heuberg und Oranienburg6 7 eingerichtet worden, wei¬ tere schossen wie Pilze aus der Erde. Durchweg wurden sie als Provisorien be¬ trachtet. Das Lager in Dachau hingegen war als Dauereinrichtung des Landes Bayern geplant. Seine nur für Bayern ausgelegte Kapazität von 5000 politi¬ schen Häftlingen (diese Zahl wurde im alten Lager nie erreicht) zeugt davon, welch terroristisches Regime Himmler zu errichten gedachte.
Die anfangs erträglichen Verhältnisse sollten nicht von langer Dauer sein. Am 1. April wurde Himmler zum politischen Polizeikommandeur in Bayern ernannt, und am nächsten Tag ordnete er das Konzentrationslager Dachau dem Führer der politischen Hilfspolizei - also sich selbst - unter. 7 Mit dieser Maßnahme erreichte er eine zweifache Zuständigkeit über das Lager. Als Chef der Bayerischen Politischen Polizei konnte er mißliebige Personen in Schutz¬ haft nehmen lassen, und als Parteifunktionär - Reichsführer SS - gleichzeitig ohne Rücksicht auf die Gesetze die Inhaftierten einem Regime unerhörter Will¬ kür unterwerfen. Die unseligen Folgen dieser Konstellation ließen nicht lange auf sich warten.
Zum ersten Lagerkommandanten wurde der 34jährige Hilmar Wäckerle aus Forchheim in Oberfranken ernannt. Er war im Ersten Weltkrieg verwundet worden, hatte Landwirtschaft an der Technischen Hochschule München stu¬ diert und war 1922 in die NSDAP und 1931 in die SS eingetreten. Wäckerle war nur bis Ende Juni Kommandant des Lagers Dachau, dann mußte Himmler ihn nach den staatsanwaltlichen Ermittlungen über die ersten Morde im Konzen¬ trationslager Dachau von diesem Posten ablösen. 1940 nahm er am deutschen Überfall auf die Niederlande teil, im Juli 1941 kam er bei Kämpfen östlich von Lemberg ums Leben.8
6 Klaus Drobisch/Günther Wieland, System der NS-Konzentrationslager I93 3-1939, Berlin 1993, S. 73 ff., mit einem Überblick über die Konzentrationslager und andere Objekte, in denen sich Schutzhäftlinge befanden.
7 Tuchei, Organisationsgeschichte, S. 125.
8 Johannes Tuchei, Die Kommandanten des Konzentrationslagers Dachau, in: Dachau¬ er Hefte 10(1994), S. 72.
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Die Schreckensherrschaft der SS
Am späten Abend des io. April rückte eine Hundertschaft SS-Hilfspolizei in das Lager ein. Die Häftlinge hörten, wie SS-Oberführer von Malsen-Ponickau9 vor der Einheit eine Rede hielt. Er erklärte, daß zur Ausübung des Lagerdien¬ stes all diejenigen ungeeignet seien, die glaubten, „daß die zu bewachenden Häftlinge Menschenantlitz trügen“, und die „kein Blut sehen“ könnten. Er beendete seine Rede mit der Aufforderung: „Wenn einer unter Euch ist, der glaubt, es sind Menschen wie Ihr, soll er sofort nach links ’raustreten.“10
Schon am zweiten Tag ihrer Herrschaft in Dachau, am 12. April 1933, in¬ szenierte die SS einen exemplarischen Mord an vier Menschen. Nach dem Abendappell ließ man die jüdischen Häftlinge Dr. Rudolf Benario, Ernst Goldmann, Arthur Kahn und Erwin Kahn hervortreten, führte sie durch das Tor hinaus und erschoß sie beim „Fluchtversuch“.11 Benario, Goldmann und Arthur Kahn starben auf der Stelle, Erwin Kahn im Krankenhaus.
Zu den ersten Maßnahmen der SS gehörte die Errichtung des sogenann¬ ten Bunkers. Er bestand aus mehreren Doppelklosetts mit Betonfußboden, stinkenden Abflußkanälen und verdunkelten kleinen Fenstern. Die Einrich¬ tung beinhaltete lediglich hölzerne Pritschen.12 Nur jeden vierten Tag wurde
9 Malsen-Ponickau war Befehlshaber des ersten SS-Abschnitts in München. Später wurde er Polizeipräsident in Nürnberg.
10 Zit. nach Claus Bastian, 22. März 1933 - Der Tag der Errichtung des Konzen¬ trationslagers Dachau, in: Mitteilungsblatt, April 1965. Der Vorgang wird auch in vielen anderen Augenzeugenberichten dargestellt, die trotz unterschiedlicher For¬ mulierungen den Inhalt der Rede übereinstimmend wiedergeben.
11 Willi Gesell, Die ersten Transporte in das KZ Dachau, in: Mitteilungsblatt, Dezem¬ ber 1972; Robert Eisinger, Die ersten Judenmorde im KZ Dachau am 12. April 1933, in: Mitteilungsblatt, August 1963; Amper-Bote, 14./15. 4. 1933.
12 Im Spätsommer 1933 wurde ein neuer Bunker mit 21 Zellen gebaut. Nach der Be¬ schreibung von Jakob Boulanger, der dort elf Monate verbrachte, waren die Zellen enge Räume ohne Fenster, mit einem unebenen, aus faustgroßen Steinen gepflaster¬ ten Fußboden. Als Betten dienten Zementblöcke. Die Häftlinge waren in schwere Ketten gelegt. Nach ihrer Entlassung aus der völligen Dunkelheit waren ihre Augen schwer geschädigt. Jakob Boulanger, Eine Ziffer über die Herzen. Erlebnisbericht über zwölf Jahre Haft, Berlin 1957, S. 11-21.
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warmes Essen ausgegeben. Jeder Häftling erhielt zur „Selbstbedienung“ einen Galgenstrick, den er am Wasserhahn der Spülvorrichtung befestigen mußte, und ein Messer mit der Bemerkung, es sei nicht zum Brotschneiden gedacht. Viele Häftlinge wurden durch entsetzliche Peinigungen und Folterungen in den Selbstmord getrieben.
Von den ersten vier Männern, die bereits am 25. April 1933 im „Bunker“ eingekerkert wurden, verübten drei Selbstmord oder wurden ermordet. Poli¬ zeihauptmann Herbert Hunglinger erhängte sich schon am folgenden Tag, dem 2 6. April. Am 7. Mai schnitt sich der kommunistische Abgeordnete Fritz Dressei angeblich die Pulsadern auf.r3 Aufgrund eines Versehens wurde er ins Revier gebracht, doch auf Anordnung des Lagerkommandanten Wäckerle in den „Bunker zurückverlegt, wo er verblutete. Dem kommunistischen Reichs¬ tagsabgeordneten Hans Beimler hingegen, der unmittelbar nach seiner Einlie¬ ferung in Dachau am 25. April 1933 in den „Bunker“ gesperrt worden war, ge¬ lang die Flucht.1^ Am 11. Mai gab der deutsche Rundfunk bekannt, daß Sepp Götz, Beimlers letzter Mithäftling im „Bunker“, einen Aufseher angefallen habe und von diesem in Notwehr erschossen worden sei. *5
Um die Persönlichkeit der Häftlinge zu brechen, wurden seit Beginn der SS-Herrschaft die Neuzugänge bei ihrer Ankunft im Lager schwer mißhan¬ delt. Arbeiterfunktionären, Juden und gelegentlich sogar allen Neuzugängen wurden zur „Begrüßung“ 25 oder mehr Schläge mit dem Ochsenziemer ver¬ abreicht. Zwei jüdische Häftlinge, der aus Bamberg stammende Gerichtsrefe¬ rendar Wilhelm Aron und der Nürnberger Kaufmann Louis Schloss, die am
13 Der SS-Mann Hans Steinbrenner, der auch im Bunker Dienst getan hat, sagte aus: „Dressei wurde eines Tages im Beisein eines höheren SA- oder Parteiführers aus München in der Zelle durch Öffnen der Pulsader getötet. Ich kann nicht beweisen, wer Dressei getötet hat, aber vermute, daß es der SS-Mann Wickelmeier war.“ Ver¬ nehmungsniederschrift, Garmisch, 19. August 1948. Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau (DA)-2203i.
14 Seinen Erinnerungen „Im Mörderlager Dachau“, die bereits 193 3 in mehreren Spra¬ chen erschienen (deutsch/russisch Moskau 193 3 , englisch London 1933), verdanken wir wesentliche Erkenntnisse über den „Bunker“.
15 Der Mord an Götz wurde Steinbrenner angelastet. Beim polizeilichen Verhör er¬ klärte er, der SS-Mann Wickelmeier habe Götz im Gang des Bunkers erschossen. Vernehmungsniederschrift, Garmisch, 19. August 1948. DA-22031.
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15- Mai 1933 nach Dachau eingewiesen wurden, überlebten diese „Begrüßung“ nicht. Aron war auffällig wegen seiner Größe und seiner rotblonden Haare. Solche Merkmale der „nordischen Rasse“ verziehen die SS-Männer dem „Unter¬ menschen“ nicht. Sie schlugen Aron so fürchterlich, daß sie ihm die Gesä߬ muskeln bis auf die Knochen zerfetzten. Am 19. Mai starb er.16 Noch fürchter¬ licher wurde Schloss gepeinigt, der schon in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai starb.17 Offensichtlich war er in Dachau erwartet worden, da über ihn im Stürmer ein Artikel wegen angeblicher „Rassenschande“ veröffentlicht worden war. Am nächsten Tag gab der Lagerkommandant Wäckerle bekannt, Schloss habe sich an seinen Hosenträgern aufgehängt. Eine gerichtliche Obduktion er¬ gab jedoch, daß er erschlagen worden war.18 Das umfangreiche Obduktions¬ protokoll mit 76 ärztlichen Befunden bezeugt die Grausamkeit, mit der die SS vorgegangen war.19
Am 17. Mai führte der SS-Scharführer Karl Ehmann den Häftling Leonhard Hausmann aus Augsburg in den Wald und erschoß ihn „auf der Flucht“, an¬ geblich aus einer Entfernung von zehn bis zwölf Metern. Die gerichtliche Untersuchung ergab jedoch, daß der tödliche Schuß aus einer Entfernung von maximal 30 Zentimetern abgegeben worden war.20
Am 24. Mai 1933 befahl der Dachauer SS- Arzt dem jüdischen Rechts¬ anwalt Dr. Alfred Strauss aus München, außerhalb des Lagers „spazieren¬ zugehen“ Angeblich versuchte Strauss zu fliehen und wurde deshalb von dem begleitenden SS-Mann Kantschuster durch zwei Pistolenschüsse ge¬ tötet. Die folgende gerichtliche Untersuchung erbrachte, daß beide Schüsse das Gehirn in spitzem Winkel von unten nach oben durchdrungen hatten, das Opfer also offenbar am Boden gelegen hatte. Der Körper des Erschossenen zeigte zahlreiche Spuren von Folterungen, die innere Verletzungen und Blu¬ tungen bewirkt hatten.21
16 Als Todesdatum wird „5.1933“ genannt; vgl.: Die Toten von Dachau, Deutsche und Österreicher. Ein Gedenk- und Nachschlagewerk, München 1948.
17 Urteil gegen Steinbrenner. DA-20427/2.
18 Bericht Wintersberger vom 1. 6. 1933. IMG XXVI, Nbg. Dok. 644-PS, S. 174 f.
19 Ebenda, S. 178-186.
20 Ebenda, Dok. 642-PS, S. 172 ff.
21 Ebenda, Dok. 641-PS, S. 171 f.
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Am 25. Mai 193 3 versuchte der Nürnberger Kaufmann Karl Lehrburger, bei der Aufnahmeprozedur seine jüdische Herkunft zu verbergen. Wäckerle ließ ihn daraufhin in den „Bunker“ einweisen und befahl Steinbrenner, ihn zu erschießen. Dieser gab Lehrburger einen Briefumschlag, und als er zum Öffnen ein Messer in die Hand nahm, schoß er ihn „in Notwehr“ in die Stirn.22
Ebenfalls am 25. Mai starb der Münchner Kaufmann Sebastian Nefzger, ein Invalide, im „Bunker“. Der SS-Lagerarzt Dr. Nuernberger schloß in seinem Untersuchungsbericht eine Fremdeinwirkung kategorisch aus; der Tod sei „durch Öffnung der Pulsschlagader der linken Hand“ folglich durch Verblu¬ ten, eingetreten. 23 Die gerichtliche Obduktion ergab jedoch, daß Nefzger sich die drei Schnittwunden nicht selbst hatte zufügen können, da sie bis auf den Knochen reichten. Todesursache war nicht Verbluten, sondern Erwürgen durch eine andere Person. Außerdem wurden am Körper des Toten zahlreiche Spuren von Folterungen entdeckt. 24
Am 1. Juni 1933 erhob Oberstaatsanwalt Karl Wintersberger in der Sache Strauss und Hausmann Anklage wegen Mordes gegen die SS-Männer Kant¬ schuster und Ehmann, im Falle Schloss und Nefzger Anklage wegen Mordes gegen unbekannt und zugleich wegen Begünstigung des Mordes gegen den La¬ gerkommandanten Wäckerle, den Lagerarzt Dr. Nuernberger und den Ober¬ sekretär Mutzbauer. Die Untersuchung wurde jedoch nicht durchgeführt, und am 2. August wurden die Angeklagten amnestiert.
Die Lagerordnungen
Unlängst noch bezeichnete man die frühen Konzentrationslager mit Aus- nähme von Dachau als „wilde“ Lager. Weitergehende Forschungen förderten jedoch zutage, daß bei den meisten Lagern der Einfluß der staatlichen Behör¬ den starker war als in Dachau. Auch die von der SA und SS begründeten Lager wurden in der Regel bald unter die Leitung der regionalen Polizeibehörden
22 Landgericht München, 2. Urteil Steinbrenner, Unterhuber,
23 IMG XXVI, Nbg. Dok. 645-PS, S. 188 f.
24 Ebenda.
IO- 3- 1952., DA-204 27/2.
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gestellt. Der Unterschied zu Dachau vertiefte sich noch, als die Häftlinge in die sogenannten staatlichen Konzentrationslager Sonnenburg, Lichtenburg, Brandenburg, Esterwegen I und II, Börgermoor und Neusustrum verbracht wurden, die dem preußischen Innenministerium unterstellt waren. Sie wurden von zivilen Direktoren und Beamten verwaltet, die praktische Erfahrung im Gefängnisdienst besaßen.
In Dachau verlief die Entwicklung konträr: Das Lager wurde als staatliches Konzentrationslager gegründet, jedoch in kürzester Zeit unter ausschließliche Hoheit der SS gestellt.
In den anderen staatlichen Konzentrationslagern war der Einfluß der SA und SS ebenfalls beträchtlich: Als Wachdienst leistende Hilfspolizisten maßen sie sich überall an, mit ihren politischen Gegnern abzurechnen. Hingegen zeigte sich bei ziviler oder polizeilicher Lagerleitung eindeutig die Tendenz, die Haftbedingungen gewissen Regeln zu unterwerfen. Dies belegen vor allem mehrere Lagerordnungen, die 1933 und zu Beginn des Jahres 1934 erlassen worden waren. 2 5 Mit Ausnahme von Dachau ähnelten sie den Vorschriften von Polizei- und Justizgefängnissen.
In Dachau war die Schreckensherrschaft der SS bereits von Anfang an ziel¬ gerichtet und organisiert. Die erwähnten ersten 13 Sterbefälle - im Zeitraum 12. April bis 25. Mai 1933 - waren vorsätzliche, von der Lagerführung ange¬ ordnete Meuchelmorde.
Unterschiede in den Regelungen bestanden vor allem bei den Vergünsti¬ gungen, die den Häftlingen gewährt wurden. In einigen Lagern durften sie Lebensmittelpakete empfangen oder von Familienangehörigen besucht wer¬ den. Eine bemerkenswerte Ähnlichkeit wiesen die Strafvorschriften auf, die überall den Entzug von Vergünstigungen und bei größeren „Vergehen“ Arrest vorsahen, der durch Kostentzug oder Verdunkelung verschärft werden konnte. Körperliche Strafen werden in den Lagerordnungen nicht erwähnt. Eine Aus¬ nahme stellte der nicht in Kraft getretene Entwurf des Oberpräsidenten von
25 Ich beziehe mich auf die Lagerordnungen der Konzentrationslager Neustadt an der Haardt, Moringen, Kislau, Kuhberg, Hainichen, Hammerstein und Fuhlsbüttel, ferner auf den Vorschlag der Lagerordnung für die Moorlager vom Januar 1934 und den Erlaß des Landeskriminalrates in Dresden vom 19. April 1934 für die Konzen¬ trationslager in Sachsen. Vgl. Drobisch/Wieland, System, S. 77-81.
Hannover, Lutze, für die Emslandlager dar. Dieser enthielt eine Bestimmung über Prügelstrafen von bis zu zehn Stockschlägen auf das Gesäß.26 Der Entwurf datierte vom Januar 1934 und war offensichtlich schon von den in Dachau gel¬ tenden Vorschriften beeinflußt.
Von dieser Ausnahme abgesehen, zeugen die Lagerordnungen von der Be¬ strebung, den Konzentrationslagern den Charakter der üblichen Haftanstalten zu geben. Demgegenüber dokumentieren die Lagerordnungen des KZ Dachau die Tendenz, Willkür und Verbrechen zu sanktionieren.
Gemäß den sogenannten Sonderbestimmungen, die der Lagerkommandant Wäckerle auf Anordnung Himmlers bereits im Mai 1933 ausarbeitete,2? soll¬ ten die Häftlinge in drei Kategorien eingeteilt werden: eine privilegierte, eine Grund-, und eine Strafkategorie. Im Lager sollte permanenter Ausnahme¬ zustand bei drakonischer Anwendung der Todesstrafe herrschen. Das Straf¬ register umfaßte Arrest, der auf verschiedene Weise verschärft werden konnte, die Einstufung in eine schlechtere Kategorie und schließlich die Todesstrafe. Der Lagerkommandant sollte mit gerichtlichen Zuständigkeiten ausgestattet werden. Die Todesstrafe sollte ein Lagergericht unter dem Vorsitz des Lager¬ kommandanten verhängen, dem ein bis zwei von ihm ernannte SS-Offiziere und ein Mitglied der Wachabteilung anzugehören hatten.28 Von einer Vertei¬ digung ist in dem Dokument keine Rede.
Das Konzentrationslager Dachau war als Staat im Staate geplant, mit eige¬ ner legislativer, exekutiver und judikativer Gewalt ausgestattet. Lediglich die Finanzierung wäre dem Land Bayern bzw. dem Reich überlassen worden. Zu diesem Zeitpunkt ließen sich Himmlers Pläne jedoch noch nicht verwirklichen. Die willkürliche Verkündung eines permanenten Ausnahmezustandes und der Anspruch auf eigene richterliche Gewalt stellten sogar im Rahmen des NS- Staates zu jener Zeit noch eine unerhörte Maßnahme dar.
Die „Sonderbestimmungen“ stießen bei der bayerischen Justiz auf Wider¬ stand. Am 2. Juni fand eine vom bayerischen Justizminister Hans Frank ein- berufene Sitzung bei Reichsstatthalter Ritter von Epp statt, wo im Beisein
26 Ebenda.
27 IMG XXVI, Nbg. Dok. 922-D.
28 Ebenda.
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des Ministerpräsidenten Siebert die Ereignisse in Dachau behandelt wurden. Himmler wand sich aus der peinlichen Situation nur dadurch heraus, daß er sich von den Verhältnissen in Dachau distanzierte und Wäckerle seines Postens enthob.
Das Streben, die Verbrechen zu „sanktionieren“, nahm mit diesem Fiasko keineswegs ein Ende. Neuer Lagerkommandant wurde am 2 6. Juni der fana¬ tische Nationalsozialist und SS-Oberführer Theodor Eicke, ein Mann mit be¬ wegter Vergangenheit. Im Juni 1932 war er wegen illegaler Herstellung von Bomben zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Er floh jedoch nach Ita¬ lien und kehrte nach der Machtübernahme Hitlers nach Deutschland zurück. Wegen der Aggressivität, mit der er an die Macht drängte, ließ ihn Himmler im März 193 3 verhaften und zur Untersuchung in eine psychiatrische Klinik ein¬ weisen. Am 2. Juni 193 3 ordnete Himmler seine Entlassung aus der Psychiatrie an und setzte ihn als Lagerkommandant in Dachau ein.
Eicke überarbeitete die von Wäckerle zusammengestellten Vorschriften und ließ die neue Version unter der Bezeichnung „Disziplinär- und Straford¬ nung für das Gefangenenlager“29 am 1. Oktober 1933 in Kraft treten. Was Himmler als Staatsbeamter mit Hilfe der „Sonderbestimmungen“ nicht hatte durchsetzen können, da diese im Widerspruch zur geltenden Rechtsordnung standen, verschob er als Parteifunktionär, als Reichsführer SS, auf das Feld des revolutionären Rechts. Die Lagerordnung vermied Formulierungen, die in Regierungs- oder Justizbefugnisse eingriffen, und stellte alle Bestimmungen als innere Disziplinarbefugnisse des Kommandanten dar, „welcher für die Durch¬ führung der erlassenen Lagervorschriften nur dem Politischen Polizeikom¬ mandeur persönlich verantwortlich ist “3°
Von einer einzigen Ausnahme abgesehen tauchte der Begriff „Todes¬ strafe“ nicht auf. Laut Lagerordnung konnte ein Häftling „kraft revolutio¬ nären Rechts als Aufwiegler aufgehängt“ oder „als Meuterer auf der Stelle erschossen oder nachträglich aufgehängt“ werden. Als „Meuterei“ wurde
29 Das Nürnberger Dokument 778-PS gibt die §§ 1-5 dieser Verordnung nicht wieder. Der vollständige, für das Konzentrationslager Lichtenburg herausgegebene Text bei Ernst Antoni, KZ von Dachau bis Auschwitz, Frankfurt a. M. 1979, S. 99 f., als Fotokopie eines illegalen Flugblattes.
30 Nbg. Dok. 778-PS.
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auch Arbeitsverweigerung oder Johlen während des Marschierens verstan¬ den. Grundsätzlich mit dem Tode bestraft wurde jede Sammlung, jeder Emp¬ fang oder Verbreitung von Nachrichten, die der feindlichen Propaganda nutzen konnten.31
Im Unterschied zu den „Sonder Bestimmungen“ die einen unverhohlenen Versuch darstellten, einen Staat im Staate zu schaffen, sanktionierte die Lager¬ ordnung von Eicke Grausamkeiten und Morde als eine innere politische Ange¬ legenheit der Partei und der SS und ermöglichte es dem Staat, sich von diesen Vorgängen zu distanzieren.
Die Lagerordnung trug das Datum des i. Oktober 1933. Schon am 17. Ok¬ tober inszenierte Eicke eine Affäre - bekannt als „Greuelnachrichtendose“ -, bei der die neuen Regeln exemplarisch angewandt wurden. In der Mütze des Häftlings Josef Altmann, die nach Hause geschickt werden sollte, hatte man einige Kassiber gefunden. Obwohl Altmann kein Jude war, diente der Vorfall Eicke dazu, die jüdischen Häftlinge mißhandeln zu lassen. Wilhelm Franz, Martin Stiebei, Häftlingsarzt Dr. Delvin Katz und Josef Altmann wurden im „Bunker“ willkürlich ermordet, und der Nürnberger Rechtsanwalt Albert Rosenfelder verschwand spurlos aus dem „Bunker“. Eicke verhängte über das ganze Lager eine Entlassungs-, Post- und Zeitungssperre, die nahezu bis Jahres¬ ende aufrecht erhalten wurde.
Ebenfalls vom 1. Oktober 1933 datieren die von Eicke erlassenen „Dienst¬ vorschriften für die Begleitposten und die Gefangenenbewachung“ Sie be¬ fahlen den Wachen, bei jedem Fluchtversuch oder dem Versuch einer Revolte ohne Warnung gezieltes Feuer zu eröffnen, und ordneten an, jegliche Art von Widerstand mit körperlicher Gewalt zu brechen, hierfür war der Gebrauch von Schußwaffen vorgesehen. Warnschüsse waren ausdrücklich verboten. Die Vorschriften garantierten die Straflosigkeit bei Erschießung eines Häft¬ lings im Dienst. 3 2
31 Ebenda.
32 DA-1660/7.
24
Organisation des Lagers
In Dachau entwickelte sich eine Organisationsstruktur, die später auch in anderen Konzentrationslagern eingeführt wurde:
Kommandantur,
Stabsführer bzw. Adjutant des Kommandanten,
SS-Wachtruppe,
Gefangenenlager (später: Schutzhaftlager),
Arzt,
politische Abteilung,
wirtschaftliche Angelegenheiten (Verwaltung). 3 3
Die Wachmannschaft bildete der SS-Sturmbann D (Dachau) unter dem Kommando des SS-Sturmbannführers Michael Lippert und seines Stellver¬ treters Max Koegel. Die politische Abteilung war die Amtsstelle der politi¬ schen Polizei im Lager; sie führte für diese Verhöre durch, beteiligte sich an der Vorbereitung von Entlassungen u. ä. Die Abteilung „wirtschaftliche An¬ gelegenheiten“ verwaltete die Werkstätten und Betriebe, die im Lager einge¬ richtet wurden.
Die Frage der Verantwortung für das Gefangenenlager (später: Schutzhaft¬ lager) war anfangs nicht eindeutig geklärt. In gewissem Maße lag sie beim Lagerverwalter. Seit Mai 1934 ist die Funktion eines Schutzhaftlagerführers belegt, die Günther Tamaschke ausübte. Ihm unterstanden die SS-Kompanie- führer und weitere Angehörige des SS-Personals im Gefangenenlager sowie des Häftlingspersonals. Später gab es zwei bis drei Schutzhaftlagerführer, von denen der erste als stellvertretender Lagerkommandant amtierte.
Die Organisationsstruktur des Häftlingslagers ergab sich aus der Unter¬ bringung der Häftlinge in zehn Baracken, von denen jede fünf Räume besaß. Jeder Raum zählte bei voller Belegung 54 Häftlinge, die eine „Korporalschaft“ an der Spitze mit einem „Korporal“ bildeten. Die Belegschaft einer ganzen Baracke wurde als „Kompanie“ bezeichnet; sie stand unter der Leitung eines Feldwebels aus den Reihen der Häftlinge und eines Unteroffiziers im Rang
33 Tuchei, Organisationsgeschichte, S. 152.
25
eines SS-Kompanieführers. Die siebte Kompanie war die Strafkompanie, die hauptsächlich Juden und sogenannte Bonzen umfaßte.
Die höchste Funktion, die von Häftlingen ausgeübt werden konnte, war die eines Arbeitsfeldwebels. Als erster nahm diese Funktion der Kommunist Josef Zäuner wahr, der sich durch sein tapferes Benehmen und die Verteidigung der Interessen der Häftlinge Sympathien erwarb. Am z. August 1933 wurde Zäuner in den „Bunker“ gesperrt und schrecklich mißhandelt. Er verbrachte sieben Monate im „Bunker“. 34
Im Herbst wurde Karl Kapp zum Arbeitsfeldwebel ernannt. Den Mithäft¬ lingen zufolge war er ebenso direkt und unerschrocken wie Zäuner und ver¬ stand sich geschickt für die Häftlinge einzusetzen. 35 Zu den unter den Häftlin¬ gen beliebten Persönlichkeiten gehörte auch Feldwebel Gröner, der als Kom¬ munist für sein tolerantes Benehmen anders gesinnten Mithäftlingen gegen¬ über bekannt war. Seine Popularität beruhte jedoch vor allem auf der Leitung des sogenannten Exerzierkommandos, worauf noch einzugehen sein wird.
Alltag der Häftlinge
Die Baracken waren eingeschoßig, aus Steinen gemauert, die Dächer mit Dachpappe abgedeckt, der Fußboden war betoniert. Zur Einrichtung gehör¬ ten dreigeschoßige Bettgestelle, lange Tische und Bänke. Das Bett bot dem Häftling einen gewissen privaten Raum. Am Kopfende befand sich ein kleiner Schrank für die wenigen Gegenstände des täglichen Bedarfs, ein Handtuch und die emaillierte Eßschüssel hingen am anderen Ende des Bettes. An der Wand und an anderen erreichbaren Stellen brachte der Häftling Ansichtskarten und Fotografien seiner nächsten Angehörigen an. Das Bett mußte wie beim Militär „gebaut“ werden.
Um sechs Uhr morgens wurde mit einer Trompete das Wecksignal gegeben, und um 6.30 Uhr trat das gesamte Lager zum Arbeitsappell an. Er fand auf
34 Walter Hornung, Dachau. Eine Chronik, Zürich 1936, S. 82, 101 f. Nazi Bastille Dachau. Schicksal und Heldentum deutscher Freiheitskämpfer, hrsg. vom Interna¬ tionalen Zentrum für Recht und Freiheit in Deutschland, Paris 1939, S. 63 f.
35 Ebenda, S. 200.
26
einer Wiese vor einer hölzernen Tribüne statt, von der aus Befehle erteilt, Ver¬ ordnungen bekanntgegeben und die Namen der Entlassenen sowie derjenigen verlesen wurden, die zum Verhör anzutreten oder vor Gericht zu erscheinen hatten. Beim Morgenappell fanden auch die sogenannten Arztmeldungen statt. Auf den Befehl „Arbeitskommando formiert!“ reihten sich alle in die Ar¬ beitskommandos, die von „Kapos“ geleitet wurden. In Begleitung der Wachen zogen die Häftlinge zu ihren Arbeitsplätzen. Um elf Uhr kehrten sie zurück und traten eine halbe Stunde später in Kompanien zum Mittagessen in die große Speisehalle außerhalb des Lagers. Danach folgte die Mittagspause, in der sich die Häftlinge ausruhen, lesen, rauchen oder herumgehen konnten.
Um 13 Uhr wurde nach einem kurzen Appell die Arbeit wiederaufgenom¬ men, die um 17 Uhr endete. Nach dem Abendessen, um 18 Uhr, versammelte sich jede Kompanie vor ihrer Baracke zum Zählappell. Bis 21 Uhr hatten die Häftlinge frei, dann blies die Trompete zum Zapfenstreich. Von diesem Zeit¬ punkt an durfte kein Licht mehr brennen, und die Wachen hatten Befehl, auf jeden zu schießen, der die Baracken verließ.
Am Samstag wurde nur vormittags gearbeitet, am Sonntag überhaupt nicht. Geweckt wurde eine halbe Stunde später, und die Arbeitsappelle entfie¬ len. Am Samstag und Sonntag mußten sich die Häftlinge die Haare schneiden. Alle trugen den sogenannten Militärschnitt, d. h. weit nach oben kurzge¬ schnittene Haare.
Diejenigen, die nicht arbeiteten, die sogenannten Uneingeteilten, wurden während der Arbeitszeit dem „Exerzierkommando“ zugeteilt, das Feldwebel Gröner führte. Die meisten betrachteten das „Exerzieren“ als sportliche Übung, da sie noch nicht an jener furchtbaren Unterernährung litten, die jede physische Anstrengung zur Qual werden ließ. Der deutschen Mentalität ent¬ sprechend stellte diese Dressur für die Häftlinge eine Art Flucht aus der Wirk¬ lichkeit dar. Sie fühlten sich wie Soldaten, die den SS-Männern überlegen waren, weil diese - in der Mehrzahl junge, unausgebildete Burschen - kein sol¬ datisches Auftreten besaßen. Eicke ließ diese Übungen schließlich einstellen und erklärte: „Die Kerle glauben wohl, daß sie innerhalb des Lagers eine Rote Armee ausbilden können ?“36
3 6 Ebenda.
27
Seit Juli 193 3 fand am Sonntagnachmittag ein Gottesdienst, zunächst auf dem Appellplatz, wo ein provisorischer Altar aufgestellt wurde, statt. Der Pfarrer aus der Gemeinde Dachau erschien regelmäßig, obwohl ihn die SS- Leute durch Provokationen und Beleidigungen von seinen Besuchen abzu¬ halten versuchten.37 ln der Nähe des Platzes, wo die Messe stattfand, wurden die Neuankömmlinge, die am Samstag eintrafen, zur „Begrüßung“ mit dem Ochsenziemer geprügelt. Dann mischten sich in den Gesang beim Gottesdienst die Schreie der Mißhandelten. 38
Die Häftlinge trugen ursprünglich ihre eigene Kleidung. Erst später wurden sie mit abgelegten Drillichuniformen und Stiefeln ausgestattet. Ihren Zivil¬ anzug gaben sie in den ersten Monaten nicht ab, sondern bewahrten ihn in ihrem Schrank auf. Als Verpflegung erhielten die Häftlinge ein Soldatenbrot (x>5 kg) für drei Tage. Zum Frühstück gab es Ersatzkaffee, und das kalte Abendessen bestand in der Regel aus einem Stück Wurst oder Käse, gelegent¬ lich aus Sülze oder einem Hering, dazu Tee oder Kaffee. Zum Mittagessen gab es ein paar Pellkartoffeln und eine Kelle Eintopf, meist die bei den Häftlingen verhaßten Kuttelflecken. Ansonsten gab es Haferflocken mit Knorpelfleisch, den sogenannten Fischpichelsteiner mit übelriechendem Fisch oder Walfleisch, Beuschel, dann „Kartoffelsteiner“, „Wasserreis“ oder „Wassergries“ Am Sonn- tag gab es Kaffee mit etwas Milch und zum Mittagessen in der Regel Suppe und ein Stück Schweinebraten mit Kartoffelsalat, Kartoffeln oder Sauerkraut. Die zur Arbeit Eingeteilten erhielten als Zwischenmahlzeit um 9 und um 16 Uhr Brot mit warmem Tee. Die Neuankömmlinge und unter Strafe gestellte Häft¬ linge bekamen nur die halbe Ration.
Die Häftlinge empfanden diese Verpflegung als widerlich. Doch war sie unvergleichlich besser und reichhaltiger als später, zumal in den Kriegs¬ jahren. Wer Geld besaß, konnte die Speisekarte durch Einkauf in der Kan¬ tine ergänzen, wo man für überhöhte Preise Grundnahrungsmittel erstehen
37 Wenn er das Lager betrat, wurde über den Lautsprecher das Lied „Du schwarzer Zigeuner“ gespielt.
38 Hugo Burkhard, Tanz mal Jude. Von Dachau bis Schanghei. Meine Erlebnisse in den Konzentrationslagern Dachau - Buchenwald - Getto Schanghei 1933-1948, Nürn- berg 1966 , S. 40 ff., Fritz Ecker, Die Hölle Dachau, in: Konzentrationslager. Ein Appell an das Gewissen der Welt, Karlsbad 1934, S. z8.
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konnte. Für sehr viele Häftlinge blieb die Kantine jedoch verschlossen, weil sie kein Geld hatten.
Die hygienischen Einrichtungen, wie Toiletten und Waschräume, stammten aus der Zeit, als die Baracken als Wohnheime für Arbeiter gedient hatten. An¬ fangs badeten die Gefangenen in einem als „Lido“ bezeichneten Tümpel; nach einiger Zeit wurde dies jedoch aufgrund drohender Infektionsgefahr verboten.
Im Sommer 193 3 wurden auf einer aus Tischen zusammengestellten Bühne zwei Vorstellungen gegeben, mit Couplets, Burlesken, akrobatischen Kunst¬ stücken und dem Auftritt einer „Ballerina“. Die Lagerleitung verbot jedoch weitere Aufführungen, weil sie in den vorgetragenen Witzen „Anspielungen“ auf die Verhältnisse im Lager entdeckte.
Im Herbst 1933 wurde im Lager eine Bücherei eingerichtet. Zu ihren Beständen gehörten vor allem kirchliche Kalender und Missionsschriften, die der Dachauer Pfarrer zur Verfügung gestellt hatte, dann Abenteuerromane und vor allem Literatur zur Umerziehung im nationalsozialistischen Geiste. Auch „Mein Kampf“, das die Erkenntnisse Adolf Hitlers und seine monströse Ideologie vermittelte, gehörte zu den Angeboten.
Zu den Absurditäten des Konzentrationslagers Dachau zählten die Denk¬ mäler Albert Schlageters und Horst Wessels. Das Schlageter-Denkmal, eine Art steinerner Grabhügel, wurde vor der Kommandantur von Häftlingen errichtet. Passierten sie das Denkmal, mußten sie die Mütze abnehmen. 39 Die Häftlinge gaben dem Namen des Nationalhelden eine andere Bedeutung. „Schlageter- feier“ oder „Schlageterorgie“ bürgerten sich als Bezeichnung für öffentliches Auspeitschen ein, und unter „Schlageterkeller“ verstand man die Folterkam¬ mer, in der nichtöffentliche Auspeitschungen stattfanden.
Das Horst-Wessel-Denkmal wurde am 4. August 1933 mit erheblichem Pomp eingeweiht. Zu diesem Anlaß kamen Rohm, Himmler, Heydrich, Esser, Frank und Wagner mit großem Gefolge nach Dachau. Auf dem Weg zur
39 Der Amper-Bote brachte am 1 6. 6. 1933 eine Nachricht zur Enthüllung des Denk¬ mals. Darin heißt es: „Die ganzen Arbeiten wurden von Lagerinsassen gefertigt und geben Zeugnis von deutschem Fleiß und deutscher Arbeit. Das ehemals verfallene Betriebsgelände hat unter der Leitung des Herrn Lagerkommandanten Wäckerle ein freundliches Aussehen bekommen.“
29
Speisehalle gingen die Häftlinge an dem Denkmal vorbei. Um nicht ihre Müt¬ ze ziehen zu müssen, legten sie den Weg barhäuptig zurück.40
Arbeit
Die ursprüngliche Absicht, die Häftlinge bei der Kultivierung der Moore ein¬ zusetzen, wurde nur in geringem Ausmaß verwirklicht. Die SS fand effektivere Ausnutzungsmöglichkeiten für das beträchtliche Arbeitspotential der Lager¬ insassen. Bei dem Umbau der Munitionsfabrik wurden mehrere Werkstätten eingerichtet, die in zunehmendem Maße für den Bedarf der SS produzierten und sich zu großen Manufakturen entwickelten. Beispielsweise wurde die Tischlerei mit 64 Hobelbänken ausgestattet. Der Ausrüstung der SS dienten die Schneiderei, Schuhmacherei und eine Sattlerei. Eine Schlachterei und eine Großbäckerei erfüllten den Bedarf des Häftlings- und des SS-Lagers sowie der SS-Einheiten in der Umgebung. Zum Bau der SS-Siedlungen, der militärischen Objekte und Straßen wurden Baukommandos gebildet, zur Förderung von Kies und Sand entstand das gefürchtete Kommando „Kiesgrube“.
Das Lager entwickelte sich zu einer wirtschaftlichen Unternehmung der SS, die auf der Arbeitskraft der Häftlinge basierte. Die Häftlingsarbeit bot der SS gewaltige Vorteile. Der Staat trug den finanziellen Aufwand, während die SS bis 1940 das gesamte Arbeitskräftepotential kostenlos zu ihren Gunsten nutzen konnte.
Bereits von Beginn an lassen sich Fälle feststellen, in denen die Arbeitskraft als Zweck der Haft angesehen wurde. Der ehemalige Häftling Fritz Ecker zeigte dies am Fall Josef Merks. Seine Frau hatte von der politischen Polizei er¬ fahren, daß ihr Mann schon längst entlassen sein sollte. Auf ihren Brief nach Dachau antwortete die Lagerkommandantur, daß Josef Merk zwar ein fähiger und fleißiger Facharbeiter sei und sein Verhalten keinen Anlaß zu Beschwerden gebe, er jedoch wegen dringender Bauarbeiten nicht vor dem 15. Dezember 1933 entlassen werden könne.41
40 Hornung, Dachau, S. 81.
41 Ecker, Die Hölle Dachau, S. 35.
30
Im Herbst 1933 und im Januar 1934 trafen in Dachau die ersten Trans¬ porte mit unpolitischen Häftlingen aus dem Arbeitshaus in Rebdorf ein.42 Ihre Verlegung nach Dachau war durch einen Bedarf an Arbeitskräften moti¬ viert. Im Mai 1934 forderte die politische Polizei weitere 300 bis 500 Häft¬ linge aus den Arbeitshäusern an, vor allem Schneider, Schuhmacher, Sattler und Bauarbeiter.^
In der Propaganda figurierte Arbeit als Hauptmittel der „SS-Therapie“ in Dachau, mit deren Hilfe die Staatsfeinde umerzogen werden sollten, um sie wieder in die deutsche Gesellschaft eingliedern zu können. In der Realität dien¬ te Arbeit häufig dazu, die Häftlinge zu erniedrigen und physisch zu ruinieren.
Im Arbeitskommando Kiesgrube, in das vor allem Juden und die soge¬ nannten Bonzen eingeteilt wurden, allerdings auch Gefangene, die ermordet werden sollten, hetzte man die Häftlinge zu Tode, erschoß sie „auf der Flucht“ oder trieb sie in den Selbstmord. Immer wieder kam es hier zu Exzessen. Die jüdischen Häftlinge wurden häufig dazu gezwungen, sich gegenseitig ins Gesicht zu spucken und dann abzulecken oder sich Fäkalien ins Gesicht zu schmieren.44 Anfang 1934 nötigten die SS-Leute den jüdischen Häftling Max Fleischmann, menschliche Exkremente zu essen. In der Nacht hängte er sich aus Verzweiflung auf der Toilette auf.45
42 Dabei handelte es sich um Personen, die später in die Kategorie der sogenannten Asozialen eingeordnet wurden. Nach einer Spezifizierung des Reichskriminalpoli¬ zeiamtes gehörten in diese Kategorie: „a) Personen, die durch geringfügige, aber sich immer wiederholende Gesetzesübertretungen sich der in einem nationalsozialisti¬ schen Staat selbstverständlichen Ordnung nicht fügen wollen (z. B. Bettler, Land¬ streicher [Zigeuner], Dirnen, Trunksüchtige, mit ansteckenden Krankheiten, insbe¬ sondere Geschlechtskrankheiten behaftete Personen, die sich den Maßnahmen der Gesundheitsbehörden entziehen); b) Personen, ohne Rücksicht auf etwaige Vorstra¬ fen, die sich der Pflicht zur Arbeit entziehen und die Sorge für ihren Unterhalt der Allgemeinheit überlassen [z. B. Arbeitsscheue, Arbeitsverweigerer, Trunksüchtige].“ Vgl. dazu Wolfgang Ayaß, „Asoziale“: die verachteten Verfolgten, in: Dachauer Hefte 14 (1998), S. 50-66.
43 Falk Pingel, Häftlinge unter SS-Herrschaft. Widerstand, Selbstbehauptung und Ver¬ nichtung im Konzentrationslager, Hamburg 1978, S. 37.
44 Nazi Bastille Dachau, S. 89.
45 Burkhard, Tanz mal Jude, S. 52 ff.; Nazi Bastille Dachau, S. 89. Fleischmanns Tod wurde in „Die Toten von Dachau“ mit „3.34“ registriert.
31
Der Belustigung der SS diente auch das sogenannte Sandbad. Ein Häftling wurde an einem heißen Tag bis zum Kopf in Kies eingegraben und stundenlang in dieser Lage gelassen, bis - wie Burkhard schreibt - sein von Tausenden von Insekten zerstochener Kopf zu einem unförmigen Klumpen angeschwollen war. Es kam auch vor, daß der Kopf des Eingegrabenen als Latrine diente. 4^
Entwicklung der Schutzhaft in Bayern
Nach der Auflösung der letzten bürgerlichen Partei, des Zentrums, im Juli T933 war die NSDAP die einzig zugelassene Partei in Deutschland. Hitler er¬ klärte die Revolution für beendet, und das NS-Regime konsolidierte sich rasch. Die führenden Vertreter der Opposition brachte man zum Schweigen oder sie emigrierten, die Masse der Bevölkerung war gleichgeschaltet oder einge¬ schüchtert. Die Zahl der politischen Häftlinge nahm rasch ab.
Unter einigen Mitglieder der Reichsregierung und des Staatsapparats, in deren Kompetenzen die SA und SS einzugreifen pflegten, setzte sich die Absicht durch, die Notverordnung vom 28. Februar 1933 als zeitweilig zu betrachten und die revolutionären Maßnahmen, wie die Schutzhaft und die Konzentra¬ tionslager, allmählich zu beseitigen. Zu diesen Persönlichkeiten gehörten vor allem Reichsinnenminister Frick, Reichs justizminister Gürtner, der preußische Ministerpräsident und Innenminister Göring und auch der Reichsstatthalter in Bayern Ritter von Epp.
Diese Tendenzen spiegelten sich in Fricks Schutzhafterlaß vom 12./26. April I934> m dem die Zulässigkeit der Verhängung von Schutzhaft beschränkt und nur ,,a) zum eigenen Schutze des Häftlings, b) wenn der Häftling durch sein Verhalten, insbesondere durch staatsfeindliche Betätigung die öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar 47 gefährdet“, erlassen wurde. 4** Die Dauer der Haft sollte „nur solange aufrecht [...] erhalten [werden], als ihr Zweck [...] es erfordert“^
46 Burkhard, Tanz mal Jude, S. 79.
47 Hervorgehoben in dem Dokument.
48 DA-1375/5.
49 Ebenda.
32
Der Erlaß reduzierte die Zahl der Behörden, die das Recht besaßen, Schutz¬ haft zu verhängen, wobei über eine mehr als sieben Tage hinausreichende Haft nur die oberste Landesbehörde entscheiden durfte. 5° Mit Ausnahme von Bayern ging überall die Zahl der Schutzhäftlinge schon früher zurück. In Bayern, wo Himmler an der Aufrechterhaltung der hohen Häftlingszahlen interessiert war, ging er dazu über, die Schutzhaft gegen Personen anzuwenden, die sich unpolitischer Pseudodelikte „schuldig“ gemacht hatten. Dadurch ver¬ tiefte sich die Disproportion unter der Zahl der Schutzhäftlinge in Bayern und in anderen Ländern.
Der Reichsstatthalter in Bayern Ritter von Epp wies schon am 20. März 1934 in einem Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Siebert auf das Mißverhältnis von 2800 Schutzhäftlingen in Preußen und 3500 in Schutzhaft gehaltenen Personen im wesentlich kleineren Bayern hin. Er beschwerte sich über die mißbräuchliche Anwendung der Schutzhaft auf Delikte wie „Trunk¬ sucht, Mißhandlung der Ehefrau, Fangen von Singvögeln, Holzfrevel, Unter¬ schlagung von Organisationsgeldern, unsittlicher Lebenswandel, grober Unfug, Arbeitsscheu“ sowie die Beleidigung von Parteifunktionären oder Kritik an Gesetzen und Verordnungen. 51 Epp verlangte eine Überprüfung aller Fälle von Schutzhaft, die Entlassung der in Betracht kommenden Häftlinge bis zum 15. April und eine Liste derjenigen, die in Schutzhaft verblieben. Die Liste soll¬ te das Datum der Verhaftung und eine Begründung, warum die weitere Schutz¬ haft notwendig war, enthalten. 5 2
Himmler ließ zum 10. April eine Aufstellung sämtlicher Häftlinge nach Kategorien erstellen, welche die Angaben von Epp in jeder Hinsicht bestätigte:
Kommunistische Betätigung 942
KPD-Funktionäre 589
Sozialdemokratische Betätigung 98 SPD-Funktionäre 24
50 Ebenda.
51 DA-7434/3, Abschrift des Briefes.
52 Ebenda.
33
Hochverrat 222
Landesverrat 33
Staatsabträgliche Kritik 101
Volksschädlinge 95
Beleidigung 39
Asoziales Verhalten 82
Arbeitsscheue 24
Trunksucht 23
Persönliche Sicherheit \ 7
Unsittlicher Lebenswandel 10
Mißhandlung 9
Unterschlagung 7
Holzfrevel 2
Grober Unfug 1
Sonstiges gl
Insgesamt 2450*3
Am 13 . April antwortete der bayerische Innenminister Wagner dem Reichs¬ statthalter mit einem von Himmler konzipierten arroganten Brief. Epps For¬ derung bezeichnete er als rechtlich nicht begründbaren Versuch, sich Kontroll- funktionen anzueignen, und teilte mit, daß er zwar die Verzeichnisse anfertigen lasse, sie jedoch Epp nicht zusenden würde.54 Zu den Häftlingskategorien schrieb er: „Ohne weiteres zutreffend ist die Feststellung, daß die Verhängung der Schutzhaft wegen Trunksucht, Holzfrevel, Unterschlagung von Organisa- tionsgeldern, unsittlichen Lebenswandels, Arbeitsscheu usw. nicht ganz dem Buchstaben der geltenden Bestimmungen entspricht. Wohl aber entspricht sie dem nationalsozialistischen Empfinden.“**
53 Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA). MA 106299, Bl. 143. Übernommen von Drobisch/ Wieland, System, S. 105.
54 ^^-7434/3, Abschrift des Briefes.
55 Ebenda.
34
„Röhmputsch“ und Entstehung der KL-Inspektion
Während des Winters 1933/1934 übernahm Himmler in allen Ländern - mit Ausnahme von Preußen - die Kontrolle über die politische Polizei und schloß diesen Prozeß nach Verhandlungen mit Göring im April 1934 ab.56 Heydrich wurde zum Leiter des Geheimen Staatspolizeiamtes ernannt, dem die preu¬ ßischen Konzentrationslager unterstellt waren, und am 31. Mai wurde eine Verordnung erlassen, wonach nur das „Gestapa“ über die Verhängung der Schutzhaft entscheiden durfte und jeder „Schutzhaftbefehl“ seine Unterschrift tragen mußte. 5 7
Im Mai nahm Eicke, der den Titel eines „Inspekteurs der Konzentrations¬ lager“ zu gebrauchen begann, die allmähliche Übernahme der preußischen Konzentrationslager in Angriff. Am 29. Mai übernahm er das Konzentrations¬ lager Lichtenburg, verhaftete den zivilen Direktor Faust wegen „Korruption“ und setzte Obersturmführer Bernhard Schmidt aus Dachau als Lagerkomman¬ dant ein. Eicke leitete die Reorganisation des Lagers nach dem Muster von Dachau ein, und am 1. Juni trat seine „Disziplinär- und Strafordnung“ in Kraft. 5 8 Am 2 6. Juni übernahm Eicke das Lager Esterwegen, mußte jedoch nach Dachau zurückkehren, um an dem vorbereiteten Massaker an der SA- Führung teilzunehmen. 59
Die Häftlinge in Dachau konnten die Vorbereitungen schon am 29. Juni be¬ obachten. Die Mehrzahl der SS-Männer verließ, ausgerüstet mit Maschinen¬ gewehren aus dem Wachtturm, die durch Attrappen ersetzt wurden, das Lager. Den Wachdienst übernahm eine Einheit der Reichswehr. Aus den Bunkern im
56 Göring blieb formal Chef der preußischen Geheimen Staatspolizei.
57 DA- 13 74/1, Kopie des Heydrich-Erlasses.
58 Organisationsgeschichte, S. 162.
59 Nach Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Güters¬ loh 1967, S. 96 f., beteiligte sich Eicke an der Zusammenstellung der für die Liqui¬ dierung vorgesehenen Personen und führte schon etwa einen Monat vorher eine Übung zum Eingreifen seiner Wachmannschaft durch. Tuchei, Organisationsge¬ schichte, S. 178 f., bestreitet Eickes Beteiligung an der Zusammenstellung der „Mordlisten“. Nach meiner Auffassung war Eicke an dieser Zusammenstellung mindestens insofern beteiligt, als er die Listen um einige unbequeme Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau ergänzte.
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Wald, unweit des Lagers, wurden Waffen und Munition mit Lastautos von der Reichswehr herangeschafft.
In der Nacht zum 30. Juni kehrten die SS-Männer mit ihren Gefangenen zurück. Sie trieben die SA-Führer aus den Autos und erschossen sie im Licht der Scheinwerfer in der Nähe des Tores.60 Dies spielte sich vor den geöffneten Fenstern der ersten Kompanie ab, so daß die Häftlinge alles sehen und hören konnten. Sie wurden Zeugen der Hinrichtung einer jungen Frau, über die das Gerücht umging, sie sei eine tschechische Spionin gewesen.61 Am folgenden Tag mußten die Häftlinge auf Befehl Eickes einer Exekution beiwohnen; drei hohe SA-Führer und ein junger SA-Mann wurden erschossen.
Obwohl bezweifelt werden kann, daß Hitler auch diese Morde befohlen hatte, fanden am z. Juli weitere Hinrichtungen in Dachau statt. Sie wurden im nahegelegenen Wald vorgenommen, wobei die SS-Kapelle spielte, um das Gewehrfeuer zu übertönen.62
Insgesamt wurden in Dachau 22 Menschen hingerichtet, 63 unter ihnen auch fünf Häftlinge aus dem „Bunker“, derer sich Eicke bei dieser Gelegenheit entledigte.64 Im Münchener Gefängnis Stadelheim erschoß Eicke zusammen mit dem Kommandanten der Dachauer Wachtruppe Lippert eigenhändig den Stabschef der SA, Ernst Röhm.65
60
61
Nazi Bastille Dachau, S. 98-101.
In „Die Toten von Dachau“ ist der Tod von Ernestine Zoref, Hausdame aus Mün¬ chen, geb. 23. 5. 1896, am 1. 7. 1934 registriert. Nach Richardi, Schule der Ge¬ walt, München 1983, S. 236 f., war Frau Zoref die Freundin des Schriftstellers P. E. von Hahn.
62 Bei der Darstellung der Vorgänge in Dachau stütze ich mich vor allem auf die in „Nazi Bastille Dachau“, S. 98-101, abgedruckten Berichte von Häftlingen, ferner auf Burkhard, Tanz mal Jude, S. 96 f. und Hornung, Dachau, S. 220-223.
63 Rekonstruiert nach der Aufstellung in: „Die Toten von Dachau“.
64 Es handelte sich um Dr. Julius Adler aus Würzburg, Walter Häbich, Redakteur aus Stuttgart, Erich Ganz aus Nürnberg, Paul Röhrbein aus Berlin und Adam Hereth aus Laineck bei Bayreuth.
65 Otto Gritschneder, Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt, München 1993, S. 36. Im Röhm-Prozeß vor dem Schwurgericht beim Landgericht München I wurden Lippert und Sepp Dietrich wegen Beihilfe zum Totschlag zu 18 Monaten Gefängnis ver¬ urteilt. Erwein von Aretin, Krone und Ketten. Erinnerungen eines bayerischen Edel¬ mannes, München 1955, S. 404, Anm. 145.
36
Für seine „Verdienste“ wurde Eicke am n. Juli zum SS-Gruppenführer be¬ fördert, bereits am 4. Juli 1934 war er offiziell zum Inspekteur der Konzentra¬ tionslager ernannt worden.
Die Übernahme der Konzentrationslager durch die SS wurde durch diese Ereignisse beschleunigt. Einige von SA bewachte Lager wurden schon im Rah¬ men des „Röhmputsches“ von SS-Einheiten besetzt. Hohnstein etwa wurde durch das SS-Sonderkommando Sachsen schon am 30. Juni übernommen, Esterwegen von Dachauer Wachmannschaften am 1. Juli; SS-Standartenführer Hans Loritz aus Dachau übernahm hier die Funktion des Lagerkomman¬ danten. Eine Polizeieinheit besetzte in der Nacht zum 2. Juli mit Maschi¬ nengewehren Oranienburg und entwaffnete die SA- Wachmannschaft des dor¬ tigen Konzentrationslagers. Zwei Tage später übernahm Eicke das Lager mit Dachauer und Württemberger SS-Männern. Das Lager Sachsenburg wurde erst im August durch das SS-Sonderkommando Sachsen unter Sturmführer Max Simon übernommen.66 Weitere kleine Lager wurden aufgelöst und die Häftlinge in andere Lager überführt, einige davon wurden nicht in Eickes System einbezogen.
In allen ihm unterstellten Lagern nahm Eicke eine Reorganisation nach dem Muster Dachaus vor und führte seine „Disziplinär- und Strafordnung“ sowie seine Vorschriften für den Wachdienst ein. Bunker wurden errichtet und ausgebaut und die Dachauer Praxis der Quälereien und Mißhandlungen ein¬ schließlich der öffentlichen „Prügelorgien“ eingeführt.
Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der KZ schon beträchtlich reduziert, und Eicke konnte nur noch einen Torso des Imperiums übernehmen. Im Juli 1934 saßen in ganz Deutschland etwa 4700 Schutzhaftgefangene ein, davon 1728 in Dachau.67 Nach der Hitler- Amnestie vom 7. August 193 468 verringer¬ te sich ihre Zahl auf 2394, davon 67 % in Bayern, und zwar:
66 Drobisch/Wieland, System, S. 189.
67 Ebenda, S. 204. In der Zahl 1728 sind die 297 unpolitischen Häftlinge aus Rebdorf nicht einbezogen.
68 Am 2. August 1934 starb Reichspräsident Hindenburg, und Hitler übernahm die Befugnisse des Staatsoberhauptes. Aus diesem Anlaß gab er am 7. August 1934 einen Erlaß über eine allgemeine Amnestie heraus, die sich auch auf die Schutzhäft¬ linge bezog.
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Bayern |
1613 |
Schutzhäftlinge |
|
Preußen |
437 |
" |
|
Sachsen |
286 |
m |
|
Württemberg |
58 |
11 |
|
Insgesamt |
2394 |
Schutzhäftlinge6? |
|
In einem Brief vom |
5. Oktober 1934 wies Reichsinnenminister Frick die |
Bayerische Staatskanzlei auf die Disproportion der Zahl der Schutzhäftlinge in Bayern und Preußen hin und verlangte eine Überprüfung 7° Himmler be¬ gründete am 15. November dieses Mißverhältnis (im Widerspruch zu den Tatsachen) damit, daß sich unter 1396 Schutzhäftlingen 1269 Kommunisten
befanden, deren Entlassung angesichts der Aktivitäten der KPD nicht in Be- tracht käme.71
Am 20. Januar 1935 wandte sich Frick abermals an die Bayerische Staats¬ kanzlei und erklärte, daß die Tätigkeit der Kommunisten zwar ein schärferes „Zupacken“ erfordere, er sich jedoch nicht damit einverstanden erklären könne, „daß auch nach neuesten Aufstellungen die Zahl der bayerischen Schutzhäftlinge noch um mehrere Hundert höher ist als die Gesamtziffer der Schutzhäftlinge in sämtlichen übrigen Ländern, einschließlich Preußen“. Frick verlangte eine Überprüfung und forderte bis 1. März ein Verzeichnis aller Häftlinge, die sich länger als sechs Monate in Schutzhaft befanden.?* Himm¬ ler erörterte den Inhalt des Briefes mit Hitler und notierte am Rande: „Dem Führer vorgelegt 20. 2. 1935. Die Gefangenen bleiben. “?3
Mit der Übernahme der Konzentrationslager durch Himmler wurde die Entwicklungslmie, die zu einer allmählichen Abschaffung dieser Einrichtungen
69 Einer Aufstellung eines Briefes von Reichsinnenminister Frick an die bayerische Staatskanzlei vom 5. 10. 1934, BayHStA, MA 106299, entnommen. Lothar Meinzer, Stationen und Strukturen der Nationalsozialistischen Machtergreifung. Ludwigsha¬ fen am Rhein und die Pfalz in den ersten Jahres des Dritten Reiches, Ludwigshafen
1983. S. 44-
70 Ebenda, S. 43 f.
71 Drobisch/Wieland, System, S. 203 f.
72. Tuchei, Organisationsgeschichte, S. 307 f.
73 Ebenda, S. 308.
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geführt hätte, umgekehrt. Die Zahl der KZ-Gefangenen erhöhte sich jedoch nur langsam. Zu Beginn des Sommers 1935 gab es weiterhin lediglich 3555 Häft¬ linge, davon etwa 1800 in Dachau.74 Die Situation änderte sich, als Himmler 1936 Chef der deutschen Polizei wurde. Am 1. November 1936 gab es bereits 476175 Häftlinge, zu einer sprunghaften Erhöhung kam es jedoch erst durch die zentral gesteuerten, mit „Rassenhygiene“ begründeten Verhaftungsaktio¬ nen in den Jahren 1937/38.
Die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau endete erst am 29. April 1945 der Befreiung durch die amerikanische Armee. Etwa 200 000 Häft¬ linge waren bis zu diesem Zeitpunkt dort inhaftiert. Dachau war das einzige frühe Konzentrationslager, das bis zum Ende der NS-Herrschaft bestand.
74 Ebenda, S. 203.
75 Ebenda.
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Markus Kienle
Das Konzentrationslager Heuberg in Stetten am kalten Markt
Die Einrichtung des Konzentrationslagers Heuberg
Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 setzte Reichsinnenminister Frick den Eßlinger SA-Gruppenführer Südwest und Reichstagsabgeordneten Dietrich von Jagow1 als Reichskommissar für das Polizeiwesen des Landes Württem¬ berg2 3 ein. Frick sah im Land Württemberg, das bis zur „Gleichschaltung“ des Landes am 7. April 1933 von Staatspräsident Eugen Bolz (Zentrum) regiert wurde, die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung nicht mehr gewähr¬ leistet. Von Jagow begann am 10. März mit der Aufstellung einer Hilfspolizei, die er vor allem aus Mitgliedern der SA und SS sowie Angehörigen des „Stahl¬ helms“ rekrutierte. In der Nacht vom 10. auf den n. März lief bereits die erste landesweite Verhaftungswelle in Württemberg an. 3 Auf ein Stichwort hin, wie
1 Dietrich von Jagow, Polizeikommissar für das Land Württemberg. Geb. am 29. Fe¬ bruar 1892 in Frankfurt an der Oder. 1912-1919 aktiver Marineoffizier. Teilnahme am Kapp-Putsch. 1921 Eintritt in die NSDAP. Ab 1922 Aufbau der SA in Württem¬ berg. 1929/30 Gaugeschäftsführer Württemberg der NSDAP und im September 1931 Führer der SA-Gruppe Südwest. Mitglied des Reichstages seit 1932. 1933 zum Reichskommissar für das Land Württemberg ernannt. Seit 1. 4. 1933 Führer der SA-Obergruppe V. 1941-1944 Gesandter des Deutschen Reiches in Budapest. Selbstmord am 26. April 1945 in Meran. Hermann Weiß (Hrsg.), Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt a. M. 1998, S. 238.
2 Friedrich Wilhelm, Die Württembergische Polizei im Dritten Reich. Diss., Stuttgart 1989, S. 83.
3 Ebenda, S. 86; vgl. auch Thomas Schnabel, Widerstand und Schutzhaft, in: Doch die Freiheit die kommt wieder. NS-Gegner im Schutzhaftlager Ulm 1933-1935? Stuttgart 1994, S. 65; Roland Müller, Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus,
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der Stuttgarter Polizeipräsident Rudolf Klaiber4 bei einem Pressebesuch im Konzentrationslager Heuberg am io. April? stolz erzählte, wurden in dieser Nacht insgesamt 500 Angehörige der KPD, allein 200 im Raum Stuttgart, aus ihren Betten geholt und in die örtlichen Gefängnisse eingeliefert. Weitere Ver¬ haftungsaktionen folgten. Wie einem „Geheimen Lagebericht der Württember- gischen Politischen Polizei“ vom Juli 1933 zu entnehmen ist, „wurden in den Tagen vom 10.-15. 3. 1933 in Württemberg etwa 1700 kommunistische und so¬ zialdemokratische Funktionäre in Schutzhaft genommen“.6 Dies führte zu einer erheblichen Überfüllung der Amtsgerichts-, Oberamts- und Landesgefängnisse, in denen man eilig separate Schutzhaftabteilungen einrichtete.
Stuttgart 1988, S. 148 und verschiedene Berichte von Häftlingen. In Heilbronn wur¬ den allerdings unter Polizeipräsident Wilhelm und vor allem durch den SA-Standar- tenführer Klein schon Anfang März umfangreiche Verhaftungen vorgenommen und die Verhafteten zum Teil übel mißhandelt. Dies berichten übereinstimmend Walther Vielhauer (Markus Dieterich, Es kann uns den Kopf kosten. Antifaschismus und Widerstand in Heilbronn 1930-1939, Heilbronn 1992, S. 54) und der damals auch in Heilbronn lebende Hermann Gurr, der nach eigenen Angaben schon Ende Febru¬ ar verhaftet wurde (Interview mit dem Verfasser vom 24. 5. 1996) sowie Wilhelm, Die Württembergische Polizei, S. 134 ff.
4 Rudolf Klaiber, geb. am 30. Mai 1873 in Künzelsau. Nach dem Studium der Rechts¬ und Staatswissenschaften Anstellungen als Amtmann bei verschiedenen Oberämtern. 1910 bis Ende 1922 Lehrbeauftragter für Verwaltungskunde an der Technischen Hoch¬ schule Stuttgart. Am 7. April 1923 wurde Klaiber mit Wirkung vom 1. Januar 1923 zum Polizeipräsidenten und in Personalunion zum Vorstand des Württembergischen Lan¬ deskriminalamtes ernannt. Obwohl bis zum Frühjahr 1933 parteipolitisch nicht ge¬ bunden, ersuchte ihn Reichskommissar von Jagow, sein Amt als Polizeipräsident weiter¬ zuführen. Bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand zum 31. Mai 1938 sprach ihm der Innenminister Dank und Anerkennung aus. Trotz eines umfangreichen Spruchkam¬ merverfahrens nach 1945 kann seine Rolle bei der Einrichtung des Konzentrationsla¬ gers Heuberg nicht eindeutig geklärt werden. Unbestritten bleibt allerdings, daß er die Verantwortung für die Einrichtung des Lagers durch von Jagow übertragen bekam. Durch Spruch der Zentralspruchkammer Nord-Württemberg vom 9. Dezember 1948 wurde er unter Auferlegung einer Geldsühne von DM 200,- als Mitläufer eingestuft. Gest, am 8. Juni 1957. Wilhelm, Die Württembergische Polizei, S. 249-253; Spruchkam¬ merakte Klaiber, Staatsarchiv Ludwigsburg (StA LB), EL 902/20, 37/6/6246.
5 Vgl. z. B. Süddeutsche Zeitung, 12. 4. 1933.
6 Geheimer Lagebericht der Württembergischen Politischen Polizei vom i. Juli 193 3 ,
S. 22 f. Bundesarchiv Berlin, R 13/25734.
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Tuschezeichnung des Lagers Heuberg (Postkartensammlung Metz , Kreisarchiv Zollern- Alb -Kr eis)
Um „diese Gefängnisse zu entlasten und um eine einheitliche Behandlung der Schutzhäftlinge möglich zu machen“, erteilte Reichskommissar von Jagow dem Stuttgarter Polizeipräsidenten Klaiber Mitte März den Auftrag, ein ge¬ schlossenes Konzentrationslager für politische Gefangene“ einzurichten.7 Klai¬ ber wiederum überantwortete dem schon im Ruhestand befindlichen Polizei¬ obersten Gustav Reich8 und dem bei der württembergischen Notenbank ange- stellten Major a. D. Max Kaufmann aus Stuttgart die Aufgabe, direkt vor Ort am Truppenübungsplatz Heuberg alle Vorbereitungen zu treffen.* Am zo. März 1933 wurden auf Anweisung Klaibers die Schutzhäftlinge aus den meisten Amts¬ gerichts- und Oberamtsgefängnissen, am 21. März aus Balingen, Heilbronn und dem als Sammelstelle für Schutzhaftgefangene fungierenden Landesgefängnis Rottenburg sowie aus dem Arbeitshaus Vaihingen zum Heuberg verbracht.10
Vom Kindererholungsheim zum Konzentrationslager
„Auf meinem Geschäftszimmer erschien Herr Polizeioberst Reich aus Stuttgart,
um mir mitzuteilen, daß seitens des Herrn Regierungskommissars von Jagow
beabsichtigt sei, im Lager Heuberg ein Konzentrationslager für etwa 500 der
7 Ebenda.
8 Gustav Reich, Polizeioberst, Kommandeur der Schutzpolizei Stuttgart. Geb. am 2.3. Dezember 1874 in Ulm. Kadettenanstalt Lichterfelde. 1904-1907 Kriegsakade¬ mie. Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Major und Regimentskommandeur. Anfang 19^0 aus dem Heeresdienst ausgeschieden. Eintritt in die Polizeiwehr. 1. April i9z6 Polizeioberst und Kommandeur der Stuttgarter Schutzpolizei. Mit Ablauf des Mo¬ nats September 193 z in den Ruhestand getreten. Am 14. März 1933 reaktiviert und mit der Einrichtung des Konzentrationslagers Heuberg beauftragt. Dieses Amt legte er nach wenigen Tagen (am z6. 3. 1933) nieder. Nachfolger wurde Major a. D. Max Kaufmann, der den Stab dann an Karl Buck weitergab. Keine Zugehörigkeit zur
SDAP oder einer ihrer Gliederungen. Wilhelm, Die Württembergische Polizei, S. Z89 f.; Spruchkammerakte Klaiber, StA LB, 9oz/zo, 37/6/6Z46.
9 Kreisarchiv Schwäbisch Hall (KrAr SchwH), B 137/1. Dieses Schreiben des württem- berg, sehen Innenministeriums findet sich in den meisten Oberamtsakten aus dem Ja r 193 3 . g auch Wilhelm, Die Württembergische Polizei, S. 87. Dieser stützt sich aut die Spruchkammerakten von Polizeipräsident Klaiber.
10 Kreisarchiv (KrAr) Rems-Murr, A6, Bü Po.
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kommunistischen Partei Angehörige [...] einzurichten. [...] Das Lager würde mit Stacheldraht abgesperrt und von einer etwa 400 Mann starken Abteilung Polizei und Hilfspolizei bewacht werden. Die Dauer der Inanspruchnahme des Konzentrationslagers werde nur einige Wochen betragen und vor der für die Belegung mit Erholungskindern vorgesehenen Zeit beendigt sein.“11 Dies schrieb der Leiter des Kindererholungsheims Heuberg, Ischler, am 15. März 193 3 12 an das für den Truppenübungsplatz Heuberg bei Stetten am kalten Markt offiziell als Verwaltungsinstanz eingesetzte Landesfinanzamt in Sigma¬ ringen. Der Präsident des Landesfinanzamtes in Baden nahm nun seinerseits Rücksprache mit dem Reichsfinanzminister und gab dann seine Zustimmung zur Errichtung eines Konzentrationslagers, geknüpft an die Bedingungen, daß der Reichsverwaltung dadurch keine Kosten entstünden und für etwaige Scha¬ densansprüche Dritter das Land Württemberg Ersatz zu leisten habe. *3
Der Verein „Kindererholungsfürsorge Heuberg e. V.“ bisher Mieter einiger Gebäude auf dem Truppenübungsplatz Heuberg, hielt auf einer eiligst für den 17. März einberufenen Vorstandssitzung „einen Protest gegen die Errichtung des Konzentrationslagers bei den gegenwärtigen Verhältnissen für untrag¬ bar“ I4 Obwohl anfangs nur von einer Unterbringung für einige Wochen die Rede war, zeigte sich schnell, daß ein Nebeneinander von Kindererholung und dem sich rasch vergrößernden Konzentrationslager in der Praxis nicht durch¬ führbar war. Anfang April wurden sowohl die Kindererholungsaktivitäten
11 Brief an das Finanzamt Sigmaringen. Unverzeichneter Bestand im Besitz von Nora Gunzert, Stetten, Kopie beim Verfasser.
12 Nach Auskunft von Max Kaufmann, der gemeinsam mit Gustav Reich aufgefordert wurde, die Einrichtung des Konzentrationslagers Heuberg zu überwachen, war das Treffen erst am 16. 3. 1933. Dieser Widerspruch ist wohl nicht mehr auszuräumen. Wahrscheinlicher ist allerdings die Darstellung von Ischler, der noch am gleichen Tag den Brief schrieb, ihn mit einem Datum versah und abschickte, während Kaufmann die Aussage am 16. 4. 1948, also 15 Jahre später, machte. (Max Kaufmann im Spruchkammerverfahren Klaiber, StA LB, EL 902/20, 37/6/6242, Bl. 149).
13 Brief des Präsidenten des Landesfinanzamtes an den Polizeikommissar für das Land Württemberg vom 16. 3. 1933. Unverzeichneter Bestand im Besitz von Nora Gunzert, Stetten, Kopie beim Verfasser.
14 Vgl. Niederschrift über die Vorstandssitzung des Vereins Kindererholungsfürsorge Heuberg e. V. vom 17. März 1933. Unverzeichneter Bestand im Besitz von Nora Gunzert, Stetten, Kopie beim Verfasser.
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eingestellt als auch die auf dem Gelände eingerichtete Haushaltsfachschule geschlossen. Lediglich die etwas außerhalb des Geländes liegende Heilstätte für Lungenkranke wurde weiterbetrieben.
Damit ging die zwölfjährige Geschichte der „Kindererholungsfür sorge Heu¬ berg e. V. zu Ende, die im Verlauf eines guten Jahrzehnts über hunderttausend Kindern aus badischen und württembergischen Städten Aufenthalt auf dem Heuberg ermöglicht hatte.
Mitte April 1933 versuchten die neuen Machthaber, die Lage auch aus bürokratischer Sicht in den Griff zu bekommen. Bis zum 28. April sollten alle Oberämter und das „Schutzhaftlager Heuberg“ einen Bericht einreichen, wie viele Frauen und Männer sich derzeit in Schutzhaft befänden.1^ Der gleiche Be¬ richt wurde für den 20. Mai erbeten, und von diesem Zeitpunkt an wurde alle zwei Wochen die genaue Zahl der Schutzhäftlinge erhoben. Die Oberämter und das Schutzhaftlager selbst wurden darüber hinaus verpflichtet, eine fort¬ laufende Liste zu führen.18
Am 21. April traten die „Ausführungsverordnung des Württembergischen Innenministeriums zur Schutzhaftverordnung“ und die „Dienst- und Vollzugs¬ ordnung für das Schutzhaftlager Heuberg“ in Kraft, die die Schutzhaft im Detail regelten.19 Am 28. April erfolgte eine gravierende Veränderung im würt-
15 Niederschrift über die Verhandlungen der Sitzung des Verwaltungsrates, zugleich Mitgliederversammlung des Vereins Kindererholungsfürsorge Heuberg e. V. am Samstag, den 8. April 1933, Karlsruhe. Unverzeichneter Bestand im Besitz von Nora Gunzert, Stetten, Kopie beim Verfasser. Die Heilstätte wurde bis in die 70er Jahre in Stetten weiterbetrieben und vor allem von Lungenkranken aufgesucht. 1973 wurde sie nach Tailfingen verlegt und das Gebäude abgerissen. Vgl. Klaus Hörter/Manfred Hensel, Chronik des Truppenübungsplatzes der Garnison Heuberg bei Stetten am kalten Markt. Geschichte des Garnisonsortes Stetten am kalten Markt und seiner Umgebung. Bd. 1, Stetten a. k. M. 1987, S. 132.
16 Kr Ar SchwH, B 137/1.
17 In den Oberamtsakten der 61 Oberämter findet sich eine Vielzahl solcher Erfas¬ sungsbögen, die Hinweise auf die Schutzhäftlinge liefern.
18 Die fortlaufenden Listen sind zum Teil in den Oberamtsakten überliefert und geben einen guten Überblick über die Struktur der Häftlinge. Die entsprechenden Schrei¬ ben befinden sich im Kr Ar SchwH, B 137/1.
19 Ebenda; StA LB, Fl 20/14, Bü 1740; KrAr Rems-Murr, A7, Bü 13 1; Stadtarchiv Tübingen, E 104, Fasz. 55.
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tembergischen Polizeiwesen. Die bisher im Polizeipräsidium Abteilung IV ressortierende Politische Polizei wurde nun als selbständige Abteilung im In¬ nenministerium unter der Bezeichnung „Württembergische Politische Polizei“ geführt. Zum Leiter wurde der am 21. April zum Sonderkommissar bestellte Amtsrichter Hermann Mattheis20 aus Oberndorf bestimmt. Ihm zur Seite stell¬ te Staatspräsident Murr21 den Reichstagsabgeordneten Robert Zeller. Beide waren auch für die Verwaltung des Schutzhaftlagers und für alle Schutzhaft¬ angelegenheiten zuständig. Die Zuständigkeit für die Schutzhaftangelegenhei¬ ten wurde so endgültig aus dem regulären Polizeibetrieb ausgegliedert.22
Die Schließung bzw. Verlegung des Konzentrationslagers
Bereits Mitte August war entschieden, daß der Truppenübungsplatz Heuberg baldmöglichst wieder einer vollständigen militärischen Nutzung zugeführt wer¬ den und deshalb die Auflösung des Konzentrationslagers Heuberg bis zum Ende des Jahres erfolgen sollte. Deshalb beschlossen die Verantwortlichen in Stuttgart im Oktober 1933, die Festung Oberer Kuhberg in Ulm als KZ vorzubereiten.
20 Hermann Mattheis, Dr. jur., SA-Standartenführer, Vorstand des Württembergischen Politischen Landespolizeiamtes. Geb. am 18. Juli 1893 in Ludwigstal/OA Tuttlingen. Jurastudium und Teilnahme am 1. Weltkrieg. Hilfsrichter und Amtsrichter in Balin¬ gen, Schorndorf, Oberndorf. Von Jagow ernannte ihn am 15. März zum Unterkom¬ missar für die Oberämter Balingen, Horb, Oberndorf, Rottweil, Spaichingen, Sulz und Tuttlingen. Am 19. April von Innenminister Murr zum Sonderkommissar zur besonderen Verwendung im Württembergischen Innenministerium bestellt. Zu¬ ständig für Schutzhaft und Konzentrationslager. Übertragung der Leitung der Würt¬ tembergischen Politischen Polizei am 28. April 1933. Im Zusammenhang mit den Mordaktionen gegen SA-Führer festgenommen und am 1. Juli 1934 in Ellwangen er¬ schossen. Wilhelm, Die Württembergische Polizei, S. 257.
21 Wilhelm Murr, Gauleiter. Geb. am 16. Dezember 1888 in Esslingen. 1914 Kriegs¬ freiwilliger, seit 1922 NSDAP-Mitglied, seit 1928 Gauleiter von Württemberg-Ho- henzollern. Am 15. März 1933 Ernennung zum Staatspräsidenten, Innen- und Wirt¬ schaftsminister des Landes Württemberg, am 5. Mai 1933 zum Reichsstatthalter. 1934 trat Murr in die SS ein und wurde 1942 zum SS-Obergruppenführer befördert. Selbstmord im Mai 1945. Weiß, Biographisches Lexikon, S. 329.
22 Hauptstaatsarchiv Stuttgart, E 130 b, Bü 1064.
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Sowohl im Mai als auch im September und November 1933 wurden Häft¬ linge vom Heuberg in das Garnisonsarresthaus in Ulm, eine „Außenstelle des Konzentrationslagers Heuberg“ verlegt. Im Mai und September war die Inten¬ tion, besonders „gefährliche“ Funktionäre vor allem von SPD und KPD in Ulm in Einzelhaft zu bringen und damit einer besonderen Bestrafung zuzuführen. Die Ende Oktober/Anfang November nach Ulm verbrachten Häftlinge mu߬ ten hingegen das Fort Oberer Kuhberg als „Nachfolgekonzentrationslager“ vorbereiten. Nach Entlassungen vor Weihnachten wurde das Konzentrations¬ lager Heuberg im Laufe des Dezember endgültig geräumt. Die im Lager Heu¬ berg verbliebenen badischen Häftlinge wurden Ende Dezember in die badi¬ schen Konzentrationslager Ankenbuck (ehemaliges staatliches Hofgut zwi¬ schen Bad Dürrheim und Donaueschingen) und Schloß Kislau (bei Bad Schön¬ born, Kreis Karlsruhe) verlegt. Die restlichen 264 Häftlinge aus Württemberg kamen auf den Oberen Kuhberg.
Häftlingszahlen und -Struktur
Aus finanzpolitischen Gründen wurde schon Mitte April angeordnet, seltener Schutzhaft zu verhängen. Nach einem geheimen Lagebericht der württember- gischen Polizei vom 5. September 1933 befanden sich am 1. April 1933 1738 und am 1. Mai 2086 württembergische Schutzhäftlinge auf dem Heuberg, danach ging die Zahl kontinuierlich zurück. Am 4. August waren noch 400 Häftlinge inhaftiert. Die Reduzierung der Inhaftiertenzahlen Mitte Mai schaffte aller¬ dings Platz für einen größeren Transport von badischen Häftlingen. Vor allem KPD- und SPD-Angehörige aus Mannheim, aber auch aus Heidelberg, Karls¬ ruhe, Freiburg und anderen Städten wurden am 29. Mai mittels Sonderzug zum Konzentrationslager Heuberg verbracht. Zwischen August und Dezember ka¬ men nur wenige Häftlinge neu hinzu, so daß zwischen dem 20. März 1933 und Ende Dezember 193 3 3500 bis maximal 4000 Männer aus Württemberg, Baden und Hohenzollern zeitweise im Konzentrationslager einsaßen. Die Zusammen¬ setzung der Häftlinge auf dem Heuberg glich der anderer früher Lager aus der Zeit direkt nach der Machtübernahme. Die politischen Häftlinge und vor allem die Mitglieder der KPD und ihrer verwandten Organisationen stellten den weit-
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aus größten Teil der Gefangenen. Hinzu kamen Sozialdemokraten und verein¬ zelt Mitglieder anderer Parteien, wie der DVP und der DDP.
Von den sieben württembergischen Landtagsabgeordneten der KPD gelang nur Otto Vollmer und Maria Walter die Flucht in die Schweiz. Ronald Hilsen- beck und Gustav Köhler wurden im März verhaftet und auf den Heuberg ver¬ bracht. Albert Fischer wurde im August gefaßt und ebenfalls auf dem Heuberg eingeliefert. Dies wurde ausführlich in allen Tageszeitungen bekanntgegeben. Auch Karl Keim, im Dezember 1933 festgenommen, kam auf den Heuberg und - wie Hilsenbeck, Köhler und Fischer - anschließend auf den Oberen Kuh¬ berg. Alfred Haag war nur deshalb nicht auf dem Heuberg interniert, weil er schon seit Februar im Gefängnis einsaß und im April 1933 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde; danach wurde auch er auf den Kuhberg verbracht. Genauso erging es Anton Waibel, hauptamtlicher Agitations- und Propagan¬ daleiter der KPD in Württemberg, der im Sommer 1933 wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt wurde und nach Verbüßung seiner Haft ebenfalls auf den Kuhberg kam. Albert Buchmann, Bezirksleiter und Reichstagsabge¬ ordneter der KPD, dessen Frau im Konzentrationslager Gotteszell einsaß, wur¬ de im Mai verhaftet und im Oktober wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die er im Landesgefängnis Rottenburg absaß. Auch Max Bock, badischer Landtagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzen¬ der der KPD, gehörte zu den Insassen des Heubergs. Nachdem er nach Kislau überführt und dort wegen eines schweren Lungenleidens wieder entlassen worden war, kam er 1939 nach Buchenwald und Dachau. Nach 1945 wurde er erster Arbeitsminister in Württemberg-Baden.
Diese Aufzählung könnte auf die gesamte Führungsspitze der KPD in Würt¬ temberg und Baden ausgedehnt werden. Aber auch die komplette mittlere Führungsebene, eine Vielzahl von Gemeinderäten, Orts- und Kreisvorständen der KPD und Vorsitzende der KPF-nahen Sport- und Gesangsvereine wurden auf den Heuberg verbracht.
Während die Nationalsozialisten alle führenden KPD-Vertreter verfolg¬ ten, verhielten sie sich bei der SPD differenzierter. Entschiedenster Gegner der neuen Machthaber war der württembergische Landtags- und Reichstagsabge¬ ordnete Kurt Schumacher. Seine Inhaftierung auf dem Heuberg im Juli 1933 wurde von den NS-Medien geradezu gefeiert. Genauso erging es dem SPD-
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Abgeordneten Wilhelm Benz aus Heidenheim.23 Auch der badische Landtags¬ abgeordnete Josef Heid aus Stühlingen war auf dem Heuberg inhaftiert. 24 An¬ dere führende Sozialdemokraten, wie die Reichstagsabgeordneten Roßmann (ab 1945 Generalsekretär des Länderrats der US-Zone) und Ulrich (der spä¬ tere Innenminister von Baden- Württemberg) sowie der Landtagsabgeordnete Ruggaber waren auf dem Heuberg. Ruggaber und Roßmann kamen von dort aus ins Garnisonsarresthaus in Ulm, Außenstelle des Lagers Heuberg. Be¬ kanntester Heuberghäftling, der nicht der KPD oder SPD angehörte, war der württembergische Landtagsabgeordnete der DDP, der Journalist Johannes Fischer, der gemeinsam mit Erich Roßmann und dem Landtagsvizepräsidenten Albert Pflüger (SPD) im Juni 1933 eingeliefert wurde. Er starb 1942 an den Spätfolgen der Haft, aus der er im Herbst 1933 entlassen worden war.25 Ein weiterer bekannter Heuberghäftling der DDP war der Ebinger Gemeinderat und Mitherausgeber des Neuen Albboten , der Textilindustrielle Dr. Friedrich Haux. Seine Gegnerschaft zur NSDAP brachte ihm neben der Haft auf dem Heuberg gravierende Nachteile im Laufe der NS-Herrschaft ein.26
Jüdische Häftlinge waren, wie auch in anderen frühen Lagern, nicht wegen ihrer Herkunft, sondern aus politischen Gründen auf dem Heuberg inhaftiert, so etwa der Braunsbacher Gemeinderat Salomon Pfeiffer und seine beiden Söhne.27 Für den Sozialdemokraten und Gewerkschafter Heinrich Talmon-
23 Franz-Jürgen Bohnert/Heiner Kleinschmidt, Heidenheim zwischen Hakenkreuz und Heidenkopf. Eine lokale Dokumentation zur Nazizeit, Heidenheim 1983, S. 41.
24 Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Heid erneut verhaftet und starb am 21. Dezember 1944 im Konzentrationslager Dachau. Prof. Paul Sauer, Vor¬ trag in Ulm am 5. 2. 1988. Manuskript im Besitz des Verfassers.
2 5 Vgl. hierzu Michael Kißener, Verfolgung - Resistenz - Widerstand. Südwestdeutsche Parlamentarier in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Formen des Widerstandes im Südwesten i933-I945? hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden- Württemberg und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 1994, S. 99 f., sowie Projekt Zeitgeschichte (Hrsg.), Stuttgart im 3. Reich. Die Machtergrei¬ fung. Von der republikanischen zur braunen Stadt, Stuttgart 1983, S. 415.
26 Nach 1945 war Haux Abgeordneter der Demokratischen Volkspartei (DVP) im Landtag von Württemberg-Hohenzollern. Kißener, Verfolgung, S. 100.
27 Salomon Pfeiffer wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Gerhard Taddey, Geschichte der Juden im Landkreis Schwäbisch Hall, Sigmaringen i99i, S. 328.
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Gros aus Heidenheim war die Inhaftierung im KZ Heuberg der Beginn eines langen Leidensweges. Nachdem er am 19. Dezember 1933 aus dem Lager Heuberg entlassen worden war, erfolgte nach der Verbüßung einer Haft¬ strafe wegen „politischer Verleumdung“ am 9. April 1937 die erneute Ein¬ weisung - diesmal in das KZ Dachau. Dort wurde Heinrich Talmon-Gros am 20. Februar 1945 ermordet.2,8
Auf inhaftierte Zeugen Jehovas - damals „Ernste Bibelforscher“ ge¬ nannt - gibt es Hinweise. Der bekannteste „Asoziale“ auf dem Heuberg war Gregor Gog, Vorsitzender der internationalen Bruderschaft der Vagabun¬ den und „König der Vagabunden“ genannt. Seine Frau Anni Geiger-Gog war gleichzeitig in Gotteszell eingesperrt. Allerdings kann Gog nicht als Beleg für die Einweisung von Bettlern auf dem Heuberg dienen, weil er ein bekanntes KPD-Mitglied war. Gezielte Einweisungen von Bettlern in das Konzentrations¬ lager Heuberg sind nicht nachweisbar. In mehreren Berichten ist von Krimi¬ nellen die Rede. Trotzdem ist davon auszugehen, daß sich auch ihre Inhaf¬ tierung auf dem Heuberg auf Einzelfälle beschränkte.
Die meisten Häftlinge waren zwischen 20 und 40 Jahren alt.2,9 Auf dem Heuberg waren bis auf wenige Ausnahmen keine Jugendlichen unter 20 Jahren und nur sehr wenig Männer im Alter von über 50 Jahren. Die Haftzeiten be¬ stätigen die im Geheimen Bericht der Politischen Polizei gemachten Angaben, daß der Großteil der Häftlinge im März und April eingeliefert wurde und bis zum August wieder entlassen war. Auch wenn sich abzeichnet, daß die meisten Häftlinge zwischen zwei und vier Monaten im Konzentrationslager verbringen mußten, so war es doch eine nicht unerhebliche Zahl an Lagerinsassen, die „nur“ einige Wochen auf dem Heuberg waren. Andere wiederum waren län¬ ger inhaftiert, 264 von ihnen wurden im Dezember in das Nachfolgekonzen¬ trationslager Oberer Kuhberg bei Ulm transportiert.
28 Bohnert/Kleinschmidt, Heidenheim, S. 97 f.
29 Grundlage für die nachfolgenden Angaben zu Alter, Haftzeiten und Berufen sind die vollständig erhaltenen Schutzhaftlisten des Oberamtes Calw, des Oberamtes Waiblingen, des Amtsoberamtes Stuttgart, des Oberamtes Esslingen, des Oberam¬ tes Leonberg sowie der Transportliste vom Arbeitshaus Vaihingen zum Konzen¬ trationslager Heuberg, detailliert aufgeführt in: Markus Kienle, Das Konzentra¬ tionslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt, Ulm 1998, S. 181-186.
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Das Konzentrationslager Heuberg war zentraler Haftort für ganz Würt¬ temberg. Aus allen 61 Oberämtern Württembergs wurden Häftlinge auf den Heuberg eingewiesen; einige Häftlinge kamen auch aus Baden und neun aus Hohenzollern. Dabei läßt sich aufgrund der vorliegenden Listen, aber auch mit Blick auf die Berufsbezeichnungen, davon ausgehen, daß vorrangig Häftlinge aus stärker industrialisierten Gebieten auf den Heuberg verbracht wurden. Die Listen aus Esslingen, aus Stuttgart, dem Oberamt Waiblingen oder die Wiedergutmachungsakten aus Ebingen und Tailfingen weisen darauf hin. Aus Tübingen hingegen kamen „nur“ 2.5 Häftlinge3° auf den Heuberg. Inwie¬ weit die Entfernung vom Heuberg, der im Süden Württembergs liegt, und die Unterbringungsmöglichkeiten vor Ort eine Rolle spielten, ist nicht eindeutig auszumachen. Die Tatsache, daß von 91 Schutzhäftlingen im Oberamt Schwä¬ bisch Hall nur 15 auf den Heuberg verbracht wurden, gibt allerdings Anhalts¬ punkte in dieser Richtung.
Wachpersonal
Das Lager Heuberg unterstand dem Stuttgarter Polizeipräsidium und ab Ende April 1933 der eigenständigen Abteilung „Württembergische Politische Poli¬ zei ; es war damit eine staatliche Einrichtung des Innenministeriums Würt¬ tembergs. Die Bewachung lag in der Hand der württembergischen Schutzpoli¬ zei und der als Hilfspolizisten rekrutierten SA-Männer, die oft erst auf dem Heuberg in der ebenfalls auf dem Gelände untergebrachten SA-Sportschule auf ihren Einsatz notdürftig vorbereitet wurden. Die Organisation des Wachdien¬ stes und auch die Ausbildung der Hilfspolizisten wurde Polizeioberleutnant Müller vom Kommando der Schutzpolizei Ulm übertragen. Ihm standen zur Bewachung und Ausbildung 25 Wachtmeister der Polizeibereitschaft Ulm (von denen sich ab 19. März schon 20 im Lager Heuberg aufhielten) sowie 250 Mann Hilfspolizei, die fast zur gleichen Zeit wie die Häftlinge im Lager ein¬ trafen, zur Verfügung. 31
30 Allerdings muß hier in Rechnung gestellt werden, daß die Arbeiter des großen Streiks von Mössingen zu dieser Zeit Haftstrafen im Gefängnis absaßen.
31 KrArSchwH, B 137/1; Wilhelm, Die Württembergische Polizei, S. 126 f.
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Geführt wurde das Lager von dem ehemaligen Polizeiobersten Gustav Reich, der die Leitung aber schon nach einigen Tagen an den ehemaligen Ma¬ jor Max Kaufmann abgab. Stellvertreter wurde der stellvertretende NSDAP- Kreisleiter und SA-Führer Oberstleutnant Karl Gustav Wilhelm Buck32 aus Welzheim, der Kaufmann Mitte April 1933 ablöste. Wie zahlreiche Häftlings¬ berichte über Mißhandlungen und Schikanen belegen, führte dies zu einer Ver¬ schärfung der Haftbedingungen.
Bei den auf dem Heuberg eingesetzten Hilfspolizisten und SA-Männern handelte es sich überwiegend um Handwerker und Arbeiter, die vorher nicht selten arbeitslos gewesen waren. Ihr Verhalten gegenüber den Häftlingen war unterschiedlich. In ganz Württemberg rekrutiert, stammten sie nicht selten aus dem gleichen Dorf wie die Häftlinge und kannten diese persönlich. Die Auflösung der Hilfspolizei und die drastische Reduzierung der Häftlingszah¬ len führte dazu, daß die meisten SA-Männer und Polizisten nach einer ähnlich langen Zeit wie die Häftlinge in ihre Heimatorte zurückkehrten.
Leben im Lager
Die Unterkünfte auf dem Heuberg bestanden in der Regel aus zweigeschoßigen Steinhäusern mit jeweils sechs Räumen, von denen jeder mit doppelstöckigen Eisenbetten und Strohsäcken sowie Spinden aus der Militärzeit ausgestattet war. Im Gegensatz zu späteren Konzentrationslagern gibt es keine Hinweise auf eine Überfüllung der Räume.
Meist kannten sich die Häftlinge untereinander oder waren gemeinsam festgenommen und auf den Heuberg verbracht worden. Trotz der Einschleu¬ sung von Spitzeln war der Schlafraum ein Ort relativer Sicherheit, die aller¬ dings immer wieder jäh gestört werden konnte, wenn betrunkene SA-Männer auftauchten und zum Appell befahlen oder wenn man zum Verhör auf den Speicher gebracht wurde.
Die Arbeit im Konzentrationslager Heuberg wurde von den Häftlingen unterschiedlich empfunden. Viele betrachteten sie als eine Möglichkeit, der
32 Zu Buck vgl. den Beitrag von Silvester Lechner in diesem Band.
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Langeweile des Lageralltags zu entrinnen. Arbeit im Konzentrationslager Heu¬ berg wurde von denjenigen, die körperlich kräftig waren, als ein Privileg emp¬ funden, denn entgegen anderslautender Propaganda gab es nicht genug Arbeit für alle. Zum Einsatz kamen die Häftlinge vor allem im Straßenbau, bei Ro¬ dungen und beim Anlegen von Appellplätzen für das Militär. Die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten wurden auch alsbald öffentlich beklagt, diente doch die Arbeit, die man vor allem kommunistischen Häftlingen angedeihen lassen wollte, im frühen Konzentrationslager als Instrument der Propaganda. Bis heute hält sich die damals weit verbreitete Ansicht, die Häftlinge seien dort zur Arbeit und damit zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen worden.
Besonders drangsaliert und erniedrigt durch die Zwangsarbeit wurden die Häftlinge der Prominentenblocks. Sie durften ausdrücklich nicht „sinnvoll arbeiten“, sondern mußten von Zeit zu Zeit Strafarbeit leisten: Körbe mit Kieselsteinen ausleeren und wieder einsammeln, Gräser ausrupfen oder mit stumpfen Sägen und Beilen Holz zerkleinern - Beispiele für Sisyphusarbeiten, die auch aus anderen frühen Konzentrationslagern bekannt sind.
„Das Leben der Lagerinsassen war damals noch in keine satanische Ord¬ nung gebracht, wie ich es später in Sachsenhausen beobachten konnte. Doch war das System des Quälens, der Einschüchterung, der Demütigung, der kör¬ perlichen und seelischen Mißhandlung in seinen Anfängen schon stark ausge¬ bildet.“ 3 3 Mißhandlungen und Schikanen gehörten spätestens seit dem Wech¬ sel in der Lagerleitung von Max Kaufmann zu Karl Buck zum Lageralltag auf dem Heuberg. Dabei lassen sich grob zwei Varianten unterscheiden: physische Gewalt und psychischer Druck. Die Gefangenen wurden auf dem Speicher, der „Schlagzeile“, mit Holzprügeln und Koppelriemen bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, mit Polizeistiefeln getreten, die Treppen hinauf und hinunter gehetzt und bei den Brunnen im Hof gefoltert. Drohungen mit dem Tod durch Erschießen führten zu Nervenzusammenbrüchen und zu irreversiblen psy¬ chischen Schäden. Hinzu kam die ständige Erniedrigung der Häftlinge. Ziel war es, sie ihre Ohnmacht spüren zu lassen, um die Macht der Herrschenden anzuerkennen: Den Fliegendreck an den Flurfenstern mit Zeitungspapier her¬ auskratzen, die Treppen mit dem Kopf nach unten reinigen (nach Beendigung
33 Erich Roßmann in: Projekt Zeitgeschichte (Hrsg.), Stuttgart im 3. Reich. Die Macht- ergreifung. Von der repubikanischen zur braunen Stadt, Stuttgart 1983, S. 412.
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der Arbeit wurden sie durch einen Eimer Schmutzwasser wieder verdreckt und mußten dann erneut gereinigt werden), einen Korb mit Kieselsteinen ausleeren und wieder einsammeln, um den Korb dann wieder auszuleeren. Einigen Häft¬ lingen wurde beim Abrasieren ihrer Haare ein Hakenkreuz stehengelassen. Die Mißachtung jeglicher Schamgrenze, z. B. das Reinigen der Klosetts mit der Zahnbürste, stellte hierbei einen Höhepunkt dar. Gewalt wurde willkürlich ausgeübt und war selten einer konkreten Tat von seiten der Häftlinge zuzu¬ ordnen. Gefoltert und gedemütigt wurden einige täglich, andere so gut wie gar nicht. Die Behandlung war nicht selten von der Stimmung einzelner Wach¬ leute abhängig.
Nur ein direkter Mord im Konzentrationslager kann nachgewiesen wer¬ den, doch gibt es Hinweise auf eine Reihe weiterer Todesopfer im Lager. Auf dem Heuberg war der Tod der Häftlinge kein direktes Ziel, auch wenn täglich mit ihm gedroht wurde. Kranke Häftlinge wurden lieber entlassen, als sie im Konzentrationslager sterben zu lassen. Mißhandlungen wurden in der Regel gestoppt, bevor sie zum Tode führten, und mit Erschießen im Steinbruch wur¬ de zwar gedroht, erschossen aber wurde niemand.
Der Tod des Kommunisten jüdischer Herkunft, Simon Leibowitsch, der den Folgen einer grausamen Folter im Lager Heuberg erlag, zeigte allerdings schon im September 1933, was in späteren Konzentrationslagern an der Tages¬ ordnung war.
Entlassung und Haftfolgen
Eine wesentliche Schikane der Machthaber war es, die Häftlinge über das ob und vor allem den Zeitpunkt ihrer Entlassung aus dem Konzentrationslager im unklaren zu lassen. Dies führte dazu, daß die Häftlinge selbst, aber auch ihre Frauen, Eltern, Kinder und Verwandten bis hin zu Kollegen, Eingaben zur Freilassung der Männer machten. Selbst politische Gegner und Angehörige der örtlichen NSDAP verfaßten eine Vielzahl von Entlassungsgesuchen und schick¬ ten sie nach Stuttgart. Der Briefverkehr war so rege, daß zeitweise die Meldung verbreitet wurde, wegen Überlastung würden keine Gesuche mehr angenom¬ men. Die jeweiligen Gesuche wurden im Landespolizeiamt bzw. bei der Würt-
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tembergischen Politischen Polizei bearbeitet und mit der Bitte um Stellung¬ nahme an das jeweilige Oberamt, den Sonderkommissar und die zuständigen NSDAP-Kreisleiter und Ortspolizisten weitergeleitet. Eine weitere Stellung¬ nahme wurde dann vom Lagerkommandanten eingeholt. Falls alle Instanzen positiv entschieden, bestand die Möglichkeit der Freilassung eines Häftlings. Eine Gewähr dafür gab es allerdings nicht. Oft wurden die Entlassungsgesuche abgelehnt und der Häftling dann nach zwei bis drei Wochen trotzdem ohne entsprechendes Gesuch, oft im Rahmen einer größeren, politisch motivier¬ ten Entlassungswelle, auf freien Fuß gesetzt. Entlassungen gab es an Ostern und Pfingsten sowie nach der Reichstagswahl vom 13. November und vor Weihnachten 1933.
Vereinzelt kam es vor, daß, wie im Falle des Mechanikers Otto Haug34 aus Schorndorf, die Schutzhaft vom Polizeipräsidium/Landespolizeiamt bzw. Innenministerium in Stuttgart nicht bestätigt und die sofortige Freilassung angeordnet wurde. Auch die Gefangenen Wais und Thinger aus Stuttgart, die „versehentlich auf das Lager Heuberg gebracht worden sind“, wurden sofort entlassen. 35 Dies waren allerdings Einzelfälle. Trotzdem verweisen sie auf die Tendenz des württembergischen Schutzhaftwesens, das 1933 noch von einem gewissen Bemühen um Legalität gekennzeichnet war.
In der Regel mußten die Häftlinge einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichteten, sich nicht mehr politisch zu betätigen. Nach ihrer Entlas¬ sung hatten sie sich meist täglich bei der örtlichen Polizei oder dem Bürgermei¬ steramt zu melden. Diese Meldepflicht wurde erst am 20. Juli 1934 für alle ehe¬ maligen Häftlinge aufgehoben. Bei ihrer Entlassung wurden die Häftlinge un¬ ter Androhung einer erneuten Inhaftierung verpflichtet, nichts über ihre Erleb¬ nisse im Konzentrationslager nach außen zu tragen. Viele hielten sich an diese Auflage, und nicht wenige Häftlinge sprachen bis zu ihrem Tode nicht einmal im Familienkreis über ihre Erlebnisse auf dem Heuberg. Manche kehrten nach der Heuberghaft schwerkrank zurück und starben an den Folgen, etwa Fried¬ rich Erb aus Grötzingen, der Anfang März die auf dem Grötzinger Rathaus gehißte Hakenkreuzflagge entfernt hatte; er starb am 13. Juni 1937. Auch der Kommunist und Arbeitersportler Johann Meisel aus Ladenburg erholte sich
34 Kr Ar Rems-Murr, A 5, 6220, Bü 0532.
35 Vgl. Schreiben von Kommandant Buck, StA LB, F 202 II/AO Stuttgart.
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nicht mehr von den Folgen seiner Haft auf dem Heuberg und im KZ Kislau. Er starb 1945 im Alter von 28 Jahren. Die meisten der Entlassenen hielten sich von politischer Betätigung vorerst fern. Treffend gab Otto Münz, KPD-Mitglied aus Reichenbach, die Stimmung vieler Heuberghäftlinge wieder: „Es folgte die Zeit der inneren Emigration, keine politische Betätigung. Wir haben zusam¬ men ein Haus gebaut und landwirtschaftliche Arbeiten gemacht. Es ist schon politisiert worden in privaten Gesprächen, Äußerungen, die ablehnend dem Regime gegenüber waren, aber keine politischen Aktionen mehr.“36
Die unbeugsamen Heuberg-Häftlinge wurden nicht entlassen, sondern im Dezember 1933 auf den Oberen Kuhberg nach Ulm verbracht, von wo aller¬ dings die Mehrzahl wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Rund 30 Kuhberg- Häftlinge mußten von dort aus im Juli 1935 den Weg ins Konzentrationslager Dachau antreten. Spätestens im Sommer 1939 wurden viele Heuberg-Häft¬ linge, so sie nicht schon früher wieder eingesperrt wurden, wieder verhaftet und in ein Konzentrationslager verbracht, häufig bis zum Ende des Krieges, manchmal auch bis zum Tod in Buchenwald, Mauthausen oder Dachau.
Viele ehemalige Heuberg-Häftlinge, von denen die meisten auch auf dem Kuhberg inhaftiert waren, trafen sich in Buchenwald wieder, wo sie bis zur Befreiung des Lagers inhaftiert blieben. Der Heidenheimer Modellschreiner und Kommunist Ludwig Kentner oder der ehemalige KPD-Gemeinderat Karl Fingerle aus Esslingen kamen dort genauso zu Tode wie Alfred Müller und Friedrich Fischer, der am 26. Juli 1937 von Dachau nach Buchenwald überstellt wurde, sowie Ernst Berties, der noch im Februar 1945 starb.37 Fritz Jauch und Josef Kern, die vorher in Dachau waren, kamen Ende September ins KZ Maut¬ hausen, in dem 1940 der ehemalige Heuberghäftling Richard Schwarz ermor¬ det wurde. Auch Fritz Jauch und der Offenburger Otto Schneider überlebten Mauthausen nicht. Ein weiteres Beispiel ist Karl Okenfuß, als KPD-Mitglied aus Böblingen kam er im März auf den Heuberg und wurde im Dezember auf
3 6 Zit. nach: Joachim Scherrieble, Reichenbach an der Fils unterm Hakenkreuz. Ein schwäbisches Industriedorf in der Zeit des Nationalsozialismus, Tübingen 1994, S. 102.
37 Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstands und der Verfolgung I933_I945* Baden-Württemberg I. Regierungsbezirke Karlsruhe und Stuttgart, hrsg. vom Studienkreis Deutscher Widerstand, Frankfurt a. M. 1991, S. 21.
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den Kuhberg überstellt, dort im März 1934 freigelassen. Im Januar 1936 verhaftete man ihn erneut, und er blieb bis 1945 in den Konzentrationslagern Welzheim, Dachau, Mauthausen und Sachsenhausen inhaftiert. Im Mai 1946 starb er an den Folgen der Haft.38
Das „gläserne Konzentrationslager“
In den ersten Monaten nach der Machtübernahme setzten die Nationalsoziali¬ sten die Presse gezielt ein, um über die Einrichtung und den Betrieb von Kon¬ zentrationslagern zu informieren. Die ausführliche Berichterstattung sollte den bis dahin noch nicht vom Nationalsozialismus Überzeugten deutlich machen: „Alle ruhe- und ordnungsgefährdende Elemente werden entfernt.“ Gleich¬ zeitig wurde über die Presseberichterstattung vermittelt, daß sich die neuen Machthaber durchaus um die Verführten kümmern und sie zu guten „Volksge¬ nossen erziehen wollten. Mit der Festigung der Macht und der Reduzierung der Häftlingszahlen nahm die Berichterstattung über die Konzentrationslager ab. Verstärkt berichtete die Presse jetzt über die Entlassungen, über die „Erfol¬ ge“ des Konzentrationslagers. Schritt für Schritt wurde das Konzentrations- lager, auch der Begriff selbst, aus dem Licht der Öffentlichkeit genommen. Aus dem „Konzentrationslager“ wurde jetzt fast durchgängig „das Schutzhaft- lager“. Auch die veröffentlichten Begründungen für die Inschutzhaftnahme wandelten sich. Zwar wurde auch weiterhin über die Verhaftung eines „Poli¬ tischen“ berichtet. Einen größeren Raum als vorher nahmen jetzt allerdings Meldungen über die Verfolgung von Trunksucht, „asozialem“ Verhalten oder wegen der „Veruntreuung von Unterstützungsgeldern“ ein.
Es bedurfte einer großen Anstrengung, nichts über die Einrichtung der Konzentrationslager zu erfahren. Alle Tageszeitungen berichteten mehr oder weniger ausführlich darüber - und zwar über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg. Auch wenn die Berichte nicht den wahren Verhältnissen im Konzentrationslager entsprachen, so konnten der Leser und die Leserin den Be¬ richten durchaus Informationen entnehmen, die deutlich machten, daß hier
38 Erwin Funk, Böblingen im Dritten Reich, Böblingen 1987 (Selbstverlag), S. 221.
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Tausende von Mitbürgerinnen und Mitbürgern eingesperrt wurden, weil sie einer anderen politischen Überzeugung anhingen als die Nationalsozialisten. Die Presse berichtete, daß die Gefangenen zeitlich unbefristet hinter Stachel¬ draht schwer bewacht wurden. Die weitaus größte Anzahl der Bürgerinnen und Bürger Württembergs wußte also im Jahr 1933 von der Einrichtung und dem Betrieb des Konzentrationslagers Heuberg, zumal die Häftlinge nahezu aus jedem Dorf und jeder Stadt in Südwürttemberg stammten.
Der Heuberg damals und heute
Am 1. September 1910 war die Entscheidung für den Bau eines Truppen¬ übungsplatzes auf dem Heuberg gefallen; am 14. Mai 1914 wurde er einge¬ weiht. Als Folge des Versailler Vertrages 1919 wurde der Truppenübungsplatz Heuberg geräumt, und der Verein Kindererholungsfürsorge zog in einen Teil der Gebäude ein. Als 1926 wieder die ersten Soldaten der Reichswehr auf den Truppenübungsplatz kamen, existierten bis 193 3 Militär und Kindererholungs¬ fürsorge nebeneinander. Für die Einrichtung des Konzentrationslagers mußten allerdings die für die Kindererholung belegten Gebäude geräumt werden, wäh¬ rend das Militär auch weiterhin, jetzt parallel zum Konzentrationslager¬ betrieb, auf dem Heuberg übte, bevor am 1. März 1934 nach Auflösung des Konzentrationslagers die Kasernen wieder ausschließlich in den Besitz des Militärs übergingen.
Die Verantwortlichen der Gemeinde Stetten begrüßten den Wechsel von der Kindererholungsstätte zum Konzentrationslager. Wenn man dem Bericht des katholischen Kinderheimgeistlichen Kaplan Neuhäuser an den Domkapitular in Freiburg folgt, wurde diese Zustimmung auch von der Bevölkerung geteilt. Hier heißt es: „In Stetten ist man zur Zeit begeistert, man verspricht sich einen Aufschwung vor allem des Handwerks und der Betriebe. “39 Hintergrund für diese Euphorie ist die bis heute andauernde Abhängigkeit des Ortes vom, wie es im Volksmund heißt, „Lager“ Heuberg. Durch die Einrichtung des Truppen¬ übungsplatzes im Jahre 1914, vor allem auch durch den Bau von über 70 Stein-
39 Erzbischöfliches Archiv, Freiburg, Nr. n 790.
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gebäuden, Straßen und Wegen hatten die Heuberggemeinden einen beachtens¬ werten Aufschwung zu verzeichnen. Er fand ein plötzliches Ende, als in Folge des verlorenen Weltkrieges und des Versailler Vertrages 1919 der Truppen¬ übungsplatz Heuberg geräumt werden mußte. Während man sich anfänglich durch die Etablierung des Vereins Kindererholungsfürsorge, der nach kurzer Zeit immerhin 70 Gebäude bewirtschaftete und schon 1921 15 000 Kinder auf dem Heuberg verköstigte,40 noch einen gewissen Ausgleich erhoffte, ent¬ wickelte sich zwischen der Gemeinde Stetten und dem Verein eine regelrechte Feindschaft,41 da dieser sich weitgehend über Stuttgarter Großhändler ver¬ sorgte, die „bessere Konditionen anbieten konnten“.42 Darüber hinaus betrieb der Verein selbst die noch aus der Militärzeit vorhandenen Großküchen, Bäckereien und Wäschereien — wenig wurde an das örtliche Gewerbe abgege¬ ben, und auch unter den 400 Beschäftigten der „Kinderstadt“ waren nur zum Teil Bürgerinnen und Bürger aus der Region, da natürlich das gesamte Fach¬ personal an Kindergärtnerinnen usw. nicht aus Stetten geholt werden konnte. 4^ In der Hoffnung, daß sich durch die Einrichtung eines Konzentrationsla¬ gers die ökonomische Lage der Heuberggemeinden bessern würde, herrschte große Zufriedenheit darüber, „daß die ganze Kinderheimherrlichkeit buch¬ stäblich aufgerollt wurde“ und die „große Gefahr und der große Gegner Kin¬ derheim endgültig erledigt“ waren.44
Allerdings war diese Freude nur von kurzer Dauer, als alle Bemühungen scheiterten, die Geschäftsleute von Stetten mit der Lieferung von Lebensmit¬ teln an das Konzentrationslager und an die gleichzeitig eingerichtete SA-Sport- schule zu berücksichtigen. Mit dem Hinweis, es würde sich um württember- gische Schutzhäftlinge und württembergische Bewachung handeln, wurde der
40 Marie Baum, 10 Jahre Heuberg, in: Der Heuberg. Nachrichtenblatt des Kinder¬ erholungsheims Heuberg, 5. 2. 1931, S. 3.
41 Vgl. auch: Hörter/Hensel, Chronik des Truppenübungsplatzes, S. 122-145.
42 Erika Jeuck, Vor 75 Jahren entstand in Stetten a. k. M. die „Kindererholungsfür¬ sorge Heuberg e. V.“ in: Amtsblatt der Gemeinde Stetten a. k. M., 1. 6. 1995, S. 10.
43 Ebenda, S. 14.
44 Gemeindearchiv Stetten 9/132. Brief vom 30. 8. 1933. Bürgermeister Bäckert an den Vorsitzenden der Heubergkommission (in der alle diejenigen Gemeinden vertreten sind, die an dem Truppenübungsplatz Heuberg beteiligt sind).
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Großteil der Verpflegung auch weiterhin aus Württemberg geliefert.4* Ledig¬ lich ein Teil des Bäckerei- und Metzgereibedarfes kam direkt aus Stetten.46 Mindestens ein Stettener SA-Mann war als Bewacher tätig. Der Häftling Hermann Gurr spricht außerdem davon, daß das Stroh, mit dem in den ersten Tagen die Betten gefüllt wurden, von Stettener Bauern angeliefert wurde.47
Zu weiterem Unmut führte ein Schreiben des Präsidenten des Landes¬ finanzamtes Württemberg, in dem dieser dem Gemeinderat Stetten mitteilte, daß es ihm leider nicht möglich sei, den hiesigen Gewerbeverein „mit der Aus¬ führung weiterer Arbeiten im Lager Heuberg zu beauftragen“ da ihm hierzu keine Mittel zur Verfügung stünden. Als Grund fügte der Präsident in seinem Schreiben vom n. Oktober 1933 an, daß „infolge der durch die Schutzhäftlin¬ ge ausgeführten Wegearbeiten meine Mittel überschritten werden mußten“.48
Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Truppenübungsplatz durch die Wehrmacht genutzt, 1944 befand sich auf dem Heuberg ein Ausbildungs¬ lager der Strafkompanie 999. Am 22. April 1945 besetzten französische Trup¬ pen Stetten und den Truppenübungsplatz. Das Lager wurde mit 20 000 ehe¬ maligen russischen Kriegsgefangenen belegt. Ab 1956 übten Soldaten der Bundeswehr zuerst als Gäste der französischen Armee auf dem Truppen¬ übungsplatz, bevor das Gelände und das Lager am 1. Januar i960 wieder einer deutschen Kommandantur unterstellt wurden. Die Gebäude, in denen das Konzentrationslager Heuberg untergebracht war, werden heute als Unter¬ künfte für Bundeswehrsoldaten genutzt. Der Teil des Truppenübungsplatzes, auf dem die ehemaligen Gebäude des Konzentrationslagers stehen, kann mit Genehmigung des Standortältesten besichtigt werden.
45 Ebenda, 11/308.
46 Ebenda. Die Bäckereien Mahl, Lipp, Löffler und Heuss sowie zwei Metzgereien am Ort durften einen kleinen Teil liefern. Im Schreiben an den Kreisvorsitzenden der NSDAP Speer in Konstanz vom 19. 7. 1933 sprach Bürgermeister Bäckert davon, daß zwei Bäckereien in Württemberg mehr liefern würden als die vier am Ort. Eben¬ da, 9/126 a.
47 Interview Hermann Gurr vom 24. 5. 1996 sowie Brief der „Wirtschaftsstelle des Schutzhaftlagers Heuberg“, in dem die Gemeinde aufgefordert wurde, den Preis für Stroh zu übermitteln. Ebenda, 11/308.
48 Vgl. ebenda, 9/126 a.
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Bei der „Dreitritten-Kapelle“ am Rande des Truppenübungsplatzes befin¬ det sich ein Gedenkstein, der am 2. Juli 1983 von den baden-württembergi¬ schen Sozialdemokraten aufgestellt wurde. Die Plastik stellt auf einem Sockel liegende Arme da, die ineinander verschränkt und mit Stacheldraht umwunden sind. Auf einer Tafel findet sich folgende Inschrift: „Denn gedacht soll ihrer werden — zum Gedenken an alle, die während der Herrschaft des National¬ sozialismus auf dem Heuberg gequält und geschunden wurden.“ Begleitet wurde die Gedenksteinenthüllung, noch 50 Jahre nach dem Eintreffen der er¬ sten Häftlinge auf dem Heuberg, von einer heftigen Auseinandersetzung in der Gemeinde Stetten am kalten Markt. Inhalt der Debatte war die Frage, ob der Heuberg ein Konzentrationslager oder „bloß“ ein - vermeintlich harmloses - Schutzhaftlager gewesen sei. Die Meinung der Bevölkerung war damals wie heute geteilt.49 Viele Stettener, so auch der Bürgermeister und die Mehrheit des Stettener Gemeinderates, hielten ein solches Gedenken angesichts schon vor¬ handener Gedenksteine für die Opfer des Zweiten Weltkriegs für überflüssig und fürchteten, daß ihr Ort als „KZ-Ort“ wie etwa Dachau, eine nicht gewoll¬ te Bekanntheit erlangen würde. 5°
Literatur
Markus Kienle, Das Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt, Ulm 1998.
Julius Schätzle, Stationen zur Hölle. Konzentrationslager in Baden und Würt¬ temberg 1933-1945, hrsg. im Auftrag der Lagergemeinschaft Heuberg- Kuhberg- Welzheim, Frankfurt a. M. 1974, S. 15-24.
49 Interview mit dem Leiter des Stettener Hauptamtes Beil am 20. 5. 1996.
50 Der Leiter des Stettener Hauptamtes Beil erklärt in dem Interview: „Die Sache wur¬ de im Gemeinderat abgeblockt, weil man diesen dunklen Punkt in der Vergangen¬ heit von Stetten am kalten Markt nicht ans Licht zerren wollte.“ Manch andere drückten ihren Unmut drastischer aus. „Was soll denn der Gedenkstein, das ist doch ein Werk der Roten, da pinkeln doch die Hunde hin.“ Eine nicht unwichtige Rolle in der Auseinandersetzung spielte die Tatsache, daß die Initiative von der zahlen¬ mäßig sehr kleinen SPD-Ortsgruppe ausging, der man Profilierungssucht vorwarf. Vgl. auch Sonntag aktuell, 2. 1. 1983.
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Thomas Schnabel, Widerstand und Schutzhaft, in: Doch die Freiheit die kommt wieder. NS-Gegner im Schutzhaftlager Ulm 1933-1935, Stuttgart 1994, S. 55-83.
Friedrich Wilhelm, Die Württembergische Polizei im Dritten Reich. Diss., Stuttgart 1989.
Quellen
Staatsarchiv Ludwigsburg Kreisarchiv Rems-Murr Kreisarchiv Schwäbisch-Hall
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Markus Kienle
Gotteszell - das frühe Konzentrationslager für Frauen in Württemberg
Am 21. März 1933 wurde für männliche Häftlinge in Württemberg das Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt eröffnet, für Frauen am 31. März eine Schutzhaftabteilung im Frauengefängnis Gottes¬ zell bei Schwäbisch Gmünd. Gotteszell war ein überregionales staatliches Konzentrationslager, das in einer Justizvollzugsanstalt als separate Schutz¬ haftabteilung eingerichtet wurde.1 Frauen aus ganz Württemberg wur¬ den dort eingewiesen, die Verwaltung oblag dem württembergischen Innen¬ ministerium.
Gotteszell hatte den gleichen Zweck wie alle frühen Konzentrationsla¬ ger in der Zeit von 193 3 und 1934: die Ausschaltung der politischen Gegner. Auf Befehl des württembergischen Innenministeriums - nicht durch die Ju¬ stiz - wurden Frauen im Zuge der gleichen Verhaftungswelle wie (ihre) Män¬ ner - oftmals gemeinsam mit ihnen - verhaftet und nach Gotteszell eingewie¬ sen. Dabei bedeutete Terror in Gotteszell nicht - wie es auf dem Heuberg an der Tagesordnung war - physische Gewalt. Terror bedeutete für die betroffe¬ nen Frauen vor allem psychische Folter: von einer Minute zur anderen ver¬ haftet, teilweise kleine Kinder zurücklassend, ohne Anklage und Gerichtsver¬ fahren, ohne zu wissen, wann sie wieder entlassen würden.
1 Der Typologisierung von Johannes Tuchei (Konzentrationslager. Organisationsge¬ schichte und Funktion der „Inspektion der Konzentrationslager“ 1934-1938, Bop- pard 1991, S. 42) folgend.
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Vom Kloster zur Strafanstalt
Die Strafanstalt Gotteszell wurde auf Grund der Neueinteilung der Waisen-, Zucht- und Irrenanstalten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. am n. Februar 1810 als Zuchthaus für Männer gegründet und in den Gebäuden des seit 1803 säkularisierten Frauenklosters untergebracht. Nach der Einglie¬ derung Württembergs ins Deutsche Reich 1871 wurde aus dem Zuchthaus für Männer ein Zuchthaus und Landesgefängnis für Frauen. 1907 wurde in den gleichen Gebäuden darüber hinaus ein Arbeitshaus für Frauen eingerichtet.
Die Einrichtung von frühen Lagern in oder neben Arbeitshäusern war eine reichsweite Praxis während der Zeit des Nationalsozialismus. Gotteszell be¬ stand von März 1933 bis Januar 1934 als Konzentrationslager für Frauen. Die Funktion als Zuchthaus verlor es nach 1933. Von 1933 bis 1945 diente Gottes¬ zell als zentrales württembergisches Landesgefängnis für Frauen. Auch nach Schließung der separaten Schutzhaftabteilung kamen Frauen für einige Zeit in Schutzhaft nach Gotteszell, meist vor oder nach Verbüßung ihrer Strafhaft. In vielen Fallen wurden sie anschließend in die Konzentrationslager Moringen, Lichtenburg oder Ravensbrück überstellt.
Der ersten landesweiten Verhaftungswelle in Württemberg, die am 10./11. März 1933 begann, fielen etwa 1700 kommunistische und sozialdemokrati¬ sche Funktionäre zum Opfer. Um die überfüllten Gefängnisse zu entlasten, wurde der frühere Truppenübungsplatz Heuberg bei Stetten am kalten Markt als Konzentrationslager benutzt. Ein geheimer Lagebericht der Württem- bergischen Politischen Polizei hielt fest: „Von vornherein wurden weibliche Schutzhaftlmge von männlichen getrennt untergebracht. Zu diesem Zwecke wurde eine Abteilung der Frauenlandesstrafanstalt Gotteszell für Schutzhaft eingerichtet.“2 Zuständig für die Frauen, die in diese Schutzhaftabteilung ein- geghedert wurden, war die Württembergische Politische Polizei.
Vermutlich ist der 31. März 1933, der Tag, an dem die Mehrzahl der Frauen in Gotteszell aus einem Stuttgarter Gefängnis eintraf, auch der Tag der Eröff¬ nung der Abteilung. Die heute in Berlin lebende Gertrud Leibbrand wurde am
2
Bundesarchiv Berlin (BArch), R x3/i5734. Geheimer Lagebencht gischen Politischen Polizei vom i. Juli 1933, S. 2.2..
der Württember-
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ii. März verhaftet und nach zwei Wochen Gefangenschaft im Stuttgarter Frauen¬ gefängnis in der Weimarstraße gemeinsam mit anderen, dort „gesammelten“ Frauen in einem Lastwagen nach Gotteszell gebracht. In einem Brief an den Autor spricht sie von 67 Frauen aus ganz Württemberg, die als erste Belegung in der Schutzhaftabteilung der Landesfrauenhaftanstalt in Gotteszell einge¬ sperrt waren. 3 Emma Greiner, die in der gleichen Gruppe wie Gertrud Leib¬ brand war, nennt die Zahl von 53 Frauen, die Ende März von der Weimarstraße nach Gotteszell gebracht wurden.4 Bei 30 Frauen ist der 31. März 1933 als Haftbeginn in Gotteszell angegeben. Wie im KZ Heuberg wurden die meisten Frauen im März und April in Gotteszell eingeliefert. Insgesamt kann man von 60 bis 80 Frauen ausgehen, die in Gotteszell inhaftiert waren. Im Laufe des Jah¬ res 1933 nahm diese Zahl kontinuierlich ab. Im August 1933 saßen 22 Frauen im KZ Gotteszell ein,5 im November nur noch sechs.6 Diese Tendenz bestätigt die in Gotteszell inhaftierte Lina Haag in ihren Erinnerungen: Kurz vor Weih¬ nachten „sind wir noch vier in unserer Zelle: Erika Buchmann aus Stuttgart, Lisi Link aus Freudenstadt, Grete Gahr aus Göppingen und ich. Weihnachten werden auch wir entlassen.“7 Die letzten Frauen, Erika Buchmann, Lisi Link und Grete Gahr8 erhielten jedoch erst am 21. Januar 1934 die Freiheit.
FJäftlingsalltag
Bisher gibt es kaum Beschreibungen des Häftlingsalltags in der Schutzhaftab¬ teilung in Gotteszell. Ähnlich verhält es sich mit Überlieferungen des Alltags in
der Strafvollzugsanstalt zwischen 1933 und 1945.
3 Brief von Gertrud Leibbrand an den Autor vom 29. 8. 1998.
4 Staatsarchiv Ludwigsburg (StA LB), Akte Berta Römer, EL 350 ES 4286.
5 BArch R 58/25708. Brief des württembergischen Innenministeriums, Abteilung Würt- tembergische Politische Polizei an den Reichsminister des Innern.
6 Klaus Drobisch/Günther Wieland, System der NS-Konzentrationslager 1933-1939» Berlin 1993, S. 58.
7 Lina Haag, Eine Handvoll Staub, Frankfurt a. M. 1995, S. 16.
8 Erika Buchmann: WN Archiv und StA LB EL 350, Erika Buchmann: ES 17327, Be¬ scheinigung Frauenstrafanstalt Gotteszell vom 25. 11. 1958; Lisi Link: WN Archiv Stuttgart und Staatsarchiv Sigmaringen (StA Sig) ET 2012; Grete Gahr: Angelika
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Uber die Schutzhaftabteilung berichten lediglich Julius Schätzle und Lina Haag. Darüber hinaus gibt es einige Hinweise in Briefen von Paula Planck an ihren auf dem Heuberg einsitzenden Sohn Ernst. Wertvolle Informationen liefert auch Gertrud Leibbrand: „Die Schutzhaftabteilung war in der untersten Etage in dem großen Gebäude, das direkt gegenüber dem Haupteingang lag.
ie Fenster des Aufenthalts-, des Essens- und des kleinen Schlafraumes blick¬ ten über einen großen freien Platz direkt auf den Haupteingang der Haft¬ anstalt. In dem großen Gebäude war eine Durchfahrt, von ihr gingen etwa in der Mitte zwei Gänge ab. Zu uns mußte man in den linken Gang hineingehen. Die erste Tur, die von dort abging, führte in das Schutzhaftlager, und zwar stand man gleich im Essensraum. Anfangs war diese Tür immer abgeschlossen, ebenso die Tür vom Schlafsaal, die etwas weiter hinten auch in diesen Gang mündete. Ungefähr dort führte der Gang um die Ecke und an dieser Stelle gab es eine Toilette, die anfangs für uns nicht zugänglich war. Nach einiger Zeit wurde das geändert [...]. Die Tür zu unseren Räumen wurde dann nicht mehr abgeschlossen, so daß die Toiletten für uns benutzbar geworden waren. Die Kübel unter unserem Aufenthaltsraum wurden danach entfernt.“ Weiter schreibt sie: „Wir waren in insgesamt 4 Räumen interniert, davon war ein großer Schlafsaal, anschließend ein Aufenthaltsraum für den Tag, danach ein Raum, in dem der lange Eßtisch stand mit den Bänken auf beiden Seiten - alles einfache Holzgegenstände — und schließlich ein kleiner Schlafraum, in dem einige unserer ältesten Genossinnen schliefen.“9
Lina Haag, die im März in Gotteszell zuerst in eine Einzelzelle kam, bis sie dann in die Schutzhaftabteilung verlegt wurde, beschreibt ihre Ankunft: „Ich werde in das Landesgefängnis Gotteszell eingeliefert. Gotteszell, ja. Ein Tor, Gange, Gitter, graue Gesichter, schleifende Schritte. Hinter mir fällt
eine schwere Tür ins Schloß. Ich bin gefangen. Ich weiß nicht warum und wie lange.“10
q iu * ^ Zerschlagung der Arbeiterbewegung und das Ende der kommunalen
Selbstverwaitung, in: Göppingen unterm Hakenkreuz, Göppingen 1994, S. 48-83. Haftlingshste Gotteszell, WN Archiv.
9 Alle Informationen von Gertrud Leibbrand entnommen aus Briefen an den Autor vom 29. 8. 1998, 19. 10. 2000 und 16. 2. 2001.
10 Haag, Handvoll Staub, S. xi.
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Die Tage der Haft werden für einige Frauen von belastenden Verhören be¬ gleitet, in denen der Versuch unternommen wurde, Namen von angeblich und tatsächlich politisch aktiven Frauen zu erpressen.
Gertrud Leibbrand beschreibt die Mahlzeiten in der Schutzhaftabtei¬ lung: „Unser Frühstück bestand aus Malzkaffee, Schwarzbrot und Mar¬ melade, das Mittagessen war in der Regel ausreichend und im Gegensatz zum Gefängnis in Stuttgart auch appetitlich (also ohne Maden). Ein wech¬ selnder Essensholerdienst aus unserer Mitte hat es an der Essensausga¬ be abgeholt.“11
Arbeit und Freizeit
Gertrud Leibbrand wies darauf hin, daß die Frauen eigentlich immer Freizeit hatten, da sie offiziell nicht beschäftigt werden durften: „Wer irgend konnte, hat sich von seinen Angehörigen eine Handarbeit besorgt. Am meisten wur¬ de gestrickt. Es war nicht auszuhalten, den ganzen Tag untätig zu sein. Aber natürlich haben wir uns auch anderweitig beschäftigt. Ich habe z. B. einen Zirkel für Stenographie gemacht. Paula Acker, geb. Löffler, hat Interessierten etwas Spanisch beizubringen versucht. Wenn ich mich nicht täusche, hatten wir auch einen Zirkel für Literaturinteressierte, aber das würde ich nicht be¬ schwören. Spielen habe ich bei uns niemand gesehen, wohl aber haben alle, die mochten, morgens und abends gemeinsam Gymnastik gemacht. Unsere Kameradin Hilde Haberl hat das angeregt und auch geleitet (also vorge¬ turnt). Während des Turnens hatten wir natürlich unsere Fenster geöffnet und obwohl alle entsprechend bekleidet waren, sollen die Wachtmeister von der Pforte durch unseren Anblick sittlich gefährdet worden sein. Wir beka¬ men weiße Baumwollvorhänge an die Fenster, die wir immer zuziehen mu߬ ten, wenn wir turnten!“12 Auch Julius Schätzle betonte, daß die Gefangenen ihren Tagesablauf weitgehend selbst gestalten konnten. Stricken, Häkeln,
n Ebenda.
12 Gertrud Leibbrand an den Autor.
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Schachspielen und Lesen von Büchern der Gefangenenbücherei war erlaubt.^ Den Frauen standen auch Zeitungen zur Verfügung. *4
Briefe durften geschrieben und empfangen werden. Den Briefen von Ernst Planck an seine Mutter Paula ist allerdings die Zensur deutlich anzusehen, ganze Teile wurden herausgeschnitten, bevor die Briefe die Empfängerin er¬ reichten, in Briefen von der Mutter an den Sohn wurde mit schwarzem Stift gestrichen. Auch Gertrud Leibbrand spricht von Zensur.
Die inhaftierten Frauen durften Besuch empfangen. Gertrud Leibbrand dazu: „Besuche von Angehörigen waren in gewissen Zeitabständen möglich. Wie lange diese Abstände waren, weiß ich nicht mehr. Es gab auch gar nicht soviel Besuche, weil bei vielen von uns die Ehepartner und anderen Ange¬ hörigen ebenfalls in Haft waren und andere Angehörige wegen Arbeitslosig¬ keit nicht das Geld hatten für eine Reise nach Gmünd. Ich z. B. bekam einmal Besuch von meiner Schwester Emma. Sie war auch arbeitslos und kam mit dem Fahrrad von Stuttgart angeradelt. Es war für mich ein unbeschreibliches Gefühl, als ich nach Monaten meine Schwester von der Pforte her über den Vorplatz auf unser Gefängnis zukommen sah, etwas später dann besuchte mich auch mein Mann [Kurt Strohbach], der kurz zuvor vom Heuberg ent¬ lassen worden war.“
Im Rahmen der vorliegenden Forschungen konnten 38 Frauen benannt werden, die zwischen März 1933 und Januar 1934 in der separaten Schutz¬ haftabteilung Gotteszell eingesperrt waren. Diese Informationen dienen als Grundlage für die nachfolgenden Ausführungen zu den Häftlingen - zu Alter und Herkunftsort, zur politischen Gesinnung und politischen Betätigung, zu Haftzeiten, zu Haftfolgen und dem familiären Umfeld der Frauen.
Von 33 Frauen ist auch das Geburtsdatum bekannt. Danach war die jüng¬ ste Frau, Paula Acker, *5 geborene Löffler, zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung
13 Julius Schätzte, Stationen zur Hölle. Konzentrationslager in Baden und Württem¬ berg 1933-1945, Frankfurt a. M. 1974, S. 25.
14 Haag, Handvoll Staub, S. n.
15 Vgl. zu Paula Acker: Ekkehard Hausen/Hartmut Danneck, „Antifaschist, verzage nicht ...!“ Widerstand und Verfolgung in Schwenningen und Villingen 1933-1945, Villingen Schwenningen 1990, S. 71; StA Sig, Wü 33 ET 3537; Dokumentationszen¬ trum Oberer Kuhberg (DZOK), Häftlingsliste Heuberg/Kuhberg.
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zo Jahre alt, die Älteste, Paula Planck/6 54 Jahre. Weitere elf Frauen waren zwischen zo und 30 Jahren, zwölf zwischen 30 und 40 und sieben zwischen 40 und 50 Jahre alt.
Grete Gahr17 und Lisi Link18 verbrachten die gesamte Zeit vom 31. März 1933 bis zi. April 1934 in der Abteilung, bevor sie entlassen wurden. Mathilde Müller19 und Lina Haagzo wurden an Weihnachten 1933 entlassen, also nach über acht Monaten Haft.
Die meisten Frauen hatten ihren Wohnsitz zum Zeitpunkt der Verhaftung in Stuttgart. 15 Frauen kamen aus dem Raum Stuttgart, sechs aus Schwennin¬ gen, drei aus Göppingen und zwei aus Backnang, andere aus Schwäbisch Gmünd, Waiblingen, Kornwestheim, Ludwigsburg, Freudenstadt, Nürtingen, Metzingen und Hechingen. Von vier Häftlingen ist der Wohnort nicht be¬ kannt. Dies verstärkt die Annahme, daß es sich bei den Inhaftierten vor allem um politisch aktive Frauen handelte, die sich in Stuttgart oder Schwenningen bei der KPD engagiert hatten. Von den 38 Frauen waren 21 nachweislich KPD- Mitglieder. Während in den ersten Monaten der Etablierung der nationalso¬ zialistischen Herrschaft über 3000 männliche KPD-Mitglieder und Funktionä¬ re allein in Württemberg verhaftet wurden, beschränkten sich die Machthaber bei den Frauen meist auf diejenigen, die an führender Stelle innerhalb der Par¬ tei tätig waren und vielfach gemeinsam mit ihren Männern, zumeist bekannten KPD-Funktionären, Widerstand organisierten. Zum einen ist Emma Greiner21
16 Vgl. zu Paula Planck: Briefe von Ernst Planck an den Autor vom 3 . 1. 1996, 24. 4. 2001 und 20. 7. 2001. Wiedergutmachungsakte (Ernst Planck, geb. 1907) StA LB, EL 350, ES 7538. 1. Lebenslauf Paula Planck von Sohn Ernst, Brief Gertrud Leibbrand vom 29. 8. 1998. Briefe von Martha Mehl an Paula Planck u. a. Briefe von Paula Planck aus Gotteszell an ihren Sohn auf den Heuberg. Alle Schreiben liegen dem Autor vor.
17 Vgl. zu Grete Gahr: Taudte, Zerschlagung der Arbeiterbewegung; Häftlingsliste Gotteszell, WN Archiv; Haag, Handvoll Staub; StA LB, EL 350 ES 624, ES 22240.
18 Vgl. zu Lisi Link: WN Archiv; StA Sig ET 2012.
19 Vgl. zu Mathilde Müller: Hausen/Danneck, Antifaschist; StA Sig, Wü ET 3673; Häftlingsliste Gotteszell, WN Archiv.
20 Vgl. zu Lina Haag: Jutta von Freyberg/Ursula Krause-Schmitt, Konzentrationsla¬ ger Moringen, Lichtenburg, Ravensbrück i933"I945* Lesebuch zur Ausstellung, Frankfurt a. M. 1997, S. 61 f.; Haag, Handvoll Staub; DZOK Bü Ri 1 66.
21 Vgl. zu Emma Greiner: WN Archiv ES 1590/ WGA 175; StA LB, EL 350 ES 1590.
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St3dträtin fÜr die KPD in Kornwestheim, zum anderen Mathilde u er, die 1931 als einzige Frau in den Schwenninger Gemeinderat gewählt wurde und dort der vierköpfigen KPD-Fraktion angehörte.“
Auch Erika Buchmann, 23 Frau des KPD-Reichstagsabgeordneten Albert Buchmann, arbeitete in der KPD an führender Stelle und nach 1945 für d‘e Krc* ,m wurttembergisch-badischen Landtag. Ähnliches gilt für Frieda König, 24 die in Göppingen für die KPD tätig war, und Lisi Link, die als Funktionärin in Freudenstadt wirkte. Als Vertrauensobfrau in der „Kienzle Uhrenfabrik“ in Schwenningen und Funktionärin der KPD wirkte Helen Vosseier. 2 5 Mit Gertrud Ackermann26 verhafteten die Nationalsozia- sten die Mitbegründerin der KPD-Ortsgruppe in Schwenningen. Gertrud Schlotterbeck2? war eine bekannte Redakteurin der Süddeutschen- Arbei¬ ter Zeitung, bei der auch Emmi Ramin28 tätig war. Anna Paape29 war durch Arbeit bei der Internationalen Arbeiterhilfe ein wichtiges Mitglied KPD in Ludwigsburg. Gertrud Strohbach, heute Leibbrand, Tochter des KPD-Landtagsabgeordneten Karl Schneck, Emma Heidig,3° Berta RömeH1
22 Neckarquelle, io. 4. 1933.
23 ^gl' 2U Erika Buchmann: Freyberg/Krause-Schmitt, Konzentrationslager, S. 90 ff.; Haftlingshste Gotteszell, WN Archiv, ES Akte 6000.
14 Vgl. zu Frieda König: Taudte, Zerschlagung der Arbeiterbewegung; StA LB, EL 350, ES 4079; WN Entschädigungsakten; StA LB, EL 350, ES 4047.
15 Vgl. zu Helen Vosseier: StA Sig, Wü ET 3747.
26 VS1' zu Gertrud Ackermann: Ebenda, ET 3540.
27 Z.U Lut2 geb‘ Schiotterbeck: Barbara Bromberger u. a. (Hrsg.), Schwestern vergeßt uns nicht. Frauen im Konzentrationslager Moringen, Lichtenburg, Ravensbrück 1933- 1945- Ausstellungskatalog, Frankfurt a. M. 1988, S. 19 ff. (Bild); WN Archiv D 871; StA LB, ES 4760-2, und Wilfriede Lutz, geb. 1942 (Erbin von Gertrud) ES 4760, Alfred Hausser, Will, Bohn, Fritz Besnecker (Hrsg.), Vor 35 Jahren: Vollstreckt. Niemals vergessen! Eine Dokumentation der WN - Bund der Antifaschisten Baden-Württem-
g -’O-J-jS. 11 15, Brief Wilfriede Lutz an den Autor aus dem Jahr 2001.
2 nTm be?laUf ^ dM Akte Schlotterbeck D 871 WN Archiv Stuttgart; Hausser/ Bohn/Besneckeg Vor 35 Jahren, S. 11-15.
^ D868iU Anna PaaPC: ^ StUttgart’ E AkK ES ”57; StA LB EL 350, ES 5357, WN
3° Vgl. zu Emma Heidig: WN Archiv; StA LB, ES 4430.
31 Vgl. zu Berta Römer: StA LB, EL 350 ES 4286; WN Archiv.
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oder auch Else Gehr32 waren an führender Stelle bei der KPD in Stutt¬ gart aktiv.
Einzige bisher bekannte Sozialdemokratin ist Paula Planck aus Nürtingen. Als langjährige SPD-Gemeinderätin in Nürtingen (seit 1919) gehörte sie dem linken Flügel der SPD an und wurde laut ihrem Sohn vor allem wegen ihrer „frechen Gosch“ nach Gotteszell verbracht. Frieda Moser wurde beim Ver¬ teilen von Flugblättern aufgegriffen und in Schutzhaft genommen, nach Gottes¬ zell verbracht und nach ihrer Verurteilung wegen dieses Delikts von der Schutz¬ haftabteilung Gotteszell in das Gefängnis in Gotteszell verlegt.33 Grund für die Inschutzhaftnahme von Berta Sulan34 war ihre Weigerung, den Aufenthaltsort ihres flüchtigen Mannes Jakob Sulan zu benennen. Sie verweigerte aus Protest gegen ihre Verhaftung die Nahrung, wurde allerdings trotzdem nach Gottes¬ zell überführt. Nach ihrer Entlassung mußten sich die Frauen regelmäßig auf der örtlichen Polizeistation melden.
Ganz unterschiedlich wirkte sich die Haft auf die Gesundheit der Frauen aus. Lydia Beil33 aus Stuttgart plagten Nervenzusammenbrüche und Schwin¬ delanfälle noch Jahre nach ihrer Inhaftierung. Paula Planck erlitt während ihrer Haft einen Nervenzusammenbruch, als sie erfuhr, daß ihr Sohn Ernst auf dem Heuberg in den Strafbau eingeliefert worden war. Auch Annemarie Mössmer aus Hechingen litt nach ihrer Entlassung immer wieder unter Ner¬ venzusammenbrüchen.
Einige Frauen büßten ihre Gefangennahme in Gotteszell mit der Entlas¬ sung aus ihrem bisherigen Arbeitsverhältnis. Berta Wezel,36 Kontoristin bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Metzingen, wurde noch während ihrer Haft mit Hinweis auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom Kassenverband Urach Nürtingen entlassen. Ebenso erging es Minna
32 Vgl. zu Else Gehr, später verheiratete Schumacher: Andreas Gestrich, Aufwiegler, Rebellen, saubere Buben. Alltag in Botnang. Geschichte eines Stuttgarter Stadtteils, Stuttgart 1994, S. 337. Gertrud Strohbach: StA LB, EL 350 ES 1021. Elsa Ehni: EL 350 ES 4874; WN Archiv.
33 Vgl. zu Frieda Moser: Hausen/Danneck, Antifaschist, S. 54 und S. 70; Häftlingsliste Gotteszell; WN Archiv; StA Sig, Wü ET 3668.
34 Vgl. zu Berta Sulan: Hausen/Danneck, Antifaschist, S. 69.
35 Vgl. zu Lydia Beil: WN Archiv; StA LB, EL 350 ES 1235.
36 Vgl. zu Berta Wezel, später Riekert: DZOK R 2917.
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Schreiber, 37 die als Kanzleisekretärin bei der Stadt Stuttgart beschäftigt war. Auch Lydia Beil bekam als Lehrerin mehrere Jahre Berufsverbot. Frieda König wurde mit Hinweis auf die Haft entlassen, allerdings ein halbes Jahr später von der Firma „Frankfurter Weberei Göppingen“ wieder eingestellt. Auch Lisi Link war nach ihrer Haft bis März 1935 arbeitslos , genauso wie Mathilde Müller, die von der Firma Mauthe in Schwenningen aufgrund ihrer Haft ent- lassen wurde.
Bei der Betrachtung der Lebenswege der bisher bekannten Frauen bestätigt sich die Annahme, daß viele von ihnen überzeugte politische Gegnerinnen des NS-Regime blieben. Von den 35 Frauen, bei denen es Hinweise auf ihren wei¬ teren Lebensweg gibt, waren zehn Frauen auch nach der Entlassung aktiv gegen den Nationalsozialismus tätig. Dies hatte weitere Verfolgung und Haft in Gefängnissen und Zuchthäusern, wie in den Konzentrationslagern Morin¬ gen, Lichtenburg oder Ravensbrück oder, wie im Falle von Gertrud Schlotter¬ beck und Emmi Ramin, sogar ihre Hinrichtung zur Folge. Paula Acker wurde am 22. Mai 1936 wegen fortgesetzter illegaler Betätigung für die KPD abermals in Schutzhaft genommen. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte sie am 17. Januar 1938 wegen „Verbrechens eines hochverräterischen Unternehmens“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus. Nach Verbüßung der Strafhaft in Aichach kam sie erneut in Schutzhaft, die sie im Polizeigefängnis Stuttgart verbrachte. Von dort wurde sie am 22. Juni 1939 entlassen und floh in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte sie nach Schwenningen zurück.
Auch Erika Buchmann setzte nach ihrer Entlassung ihre Arbeit im Wider¬ stand fort und kam im Dezember 1935 m Untersuchungshaft nach Stuttgart. Nach eineinhalb Jahren wurde sie am 28. Juli 1937 zu drei Jahren und sechs Monaten Haft wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt, die sie im Zuchthaus Aichach zu verbüßen hatte. Danach kam sie für ein Jahr in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, wurde wieder entlassen und dann erneut von Juli 1942 bis 30. April 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert.
Dorthin wurde auch Grete Gahr aus Göppingen eingeliefert. Fast sechs Jahre, vom 30. November 1939 bis zum 21. April 1945, wurde sie dort ge¬ fangengehalten.
37 Vgl. zu Minna Schreiber: WN Archiv; StA LB, ES 4668.
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Emma Greiner wurde nach über einem Jahr in U-Haft wegen „Vorberei¬ tung zum Hochverrat“ vom Oberlandesgericht Stuttgart zu einem Jahr und fünf Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Während sie die Untersuchungshaft in Stuttgart in der Weimarstraße verbüßte, wurde sie für die Reststrafe wieder nach Gotteszell in das Frauengefängnis eingeliefert. Sie wurde am 19. Oktober 1937 entlassen.
Ähnlich erging es auch Lina Haag. Im Mai 1935 wurde sie erneut verhaftet und kam nach kurzem Aufenthalt in der Büchsenschmiere (Stuttgart) in das Frauenuntersuchungsgefängnis in der Weimarstraße (Stuttgart). Nach rund zo Monaten U-Haft in Stuttgart wurde sie am 24. Januar 1938 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und saß die Reststrafe von vier Monaten in der Frauen¬ haftanstalt Gotteszell ab. Von dort erfolgte allerdings keine Entlassung, son¬ dern im März 1937 die direkte Überführung in das Frauen-KZ Lichtenburg, wo sie bis April 1939 inhaftiert blieb.
Annemarie Mössmer38 wurde am 28. August 1936 erneut verhaftet. Sie wurde weder angeklagt, noch gab es einen Prozeß, wurde aber im KZ Morin¬ gen festgehalten. Ihre Entlassung erfolgte am 20. Februar 1937.
Mathilde Müller wurde im Zuge der Verfolgungen nach dem 20. Juli 1944 („Aktion Gitter“) wieder verhaftet und vom 22. August 1944 bis 12. Oktober 1944 gefangen gehalten.
Anna Paape entging weiterer längerer Verfolgung vermutlich nur deshalb, weil sie nach Haftaufenthalten in den Jahren 1934, 1935 und 1937 (wegen Verteilung von Flugblättern) nach Paris emigrierte.
Gertrud Lutz, geborene Schlotterbeck, wurde schon im September 1934 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen „Herstellung und Verfassen von illegalen Druckschriften“ und als Kassiererin der illegalen Roten Hilfe verurteilt, die sie in der Frauenstrafanstalt Gotteszell absitzen mußte. Statt Freilassung 1936 erfolgte die Überführung in das Frauen-Konzentrationslager Moringen, von wo aus sie im Dezember 1936 entlassen wurde. Am 10. Juni 1944 wurde sie zu¬ sammen mit ihren Eltern Gotthilf und Maria Schlotterbeck sowie ihrer Toch¬ ter Wilfriede, die erst knapp zwei Jahre alt war, verhaftet und als Racheakt der Gestapo - ihrem Bruder und anderen Mitglieder der Gruppe Schlotterbeck
38 Vgl. zu Annemarie Mössmer: WN Archiv ET 2147; StA Sig, Wü ET 2147.
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war die Flucht in die Schweiz gelungen - wegen „Vorbereitung zum Hoch- verrat am 30. November 1944 hingerichtet.
Emmi Ramin arbeitete nach ihrer Entlassung als „Reisedame“ für eine Frankfurter Firma und wirkte als Kurier zwischen illegalen KPD-Mitglie- dern. Von der Gestapo schon länger überwacht, wurde sie verhaftet und kam ins Hotel Silber in Stuttgart, nach Rudersberg, ein Arbeitserziehungslager in Württemberg, und dann in das Konzentrationslager Dachau, wo sie als Mit¬ glied der Widerstandsgruppe Schlotterbeck am 30. November 1944 hinge- richtet wurde.
Von 21 Frauen ist bekannt, daß ihre Männer, Söhne, Väter oder Brüder in den Konzentrationslagern Heuberg und/oder Kuhberg einsaßen. Nicht wenige wurden gleichzeitig mit ihren Männern verhaftet, wie z. B. Paula Löffler und ihr zukünftiger Mann Wilfried Acker, Anne Marie Mössner und ihr Mann Franz Mössner, Gertrud Strohbach und Kurt Strohbach oder Paula Planck, die
kurz nachdem ihr Sohn Ernst auf den Heuberg verbracht wurde, nach Gottes- zell kam.
Auflösung des Lagers
Der zi. Januar 1934 markiert das Ende der separaten Schutzhaftabteilung in der Landesjustizanstalt Gotteszell, da zu diesem Zeitpunkt die letzten Frauen entlassen wurden. Weiterhin wurde allerdings in den Räumen des normalen Strafvollzugs in Gotteszell Schutzhaft vollstreckt. Für viele Frauen war es die erste Station einer Odyssee durch Moringen, die Lichtenburg und Ravensbrück.
Seit 1945 dient Gotteszell als zentrale Frauenhaftanstalt für das Land Würt¬ temberg-Baden, bzw. seit 1952 für Baden- Württemberg.
Literatur
Lina Haag, Eine Handvoll Staub, Frankfurt a. M. 1985 (Neuauflage 1995). Julius Schatzle, Stationen zur Hölle. Konzentrationslager in Baden und Würt- temberg 1933-1945, Frankfurt a. M. 1974.
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Quellen
Archiv des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm, Häftlingsverzeich¬ nis beim Autor.
Staatsarchiv Ludwigsburg (Wiedergutmachungsakten).
Staatsarchiv Sigmaringen (Wiedergutmachungsakten).
WN- Archiv Stuttgart.
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Silvester Lechner
Das Konzentrationslager Oberer Kuhberg in Ulm
Am 30. Juli 1935 titelte das Ulmer Tagblatt , die gleichgeschaltete Monopol¬ zeitung der Stadt, auf der ersten Seite des Lokalteils: „Kein Schutzhaftlager mehr in Ulm“. Tatsächlich waren die letzten 31 von insgesamt zwischen 500 und 600 Häftlingen des Ulmer Lagers am n. Juli 1935 in das Konzentrations¬ lager Dachau transportiert worden. Mit der Schließung des „Württembergi- schen Schutzhaftlagers Ulm a. D.“ (= an der Donau), wie die regime-offizielle Bezeichnung lautete, war die Periode der frühen Konzentrationslager in Würt¬ temberg beendet.
Der Artikel im Ulmer Tagblatt gibt eine Art Resümee in der Perspektive und den Sprachregelungen des Regimes zum Ulmer Konzentrationslager und wei¬ terführend zum Schutzhaft-System des Landes Württemberg seit den Tagen seiner Errichtung im März 1933: „Um den Kuhberg ist es nun wieder still geworden. Lange Zeit bildete sein Schutzhaftlager den Mittelpunkt der irrsin¬ nigsten Gerüchte inländischer Besserwisser und ausländischer Greuelpropa¬ gandisten. Dabei war er doch gar nichts anderes als eine äußerst notwendige Verwahrungsstätte für unbelehrbare Staatsfeinde des erstarkenden Deutsch¬ lands, die aber dort keineswegs zu Tode schmachten mußten, sondern ein recht auskömmliches und lediglich gezügeltes Dasein führten, das ihren Zerset¬ zungsversuchen keinen Raum mehr bot. ... Nun ist das Schutzhaftlager des Kuhbergs, das einzige in Württemberg, wegen der geringen Zahl der dort un¬ tergebrachten Häftlinge, die zurzeit noch 30 betragen, aufgelöst worden.“1
1 Die Überlieferung, ob 30 oder 31 Häftlinge aus dem aufgelösten Ulmer KZ nach Dachau
gebracht wurden, ist nicht eindeutig. Ulmer Tagblatt, 30. Juli 1935.
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Der Zeitungsartikel sollte der Öffentlichkeit im Sommer 1935 suggerieren: Die politischen Gegner würden nun keine Bedeutung mehr spielen, Deutsch¬ land sei „befriedet“. Obwohl sich diese Darstellung in weitgehender Konti¬ nuität zur Berichterstattung über das Vorgängerlager Heuberg2 3 4- befand, bleibt doch ein Unterschied festzuhalten: Das Kuhberg-Lager wurde hier und wäh¬ rend seines gesamten Bestehens öffentlich nicht mehr „Konzentrationslager“, sondern „Schutzhaftlager“ genannt.*
Das Ulmer staatliche Konzentrationslager in der Zuständigkeit des Politischen Polizeiamtes im württembergischen Innenministerium-*
Die institutionelle Verantwortung für das Ulmer KZ lag bei der im Innen¬ ministerium des Landes Württemberg ressortierenden „Politischen Polizei“.
Die Bildung eines „Württembergischen Politischen Landespolizeiamtes“ war
nach einigen kurzfristigen Maßnahmen der Umorganisation und Gleich-
2 Vgl. Markus Kienle, Das Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt, Ulm 199&, S. 122 ff.; Sybil Milton, Die Konzentrationslager der dreißiger Jahre im Bild der in- und ausländischen Presse, in: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hrsg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, Bd. 1, S. 135-147.
3 Erstmals am 14. März 1933 u«d dann durchweg bis Juni 1933 taucht für den Heuberg die Bezeichnung „Konzentrationslager“ auf. Vgl. Kienle, Konzentrationslager Heuberg, S. 126.
4 Eme geschlossene Gesamtüberlieferung der staatlichen Quellen zu den frühen Lagern in Württemberg existiert nicht. Sowohl die Akten der für Schutzhaft zuständigen Politischen Polizei beim Innenministerium, die von deren Ulmer „Außenhauptstelle“, als auch die Gefangenen-Akten und die Zugangs-/Abgangs-Bücher der Lager selbst sind bei Kriegsen¬ de verloren gegangen. Es existiert eine zwar verstreute, doch reichhaltige staatliche und eine Presse-Überlieferung. Zur staatlich-administrativen Überlieferung zählen vor allem einschlägige Bestände der Landes- und Reichsministerien und der württembergischen Oberamter (= Kreise), aus denen die Schutzhäftlinge kamen. Dazu kommen für die Nach¬ kriegszeit Wiedergutmachungsakten vieler Häftlinge und die Justizakten aus Ermitt¬ lungsverfahren und Anklageerhebungen gegen Wachmannschaften und Kommandanten. Verwahrt wird diese Überlieferung im Bundesarchiv/Berlin, Bundesarchiv/Zentralstelle Ludwigsburg und in den Undesarchiven von Stuttgart, Sigmaringen und Ludwigsburg
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Inszenierung des Kommandanteneingangs zum i. Mai 1934 ( Archiv des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg e.V.)
Schaltung im März und April am 28. April 1933 durch den württembergischen Innenminister verfügt worden. Württemberg folgte damit dem Beispiel Preu¬ ßens, wo zwei Tage vorher ein „Gesetz über die Einrichtung eines Geheimen Staatspolizeiamtes“ verabschiedet worden war.5 Die Politische Polizei Würt¬ tembergs war in der Weimarer Zeit und in den ersten Wochen des NS-Regimes beim Polizeipräsidium Stuttgart institutionalisiert gewesen. Seit den zwanziger Jahren hatte sie Lageberichte zur politischen Situation im Land und insbe¬ sondere zu den Aktivitäten von KPD und NSDAP erstellt. In diesem Zusam¬ menhang entstandene Namenslisten bildeten - bezüglich KPD und SPD - die Grundlage der politischen Verhaftungen ab März 1933.
Laut der detaillierten Verordnung vom 12. Mai legitimierte sich die Würt- tembergische Politische Polizei ebenso wie die in den anderen Ländern des Deutschen Reiches aus der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933. I m August 1933 errichtete die württembergische Zentrale der Politischen Polizei fünf Außenstellen sowie zwei „Außenhauptstellen“ eine in Friedrichshafen und eine in Ulm.
Zum Leiter der Stuttgarter Zentrale berief Gauleiter Wilhelm Murr (1888- 1945)~ seit 15* März 1933 Staatspräsident, Innen- und Wirtschaftsminister des Landes Württemberg -am 19. April 1933 den promovierten Juristen, württem¬ bergischen Amtsrichter und SA-Standartenführer Hermann Mattheiß (1893- 1934). Ab 15. Mai 193 3 bis 1945 war Jonathan Schmid Innenminister des Landes.
sowie im Archiv der WN in Stuttgart. Von großer Bedeutung ist die private Überlie¬ ferung der ehemaligen politischen Häftlinge, die zu einem Großteil im Original und Ko¬ pien im Archiv der Ulmer KZ-Gedenkstätte (Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg; zitiert als A-DZOK) gesammelt sind. Vgl. dazu Thomas Schnabel, Widerstand und Schutzhaft, in: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.), Doch die Freiheit, die kommt wieder. NS-Gegner im Württembergischen Schutzhaftlager Ulm 1933-19355 Stuttgart 1994, S. 55 f.; Kienle, Konzentrationslager Heuberg, S. 18 f.
5 Dieses Kapitel berücksichtigt folgende Arbeiten: Friedrich Wilhelm, Der Wandel der poli¬ tischen Polizei zur Gestapo, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden- Württem¬ berg (Hrsg.), Formen des Widerstandes im Südwesten 1933-1945. Scheitern und Nach¬ wirken, Ulm 1994, S. 222-258; Jürgen Schuhladen-Krämer, Die Exekutoren des Terrors. Hermann Mattheiß, Walther Stahleckei, Friedrich Mußgay, Leiter der Geheimen Staats- polizeileitstelle Stuttgart, in: Michael Kißener/Joachim Scholtyseck (Hrsg.), Die Führer der Provinz. NS Biographien aus Baden und Württemberg, Konstanz 1997, S. 405-443.
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Ein wichtiger Schritt zur „Verreichlichung“ der Polizeigewalt in Württem¬ berg war Murrs Einsetzung als Kommandeur der Politischen Polizei im Land am 9. Dezember 1933. Dienstaufsichtsbehörde blieb aber bis 1936 das württember- gische Innenministerium, wie im „Gesetz des württembergischen Staatsministe¬ riums über das Politische Landespolizeiamt“ vom 27. Januar 1934 festgelegt, auch wenn formal am 30. Januar 1934 die Polizeihoheit des Landes auf das Reich überging. Erst mehr als ein Jahr nach Schließung des Ulmer KZ wurde zum 1. Oktober 1936 die Zuordnung der nun „Staatspolizeileitstelle“ genannten politischen Polizei Württembergs zum „Geheimen Staatspolizeiamt“ des Rei¬ ches in der Berliner Prinz- Albrecht-Straße unter Heinrich Himmler vollzogen.
Mattheiß geriet jedoch infolge der Richtungs- und Machtkämpfe bei der Etablierung des NS-Systems in Württemberg ins politische Abseits und wurde im Mai 1934 durch den Gauleiter abberufen. Im Zusammenhang mit dem „Röhm-Putsch“ wurde er am 30. Juni 1934 verhaftet und am Morgen des 1. Juli in der SS-Kaserne Ellwangen erschossen. Er fand als einziger Württem- berger in Hitlers offizieller Liste der zur „Staatsnotwehr“ erklärten Mord¬ aktionen zwischen 30. Juni und 2. Juli 1934 Aufnahme.6 Sein Nachfolger als Chef der Politischen Polizei und Ministerialbeamter beim Innenministerium wurde Walther Stahlecker (1900-1942), Jurist und vor 1933 Direktor des Ar¬ beitsamts in Nagold. Er blieb in Stuttgart bis zu seiner Beförderung durch Reinhard Heydrich zum Leiter der „Staatspolizeileitstelle“ in Breslau im Mai 1937. SS-Brigadeführer Stahlecker leitete seit Juni 1941 die Einsatzgruppe A.
Die Politische Polizei war zuständig für „staatsfeindliche Umtriebe“, und dabei insbesondere für „Schutzhaftangelegenheiten“ die außer justizielle Form der Inhaftierung wirklicher und vermuteter Gegner ohne Anklageerhebung und richterliche Überprüfung. Am 8. März 193 3 wurde der NSDAP-Reichs- tagsabgeordnete und SA-Gruppenführer Südwest, Dietrich von Jagow, zum Reichskommissar für das württembergische Polizeiwesen eingesetzt. Er rekru¬ tierte eine „Hilfspolizei“ als Wachmannschaft für Schutzhaftgefangene von etwa 250 Mann (weitgehend SA und Schutzpolizei) und ließ im Laufe seiner er¬ sten Woche im Amt 1700 kommunistische und sozialdemokratische Funktio-
6 Lothar Gruchmann, Justiz im Dritten Reich 193 3-1940. Anpassung und Unterwerfung in
der Ära Gürtner, München 1988, S. 433-483.
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näre Württembergs festnehmen. Die Verhafteten kamen zunächst in die Justiz- gefangmsse, ab 20. März zum größten Teil in das neu eingerichtete Konzentra¬ tionslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt an der badisch-württembergi- schen Grenze. Für kurzfristige Schutzhaft- Aufenthalte wurden 1933 und in den Jahren danach weiterhin auch staatliche Gefängnisabteilungen - in der Mihtärstadt Ulm das „Garnisonsarresthaus“ in der Frauenstraße - verwendet. Doch die offiziellen Lager des Landes für Schutzhaft waren die Konzentra¬ tionslager auf dem Heuberg (März 1933 bis Dezember 1933) und *n dessen Nachfolge das auf dem Oberen Kuhberg (November 1933 bis Juli 1935). Für weibliche Schutzhäftlinge existierte zwischen März 1933 und Januar 1934 ein Lager im Rahmen des Polizeigefängnisses Gotteszell in Schwäbisch-Gmünd. Von SA oder SS errichtete „wilde“ Lager gab es in Württemberg nicht.
Bei der endgültigen Räumung des Lagers Heuberg kurz vor Weihnachten I933 wurden die letzten 264 Heuberg-Häftlinge donauabwärts in das neue Ul- mer Konzentrationslager transportiert. Dazu kamen noch maximal 60 Schutz¬ häftlinge aus dem Ulmer Garnisonsgefängnis (sie waren vorher am Heuberg gewesen), die etwa ab 16. November zusammen mit einigen Heuberg-Häft¬ lingen das alte Fort Oberer Kuhberg für die künftige Nutzung vorbereiteten. Ob die im Württembergischen Staatsanzeiger vom 22. Dezember verkündete reichsweite „Weihnachtsamnestie“ (Württemberg habe „heute im Verhältnis zu anderen Landern die weitaus geringste Anzahl von Schutzhaftgefangenen“) in diesen Zahlen berücksichtigt wird, ist ungewiß. Bei der Eröffnung des Konzen¬ trationslagers Oberer Kuhberg ist aber von etwa 300 Gefangenen auszugehen.7
Diese Zahl ging mit den öffentlichen „Amnestie-Aktionen“ zu Ostern, zum 1. Mai, zu Pfingsten und insbesondere infolge der reichs weiten „Führer- Amne¬ stie vom 7. August - aus Anlaß von Hitlers Übernahme des Amts des Reichs¬ präsidenten auf 47 Häftlinge zurück. Sie nahm bis zur Auflösung des Lagers im Juli 1935 nur noch geringfügig auf etwa 31 Häftlinge ab.
Bewachung und Verwaltung der württembergischen Konzentrationslager entsprachen in ihrer quantitativen Entwicklung den Häftlingszahlen.8 Bei der
7 Das Ulmer Tagblatt vom 22. 12. i933 teilte mit, daß nun „3oo Häftlinge“ im Fort Oberer
Kuhberg untergebracht seien.
8 Vgl. Myrah Adams, One, Opfer, Täter, in: Doch die Freiheit, die kommt wieder, S. 18 und
19; Kienle, Konzentrationslager Heuberg, S. 38 und 118 ff.
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Eröffnung des KZ Kuhberg waren 120 Mann Wachmannschaften - zusam¬ mengesetzt aus SA, SS und ehemaligen Schutzpolizisten - und sechs Verwal¬ tungsangestellte vorgesehen. Im Februar 1934 gab es 91, im August 1934 40 und bei der Schließung im Juli 1935 29 Wachleute, zusammen mit drei Verwaltungsangestellten.
Angesichts der gesunkenen Zahlen wurde in der Öffentlichkeit das Bild der fortlaufenden „politischen Befriedung“ Württembergs und der Einsicht der „Verführten“ erweckt. Der Hauptgrund waren aber die hohen Kosten der Schutzhaft für den Staatshaushalt.9 Über diese Entwicklung informiert ein Verwaltungsrundschreiben des Innenministeriums vom 18. Juli 1935: Das KZ Kuhberg werde aus „Ersparnisgründen“ geschlossen, die restlichen Häftlinge kämen in das KZ Dachau. Dahinter steht jedoch die reichsweite Zentralisie¬ rung des KZ-Systems nach den Vorgaben der nun etablierten „Inspektion der Konzentrationslager“. 10
Offizielles Schutzhaftverfahren und Lagerordnung
Administrative Vorgaben und die Realität des Lageralltags unterschieden sich grundlegend. Eine rechtsstaatlich-öffentliche Kontrolle des Lager existierte nicht, die prinzipiell vorhandene Kontrolle durch das Innenministerium hatte nur Bedeutung als Dienstordnung für die Bewacher, bedingt auch für den Kommandanten. Die Realität des Lager war weitgehend der Eigendynamik regionaler Parteiorganisationen oder Einzelpersönlichkeiten wie dem Komman¬ danten, dem Polizeipräsidenten oder dem Kreisleiter der NSDAP überlassen.
Das Verfahren bei der Verhängung von Schutzhaft und die interne „Lager¬ ordnung“ des Ulmer KZ orientierten sich formal an schriftlich gefaßten Vor¬ bildern aus der Heuberg-Zeit: der „Verordnung des Innenministeriums über Schutzhaft“ sowie der „Dienst- und Vollzugsordnung für das Schutzhaftlager
9 Die Staatshaushaltspläne bzw. die „Nachweisung der Rechnungsergebnisse“ für die Jahre 1933-1935 (Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 130 b, Bü 1596 ff.) sind Grundlage der folgenden Ausführungen.
10 Silvester Lechner, Das KZ Oberer Kuhberg und die NS-Zeit in der Region Ulm/Neu-Ulm, Stuttgart 1988, S. 15.
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Heuberg , beide datiert vom 21. April 1933 und in der Landespresse partiell veröffentlicht.11
In der „Verordnung über Schutzhaft“ wurde festgelegt, daß Verhängung wie Aufhebung von Schutzhaft dem zuständigen Oberamt zur Genehmigung vorgelegt und vom Innenministerium bestätigt werden mußten. In einem Rundschreiben der Württembergischen Politischen Polizei vom 17. Januar 1934 wurde dies modifiziert und den Oberämtern mitgeteilt, daß „noch am gleichen Tag eine Schutzhaftanordnung vom Innenministerium zu bestä¬ tigen sei. Ein weiteres Rundschreiben der Stuttgarter Behörde vom 1. April beendete die Schutzhaft-Kompetenzen der Oberämter und dekretierte, daß sie von nun an „allein zuständig für Verhängung von Schutzhaft“ sei.12 Die insgesamt 63 Paragraphen der „Dienst- und Vollzugsordnung“ vom 21. April 1933 beschrieben den Verwaltungsaufbau, die Aufnahmebedingungen ins KZ, die Behandlung der Gefangenen, das dreistufige System beim Schutz¬ haftvollzug sowie die Organisation des Lageralltags von der „Kost“ über die „Arbeit“, den „Verkehr mit der Außenwelt“ bis zur Disziplinarordnung. Bei¬ de Verordnungen lehnten sich an die Prinzipien des Justiz-Strafvollzugs der Weimarer Republik an. Diese Vorgaben wurden jedoch schon am Heuberg und zunehmend am Oberen Kuhberg aufgeweicht und wichen willkürlichen, Folter und Terror ermöglichenden Auslegungen des KZ-Kommandanten und seiner Aufseher. Dies belegen die meisten erhaltenen Häftlingszeugnisse und die Jahresberichte des Ulmer Landesgefängnisses für die Jahre 1933/34 und 1934/35, deren Autor der Gefängnisdirektor Max Klaus war. Klaus be¬ grüßte ausdrücklich den Systemwechsel im März 1933 und stellte fest: Der neue „kraftvolle, gesund-autoritäre Staat“ habe die Autorität der Beamten wiederhergestellt. „Die Zahl der Psychopathen“ unter den Häftlingen habe abgenommen, „Querulanten aller Schattierungen ist das Handwerk gelegt“. Die „politischen Strafgefangenen“ - März 1934 etwa ein Drittel der 160 Häft-
11 Staatsarchiv (StA) Sigmaringen, Wü 65/40, Bü 2093; Stadtarchiv Tübingen, E 104, Fasz. 55; Teilveröffentlichung z. B. in: Ulmer Tagblatt, 24. 4. 1933. Die „Dienst- und Voll¬ zugsordnung ist abgedruckt in: Stadt Tuttlingen (Hrsg.), Nationalsozialismus in Tutt¬ lingen, Tuttlingen 1986, S. 75 f.
12 StA Sigmanngen, Wü 65/40, Bü 2093; Staatsarchiv Ludwigsburg (StA LB) FL 20/40, Bü 4740.
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linge - seien in der Weimarer Zeit das „Kreuz des Strafvollzugs“ gewesen. Jetzt seien „auch diese Gefangenen restlos, wenigstens äußerlich in die Ord¬ nung eingefügt “*3
Zu den von Klaus angesprochenen „Politischen“ zählte auch Alfred Haag, der als württembergischer KPD-Landtagsabgeordneter noch 193 2 eine Un¬ tersuchung der Gefangenenbehandlung durch Klaus im Landtag gefordert hatte *4 und dann 1934 als KZ-Häftling am Kuhberg kurzfristig ins Ulmer Gefängnis kam, offensichtlich um Klaus Gelegenheit zur Rache zu geben. *5
Vielfach belegt ist, daß das in der „Dienst- und Vollzugsordnung“ für das KZ Heuberg festgelegte „Stufensystem“ in modifizierter Form auch nach den Schutzhafterlassen des Reichsinnenministers Frick vom 12./26. April 1934 Gültigkeit im KZ Kuhberg behielt.16 Es bestanden weiterhin die Stufen I, II und III, die in aufsteigender Linie die „Gefährlichkeit“ des Häftlings und seiner „Taten“ sowie die Härte bzw. Schikanen des Vollzugs bedeuteten. Während Stufe I signalisierte, daß die Entlassung bevorstand, und Stufe II den „Normalvollzug“ darstellte, waren in Stufe III prinzipiell alle Vergünstigun¬ gen wie Lektüre, Briefeschreiben und Arbeit aufgehoben oder extrem einge¬ schränkt und jede Form von Schikanen möglich. Im Gegensatz zum Heuberg kam aber die „Eingangsstufe“ (Stufe E) hinzu, in der die „Empfangsfeierlichkei¬ ten“ stattfanden, d. h. die „Einstimmung“ der zivilen Häftlingspersönlichkeit auf die neue Realität des Lagers durch eine Reihe von Demütigungsritualen. Der in den Häftlingsberichten oft erwähnte Ort der „Eingangsstufe“ lag 500 Meter außerhalb des Forts in einem jüngeren Gebäude der „Bundes¬ festung“ dem Infanteriestützpunkt Gleiselstetten. Schließlich gab es im Fort noch eine Reihe von berüchtigten „Strafbunkern“ einerseits für besonders resistente und prominente Häftlinge wie Kurt Schumacher und Alfred Haag, andererseits für Häftlinge, deren Verhalten in irgendeiner Weise der weitge¬ hend imaginären Lagerordnung widersprach.
13 A-DZOK Ulm, Rep. II, 33.
14 Protokolle des Württembergischen Landtags, 1932, S. 554 ff.
15 Lina Haag, Eine Handvoll Staub. Widerstand einer Frau 1933-1945, Frankfurt a. M. 1995, S. 28.
16 Adams, Orte, Opfer, Täter, S. 36.
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Verwaltung und Bewachung
An der Spitze der Lagerverwaltung stand der Kommandant, der 1894 in Stutt¬ gart geborene und 1977 im württembergischen Rudersberg gestorbene Karl (Gustav Wilhelm) Buck.1?
Als Freiwilliger hatte er den Ersten Weltkrieg im Rang eines Oberleutnants, ausgezeichnet mit dem „Eisernen Kreuz“ beendet. Er absolvierte ein Ingenieur¬ studium und war in Portugal und Südamerika berufstätig. Als Kriegsfolge mußte ihm Ende der zwanziger Jahre ein Bein amputiert werden, infolgedessen er arbeitslos wurde und Ende 1930 nach Deutschland zurückkehrte. Er wurde nun Dienststellenleiter im Polizeigefängnis Welzheim, am 1. Dezember 1931 Mitglied der NSDAP und bald danach NSDAP-Kreisleiter in Welzheim. Seit 26. März 1933 fungierte er als stellvertretender und seit n. April 1933 leiten¬ der Kommandant des KZ Heuberg. Anschließend war er Kommandant im KZ Kuhberg bis zu dessen Schließung, ab 1. Oktober 1935 bis 1940 dann Kom¬ mandant im KZ Welzheim, das sich in der Regie des Landes Württemberg bzw. dessen politischer Polizei bis Kriegsende im Polizeigefängnis Welzheim befand. 1941 wurde Buck im Rang eines SS-Hauptsturmführers Kommandant des elsässischen „Sicherungslagers“ Schirmeck-Vorbruck. Nach seiner Verhaftung *945 verurteilten ihn ein britisches und ein französisches Militärgericht wegen Tötungsdelikten in Schirmeck-Vorbruck dreimal zum Tode, begnadigten ihn in der Folge jedoch zu lebenslänglich. Im April 1955 wurde er von Frankreich an die Bundesrepublik als Kriegsverbrecher ausgeliefert und lebte von nun an als freier Bürger mit Pensionsberechtigung in Rudersberg. Der Versuch ehe¬ maliger Heuberg-, Kuhberg- und Welzheim-Häftlinge, ihn für die dort ver¬ übten Taten vor Gericht zu bringen, mißlang.
Bucks Stellvertreter im KZ Kuhberg und später sein Nachfolger bis 1945 im KZ Welzheim war Hermann Eberle, geboren 1908 im Kreis Balingen, 1949 durch Freitod gestorben im Gefängnis von Schorndorf.18 Er wurde im Juli T945 verhaftet und danach von einem britischen Militärgericht zu 13 Jah¬ ren Gefängnis verurteilt. Während Buck auch von den Häftlingen Bildung,
17 Die wichtigsten Personalangaben zu Buck liegen im Bundesarchiv, Außenstelle Lud¬ wigsburg.
18 Lechner, Oberer Kuhberg, S. 55 ff.
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Intelligenz und Selbstkontrolle attestiert wurde, war der am Kuhberg in der Kommandantenrolle noch wenig hervorgetretene Eberle insbesondere in Welz¬ heim primitiv und brutal. Beide wurden von den Häftlingen als destruktiv¬ feindlich beschrieben.
Von den ca. ioo Wachleuten, die insgesamt zwischen November 1933 und Juli 1935 am KZ Oberer Kuhberg eingesetzt wurden und von denen der größte Teil auch bereits auf dem Heuberg tätig war, sind von etwa der Hälfte Namen und persönliche Daten bekannt. ^ Ursprünglich kamen sie aus der im März 1933 auch m Württemberg rekrutierten, ab Sommer 1933 aufgelösten bzw. in den Staatsdienst übernommenen „Hilfspolizei“ und waren zu einem kleineren Teil Schutzpolizisten, zum größeren Teil SA-Mitglieder. Die 14 Funktionsstel¬ len im Lager waren wohl von Anfang an durch SS besetzt, Häftlinge berichten von deren Konflikten mit der niedriger gestellten SA. 20
Während die SA ihr Nachtquartier außerhalb des KZ in der Ulmer Grena¬ dier-Kaserne hatte, war sie tagsüber im südwestlichen Eckturm der Festung untergebracht, dem von den Häftlingen so genannten SA-Turm. Er trug ab Sommer 1934 über dem Eingangstor die Aufschrift: „Wir werden hinter Hitler stehn, und sollt es durch die Hölle gehn.“21 Die SS hatte ihren Tagesaufenthalt im „Kommandanten-Turm“. Ab dem Spätsommer 1934 wurde von den dann noch verbliebenen 40 Wachleuten die schwarze SS-Uniform getragen. Im il¬ legalen Bericht der „Roten Hilfe“ von 1935 ist bezüglich der Außenbewachung von „SS in grüner Schupouniform mit Stahlhelm, Karabinern und Seitenge¬ wehr“ die Rede.22
Alle Wachleute stammten aus Württemberg und waren in der Regel zwi¬ schen 20 und 30 Jahre alt, die Mehrzahl hatte, soweit bekannt, nach der Volks-
19 Adams, Orte, Opfer, Täter, S. 18 ff. und 30 ff.; nach den NSDAP-Mitgliedsakten des ehe¬ maligen Berlin Document Center im Bundesarchiv sowie den Nachkriegs-Ermittlungs- verfahren; Kienle, Konzentrationslager Heuberg, S. 118 ff.
20 Nach einem Kommandanturbefehl vom September 1934 waren diese Funktionsstellen bzw. „Abteilungen“: Kommandantur, SS-Dienstzimmer, Bereitschaft, Zensur, Küche, Re¬ vier, Wirtschaftsstelle, Stufen 1, 2, 3 und Gleiselstetten, Raum 17, Raum 18 (wohl Rech¬ nungswesen und Verwaltung) und SA-Obertruppführer; StA LB, PL 502, 32, 224.
21 Lechner, Oberer Kuhberg, S. 15 und 48.
22 Ebenda, S. 14.
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schule einen handwerklichen Beruf erlernt und war vor 1933 arbeitslos gewe¬ sen. Ideologisch noch wenig gefestigt, ohne Kriegs- und Militärerfahrung und für Bewachungsaufgaben nur im Vorgänger-KZ am Heuberg ausgebildet, war ihr Verhalten den Häftlingen gegenüber von einer prinzipiellen Unsicherheit gekennzeichnet. Diese wurde dadurch verstärkt, daß sie selbst ganz ähnliche soziale Erfahrungen wie die Häftlinge hatten und sogar manchen Häftling aus ihrem Heimatort kannten. 23
Zweifellos war aber Härte gegenüber den Häftlingen vom Kommandanten erwünscht bzw. im Einzelfall dem Ermessensspielraum des einzelnen über¬ lassen. Einige überlieferte Kommandanturbefehle von Buck zeigen, daß Dis¬ ziplinlosigkeiten wie das Überschreiten des Zapfenstreiches, Schlägereien in Nachbarorten und übermäßiger Alkoholkonsum vorkamen und scharf geahn¬ det wurden. Ahndungen von Übergriffen an Häftlingen sind hingegen nicht be¬ kannt.2^ Obwohl in einigen Berichten von der Umgänglichkeit, ja Freundlich¬ keit einiger Wachleute die Rede ist, dominieren doch Beschreibungen brutaler Gewalttätigkeiten. Das Urteil des Stuttgarter Kuhberg-Häftlings Julius Schätz- le dürfte die Zustimmung der meisten Gefangenen gefunden haben: „Er¬ barmungslos setzte die SS und die SA ihre Macht als Sieger den Besiegten ge¬ genüber ein.“25 Nach dem Krieg kam es nur im Fall des Wachmannes Theodor Siedler im Jahr 1947 vor dem Landgericht Hechingen zu einer Verurteilung. Gegen 41 weitere Wachleuten wurde ermittelt.26
Der Ort des Ulmer KZ
Im Oktober 1933 wurde durch das „Politische Polizeiamt“ im Innenministe¬ rium das „Fort Oberer Kuhberg“ in Ulm zum Nachfolgelager des KZ Heuberg bestimmt. Das Fort war zwischen 1848 und 1857 als Sammellager für Militär-
23 Adams, Orte, Opfer, Täter, S. 30 ff.
24 Ebenda, S. 19 f.
25 Julius Schätzle, Wir klagen an! Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern, Stuttgart 1946, S. 6 f.
26 Kienle, Konzentrationslager Heuberg, S. 121; Lechner, Oberer Kuhberg, S. 15.
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verbände zur Abwehr möglicher Angriffe aus Frankreich erbaut worden.2? 1919 bis 1933 war es gelegentlich Übungsgelände der Reichswehr, 1935 bis 1939 der Wehrmacht. In den Kriegen 1870/71, 1914/18 und 1939/45 diente das Fort als Kriegsgefangenenlager. Nach dem schweren Bombenangriff auf Ulm vom 17. Dezember 1944 und nach Kriegsende wurden Teile des unversehrten Forts als Luftschutzräume und Notunterkünfte für Ausgebombte und Flücht¬ linge genutzt. Schließlich etablierte sich im Hauptgebäude, dem von 193 3 bis 1935 als Kommandantur genutzten Reduit, zwischen 1947 und 1956 die Aus¬ flugsgaststätte „Zum Hochsträß“.28 Seit Oktober i960 steht das bis heute im Eigentum der Bundesrepublik befindliche Fort unter Denkmalschutz. Zwei Vereine teilen sich seit den sechziger Jahren Gebäude und Gelände: Der Verein „Förderkreis Bundesfestung Ulm“ setzt sich denkmalpflegerisch-konserva- torische sowie militär- und festungsgeschichtliche Aufgaben und der Verein „Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg“ erinnert im Reduit-Gebäude und in den südlichen Kasemattengängen an das Konzentrationslager.
Das im Grundriß rechteckige, drei Hektar umfassende Fort ist aus Jura¬ kalk-Quadern der nahegelegenen Steinbrüche im Blautal erbaut. Außen- und Innenansicht beherrschen die an manchen Stellen bis zu fünf Meter hohen, von Schießscharten unterbrochenen Mauern. Die Mauern sind von einem Wall¬ graben und einem Infanterie-Staketenzaun umgeben, in der Zeit des Bestehens des Konzentrationslagers waren sie mit Stacheldraht umgeben. Die Ostmauer wird unterbrochen von einem überragenden halbrunden, nach vorne kon¬ vexen Gebäude, militärsprachlich das „Reduit“. Dieses war der „Kommando¬ turm“ also der Sitz des Kommandanten, der Verwaltung und des Haftbunkers. Unmittelbar südlich des Reduit liegt der eigentliche Lagerzugang. Das Fort erscheint in der Perspektive aller Häftlingsberichte als Ort des Schreckens, der die Situation und das Gefühl des rechtlosen Ausgeliefertseins potenzierte. Das gilt für den ersten Eindruck bei der Ankunft ebenso wie für den Verlauf der Gefangenschaft und für die psychische Verarbeitung im Leben „danach“.
27 Vgl. Ottmar Schäuffelen, Die Bundesfestung Ulm und ihre Geschichte, Langenau 1982; Reinhardt Koine/Wolfgang Traub, Bestandsaufnahme Fort Oberer Kuhberg Ulm, Institut für Baugeschichte, Uni Stuttgart 1984 (Manuskript).
28 Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e. V., Mitteilungen 30 (1998), S. 1 ff.
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Die Untergrundzeitung der „Roten Hilfe“, Tribunal , faßte in der Ausgabe vom Juli 19355 dem Monat der Schließung des KZ Kuhberg, Berichte mehrerer entlassener Häftlinge unter dem Titel „Menschenfalle Kuhberg“ zusammen: „Als eines der berüchtigsten Konzentrationslager wird in letzter Zeit immer wieder das Lager Kuhberg genannt. Durch seine unterirdische Lage - es ist ein altes Fort, das in den Berg hineingebaut wurde - scheint es geradezu als Folter¬ kammer geschaffen. “29 Erich Kunter - Schriftsteller, Verleger, KPD-Mitglied - aus Heilbronn beschrieb unmittelbar nach dem Krieg den Ort, die Situation und die damit verbundenen Gefühle: „Am ersten Weihnachtstag wurden wir vom Heuberg in den Kuhberg nach Ulm überführt, in die unterirdischen Fe¬ stungsgänge. Das Lager war halbfertig und nicht eingerichtet. Weihnachten T93 3 wird mir ewig in düsterer Erinnerung bleiben. [. . .] Der Aufenthalt in den Festungsgängen war sehr gesundheitsschädlich. Lehmboden, aus dem Grund¬ wasser hervorsickerte, an den Decken Tropfsteingebilde, ein dumpfes und muffiges Gemäuer. Zu Seiten der Gänge Nischen, etwa zwei Meter breit und ebenso tief. [...] Die Räume lagen ständig im Dämmerdunkel, das Tageslicht fiel nur schwach durch die Fensterchen herein, die in die Schießscharten der meterdicken Festungsmauern eingelassen waren. Trübes Licht der elektrischen Birnen erhellte abends notdürftig die Kerker. Dort also hausten wir Monate und Jahre hindurch, atmeten die stickige, verdorbene Luft in den überfüllten Räumen. 3° E)er Häftling Fred Rieckert charakterisierte die Kuhberg-Kase¬ matten als „Grab der Toten auf Urlaub“^1
29 Der Bericht mit einer Skizze des Lagers ist abgebildet in: Haus der Geschichte, NS- Gegner, S. 54.
30 Erich Kunter, Weltreise nach Dachau. Ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings Max Wittmann, Bad Wildbad zi947> S. 258 f.
31 Julius Schatzle, Stationen zur Hölle, Konzentrationslager in Baden und Württemberg
1933-1945, Frankfurt a. M. H980, S. 29; A-DZOK: Rieckert. Die Berichte sind gedruckt bei Lechner, Oberer Kuhberg.
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Die Häftlinge und der Lageralltag
Die Häftlinge wurden mehrheitlich in größeren Trupps auf Lastautos, mit Po¬ lizeiwagen oder in Einzelfällen, wie Julius Schätzle und Alfred Haag nach ihrer Strafhaft, auch allein, zu Fuß und in Ketten durch die Stadt in das Konzentra¬ tionslager gebracht. Bei der Ankunft im KZ mußte die Zivilkleidung gegen Häftlingskleidung ausgetauscht werden. Der Untergrundbericht der „Roten Hilfe“ vom April 1935 teilte mit: „Die Gefangenen werden in alte Berliner Straßenbahn-Uniformen gesteckt. Mit Mennige sind an Hosenbeinen und Är¬ meln rote Streifen und Kreuze gemalt, damit jeder derart Uniformierte ge¬ kennzeichnet ist, der einen Fluchtversuch unternimmt. “3 1 In Häftlingsberich¬ ten ist auch von Arbeitsanzügen und dem Tragen der Privatkleidung die Rede. Auch die Bekleidung war ein Anknüpfungspunkt für Schikanen. Julius Schätz¬ le erinnert sich: „Es gab endlose Kleiderappelle, bei denen immer ein Teil als unvorschriftsmäßig befunden wurde. Ein Sonntag ist mir noch in Erinnerung, da mußten wir siebenmal zum Kleiderappell antreten, und jedesmal dauerte es mindestens eine Stunde. “3 3
Bezüglich der einfachsten Alltagsgegenstände waren die Häftlinge auf die Pakete von Angehörigen angewiesen, die allerdings nur bei Wohlverhalten aus¬ gehändigt wurden.
Die Verpflegung war nach den Häftlingsberichten zwar minderwertig, aber dem Nährwert nach ausreichend. Doch Nahrungsentzug für einzelne oder Gruppen gehörte zu den Alltagsschikanen. Gleiches gilt für die hygienischen Verhältnisse. Die Notdurft zu verrichten, wurde oft an „Wohl verhalten“ ge¬ knüpft. Das Wasser im Lager war so knapp, daß die Häftlinge hin und wieder zum Baden in das Ulmer Garnisonsgefängnis gefahren wurden. 34
Arbeit im KZ wurde als „Erziehungsmittel“ und Privileg zugleich darge¬ stellt. Der Entzug von „Arbeit“ war Teil des Strafenkodex in der Stufe III und auch in den Strafbunkern. Es gab gelegentlich Aushilfsarbeiten - insbesondere im Wegebau - außerhalb des Lagers und in militärischen oder städtischen Ein-
32 Zit. nach: Lechner, Oberer Kuhberg, S. 14.
33 Schätzle, Wir klagen an, S. 6 f.
34 Zusammenfassung nach verschiedenen Berichten im A-DZOK sowie bei Adams, Orte,
Opfer, Täter, S. 23 ff.
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richtungen. Daneben wurde Arbeit als bewußt sinnloses Beschäftigungsritual eingesetzt, der einarmige Kurt Schumacher etwa mußte Steine schleppen. So war Arbeit im KZ Kuhberg - entgegen allen ideologischen und propagan¬ distischen Überhöhungen - ein Instrument der Entwürdigung. Aufgrund des objektiven Mangels an Arbeit erteilten die Wachmannschaften Ersatzbeschäf¬ tigungen für die Häftlinge und dabei alle Formen von militärischem Drill, der auch „Sport genannt wurde. Alfred Haag berichtet, daß „Strafexerzieren“ die Regel war: „Das wurde so weit getrieben, daß in der Regel einige Kamera¬ den umgefallen sind. Es hieß: Bergauf, bergab!; ob Regen oder Schnee war, das hat gar keine Rolle gespielt. Es wurde einfach angesetzt und zwar für einige Stunden, fast jeden Tag.“35
Im Rückblick auf seine über zehn Jahre zurückliegende Kuhberg-Haft be¬ schrieb Erich Kunter nach dem Krieg, „in welcher körperlichen und seelischen Bedrängnis die Häftlinge auch ihren Alltag zu verbringen hatten. „Die Un¬ gewißheit: komme ich hier wieder heraus und wann, belastete die Moral und die Nerven, dazu die ständige Furcht vor Spitzeln und Belauerung durch die Wachmannschaften, die Enge und Dumpfheit der Räume, das drückende Ein¬ gepferchtsein in Massen, unzulängliche hygienische Verhältnisse, Abortanla¬ gen, die jeder Beschreibung spotten, Verschmutzung, Verwahrlosung, Druck, Mißhandlung, Beschimpfung, es war ein qualvolles Dasein. [...] Das Gift die¬ ser unwürdigen, unmenschlichen Zustände wirkte sich aus. “3^
Die Gruppenbildung unter den Gefangenen verlief kontrovers: einerseits durch die Gefangenen selbst, ihre regionale, politische, soziale Herkunft oder auch den Zeitpunkt der Ankunft im Lager, und andererseits durch die „Ord¬ nung des Lagers und seiner Verantwortlichen. Diese Ordnung war in jeder Beziehung darauf abgestellt, die sozialen Strukturen, die die Häftlinge ins Lager mitbrachten, ihre Solidarität, zu unterwandern und zu zerstören. Dar¬ auf zielten die Einteilung der Häftlinge in die Räume (Stuben) der Kasemat¬ ten Gänge und besonders das Stufen- und Strafsystem ab. In der Regel mu߬ te die gesamte Gruppe für das Fehlverhalten des einzelnen büßen, und grundsätzlich - besonders auch in der propagandistischen Außendarstellung
35 Bettina Wenke, Interviews mit Überlebenden. Verfolgung und Widerstand in Südwest¬ deutschland, Stuttgart 1980, S. 49 f.
36 Kunter, Weltreise nach Dachau, S. 258 f.
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in der Presse - wurde zwischen „Verführern“ und „Verführten“ unterschie¬ den. In den Einzelverhören bei Buck wurde die Bemühung um Entsolida- risierung verstärkt, so durch die Androhung von Repressalien auch gegen Familienangehörige und Freunde und gleichzeitig durch Angebote zur Haft¬ erleichterung oder Entlassung im Fall von Denunziation oder gar beim An¬ schluß an die Hitlerbewegung. Häftlinge wie Alfred Haag, die im Gegensatz zu Kunter noch die KZ-Realität späterer Lager erlebten, schildern die Gefan¬ genen am Kuhberg noch als „homogene Gruppe oder homogene Gruppen von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern“. Haag weiter: „Bei keinem einzigen haben wir festgestellt, daß er der Lagerführung oder der SA zuliebe irgend etwas getan hätte. Mir selbst ist kein einziger Fall von Denun¬ ziation bekannt. “37
Wie in allen Konzentrationslagern stand auch am Kuhberg im Mittelpunkt der Kampf um Selbstbehauptung. Von größter Bedeutung war dabei der Kon¬ takt zur Außenwelt, etwa in Form von Berichten der neu angekommenen Häft¬ linge und insbesondere in Form von Briefen und Paketen. Die gesamte Post wurde streng zensiert und nur bei Wohl verhalten weitergeleitet. „Ein Brief bedeutete helle Wonne, einen Wink von außen, selbst wenn er eine Trauer¬ botschaft enthielt. “38
NS-Zeitungen, Bücher, Spiele, gemeinsam gesungene Lieder in den Zeiten, in denen weder Drill noch Arbeit angesetzt waren, gab es auch, sie standen aber im Ermessensspielraum der Bewacher und waren „Gnadenakte“ An¬ gesichts der Lebensbedingungen waren Flucht und Selbstmordgedanken ständige Begleiter. Es kam zu keinem vollzogenen Freitod, aber zu einigen Fluchtversuchen, deren Ausgang nicht bekannt ist. Der am besten dokumen-
37 Wenke, Interviews, S. 50. Der überlebende Häftling Karl Kunde nennt in seinen Erinne¬ rungen (Die Odyssee eines Arbeiters, Stuttgart 1985, S. 21 ff.) einen Mithäftling nament¬ lich als Überläufer und Spitzel. Vgl. Hermann Wichers, Möglichkeiten und Grenzen des Widerstandes von Sozialdemokraten und Kommunisten in Baden und Württemberg, in: Landeszentrale für politische Bildung/Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.), Formen des Widerstandes im Südwesten 1933-1945. Scheitern und Nachwirken, Ulm 1994, S. 26-52, hier S. 38.
38 Fred Rieckert um 1945, nach Lechner, Oberer Kuhberg, S. 44; Adams, Orte, Opfer, Täter, S. 38 ff.
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tierte Fluchtversuch des 21jährigen Alfred Lauterwasser und des 46jährigen Anton Waibel war bereits nach drei Tagen gescheitert. 39
Selbst Häftlinge, die nach ihrer Entlassung nach Hause zurückkehrten, leb¬ ten danach oft in der „NS-Volksgememschaft“ als „Menschen zweiter Klas- stigmatisiert. Dieses Stigma wirkte weit in die Nachkriegsgesellschaft nd spielte auch in der Region des Ulmer KZ noch jahrzehntelang eine * ^ePressa^en für sich und Familienangehörige, Arbeitslosigkeit, die ändige Angst vor Überwachung und Mißtrauen gegenüber der Umwelt präg¬ ten den weiteren Alltag im Nationalsozialismus. So sehr die Heimkehr auch er¬ sehnt wurde, ein KZ-Häftling blieb mit seinen Erfahrungen ein Fremder. Und galt auch für die Kuhberg-Häftlinge, denen die Flucht ins Ausland gelang. Eine verbindende Gemeinsamkeit fast aller Häftlinge war die Erfahrung n Arbeitslosigkeit und sozialer Not oder zumindest die starke Bedrohung rch Arbeitslosigkeit, insbesondere seit Ende der zwanziger Jahre. Die kon¬ krete parteipolitische Zugehörigkeit ist nur bei etwas mehr als der Hälfte der t Namen bekannten Häftlinge gesichert.^1 Demnach kamen 150 Häftlinge s der KPD und ihren Unterorganisationen, 18 aus der SPD. Etwa 70 davon waren nachweislich in Ämtern und Funktionen der Parteien.
„Vorbeugende Schutzhaft“ aus politischen Gründen gemäß der Verord- ng zum „Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933 blieb der for- juristische Haftgrund. Da die Justiz jedoch ab 21. März 1933 mit den „Heimtücke Verordnungen * sowie der Verordnung zur Einrichtung von Son- ergerichten neue Anklage- und Verfolgungsinstrumente erhielt, kamen viele P che Gegner vor Gericht und anschließend in Justizhaft. So wurde die „vorbeugende Schutzhaft“ in einigen Fällen zur „Schutzhaft nach Strafhaft“^
ohen durch eine erweiterte Schießscharte der Kasematten am 1. Mai 1935 und wurden am 2 _ ....
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ius Schätzle, Alfred Haag und Anton der Verfolgung und Unterdrückung
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oder zu einer Art Racheakt lokaler Parteigrößen, wie die Verhaftung von 114 NS-Gegnern aus Backnang am 16. Mai 1934, von denen 29 ins KZ Kuhberg transportiert wurden. Anlaß war die Ermordung eines Backnanger Polizisten durch einen ortsfremden ausländischen Studenten. Der „Schutzhaftbefehl“ wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“ begründete mit den politischen Motiven des Täters „eine allgemeine Razzia gegen linksra¬ dikale Elemente in Backnang“ die sich „bis heute noch keineswegs umgestellt“ hätten und nach wie vor „kommunistischen Ideen“ anhingen. 43
Kurt Schumacher und Alfred Haag44
Kurt Schumacher (1895—1952), gebürtig in Westpreußen und Kriegsinvalide seit 1914, war in seinen politischen Funktionen während der Weimarer Zeit der wohl wortgewaltigste und entschiedenste Parteipolitiker Württembergs gegen kommunistische und ganz besonders gegen deutschnationale und natio¬ nalsozialistische Republikgegner. Von 1920 bis 193 3 arbeitete er als politischer Redakteur des württembergischen SPD-Organs Schwäbische Tagwacht. Ab 1922 war er der Protagonist des republikanischen Kampfbundes „Schwaben¬ land“ und ab 1924 - bis zur letzten Kundgebung der „Eisernen Front“ am 4. März 1933 in Stuttgart - führendes Mitglied des „Reichsbanners Schwarz- Rot-Gold . Nach seiner Verhaftung am 6. Juli 1933 Wuppertal wurde er auf Initiative des württembergischen Gauleiters Murr ins KZ auf dem Heuberg verschleppt. Eigentlich wollten ihn die Nationalsozialisten in „einem großen
nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, in: Karl Giebeler/Thomas Lutz/ Silvester Lechner (Hrsg.), Die frühen Konzentrationslager in Deutschland. Tagungsbe- rieht, Bad Boll 1996, S. 11-40.
43 Lechner, Oberer Kuhberg, S. 47 ff. Vgl. Rolf Königstein, Alfred Dirr, NSDAP-Kreisleiter in Backnang. Ein Nationalsozialist und die bürgerliche Gesellschaft, Backnang 1999, passim.
44 Die folgende Darstellung nach Silvester Lechner, Die Kraft, Nein zu sagen. Kurt Schu¬ macher 1895-1952. Zeitzeugenberichte, Dokumente, Materialien zu Kurt Schumachers 100. Geburtstag, Ulm 1995; Völker Schober, Der junge Schumacher 1895 bis 1933, Bonn 2000. Zu Haag: Lechner, Oberer Kuhberg, S. 42.-46; Haag, Eine Handvoll Staub, Frankfurt a. M. 1995, passim.; Aus einem Interview mit Alfred Haag bei Wenke, Inter¬ views, S. 41-61.
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Triumphzug durch die Straßen Stuttgarts führen“ Dies scheiterte aber am Ein¬ spruch des Vorsitzenden des „württembergischen Offiziersbundes“ „der sich dagegen wandte, daß ein Schwerkriegsbeschädigter [...] durch die Gassen ge¬ schleppt werde“.4*
Der Stuttgarter NS-Kurier gab am n. Juli triumphierend die Verhaftung von „Oberhetzer Schumacher“ bekannt. Als „das verbrecherischste, das sich dieser famose Arbeiterführer leistete“, wurde eine Rede am Stuttgarter Markt¬ platz zitiert, in der er „die braune Schmach“ der Nationalsozialisten „tau¬ sendmal schlimmer als die [von den Nazis so genannte] schwarze Schmach“ der farbigen Kolonialsoldaten im von Frankreich besetzten Rheinland genannt habe. Schumacher sei nicht als politischer Gegner, sondern als kriminell zu be¬ werten und werde deshalb einer „Sonderbehandlung“ durch die politische Polizei empfohlen. Dies wurde im KZ Heuberg und ab Dezember 1933 im KZ Oberer Kuhberg realisiert, wo er als einer von etwa zehn Häftlingen vom ersten bis zum letzten Tag eingekerkert war.46 Am Kuhberg wurde Schuma¬ cher von Buck und einigen Wachleuten ständig beschimpft und bedroht, schi¬ kaniert und gequält. Erwin Schoettle, ehemals Stuttgarter Parteisekretär, schil¬ derte: Schumacher sei „unbeugsam und manchmal geradezu renitent“ gewe¬ sen, obwohl es ihm zeitweise „gesundheitlich sehr schlecht“ gegangen sei. Er habe „sich politisch noch immer tadellos und mutig“ gehalten, weshalb nicht allein die Mithäftlinge, „sondern teilweise auch die Wachmannschaften [...] größte Achtung vor ihm hätten “47 Schließlich wurde er monatelang in einem zum Strafbunker umfunktionierten „Unterstand“ auf dem höchsten Punkt des ^Z-Geländes oberhalb des „Appellplatzes“ in Isolationshaft gehalten.
Im zweiten Strafbunker, „ohne Wasser, ohne Licht, ohne Klosett, ohne die Möglichkeit, sich zu bewegen“,48 befand sich lange Zeit der 30jährige Kom¬ munist und Landtagsabgeordnete Alfred Haag (1904-1982) aus Schwäbisch- Gmünd. Schikanen wie Unterwerfungsversuchungen widerstanden Haag und Schumacher bis zur körperlichen Zerrüttung. Schumacher hielt nach dem Zeugnis Alfred Haags sogar wochenlang einen Hungerstreik aufrecht. Haag
45 Lechnec, Die Kraft, Nein zu Sagen, S. 66.
46 Zeitzeugenberichte ebenda, S. 59-68.
47 Ebenda, S. 66 f.
48 Wenke, Interviews, S. 51.
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wurde gezwungen, „wie ein Hund auf allen vieren den Berg hinaufzulaufen und dabei zu sagen: Ich bin ein Lump und habe die Arbeiter belogen und be¬ trogen “.49 Ziel sei gewesen, ihm das „moralische Rückgrat“ zu brechen. Ein Zeitzeuge fügte hinzu: „Ich glaube aber, daß ihnen das nicht gelungen ist. “5° Schumacher und Haag und mit ihnen 50 bis 80 andere Kuhberg-Häftlin- ge mußten ihren Leidensweg durch die Konzentrationslager auch nach der Schließung des Ulmer Lagers fortsetzen. Schumacher (bis März 1943) kam ebenso wie Haag (bis 1939) im Anschluß an die Kuhberg-Haft in das KZ Dach¬ au. Das KZ Neuengamme (Schumacher) sowie Mauthausen und die Ostfront (Haag) folgten. 29 andere Kuhberg-Häftlinge kamen ebenfalls im Juli 1935 ins KZ Dachau, einige auch in den Jahren danach. Das württembergische Lan¬ deskonzentrationslager Welzheim, das bis 1945 bestand und, insbesondere das KZ Buchenwald waren für jeweils mindestens 20 ehemalige Kuhberg-Häft¬ linge weitere Haftstationen. 5- 1
Katholische Pfarrer und „Asoziale“
Bei etwa 100 von insgesamt 600 Häftlingen sind andere politisch-soziale und weltanschauliche Hintergründe und damit andere Verhaftungsmotive von seiten des Regimes zu nennen.
Von politisch-propagandistisch größter Bedeutung war die KZ-Haft für die drei württembergischen katholischen Pfarrer Alois Dangelmaier, Josef Sturm und Josef Leissle. Schon in den ersten Januartagen 1934 erschienen in der Presse Württembergs umfangreiche Berichte über ihre Kuhberg-Einweisung, so am 8. Januar der Artikel unter der Überschrift „Schutzhaft für katholische Geistliche“. Sturm und Dangelmaier waren am 6. Januar (Leissle folgte am 19. Januar) in das Ulmer KZ eingeliefert worden. Zuvor hatte sich die Würt¬ tembergische Politische Polizei im November 1933 und dann noch einmal am 4. Januar 1934 über den regimekritischen Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll beschwert.
49 Haag, Eine Handvoll Staub, S. 18.
50 Wenke, Interviews, S. 49 f.
51 Adams, Orte, Opfer, Täter, S. 43-52.
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Zentraler Vorwurf im Artikel vom 8. Januar war, daß sich zwar „Staat und Kirche, vertreten durch ihre höchsten Führer, über ihre zuständigen Aufgaben¬ gebiete geeinigt hätten, nun aber „untergeordnete Angehörige des katho¬ lischen Klerus den unmißverständlichen Richtlinien“ zuwiderhandelten. Ge¬ meint waren damit die Vereinbarungen im Konkordat zwischen Vatikan und Deutschem Reich vom 20. Juli 193 3 , in denen Kirche und NS-Staat einander die Duldung ihrer Sphären und eine gegenseitige Nichteinmischung garantierten.
Da Dangelmaier in großer Nähe zum politischen Katholizismus der Wei¬ marer Zeit und zu dessen führendem württembergischen Repräsentanten, dem letzten Staatspräsidenten vor der Machtübernahme Eugen Bolz, stand, ist in der KZ-Inhaftierung der drei Pfarrer ein politisches Signal an alle Katholiken Württembergs — Klerus und Laien — zu sehen.
Dangelmaier durfte nach seiner sechswöchigen Kuhberg-Haft nicht mehr in seine Pfarrei in Metzingen zurückkehren. 5 2
Der Kommunist Erich Kunter schrieb aus der Perspektive des Mithäftlings nach dem Krieg über die Pfarrer: „Einige Häftlinge, die sich vorbildlich cha¬ raktervoll hielten, taten viel, um die Moral der anderen zu stärken, sie aufzu¬ muntern, seelisch zu betreuen. So vor allem die Pfarrer Dangelmaier und Sturm, die eines Tages unter wüstem Geschrei der SA-Leute in unseren Gang hineingestoßen wurden. [...] Sie mußten Abort schrubben und andere niedere Arbeiten verrichten, wurden dabei getreten und mißhandelt, in unflätiger Wei¬ se beschimpft. Sie ertrugen alles mit Gelassenheit und Seelenstärke, fanden bei allem abends immer noch Freude und Kraft, sich uns und unseren Nöten zu widmen und eine Stunde der geistigen und seelischen Erbauung ohne Fröm¬ melei mit uns zu verbringen. “53
Eine Gruppe von etwa 50 bis 80 Häftlingen ist weder dem Sozialismus noch dem politischen Katholizismus zuzuordnen. Nur in einzelnen Fällen sind Namen und genauere Haftgründe bekannt, 54 so bei drei in Konflikt mit der
52. Staatsanzeiger und Ulmer Tagblatt, 8. und 9. 1. 1934; NS-Kurier, 19. 1. 34; Lechner, Obe¬ rer Kuhberg, S. 18 ff.; Schnabel, Doch die Freiheit, die kommt wieder, S. 62 ff.
53 Kunter, Weltreise nach Dachau, S. 260.
54 Die meisten Häftlinge dieser Gruppe haben nach 1945 weder um Entschädigung ange¬ sucht noch ihre Identität preisgegeben, da sie nach wie vor negativ etikettiert waren. Den noch besten zeitgenössischen Einblick in diese Häftlingsgruppe gibt der drei Seiten lange
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Partei geratenen NSDAP-Mitgliedern, einem ehemaligen Wachtmeister und bei einem Prediger einer freikirchlich-evangelischen Gruppe aus Leutkirch. In diesem Fall, aber auch im Fall eines Kantinenwirts aus Oberndorf im Schwarzwald, trat ein Motiv hervor, das oftmals bei der Verhängung von Schutzhaft zu beachten ist, nämlich materielle Interessen der örtlichen NSDAP oder eines ihrer Mitglieder. So wollte die örtliche HJ sich das „christliche Er¬ holungsheim“ des Predigers und eine lokale NS-Größe die Kantine aneignen.55 Bei dieser Gruppe wurde in der Regel „nationale Unzuverlässigkeit“ als Haft¬ grund vorgeschoben.
Im KZ Oberer Kuhberg gab es darüber hinaus eine Gruppe, die weniger als politischer Gegner, sondern mehr als im weitesten Sinne sozial unangepaßt erschien. Hier gab es in Einzelfällen schon 1933 und 1934 Überschneidungen mit dem Bild der „Asozialen“, die ab 1935 im Sinne einer „rassischen General¬ prävention“ 56 eine wichtige Häftlingsgruppe im KZ-System wurden. So be¬ drohte z. B. in den ersten beiden Monaten des Jahres 1934 der Ulmer Polizei¬ direktor Wilhelm Dreher5? Personen, die „Gerüchte“ verbreiteten, sowie „Be¬ trunkene“ und „Wirte“ „die sich gegen gesetzliche Vorschriften vergehen“, mit Haft im Schutzhaftlager Kuhberg. Am 9. Februar 1935 wurde erstmals mit¬ geteilt, daß ein „Unterstützungsempfänger“, der sein Geld „in zweifelhafter Gesellschaft“ durchgebracht habe, ins „Schutzhaftlager Oberer Kuhberg“ ein¬ geliefert worden sei.58
Das Ulmer Lager kann als eine Fortsetzung des Heuberg-Konzentrations¬ lagers, also eine Weiterentwicklung unter den Bedingungen der Machtstabili-
Kuhberg-Untergrundbericht der „Roten Hilfe Deutschlands“ vom 9. April 1935; Lechner, Oberer Kuhberg, S. 14.
55 Beide Fälle in A-DZOK; Schnabel, Doch die Freiheit, die kommt wieder, S. 62.
56 Ulrich Herbert, Von der Gegnerbekämpfung zur „rassischen Generalprävention“ „Schutz¬ haft“ und Konzentrationslager in der Konzeption der Gestapo-Führung 1933-1939, in: Herbert/Orth/Dieckmann, Konzentrationslager, S. 60-86.
57 Wilhelm Dreher, 1892-1969, seit 1925 führender NS-Exponent der Region Ulm; 1928 einer der ersten NSDAP-Reichstagsabgeordneten; 1931 Fraktionsführer der NSDAP im Ulmer Stadtrat; 1933-1942 Polizeidirektor in Ulm. Vgl. Silvester Lechner, Ulm im Nationalsozialismus. Stadtführer auf den Spuren des Regimes, der Verfolgten, des Wider¬ stands, Ulm 1997, S. 19.
58 Ulmer Bilderchronik 5 a.
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sierung des NS-Regimes nach der Phase der Machtübernahme, betrachtet wer¬ den. Heuberg und Kuhberg hatten die Funktion, die politischen und später auch andere Gegner „auszuschalten“ sie zu zwingen, ihre politischen Über¬ zeugungen aufzugeben. Diese Funktion zu erfüllen, wurden (am Kuhberg mit steigender Intensität) alle Mittel des Terrors gegen einzelne eingesetzt. Ein letz¬ tes Tabu blieb noch die Tötung der Häftlinge. Trotz vieler Anzeichen von „Im¬ provisation, Rivalität, Willkür und Rache“ im Aufbau des Lagers und vor al¬ lem im Lageralltag der Häftlinge59 versuchte das Regime in Württemberg, die Konzentrationslager als Ordnungsfaktor in der Kontinuität früherer staat¬ licher Ordnungsmaßnahmen der Öffentlichkeit darzustellen. Insbesondere das Anknüpfen an militärische Traditionen und an Muster aus der Justizhaft unterstreicht dies.
Wesentliche Aspekte grenzen das frühe Lager Oberer Kuhberg vom Dachau Typus ab. Solche Aspekte sind die Landeshoheit und der geringe Einfluß der SS, die „innere Ordnung“ des Lagers mit dem Fehlen eines Kapo- und Funktionshäftlingssystems, Herkunft und sozialer Typus der Häftlinge und auch die Lager-Architektur. Die reichsweite Reorganisation des Lager¬ systems und damit der Funktionswandel der Konzentrationslager im Sinne der Dachauer Lagerordnung und der „Inspektion der Konzentrationslager“ präg- ten das Ulmer Lager kaum, trugen aber zu dessen Schließung bei.
Aus der im Juni 1948 im Rahmen der Vereinigung der Verfolgten des Nazi- regimes (WN) gegründeten „Lagergemeinschaft Heuberg-Kuhberg- Welz¬ heim“, der vor allem überlebende kommunistische württembergische KZ- Häftlinge angehörten, entwickelte sich Anfang der sechziger Jahre die Idee, in dem strukturell unveränderten Gebäude und Gelände des ehemaligen Konzen¬ trationslagers eine Gedenkstätte für das Land Baden-Württemberg einzurich¬ ten.60 Heute ist in der ehemaligen Kommandantur (dem „Reduit“ des Forts)
e im Jahr 2001 neu gestaltete Dauerausstellung zu besichtigen. Daneben ist als eindrücklichstes historisches Dokument ein Teil der unterirdischen Kase¬ matten, in denen die Häftlinge eingekerkert waren, zugänglich.
59 Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager, Frankfurt a. M.
1993, S. 41.
60 Eine kommentierte Chronologie der Entwicklung von 1948 bis 1971 in: Mitteilungen des
Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm e. V. 30 (1998), S. 7 ff.
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Literatur
Bernhard Häusle/Siegi Jonas, „ . . . daß es so etwas gibt, wo man Menschen ein¬ sperrt ..." Das KZ Oberer Kuhberg bei Ulm. Video-Film, Stuttgart 1995.
Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg), „Doch die Freiheit, die kommt wieder“. NS-Gegner im Württembergischen Schutzhaftlager Ulm I933“I935> Stuttgart 1994.
Silvester Lechner, Das KZ Oberer Kuhberg und die NS-Zeit in der Region Ulm/Neu-Ulm, Stuttgart 1988.
Mitteilungen. Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e. V., KZ-Gedenk- stätte, Heft 1 (1983) ff.
Oberschulamt Tübingen (Hrsg.), „Württembergisches Schutzhaftlager Ulm“. Ein frühes Konzentrationslager im Nationalsozialismus. Materialien für den Besuch der Ulmer KZ-Gedenkstätte mit Schülern, Tübingen 1995; Neuausgabe Ulm 2000.
Julius Schätzle, Stationen zur Hölle. Konzentrationslager in Baden und Würt¬ temberg 1933-1945, Frankfurt a. M. 2i98o.
Peter Stratmann (Hrsg.), Zugänge. Neunzehn direkt einsetzbare Unterrichts¬ einheiten für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Ulmer KZ-Ge¬ denkstätte, Ulm (DZOK) 1997, 2i999-
Quellen
Archiv des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, Ulm Landesarchiv Ludwigsburg Landesarchiv Sigmaringen Landesarchiv Stuttgart
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Udo Wohlfeld
Das Konzentrationslager Nohra in Thüringen
Vorgeschichte
In Thüringen wurde von November 1923 bis Februar 1924 erstmals flächen¬ deckend das Instrument der politischen Schutzhaft angewandt. Verhängt wurde sie durch die Reichswehr, die nach ihrem Einmarsch in Thüringen die Exekutive ausübte. 1921 hatte sich in Weimar eine SPD-Regierung gebildet, die von den Kommunisten toleriert wurde; im Oktober 1923 trat die KPD dieser Regierung bei. Da deshalb eine Reichsexekution drohte, verließen die Kom¬ munisten die Regierung im November 1923 wieder. Unabhängig davon be¬ setzte die Reichswehr auf Befehl des Reichskanzlers Stresemann Thüringen ab 6. November 1923 militärisch. Im Rahmen des Ausnahmezustandes nutzte das Militär in Thüringen die Möglichkeiten der Schutzhaft. Vor allem Mitglieder der Roten Hundertschaften - sie rekrutierten sich aus KPD und SPD - wurden im Laufe der militärischen Operation in Gefängnisse eingeliefert. Auch ein Konzentrationslager wurde auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf einge¬ richtet. Die Schutzhaft in den Gefängnissen und Lagern war von physischen und psychischen Repressalien begleitet. Sie wurde fast nur gegen Angehörige der Arbeiterparteien angewandt.
Die militärische Besetzung war Ausgangspunkt für eine Entwicklung in Thüringen, die in direkter Linie zur nationalsozialistischen Regierung im Au¬ gust 1932 führte. Reichspräsident Friedrich Ebert ordnete für den 10. Februar 1924 Neuwahlen in Thüringen an. Um eine erneute Linksregierung zu verhin¬ dern, bildeten die bürgerlichen Parteien das Wahlbündnis Thüringer Ordnungs¬ bund (TOB). Die Völkisch-Nationalen, unter ihnen die verbotene NSDAP, traten zu den Wahlen als Vereinigte Völkische Liste (WL) an. Da der TOB nur 35 von 72 Landtagssitzen gewinnen konnte, war es der WL (sieben Sitze - davon vier
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NSDAP-Mitglieder) möglich, Bedingungen für die Tolerierung zu stellen. Eine wichtige Forderung war, das Verbot der NSDAP aufzuheben - am 3. März 1924 wurde diese erfüllt. Die WL ermöglichte der NSDAP, sich nach der Entlassung Hitlers aus der Landsberger Haft reichsweit neu zu organisieren. Gleichzeitig konnte sie auf parlamentarischer Ebene politische Ziele propagieren.
Die NSDAP erhielt bei den thüringischen Landtagswahlen im Dezember 192.9 11 j3 % der Stimmen und damit sechs von 53 Sitzen. Es entstand die gleiche Situation wie 1924, nur mit einer bedeutend stärkeren und einflu߬ reicheren NSDAP - die bürgerlichen Parteien konnten nur gemeinsam mit der NSDAP eine Regierung bilden. Hitler stimmte der Koalition erst nach der Zu¬ sage zu, daß Dr. Wilhelm Frick das Innen- und das Volksbildungsministerium zugesprochen würde. Frick war bereits seit 1923 ein enger Vertrauter Hitlers, überzeugter Nationalsozialist und entschiedener Gegner der Weimarer Repu¬ blik. Er war an dem Putschversuch am 9. November 1923 in München betei¬ ligt und seit 1927/1928 Fraktionsführer der NSDAP im Reichstag. Am 25. Ja¬ nuar 1930 wurde Frick als erster Nationalsozialist Minister in einem Land. Während der 15 Monate seiner Regierungszugehörigkeit hat Wilhelm Frick Grundlagen für den Nationalsozialismus in Thüringen geschaffen. Am 1. April 1931 mußte er infolge eines Mißtrauensantrags die Regierung verlassen.
Die Regierungsbeteiligungen der NSDAP in Thüringen 1924 und 1930 hat¬ ten scheinbar nur Versuchscharakter. Die Reichspräsidentenwahlen im März/ April 1932 hingegen sahen in Thüringen Hitler auf Platz 1 - mit 44,3% hatte er acht Punkte mehr als im Reichsdurchschnitt. Damit schien für die National¬ sozialisten in Thüringen der Zeitpunkt gekommen, den Kampf um die Macht für sich zu entscheiden. Die Wahlen zum 6. Thüringer Landtag am 3 1. Juli 193 2 brachten der NSDAP den Durchbruch. Sie erreichte 42,5% der Wählerstim¬ men, was 26 von 61 Sitzen entsprach. Gemeinsam mit dem Thüringer Land¬ bund (TLB) bildete sie eine Koalitionsregierung. Vorsitzender der Regierung und Innenminister wurde Fritz Sauckel. Der TLB bekam einen „Staatsrat“ zugesprochen, ein Ministeramt ohne Ressort. Dieses nationalsozialistisch ge¬ führte Staatsministerium arbeitete ab dem 26. August 1932. Von August 1932 bis März 1933 wurden öffentlich von Sauckel und anderen Regierungsmit- ghedern immer wieder Drohungen gegen politische Gegner ausgesprochen. Sauckel etwa erklärte am 19. Oktober 1932: „Wir werden so brutal sein
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Die Heimatschule Mitteldeutschland e.V. auf dem Flugplatz Nohra (TbHStA Weimar)
können, wie Ihr es Euch noch nicht vorstellt.“1 Direkte Hinweise auf geplante Lager in Thüringen finden sich aber nicht.
Bis zum Februar 193 3 hatten sich die neuen Machtstrukturen gefestigt und waren bereits stabil. So entwickelten sich die von der Weltwirtschaftskrise stark in Mitleidenschaft gezogenen Industriestandorte Suhl und Umgebung und Meiningen im Thüringer Wald, bis dahin Zentren der Arbeiterparteien, zu Hochburgen der Nationalsozialisten. Die von Frick begonnene Umstruktu¬ rierung der Führungsebene der Thüringer Polizei wurde von Sauckel weiter¬ geführt und bis Dezember 1932 vollendet. Dadurch waren die Repressions¬ maßnahmen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten in Thüringen leichter durchzusetzen als im übrigen Reich. Eine Ursache dafür liegt in der Politik der Regierung des Thüringer Ordnungsbundes. Seit März 1924 entfernte sie Mitglieder und Sympathieträger der SPD innerhalb der Führung der Thüringer Polizei. Die sich daraus ab 1924 ergebende Verfolgungsstrategie der Polizei in Thüringen richtete sich in zunehmendem Maße vor allem gegen Kommunisten und Sozialdemokraten. Das beweist eine Unzahl von sogenannten Hoch¬ verratsprozessen. Sie gipfelten 1933 m der Verhaftung kommunistischer Funk¬ tionäre und aktiver Mitglieder im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand. Die Verhaftungen von Gewerkschaftern am 2. Mai 1933 im Zuge der Gleich¬ schaltung und von führenden Sozialdemokraten in großem Umfang im Juni 1933 nach dem Verbot der SPD zeigen, daß diese Strategie aufging.
Nach dem preußischen Vorbild wurde am 28. Februar 1933 auch in Thü¬ ringen eine Hilfspolizei rekrutiert. Sie setzte sich aus Mitgliedern der SA, der SS und des Stahlhelms zusammen. Bewaffnet waren die Hilfspolizisten mit Pistolen. Die Bekleidung bestand aus der Uniform des entsprechenden Ver¬ bandes. Am linken Oberarm trugen sie eine weiße Armbinde mit dem Polizei¬ stern des Landes Thüringen. Aktiv werden durften sie nur unter Führung der Schutzpolizei oder eines Gendarmeriepostens. Sie hatten einen Eid abzulegen und unterstanden dem Innenminister Sauckel. Die Hilfspolizei war Teil der Polizeistruktur im Frühjahr 1933. Es gibt keine Erhebungen, in welchem zah¬ lenmäßigen Verhältnis Polizei und Hilfspolizei in Thüringen standen. Bekannt
1 Der Nationalsozialist. Mitteldeutsche Tageszeitung, Kampfzeitung der Hitlerbewe¬ gung Groß-Thüringen für Ehre, Freiheit und Brot, 20. 10. 1932.
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ist nur, daß 592 SA-Männer 10 723 Tage Dienst zur Unterstützung der Thürin¬ ger Polizei leisteten, 1185 SS-Männer 31 758 Tage.2
Gründung des Konzentrationslagers
Anzahl und Kapazitäten der Haftanstalten in Thüringen entsprachen den hi¬ storisch gewachsenen Kleinstaaten, die sich 1920 zum Freistaat Thüringen vereinigt hatten. Thüringen (73 % des heutigen Gebietes) wurde in 16 Kreise aufgeteilt mit 61 Amtsgerichtsbezirken, in denen 55 Amtsgerichtsgefängnisse eingerichtet waren. Die Aufnahmefähigkeit dieser Gefängnisse war größten¬ teils sehr begrenzt. So gab es etwa in Gehren nur zwei beheizbare Gemein¬ schaftszellen und vier Einzelzellen ohne Öfen. In zehn Kreisstädten befanden sich Landgerichtsgefängnisse, in denen bis zu mehreren Dutzend Menschen eingesperrt werden konnten. Haftanstalten der Justiz gab es in Untermaßfeld bei Meiningen (Zuchthaus für Männer), Ichtershausen (Gefängnis für Män¬ ner), Gräfentonna (Gefängnis und Zuchthaus) und Eisenach (Jugendliche).
Besonders die vielen kleinen Amtsgerichtsgefängnisse garantierten norma¬ lerweise die Unterbringung aller Häftlinge. Wie bereits 1923/1924 zeigte sich im März 1933, daß die Haftstätten in Ausnahmesituationen nicht ausreichten. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurden in Thüringen inner¬ halb kürzester Zeit mehrere Hundert Kommunisten verhaftet. Zeitungen be¬ richteten von 1000 Verhaftungen. 3 Die Amts- und Landgerichtsgefängnisse waren sofort überfüllt. Auch die Einrichtung von Schutzhaftabteilungen in den Justizhaftanstalten brachte kaum Entlastung. So war das Landgerichtsgefäng¬ nis Weimar am 8. März 193 3 mit 117 Häftlingen belegt, davon 54 politische Gefangene (50 Männer, 4 Frauen). Haftplätze gab es für 102 Menschen. Der Oberstaatsanwalt beim Thüringischen Landgericht bat das Justizministerium, „daß ein Teil der politischen Gefangenen anderweitig untergebracht wird; der jetzige Zustand ist unhaltbar “4
2 Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar (ThHStAW), Der Reichsstatthalter in Thü¬ ringen, S. 132 f., Bl. 21.
3 Weimarische Zeitung, 20. 3. 1933.
4 ThHStAW, Thüringischer Generalstaatsanwalt Jena, 1088, Bl. 186.
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Spätestens am io. März 1933 kam der geforderte Teil der Häftlinge nach Nohra bei Weimar. In dieser Situation entschied sich das thüringische Innen¬ ministerium zur Einrichtung von Lagern für die festgesetzten Kommunisten. Drei Quellen beweisen, daß sich in der Heimatschule Nohra das erste Konzen¬ trationslager des nationalsozialistischen Deutschland befand. In der Weima- rischen Zeitung vom 4V5. März 1933 wurde eine kurze Notiz gebracht: „Mas¬ senreicher Abtransport. Während der Polizeiaktion gegen die Kommunisten sind in Thüringen, wie gemeldet, etwa 400 Funktionäre in Schutzhaft genom¬ men worden. Soweit die Gefängnisse nicht ausreichen, die Verhafteten aufzu¬ nehmen, werden die Kommunisten in zwei großen Sammellagern unterge¬ bracht. Bereits am Freitag [3 . März 1933] ist aus einer Reihe von Orten eine gro¬ ße Anzahl von KPD-Funktionären auf Kraftwagen unter starker polizeilicher Bedeckung in diese Lager abtransportiert worden. Man rechnet damit, daß etwa 300 Kommunisten in den beiden Sammellagern eingeliefert werden. “5
Am 5. März 1933 (Wahlsonntag) besuchte der Innenminister und Vorsit¬ zende des Staatsministeriums die Schutzhäftlinge in Nohra6 und hielt vor ihnen eine Rede, und schließlich schrieb der kommunistische Landtagsabgeordnete Fritz Gäbler am 3. März 1933 einen Brief an den Landtag, unterzeichnet mit „Fritz Gäbler, MdL, z. Zt. in Schutzhaft, Heimatschule Nohra“.7
Die ersten Häftlinge wurden aus den Gefängnissen in Ost- und Südthürin¬ gen sowie der Exklave Sondershausen nach Nohra gebracht. Das hing damit zusammen, daß diese Industriestandorte Thüringens traditionell „rote“ Hoch¬ burgen waren. Dort konzentrierten sich besonders viele kommunistische Stadträte und aktive Kommunisten, so daß in den vorhandenen Gefängnissen nicht genügend Platz war.
Zu dem zweiten Sammellager erschien in der Allgemeinen Thüringischen Landeszeitung Deutschland Weimar am 8. März 1933 eine Notiz: „Errich¬ tung eines kommunistischen Konzentrationslagers. Ohrdruf, 8. März. Auf dem Truppenübungsplatz soll, wie verlautet, ein Konzentrationslager errichtet wer¬ den, in dem die in Thüringen verhafteten kommunistischen Funktionäre unter¬ gebracht werden sollen.“ Es gibt keine Hinweise, daß dieses Konzentrations-
5 Weimarische Zeitung, 4J5. 3.1933.
6 Allgemeine Thüringische Landeszeitung, Weimar 7. 3 . 193 3 .
7 ThHStAW , Landtag von Thüringen, Bl. 9.
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lager eingerichtet wurde. Möglicherweise war Ohrdruf für Westthüringen vorgesehen. Ab Mitte März bestand jedoch keine Notwendigkeit mehr für ein weiteres Lager. Die am 28. Februar 1933 festgenommenen Häftlinge aus den Kreisen Meiningen und Eisenach beispielsweise verblieben in den dortigen Landgerichtsgefängnissen, die aus dem Kreis Arnstadt wurden in das Landes¬ gefängnis Ichtershausen gebracht.
Obwohl die nachfolgend beschriebene Verhaftungslogistik in mindestens der Hälfte der 16 Kreise ähnlich war, gibt es keinen Hinweis auf vorbereitete Verhaftungslisten. Die kommunistischen Funktionäre und aktive Mitglieder der KPD wurden in die jeweiligen Landgerichtsgefängnisse gebracht. Im Laufe des 1. und 2. März lieferte dann die Gendarmerie der kleineren Städte weitere Verhaftete dort ein. Anschließend wurde das Landgerichtsgefängnis geräumt, und die Häftlinge kamen nach Nohra - die meisten am 3. und 4. März 193 3. 8 So wurden aus Altenburg mindestens sechs Kommunisten ins Landgerichtsge¬ fängnis Altenburg gebracht, sieben kamen aus Meuselwitz, aus Lucka vier, aus Dobitschen drei. Ergänzt wurde der Transport, der am 3. März nach Nohra ging, mit Einzelpersonen aus kleineren Ortschaften. Unter Bewachung durch SA, SS und Stahlhelm ging es auf Lastkraftwagen in das Sammellager. Geleitet wurde er durch einen Polizisten. Wie das Beispiel Camburg zeigt, mußte es sich bei den LKW nicht um Polizeiautos handeln. Es konnten auch städtische oder private Lastwagen sein. Immerhin hatten sich die Chauffeure in Camburg ge¬ weigert, die LKW mit den Gefangenen nach Weimar zu bringen.9 Aus Buttstädt transportierte man die 13 Verhafteten gleich mit Polizeiautos nach Weimar.
8 Weimarische Zeitung, 4 V5. 3 . 193 3 .
9 Ebenda, 2.3. 1933: „Abtransport mit Hindernissen. Camburg. Am Dienstag Nach¬ mittag fand durch die Städtische und die Landespolizei eine Haussuchung bei allen kommunistischen Führern statt. Es wurde belastendes Material gefunden, und alle Führer und Funktionäre wurden in Schutzhaft genommen und dem hiesigen Amts¬ gericht zugeführt. Als am Abend die Verhafteten im Lastauto abtransportiert wer¬ den sollten, verweigerten die Chauffeure den Transport. Daher mußte das Über¬ fallkommando Jena angerufen werden. Während dieser Zeit versammelte sich eine große Menschenmenge in der Nähe des Amtsgerichts. Die Bahnhofstraße war durch Polizei abgesperrt. Infolge von Schmährufen der die Internationale singenden Men¬ ge mußte die Polizei zum Gummiknüppel greifen, um die Menge auseinander zu jagen. Währenddessen erschien das Überfallkommando und drängte die Massen
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Vor allem wegen der nationalsozialistischen Polizeiführung in Thüringen blieb das Verhaftungsmonopol in der Hand des Staates. Fälle von sogenannten wilden Lagern wie in Preußen können in Thüringen nicht nachgewiesen werden.
Bei der Wahl des Standortes eines Konzentrationslagers waren einige Prä¬ missen zu beachten:
- Er mußte in der Nähe der Landeshauptstadt Weimar liegen.
- Nicht weit entfernt mußte eine Einheit der Schutzpolizei stationiert sein, um jederzeit bei Zwischenfällen zur Verfügung zu stehen.
- Es mußten bereits geeignete Räume zur Unterbringung der Häftlinge vor¬ handen sein.
- Potentielle Bewachungskräfte sollten überzeugte Nationalsozialisten und möglichst für die Berufung als Hilfspolizisten geeignet sein.
Alle diese Voraussetzungen erfüllte die 1928 gegründete Heimatschule Mit¬ teldeutschland e. V., die ihren Sitz auf dem ehemaligen Flugplatz bei Nohra, sechs Kilometer von Weimar entfernt, hatte. Im September 1931 übernahm das NSDAP-Mitglied Egon von Pirch10 die Leitung der Schule, sie wurde nach na¬ tionalsozialistischen Grundsätzen ausgerichtet und dies wurde nach dem An¬ tritt der nationalsozialistischen Regierung Sauckel im August 193 2 auch offen gezeigt. Die militärische Orientierung der Schule wurde durch die Einstellung ehemaliger Unteroffiziere der Reichswehr als Ausbilder und Führungskräfte ge¬ währleistet. Neben Wehrsportlehrgängen für Jugendliche und Ferienlagern für Schüler fanden Wehrsportübungen des „Stahlhelms“ statt. Mit der Entwick¬ lung des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) wurde die Schule eines der Zentren in Thüringen für die Beschäftigung arbeitsloser Jugendlicher.
Als am 31. Januar 1933 m Weimar die Ernennung Hitlers zum Reichskanz¬ ler mit einem Fackelzug gefeiert wurde, marschierte die Heimatschule in ge¬ schlossener Formation direkt hinter den nationalsozialistischen Verbänden
auseinander. Die Straßen wurden gründlich gesäubert, und der Abtransport ging glatt vonstatten.“
10 Egon von Pirch wurde am 21. 8. 1892 geboren. Im September 1931 kam er aus Mersin in Pommern in die Heimatschule nach Nohra und wurde deren zweiter Direktor. Seit dem 1. 2. 1930 war er Mitglied der NSDAP. Nach Auflösung der Hei¬ matschule wurde er hoher Führer im FAD Thüringen. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
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der SA, der SS und der HJ - noch vor dem „Stahlhelm“. 11 Die Heimatschule war Teil der radikalen Rechten und eine paramilitärische Einrichtung. Äußerlich zeigte sich dies darin, daß die Ausgangskleidung aus ausgesonderten Uniform¬ stücken der Reichswehr bestand. Ein Fotoalbum im Thüringischen Haupt¬ staatsarchiv Weimar zeigt die Heimatschüler 193 2/33 bei der Marsch-, Schieß- und Geländeausbildung. Die militärischen Aktivitäten und die politische Ausrichtung der Schule waren in der Weimarer Öffentlichkeit bekannt. Wahl¬ berechtigte und ledige Heimatschüler wurden als Hilfspolizisten vereidigt. Es handelte sich dabei vor allem um Angehörige des FAD.
Struktur und Entwicklung des Lagers
Nohra war ein staatliches Lager, eingerichtet vom Thüringischen Ministerium des Innern. Die Errichtung des Konzentrationslagers in Nohra war mehr impro¬ visiert als geplant. Dies ergibt sich vor allem daraus, daß es in seiner Aufnahme¬ fähigkeit sehr begrenzt war und nicht vergrößert werden konnte. Auch die fehlende Einrichtung (Möbel, Betten) und mangelhafte Hygienebedingungen deuten auf ein Provisorium hin. Die Heimatschule in Nohra bestand aus zwei Gebäuden, die durch einen Flachbau verbunden waren. Im rechten Haus war der Freiwillige Arbeitsdienst untergebracht. Im linken befanden sich im Erdge¬ schoß die Verwaltung und der große Speisesaal der Schule. Das erste Geschoß war für die Wehrsportlager des Stahlhelms reserviert. Darüber wurde das Kon¬ zentrationslager eingerichtet. Unterteilt war es in drei große Säle, ausgestattet nur mit Stroh und Decken. Es herrschten katastrophale hygienische Zustände wegen zu weniger Toiletten und Waschgelegenheiten. Zeitweise war das Lager völlig überfüllt. Es ist nicht bekannt, ob die Fenster der Haftsäle vergittert wa¬ ren. Fotos aus anderen Gebäudeteilen zeigen unvergitterte Fenster. Die Türen zu den Sälen wurden gleichzeitig von mehreren Hilfspolizisten innerhalb der Haft¬ zone bewacht. Dazu wurde ein weißer Strich gezogen, den die Schutzhäftlinge bei Androhung von Strafe nicht überschreiten durften. Die Heimatschule war nicht durch Stacheldraht, Zaun oder Mauern von der Außenwelt isoliert.
n Der Nationalsozialist, 1. 2. 1933.
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In den ersten Tagen nach der Einrichtung des Lagers gab es keinen Frei¬ gang. Erst nach einer Beschwerde — wahrscheinlich während des Besuches von Sauckel am 5. März 1933 “ war jeden zweiten Tag ein halbstündiger Freigang erlaubt. Verantwortlich für die Bewachung und Führung des Lagers war das Thüringische Ministerium des Innern. Die Wachmannschaft setzte sich aus Hilfspolizisten zusammen, die von der Heimatschule gestellt wurden. Ver¬ stärkt wurde dieses Kontingent durch Angehörige der SA und des Stahlhelms. Die Führungskräfte der Heimatschule waren gleichzeitig die Führungskräfte der Wachmannschaft im Konzentrationslager Nohra.
Das Ministerium des Innern richtete in der Schule eine Polizeidienststelle ein, die z. B. die Vernehmungen, Überführungen in andere Haftanstalten und Entlassungen der Häftlinge vornahm. Das erforderte neben wenigstens zwei Kriminalbeamten mehrere Polizisten. In Weimar war eine Abteilung der Schutz¬ polizei kaserniert. Da das Konzentrationslager Nohra der Landesregierung unterstellt war, stellte die Schutzpolizei die benötigten Beamten - Mann¬ schaftsdienstgrade und mindestens einen Offizier oder Unteroffizier. Der ver¬ antwortliche Leiter der Polizeidienststelle in der Heimatschule Mitteldeutsch¬ land kann als der Führer des Konzentrationslagers Nohra angesehen werden. Sein Name ist nicht bekannt.
Wie in anderen Ländern des Reiches gab es auch in Thüringen Unsicher¬ heiten bei der Bezeichnung der entstehenden Lager. Zunächst wurde Nohra als „Sammellager“ bezeichnet. Der Begriff Konzentrationslager für Nohra taucht am 8. März 1933 m einer Zeitung auf,12 und ein Staatsanwalt verwen¬ det in einer Anklageschrift vom 12. Mai 1933 im Adressat die Wendung „zur Zeit im Konzentrationslager Nohra“. *3 Für das Wesen des Lagers war die Wahl des Begriffs unerheblich. Das Lager Nohra hatte zunächst Internierungs¬ charakter und diente dem außergerichtlichen Freiheitsentzug. Die Hauptauf¬ gabe bestand darin, politische Gegner für eine begrenzte Zeit zu isolieren. Eine zweite Aufgabe war, die Häftlinge zur Loyalität dem neuen Herrschaftssystem gegenüber zu zwingen. Entlassen wurde nur, wenn der Häftling eine entspre¬ chende Erklärung unterschrieben hatte. Zudem sollte das Lager als Warnung
12 Allgemeine Thüringische Landeszeitung, 7. 3. 1933.
13 Thüringisches Staatsarchiv Rudolstadt, Rat des Bezirkes Gera, VdN 03/06, Johan¬ nes Budnik.
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dienen, daß der nationalsozialistische Staat keine politischen Gegner tolerie¬ ren würde. Mehrfacheinlieferungen sind bekannt.
Häftlingskategorien wie in späteren Lagern gab es in Nohra noch nicht. Im Verständnis der Nationalsozialisten war Nohra ein Lager für kommunistische Funktionäre, und es waren nur Kommunisten aus dem Freistaat Thüringen eingesperrt. Häftlinge aus den preußischen thüringischen Gebieten kamen in dortige Haftstätten, z. B. in das Konzentrationslager Feldstraße in Erfurt. So¬ zialdemokratische Häftlinge sind bisher in Nohra nicht nachgewiesen. Fünf der zehn kommunistischen thüringischen Landtagsabgeordneten wurden in Nohra inhaftiert: Fritz Gäbler, Richard Eyermann, Rudolf Arnold, Erich Scharf und Leander Kröber. Ein großer Teil der kommunistischen Stadträte und andere kommunistische Funktionäre Thüringens, wie die KPD-Ortsvor- sitzenden, die Kassierer, Angehörige des Rot-Front-Kämpfer-Bundes (RFB), Aktive der Roten Hilfe wurden ebenfalls nach Nohra verbracht.
Durch die Verhaftungsaktion vom 28. Februar 193 3 wurden nur sehr weni¬ ge Frauen erfaßt. So wurde in Camburg, Gera, Gotha und Weimar mindestens je eine Frau verhaftet. Max Keppler schreibt in seinen Erinnerungen: „Andere Genossen sind schon da. Die Frauen werden von uns getrennt und stehen in der linken hinteren Ecke der Halle. Unter ihnen Genossin Meta Bohnert.14 Groß und stattlich steht sie dort, wendet keinen Blick von uns.“15 Wie viele Frauen im Konzentrationslager Nohra inhaftiert waren, ist nicht bekannt. Ihre Anzahl wird sehr beschränkt gewesen sein, die Aufenthaltsdauer kurz.
Im KZ Nohra mußten die Häftlinge nicht arbeiten. Sie hielten sich den gan¬ zen Tag in den Schlafsälen auf. Unterbrochen wurde diese Eintönigkeit und Iso¬ lation nur durch Vernehmungen und die anfangs täglichen Zugänge. Nach wel¬ chen Kriterien die Entlassungen vorgenommen wurden, ist nicht feststellbar.
Während der Höchstbelegung erkrankte der Funktionär des Rotfront¬ kämpferbundes Fritz Koch aus Gotha an einer Zahnentzündung. Am 17. März 1933 starb er in einem Weimarer Krankenhaus. Das illegale Thüringer Volks-
14 Meta Bohnert, geboren am 20. 6. 1890, Mitglied der KPD seit Gründung in Gera 1919, Mitglied der RGO (Rote Gewerkschaftsopposition), von 1924 bis 1933 Be¬ triebsratsmitglied in der Geraer Strickgarnfabrik, gewähltes Stadtratsmitglied der KPD in Gera, verhaftet am 28. Februar 1933, am 2^- April 1934 verstorben.
15 Bundesarchiv Berlin (BArch), SgY 30/0460, Erinnerungen Max Keppel.
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blatt prangerte im Juni 1933 die Zustände in Nohra an und verwies darauf, daß den Häftlingen ärztliche Hilfe verweigert würde.
Den Häftlingen wurden zwei Tageszeitungen zur Verfügung gestellt: Die Thüringische Staatszeitung - Der Nationalsozialist und die Allgemeine Thü¬ ringische Landeszeitung Deutschland- Weimar. Ob private Briefe geschrieben oder empfangen werden durften, konnte bisher nicht geklärt werden. Außer den Benachrichtigungen der eingesperrten Landtagsabgeordneten, die sie an den Landtag in Weimar schickten, sind keine Verbindungen zu den Angehöri¬ gen bekannt. Aus Häftlingsberichten geht hervor, daß es Wachmänner gab, die illegal Briefe beförderten. Ebenfalls nicht bekannt ist, ob Angehörige die Häft¬ linge besuchen durften.
Auch wenn es in Nohra keine physischen Strafmaßnahmen in der Qualität und Quantität wie später im KZ Bad Sulza oder Buchenwald gab, sprechen ehemalige Häftlinge in Erinnerungsberichten bereits von Mißhandlungen in diesem Lager. Der Schlosser Adolf Riedelsheimer aus Altenburg schrieb 1951 seine Erinnerungen nieder: „Zuerst wurden wir in die Polizei-Kaserne in Wei¬ mar transportiert, wo der bekannte Polizei-Leutnant Wille, der früher in Al¬ tenburg stationiert war, versuchte, uns zu provozieren, indem er uns mit dem Gesicht an die Wand stellen ließ und die Polizei-Mannschaften mit geladenen Karabinern hinter uns standen. In Nohra bei Weimar angekommen, mußten wir Spießruten laufen durch zwei Reihen mit Handgranaten und Pistolen aus¬ gerüsteten Stahlhelmern und SA-Leuten, dann kam die Ver [. . . nicht lesbar] mit dem Revolver auf den Tisch und ähnliche Schikanen. Aber wir ließen uns nicht einschüchtern. Wir waren uns alle klar darüber, wenn die Arbeiterschaft was unternimmt zu unserer Befreiung, da hat für uns die letzte Stunde geschlagen. Um nur ein Beispiel zu zeigen. Ein Kamerad hatte unterwegs einen Zettel ver¬ nichtet, was ein Polizist sah. Im Lager wurde der Kamerad von einem Polizei- Offizier mit einem Faustschlag ins Gesicht empfangen. Leider waren wir nicht sehr lange dort, um zu erfahren, wie der Offizier heißt. Verschiedene Kamera¬ den wurden dann den Gerichten übergeben, und die anderen, denen sie nichts nachweisen konnten, wurden unter Vorbehalt entlassen und standen unter Aufsicht der Gestapo.“16
16 Ebenda, DY 55 V 278/4/131, Adolf Riedelsheimer.
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Julius Mäder, Maurer, Kommunist aus Neuhaus-Schierschnitz bei Sonne¬ berg, war 27 Jahre, als er nach Nohra kam. „Wir waren gerade dabei - es war im großen Saal vom Eingang in der hinteren Ecke links - in hockender Stellung über unsere damalige Situation zu beraten, was zu machen ist, wenn von außen her die Massen in Bewegung geraten, als ein Posten von der Tür herangerannt kam und dem Genossen Schubert Karl die Pistole ins Kreuz schlug, daß er zu¬ sammenbrach.“17 Max Keppel aus Gera erinnert sich: „Wir erkennen, daß wir auf dem Flugplatz bei Weimar sind. Hier ist ein Arbeitsdienstlager. Die übliche Schnauzerei, Kommandos, Antreten, ohne Tritt Marsch. Wir werden in eine Halle geführt. Um uns herrscht aufgeregtes Treiben. Widersprechende Kom¬ mandos. Die Polizisten sind fort, SA-Leute und Arbeitsdienstler bewachen uns. Wir müssen in einer Reihe antreten. Gesicht zur Wand. Hinter uns geschieht etwas, umdrehen dürfen wir uns nicht. Wir fühlen, wie in einigen Schritten Abstand von uns sich die Wachmannschaften auch in einer Reihe ordnen. Ge¬ wehre laden! tönt das Kommando. Die Gewehrschlösser knacken, Patronen werden eingeschoben, Anlegen. Unwillkürlich nehmen wir Tuchfühlung. Ner¬ ven behalten ist jetzt das Wichtigste. Eine ganze Weile stehen wir so. Hände Hoch! Einige fangen an, uns nach Waffen zu durchsuchen. Die Spannung fängt an, sich zu lösen. Die erste Nervenprobe haben wir bestanden. Wir Geraer, so vierzig Mann, kommen mit Genossen aus Greiz und vom Thüringer Wald zu¬ sammen, mehr als hundert Mann in einen großen Werksaal.“18
Nach ihrer Festnahme glaubten viele der Verhafteten, daß es sich um eine der damals üblichen Razzien handelte. Erst nach und nach begriffen sie den Ernst der Situation, vor allem nach der Einlieferung in das Lager Nohra. Vor allem der psychische Druck war groß. Kein Häftling wußte, wie lange die Haft dauern würde. Ohne Urteil wurden sie länger als drei Monate (die polizeiliche Sicherheitsverwahrung durfte nur für drei Monate angewandt werden) in Nohra festgehalten - darüber hinaus kamen noch einige der Häftlinge in das spätere Konzentrationslager Bad Sulza. Nach Nohra wurden auch Menschen gebracht, gegen die ein Ermittlungsverfahren lief. Aus der polizeilichen Sicher¬ heitsverwahrung in Nohra kamen sie vor Gericht, danach unmittelbar in die
17 Ebenda, DY 55 V 278/4/128 a, Julius Mäder.
18 Ebenda, SgY 30/0460, Erinnerungen Max Keppel.
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Gefängnisse als Strafgefangene. Möglich war auch die Rückverlegung eines Häftlings aus Nohra in ein anderes Gefängnis. In einem Fall unterschrieb ein Häftling, der offensichtlich Anfang 193 3 aus dem Zuchthaus Untermaßfeld auf Bewährung entlassen worden war, nicht den Revers. Daraufhin wurde er zur Verbüßung der Reststrafe nach Untermaßfeld zurückgebracht.
Die Schutzhaft in Thüringen war eine polizeiliche Sicherheitsverwahrung. Die kommunistischen Gefangenen waren Polizeihäftlinge. Daraus ergab sich das Recht für sie, wählen zu dürfen. Bereits mit der Einlieferung am 3. März *93 3 forderten die ersten Häftlinge ihr Wahlrecht für die Reichstagswahlen am 5. März ein. Die Häftlinge im Konzentrationslager Nohra wählten im gleichen Wahlbezirk wie die Einwohner von Nohra. Dafür gingen der Dorfpolizist und ein Wahlhelfer mit der Wahlurne in die Heimatschule. Alle Häftlinge gaben der KPD ihre Stimme. Dadurch erhielt die Kommunistische Partei in Nohra 172 Stimmen, wenige Monate zuvor bei den Kommunalwahlen im Dezember 1932 waren es zehn gewesen.