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ABHANDLUNGEN

DER

KÖNIGLICH BAYERISCHEN

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

PHILOSOPHISCH-PHILOLOGISCHE UIJD HISTORISCHE KLA^E

ACUTÜNDZWANZIGSTER BAND

IN DER REIHE DER DENKSCHRIFTEN DER LXXXVII, BAND

,7^

MÜNCHEN 1917 VERLAG DER K. BAYER. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

IN KOMMISSION DES G. FRANZSCITEN VERLAGS (J. ROTH)

Akademische Buchdruckerei von F. Straub in Mttnchen.

Inhalt des XXVIII. Bandes.

Seite

1. Chinesische Schattenspiele. Übersetzt von Wilhelm Grube. Auf Grund des Nachlasses durchgesehen und abgeschlossen von Emil Krebs. Heraus- gegeben und eingeleitet von Berthold Laufer . Se. I XXIV u. 1—442

2. Vokabular der Rama-Sprache nebst grammatischem Abriß von Walter Lehmann ............ 1 124

3. Die Gründung der Münchener Hofbibliothek durch Albrecht V. und Johann

Jakob Fugger von Otto Hartig (mit 8 Tafeln) . . Se. I-XIV u. 1—412

Abhandlungen

der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Philosophisch - philologische und historische Klasse

XXVIII. Band, 1. Abhandlung

Chinesische Schattenspiele

Übersetzt

von

Wilhelm Grube

Auf Grund des Nachlasses durchgesehen und abgeschlossen

von

Emil Krebs Herausgegeben und eingeleitet

von

Berthold Laufer

Vorgelegt am 8. Juni 1912

München 1915

Verlag der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften

in Kommission des G, Franzschen Verlags (J. Roth)

Inhalt.

Vorwort Einleitunor

Stücke buddhistischen Inhalts.

IL

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XL

XII.

Die Weiße Schlange, ein Fünfer-Zyklus . . . .

1. Der Geliehene Schirm . . . . . . .

2. Der Tempel des Goldenen Berges ....

3. Die Zerbrochene Brücke ......

4 a. Die Almosenschale (erste Redaktion) ....

4 b. Die Almosenschale (zweite Redaktion)

5. Das Opfer an der Pagode

Die Grundlose Höhle

Stücke taoistischen Inhalts. Die Chaosbüchse Die Zauberperle .... Der Hundert-Gräser-Berg . Die Geisterbeschwöiiing der Ma-ku Ein Sohn als Geschenk der Fee

Das Bild mit den Hundert Zeichen des Langen Lebens Die Glückbringer, ein Neujahrsglückwunsch Der Trommeltanz .......

XIII. XIV.

XV. XVI.

XVIL XVIII.

Stücke historischen Inhalts. Die Schachpartie ......

Der Bettler-Kaiser, ein Zyklus von acht Spielen

L Der Ballwurf und die Verstoßung des Schwiegersohnes

2. Der Handschlag

3. Der Abschied in der Ziegelei

4. Der doppelte Abschied in der Ziegelei ö. Der Auszug aus der Ziegelei

6. Der Besuch in der Ziegelei ....

7. Die Wildgans als Liebesbote

8. Die Rückkehr in den Kaiserpalast

Die Freudenbotschaft

Die Heldin Liu Chin-ting, ein Vierer-Zyklus L Shuang So Shan

2. Der Kampf an den Vier Toren

3. Der Krankenbesuch .....

4. Die Kriegslist im Bambushain Der Überfall in den Bergen oder Die Erzwungene Heirat Chiang Hsü, in zwei Spielen ....

1. Der Helm als Säugling ....

2. Chiang Hsü klettert auf den Weidenbaum . Aus dem Leben des Generals Kuo Tsze-i .

1. Die Sieben Söhne und Acht Schwiegersöhne

2. Die Züchtigung der Kaiserlichen Prinzessin Die Friedensbrücke

Seite

V

VII

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27 113 118 121 127 129 133 135

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IV

XIX. Die Kleine Schmährede vor der Stadtmauer XX. Die Große Schmährede vor der Stadtmauer XXI. Der Eunuch und sein Kästchen XXII. Ti Ch'ing als Hülfesuchender .

XXIII. Hu Ti schmäht den Höllengott

XXIV. Die Hinrichtung der Tou 0 . . .

Bürgerliche Schauspiele und Sittenstücke.

XXV. Das Verbindungstor

XXVI. Der Verprügelte Sack

XXVII. Der Geprügelte Küchengott

XXVIII. Die Tugendhafte Schwiegertochter

XXIX. Die Glückliche Familie .

XXX. Auf dem Söller

XXXI. Der Kampf um den Mann

XXXII. Der Jujubendiebstahl

XXXIII. Der Blumenkiosk

XXXIV a. Der Geliehene Kopfputz (erste Redaktion) . . . . .

XXXIV b. Der Geliehene Kopfputz (zweite Redaktion)

XXXV. Das Schneeschippen

XXXVI. Die Reisgabe

XXXVII. Der Besuch im Gefängnis

XXXVIII. Die Verlangte Aussteuer

XXXIX. Wie Hsüeh-mei ihren Sohn erzieht

XL. Wie Frau Wang Ch'un-o ihren Sohn erzieht . . . . .

XLI. Das Doppelte Ehrendiplom

XLII. Das Zitherspiel

XLIII. Das Laternenfest

Lustspiele und Burlesken.

XLIV. Der Zank im Brautgemach

XLV. Der Verpfändete Lederkoifer

XLVI. Ein Stück Leinwand

-XL VII. Der Schlag auf den Mehlkübel

XL VIII. Der Rübendiebstahl

XLIX. Der Rübendieb

L. Der Schulmeister in Nöten ......

LI. Der Eseltreiber . . . . . . . . .

LH. Der Zank zwischen Mutter und Tochter ....

LIII. Das Großmaul .........

LIV. Der Prahlhans

LV. Die Beiden Pantoffelhelden ......

LVI. Die Drei Pantofifelhelden

LVII. Das Kleine Drachentor

Solos

LVni. Bei der Toilette

LIX. Der Räuber

LX. Die Flohhatz

LXI. Ein Schelmenlied

LXII. Hochzeitsfreude

LXIII. Der die Speisen ausrufende Kellner . LXIV. Der Speisewirt ......

LXV. Lied eines Bauern bei der Aussaat und Ernte

LXVI. Der Traum

LXVII. Ein Traum

LXVIII. Loblied einer Jungfrau auf einen Drallen Kleinen Knaben

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Vorwort.

Die Grundlage dieser aus Wilhelm Grubes Nachlaß veröffentlichten Arbeit bildet eine handschriftlich aufgezeichnete Sammlung chinesischer Schattenspieltexte (19 Hefte), die der Unter- zeichnete im Jahre 1901 von einer Schattenspielertruppe in Peking samt deren aus etwa tausend Figuren bestehenden Apparat für das American Museum in New-York erwarb. Von einer An- zahl der Singspiele wurden phonographische Aufnahmen hergestellt, die zum Teil durch Erich Fischer im Psychologischen Institut der Universität Berlin bearbeitet worden sind. Für das Studium der Texte kam Wilhelm Grube bei seiner ausgedehnten Kenntnis der chinesischen Volkskunde und des volkstümlichen chinesischen Dramas insbesondere als die geeignetste Per- sönlichkeit in Frage. Im Sommer 1904 wurde die Angelegenheit mit ihm besprochen und der Vorschlag, die Herausgabe und Übersetzung der Texte zu übernehmen, begegnete einer ebenso bereitwilligen als verständnisvollen Aufnahme. Im Herbst desselben Jahres wurde daher das chinesische Manuskript von New-York an Professor Grube in Berlin gesandt, der bereits im März 1905 berichten konnte, daß er dreizehn Stücke übersetzt habe, von denen die Hanswurst- possen bei weitem die interessantesten seien, und daß er sein Hauptaugenmerk auf diese Gattung zu richten gedenke. Am 23. Januar 1906 schrieb Professor Grube:

„Von den Schattenspieltexten habe ich den weitaus größten Teil durchgenommen und übersetzt. Die Hauptschwierigkeit dabei war die Herstellung des Textes, der in einem geradezu schauderhaften Zustande ist. Von 25 Stücken habe ich mir eine korrekte Abschrift angefertigt, die schon 250 Seiten füllt. Nun aber steht mir noch die Durchsicht und Übersetzung eines, wie es scheint, nicht uninteressanten mythologischen Zauberdramas [Nr. III der Sammlung] be- vor, welches sehr viel umfangreicher ist als die übrigen und allein vier von den im ganzen neunzehn Heften füllt. Zu diesem Zweck muß ich mir noch etwas Schonzeit ausbitten, da ich außer den Schattenspieltexten gleichzeitig noch andere laufende Arbeiten unter der Feder habe. Die dringendsten davon sind zwei Beiträge für die Kultur der Gegenwart (darunter ein größerer), die bis zum 1. März geliefert werden müssen. Außerdem vier Bogen für das Religionsgeschichtliche Textbuch von Bertholet, bis zum 1. Juli fällig. Trotzdem arbeite ich fast täglich sachte an den Schattenspielen weiter, woraus Sie sehen können, daß es nicht an gutem Willen fehlt; nur ist die Sache schwieriger und auch zeitraubender als ich anfangs dachte."

Als erste Probe erschien im Jahre 1906 in der Boas Festschrift (Boas Anniversary Volume) „Die Huldigungsfeier der Acht Genien für den Gott des Langen Lebens. Ein chine- sischer Schattenspieltext übersetzt von Wilhelm Grube." Leider sollte der unermüdliche Forscher den Abschluß seiner aufopfernden Arbeit nicht mehr erleben: ein langwieriges Herzleiden setzte am 4. Juli 1908 seiner rastlosen Tätigkeit ein Ziel. Im Februar 1908 hatte der Herausgeber noch die Freude, ihn auf kurze Zeit in seinem Studierzimmer in Berlin zu sehen und neue Arbeitspläne mit ihm zu besprechen. Ende Juli, als er in Peking eintraf, erreichte ihn die Trauerbotschaft von dem allzu frühen Ableben seines verehrter^ Lehrers. Eine Reise nach Tibet verhinderte den Unterzeichneten, sich des hinterlassenen Manuskripts anzunehmen. Herr Legationsrat Emil Krebs, erster Dolmetscher der Kaiserlich Deutschen Gesandtschaft in Peking, selbst ein Schüler und treuer Verehrer des Dahingegangenen, erbot sich, das unvollendete Werk

VI

abzuschließen. Auch an dieser Stelle sei Herrn Krebs für seine in selbstlosester "Weise unter- nommene, überaus mühevolle und gewissenhafte Arbeit wärmster Dank abgestattet. Seine Mit- arbeiterschaft ist der Sache in hohem Grade zugute gekommen, da die Texte in der Pekinger Volkssprache abgefaßt sind, die er mit voller Meisterschaft beherrscht. Zahlreiche Anspielungen auf örtliche Verhältnisse haben in ihm den rechten Interpreten gefunden; in schwierigen Fällen konnte er auch den Rat von Pekinger Schattenspielern einholen. Insbesondere erstreckt sich die Arbeit des Herrn Krebs nach drei Seiten hin. Er hat vor allem eine Anzahl (im ganzen 23, dazu die Solos) von Grube nicht übersetzter Stücke selbständig und mit großem Geschick übertragen. Diese Übersetzungen sind in jedem einzelnen Falle als solche kenntlich gemacht. Er hat sodann unvollendete Übersetzungen Grubes abgeschlossen, die bereits fertigen Übersetzungen einer gründlichen Durchsicht unterzogen, die dem Dahingeschiedenen versagt war, dieselben mit der Urschrift verglichen und Verbesserungen sowie Erläuterungen hinzugefügt. Er hat ferner die chinesischen Texte nachgeprüft, die noch nicht abgeschriebenen kritisch bearbeitet und den gesamten Textstoff in druckfertigen Zustand gebracht. Auf Veranlassung von Frau Professor Grube sind die chinesischen Texte in der Druckerei der Katholischen Mission in Yen-chou, Schan-tung, unter Leitung des Herrn Krebs gedruckt worden; dieser Band, im gleichen Format wie diese Abhandlungen, ist von Otto Harrassowitz in Leipzig zu beziehen.

Der Natur der Sache nach kam für die Umschreibung chinesischer Namen nur der Pekinger Dialekt in Frage. Das Studium der chinesischen Volkssprachen ist bisher in recht bescheidenem Maße betrieben worden. In der Mundart vorr Peking sind nur einige Volkslieder und eine kleine Sammlung von Schnurren veröffentlicht worden. "Wir geben uns der Hoffnung hin, daß diejenigen, welche sich zu praktischen oder wissenschaftlichen Zwecken mit der Sprache der Hauptstadt befassen, in diesem Werke reichen und anregenden Stoff finden werden. Es kann nicht genug bedauert werden, daß es Grube nicht mehr vergönnt gewesen ist, uns die Erzeug- nisse der chinesischen Schattenbühne zu erklären. Niemand hat ein so feinsinniges und tiefes Verständnis für das Seelenleben des chinesischen Volkes besessen als er.

Der Herausgeber möchte nicht verfehlen, der Direktion des American Museum of Natural History in New- York für die liberale Überlassung der Handschrift seinen Dank auszusprechen, ebenso der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die hiermit Grubes Vermächt- nis der Öffentlichkeit übergibt. "Wenn diese seine letzte Arbeit der in Deutschland aufstrebenden Chinaforschung neue Bahnen weisen und zu weiteren Untersuchungen auf dem vielversprechenden Gebiete des chinesischen Dramas und Bühnenwesens anregen sollte, so wird dem Andenken des verdienten Forschers am besten gedient sein. Die Tätigkeit des Herausgebers beschränkt sich auf die Durchsicht und Vorbereitung des Manuskripts zum Druck, Hinzufügung erklärender An- merkungen, Anordnung des Stoffes und Erledigung der Korrekturen.

Chicago, 24. August 1915.

Berthold Laufer.

VII

Einleitung.

\

Eine wirkliche Geschichte des Schattenspiels, in dem Sinne wie wir eine Geschichte des literarischen Dramas besitzen, wird wohl niemals geschrieben werden können. Überall, wo das Schattenspiel im Orient gepflegt wurde, war es eine Volksbelustigung, die Unterhaltung der breiten Massen, zu der sich die gelehrte Schriftstellerei nur selten herabließ. Wir finden daher in den orientalischen Literaturen nur abgerissene und fragmentarische Notizen, aus denen sich besten Falls ein allgemeiner Überblick der Geschichte des Spiels gewinnen läßt. Um dieselbe zu rekonstruieren, ist es vor allem erforderlich, auch die Technik des Spiels und der Figuren sowie die von den Schattenspielern gepflegten Stücke selbst zu Rate zu ziehen. Die eine Tat- sache tritt klar in der Geschichte des Schattenspiels hervor, daß seine Wiege in Asien ge- standen hat und daß wir es dem Orient zu verdanken haben: das klassische Altertum, der Hellenismus, das europäische Mittelalter und die Renaissance kennen das Schattenspiel nicht; es tritt erst gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in Italien und etwas später in Deutsch- land und Frankreich auf. Dagegen haben die Hellenen das Puppenspiel geübt; und diese Tat- sache hätte allein genügen sollen, um vor der übereilten Verknüpfung des Schattenspiels mit dem Puppenspiel zu warnen. Eine mehr als zehnjährige Beschäftigung mit dem Gegenstand hat mich zu der Überzeugung geführt, daß Schattenspiel und Puppenspiel eine durchaus ver- schiedene Geschichte, einen anders gearteten Ursprung haben und daß der Ausgleich, der zwischen beiden stattgefunden hat, nur die letzte Phase der Entwicklung, das Ergebnis der letzten Jahrhunderte, darstellt. Während ich zu der Ansicht gelangt bin, daß das Schattenspiel in China bodenständig ist, läßt sich an der Hand chinesischer Quellen der exakte Beweis führen, daß das Puppenspiel erst im siebenten Jahrhundert n. Chr. von Turkistan, mit größter Wahr- scheinlichkeit von dem sang- und tanzfrohen Kucha, eingeführt worden ist: nicht nur haben damals die Chinesen den mittelgriechischen Namen tcovxXa, der ihnen bis zum heutigen Tage verblieben ist, zur Bezeichnung der Marionetten eingeführt, sondern diese auch mit derselben eigentümlichen Technik übernommen, wie sie bereits von den Hellenen ausgebildet war. Diese Probleme hoffe ich demnächst in einer ausführlichen Abhandlung unter Vorlage des einschlägigen Quellenmaterials zu erörtern. In diesen Grubes Werk einleitenden Zeilen, deren Raum natur- gemäß begrenzt ist, lassen sich die Ergebnisse meiner Studien nur in einem kurzen Umriß darlegen.

Um die Geschichte des Schattenspiels im allgemeinen und das islamische Schattentheater insbesondere hat sich niemand größere Verdienste erworben als Georg Jacob. In langjährig- ausdauernder und erfolgreicher Arbeit hat er Baustein für Baustein gesammelt und uns die große kulturgeschichtliche Bedeutung des Gegenstandes eindringlich vor Augen geführt (vgl. G. Jacob, Das Schattentheater in seiner Wanderung vom Morgenland zum Abendland, Berlin 1901; Bibliographie über das Schattentheater, zweite vermehrte Ausgabe, Erlangen 1902; Tür- kische Literaturgeschichte in Einzeldarstellungen, HeftI: Das türkische Schattentheater, Berlin 1900; Erwähnungen des Schattentheaters in der Welt-Literatur, dritte vermehrte Ausgabe der Bibliographie über das Schattentheater, Berlin 1906; Erwähnungen des Schattentheaters und der Zauberlaternen bis zum Jahre 1700, erweiterter bibliographischer Nachweis, Berlin 1912;

VIII

Geschichte des Schattentheaters, Berlin 1907). Über das arabische Schattenspiel sind wir dank den Forschungen Enno Littmanns gut unterrichtet (E. Littniann, Ein arabisches Karagöz-Spiel, ZDMG, Bd. LIV, 1900, S. 661— 680 und Arabische Schattenspiele, Berlin 1901; vgl. auch C. Prüfer, Das Schiffsspiel, ein Schattenspiel aus Kairo, Beitr. zur Kenntnis des Orients, Bd. III, S. 154 169 und Ein ägyptisches Schattenspiel, Erlangen 1906; F. Kern, Das ägyptische Schattentheater, als Anhang zu J. Horovitz, Spuren griechischer Mimen im Orient, S, 98, Berlin 1905). Unter vielen anderen gehört es zu Jacobs Verdiensten, die zuerst von Quatre- mere herangezogene Stelle aus Raschid-eddln's Geschichte der Mongolen ins rechte Licht ge- stellt zu haben (Keleti Szemle, Bd. I, 1900, S. 233—236). Hier haben wir die älteste Er- wähnung des chinesischen Schattenspiels in der mohammedanischen Literatur. Unter der Regie- rung Ogotais (1229 45), des dritten Sohnes und Nachfolgers von Chinggis Khan, erschienen Spielleute aus dem nördlichen China, die hinter einem Vorhang wundersame Spiele aufführten (bei Quatremere: wunderbare Figuren zeigten); die einzelnen Völker waren durch verschiedene Typen vertreten. Unter anderen trat ein weißbärtiger Greis auf, dessen Turban an den Schweif eines Rosses gebunden war, und der mit dem Antlitz auf der Erde dahingeschleift wurde. Er sollte einen gefangenen rebellischen Mohammedaner vorstellen. Der Kaiser wies entrüstet eine solche Verspottung der islamischen Völker zurück. Dieser Bericht ist aus zwei Gründen von Bedeutung. Er zeigt uns einmal die Berührung des chinesischen Schattenspiels mit dem Islam und ich denke, daß Jacob (Geschichte des Schattenspiels, S. 20) im Recht ist, wenn er den Mongolen die Vermittlerrolle zuweist und sich die Wanderung des Spiels nach dem Westen als einen allmählichen, mehrmals wiederholten Prozeß vorstellt. Sodann verbürgt uns Raschid-eddln die Bekanntschaft der Chinesen mit dem Schattenspiel zur Zeit der mongolischen Yüan-Dynastie und zeigt uns den chinesischen Schattenspieler in seinem eigentlichen Element, dem der politischen Verspottung, die ihm noch gegenwärtig eigen ist. In meinen Sammlungen befinden sich zahl- reiche Figuren turbantragender Mohammedaner, welche dem Witz des Schattenspielers zur Ziel- scheibe dienen. Der Bericht des persischen Chronisten ist daher vollkommen glaubwürdig.

F. von Luschan bemerkt in seiner interessanten Abhandlung über das türkische Schattenspiel (Int. Archiv für Ethn., Bd. II, 1889, S. 140): „Daß alle diese Schattenspiele an verschiedenen Orten unabhängig von einander erfunden worden sind, scheint kaum denkbar; wir werden für die verschiedenen Formen desselben vielmehr eine gemeinsame Quelle annehmen dürfen, welche vermutlich in China zu suchen ist." Kunos (Keleti Szemle, Bd. I, S. 141) nimmt an, daß das Schattenspiel chinesischen Ursprungs sei und durch Vermittlung der Perser zu den Türken gelangte.

Die chinesische Überlieferung versetzt den Beginn des Schattenspiels in die Tage der . Han-Dynastie unter die Regierung des Kaisers Wu (140 87 v. Chr.). Se-ma Ts'ien, der Vater der chinesischen Geschichte, berichtet in seinen Annalen (Schi ki) wie folgt: ^^Im folgenden Jahre (121 v. Chr.) erschien vor dem Kaiser ein Mann aus dem Lande Ts'i [in Schantung], Schao Wong, um seine Fertigkeiten in Bezug auf die Manen und Geister zu zeigen. Des Kaisers Lieblingsgemahlin Wang war gerade gestorben. Mit Hilfe seiner Kunst ließ Schao Wong des Nachts die Gestalt der Frau Wang und des Herdgottes erscheinen. Der Sohn des Himmels «rschaute sie hinter einem Vorhang aus der Ferne. Er ehrte Schao Wong mit dem Titel ^Marschall der gelehrten Vollkommenheit", überhäufte ihn mit Geschenken und behandelte ihn mit den für Gäste üblichen Riten" (vgl. E. Chavannes, Memoires historiques de Se-ma Ts'ien, vol. III, p. 470; für die Geschichte des Schattenspiels ist die Stelle schon verwendet bei

G. Schlegel, Chinesische Bräuche und Spiele in Europa, S. 28, Breslau 1869). Diese Erzäh- lung gehört nicht zu den zahlreichen späteren, zurückdatierten Erfindungen der Chinesen, son- dern ist ein gut beglaubigter Bericht des zeitgenössischen Annalisten. Bevor wir die Quelle •erörtern, wird es gut sein, eine etwas spätere Version derselben Geschichte hier anzufügen, die uns De Groot (Religious System of China, vol. IV, p. 87) erschlossen hat. Pao, der Ver- fasser einer Legendensammlung mit dem Titel Sou sehen ki, die um das Jahr 320 entstanden ist (s. Wylie, Notes on Chinese Literature, p. 192), berichtet folgendermaßen: „Der Kaiser Wu der Han-Dynastie hatte eine Gemahlin namens Li und als sie verschied, mußte er ihrer un- aufhörlich gedenken. Da meldete sich Schao Wong (oder Li Schao Wong) aus Ts'i, der in den geheimen Künsten bewandert war, beim Kaiser und sagte, daß er den Geist der ver-

IX

storbenen Gemahlin zitieren könne. In jener Nacht spannte er einen Vorhang auf, der von Lampen und Fackeln erleuchtet wurde, und gebot dem Kaiser hinter einem anderen Vorhang zu sitzen und aus der Ferne zuzuschauen. Da gewahrte er in dem Vorhang das Bild eines «chönen Weibes, dessen Gestalt der verstorbenen Frau Li glich. Der Kaiser näherte sich dem Vorhang, setzte sich und ging wieder herum, ohne jedoch imstande zu sein sie zu sehen. Dieses Ereignis vermehrte seinen Kummer und er machte seinen Gefühlen in einigen Versen Luft." G. Jacob (Geschichte des Schattentheaters, S. 16) hat die Ansicht ausgesprochen, daß die Zauberkünste des Schao Wong eher an die Hexe von Endor, die Helena-Erscheinungen im Volksbuch von Doktor Faust und Verwandtes erinnern und daß sie mit dem Ursprung des Schattenspiels nichts zu schaffen haben. Dieser einseitigen Auffassung vermag ich mich nicht anzuschließen. Gewiß, Schao Wong war kein Schattenspieler und was er im Bilde vorführte, war kein in Gesprächsform gesetztes Schattenspiel; aber wir können nicht erwarten, daß ein solches spontan erwachsen ist, es muß wie jede Erscheinung der menschlichen Kultur eine Ent- wicklung gehabt haben und der durchaus verbürgte und glaubwürdige chinesische Bericht gibt uns in der Tat ein beachtenswertes Hilfsmittel zur Feststellung dieser Entwicklung an die Hand. Die Forscher, die sich bislang mit der Geschichte des Schattenspiels befaßt haben, vermochten keine Deutung seiner Entstehung zu geben. Eine solche kann auch weder vom indischen noch vom javanischen noch vom islamischen Standpunkt versucht werden. In China liegt dieser Ur- sprungsgedanke klar vor Augen. Das Schattenspiel ist ein Spiel der Schatten und die Schatten sind die ursprünglich von Beschwörern zitierten Geister oder Manen der Abgeschiedenen. Die Schatten sind die Schattenseelen, durch kunstvoll aus Papier oder Leder geschnittene Figuren in Profil dargestellt und als wirkliche Schatten auf dem Vorhang erscheinend. Das Schatten- spiel hat einen religiösen Ursprung und war von Hause aus eine spiritistische Sitzung. Schao Wong war ein Geisterseher: er konnte die Lebenden mit den Geistern der Verstorbenen in Verbindung setzen und ihre Schatten als wirkliche Schattenbilder erscheinen lassen. Sein Ehr- geiz jedoch trieb ihn weiter; er wollte den leichtgläubigen Kaiser mit der gesamten Götterwelt in Beziehung bringen. Vermittelst wolkengeschmückter und phantastisch aufgeputzter Wagen, •die sein kaiserlicher Gönner und er selbst bestiegen, sollten die bösen Geister vertrieben werden. Inmitten eines Palastes errichtete er eine bewohnbare Terrasse und malte auf derselben die Oötter des Himmels, der Erde und des Gestirns T'ai-i sowie alle Manen und Geister; dann traf er die erforderlichen Vorbereitungen für die Opfer, welche die Götter des Himmels an- ziehen sollten. Der Erfolg blieb indessen aus; nach Ablauf von mehr als Jahresfrist nahm seine Geschicklichkeit mehr und mehr ab und die Geister erschienen nicht. Um seinem ge- fährdeten Ruf wieder aufzuhelfen, setzte er ein Schriftstück auf Seide auf und ließ es durch «inen Ochsen verschlingen. Mit verstellter Miene verkündete er, daß im Bauche dieses Tieres ein Wunder zu finden sei. Der Ochse wurde geschlachtet und man fand das Dokument, dessen Worte recht seltsam klangen. Der Kaiser erkannte die Handschrift seines Günstlings, forschte die Diener aus und entdeckte den Betrug. Der „Marschall der gelehrten Vollkommenheit" wurde denn auf kaiserlichen Befehl heimlich zu den Geistern befördert, im Jahre 119 v. Chr., nur zwei Jahre nach jener glänzenden Vorstellung, die ihm die verhängnisvolle Beförderung «ingebracht hatte. Um diese Vorgänge zu würdigen, muß man sich gegenwärtig halten, daß Schao Wong nur einer von vielen war und daß das China seiner Zeit von Alchimisten, Magiern und religiösen Charlatanen aller Art wimmelte; es handelt sich bei ihm um einen typischen Fall, der dem religiösen Zeitgeist entsprach. De Groot hat die Bedeutung der obigen Erzäh- lung richtig erkannt, wenn er die von dem Zauberer herbeigerufene Seele als den Schatten der Kaiserin bezeichnet. Das betreffende Kapitel in De Groots Werk, das den Titel führt „Animistic Ideas as suggested by Shadows", enthält zugleich die psychologische Begründung meiner Auffassung von dem religiösen, insbesondere spiritistischen Ursprung des Schattenspiels im alten China. Der Schatten war und ist nach chinesischer Volksvorstellung ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit und übt einen großen Einfluß auf ihr Schicksal aus; Schatten und Seele werden oft für gleich erachtet; während der Sarg in die Gruft gesenkt wird, treten die Leidtragenden einige Schritte zurück, damit ihr Schatten nicht in die Gruft falle und mit- begraben werde (W. Grube, Religion und Kultus der Chinesen, S. 192). Ein Überlebsei dieser

Abh. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVIII. 1. Abb. II

alten Anschauung hat sich noch in einem Bühnenausdruck erhalten: im Hintergrund der Bühne ist an jeder Seite eine Tür angebracht, durch die eine treten die Schauspieler auf, die andere dient ihnen als Ausgang; diese Türen sind unter dem Namen „Türen der Seelen" (kuei men) bekannt (vgl. M. Bazin, Theatre chinois, p. XLI, der geradezu „Schatfentür", la porte des ombres, übersetzt), weil hier die Seelen der Personen der alten Geschichte ein- und ausgehen. Im weiteren Sinne dürfen wir wohl sagen, daß die uralte Ahnenverehrung den Anstoß zum Schattenspiel, zunächst zur Anfertigung schattenwerfender Figuren gegeben hat, welche die Ahnen vorstellen sollten. Der Wunsch, einen geliebten Verstorbenen wiederzusehen, führte, wie im Falle des Kaisers Wu, zur Nachbildung seiner toten Gemahlin. Dieses Beispiel ist natür- lich nur ein Symbol, aus dem sich die Norm abstrahieren läßt; wenn uns gerade dieser be- sondere Fall überliefert ist, so liegt es daran, daß es sich um eine Begebenheit innerhalb des kaiserlichen Hauses handelt; um die Gepflogenheiten des Volkes kümmerte sich die chinesische Geschichtschreibung wenig oder gar nicht. Wenn das T'an sou, ein Werk des elften Jahr- hunderts, berichtet, daß von der Zeit des Kaisers Wu die Nachwelt ihre Schattenspiele erhalten, daß aber in der auf Wu folgenden Zeit man nichts darüber gehört habe (Hirth, Keleti Szemle, Bd. II, 1901, S. 78), so ist die Ursache für diese Erscheinung teils in dem eben genannten Grunde zu suchen, teils in dem tieferen Grunde, daß es ein Bühnendrama nicht vor der Periode T'ang (618 906) gegeben hat. Ein bühnengerechtes Schattenspiel konnte sich naturgemäß erst entwickeln, als die dramatische Gattung überhaupt ins Leben gerufen war (s. W. Grube, Geschichte der chinesischen Literatur, S. 362 u. f.). Leider sind wir über die Geschichte des chinesischen Dramas und Bühnenwesens höchst mangelhaft unterrichtet und tiefer eingreifende Untersuchungen über den Gegenstand liegen noch nicht vor. Daß es zur T'ang -Zeit ein Schattenspiel gegeben hat, ist mir aus mehreren inneren Gründen wahrscheinlich; einwandfreie Textstellen zur Unterstützung dieser Ansicht lassen sich jedoch noch nicht nachweisen. Erst für die folgende Sung-Periode (960 1278) haben wir sichere Belege. Hirth (1. c.) hat auf zwei interessante Texte aufmerksam gemacht, die unser Thema beleuchten. Der eine ist in dem bereits erwähnten T'an sou enthalten und erzählt, daß zur Zeit des Kaisers Jen-tsung (1023 65) unter den Marktleuten öffentliche Erzähler auftraten, welche Episoden aus der Ge- schichte der Drei Staaten (san kuo) vortrugen und ihren Vortrag durch Schattenfiguren er- läuterten, die den Trachtenstil jener Periode (des dritten Jahrhunderts) zeigten. „Das ist der Anfang der bis auf unsere Tage [Ende des elften Jahrhunderts] erhaltenen Bilder der Kämpfe der drei Staaten Schu, Wei und Wu«, schließt dieser Bericht. Stück No. VIII (S. 129) der vorliegenden Sammlung behandelt eine Episode aus dieser romanhaften Geschichte der Drei Reiche und ich selbst habe in Han-k'ou eine Serie von Schattenspielen gesehen, deren Stoffe aus derselben Quelle geschöpft sind. Als Verfasser des Romans San kuo yen i gilt ein ge- wisser Lo Kuan-chung, der im dreizehnten Jahrhundert gelebt haben soll (Wylie, Notes on Chinese Literature, p. 202; Legge, JRAS, 1893, pp. 803 805), über dessen Persönlichkeit aber sonst nichts bekannt ist. Jacob (Geschichte des Schattentheaters, S. 17) hat darin einen Widerspruch zu der Stelle des T'an sou zu erkennen geglaubt und vermutet, daß Lo Kuan- chung entweder nicht der Verfasser des Romans sein oder nicht zur Mongolenzeit gelebt haben kann. Die Dinge liegen freilich anders: nicht der gelehrte Kunstroman, wie er jetzt in zahl- reichen Ausgaben verbreitet ist, war das Frühere, sondern die mündlichen Vorträge der Rhapsoden. Die Geschichtenerzähler waren die wirklichen Dichter und ihre Berichte wurden schließlich von einem Verfasser zu einem einheitlichen literarischen Kunsterzeugnis verwoben. Die Epoche der Drei Reiche mit ihren endlosen Fehden war die romantische Periode, die Ritterzeit der chine- sischen Geschichte, deren Geist in manchem Spiel unserer Sammlung zu verspüren ist, ein gutes Beispiel für die Beständigkeit und Kontinuität der chinesischen Tradition. Auch jetzt noch bilden die Episoden aus der Geschichte der Drei Reiche den beliebtesten Stoff der öffent- lichen Erzähler (vgl. über diese W. Grube, Zur Pekinger Volkskunde, S. 101). Die andere von Hirth angezogene und aus dem Tu ch'eng ki scheng vom Jahre 1235 entlehnte Notiz ist schon von Schlegel (Chinesische Bräuche und Spiele in Europa, S. 29) übersetzt worden. Sie besagt, daß man in der Hauptstadt Hang-chou die Schattenspielfiguren anfangs aus Papier ausgeschnitten, später aber aus bunt bemaltem Leder angefertigt habe; dabei erhielten die

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fjuten und ehrlichen Charaktere regelrechte Menschengesichter, während man die Schurken mit Teufelsfratzen darstellte; dem Gebrauch der Bühne entsprechend wurden Gute und Böse alle- gorisch angedeutet. Wenn ich nicht irre, ist dieser Bericht einem etwas älteren Werke ent- lehnt, dem Mong Hang lu (Kap. 20, p. 13b der Ausgabe in der Sammlung Chi pu tsu tsai ts'ung schu), einer sehr interessanten Beschreibung von Hang-chou, die den Wu Tse-mu. dort gebürtig, zum Verfasser hat. In seinem Buche findet sich der von Hirth übersetzte Passus in demselben Wortlaut, aber in etwas erweiterter Form. Vor allem ist beachtenswert, daß nach Wu Tse-mu das Schattenspiel, bevor es Hang-chou erreichte, in Pien-king (d. i. K'ai-fong-fu, jetzt Hauptstadt der Provinz Ho-nan) heimisch war und daß dort zuerst die Figuren aus ein- fachem Papier hergestellt wurden, während später in geschickter Weise Handwerker sie aus Leder machten und buntfarbig ausschmückten; die Lederfiguren waren unzerstörbar. In Hang- chou gab es damals vier Unternehmer in diesem Fache, die, um die Figuren zu zeigen, sich eines ausgespannten Tuches bedienten und sich wenig von den Geschichtenerzählern unter- schieden; auch ihre Textbücher waren mit denen der letzteren fast identisch und stellten eine Mischung von Wahrheit und Dichtung vor. Dann folgt die Stelle betreffs der Unterscheidung der guten und bösen Charaktere wie oben. In Hang-chou wird noch gegenwärtig das Schatten- spiel eifrig gepflegt und die Figuren werden auch jetzt aus fein gegerbtem Schafsleder ver- fertigt, weshalb der Volksmund das Schattenspiel Schafslederspiel " (yang p'i hi) nennt.

Zu den von Hirth gegebenen Belegen für das Auftreten des Schattenspiels in der Sung- Periode kann ich noch einige weitere anfügen. Eine kurze Anspielung auf das Schattenspiel findet sich in einem Gedicht des Fan Ch'eng-ta (P'ei wen yün fu, Kap. 63), eines bekannten Dichters und Beamten, der von 1126 bis 1193 lebte und eine sehr interessante Abhandlung über die Geographie und Naturprodukte des südlichen China schrieb, auch ein Werk über die Zucht von Chrysanthemen. Statt des gewöhnlichen Ausdrucks ying hi (wörtlich „Schatten- spiel") bedient sich dieser Autor der Bezeichnung ying teng hi („Schattenlampenspiol"). Da beim Schattenspiel der durchscheinende Vorhang durch dahinter aufgestellte LHmpen beleuchtet werden muß, so weist dieser Name deutlich auf unser Schattenspiel hin. Wir haben gesehen, daß nach dem Mong liang lu das Schattenspiel in K'ai-fong-fu, der Hauptstadt der sogenannten Nördlichen Sung Dynastie (960 1126), blühte. Diese Angabe wird durch eine interessante Stelle im Tung king mong hua lu bestätigt. Dieses Werk, das eine Schilderung der Öst- lichen Hauptstadt (Tung king, d. i. K'ai-fong-fu) enthält, wurde von Mong Yüan-lao, einem Zeitgenossen der Nördlichen Sung, im Anfang des zwölften Jahrhunderts verfaßt (s. den Kata- log der Kaiserlichen Bibliothek, Kap. 70, p. 30b; das Werk ist abgedruckt in der Sammlung Hio tsin t'ao yüan). Hier wird berichtet, daß es vor dem Jahre 1102 in der Hauptstadt fünfzehn Buden gegeben habe, in denen Vorstellungen volkstümlicher Künste stattfanden; sechs dieser Anstalten waren der Pflege des Schattenspiels gewidmet und führten die Namen Chao Ts'i, Ts'ao Pao-i, Chu Po-erh, Mu K'un-t'o, Fung Seng und Ko Tsu. Gegen Ende des elften Jahrhunderts muß also das Schattenspiel schon einen hervorragenden Platz im Volksleben ein- genommen haben und es gab Schattenspieler von Ruf.

Aus diesen Berichten ergibt sich die interessante Tatsache, daß das chinesische Schatten- spiel zunächst episch oder rein erzählend in seinem Charakter war, daß somit das Schattenspiel in dramatischer Form eine spätere Entwicklungsstufe darstellt, welche die erzählende B^orm all- mählich verdrängt hat. Bei dieser war die Kunst des Vortrags die Hauptsache; der Erzähler war die Hauptperson, der Mittelpunkt der Anziehung, während die Figuren im Hintergrunde blieben und der Erläuterung und Versinnbildlichung der Rede, der Demonstration, dienten. Von der Zeit an, da sich das Schattenspiel dramatisch umgestaltete, verschwand die Persönlichkeit des Vortragenden von seinem Podium hinter den Vorhang, der zur Schattenbühne wurde, um die Rolle oder Rollen der auf der Bühne Handelnden zu übernehmen; er wurde unsichtbar für das Publikum, das nur seine Stimme als Organ der bewegton Figuren vernahm und seine Auf- merksamkeit lediglich auf deren Handeln richtete. Wie die Wandlung von der Schattenerzählung zum Schatter.schauspiel vor sich gegangen ist, entzieht sich vorläufig unserer Kenntnis, aber den gegenwärtigen Verhältnissen nach zu urteilen muß sich die Umbildung unter dem Einfluß der Schauspielerbühne vollzogen haben. Denn wie unsere Sammlung lehrt, steht in unseren

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Tagen, und wahrscheinlich schon seit einigen Jahrhunderten, dem Schattenspieler der ganze Schauspielplan des großen Theaters offen, wenn er sich auch in seiner Weise die Stücke mund- gerecht macht. Da viele Dramen nach Historien, Anekdoten und Novellen gearbeitet sind, so tritt der erzählende Charakter noch deutlich zu Tage. Die Form des alten Schattenspiels der Sung ist jetzt noch in Slam lebendig, insofern dort Sagen aus dem Rämäyana erzählend vor- getragen und durch Schattenfiguren erklärt werden (s. F. W. K. Müller, Nang, Siamesische Schattenspielfiguren, mit zwölf Tafeln, Supplement zu Band VII des Int. Archiv f. Ethn., 1894); ein eindringendes Studium des siamesischen Schattenspiels in seiner Heimat wäre allerdings wünschenswert. Nach den uns bis jetzt vorliegenden Quellen läßt sich nicht beurteilen, ob schon unter den Sung ein dramatisch ausgebildetes Schattenspiel bestanden habe. Die positiven Zeugnisse des T' an sou und Mong Hang lu lassen nur auf erzählendes Schattenspiel schließen. Überdies gibt uns letzteres Werk im allgemeinen über die Volksbelustigungen von Hang-chou Aufschluß und erwähnt besonders der Puppenspiele, die eine ziemlich große Auswahl von Stoffen zur Verfügung hatten und unter anderem sogar „vermischte dramatische Spiele* (tsa ki) zur Aufführung brachten. Diese Gattung des Schauspiels ist nicht, wie von einigen Sinologen be- hauptet worden ist, erst im Zeitalter der Yüan-Dynastie entstanden, sondern wurde bereits unter den Nördlichen Sung (960 1126) entwickelt, um unter den Kin und Yüan vervoll- kommnet zu werden (so schon bei Palladius, Chinesisch-russisches Wörterbuch, Bd. II, S. 186).^) Die Möglichkeit zu einem dramatischen Schattenspiel war daher in der Epoche der Sung un- zweifelhaft vorhanden; ob dasselbe aber wirklich bestanden hat, muß vorläufig, da unsere Quellen nichts darüber aussagen, eine unentschiedene Frage bleiben.

R. Pischel hat in einer geistreichen Abhandlung (Das altindische Schattenspiel, SPAW 1906, S. 482 502) die Hypothese von einem Ursprung des Schattenspiels in Indien aufgestellt und alte Erwähnungen desselben in der Therlgäthä und im Mahäbhärata zu erweisen gesucht. G. Jacob (Geschichte des Schattentheaters, S. 5 8, und Die Erwähnungen des Schattentheaters und der Zauberlaternen bis zum Jahre 1700, S. 3) hat diese Ergebnisse ohne weiteres an- genommen, aber bei aller Verehrung und Bewunderung des leider zu früh dahingeschiedenen genialen Gelehrten muß ich doch bekennen, daß mir Pischels Beweisstücke keineswegs über- zeugend sind. Sie stützen sich im wesentlichen auf die Deutung gewisser Termini und wenn deren Auffassung als „Schattenspiel" auch zulässig sein sollte, so ist damit noch nicht erwiesen, daß es sich wirklich um ein dramatisches Schattenspiel handelt. Der Orient kennt Schatten- spiele verschiedener Art. Wir alle haben als Knaben das Spiel geübt, vermittelst verschiedener Hand- und Fingerstellungen Schattenbilder von Tieren an die Wand zu werfen. Dieses Spiel ist überall im Osten bekannt, in Indien, China, Korea und Japan (s. besonders S. Culin, Korean Games, p. 9). In Japan, wo es den Namen kage-ye („Schattenbilder") führt, hat man es zu einer Art Kunst ausgebildet; ich sah einst in einem japanischen Theater einen Darsteller, der auf dem Rücken liegend unter gleichzeitiger Bewegung beider Hände und Füße auf einen Wand- schirm Schatten projizierte, welche lebensvolle Szenen mit Häusern, Bäumen und agierenden Menschen vorstellten; daß dabei noch andere Plilfsmittel, wie in den Händen gehaltene Papier- figuren mitwirkten, ist wohl wahrscheinlich. Wer in China und Japan gelebt hat, ist auch mit den Schatten vertraut, welche die in erleuchteter Stube befindlichen Personen auf die Papier- fenster oder Papiertüren werfen und die dem Außenstehenden den Anblick eines eigentümlichen Schattenspiels gewähren. Die volkstümliche Kunst des japanischen Farbendrucks hat von diesem reizvollen Motiv Gebrauch gemacht. Wenn in der Therlgäthä die Nonne Subhä einen auf- dringlichen Bewerber mit den Worten zurückweist, daß er sich wie ein Blinder „auf ein Schatten- spiel im Menschengedränge stürze", wie Pischel (S. 488) übersetzt, so ist doch die einfachste Erklärung, daß das natürliche Spiel huschender Schatten gemeint ist, die von einer dahin- wogenden Menschenmenge geworfen werden. Die Annahme eines Schattenspiels im Sinne einer Theateraufführung scheint mir weder zwingend noch wahrscheinlich zu sein. Der Nachdruck in der betreffenden Stelle liegt in dem Vergleich mit dem Blinden.; ein Blinder, der einen

1) Eine Sammlung von dreißig Stücken dieser Art ist unter dem Titel Ku kin tsa ki san sclii chung im Jahre 1914 von der Universität Kyoto herausgegeben worden.

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Menschen haschen will wie der Bewerber die fromme Nonne, mag sich irrtümlich sehr wohl auf des Menschen Schatten stürzen. Aber welchen Sinn sollte es haben, daß der Blinde sich auf die Schattenbühne stürzen sollte, die er nicht einmal sehen kann? Ein anderer Gedanke, der offenbar Pischel entgangen ist, tritt doch darin hervor, daß sich Subhä selbst mit einem Schatten vergleicht: als buddhistische Nonne führt sie nicht mehr das körperliche Dasein des Weibes, sondern ist nur der Schatten eines Weibes. Was sie dem Antragsteller bedeutet, läßt sich, der dichterischen Form entkleidet, einfach in <iie Worte fassen: du magst ebenso gut einen Schatten begehren oder umarmen als mich. Yon einem wirklichen Schattenspiel ist in dieser Stelle keine Rede. Das einzige tatsächliche Zeugnis, das Pischel für indisches Schattenspiel anführt, ist Nilakantha's Glosse zu dem Ausdruck rüpopajivana im Mahäbhärata: „Rüpopajivana ist bei den Südländern als jalamandapikä bekannt. Dabei wird, nachdem man ein dünnes Tuch aufgespannt hat, durch Figuren aus Leder das Treiben der Könige, Minister usw. vor Augen geführt." Hier handelt es sich in der Tat um ein Figurenschattenspiel. Ob aber Nilakantha's Erklärung, die jedenfalls für seine Zeit zutrifft, auf die betreffende Stelle im Mahäbhärata An- wendung finden muß, ist eine andere Frage. Auffällig bleibt jedenfalls, daß die Termini rüpopajivana und rüpyarüpaka nicht mit der indischen Tradition vom Schattenspiel, wenn es überhaupt eine solche gibt, verknüpft erscheinen und auch Pischel (S. 501) hat diese Lücke in seiner Forschung empfunden. Für verfehlt halte ich auch die Ansicht, daß das chäyänätaka eine literarische Weiterbildung des alten, volkstümlichen Schattenspiels sei. Denn einmal ist der Beweis nicht erbracht, daß das Schattenspiel in Indien alt und je volkstümlich gewesen ist; sodann beruht die Auffassung des chäyänätaka als eines Schattenspiels doch nur auf der wört- lichen Übersetzung dieses Namens. Eine indische Tradition, daß diese dramatische Gattung ein wirkliches Schattenspiel gewesen sei, gibt es nicht und Pischel selbst bringt keine Spur eines Beweises dafür vor. Der Satz „mag das chäyänäjiaka zur Zeit des Subhata mit Schattenspiel- figuren oder durch Schauspieler selbst vorgeführt worden sein, das scheint sicher zu sein, daß es eine literarische Fortbildung des alten volkstümlichen Schattenspiels ist" scheint mir eine etwas kühne und stark subjektive Interpretation. Aus dem Charakter dieser Stücke selbst (vgl. L. H. Gray, The Dütängada of Subhata, JAOS vol. XXXII, 1912, pp. 58 77) ist nichts darüber zu entnehmen, daß es sich um Schattenspiele handelt. Die Ansicht von Räjendralähi Mitra, daß diese angeblichen Schattenspiele bühnenmäßige Zwischenstücke seien, scheint mir weit mehr innere Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Pischels Hinweis auf das siamesische Schattenspiel kann für Indien nichts beweisen, denn jenes geht sicher auf das javanische Vor- bild zurück und ich sehe vorläufig keinen Grund, warum Java nicht die Heimat für das indische Schattenspiel sein sollte. In Java stand während des Mittelalters das Schattenspiel in hoher Blüte, während Indien keine literarische Überlieferung betreffs des Schattenspiels besitzt: die Sanskrit-Werke über Dramaturgie erwähnen es mit keiner Silbe und das einzige überhaupt vor- handene Zeugnis ist und bleibt die knappe Bemerkung des Nllakantha; sein Hinweis auf Süd - Indien ist vielleicht nicht zufällig und mag auf eine Berührung des südindischen Schattenspiels mit Java hindeuten. Vorläufig wissen wir vom indischen Schattenspiel nichts.^) In Calcutta habe ich trotz eifriger Nachforschungen nichts darüber erfahren können, ebensowenig ist es mir bekannt, daß Berichte in der Literatur über indisches Schattenspiel vorliegen und daß irgend- ein Museum indische Schattenspielfiguren besitzt. Um uns den Glauben an das hohe Alter des Spiels in Indien beizubringen, wäre zunächst doch der Nachweis erforderlich, daß es gegen- wärtig in Indien gepflegt wird. Sollte dies der Fall sein, so könnte das Studium seiner Technik und seiner Stücke möglicherweise zu einem Ergebnis führen. Pischels schwach begründete Hypothese läßt die Frage offen, wie das Spiel auf indischem Boden entstanden ist oder ent- standen sein könnte, und läßt uns über seine Verbreitung außerhalb Indiens im Dunkeln. Weder die Chinesen noch die Javaner noch die mohammedanischen Völker haben eine Überlieferung aufzuweisen, daß sie das Schattenspiel aus Indien empfangen hätten.

^) Was G. Jacob (Geschichte des Schattentheaters, S. 8) von Ceylon berichtet, beruht doch auf An- deutungen, die kaum auf einer sicheren Grundlage fußen.

XIV

über die geschichtliche Stellung des Schattenspiels auf Java enthalte ich mich voriäußg jeder Meinung, da ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe, die Quellen, auf denen sich die Ansicht vom hohen Alter des javanischen Spiels stützt, kritisch nachzuprüfen. Wenn es zu- treffend sein sollte, daß es wirklich bereits der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts angehört, so bleibt diese Gleichzeitigkeit des Auftretens mit dem Schattenspiel der Sung-Periode doch eine auffallende chronologische Tatsache, die nach meinem Empfinden für eine Abhängigkeit von China spräche, unter Berücksichtigung der sehr alten Handels- und Kulturbeziehungcn zwischen beiden Ländern. Die sprachlichen Argumente für den einheimischen Ursprung sind nicht beweiskräftig; einheimische Namen für eingeführte Dinge aus der Fremde können überall entstehen. Man darf nicht außer acht lassen, daß in diesem Falle nur die Übernahme einer Technik in Frage steht; denn genau genommen darf man nicht von einer Wanderung des Schattenspiels reden, sondern man kann höchstens eine Wanderung der Figuren in Anspruch nehmen. Von einem hohen Altertum des Schattenspiels ist nirgendwo, selbst nicht in China, die Rede: die Zeit vom elften bis dreizehnten Jahrhundert kennzeichnet sich deutlich als die Periode seiner Entwicklung und seiner Ausbreitung über Asien. Es ist daher lediglich eine Kunst des Mittelalters; und naturgemäß wurden ihm überall, wohin es vordrang, die ein- heimischen Sagenstoffe untergeschoben. Es traf überall auf einen bereits angebauten Kultur- boden. Eine so einfache Technik aber wie die der reizvollen, lebendigen und erfolgreichen Schattenfiguren mußte notwendig zur Nachahmung herausfordern. Daß jedes Volk seinen eigenen Stil und Kunstsinn in die Figuren hineinlegte und daß fortgesetzte Übung weitere Verände- rungen oder örtliche Variationen geschaffen hat, ist nicht wunderzunehmen; daß aber in China und Java die Idee der Figuren unabhängig voneinander entstanden sein sollte, ist schlechter- dings undenkbar. Schlegel (T'oung Pao, 1901, p. 203 und 1902, p. 43) hat die Abhängigkeit des javanischen vom chinesischen Schattenspiel behauptet, aber nicht bewiesen; daß Ma Huan nur das Wäyang beber und nicht das Schattenspiel erwähnt, beweist natürlich gar nichts.

Wenn es berechtigt ist, die Heimat einer Sache da zu suchen, wo sie in größter tech- nischer Vollkommenheit erscheint, so sprechen gewiß die chinesischen Schattenspielfiguren selbst eine beredte Sprache für die Ursprünglichkeit des Gedankens auf chinesischem Boden. Schon F. von Luschan (Int. Arch. für Ethn., Bd. II, 1889, S. 140) hat darauf hingewiesen, daß die chinesischen Figuren in der Berliner Sammlung sich nicht nur durch besonders sorgfältige, rein- liche Arbeit, sondern auch durch künstlerische Behandlung auszeichnen. Dieses Urteil ist voll- kommen richtig, denn es ist in der Tat die feine künstlerische Form, welche die Figuren der Chinesen von denen der Türken, Araber, Javaner und Siamesen vorteilhaft unterscheidet. Über diese Ansicht dürften sich wohl alle einig sein, die in unseren Museen Gelegenheit zu einer vergleichenden Betrachtung des einschlägigen Materials gehabt haben. Eleganz und Anmut der Formen, liebevolle Sorgfalt für die dekorativen Elemente des Kostüms, feinfühliger Farbensinn, solide Ausführung und unbegrenzte Beweglichkeit bestimmen den Charakter der chinesischen Schattenfiguren. Sie verdienen eingehendes Studium. Die javanischen sind von Serrurier in einer vornehmen Publikation beschrieben worden, die türkischen von F. von Luschan; über die ägyptischen verdanken wir P. Kahle eine wertvolle Abhandlung (Der Islam, Bd. I, 1910, S. 264—299 und Bd. II, 1911, S. 143—195, mit zahlreichen guten Abbildungen). Den Schatten- figuren dieser Völker sollen gewiß nicht ihre Vorzüge abgestritten werden, aber sie erreichen nicht das Ebenmaß und die Harmonie der chinesischen und noch weniger deren Beweglichkeit. Davon wird noch weiter unten die Rede sein.

In ganz anderen Bahnen als das Schattenspiel bewegt sich die Geschichte des Puppen- spiels. Zu einer Zeit, als die kulturhistorische Methode noch wenig ausgebildet war und die Sinologen ihren chinesischen Vorbildern nacheifernd in gläubig-kindlichem Bestreben alle Er- findungen und Gedanken den Chinesen zuschrieben, kam die gelehrte Legende von einem hohen Altertum des Puppenspiels in China auf und Schlegel (Chinesische Bräuche und Spiele in Europa, S. 28) meinte sogar: „Es scheint somit nicht zu gewagt anzunehmen, daß sie auf demselben Wege wie die anderen Spiele nach Europa gekommen sind." Die ganze Beweisführung stützte sich auf zwei Anekdoten. Die eine derselben erzählt, daß, als der Hunnenfürst Mao-tun die von dem Han-Kaiser Kao-tsu (206 v. Chr.) verteidigte Feste P'ing oder Pai-teng belagerte.

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sein Ratgeber Ch'en P'ing (f 179 v. Chr.) den Entsatz der Festung herbeiführte, indem er auf der Stadtmauer eine schöne Frauenpuppe aus Holz tanzen ließ. Die List war auf die Eifer- sucht von Mao-tun's Gemahlin berechnet, die gefürchtet haben soll, daß der Khan nach dem Fall der Stadt diese angebliche Schönheit zu sich nehmen könne. Von dieser albernen Anekdote findet sich in den zeitgenössischen Quellen wie Se-ma Ts'ien's Annalen keine Spur; sie tritt zum ersten Male auf in einer kleinen Schrift über Musik und Tanz vom Ende des zehnten Jahr- hunderts n. Chr., dem Yo fu tsa lu (p. 17b der Ausgabe in der Sammlung Schou schan ko ts'ung schu, vol. 66), d. h., wie wir weiter sehen werden, über dreihundert Jahre nach der wirklichen Einführung der Marionetten in China. Diese Geschichte von jungem Datum, die nur zu dem Zweck erfunden ist, um den Puppen ein hohes Alter und einen einheimischen Ur- sprung zuzuschreiben, ist ohne jeden Wert; es handelt sich in dieser plumpen Erfindung auch gar nicht um ein Puppenspiel. K'ang-hi's Wörterbuch, chinesische Enzyklopädien und eine Reihe von Sinologen bringen mit der Geschichte des Puppenspiels eine andere Anekdote in Verbindung, die sich in dem Buche des angeblichen Philosophen Lie-tse befindet. Danach soll zur Zeit des Königs Mu (etwa um 1000 v. Chr.) ein geschickter Mechaniker, Meister Yen. einen singenden und tanzenden Automaten verfertigt haben, der vor dem Könige eine Vor- stellung gab; als der Automat schließlich mit den königlichen Frauen liebäugelte, geriet König Mu in Zorn und wollte Yen auf der Stelle töten; der zerstörte in seiner Angst das Kunst- gebilde und zeigte, daß es nur ein Gefüge von Leder, Holz, Leim und Firnis sei (s. E. Faber. Naturalismus bei den alten Chinesen, S. 126; L. Wieger, Les peres du Systeme taoiste, p. 145; Mayers. Chinese Reader's Manual, p. 276). Hier handelt es sich nicht um Puppen, sondern um eine ganz andere Sache, das Automatentheater. Bei Marionetten werden gewiß nicht die inneren Organe, Herz, Leber, Nieren dargestellt, wie sie hier beschrieben werden und die mit Mund, Augen und Füßen verbunden gewesen sein sollen. Berichte über solche Automaten- figuren gibt es ziemlich viele, besonders in der Geschichte der Tsin-Dynastie (265 419), aber ich kann an dieser Stelle nicht näher auf das Thema eingehen. Die Redaktion des unter Lie-tse's Namen gehenden Textes, in der uns überlieferten Gestalt, kann meines Erachtens nicht älter als das Zeitalter der Han (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) sein,^) da das Buch von den in dieser Periode auftauchenden hellenistischen Einflüssen wimmelt. Zu diesen gehört auch das Automatentheater, das zuerst von den großen alexandrinischen Mechanikern, Philon und Heron, konstruiert und beschrieben worden ist (vgl. V. Prou, Les theatres d'automates en Grece au II* siecle avant l'ere chretienne, in Memoires presentes par divers savants 1886, pp, 117 274; und W. Schmidt, Heronis Alexandrini opera. Vol. I, pp. 338 453). Die erste zuverlässige Erwähnung von Marionetten unter dem noch gegenwärtig üblichen Namen k'ui-lei oder k'uei-lei ist erst im siebenten Jahrhundert unter den T'ang bezeugt und das Jahr 683 (siebentes Jahr der Periode Cheng-kuan) mag als das der ersten sicheren Erwähnung gelten. Damals war der Kronprinz dem Puppenspiel leidenschaftlich ergeben und hohe Staatsbeamte erhoben Einsprache gegen die Ausübung dieser neuen Kunst; der Vorsitzende des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, Tuan Lun, mußte seine Entlassung nehmen, weil er die Erlaubnis zur Herstellung hölzerner Marionetten durch einen geschickten Handwerker, namens Yang Se-ts'i, gewährt hatte. Wenn man den wahren Ursprung derselben bisher verkannt hatte, so lag dies daran, daß ihr alter Name, wie er in den Annalen der T'ang überliefert ist, nicht ans Licht gezogen war. Heute und seit den Tagen der Sung schreibt man den Namen k'uei-lei mit den Schriftzeichen ^ /fW . Da jedes dieser beiden Zeichen mit dem Klassenzeichen „Mensch"

verknüpft ist, so hielt man natürlich das Wort für einheimisches Sprachgut. In der Geschichte der T'ang (Kiu T'ang schu, Kap. 29, p. 6b) jedoch finden wir zwei alte Schreibungen k'u-lei-tse

^ -S^ ^ ^^^ k'uei-lei-tse ^ ^^ -?' ^^^^^ Bezeichnungen als ein Spiel mit singenden und tanzenden Puppen erklärt, das ursprünglich die Unterhaltung der Leute bei den Trauerfeierlichkeiten war. Von diesen beiden Namen ist der erstere sicher der ursprünglichere,

1) Das Buch wird zuerst in den Annalen der Früheren Han als ein Werk in acht Kapiteln erwähnt (s. Ts'ien Han schu, Kap, bO, p. 12b).

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da er rein phonetisch geschrieben ist und keinerlei Bedeutungselemente enthält. In der T'ang- Zeit wurde aber das Schriftzeichen, das jetzt k'u lautet, in der Regel kut ausgesprochen und lei wie le oder lai. Die Japaner nannten die Puppen und das Puppenspiel in der Fujiwara- Periode kugutsu (mit den modernisierten Zeichen wie oben geschrieben), wodurch erwiesen wird, daß ihnen das Wort von den Chinesen der T'ang-Zeit nicht als kut, sondern in der Form kuk überliefert worden ist; im Dialekt von Fu-kien hat dasselbe Wort noch auslautendes k. Somit gelangen wir zu der lautlichen Wiederherstellung kuk-le und dieses Wort ist nichts anderes als das mittelgriechische xovxXa „Puppe". Den Chinesen kam das Wort gewiß durch Vermittlung von Türken oder Iraniern Zentralasiens oder vielleicht von Kucha (s. w. unten) zu. Die Osmanen erhielten das Wort von den Byzantinern (W. Radioff, Versuch eines Wörterbuches der Türk-Dialecte, Bd. II, col. 898: osmanisch kukla „Puppe" und kuklaci „Marionetten- spieler"); ebenso ist dasselbe in die slavischen Sprachen gedrungen (E. Berneker, Slavisches etymologisches Wörterbuch, S. 640: russisch und bulgarisch kukla; russisch kukolnik „Puppen- macher", früher „Hanswurst, Gaukler", kukolnaya komediya „Puppenspiel"). Das Puppen- spiel hat sich innerhalb der griechischen Welt bis zum Untergang von Byzanz erhalten (H. Reich, Der Mimus, Bd. I, S. 672 673) und Byzanz haben wir uns als Ausgangspunkt für seine Ver- breitung unter Slaven und Innerasiaten vorzustellen. Es ist auch bemerkenswert, daß sich im gegenwärtigen Pekinger Dialekt die alte anlautende Tenuis und überhaupt die alte Tradition des Wortes in der Form ku-li erhalten hat. Aber nicht nur das fremde Wort, auch die Sache haben die Chinesen der T'ang-Zeit übernommen. Das geht klar aus den alten Beschreibungen der Marionetten hervor, die an Fäden aufgehängt waren, noch jetzt eine in China übliche Form des Puppenspiels, zu der zwei jüngere Formen hinzukommen. Der chinesische Ausdruck hüan sien k'uei-lei („an Fäden aufgehängte Marionetten"), der sich z. B. im Mong liang lu findet, liest sich wie eine Übersetzung des griechischen vevQOonaoxa. Diesem Terminus ent- spricht ferner das indische sütraprota (sütradhära = vevQOondoTTjg) und das japanische ayatsuri („Puppenspiel", vom Verbum ayatsuru „die Fäden einer Gliederpuppe ziehen": K.Flo- renz, Geschichte der japanischen Literatur, S. 583 und Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft Ost- asiens, Bd. IX, 1903, S. 275). Daß man in Hellas, Indien, Turkistan, China und Japan den- selben Typus, die gleiche Technik der Marionetten angewandt hat, kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Ebensowenig kann es eine Meinungsverschiedenheit darüber geben, daß diese Dinge historisch zusammengehören und daß sich von Hellas die Marionetten über Asien verbreitet haben. Die Wanderung des Wortes kukla nach Zentralasien und China verleiht dieser Ansicht eine sichere Grundlage. Ich bin weit von der Meinung entfernt, den Hellenen die Erfindung der Marionetten, wenn man überhaupt in diesem Falle von Erfindung sprechen kann, zuzuweisen oder den Ursprung des Marionettenspiels in Griechenland zu suchen. Ur- sprungsfragen werden wir niemals lösen. Vielleicht haben die Griechen das Spiel wie so vieles andere aus dem alten Orient empfangen, aber sicher ist das eine, daß wir die ältesten Nach- richten über das Spiel in griechischen Autoren besitzen (vgl. H. Reich, Der Mimus, Bd. I, S. 669 675; C. Magnin, Histoire des marionettes, pp. 6 50; E. Maindron, Marionettes et guignols, ist ein unkritisches Buch; mit vielen Aufstellungen dieser Gelehrten bin ich nicht ein- verstanden und eine wirkliche Geschichte der alten Marionetten bleibt ein Desideratum). Bei aller Begeisterung für das indische Altertum vermag ich leider nicht mit R. Pischel (Die Heimat des Puppenspiels, Halle 1900) Indien als das Stammland des Puppenspiels anzusehen; hier ist nicht der Ort für eine Kritik dieser Abhandlung, die ich in meiner ausführlichen Arbeit über diesen Gegenstand zu geben hoffe. Wenn ich an dieser Stelle auf dieses Thema eingegangen bin, so geschieht es deshalb, um auf den bisher nicht beachteten fundamentalen Unterschied in der Geschichte des Schattenspiels und Puppenspiels aufmerksam zu machen und ferner, um die Verschiedenheit zu betonen, mit der die Chinesen die beiden nur scheinbar ähnlichen Spiele verwandt haben. Wie schon die Annalen der T'ang berichten, bildeten die Marionettenspiele einen Bestandteil der Trauerzeremonien; ehedem wurden zwei Tage vor dem Begräbnis Theater- vorstellungen veranstaltet (Wieger und Davrout, Moral Tenets and Custom& in China, p. 569). Erst die Gesetzgebung der Mand.schu schaffte diese alte Sitte ab (De Groot, Religious System of China, Vol. II, p. 608). Wir hören dagegen nichts, daß das Schattenspiel je mit einer

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religiösen Feier verknüpft gewesen wäre; im Gegenteil, von den Tagen der Sung an gerechnet erscheint es als eine rein weltliche Unterhaltung. Wir haben also hier eine gegensätzliche Ent- wicklung: das Schattenspiel, das einen religiös-spiritistischen Ursprung nahm, hat sich bald ver- weltlicht und wurde zu einem Schauspiel, das dem Zeitvertreib, der Erheiterung und Belehrung diente; das Puppenspiel, das außerhalb Chinas von Hause aus nichts anderes als eine ver- kleinerte und zusammengedrängte, dem Vergnügen huldigende Bühne war, gestaltete sich zum Werkzeug einer religiösen Feier. Wenn sich in den letzten Jahrhunderten, unter den Ming und den Mandschu, beide Schaustellungen in Bezug auf ihr Wesen sowie in Programm und Inhalt ihrer Stücke stark genähert haben, so ist der Grund darin zu suchen, daß beide frucht- bare Anregungen von der großen Bühne empfingen und sich deren Stoife zu eigen machten. Wir haben es hier demnach mit einer psychologischen Erscheinung zu tun, die wir gegenwärtig als Konvergenz zu bezeichnen pflegen. Der Schattenspieler hat sich aber stets von den Ein- flüssen der Bühne unabhängiger gehalten als der Puppenspieler. Das lehrt schon ein flüchtiger Blick auf beider Apparat. Wenn wir die mythologischen Figuren betrachten, die sowohl im Puppen- als im Schattenspiel eine große Rolle spielen, so sehen wir, daß der Puppenspieler nichts anderes zustande bringt als eine Nachahmung der Masken, welche die Schauspieler tragen. Gilt es z. B. einen bestimmten Tiergeist darzustellen, so wird das betreffende Tier in stilisierter Behandlung der Gesichtsmaske aufgemalt oder in verkleinerter Nachbildung aus Papier geformt und auf Stirn oder Scheitel der Maske aufgesetzt; in manchen Fällen werden beide Methoden vereinigt. Der Puppenspieler arbeitet getreulich nach diesem Muster; der Kopf seiner Marionette ist ein Miniaturabbild des Schauspielers. Anders der Schattenspieler. Ein technischer Grund zwingt ihn zunächst, auf die Schablone der Bühne keine Rücksicht zu nehmen; er kann seine Figuren nur im Profil ausschneiden, und Masken sind ihm folglich wertlos. Er schöpft daher unmittelbar aus der Quelle der Mythologie und stellt die Tiergeister in glücklicher Verbindung eines tierischen Körpers mit einem menschlichen Antlitz dar. Er erreicht so einen Realismus, der dem Puppenspiel und der großen Bühne versagt ist, und erschließt uns eine lebendige Quelle für das Studium der volkstümlichen Götterlehre. Der Geist der Muschel z. B. erscheint in den Schattenfiguren als eine zwei Schwerter haltende weibliche Fee, die von zwei Muschelschalen eingeschlossen ist und sich nach Belieben zwischen denselben bewegen kann; oder der Geist der Schildkröte ist als wirkliches Tier, aber mit menschlichen Armen und Beinen dargestellt, während die betreffende Puppenfigur ohne jedes besondere Merkmal nur die Gesichtsmalerei des Clowns oder Mimus trägt, eine nur aus chinesischen Anschauungen heraus verständliche An- spielung, da die Schildkröte als ein Symbol des Unanständigen und Unmoralischen gilt. Ein eingehender Vergleich der Schatten- und Puppenfiguren sowie der letzteren mit den Masken, besonders für die Dramen mythologischen Inhalts, würde eine lehrreiche Aufgabe bilden. Was das Verhältnis der von den Marionetten- und Schattenspielern in der Sung-Periode vorgetragenen Stoffe betrifft, so waren beiden damals die alten Historien gemeinsam: das Mong Hang lu be- richtet ausdrücklich, daß die Puppenspieler die Geschichtsbücher und die alten Angelegenheiten der Beamten und Generäle in chronologischer Reihenfolge vortrugen, und daß ihre Librettos sich mit denen der öffentlichen Geschichtenerzähler deckten. Der Puppenspieler scheint jedoch damals ein weiteres Feld als sein Kollege gepflegt zu haben, denn jener führte auch Liebes- und Intriguenstücke, mythologische Gegenstände, Kampfszenen und die später auf der Bühne und auch im Schattenspiel so beliebten Gerichtsverhandlungen auf. Inwieweit der Puppenspieler dabei auf Originalität Anspruch erheben darf, wieviel davon er dem Theater zu verdanken hat, inwiefern er den Schattenspieler beeinflußt hat, das sind Fragen, die sich zur Zeit noch nicht beantworten lassen.

Die vorliegende Sammlung gewährt uns einen trefflichen Überblick der reichen Auswahl an Stoffen, die dem chinesischen Schattenspieler der Gegenwart zur Verfügung stehen. Vom buddhistischen und taoistischen Legenden- und Zauberdrama mit seinem romantischen Reiz führt er uns in die Haupt- und Staatsaktionen der chinesischen Geschichte ein, in die Taten und Meinungen alter Paladine und Amazonen, denen ein Beigeschmack heldischer Vorzeit oder unseres höfischen Mittelalters anhaftet, um mit einer Reihe bürgerlicher Schauspiele und Schwanke ab- zuschließen, die uns ein Sittenbild Chinas von einer Treue und Wahrheit vor Augen führen,

Abb. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVITI, 1. Ahh. 111

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wie es keine europäische Feder je gezeichnet hat. Hier treten uns unverfälschte Urkunden des chinesischen Volkslebens entgegen: hier spricht zu uns das Volk in seiner eigenen Sprache und legt sein Fühlen und Denken bloß. Da sehen wir die Chinesen, wie sie in Wirklichkeit sind und sich selbst zeichnen, nicht als die Musterknaben oder Idealmenschen, zu denen sie gewisse Schwärmer gestempelt haben, noch als die Ungeheuer, zu denen sie die gefärbten Berichte anderer Tendenzschriftsteller gemacht haben. Wir sehen sie als Menschen von Fleisch und Blut, denen nichts Menschliches fremd ist, die wir aber nicht für besser zu halten brauchen als sie sich selbst: die Bestechlichkeit der Richter, die verkommene Beamtenwirtschaft, kalte Selbst- sucht und Berechnung, herzlose Geldgier, grausame Behandlung von Kindern (vgl. Nr. XXXV, S. 321), die ganze Äußerlichkeit und Hohlheit der papiernen Moral sind traurige Wahrheiten, die der Schattenspieler ernst und eindringlich predigt. Gewiß fehlen diesem sozialen Bilde nicht die Lichtseiten: Gatten- und Kindesliebe, Güte und Edelmut, Wohltätigkeit und Auf- opferung, Treue und Biedermannsart, Lernbegier und Bildungstrieb, strebsamer Ehrgeiz im Staatsdienst und andere Tugenden der chinesischen Gesellschaft werden mit gebührendem Nach- druck hervorgehoben.

Wer sich an eine ästhetische Beurteilung dieser Erzeugnisse wagen will, muß mit denk- bar größter Vorsicht verfahren und sich beständig gewärtig halten, daß die Texte, während sie wohl in allgemeinen Zügen den Gang der Handlung durchsichtig erkennen lassen, keinen Ersatz für das lebendig gespielte Stück zu bieten vermögen. Man muß an unsere Opernlibrettos, namentlich die älteren des achtzehnten Jahrhunderts erinnern, und beim Lesen unserer Dramen darf man niemals den Gesichtspunkt außer acht lassen, daß erst Musik und Melodie der Hand- lung Leben und Farbe verleihen. Die Aufführung der Schattenspiele wird durchweg von einem kleinen Orchester begleitet; die Rezitative und eingestreuten Verse werden gesungen und zwar, wie meist von den Chinesen, mit der Kopfstimme (vgl. die Selbstverspottung des Schattenspielers auf S. 398, wo von einem häßlichen Manne gesagt wird: „Er hat eine Fistelstimme, als wäre er bei einem Schattenspieler in die Lehre gegangen"). Von der Mehrzahl der chinesischen Dramen ist ein feststehender Text überhaupt nicht zu erlangen, und von vielen Stücken sind mehrere voneinander abweichende Rezensionen vorhanden. In zwei Fällen (No. I, 4 und XXXIV) haben wir zwei Redaktionen desselben Stückes mitgeteilt. Dieses Schwanken der Textgestal- tung hängt mit der Erscheinung zusammen, daß es eigentlich nicht der Dichter, sondern in weit höherem Grade der Schauspieler ist, der das Drama schafft. Der chinesische Schauspieler ist nicht verpflichtet oder gewohnt, sich streng an den Wortlaut einer auswendig gelernten Rolle zu binden: er schafft seine Rolle ziemlich frei, entfaltet ein großes Improvisationstalent, erfindet Witze und Lieder, macht Anspielungen auf zeitgemäße politische Fragen und redet zu- weilen sogar die Zuschauer an. Manche Szenen werden < der Eingebung der Spieler gemäß aus- gedehnt, andere werden nach ihrem Ermessen gekürzt. Berechnung waltet dabei nicht immer vor, sondern mancherlei hängt von Umständen und Gelegenheit, z. B. von der Rücksicht auf die jeweilige Zusammensetzung des Publikums ab. Dieselben Stücke kann man daher auf recht verschiedene Art vortragen hören. Einige habe ich auf ihre Zeitdauer geprüft und verglichen. Das besonders bei den Frauen beliebte buddhistische Spiel von der Weißen Nägl (No. I), das ich öfters zu sehen Gelegenheit hatte, mag eine Zeitdauer von zwanzig Minuten bis zu einer Stunde und mehr beanspruchen. Nach einem eingehenden Studium der Texte ließ Herr Krebs in Peking eine Truppe Schattenspieler kommen und sich deren Repertoire vorspielen. Er be- merkt dazu: „Übrigens hielten sie sich nicht streng an den Text, sondern flochten aktuelle Tageswitze ein. In dem Lustspiel 'd\e Drei Pantoffelhelden' z. B. sagte eine der Frauen: 'Ich gehe jetzt ins Hotel Wagons-Lits [ein europäisches Hotel in Peking], wo ich eingeladen bin.'" Außer der Stegreifdichtung kommt dann noch das Darstellungstalent der Schauspieler oder Sänger in Betracht; der Erfolg eines Stückes hängt von der Lebendigkeit und Beweglich- keit ihres Spiels ab, und die Chinesen sind vorzüglichere Schauspieler als Dramatiker. Während China keinen großen Bühnendichter in unserem Sinne hervorgebracht hat, können sich seine Schauspieler getrost mit den unsrigen messen und übertreffen sie auf jeden Fall an Beweglich- keit. Keine Bühne der Welt führt Kampfszenen geschickter vor als die chinesische und ohne Hülfe eines Regisseurs bietet sie einen Reichtum künstlerisch schöner Bilder. Die Kürze und

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scheinbare Banalität mancher Texte darf uns daher nicht täuschen. Was uns beim Lesen fade oder trivial erscheint, mag sich auf der Bübne dennoch lebensvoll gestalten dank der Geschick- lichkeit der Schauspieler. Die Verse des Textbuchs mögen uns herzlich unbedeutend vorkommen, ihr Inhalt ist auch unwesentlich, die Zuhörer erfassen kaum die Worte, aber Musik und Ge- sang mögen sie zur Begeisterung fortreißen. Die Schattenspieler extemporieren vpomöglich in noch höherem Grade als die Berufsschauspieler der großen Bühne. Ihr handschriftlicher Text, besonders was die Komödien und Schwanke betrifft, ist nur ein Leitfaden zur Einführung des Anfängers und eine gelegentliche Gedächtnisstütze für die Vortragenden, die meist den ganzen Text auswendig kennen. Ein bloßes Ablesen ihrer Rollen ist schon dadurch ausgeschlossen, daß sie ihre ganze Aufmerksamkeit der Handhabung der Figuren zuwenden müssen, die sich fast nie im Zustand der Ruhe befinden, sondern bei fast jedem Wort Leben und Bewegung bekunden.

Eine kritische Beleuchtung der Quellen, aus denen unsere Dramen geschöpft sind, wäre eine dankbare, aber im einzelnen auch recht schwierige Aufgabe. Es hilft uns vorläufig wenig, daß wir die religiösen und historischen Stoffe auf beliebte Romane oder literarische Bühnen- dramen zurückführen können, da wir weder eine kritische Geschichte des Romans noch des Dramas, dieser beiden von der Gelehrtenkaste verachteten Literaturgattungen, besitzen. In den Historiendramen wäre es nicht ausgeschlossen, daß die Schattenspieler noch eigene in die Sung- Zeit zurückgehende Traditionen besäßen; leider sind die Vorträge der Geschichtenerzähler der Sung, soviel wir wissen, niemals aufgezeichnet worden. Auf freierem Felde bewegen wir uns im Gebiete der Lustspiele und Schwanke, die unmittelbar aus dem Volksleben gegriffen sind und den eigentlichen Nährboden des Schattenspiels bilden. Da begegnen uns alle Züge, die Jacob als charakteristisch für das Schattenspiel bezeichnet hat. Hier mögen vor allem einige Worte über den Mimus am Platze sein. Sogleich im ersten Schwank (S. 359) erneuern wir eine alte Bekanntschaft, den Mimus in der Rolle des Kahlkopfs. Von alters her galt der Kahl- kopf in China als eine komische Person, und „Kuo der Kahle" war ehedem eine volkstümliche Bezeichnung für die Marionetten. Schon das Fong su t'ung i, ein Werk über Sitten und Bräuche, das dem Ying Shao (zweites Jahrhundert n. Chr.) zugeschrieben wird, erzählt, daß sich alle Leute, die den Familiennamen Kuo tragen, für den Spitznamen „Kahlkopf" eignen, da es einmal in der Vorzeit einen gewissen Kuo gegeben habe, der durch Krankheit seines Haarwuchses verlustig ging und dann durch Liedervorträge und Tanzen seinen Unterhalt ver- diente. In der antiken Welt war die Glatze das Hauptmerkmal gewisser komischer Typen (A. Dieterich, Pulcinella, S. 38). Ebenso treten der indische Vidüsaka, der türkische Karagöz und andere Mimen kahlköpfig auf. Dies Moment beweist wenig oder nichts für einen historischen Zusammenhang, denn körperliche Gebrechen und ihre übertriebene Hervorhebung in der schau- spielerischen Darstellung werden überall zur Erzielung komischer Wirkungen breit ausgenutzt (man vergleiche die grotesk-komische Schilderung des häßlichen Mannes auf S. 398 und des häßlichen Mädchens auf S. 404). Im allgemeinen entfaltet der chinesische Mimus eine enge Wesensverwandtschaft mit seinen indischen und westlichen Kollegen, aber ihn deshalb mit Haut und Haar aus dem Westen herzuleiten liegt kein Grund vor, ungeachtet des bekannten Buches von Reich über den Mimus, der das Wesen und die vielfache Verschlungenheit der einschlägigen Probleme völlig verkennt. Als Ganzes genommen ist das Werk von Reich gewiß eine achtung- gebietende und ehrenvolle Leistung; seine Behandlung des griechischen Mimus selbst stellt eine ebenso gründliche und gelehrte als unterhaltende und anziehende Untersuchung dar. Ihre offen- kundigen Mängel indessen liegen in den Irrtümern der von ihm angenommenen entwicklungs- geschichtlichen Methode, die nicht-zusammengehörende Erscheinungen gewaltsam miteinander verknüpft und ein bloßes Einteilungsschema zu einer Evolutionsreihe erhebt, sodann was Indien und Orttasien betrifft, in mangelhafter Information und unzureichendem Tatsachenmaterial. Die einseitige Methode verführt den Verfasser zu beweismatten subjektiven Konstruktionen, die in der Theorie gipfeln, daß die Mimen aller Völker und Zeiten aus griechischer Grundlage ent- sprungen seien, eine Halbwahrheit nnd maßlose Übertreibung; mit diesem Trank eines vor- gefaßten Dogmas ist es natürlich leicht, Helenen in jedem Weibe und den hellenischen Mimus in jedem Witzbold der Welt zu sehen. Das schablonenhafte Schema, das Reich auf einer Tafel

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ausgearbeitet hat und das die Entwicklung des Mimus bis zum Jahre 1902 veranschaulichen soll, ist kaum mehr als eine geistreiche Phantasie. Gewiß und darin hat er vollkommen

recht sind Mimen gewandert, vom vorderen Orient nach Indien, von Indien nach China,

sowohl zur See als auf dem Landwege über Turkistan, das läßt sich an der Hand chine- sischer Quellen und archäologischer Denkmäler zeigen, aber Reich hat kaum den Schein eines Beweises für seine Behauptung vorgebracht (man lese S. 698 sein Kapitel „Die Mimen wandern nach Indien", wo kein einziger Beleg für die These angeführt wird, oder die seltsame Beweis- führung S. 691: „Da das javanische Puppenspiel schon Serrurier an den türkischen Karagöz erinnerte, so ist damit der Zusammenhang mit dem hellenischen Mimus hergestellt!"). Die Wanderung einiger oder sogar vieler Mimen beweist aber lange noch nicht, daß alles Mimische, das wir in Indien und China finden, auf Griechenland oder den hellenistischen Orient zurück- gehen muß. Zunächst haben wir an der Tatsache festzuhalten, daß es überall auf dieser Welt zu Humor, Witz und Satire neigende Menschen gegeben hat, Clowns, Gaukler, Narren und Spaßmacher. Aus diesen haben sich allerwärts die lustigen Rollen bei religiösen Tänzen oder pantomimischen Aufführungen herausgebildet. In erster Linie handelt es sich um eine allgemein menschliche, rein psychische Erscheinung im Völkerleben, die zu jeder Zeit treibt und wirkt. „Die Neigung des Menschen zum Grotesk-Komischen oder zur komischen Karikatur ist so alt als irgend ein anderer Zweig des Komischen; ja es ist wahrscheinlich, daß er an Alter alle anderen übertrifft. Denn ehe der Mensch so gesittet wird, daß er das Fein- und Hoch-Komische erfinden oder an demselben Behagen haben kann, ist der Geschmack an dem übertriebenen oder grob Komischen lange vorhergegangen, weil sich dieser v?ie von selbst mit den rohen Sitten des ungebildeten Menschen am besten verträgt und natürlicherweise daraus entstehen muß", so eröffnet unser trefflicher Floegel seine Geschichte des Grotesk-Komischen. Die ent- legensten Naturvölker haben uns so zahlreiche Beispiele dieser Erscheinung geliefert, daß wir sie mit Recht als universal betrachten dürfen. Es wäre z. B. interessant zu erfahren, w^ie sich Reich zu der Frage des unter den nordamerikanischen Indianern blühenden Mimus (vgl. die Übersicht bei M. W. Beckwith, Dance Forms of the Moqui and Kwakiutl Indians, Amerikanisten- Kongress Quebec Bd. II, S. 79 109) stellen, ob er etwa die griechischen Mimen auch die Beringstraße überschreiten lassen würde.

Überall paßten sich die Rollen des Mimus gegebenen Verhältnissen an: wenn wir den konfuzianischen Gelehrten mit seinen komischen Anwendungen klassischer Zitate in dieser Rolle sehen (No. XL VIII und XLIX), so haben wir hier einen spezifisch chinesischen Typus des Spaß- machers vor uns. Ebenso sind der Bauer (No. XXXVIII und L), der Richter (No. XLVI und XL VII), der Eseltreiber (No. LI), der Bramarbas (No. LIII), die Aufschneiderin (No. LIV) und die Pantoffelhelden (No. LV) Charaktere aus dem chinesischen Volksleben, zu deren Erklärung keine Übertragungstheorie erforderlich ist. Als Quacksalber treffen wir den Mimus in den Pantomimen der Stelzentänzer (W. Grube, Zur Pekinger Volkskunde, S. 105). Räuber und Diebe gehören zu seinen bevorzugten Rollen; dagegen fehlt der komische Diener fast ganz. Die typische Erscheinung des chinesischen Mimus ist folgende: weiß getünchte große Nase, zwischen den Brauen und in den Augenwinkeln gemalte schwarze Streifen, ein stark nach oben gezogener Schnurrbart sowie blatternarbiges Kinn und Wangen; zuweilen trägt er einen aus Pferdehaar geflochtenen hohen Hut. Dies ist der übertriebene, eigentliche Narrentypus, der je nach der besonderen Rolle bedeutenden Abwandlungen unterliegt. Ein gutes Beispiel für die Altertümlichkeit des Mimus auf chinesischem Boden ist der bereits erwähnte Kahlkopf, ein anderes ist der Zwerg. Nach einem Bericht des Philosophen Wang Ch'ung, der im Jahre 82 oder 83 n. Chr. schrieb, fungierten schon in den Tagen des Altertums Zwerge als Spaßmacher (A. Forke, Lun-heng, Vol. I, p. 473) und waren wie der zwerghafte Minister Yen Ying (f 493 V. Chr.) durch Witz und Schlagfertigkeit ausgezeichnet (A. Tschepe, Histoire du royaume de Tch'ou, p. 149). Das Wei lio (drittes Jahrhundert n. Chr.) erzählt von einem Pygmäenreich im Nordwesten von Sogdiana mit zahlreicher Bevölkerung, wo Männer und Frauen nur drei Fuß hoch sind (Chavannes, T'oung Pao, 1905, p. 561 f.), und im achten Jahrhundert wurden Zwerge aus Sogdiana als Tributgaben an den chinesischen Hof gesandt (Chavannes, Documents, p. 136). Unter den Denkmälern der T'ang-Zeit finden sich gut modellierte Tonfiguren, die Zwerge, viel-

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leicht Hofnarren, in komischen Aktionen darstellen. Eine derselben in meiner Sammlung (Field Museum, Chicago) verkörpert einen Zwerg von negerartiger Gesichtsbildung mit flacher Glabella, breiter Nase und aufgeworfenen Lippen, offenbar mit den K'un-Iun ts'eng-k'i der chinesischen Berichte identisch (Hirth und Rockhill, Chau Ju-kua, pp. 149 150). Man sieht, daß China bodenständige und fremdrassige Zwerge gehabt hat, und daß der Zwerg als Mimus keine Be- rührung mit dem Hellenismus aufweist.

Dank den Forschungen von H. Lüders (Bruchstücke buddhistischer Dramen, Berlin 1911, und das Öäriputraprakarana, ein Drama des A^vaghosa, SBAW 1911, pp. 388 411) wissen wir jetzt, daß es in Indien bereits in alter Zeit eine buddhistische dramatische Literatur gegeben hat. Da die von Lüders studierten Handschriftenfragmente aus einem Höhlentempel westlich von Kucha stammen, so deutet dieser Umstand auf eine hohe Entwicklung der dramatischen Kunst im Kulturgebiet von Kucha hin. Dies wird durch die Nachrichten der Chinesen teils in den T'ang-Annalen teils in Yu yang tsa tsu, Yo fu tsa lu und anderen Werken bestätigt. Dankenswerte Nachrichten aus der chinesischen Literatur über die hohe Bedeutung von Musik und Tanz in Kucha haben M. Courant (Essai historique sur la musique classique des Chinois, pp. 192 197, Auszug aus Encyclopedie de la musique) und nach ihm S. Levi (Le „Tokharien B", langue de Koutcha, JA 1913, Sept.-Oct., pp. 41 44) gegeben; in Levis Abhandlung findet man auch eine sehr verdienstliche Zusammenstellung aller auf die Geschichte von Kucha be- züglichen Quellen. Ich habe oben auf die chinesische Entlehnung des Wortes kukla und der Marionetten in der Ära der T'ang hingewiesen; nach meiner Ansicht ist diese Übertragung von Kucha her erfolgt. Das arische Wort kukla wird sich gewiß noch in Tokharisch B (nach Levi identisch mit der Sprache von Kucha) nachweisen lassen. Aber noch mehr. Unter den Tonfiguren der T'ang-Kunst finden sich prachtvolle Statuetten von Mimen und Schauspielern, die in ihrer Lebenswahrheit und überraschenden Pose und Geste wie griechische Bildwerke er- scheinen (man wird dieselben im zweiten Teil der Chinese Clay Figures des Verfassers abgebildet und beschrieben finden). Diese Tonfiguren sind von chinesischer Hand geformt; ihre Gesichts- typen dagegen sind unchinesisch und ausgesprochen arisch. Meines Erachtens stellen sie Mimen und Schauspieler von Kucha dar, die bereits im sechsten und siebenten Jahrhundert gern ge- sehene und beliebte Gäste am chinesischen Kaiserhofe waren. Es kann also gar keinem Zweifel unterliegen, daß arisches Mimentum nach China eingedrungen ist und die chinesische Schau- spielkunst beeinflußt hat. Der Grad und die Ausdehnung dieses Einflusses entziehen sich vor- läufig unserer Kenntnis und werden sich erst dann bestimmen lassen, wenn uns Texte chine- sischer Dramen aus der T'ang-Zeit vorliegen werden. ^) Aus Indien sind solche Einflüsse weit früher, schon zur Han-Zeit, nach China gekommen; läßt sich doch die chinesische Gauklerkunst mit ihren Zauberkunststücken auf Indien, teilweise auch auf den hellenistischen Orient zurück- führen. Hier harren noch manche wichtige Probleme ihrer Lösung, wie z. B. der Ursprung und die geschichtliche Eingliederung der chinesischen, japanischen und tibetischen Masken. Noch mehr als auf anderen Gebieten müssen wir hier jedoch gegen voreilige Verallgemeinerungen Verwahrung einlegen, wie den Welttraum, der alles Mimische aus Hellas herleiten möchte, und in der Untersuchung von fest umschriebenen und handgreiflichen Tatsachen ausgehen, um von da zur Synthese fortzuschreiten anstatt vorgefaßte Dogmen in den Tatbestand zu projizieren. Es kann auch keine Rede davon sein, daß erst die Berührung mit dem Westen den Chinesen den Mimus vermittelt hat, denn schon im alten China hat es Spaßmacher und Komödianten gegeben, die mit dem uralten und einheimischen Worte ch'ou bezeichnet werden (W. Grube, Zur Pekinger Volkskunde, S. 121). In seinem Shi ki (Kap. 126) gibt uns Se-ma Ts'ien Nachrichten von dem Leben zweier Komödianten Mong und Chan. Vom Kahlkopf und Zwerg ist schon oben die Rede gewesen.

Gegen de Groots Annahme (Religious System of China, Vol. IV, p. 88), daß das Schatten- spiel, obwohl noch eine gelegentliche Belustigung in einigen Teilen des Reiches, niemals sehr

1) Wir haben gegenwärtig keine älteren Texte chinesischer Dramen als aus dem vierzehnten Jahr- hundert und selbst bei diesen besteht die Wahrscheinlichkeit späterer Umarbeitungen. In Kozlovs Bücherfunden von Karakhoto befindet sich der Text eines Dramas mit dem Titel Liu chi yüan chuan, von Pelliot dem Jahre 1300 zugewiesen (JA 1914, Mai-Juni, p. 510).

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volkstümlich gewesen zu sein scheint, hat sich schon Schlegel mit Recht gewandt (T'oung Pao, 2. Serie, Bd. III, 1902, S. 44), indem er auf die Popularität des Spiels in Amoy hinwies. Ich selbst bin seinen Spuren nachgegangen und habe im mittleren China Schattenspieler in Hang- chou, der Hauptstadt der Provinz Che-kiang, und in Han-k'ou am Yangtse, im nördlichen China in Peking, in Si-ngan, der Hauptstadt von Shen-si, und in Ch'eng-tu, der Hauptstadt von Sze-ch'uan, gefunden. In allen diesen Orten gibt es ständige, berufsmäßige Schattenspielertruppen, die bei alt und jung äußerst beliebt und mit dem denkbar größten Apparat ausgerüstet sind. Überall auch wird das Schattenspiel von Knaben zum Zeitvertreib geübt, und auf den Marktplätzen von Si-ngan und Ch'eng-tu kann man für einige Pfennige solche aus Papier hergestellte Spielzeug- figuren erstehen. Diese heißen in der Volkssprache 'Papiermenschen' (chi jen) im Gegensatz zu den 'Ledermenschen' (p'i j^n), deren sich der Berufsschattenspieler bedient; ebenso heißen die Marionetten je nach dem Material "Tonmenschen' (ni Jen) oder 'Holzmenschen' (mu Jen); die allgemeine Bezeichnung für solche Spielfiguren ist 'kleine Menschen' (siao Jen, in Peking mit der Verkleinerungsendung 6rh siao ji'r gesprochen). Das für die Schattenfiguren gewählte Material ist in den einzelnen Landesteilen verschieden: in Peking zieht man Eselsleder vor, in Hang-chou Schafsleder, in Han-k'ou und Ch'eng-tu Rindsleder. Das Leder muß fein gegerbt und durchscheinend sein. Die Figuren werden mit einem spitzen Messer aus freier Hand aus- geschnitten und allmählich fortschreitend auf beiden Seiten gleichmäßig gefärbt und gefirnißt. Diese Arbeit erfordert Zeit und Ausdauer, da mehrere Lagen Farbe notwendig sind und Schicht auf Schicht trocknen muß; auf gleichmäßige Verteilung der Farbe wird große Sorgfalt ver- wendet, da zu dickes oder zu dünnes Auftragen an einzelnen Stellen den Gesamteindruck er- heblich stören würde. Kopf, Arme und Beine werden in der Regel besonders ausgeschnitten; der Arm wiederum besteht aus Oberarm, Unterarm und Hand; die Hand ist meist aus zwei Teilen gebildet, Daumen und die vier übrigen Finger; die Gelenke sind durch Schnüre ver- bunden. Der Kopf wird in der Regel vermittelst Eisendrahts am Rumpfe befestigt. Da die Figuren auf beiden Seiten gleichmäßig gearbeitet sind, sowohl was die Hauptteile als auch die einzelnen Ornamente betrifft, so können sie beliebig von rechts oder links auftreten, was natür- lich für schnelle Aktion von großer Bedeutung ist. Im allgemeinen stellt jede Figur eine Ein- heit und eine bestimmte Persönlichkeit vor. In Peking gibt es jedoch auch zusammensetzbare Figuren, d. h. getrennte Köpfe und Körperformen, die nach Belieben oder je nach Bedürfnis verbunden werden können. Da der chinesische Künstler niemals einen Körper, sondern nur Bekleidung und Schmuck darstellt und damit nur das Vorhandensein eines Körpers andeuten will, so handelt es sich bei den Körperformen des Schattenspielers nur um Trachten; so stehen ihm Alltagskleider für Mann, Frau und Kind zur Verfügung, dann gestickte Kleider, Drachen- mäntel, historische Kostüme wie die der Ming- oder Mandschu-Dynastie, lokale Frauentrachten, die sich z. B. durch weite und eng anschließende Ärmel unterscheiden, Rüstungen, militärische Uniformen usw. Diesen werden dann, wie es die Gelegenheit erfordert, passende Köpfe auf- gesetzt und bei diesem Verfahren macht der Schattenspieler eine große Ersparnis, wo es gilt, Menschenmassen in Bewegung zu setzen und dem Bild der Bühne in rascher Folge neue Farben zu verleihen. Für die eigentlichen dramatis personae hat natürlich auch der Pekinger Schatten- spieler ständige Typen. Die Zahl der zur Bewegung der Figuren dienenden Stäbchen ist ge- wöhnlich drei. Sie bestehen aus einem Stück Eisendraht, der in einen Griif aus Rohr ein- gesetzt ist. Das eine der drei ist ein Standstäbchen, das an der Brust der Figur befestigt ist und die beiden anderen um das Doppelte an Länge überragt; diese sind Bewegungsstäbchen, die von den Händen der Figur ausgehen und mit denen der Spieler die Figur manipuliert; er kann zwei Figuren gleichzeitig handhaben und während er diese an den Vorhang anlehnt, neue auf die Szene bringen. Die Bühne des Schattenspielers ist ein großer, rechteckiger, weißer, durchsichtiger Vorhang, der zwischen zwei Stangen in einer Ecke des Zimmers möglichst straff aufgespannt wird. Er ist aus dünner Seidengaze oder Nesselfasern gewoben und wird von hinten durch Öllampen erleuchtet, während die Stube dunkel bleibt. Arme Schattenspieler (und das sind wohl die meisten) müssen selbst auf den Luxus der Lampen Verzicht leisten und sich mit einiger Kunst etwas Tageslicht stehlen. In Han-k'ou hörte ich im April 1903 eine Schatten- spielgesellschaft, die in einer elenden, halb verfallenen Bauernhütte untergebracht war, die

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Wände zum Teil aus Lehm, zum Teil aus Brettern gefügt und das Dach mit Stroh gedeckt. Der Raum war fensterlos, aber um die Ausgaben für die notwendige Beleuchtung des szenischen Vorhangs zu sparen, hatte der Unternehmer eine Lichtquelle in die Ecke der Wand gegenüber dem Vorhang gebohrt. Hier wurde daher des Nachmittags gespielt; die Gäste, Bauern und Arbeiter, saßen auf rohen Bänken um Tische herum und wurden mit Tee, Tabakspfeifen und Nüssen bewirtet. Nach jedem Stück wurden Beiträge gesammelt, die sich im Durchschnitt auf drei bis vier Kupfermünzen (kaum einen Pfennig) für eine Person beliefen; Nichtzahler wurden höflich zum Verlassen des Lokals aufgefordert.

Die allgemeine Beliebtheit des Schattenspiels beruht auf einer Kombination von Erschei- nungen. Zunächst ist es in der lebendigen Volkssprache, abgesehen von eingestreuten lyrischen Gesangspartien, abgefaßt. Der Rückschlag gegen den gelehrten und gekünstelten Bücherstil setzte im Zeitalter der Mongolenherrschaft ein und übte einen fruchtbaren Einfluß auf die Ent- wicklung des Dramas und Romans aus (W. Grube, Geschichte der chinesischen Literatur, S. 361); nur darf man sich nicht vorstellen, daß die literarische Wiedergeburt der Volksrede erst beides ins Leben gerufen hätte, oder daß das Kunstdrama und der Kunstroman überhaupt spontan in China entsprungen wären. Zu diesem Ergebnis haben mannigfach verkettete fremde und nicht zum wenigsten über Turkistan einströmende indische Einflüsse beigetragen, wie ich an anderem Orte ausführlicher darzulegen hoife. Die eifrige Pflege dieser beiden Literaturgattungen hatte die Anerkennung der Rechte der Volkssprache zur Folge. Diese Erscheinung allein aber ge- nügt nicht zur Erklärung der Volkstümlichkeit des Schattenspiels, da auch die große Bühne und das Puppenspiel die Volkssprache pflegen. Betrachten wir zuerst, was Schatten- und Puppenspiel gemeinsam haben und was sie vom öfi^entlichen Theater unterscheidet. Dieses ist in den meisten Fällen an ein geräumiges Gebäude, auf jeden Fall aber an die Bedingung einer Bühne gebunden; es setzt die Unterhaltung einer ansehnlichen Schauspieler- oder Sängertruppe voraus mit einer kostspieligen Ausrüstung von Kostümen und Requisiten. Ein solches Unter- nehmen verlangt Kapital und die erhobenen Eintrittsgelder sind nicht immer im Bereich des armen Mannes, Aber noch mehr: in China ist der Besuch des öffentlichen Theaters das Vor- recht des Mannes und der Halbwelt, während der ehrbaren Frau der Zutritt streng verwehrt ist. Ihr kommt das fahrende Volk der Schatten- und Puppenspieler zu Hülfe, die der Familie angehören; in den Straßen umhersehlendernd sind sie jederzeit gern bereit, der Aufforderung eines Besuches im Familienkreise Folge zu leisten und Unterhaltung und Frohsinn in die ein- samen Frauengemächer zu bringen. In dieser Erscheinung findet die erzieherische Richtung, die oft aufdringliche Lehrweisheit mancher Stücke unserer Sammlung ihre Erklärung; darin liegt die hervorragend soziale Bedeutung dieser volkstümlichen Spiele, die alle dem chinesischen Herzen teueren Tugenden der Familie in anziehender Weise vor Augen halten oder das Un- schickliche und Unsittliche geißeln. Einige Stücke unserer Sammlung (No. XXXIX, XL) geben pädagogische Anweisungen, ein anderes (No. XLII) enthält einen Traktat über Musik, ein anderes (No. XLIII) belehrt über die beim Laternenfest gebräuchlichen Laternen. Ebenso wollen Schatten- und Puppenspieler in ihren Darstellungen aus der alten Geschichte nicht weniger belehren als unterhalten; sie fühlen sich in der Tat als Erzieher des Volkes und indem sie das Heiligtum der Familie, die Frauen und die Jugend erreichen, haben sie einen weiteren und verantwort- licheren Wirkungskreis als die öffentlichen Schauspieler. Schatten- und Puppenspieler tragen zu irgendeiner Zeit die sonnige Welt in das Haus oder ziehen die Menge auf dem Marktplatz an. Ihr leichtes Gerät macht sie beweglich und allgegenwärtig, ungebunden von Zeit und Ort. Nun hat aber das Schattenspiel bedeutende Vorzüge vor der Bühne und den Marionetten auf- zuweisen. Wie bekannt, entbehrt die chinesische Bühne fast gänzlich der Ausstattung; einen auf Zeug gemalten Hintergrund habe ich nur in dem religiösen Drama Ta siang shan, der Göttlichen Komödie der Chinesen, und in den zu Ehren des kaiserlichen Geburtstags auf- geführten Festspielen gesehen (beide Bühnenszenen sind im Field Museum ausgestellt). Die chinesische Bühne verzichtet auf jeden äußerlichen Schmuck und überläßt es der Schaffenskraft des Schauspielers, den Zuhörern die gewünschten Täuschungen einzuflößen. Der Puppenspieler ist ebenso hilflos in Bezug auf realistische Mittel und hat nichts anderes als seine Marionetten zur Verfügung; auf dem guten Aussehen und der geschickten Handhabung derselben beruht

XXIV

sein Erfolg. Anders der Schattenspieler, der Realist und Romantiker in einer Person ist. Er scheut vor keiner Schwierigkeit zurück, das Leben seiner Bühne so deutlich und glänzend als nur möglich auszumalen. Er ist Bühnenkünstler. Er zaubert die Szene hin. Da ist Hoch- gebirg. Felsgeklüft, Baum und Wasserfall. Da sind Haus, Tempel, Pagode und Kiosk; teppich- geschmückte Böden, mit Vasen besetztes Gesims, mit Stickereien bedeckte Tische, mit Tiger- fellen belegte Stühle. Die Helden reiten hoch zu Roß, die Frauen wiegen sich auf sanften Eseln oder werden in Palankinen getragen und maultierbespannte Karren eilen an uns vorüber. Richten wir den Blick aufwärts, so gewahren wir auf Kranichflügeln dahingetragene Genien und in den Wolken schwebende Götter. Die Darstellung einer Überschwemmung des Yangtse ist für den Schattenspieler keine unüberwindliche Aufgabe; er setzt Wind und Wellen in Bewegung und läßt schreckliche Ungeheuer aus den Fluten emportauchen, Riesenfische, Muscheln, Krabben, Frösche, Schildkröten, Schnecken und die Drachengötter, taoistische Umformungen des indischen Näga. Der Donnergott schlägt mit dem Hammer auf seine Trommeln, die Göttin des Blitzes läßt ihre Metallspiegel tönen, der Regengott stößt sein Schwert in die Wolken und gießt Wasser aus einem Gefäß herab, die Windgöttin reitet auf einem Tiger durch die Luft und öffnet den Sack, in dem sie die Winde gefesselt hält. Der Schattenspieler meistert die Elemente und beherrscht die Tierwelt. Niemand kann mit größerer Naturwahrheit als er die Bewegungen von Schlangen und Drachen dem Auge vorzaubern oder das Gähnen und Recken des Löwen, das Schleichen und den Sprung des Tigers. Er erfaßt mit der Sicherheit des chinesischen Malers das Leben in der Bewegung, er ist Bewegungskünstler. Vom Leben führt er uns durch die Welt zur Hölle, zu Yama, dem strengen Totenrichter, seinen ochsen- und pferdeköpfigen Trabanten und seinen gehörnten Teufeln. Die Qualen der Verdammten ziehen im Bilde an uns vorüber, bis der milde Blick der gnadenreichen Göttin Kuan-yin die Erlösung ankündet. Im finstern Reich der Schatten ist das Schattenspiel von doppelt packender Wirkung. Den Reiz, den es auf das Gemüt der Chinesen ausübt, kann man dem Kulturmenschen der Gegen- wart vielleicht nicht besser erklären als durch die Anziehung, welche die photographischen Be- wegungsbilder auf uns ausüben. Auch dann bleibt noch ein unbestimmbarer Rest rein gefühls- mäßiger Dinge zurück, die wir etwa verstehen können, wenn wir uns in die Seele des alten Kaisers Wu versetzen, da er die zarte Gestalt seiner verstorbenen Gemahlin im Schattenbilde wiedersah. Dies Gefühl des Schauderns, das unser Dichter der Menschheit bestes Teil nannte, ist an der Wirkung des Schattenspiels seit den Tagen des Spiritismus haften geblieben und bildet das wesentliche Element, das zu seiner Erhallung und allgemeinen Beliebtheit beigetragen hat. Man vergesse nicht, daß die Aufführung eines Schattenspiels einen dunkeln oder halbdunkeln Raum verlangt, während das chinesische Theater stets gleichmäßig hell (oder den Umständen nach gleichmäßig schlecht) erleuchtet bleibt und auch dank dem lauten und ungezwungenen Ver- halten der Zuschauer keinerlei Illusion aufkommen läßt. Das Schattenspiel ist die vollkommenste Illusion, welche das chinesische Drama hervorgebracht hat und hervorbringen kann. Es ist die einzige chinesische Bühne, welche in dem Zuschauer Stimmung und Weihe aufkommen läßt und die ihn mit romantischem Zauber umfangen hält. Es bezeichnet daher die künstlerisch höchste Stufe, welche die dramatische Darstellung in China erreicht hat.

Stücke Buddhistischen Inhalts.

I. Die Weisse Schlange (Nägi). Ein Fünfer-Zyklus.^)

I. Der Geliehene Schirm.

(Chieh san.)

Personen: Hsü Hsien.

Hsiao Pai (die weiße Schlange), eine NägT. Hsiao Ch'ing (die schwarze Schlange), eine NägT.

Die Handlung spielt im dreizehnten Jahrhundert zur Zeit der Sung-Dynastie.

Hsü Hsien. (Rezitativ:) Ungebunden und leichtlebig halte ich mir doch das Getriebe der Welt vom Leibe; an langen Sommertagen träum' ich um die Mittagsstunde in tiefer Ein- samkeit, ich armer Studio, der in stolzer Freiheit in der Bergwildnis dahinlebt, und studiere nur solche Bücher, die der Menschheit von Nutzen sind. (Spricht:) Mein Familienname ist Hsü, mein Name Hsien, mein Zuname Han-wen. Gebürtig bin ich aus Ch'ien-t'ang-hsien in der Präfektur von Hang-chou. Leider sind mir die Eltern beide dahingestorben und Brüder habe ich auch nicht. Der häusliche Besitz ist zusammengeschmolzen und obwohl mein Kopf voll schönster Gedanken ist, so habe ich doch keine rechte Verwendung für sie. Es trifft sich, dass heute der fünfte Tag des fünften Monats ist und die Lotusblumen gerade in vollster Blüte stehen. Was hindert mich, meinen Schirm zu nehmen, das Haustor zu verschließen und mir das Schauspiel anzusehen? (Rezitativ:) Ich ergreife den leichten Schirm, der in der Brise wie eine Welle sich schaukelt, um mich im Anblick trunken, auf das geschnitzte Brückengeländer gestützt, an den azurnen Fluten zu erfreuen. (Ab. Tritt wieder auf.) Aus dem Tore heraus- tretend, gewahr' ich des warmen Windes laue Luft, das zarte Gewölk und den Blumenduft, wie soll man sich da seiner Freiheit nicht freuen! (Singt:) Den Schirm in der Hand, tret' ich

^) Dieser Zyklus ist auf Grund eines Eomans bearbeitet, der unter dem Titel Pai shg chuan {, Geschichte der Weißen Schlange") bekannt ist. Der Verfasser desselben ist unbekannt. St. Julien (Blanche et Bleue, ou les deux couleuvres-fees, Paris 1834) hat eine gekürzte Version desselben übersetzt. Eine Analyse des Inhalts findet man bei W. Grube, Geschichte der chinesischen Literatur, S. 439—446 und Zur Pekinger Volkskunde, S. 129—131. Der Kern des Stoffes dürfte auf eine indische Erzählung zurückgehen, deren Quelle festzustellen bleibt. Für Beal's (Buddhism in China, p. 259) Vermutung, daß die Geschichte von Nägänanda, die wahrscheinlich zur Zeit des ^üäditya um 650 n. Chr. entstanden wäre, die Grundlage des chinesischen Romans bilde, sehe ich keine Anhaltspunkte. Rupprecht Prinz von Bayern (Reiseerinnerungen aus Ostasien, S. 252) bezieht sich auf das hier vorliegende Stück, das er in Peking als Schattenspiel sah.

Abb. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVIII, 1. Abb. 1

zum Hause hinaus; der Lotusblumen mich zu freuen will ich an den Westsee (Hsi hu) gehen. In meinem Herzen hab' ich's satt, die Landschaft an der Straße zu betrachten; denn gibt's auch den Duft von Kräutern und von Bäumen, so fehlt mir doch der Sinn dafür. Am Westsee angelangt, geh' ich dem Strand entlang; der Lotusblumenkiosk ist ein geeigneter Ruheplatz. Auf des Geländers Schnitzwerk hingelehnt, betrachte ich das schöne Bild; und in der Tat gibt's Lieblicheres nirgends in der Welt! Schau doch nur, wie auf dem langen Strom sich die Wellen kräuseln, wie in grenzenlose Weite blaue Schatten eilig huschen, wie der Windhauch tausend Fäden auf der Wasserfläche spinnt und der Sonnenglanz gleich Perlen auf den Wellen blinkt! Paarweis' auf und ab fliegen weiße Yögel, weit und breit tauchen Schatten flüchtiger Fische auf und nieder. Und an beiden Ufern blicken Lotus aus dem Wasser kaum hervor, schön im frischen Rote leuchtend auf dem grünen Blätterdach. Klänge, Düfte schickt der Wind ins Antlitz mir, treibt der Lotussammler Nachen auf dem Wasserspiegel hin. Grüne Fluten, blaue Berge und des Wassers Windungen kreisen in der Ferne um den seltsamen verwaisten Berg. Solch ein Bild, wie ich's da sehe, selbst des Wang Wei^) Künstlerhand könnt' es schwerlich wiedergeben! In Betrachtung jetzt versunken dieses Orts nach meinem Sinn, hör' ich plötzlich, Vogelstimmen ähnlich, zweier Mädchen Wechselruf! (Zwei Mädchen treten auf:)

Hsiao Ch'ing. 0 Fräulein, seht doch nur, wie schön der Westsee ist!

Hsü -Hsien. (Singt:) Aufblickend seh' ich zwei Mägdlein, so fein und sittig, wie's in der Welt nichts Schöneres gibt! Bald gehen sie auseinander, bald wieder kommen sie näher und hemmen ihre Schritte und aus der Ferne schaun sie liebevollen, unverwandten Blicks mich an.

Hsiao Pai. Ach, kleine Schwarze! Nachdem wir heute hergekommen sind, diesen schönen Anblick zu genießen, fällt es schwer, sich wieder davon loszureißen.

Hsü Hsien. Schau, ihre Rede verrät eine Absicht. Da will ich doch einmal ein Lied auf die Schönheit des Westsees machen und sehen, was sie dazu sagt. (Das Lied:) An Sonnentagen naht gerad' ein milder Hauch; der Fische Spiel rührt mir das Herz; zehn Meileil weit schwimmen wie Rauch des Westsees Wellen. Derweil die Weberin an der Milchstraße ihr Schiffchen hin- und herwirft, ertönt der Sang der Lotusblumenpflücker.

Hsiao Pai. Ein schönes Lied, ein schönes Lied, fürwahr ein schönes Lied! (Singt:) Meine Stimme der seinen harmonisch verbindend, kann ich ihn nur preisen. Mit leisen Worten geb' ich der Schwarzen (Hsiao Ch'ing) zu verstehen : Wer mag der reizende Jüngling wohl sein, so schön von Gestalt und dabei so hochgebildet? Wer wollte nicht meine Schönheit preisen, die selbst die Blumen beschämt, und schon vor meiner Schönheit muß sich selbst der Mond verhüllen; aber was soll man erst von seiner Schönheit sagen, von seiner Zähne blendendem Weiß, von seiner Lippen Rosenrot? Die natürliche Pracht seiner Erscheinung, seine Gestalt, sein Wesen stehen noch eine Stufe höher als ich! Nicht nur, daß dergleichen unter Männern selten vorkommt; selbst in der Mädchen Schar steht er an erster Stelle und alle Mädchen in der Welt müßten geradezu vor Scham vergehen; sein Antlitz ist so weiß, daß keines Puders er bedarf, und rosenrot sind seine Lippen; so fein gebildet ist sein inneres Wesen, der wahre Ping-ling-kung,2) just wie er leibt und lebt, das edle Augenpaar, der Ausdruck voll Ent- schlossenheit! Dabei hält er den Blick von fern auf mich geheftet. Den glücklichen Moment darf ich nicht ungenutzt verstreichen lassen! He, kleine Schwarze, du mußt mir zum Ziel ver- helfen, komm mir zu Hilfe, steh' mir mit kühlem Wind und feinem Regen bei! (Spricht:) Kleine Schwarze! So hilf mir mit einem kühlen Windstoss und einem feinen Regen!

Hsiao Ch'ing. Ich versteh' schon. Ich brauche nur ein Zauberwort zu murmeln und flugs sind kühler Wind und feiner Regen zur Stelle.

Hsiao Pai. 0, welch ein heftiger Regen! Wo könnten wir uns verbergen?

Hsiao Ch'ing. Seht doch, Fräulein, wie wär's, wenn wir's mit jenem Kiosk versuchten?

1) Dichter und Maler aus der Zeit der T'ang (699—759). Vgl. Giles, Introduction to the History of Chinese Pictorial Art, p. 50—55 und Hirth, Scraps from a CoUector's Note Book, p. 81—88. '^) König der östlichen Halle in der Unterwelt.

Hsiao Pai. Du sperrst auch gar nicht die Augen auf: du siehst gar nicht, daß dort ein Mensch ist.

Hsiao Ch'ing. Hier regnet es und es ist schlüpfrig; hier werden wir es schlimm haben.

Hsiao Pai. Wenn wir das nicht wollen, dann laß uns nur flüchten!

Hsiao Ch'ing. Bleibt der Fuß nur gerade, so braucht man sich nicht vor einem krummen Schuh zu fürchten. Kommt! (Alle drei zusammen.)

Hsü Hsien. (Spricht:) Wie ist ihr werter Name, meine Damen? Sie sind wohl nicht aus der Ferne? Was führt Sie her, wenn ich fragen darf?

Hsiao Ch'ing, Fräulein, wenn jemand eine Frage an euch richtet, so müßt ihr doch sprechen.

Hsiao Pai. Es ist recht verdrießlich!

Hsiao Ch'ing. Da das Fräulein nicht spricht, so will ich denn reden. Lacht mich nur nicht aus, junger Herr! (Singt:) Unser Haus befindet sich nicht weit von hier, die 0-mi-Insel ist's, wo wir zu Hause sind. Ich, Hsiao Ch'ing, bin eine Dienerin, von Jugend auf dien' ich im Hause Pai als Zofe.

Hsü Hsien. Und in welchem Verhältnis steht jene zu dir?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Sie ist meine junge Herrin, Pai-i-niang^) ist ihr Milchname.

Hsü Hsien. Was für einen Posten bekleidet denn dein Herr?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Mein Herr war weiland General; doch leider starb er schon vor langen Jahren. Die gnädige Frau führte keinen frommen Wandel; darum hat sie ihr Geschlecht vernichtet und keinen Sohn zur Welt gebracht. Das Haus kam in Verfall, weil niemand sich darum kümmerte. Das Fräulein ganz allein stand unserm Hause vor. Da kam, fünf Jahre ist es her, ein Feuerbrand vom Himmel; das ganze Haus ward wie mit einem Schlage weggefegt; wir beide blieben einsam nun zurück. Wir mieteten ein Haus, uns darin zu bergen; durch ihrer Hände Fertigkeit gelang's dem Fräulein, indem sie Kleider fertigte für andere, durch spärlichen Ertrag uns Keis und Feuerung zu erstehn. Dergleichen Hungertage sind schwer zu ertragen. Heut ist's das erste Mal, dass sie das Haus verließ, um Opfergeld am Grabe ihrer Väter zu verbrennen. Da mußte gerade jetzt der Himmel Regen niedersenden, so daß wir nirgendwo ein schützend Obdach finden. Nichts anderes blieb uns übrig, als in diesen Kiosk zu flüchten. Ihr werdet uns wohl verspotten und für gemeinen Schlages halten.

Hsü Hsien. (Spricht:) Was fällt dir ein? Ich bin nicht einer, der sich über andere lustig macht.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Der Regen hört nicht auf; was sollen wir tun? (Spricht:) Fräulein, der Regen hört nicht auf; was sollen wir nur tun?

Hsiao Pai. Wenn man doch wenigstens einen Schirm bekommen könnte!

Hsü Hsien. Wie wäre es, wenn ich euch meinen Schirm liehe, Fräulein?

Hsiao Pai. Das ist recht peinlich.

Hsiao Ch'ing, Ei, natürlich! Darf ich nach eurem werten Namen fragen? Wie weit ist eure Wohnung von hier, damit ich euch morgen den Schirm zurückerstatten kann?

Hsü Hsien. Reichlich eine halbe Meile von hier: wenn ihr über die Feldherrnbrücke kommt, gleich östlich das erste Haus in der schwarzen Perlengasse.

Hsiao Ch'ing. Darf ich um euren werten Namen bitten?

Hsü Hsien. Mein Familienname ist Hsü, mein Name Hsien, mein Zuname Han-wen. Ich bin gerade siebzehn Jahr alt, am fünften Tage des fünften Monats um die Mittagsstunde geboren; verheiratet bin ich noch nicht.

Hsiao Pai. Aber Hsiao Ch'ing, du bist doch kein Wahrsager! Was fällt dir ein, ihn nach seinem Geburtstag und Horoskop zu fragen? Sieh, der Regen läßt schon nach, laß uns nur gehen!

Hsiao Ch'ing. Hoffentlich wird nur der junge Herr nicht anderswohin gehen! (Alle ab. Hsü tritt wieder auf.)

*) D. h. das weißgewandige Fräulein.

Hsü Hsien. Das ist reizend, das ist reizend! Sieh nur, wie beide mich beim Fortgehen mit ihren Blicken verfolgten! Ich bin kreuzfidel! Wenn sie erst den Schirm zurückbringt, dann mach' ich so und so und bringe die Dienerin soweit, daß sie die Ehe zustande bringt. So ist's gut. (Ab.)

(Die beiden Mädchen treten auf. Die Weiße sitzt, die Schwarze steht:)

Hsiao Pai. (Rezitativ:) Die Pflaumenblüten sind die Lenzesboten: die geheimsten Triebfedern werden durch sie offenbar; ihr Duft macht die Cicaden fliegen doch wird ihnen der Weg noch schwer.^) (Spricht:) Ich bin Pai-i-niang-tszg; Hsiao Ch'ing, achte wohl darauf, wie schön sein Antlitz ist, und führe ihn in unsere Höhle, auf daß wir ein Paar werden, dann erfüllst du meinen Wunsch! (Singt:) Seh' ich, wie schön Herr Hsü ist, scheint mein zukünftiges Geschick voll Freude mir, die nicht gering. Obwohl ich harten Herzens und festen Charakters bin, ist mir, seit ich ihn sah, voll Unruh Herz und Sinn, nicht zu beschwichtigen. Was macli' ich mir daraus, ein Genius zu werden und das Tao zu erlangen? Könnt' ich nur der Freuden unter den Menschen teilhaftig werden!

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Wenn dir schon der Herr Hsü so im Herzen liegt, so glaube ich, daß er, nachdem er erst weiß, daß sich im Turm von Ch'in ein Phönixweibchen befindet, auch wird die Flöte blasen wollen.^)

Hsiao Pai. (Singt:) Wer aber könnte die Sache einfädeln und ihn in die Höhle locken, auf dass er die blaue Brücke überschreite?^)

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Wie könnte ein gewöhnlicher Mann die alte Höhle betreten? Ich fürchte nur, daß es ihm an Mut gebricht und er vor Angst Reißaus nimmt.

Hsiao Pai. (Singt:) Was wäre denn nach deiner Ansicht das Beste, um sicher zum lieblichen Pfirsichbaum zu kommen.*)

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Herr Hsü ist ein guter Freund. Ich sah, wie seine Augen sich auf deine hefteten.

Hsiao Pai. (Singt:) Für das, was er und ich im Sinne haben, vertrau' ich ganz auf deine Vermittlung.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Morgen bringe ich ihm den Regenschirm zurück und will mir die Worte einprägen, die ich als Vermittlerin zu reden habe.

Hsiao Pai. (Singt:) Wie willst du zu ihm reden? Sage die Worte in meiner Gegenwart auf I

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Wind und Regen zu beschwören ist uns gegeben; ich werde mich schon nach den Umständen zu richten wissen.

Hsiao Pai. (Singt:) Ich fürchte nur, daß du zuviel Worte machst und dabei den Pferde- fuß sehen läßt, so daß er dahinter kommt, daß wir Dämonen sind.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Beruhigt euch, Fräulein, und macht euch keine unnützen Sorgen! (Spricht:) Wenn ich ihm morgen den Regenschirm zurückbringe, mach' ich es so und so; es ist nicht zu befürchten, daß er auf unsere List nicht hereinfällt.

Hsiao Pai. Wunderbar! Wunderbar! Ich möchte nur, daß du dich recht geschickt aus- drückst: dann bin ich beruhigt, daß alles klappt.

Hsiao Ch'ing. Ihr braucht mich nicht zu ermahnen. Geht nur ruhig in eure Höhle und wartet auf eine fröhliche Botschaft von mir! Das heißt eine Schlinge bereiten, um den Mondhasen darin zu fangen.

Hsiao Pai. (Singt:) Wer einen Alligator fangen will, muß eine duftende Lockspeise aussetzen. (Ab.)

^) Weil sie erst im Sommer fliegen können.

2) Der edle Hsiao-shi blies auf dem Turm von Ch'in weithin schallend auf seiner kostbaren Flöte. Das Lieh chuan („Geschichte der Tugendhaften Frauen") sagt: Hsiao-shi verstand sich darauf, die Flöte zu blasen. Mu-kung von Ch'in gab ihm seine Tochter zum Weibe. Die beiden Ehegatten lockten durch ihr Flötenspiel ein Phönixweibchen herbei. Darauf stiegen sie auf dem Phönix als unsterbliche Genien in die Höhe. Mu-kung aber errichtete ihnen zu Ehren eine Phönixterrasse, Feng-t'ai. Yu-hsio II» p. 13a. Vgl. Petillon, Allusions litteraires (abweichend) p. 281.

^) S. Yu-hsio II, p. 13a, die Geschichte von P'ei Hang.

*) D. h. heiraten. Shi-king I, I, VI, Str. 1.

Hsü Hsien. (Tritt auf. Singt:) Ein unermeßliches Glück kommt mir vom Himmel; still horch' ich auf die liebliche Lenzeskunde. (Spricht:) Seit ich gestern am Westsee der Pai- i-niang-tsz6 begegnet bin, hat sie mir Herz und Sinn verwirrt. Die Dienerin sagte, daß der Weg gangbar sei. Wäre das nicht ein Glück, vom Himmel gesandt?

Hsiao Ch'ing. (Hinter der Szene:) Seid ihr drinnen? Öffnet!

Hsü Hsien. Ha, wer ist da? (Ab.)

Hsiao Ch'ing. Ich bin es.

Hsü Hsien. Ach so, es ist Fräulein Hsiao Ch'ing, die einen Auftrag bringt. Nehmt drinnen Platz. (Beide treten auf.)

Hsiao Ch'ing. Ich störe wohl?

Hsü Hsien. 0, bitte. Nehmt Platz, Fräulein Ch'ing.

Hsiao Ch'ing. Ich danke. Das war so freundlich, uns einen Schirm zu leihen. Mein Fräulein schickt mich her, erstens den Schirm zurückzubringen, und zweitens seinen Dank zu sagen.

Hsü Hsien. Sehr gütig; es war ja nicht der Rede wert. Ich habe etwas auf dem Herzen ; nur ist es schwer, es auszusprechen.

Hsiao Ch'ing. Habt ihr etwas zu sagen, so redet, bitte.

Hsü Hsien. Nun also, so höret denn! (Singt:) Daß ich die beiden Damen am Westsee treffen mußte; es lag Bestimmung darin, daß wir uns in der Einsamkeit begegneten.

Hsiao Ch'ing. Was für eine Bestimmung?

Hsü Hsien. (Singt:) Als ich euch schildern hörte, wie Bitteres das Fräulein durch- gemacht, da mußte, heimkehrend, ich seufzen, daß ihr solch herbes Los beschieden.

Hsiao Ch'ing. Es ist sehr gütig vom Herrn, ihrer also zu gedenken.

Hsü Hsien. (Singt:) Wie ist's beklagenswert, daß sie nicht Vater hat noch Mutter, noch auch Verwandte sonst, dass so allein zurückgeblieben zwei so schöne Jungfrauen; daß sie, noch ohne Obdach obendrein, sich eine Wohnung mieten mußten und ohne Feuerung und Reis dem Elend preisgegeben sind! War' noch euer Herr am Leben, sicherlich schon hätt' er einen Gatten ihr gefunden.

Hsiao Ch'ing. Wenn sie einen Gatten hätte, das wäre freilich schön! (Singt:) Meine Herrin hat ein trauriges Geschick ; kein Bruder und die Eltern beide tot. Und wie schön sie ist I der Herr hat's ja gesehen und ich brauch's nicht erst zu schildern. Dieses Frühjahr ward sie gerade sechzehn Jahr. Als der Herr noch lebte, liebte er sie zärtlich und war stets darauf bedacht, ihr einen Gatten, schön wie sie, zu wählen. So aber ist die wichtige Ange- legenheit ihres ganzen Lebens hinausgezögert worden : bis heutigen Tages ist sie noch ohne Mann.

Hsü Hsien. Da sie keine Eltern hat, sollte sie sich doch nach einem Gebieter umsehen.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Eben weil sie selbst talentvoll ist und schön, besteht sie darauf, sich einen schönen Gatten auszuwählen.

Hsü Hsien. Welcher Art wäre denn der Mann, der ihrer Wahl entspräche?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Schön müßte er erstens sein und dann talentvoll; ein solcher müßt' es sein, damit sie ihn zum Gatten nähme.

Hsü Hsien. Da kann von einem meines Schlages freilich nicht die Rede sein.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Es sind auch schon Heiratsvermittlerinnen dagewesen, um mit ihr zu reden ; doch wollte sie nichts davon hören, und ihre Rede war vergeblich.

Hsü Hsien. Ach, es ist mir peinlich, den Mund zu öffnen.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Nachdem sie gestern euch begegnet, sang sie das Lob des Herrn einmal ums andere.

Hsü Hsien. (Singt:) Also hat sie doch Gefühl für mich! Das kann nur Himmelsfügung sein und kann nicht anderswoher kommen. Morgen noch send' ich eine Verwandte hin, die für mich um sie freie. Ich baue fest auf euch, daß ihr in dieser Sache für eine günstige Antwort sorgt.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Du^ch Ehevermittler freien, entspricht zwar ganz den Riten und doch war' es nach meiner Ansicht falsch.

Hsü Hsien. In wie fern wäre es denn falsch?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Die Ehen sind ursprünglich in einem frühern Leben schon bestimmt. Warum sollte es noch anderer Leute Mittlerschaft bedürfen? Von altersher heißt's: „Was Vermittler reden, ist nichts Rechtes wert".

Hsü Hsien. Wie wäre es denn aber ohne Vermittler^) zu bewerkstelligen?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Denen ist es nur darum zu tun, ein Geschäft zu machen. Ich bin von Herzen gern bereit, den Mann im Mond für euch zu spielen : so braucht ihr keinen blanken Heller auszugeben, spart euer Geld und spart den Wein, den die Vermittlerin bekommt, spart auch den Tee, den jener ihr zum Danke schuldet.

Hsü Hsien. Wenn nun aber das Fräulein nicht einwilligt?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Seit sie am Westsee euch begegnet, singt euer Lob sie wachend und im Traum. Und läßt sie auch kein Sterbenswort verlauten, so hab' ich doch zum guten Teil erraten, wie es steht.

Hsü Hsien. Wollt ihr die Güte haben, mit ihr zu reden und auch den Tag zu be- stimmen, wann die Übersendung des Verlobungsgeschenkes passen würde?

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Was für Geschenke sollte es da noch bedürfen? Ich habe längst für das Fräulein einen Beschluß gefaßt. Erfährt es vor der Zeit eine Vermittlerin, so gibt es unvermeidlich eitel Klatsch und unnützes Gerede.

Hsü Hsien. Wie meint ihr denn, daß es am besten zu machen ginge?

Hsiao Cb'ing. (Singt:) Ich meine: je heimlicher, je besser. So spart ihr auch die müs- sigen Reden anderer, die es nichts angeht. Ihr spielt die Rolle eines Chang Chün-jui, die Ts'ui Ying-ying wird das Fräulein spielen, ich aber möchte die Rolle der Hung-niang übernehmen. 2) Wartet heute abend in der westlichen Seitenhalle, bis der Mond schräg steht; ich geleite dann da^ Fräulein zum schönen Stelldichein, auf daß ihr mit ihr vereint seid, nach Art der Göttinnen des Wu Shan3).

Hsü Hsien, Ich fürchte nur, daß das Fräulein nicht kommt,

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Ihr seid ein Hagestolz, und das Fräulein ist eine Jungfrau. Das Sprichwort sagt: „Ein Mädchen, das fremd dasteht, sehnt sich nach eignem Heim."

Hsü Hsien. Immerhin muß ein günstiger Tag ausgewählt werden.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Heute ist der Stern der Himmeistugend; der bedeutet großes Glück ; läßt man den heutigen Tag verstreichen, so werden die bösen Geister dazwischenkommen.

Hsü Hsien. Ich überlasse alles euch, Fräulein.

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Da gebt ihr mir eine Last von tausend Pfund zu tragen. (Spricht:) Ich denke, wenn ihr eine Vermittlerin mit dem Auftrag betrauen wollt, so wäre zu befürchten, daß durch falsche Gerüchte Unannehmlichkeiten entstehen. Überlaßt es meiner Redegewandtheit, und ich verbürge mich euch, daß ich das Fräulein überreden werde. Heute abend nach der zweiten Nachtwache geleite ich das Fräulein hierher. Aus euch beiden wird dann ein Paar,*) ohne daß man müßiges Gerede und Klatsch zu fürchten hat. Einstweilen empfehle ich mich. Erwartet uns auf der Terrasse Yang-t'ai.

Hsü Hsien, Ich gebe euch das Geleit, Fräulein.

Hsiao Ch'ing. Bitte, spart eure Schritte! (Ab.)

Hsü Hsien. Wo in aller Welt gibt es solch ein Glück? (Singt:) Höre ich, was sie mir sagt, ist's ein gottgesandtes Glück, schier wunderbar ! Es kostet dieser Ehebund mir nicht das geringste Brautgeschenk, und auf der Terrasse Yang-t'ai wird mir die Vermählung mit der göttlichen Jungfrau zuteil. Sitzend, stehend, find' ich keine Ruh, wenn es doch erst Abend wäre ! Auf und nieder wandernd, kratz' ich hinterm Ohr mich, reibe mir die Wangen. Immer noch leuchtet die Sonne am Firmament, gerade auf der Mittagshöhe steht sie, und die Schatten fallen noch nicht schräg. Einem Mond gleicht jede Viertelstunde. Da neigt die Sonne

1) Hung-yeh, vgl. Lockhart, A Manual of Chinese Quotations, p. 167 = Yu-hsio II, 12a.

^) Drei Rollen aus dem Drama Si-siang-ki.

3) Vgl. Mayers, Chinese Reader's Manual, p. 262, No. 873.

*) Wörtlich: ihr werdet aus rohem gekochter Reis.

eben sich gen Westen; wo aber bleiben Mond und Sterne? "Warum zieht die Sonne sich nicht schneller in ihren Palast hinter Berge zurück? Die fünfte Stunde ist schon vorüber; schon ist es nach sieben, ich will eilig Weihrauch und die gelben Papierpferdchen*) aufstellen. Alles ist nunmehr bereit und schon ist die Dämmerung vorbei. (Erste Nachtwache.) Gerade kommt der Mond hervor und bestrahlt die Terrasse. Du kommst ja heut so früh, o Mond ! Heller strahlt dein Licht als in den letzten Tagen; willst wohl gar die Chang-o^) niedersenden? Offen steht heute der Palast des Mondes. Ich will die Lampe nehmen und Licht machen. (Zweite Nachtwache.) Da höre ich schon die zweite Wache schlagen, das ist just die Zeit, wo der erhabene Gelehrte auf dem schneebedeckten Berge schlummert, und durch den vom Mondesglanz beschienenen Wald die schöne Jungfrau kommt. Sollte am Ende die Dienerin die Unwahrheit gesprochen haben ? Sollte am Ende die Dienerin geflunkert und mich Bücherwurm mutwillig zum Besten gehabt haben? Sollte das Fräulein nicht eingewilligt haben und in Zorn geraten sein, die Zofe gescholten und davongejagt haben? Sollte sie beim Waschen, Kämmen und Ankleiden oder beim Ordnen ihrer Sachen sich verspätet haben? Wenn sie kommt, so ist sie um diese Zeit mit ihren Sachen fertig; sie muß um diese Zeit ihr jungfräuliches Heim ver- lassen; sie muß um diese Zeit eintreffen, wenn sie überhaupt kommt. (Dritte Nachwache.) Da höre ich, wie das Gong die dritte Wache verkündet. Da ist draußen jemand vor der Tür, der sich räuspert und Einlaß begehrt. (Ein Husten hinter der Szene.) Unter leisen Reden klopft jemand an die Tür.

Hsiao Ch'ing. (Spricht hinter der Szene:) Öffnet die Tür!

Hsü Hsien. Seid ihr gekommen, Fräulein Hsiao Ch'ing?

Hsiao Ch'ing. Freilich, das Fräulein ist da.

Hsü Hsien. Ich öffne gleich. (Ab. Hinter der Szene:) Bitte, nehmt drinnen Platz, Fräulein! (Alle treten auf:) Ich armer Gelehrter werde durch einen Irrtum mit eurer Liebens- würdigkeit beehrt. Ihr erzeigt mir die Ehre eures Besuches, und ich kam euch nicht einmal entgegen. Bitte recht sehr um Entschuldigung!

Hsiao Pai. Mir ist so peinlich zu Mute, daß ich die Scham kaum überwinden kann. Da ich gekommen bin, Herr, haltet mich nicht für eine Kokette !

Hsiao Ch'ing. Ich denke, alles ist in einem früheren Leben bestimmt gewesen. Wozu die vielen Redensarten? Herr Bräutigam, habt ihr einen Altar hergerichtet?

Hsü Hsien. Der steht schon längst bereit.

Hsiao Ch'ing. Dann also will ich euch helfen. Ihr Ehegatten, verrichtet euer Gebet vor Himmel und Erde ! Seht, wie der Mond am Firmament leuchtet ! (Nach vollendetem Gebet :) Das wäre somit geschehen. Was soll nun die Vermittlerin zum Dank erhalten ?

Hsü Hsien. Wählt euch nur etwas aus!

Hsiao Ch'ing. Vor allen Dingen heißt es jetzt . . . So! (wobei sie eine Handbewegung macht, durch die sie die ehelichen Pflichten andeutet.)

Hsü Hsien. In der Tat. (Singt.) Unter den Menschen wird berichtet, wie sich zwei schöne Menschenkinder im goldenen Gemach zusammenfanden. ^) Am Himmel aber überschritten die beiden Sterne den Silberstrom.*)

^) Gehören zur Ehezeremonie. ^) Göttin, die im Monde wohnt.

^) Lockhart, A Manual of Chinese Quotations, p. 168, 2.

*) Anspielung auf die Sage vom Kubhirten und von der Weberin.

2. Der Tempel des Goldenen Berges.

(Chin-shan-sze.) *)

Personen:

Der Priester Fa-hai.^) Wei-t'o.

Ein Bonze. Hsiao Pai (die Weiße Schlange).

Ein junger Bonze. Hsiao Ch'ing (die Schwarze Schlange).

Hsü Haien.

Fa-hai. (Tritt auf. Rezitativ:) Nach Empfang der Weihen fastete ich in der Berg- einsamkeit. Tag und Nacht bete ich zu Buddha und lese die heiligen Texte. Kann ich auch nicht ein Gott im Himmel werden, so bin ich doch Unsterblicher geworden. (Spricht :) Ich bin Fa-hai und sorge im Tempel des Goldenen Berges für die Bekehrung der Menge, Ich sitze mit untergeschlagenen Beinen in Meditation versunken ; ach, da wallt auf einmal mein Herzblut auf! Ich ergründe die Ursache mittels magischer Fingerstellung. Nun kenne ich den Grund: heute ist Hsü Hsien, da der Dämon seine Hexenkunst geübt hat, dahintergekommen und kommt her, um ein Gelübde zu erfüllen. Davon soll weiter nicht die Rede sein.

Ein Bonze. (Tritt auf.) Ich melde dem Herrn Oberpriester, daß Hsü Hsien aus Ch'ien- t'ang-hsien gekommen ist, um ein Weihrauchopfer darzubringen.

Fa-hai. Laß ihn hereinkommen.

Bonze. Jawohl. Der Meister läßt bitten.

Hsü Hsien. Da bin ich. (Tritt auf.) Ehrwürdiger Meister, ich neige mich vor euch.

Fa-hai. Ich erwidere deinen Gruß. Bitte, nimm Platzt

Hsü Hsien. Ich bin so frei.

Fa-hai. Erlaube mir die Frage, Almosengeber ^): ein Unheilsausdruck liegt auf deinem Antlitz. In welcher Absicht bist du in den Tempel gekommen ?

Hsü Hsien. Ich flehe euch an, Meister, rettet mich! Ich will mein ganzes Leben lang mich nicht mit irdischen Dingen befassen, sondern in Klostereinsamkeit nach sittlicher Voll- kommenheit streben. Bitte, Meister, behaltet mich bei euch!

Fa-hai. Mir ist längst bekannt, in welcher Absicht du kommst. Aber die Zeit deines irdischen Verhältnisses zu dem Dämon ist noch nicht erfüllt. Sie trägt nämlich einen Chuang- yüan unter dem Herzen. Sobald dieser einen vollen Monat alt sein wird, dann erst werdet ihr euch trennen.

Hsü Hsien. Ich flehe euch an, Meister, behaltet mich hier! Ich mag nicht mehr vom Berge heruntergehen.

Fa-hai. Nun gut, so mag es sein! Es bleibt aber noch abzuwarten, wie sich der Dämon dazu verhalten wird. Steh auf und geh !

Hsü Hsien. Jawohl.

Fa-hai. Nimm den Tee in der Halle der Geistlichen Betrachtungen!

Hsü Hsien. Jawohl. (Ab.)

Fa-hai. Es trifft schon zu: die betörten Menschen kommen nie zur Vernunft; immer werden sie das Opfer der Dämonen. (Ab.)

Hsiao Pai. (Tritt auf.) (Rezitativ:) Mein Gatte ist gegangen, ein Gelübde zu erfüllen. Ich kann nicht anders als stets an ihn denken. (Spricht:) Ich bin Pai Su-chen*) und bin mit Herrn Hsü verheiratet. Als ich mir am Mittsommerfest des fünften Monats einen Rausch an-

1) Übertragen von Emil Krebs.

^) Fa-hai ist der Mönchsname mit der Bedeutung „Das Meer der Lehre" (Dharniasägara). 3) Anrede vom Priester an almosenspendende Laien, das indische dänapati.

*) Sie legt sich den Familiennamen Pai („weiß") und den Vornamen Su-chen bei, der gleichfalls „ganz weiß" bedeutet.

getrunken hatte, kam meine wahre Gestalt zum Vorschein. Mein furchtsamer Gatte bekam einen solchen Schreck, daß er gleich tot war. Zum Glück stahl ich das lebenschaffende Kraut vom Südmeere 1) und brachte ihn so wieder zum Leben. Da ich fürchtete, er könnte einen Argwohn hegen, machte ich aus einem Handtuch eine weiße Schlange, der ich mit dem Schwert den Kopf abschlug, um ihn so zu täuschen. Doch hegt er bis heutigen Tages noch Verdacht und wollte durchaus nach dem Tempel des Goldenen Berges, um dort ein Gelübde zu erfüllen. All meine Beimühungen, ihn davon abzuhalten, waren fruchtlos. So ist er denn gegangen. Ich kann nicht zur Ruhe kommen und habe daher Hsiao Ch'ing nach Erkundigungen ausgeschickt. Ich weiß noch nicht, wie es stehen mag.

Hsiao Ch'ing. (Tritt auf.) (Rezitativ:) Nun will der Frau ich melden, was ich über den Herrn erkundet habe. (Spricht:) Herrin, ich bin dem Herrn nachgefolgt und habe in Erfahrung gebracht, daß er dort als Mönch weilt und nicht vom Berge herunterkommen will.

Hsiao Pai. 0 du pflichtvergessener Bösewicht! Bei der Gattenliebe, die ich dir ent- gegenbringe, hätt' ich nie gedacht, daß du so grausamen Herzens sein würdest. Der elende Fa-hai hält ihn zurück. Da bleibt mir nichts übrig als hinzugehen und ihn vom Berge herab- zuholen. Hsiao Ch'ing!

Hsiao Ch'ing. Hier!

Hsiao Pai. Komm mit! Wir wollen uns auf eine leichte Brise setzen und ihn holen. (Ab. Treten wieder auf.)

Hsiao Ch'ing. Ich melde, daß wir hier auf dem Goldenen Berge angekommen sind.

Hsiao Pai. Dann geh hin und klopfe an die Tür!

Hsiao Ch'ing. Jawohl. Meister, öffnet!

Der Bonze. (Tritt auf.) Wer macht denn solchen Lärm hier? (Öffnet.) Ach, sieh einmal! Es sind zwei weibliche P'u-sa^) (Bodhisatva), vermutlich um Weihrauch zu brennen!

Hsiao Ch'ing. Nein.

Der Bonze. Dann, um ein Gelübde zu erfüllen?

Hsiao Ch'ing. Auch nicht.

Der Bonze. Weder zum Weihrauchbrennen noch eines Gelübdes wegen. Was wollt ihr denn dann eigentlich hier?

Hsiao Pai. Ich will meinen Herrn holen. ^)

Der Bonze. Oh, also einen Soldaten?

Hsiao Pai. Nein.

Der Bonze. Dann einen Gerichtsdiener?

Hsiao Pai, Nein.

Der Bonze. Einen Häscher?*)

Hsiao Pai. Nein.

Der Bonze. Das eine nicht und das andere nicht. Was wollt ihr denn dann von den Bonzen?

Hsiao Pai. Ich suche Herrn Hsü.

Der Bonze. Oh, also den Hsü Hsien?

Hsiao Pai. Ganz recht.

Der Bonze. Der Meister hat gesagt, der dürfe nicht vom Berge heruntergehen.

Hsiao Pai. Warum denn das?

Der Bonze. Er sagt, drunten seien zwei Dämonen erschienen, von denen die eine die Weiße Schlange, die andere die Schwarze Schlange heiße; deßhalb lasse er ihn nicht vom Berge hinuntergehen.

1) D. i. P'u-t'o-shan, wo die Kuan-yin wohnt. Das lebenschaffende Kraut (ling chih) ist ein Schwamm (Fungus) von glückbringender Vorbedeutung und als Symbol langen Lebens sehr häutig in der Kunst dargestellt.

^) So werden Tempelbesucherinnen aus Höflichkeit von den Bonzen genannt.

*) Sie spricht von ihrem Gemahl höflich als kuan-jen; da das sonst die Unterorgane der Behörden bedeutet, kommt der Bonze zu seinen Fragen.

*) Kou t'uei-tse »Hundsbeine" werden spöttisch die Gerichtsdiener genannt, welche die Laufereien

draußen zu machen haben.

Abh. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVIII, 1. Abb. 2

10

Hsiao Pai. Pah, du kahlköpfiger Esel! Geh sofort zu Fa-hai und sage ihm, er solle meinen Herrn herauslassen !

Der Bonze. Und wenn er ihn nicht herausläßt?

Hsiao Pai. Wenn er ihn nicht entläßt, dann werde ich keinen einzigen von euch kahlköpfigen Eseln in diesem Tempel übrig lassen.

Der Bonze. Oh weh, das ist viel auf einmal gesagt! Wartet, ich will dem Meister Meldung machen. (Hinter die Szene rufend :) Ihr werdet gebeten, Meister.

Fa-hai. Hm! (Tritt auf.) Woher diese Aufregung?

Der Bonze. Ich melde, daß unten am Berge zwei Dämonen angekommen sind, die übermäßig große Reden führen.

Fa-hai. Das macht nichts. Verkriech du dich zunächst nach hinten! Ich will inzwischen zu ihnen gehen. Bringe mir mein geistliches Amtssiegel her. i)

(Tritt mit den beiden Dämonen zusammen auf.)

Hsiao Pai. Alter Priester, gebt mir rasch meinen Gatten heraus, damit ich zusammen mit ihm zurückkehre !

Fa-hai. Oh, du verdammtes Vieh! Ich habe dich nicht aufgesucht; du aber kommst so ohne weiteres her zu mir! Machst du nicht bald, daß du fortkommst? Fort! Sonst wird es dir übel ergehen.

Hsiao Pai. Ach, Priester! (Singt:) Gib rasch mir meinen Gatten frei, damit wir vereint von dannen ziehen ! Ich bin doch ohne Schuld und Fehl. Daß übel es mir gehen soll, ist gar ein lieblos Wort. Du und ich, wir sind nicht Feinde und hassen uns auch nicht. Ich bin ein Laienweib ; du aber bist ein Priester. Mitleid und Liebe soll der Mönch stets hegen. Ich ehre meinen Gatten, wie ich den Himmel ehre, und liebe ihn.

Fa-hai. Wenn ihr die Norm des Himmels kennt, warum bringt ihr dann so bitteres Leid über die Menschen.

Hsiao Pai. (Singt:) Ich habe meinem Gatten kein Leid getan. Unrecht ist, was du sprichst.

Fa-hai. Das ist alles nur Dämonengerede, womit ihr die Menschen irre führt. Machst du dich noch nicht fort?

Hsiao Pai. (Singt:) Wenn du mein freundlich Bitten nicht beachten willst, dann hör', wie ich dich schmähe, kahlköpfiger Esel du! Was ist der Grund, daß meinen Mann du nicht entlassest? Da ich im Guten nicht auskommen kann, so wächst, indem ich spreche, mein Zorn und meine Wut. Ich hebe das Zauberschwert und hole damit aus. Daß du mir nicht ent- läufst, kahlköpfiger Esel ! Ich will dich fassen. (Spricht :) Ai, ai ! Ich will ihm nachsetzen, damit ich ihn fasse. (Ab.)

Fa-hai. Wo ist der Schützer des Glaubens?

Wei-t'o2). Hier bin ich. (Tritt auf.) Was ist dein Befehl?

Fa-hai. Bewache das Tempeltor gehörig und sieh, was die beiden Dämonen treiben I

Wei-t'o. Ich gehorche dem Befehle.

(Die beiden Dämonen treten auf.)

Hsiao Pai. Fa-hai, gib schleunigst meinen Gatten heraus!

Fa-hai. Dein Gatte sucht seine Zuflucht bei den Drei Kostbarkeiten,') wie kann er also wieder in die Welt zurückkehren ?

Hsiao Pai. Ist das wahr?

Fa-hai. Jawohl.

Hsiao Pai. Wirklich?

Fa-hai. Wirklich.

^) fa pao „der Schatz der Lehre* (dharmaratna) ist das amtliche Siegel der geistlichen Würdenträger.

2) Veda, Anführer der vier großen Himraelskönige, von denen jeder eine der vier Himmelsgegenden bewacht, und Schutzgott der buddhistischen Tempel.

^) Die drei Kostbarkeiten (triratna) sind Buddha, sein Gesetz und seine Priestergemeinde. Seine Zuflucht zu den Drei Kostbarkeiten nehmen bedeutet Mönch werden.

11

Hsiao Pai. Ach, dies Wort kann einen erzürnen, gib schleunigst meinen Gatten freil

Fa-hai. Was machst du denn, wenn ich ihn nicht herauslasse?

Hsiao Pai. Dann laß' ich keinen einzigen von euch kahlköpfigen Eseln in diesem Tempel übrig.

Fa-hai. Hm, hm !

Hsiao Ch'ing. Herrin, es ist doch vielleicht besser, wenn ihr vortretet und ihn recht schön bittet. Dann gibt er euch möglicherweise den Gatten frei.

Hsiao Pai. Nun, meinetwegen! So will ich flehen. Ach, Priester! Die Jünger Buddhas haben doch ein Herz von Mitleid und Menschenliebe ! Gutherziger Priester, laß rasch meinen Gatten heraus! Denn wir hegen tiefe Liebe und große Treue zu einander. Priester, bedenke doch, daß wir nicht von einander lassen können ! So bitte ich denn, hebe deine Hand auf und gewähre uns Gatten ein Wiedersehen ! Ach, mein Gatte ! (Singt :) Mit beiden Knieen werf ich mich zur Erde nieder und tränenüberströmt ruf ich zum heiligen Mann : Wohltun ist, was des Klosters Jüngern ziemt; sie sollen Liebe üben und gute Werke tun. Auch ich bin, wie du weißt, nicht von gemeiner Art : ich habe mich tausend Jahre bitter angestrengt im Wege der Erkenntnis. Niemals habe gegen das Gewissen ich gesündigt und nie den Menschen Übles zugefügt. Kein Wunder, wenn ich meinem Gatten zärtlich zugetan ; denn nicht das erste Mal ist's, daß wir uns begegnen ; in einem frühern Dasein waren wir uns schon bekannt. Es ist der Menschen Art, Wohltaten zu vergelten, und was er mir getan, als er die Schlange kaufte, wiegt gar schwer, i) 0 Priester, übe eine Tat der Liebe ! Ich werde dann dem blauen Himmel droben mit Wolken Weihrauchs danken.

Fa-hai. Pub! (Singt:) Nichtswürdige! Statt in Bergeseinsamkeit Veredlung deines Wesens anzustreben, bringst du Verwirrung in die Menschenwelt. Nicht leicht wiegt deine Schuld. Dein Gatte ist von jeher zum Jünger Buddhas ausersehen und soll ein Genius werden. Wie sollt' ich diesen Schicksalsschluß durch dich zu nichte machen lassen? Geh rasch, entferne dich von diesem Tempel ! Wo nicht, so zeig' ich deine wirkliche Gestalt.

Hsiao Pai. Halt! Kahlköpfiger Esel du! Du kahlköpfiger Esel, wenn du meinen Gatten nicht herauslassest, dann muß eines von uns beiden, du oder ich, sterben.

Hsiao Ch'ing. Nun, Herrin, wollen wir uns einmal mit ihm messen, wer der Stärkere ist ! Kahlköpfiger Esel, kahlköpfiger Esel ! Ich komme, dich zu packen. (Ab.)

Fa-hai. Das verdammte Vieh wagt wirklich Gewalt anzuwenden! Wo ist der Be- schützer des Glaubens?

Wei-t'o. Hier.

Fa-hai. Geh und bemächtige dich des Dämons!

Wei-t'o. Ich gehorche dem Befehl. (Ab.)

(Er tritt mit der Weißen Schlange auf, mit der er kämpft.)

Hsiao Pai. Kahlköpfiger Esel, was für Zauberkünste hast du sonst noch? Ich fürchte mich nicht vor dir.

Fa-hai. Pfui! Das verdammte Vieh ist wirklich sehr verwegen. Sieh, nun will ich dich mit meinem Rasselstabe packen !

(Der Stab hat sich in einen Drachen verwandelt, der mit der Weißen Schlange kämpft; diese

flieht und tritt wieder auf)

Hsiao Pai. Oh, der brave Fa-hai, der brave kahlgeschorene Esel verfügt wahrlich über mannigfaltige Zauberkräfte! Es scheint mir so nicht möglich, über ihn zu siegen. Was ist nun zu tun ? 0, o, ich habs ! Schwarze !

Hsiao Ch'ing. Hier!

Hsiao Pai. Befiehl den im Wasser lebenden Scharen, daß sie ihre Macht entfalten und die Wassermassen in Bewegung setzen, so daß das Wasser den Goldenen Berg überflutet 1 Das soll ohne Aufschub geschehen !

Hsiao Ch'ing. Ich weiß Bescheid. (Ab.) Ihr Wasserscharen 1

M Hsü Hsien hatte in einem frühern Dasein der Schlange das Leben gerettet, indem er sie kaufte und in Freiheit setzte, als sie gefangen war.

2*

12

Die Wasserscharen. Hui

Hsiao Ch'ing. Die Gnädige Frau befiehlt, daß ihr alle eure Macht entfaltet und die Wassermassen in Bewegung setzt, so daß das Wasser den Goldnen Berg überflutet.

Die Wasserscharen. Hui (Wasser ergießt sich über die Bühne.)

Ein junger Bonze. (Tritt auf.) Ach, Meister, es ist schlimm! Seht nur, wie die großen Wasser den Berg überfluten I

Fa-hai. Macht nichts. Nimm mein Priestergewand und decke es auf den Gipfel des Berges ; dann wird das Wasser von selbst zurückweichen.

Der junge Bonze. Jawohl.

Fa-hai. Wo ist der Beschützer des Glaubens?

Wei-t'o. Hier!

Fa-hai. Nimm meine das Meer beruhigende Perle und treibe die Wasserscharen auseinander.

Wei-t'o. Ich gehorche dem Befehl. (Verjagt die Wasserscharen. Ab.)

Hsiao Pai. (Tritt auf.) Kahlköpfiger Esel! Wenn du meinen Gatten nicht vom Berge herunterlassest, gebe ich dir keine Ruhe, bis ich dich getötet habe.

Fa-hai. Du verdammtes Vieh! Nimm dich vor meiner zauberkräftigen Almosenschale in acht! Mit der fasse ich dich.

Hsiao Pai. 0 weh, das ist übell

(Der Gott K'uei-hsing fängt die Almosenschale auf. Der Dämon läuft davon.)

Wei-t'o. Ich melde, daß die zauberkräftige Almosenschale von dem Gestirn Wen-chang^) aufgefangen worden und der Dämon entflohen ist.

Fa-hai. Wenn mir nur meine zauberkräftige Almosenschale wiedergeschafft wird, dann mag der Dämon ruhig laufen ! Kehre, ehrwürdige Gottheit, zu deinem Sitz zurück !

Wei-t'o. Ich gehorche. (Ab.)

Hsü Hsien. (Tritt auf.) Ich bin zu Tode erschrocken, ich bin zu Tode erschrocken, Ehrwürdiger Priester, könnt ihr nun den Dämon noch bändigen ?

Fa-hai. Sie ist gesegneten Leibes; deßhalb kann ich mich ihrer nicht bemächtigen.

Hsü Hsien. Wo ist sie denn hin?

Fa-hai. Sie hat sich nach Lin-an^) in das Haus deines Schwagers begeben.

Hsü Hsien. Ach, ehrwürdiger Priester! Sie wird mir keine Ruhe lassen.

Fa-hai. Keine Sorge! Die Zeit ihres irdischen Verhältnisses mit dir ist noch nicht erfüllt, und sie hat keinerlei Absicht, dir ein Leid anzutun. Sie wird, sobald sie in Lin-an angekommen ist, sogleich gebären ; ist dies erst geschehen, weiß ich schon weiter Rat.

Hsü Hsien. Vielen Dank euch!

Fa-hai. Noch heute nacht bringe ich dich nach Lin-an; dort werdet ihr Ehegatten euch wieder zusammenfinden.

Hsü Hsien. Wenn ich von der Zuflucht auf dem Goldenen Berge scheide, um mich nach Lin-an zu begeben, brauche ich mich vor dem weiten Wege nicht zu fürchten, da Zauber- kunst mich schützt. (Ab.)

^) Gott der Literatur; er sendet den Sterngott K'uei-hsing, damit der im Leibe der Schlange noch ungeborene spätere Cbuang-yüan gerettet werde. 2) Hang-chou.

13

3. Die Zerbrochene Brücke.

(Tuan ch'iao.)^

Personen:

Hsiao Pai (die Weiße Schlange). Hsiao Ch'ing (die Sehwarze Schlange) Hsü Hsien.

(Hsiao Pai und Hsiao Ch'ing treten auf.)

Hsiao Pai. (Rezitativ:) Im großen Kampf bei Chin-shan-sze hätt' ich fast das Leben lassen müssen. (Spricht:) Ich bin die Weiße Schlange.

Hsiao Ch'ing. Ich bin die Schwarze Schlange.

Hsiao Pai. Als wir soeben beim Tempel Chin-shan-sze mit Fa-hai kämpften, ließ er, was niemand ahnen konnte, himmlische Truppen kommen. Auf diese Weise hätte er uns bei- nahe den Garaus gemacht. Zum Glück gelang es uns, von Chin-shan-sze hierher zu flüchten.

Hsiao Ch'ing. Ach, Herrin, bereut ihr es nun, da es so weit gekommen ist? (Singt:) Nicht durftet ihr am Fest des fünften Monats den Wein mit Schwefelblüte trinken sowie der Liebe pflegen hinterm roten Vorhang. Als euer Gemahl vor Schreck entseelt zu Boden sank, war's wieder euer eigner Plan, das Geisterkraut zu stehlen. Im Zauberkampf beim Tempel Chin-shan-sze hat Fa-hai seine Feindschaft uns gezeigt. Im heißen Streiten vor dem Tempeltor hätten wir beide fast das Leben lassen müssen. Ich warn' euch, Herrin, laßt fahren, was ihr nun einmal fahren lassen müßt ! Macht einen Federstrich durchs Wörtlein Liebe ! Kehrt mit mir auf unsern Berg zurück und geht so weiterem Ungemache aus dem Wege ! Denn euer Gemahl ist doch nun euer Feind!

Hsiao Pai. (Singt:) Lieb Schwesterlein, wenn ich zurück auch wollte, das steht nicht mehr bei mir. Nachdem mit irdischer Lust ich mich besudelt, nimmt mich die heilige Mutter nicht mehr auf. Ich trage einen Sproß des Hauses Hsü unter meinem Herzen ; laß diesen erst geboren sein, dann wollen wir weiter reden ! Ach weh, welch großer Schmerz auf einmal in meinem Leibe ! (Spricht :) Ach, auf einmal beginnt ein großer Schmerz in meinem Unterleibe. Gewiß drängt das Kleine an Tageslicht. Komm, wir wollen langsam nach Hause gehen 1

Hsiao Ch'ing. Ihr wißt nicht, Herrin, daß gestern nacht im Palast des Prinzen Ning Feuer ausgebrochen und unser Haus abgebrannt ist. ^) Wohin sollen wir nun heimgehen?

Hsiao Pai. 0 Himmel! (Singt:) Da ich dieses höre, fließen meine Jammerzähren. Wie Schwerter schneidet es mir ins Herz, daß meinen Gatten ich nicht sehe. Nun ist dazu das Haus noch abgebrannt. Wo soll denn jetzt mein Obdach sein? Aus Schreck vor den Himmels- truppen verließ der Knabe schier den Leib; vom Schlag der himmlischen Mörserkeule^) bin noch mehr tot als lebendig ich. Zum Glück gelang es uns, vom Tempel zu entfliehen ; doch weiß ich nicht, wo hinfort soll unser Obdach sein. Ach, zum Himmel emporgewendet, seufz' ich schwer und rufe aus: gar hassenswert, o mein Gemahl, bist du! Du ungerechter Wüterich hast deines Gewissens dich begeben und bist nicht anders als das liebe Vieh. Du denkst nicht mehr der Pflichten, die du der Gattin gegenüber hast; das Wörtchen Liebe hast du ganz beseitigt.

*) Übertragen von Emil Krebs.

2) Zur Zeit der südlichen Sung, deren Hauptstadt Hang-chou (damals Lin-an genannt) war, hat im Jahre 1201 in Hang-chou eine große Feuersbrunst gewütet, die vier Tage dauerte und 52000 Wohn- häuser vernichtete.

3) Nämlich des Wei-t'o (Veda).

14

(Als so die Weiße weint, als hätte sie den Verstand verloren, da tritt die Schwarze auf sie zu

und spricht wie folgt:)

Hsiao Ch'ing. Weint nicht so, Herrin! Da vorn ist der Kiosk auf der abgebrochenen Brücke ; ich will euch bis dahin stützen ; wie wär's, wenn wir uns darin für einen Augen- blick hinsetzten ?

Hsiao Pai. Wenn dem so ist, dann will ich diesen Dienst von dir in Anspruch nehmen. 0, mein Gatte du 1 Du hast mir ein tötliches Leid angetan. (Singt :) Während ich mit der Dienerin den Kiosk betrete, fließen meine Tränen ohne Unterlaß.

(So sitzt die Weiße hier in dem Kiosk. Jetzt wollen wir uns zu Hsü Hsien wenden, der auf

dem Wege nach Hause ist.)

Hsü Hsien. (Singt:) Die Worte, die der würdige Vater zu mir sprach, erfüllten mich mit Traurigkeit. Er gab mir ein buddhistisches Kleinod ; damit soll ich nach Hause gehen ; das übrige werde hernach sich finden. Ha ! den Kopf erhebend, seh' ich plötzlich meine Frau ! Vor Schreck fließt mir der Schweiß aus allen Poren. Ich trete zu dem Kiosk heran und lasse auf beide Knie mich nieder: 0 übe Nachsicht, liebe Frau, und hege keine Feindschaft gegen mich !

Hsiao Ch'ing. (Singt:) Voll grimmen Zornes steh' ich hier zur Seite. (Spricht:) Ah, da bist du ja, du Wüterich I Gib acht auf mein Schwert !

Hsü Hsien. 0 Gattin, rette mich!

Hsiao Pai. Schwarze, halt ein mit deiner Wut!

Hsiao Ch'ing. Herrin, begeht keinen Fehler! Ich will für uns beide an ihm Rache nehmen, indem ich ihn mit dem Schwert in zwei Teile spalte.

Hsü Hsien. Ach, Frau, rette mich!

Hsiao Pai. 0, mein Gatte! (Singt:) Was habe ich dir denn zu leide getan, daß du dem wirren Geschwätz des Mönches Glauben schenktest? Du hättest ihm nicht glauben, in mir nicht einen Dämon argwöhnen sollen. Hab' ich nicht an demselben Tisch mit dir dreimal am Tage das Mahl genommen? Habe ich nicht jede Nacht das eheliche Lager mit dir geteilt? Wenn wirklich ich ein Dämon wäre, warum verschlang ich dich dann nicht mit einem Ruck? Tritt hier heran zu mir, mein Gatte ! Ich habe eine Mitteilung für dich. (Spricht :) Als du, mein Gatte, damals nach dem Tempel Chin-shan-sze gingst, um ein Gelübde zu erfüllen, habe ich den ganzen Tag auf deine Rückkehr gewartet; ich konnte es nicht über mich gewinnen, von dir getrennt zu sein. Warum hast du den Worten des Fa-hai Glauben geschenkt und mich verlassen, um in das Kloster als Novize einzutreten ? Warum sprichst du denn kein Wort? Du bringst mich noch vor Ärger um. (Singt:) Noch eh' ich spreche, fließen mir die Tränen. Mein Mann, ich habe dir etwas mitzuteilen. Für einen Dämon hieltest du mich in deinem Arg- wohn, du, dessen Herz aus Stahl besteht. Seitdem du, um ein Gelübde zu erfüllen und Weih- rauchgaben darzubringen, in den Tempel gegangen warst, gab's keine Nacht, wo ich den Mond nicht wachend steigen sah. Nichts ich, weil ich stets nach dir mich sehnte, doch alles Warten brachte dich mir nicht zurück. So ging ich denn vors Tempeltor, um dort auf dich zu warten. Da trat der Mönch Fa-hai mir grausam in den Weg. Heerscharen vom Himmel bat er herbei, so daß ich fast mein armes Leben lassen mußte. Zum Glück brachte K'uei-hsing mir Rettung; so konnte ich mich mit der Dienerin hierher zu dieser Brücke flüchten. Nun habe ich Arme keine Zuflucht mehr, denn der Palast des Prinzen Ning ist abgebrannt. (Indem die Weiße also klagt und jammert, da tritt die Schwarze vor und spricht wie folgt:)

Hsiao Ch'ing. Herrin, ihr dürft nicht vergangener Dinge gedenken. Es ist immer noch das Beste, wenn ich ihn mit dem Schwert in zwei Hälften spalte und so für Chin-shan-sze Rache nehme.

Hsü Hsien. Schone mein Leben, Frau!

Hsiao Pai. Nicht doch. Schwarze!

Hsü Hsien. Ach, Frau! Nachdem ich in den Tempel Chin-shan-sze gekommen war, um dort ein Gelübde zu erfüllen, brachte mich der Priester in dem hinten gelegenen mehr- stöckigen Tempelschrein unter und erlaubte mir nicht, den Berg zu verlassen. Deshalb habe

15

ich so lange dort gewohnt. Heute erst entließ er mich in meine Heimat. Da bin ich dir hier begegnet. Ich bitte dich, Frau, gedenke nicht mehr früherer Feindschaft und gewähre mir Verzeihung für meine Schuld !

Hsiao Ch'ing. Glaubt ihm nicht, Herrin! Das beste bleibt immer noch, ihn zu töten!

Hsü Hsien. Schone mein Leben, Frau!

Hsiao Pai. Ach, Schwarze, Schwester! (Singt:) Auf beide Kniee werfe ich mich nieder; mein Antlitz ist von Tränen überströmt; hart packt mich's an das Herz. Nun laß Vergangenes begraben sein! Denk, Schwesterlein, der frühern Feindschaft nicht! Tu's mir zu Liebe, gib ihn frei! Und nie und nimmer forsche diesen Dingen weiter nach! 0 weh! Welch unerträglicher Schmerz mit einem Mal in meinem Leibe ! Der Schwindel packt mich, vor den Augen flimmert's, und ich bin wie in Schweiß gebadet. (Spricht:) Ach, in meinem Leibe ruht ein unerträglicher Schmerz; ich denke, das Kindlein drängt ans Tageslicht. Unser Haus ist abgebrannt; wohin sollen wir nun gehen?

Hsü Hsien. Frau, mach dir deswegen keine Sorgen! Im Hause meines Schwagers sind sehr viele Räume. Wie wäre es denn, wenn wir dort Zuflucht suchten?

Hsiao Pai. Nun denn, dann hilf mir auf, mein Gatte! Ach, du hast mir bitter weh getan.

Hsü Hsien. Du darfst nicht so sprechen, Frau! Wenn du einem Knäblein das Leben gibst, werden wir dem Himmel droben diese Gunst zu vergelten trachten.

(Hsiao Pai nimmt Hsü Hsien an der Hand und geht mit ihm ab.)

4 a. Die Almosenschale.

(Ho po.) ' (Erste Bedaktion.)

Personen :

Der Priester Fa-hai. Hsü Hsien. Hsiao Pai.

Fa-hai. (Tritt auf. Rezitativ:) Blaue Meeresfluten, so weit das Auge reicht, zwischen Himmel und Erde ; Gut und Böse kommen zum Vorschein in beständigem Kreislauf. Zur Ein- sicht erwacht durch Beschaulichkeit, hab' ich die große Erkenntnis erreicht. Die Ruhe ist mehr wert als das Ringen um Ruhm und Gewinn. (Spricht :) Ich bin Fa-hai und habe mich im Tempel Chin-shan-szp der Pflege der Wahrheit und der Selbstvervollkommnung hingegeben. Vorhin trieb hier die Weiße Schlange mit der Schwarzen ihr Unwesen und sie kämpften wider mich. Sie sammelten die Wasser der fünf Seen und vier Meere, bis sie den Tempel zu über- fluten drohten ; aber dank der geheimen Kraft meines Zaubers hob sich der Berg in demselben Maße als das Wasser stieg. Da konnten die beiden Schlangen nichts mehr ausrichten und zogen sich zurück. Aber die Weiße Schlange hat einen Ehebund mit Hsü Hsien geschlossen und trägt einen Chuang-yüan unter dem Herzen, den ich nicht schädigen darf; daher wartete ich, bis der erste Monat nach ihrer Niederkunft verstrichen wäre, um dann ihre Unterwerfung zu bewirken. Da, wie ich annehme, der erste Monat jetzt vorüber ist, will ich mich als Bettel- mönch verkleiden und mich mit meiner Almosenschale auf den Weg machen, als wollte ich milde Gaben sammeln. Hier ist ja schon ihr Haustor, da will ich schleunigst an meine Fisch- trommel schlagen.

Hsü Hsien, (Tritt auf.) Was für ein Bonze mag da draussen sein, der um milde Gaben bittet? (Sieht hinaus:) Das ist ja der Priester Fa-hai! Um was für milde Gaben bittet ihr denn, ehrwürdiger Vater?

16

Fa-hai. Ich möchte den Wohltäter um eine Almosenschale voll Reis bitten.

Hsü Hsien. Gut, da will ich erst mit meiner Frau zu Rate gehen. (Ab. Hinter der Szene:) Frau, draußen ist ein Bonze, der um eine Almosenschale voll Reis bittet.

Hsiao Pai. Hm, das ist schlimm. Nicht um eine Almosenschale Reis bettelt er; es ist klar, daß er gekommen ist, um das Leben deiner Frau zu verlangen.

Hsü Hsien. Warte, wenn dem so ist, dann will ich sie ihm zertrümmern. (Er wirft die Almosenschale hin ; diese aber steigt in die Höhe.) Ha, das ist schlimm ! (Die Frau stürzt hin.) Was ist dir, Frau?

Hsiao Pai. Ach! 0 mein Gatte! (Singt:) Wehe, wehe, mein Gebieter! Wehklagend, heb' ich an zu reden. Ich wundere mich nicht, Herr, daß du Argwohn hegst. Nachdem das Wasser den Tempel Chin-shan-sze überflutet und Millionen Lebewesen vernichtet, hab' ich es selbst gewußt, daß die Vergeltung kommen würde ; auch hatt' ich schon daran gedacht, fernhin zu fliehen, in die Lüfte mich zu heben ; nur wollt' ich warten, bis das Knäblein seinen ersten Monat vollendet hätte, um mich in meine Höhle zurückzuziehen und dort in Verborgenheit zu leben. In diesem Augenblick ist ein Entrinnen schwer: ob Leben oder Tod, ist ungewiß; doch kommt's auf eins nur aii: das ist mein Sohn. Gib seiner Tante ihn in Obhut, daß sie ihn ernähre: als Schwiegermutter wird sie ihrem Schwiegersohn die Liebe nicht versagen;^) als Tante überdies wird ihres Bruders Sohn sie aufziehen. Bei Zeiten hab' ich schon die Kleider ihm zurechtgemacht : in ein paar Lederkoffern sind des Kleinen Kleider, hinreichend grade bis zu seinem zehnten Jahre. (Hinter der Szene weint das Kind.) Nun hör' ich auch noch, wie das Kindlein weint und jammert; geh' eilig hin und nimm den Knaben auf den Arm! (Spricht :) Mein Gatte, bringe mir das Knäblein, damit ich ihm noch zum Abschied einige mundvoll Milch reichen kann ! (Hsü Hsien ab, bringt das Kind, sie nimmt es in Empfang.) Ach, mein Kind, weine nicht, trink schnell einige mundvoll Milch, bevor deine Mutter von dir scheidet! Deine Mutter muß ihren Sohn im Stiche lassen. (Singt:) Also rede ich zu meinem Söhnchen: Unglückskind, hör mein Wort! Bejammernswertes, liebes Kind, gerad' einen Monat bist du alt! Wie sollte nicht der Mutter Herz sich um dich grämen? Schwerlich wirst du deiner Mutter Antlitz wiedersehen! Wie soll ich's über mich gewinnen, dich kleinen Unglücks- wurm im Stich zu lassen? Wenn du dereinst herangewachsen bist, mußt du es weit im Leben bringen und den erlauchten Ahnen Ehre machen. Trink noch einige mundvoll Milch, mein Kind, bevor die Mutter scheidet ! Denn gleich im nächsten Augenblick geht deine Mutter von dir. Sieh nur, wie närrisch er die Mutter immer anblickt, als verstünde er und hätte Mitleid mit mir! Der Anblick reißt mir schier das Herz entzwei, und immer wieder ruf ich: 0 du mein eigen Fleisch und Blut ! So klein du bist, dein Herz versteht doch alles, als wolltest du dem Mitleid mit der Mutter Ausdruck geben. (In dem Augenblick, da Kind und Mutter von dem Trennungsschmerz bewältigt, erhebt sich von der Zauberschale kalter Glanz.) Schwer ist's fürwahr, sie abzuwehren! Mein Gatte, nimm schnell das Unglückskind zu dir!

Hsü Hsien. Ja. (Singt:) Bei diesem Anblick weichen mir die Sinne und während ich das Kindlein an mich nehme, strömen mir die Tränen unaufhaltsam. Ach, Frau, dies Unglück hab' ich über dich gebracht. Törichterweise schenkte ich dem Bonzen Glauben, der dieses Unheil hat heraufbeschworen! Bejammernswerte, die vergeblich mir, der ich vom Geschick verlassen, die Hand gereicht. Bejammernswerte, die treu dem Hause vorstand, tausendfaches Unheil litt! Aus heiterem Himmel schwebt das mörderische Schwert hernieder, im tiefsten Frieden plötzlich kam das Unheil! Nie werd' ich mit dir den würzigen Wein je wieder trinken, nie der Päonien Pracht mit dir mich freuen. Es heißt doch: Ehegatten sollen immer treu zusammenhalten. Wer hätte je gedacht, daß heute es mit uns ein Ende haben sollte? Fern ist die Wildgans, in die Tiefe schwand der Fisch, die Kunde unterbrochen, der Mond schwand hin, die Wolken haben sich zerstreut, die Blumen blühen nicht wieder.

(Gerade als er so seinem Schmerze Luft macht, hört man jemand sprechen.)

^) Er sollte nämlich später die Tochter heiraten.

17

Fa-hai (kommt herein und rezitiert eine Zauberformel), (Spricht:) Du Untier, noch immer bist du nicht in die Almosenschale gekrochen? Wann willst du endlich dem Befehl gehorchen? (Die Schlange kriecht in die Almosenschale.)

Hsü Hsien. Ach! Ehrwürdiger Priester, wohin hat der Wind meine Gattin entführt?

Fa-hai. Blick in die Almosenschale hinein!

Hsü Hsien. Laß sehen. Ha! In der Almosenschale ist eine ganz kleine, sieben Zoll lange weiße Schlange. Aus ihren Augen fließen Tränen, als wollte sie damit ausdrücken, daß ihr das Scheiden schwer werde. Hoffentlich wirst du, ehrwürdiger Priester, mir klare Aus- kunft geben können, ob mir noch ein Tag des Wiedersehens mit meinem Weibe bevorsteht.

Fa-hai. Ein Wiedersehen hat keine Schwierigkeit. Wenn du mir an das Ufer des Westsees folgst, wird sich das Wiedersehen von selbst machen. (Ab.)

4 b. Die Almosenschale.

(Ho po.) (Zweite Redaktion.) i)

Personen:

Der Priester Fa-hai. Hsiao Ch'ing (die Schwarze Schlange).

Hsü Hsien. Die Schwester des Hsü Hsien.

Hsiao Pai (die Weiße Schlange). Deren Mann, Schwager des Hsü Hsien.

Fa-hai. (Tritt auf. Rezitativ:) Gekommen ist die Zeit; nicht darf ich sie versäumen. Erst mach' ich den Dämon unschädlich; dann kehr' ich wieder heim nach Westen. (Spricht:) Ich bin Fa-hai. Ich habe berechnet, daß heute gerade ein voller Monat seit der Niederkunft der Weißen Schlange verflossen sein muß ; da will ich denn gehen, um sie unschädlich zu machen. (Ab.)

Hsiao Pai. (Tritt auf. Rezitativ:) Mein Söhnlein ist heute glücklich einen vollen Monat alt; nun werde ich, furcht' ich, nicht mehr lange bei ihm sein. (Spricht:) Ich bin die Weiße Schlange. Heute ist mein Sohn gerade einen vollen Monat alt; Freunde und Verwandte sind zum Gratulieren gekommen; mein Mann ist vorn und unterhält die Gäste.

Hsü Hsien. (Tritt auf.) Bist du drin, Frau?

Hsiao Pai. Ach, Mann, was hast du denn da in der Hand?

Hsü Hsien. Draußen ist ein Priester, der um eine Schale Reis bittet.

Hsiao Pai. Mit nichten bettelt er um eine Schale Reis ; vielmehr ist er gekommen, um das Leben deiner Frau zu verlangen.

(Die Almosenschale schwebt in die Höhe.)

Hsiao Pai. Ach, das ist schlimm! (Sie stürzt hin.)

Hsü Hsien. Ach, was ist dir, Frau?

Hsiao Pai. 0, mein Gatte! (Singt:) Wehe, wehe, mein Gebieter! Wehklagend heb' ich an zu reden ! Ich kann mich nicht vor dir verantworten. Ich wundre mich nicht, daß du Argwohn hegst. Nachdem das Wasser Ku-su^) überschwemmt und Millionen Menschen hat vernichtet, hab' ich es selbst gewußt, daß die Vergeltung kommen würde; auch hatte ich schon daran gedacht, weit fort zu fliehen und in die Lüfte mich zu heben ; nur wollt' ich warten, bis das Knäblein seinen ersten Monat vollendete, um mich in meine Höhle dann zurückzuziehen und im Verborgenen dort zu leben. Jetzt gibt es keine Nachsicht mehr; nichts kann mein Leben jetzt mehr sichern. Willst wirklich du das Kind als meinen Sohn betrachten, dann ver-

*) Übertragen von Emil Krebs. ^) Gegend von Sii-chou.

Abb. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVHI, 1. Abh.

18

traue ihn seiner Tante an, damit sie wie den eigenen Sohn ihn halte ! Als Schwiegermutter wird sie ihrem Schwiegersohn die Liebe nicht versagen, als Tante überdies wird ihres Bruders Sohn sie aufziehen. Die Kleider hab' ich alle ihm zurechtgemacht; in ein paar Lederkoffern sind des Kleinen Kleider; sie werden reichen für so manches Jahr. (Das Kind weint.) Nun hör' ich auch noch, wie das Kindlein weint und jammert. So will Befehl ich geben, daß man mir es bringt.

Hsiao Ch'ing. (Tritt auf. Rezitativ:) Wie ich ins Zimmer hergeschritten komme, heb' plötzlich ich den Kopf und kriege einen Schreck. (Spricht :) Was soll denn das bedeuten ?

Hsiao Pai. Damit verhält sich's so und so. Ich muß dich in diesem Augenblick verlassen.

Hsiao Ch'ing. Ach, der Kummer bringt euch um! 0, Herrin, wie oft habe ich ge- dacht, daß all dies Unheil von diesem Wüterich^) kommt! Warte, ich will ihm mit dem Schwert den Garaus machen, um meinem Haß Luft zu schaffen! Gib acht auf mein Schwert!

Hsü Hsien, Oh, das ist schlimm! Liebe Frau, lege doch rasch ein gutes Wort für mich ein !

Hsiao Pai. Schwarze, sei nicht so wild und hitzig! Es ist nun einmal Bestimmung so; dem Himmel kann man nicht widerstreben. Mein Leben ist nicht mehr zu schützen ; da darfst du denn nicht noch ein Verbrechen hinzufügen. Mache dich rasch fort, damit du dein eigenes Leben rettest !

Hsiao Ch'ing. Frau, ich tue in allem euren Willen und will also jetzt gehen. Doch werde ich mich bestimmt in Zauberkünsten üben, damit ich einst Rache nehmen kann. Jetzt werfe ich mich vor euch nieder und gehe dann.

Hsiao Pai. So geh denn!

Hsiao Ch'ing. Ach, mein Fräulein! (Ab.)

Hsü Hsien. Die hat mich zu Tode erschreckt; sie hat mich zu Tode erschreckt. Nun ist sie fort. Jetzt will ich dir den Knaben herüberholen. (Ab ; tritt wieder auf.) Frau, gib ihm rasch zu trinken ! (Das Kind weint.)

Hsiao Pai. Mein Kind, weine nicht! Trink schnell einige Mund voll Abschiedsmilch von deiner Mutter! Ich muß jetzt gleich fort. (Singt:) Du liebes Würmchen, bist jetzt gerade einen Monat alt. Wie bring' ichs über mich, dich zu verlassen ? Wenn du dereinst heran- gewachsen bist, mußt du es weit im Leben bringen und den erlauchten Ahnen Ehre machen. Mein Kind, trink noch einige Mund voll Abschiedsmilch ! Denn gleich im nächsten Augenblick geht deine Mutter von dir. Sieh nur, wie er die Mutter anblickt, als verstünde er ! Mit beiden Augen schaut er unverwandt die Mutter an, als hab' er Mitleid. (In dem Augenblick, da Kind und Mutter von dem Trennungsschmerz bewältigt, erhebt sich von der Zauberschale kalter Glanz.) Schwer ist's fürwahr, sie abzuwehren ! 0, mein Gatte, nimm schnell das Unglücks- kind zu dir !

Hsü Hsien. (Singt:) Bei diesem Anblick weichen mir die Sinne, und während ich das Kindlein an mich nehme, strömen mir die Tränen unaufhaltsam. Ach, Frau, dies Unglück habe ich über dich gebracht ; dem Bonzen schenkt' ich Glauben, der dies Unheil heraufbeschwor. Nie werd' ich mit dir den würzigen Wein je wieder trinken, nie wieder mit dir der Päonien Pracht mich freuen. Es heißt doch, Ehegatten sollen immer treu zusammenhalten; wer hätte je gedacht, daß heute es mit uns ein Ende haben sollte ? Fort ist die Wildgans, in die Tiefe schwand der Fisch, die Kunde unterbrochen, der Mond schwand hin, die Wolken haben sich zerstreut, die Blumen blühen nicht wieder.

(Grade als er seinem Schmerze Luft macht, hört man Jemand sprechen. Fa-hai tritt ein,

eine Beschwörungsformel murmelnd.)

Fa-hai. Weiße Schlange, krieche rasch in die Almosenschale!

Hsiao Pai. 0, wie schrecklich! (Sie kriecht in die Schale hinein.)

(Hsü Hsiens Bruder und des letzteren Frau hinter der Szene.)

Der Schwager. Ach, Frau, was sind denn das für unaufhörliche Klagelaute dort drüben?

^) Nämlich Hsü Hsien.

19

Die Schwester. Es ist im Zimmer meines Bruders. Was mag es nur sein? Folge mir, wir wollen hingehen und nachfragen !

Der Schwager. Du hast Recht. (Treten beide auf.)

Die Schwester. Was bedeutet denn der Lärm, Bruder? Und was hast du Mönch denn in den inneren Gemächern zu suchen? Was für eine Art ist denn das?

Fa-hai. Ihr wißt das nicht. Ich bin nur gekommen, um einen Dämon unschädlich zu machen.

Der Schwager. So etwas glaube ich nicht. Wo ist denn Frau Pai hingegangen?

Hsü Hsien. Die ist von diesem ehrwürdigen Vater in die Almosenschale gesperrt worden.

Die Schwester. Das ist ja lauter Unsinn. Wie sollte denn meine Schwägerin in dieser winzigen Schale Platz haben ?

Hsü Hsien. Schwägerin, sieh, bitte, einmal in die Schale hinein!

Die Schwester. Ach, da ist in der Tat eine ganz kleine weiße Schlange drin, aus deren beiden Augen Tränen fließen, als wollte sie damit ausdrücken, daß ihr das Scheiden schwer wird. Ach, das Leiden bringt dich um, meine liebe Schwägerin!

Hsü Hsien. Ach, mein Weib!

Fa-hai. Ihr braucht euch nicht so zu haben. Es handelt sich um eine festgesetzte Bestimmung, die erfüllt werden mußte. Kommt mit mir an das Ufer des Westsees, dann werdet ihr es begreifen !

Hsü Hsien. Das ist recht. Es trifft hierzu: Jetzt ist die Wahrheit schwer vom Falschen zu unterscheiden. Bei der Pagode am Westsee wird man klar sehen.

5. Das Opfer an der Pagode.

(Chi t'a.)

Personen:

Hsü Meng-chiao. Seine Leute. Der Geist Chieh-ti.i) Frau Pai, die , Weiße".

Meng-chiao. (Tritt auf. Rezitativ:) Auf kaiserlichen Befehl kehre ich ruhmgekrönt heim, um meine Eltern zu besuchen ; denn dem Sohne geziemt es sich, die Kindespflicht voran- zustellen. Leider hält mein Vater sich in der Ferne auf, noch beklagenswerter ist jedoch, daß meine Mutter in einer Pagode begraben liegt. (Spricht:) Ich bin Hsü Meng-chiao und stamme aus der Schwarzen Perlengasse in Ch'ien-t'ang-hsien. Mein Vater Hsü Hsien hat sich von einem Dämon verleiten lassen, sein Haus zu verlassen und in die Ferne zu ziehen ; meine Mutter aber traf das Schicksal, in der Pagode Lei-feng-t'a^) festgebannt zu werden. Ich habe durch eine Bittschrift an den Thron um die Erlaubnis nachgesucht, die Pagode zu zerstören, um meine Mutter zu befreien und von ihrem Unheil zu erlösen. Da jedoch der Kaiser seine Einwilligung nicht gab, so blieb mir nichts übrig, als die Erlaubnis zur Darbringung eines kaiserlichen Opfers zu erbitten. Jetzt bin ich gerade an der Pagode Lei-feng-t'a angekommen und will mein Opfer darbringen, um dadurch die Gesinnung des Sohnes zu erschöpfen. Ihr Leute!

Die Leute. Hier!

Meng-chiao. Führt mich zur Pagode Lei-feng-t'a!

1) Ti ist ,die buddhistische Wahrheit* ; chieh , aufdecken, verkünden", also etwa: „der Verkünder der Wahrheit".

2) D. i. Pagode des Donners und Windes, die noch jetzt am Westsee (Hsi hu) steht.

3*

20

Die Leute. Jawohl!

Der Geist Chieh-ti. (Tritt auf. Rezitativ:) Meine Kraft ist so unerschöpflich, daß ich den Lotusthron auf dem Kopfe tragen kann. Jetzt habe ich von Buddha den Befehl erhalten, die Pagode zu öffnen. Wenn meine Zauberkraft nicht so gewaltig wäre, wie hätte ich ver- mocht, den Dämon in der Pagode gebannt zu halten? (Spricht:) Ich bin der Geist Chieh-ti. Heute kommt der Chuang-yüan Hsü, um seiner Mutter ein Opfer darzubringen, und ich habe von Buddha die Weisung erhalten, ein Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn zu gestatten.

Die Leute (hinter der Szene:) Wir melden dem Herrn, daß wir an der Pagode Lei- feng-t'a angelangt sind.

Meng-chiao. Breitet die Opfergaben aus!

Die Leute. Ja. (Nachdem sie die Opfergaben aufgestellt haben:) Wir bitten den Herrn, die Räucherkerzen darzubringen.

Meng-chiao. Erhebt euch und geht von hinnen!

Die Leute. Jawohl!

Meng-chiao. Mutter, o Mutter! (Singt:) Dein pietätloser Sohn ist gekommen, dir ein Opfer darzubringen. 0 meine unglückliche Mutter, wo bist du? Jahrelang hab' ich der Eltern Angesicht nicht mehr geschaut! Wie hass' ich jenen kahlgeschorenen Schurken, der meine Mutter in das Innere der Pagode bannte! Zwar reicht' ein Bittgesuch ich an den Kaiser ein, mir zu gestatten, die Pagode zu zerstören, die hochbejahrte Mutter zu befreien ; doch hat der Kaiser meine Bitte nicht erhört, und so ist es unmöglich, dies Unglück zu beseitigen. Mit meiner Mutter seh' ich mich nun nicht vereint. (Unaufhaltsam strömen des Chuang-yüan Tränen, und auf den Tisch gestützt, sitzt er wie träumend da.)

(Eine Geisterstimme aus leuchtenden Wolken.) Genius Pai-i, komm hervor!

Hsiao Pai. (Hinter der Szene:) Hier bin ich. (Singt:) Während ich im Innern der Pagode meines Sohnes gedachte, höre ich des Gottes Rede. Ich hebe an zu sprechen : Ich gehorche der Gottheit. Weswegen hast du mich gerufen?

Die Geisterstimme. Du weißt noch nicht, Genius, daß dein Sohn den Grad eines Chuang-yüan erlangt hat und auf kaiserlichen Befehl heute hergekommen ist, dir ein Opfer darzubringen. Ich habe von Buddha den Befehl erhalten, ein Wiedersehen zwischen euch zuzulassen.

Hsiao Pai. Hab Dank für dein Bemühen, o Gottheit!

Die Geisterstimme. Ich tat nur meine Pflicht.

Hsiao Pai. (Singt:) Ich höre, daß mein Sohn gekommen ist, ein Opfer darzubringen. Damit ist mir unwillkürlich eine große Freude zuteil geworden. Am Hals die Eisenkette, komm' ich eiligst hervor. Da sehe meinen Sohn ich schlummernd sitzen. Mein Sohn, wach' auf!

Meng-chiao. Ach! Meine Mutter. (Singt:) Soeben noch im Traum versunken, ver- nehm' ich eines Menschen Rede. Aufmerkend öffne ich die Augen weit ; da seh' ein Weib ich vor mir stehen. Wer bist du, sprich, da du mich riefst? Erkläre dich und sag mir alles, von Anfang an.

Hsiao Pai. (Singt:) Wenn du mich fragst nach meinem Namen, so fürchte dich nicht! Vernimm, was ich dir sage! Frau Pai bin ich, bin deine Mutter, die Schweres litt in der Pagode, wohl über zehn Jahre lang.

Meng-chiao. (Singt:) Da solches ich vernehme, frag' ich hastig weiter. (Spricht:) Du solltest meine Mutter sein?

Hsiao Pai. Allerdings.

Meng-chiao. Ach, meine Mutter, die so Schweres gelitten!

Hsiao Pai. 0, mein Sohn!

Meng-chiao. 0 Mutter, nimm den erhöhten Sitz ein, damit ich mich vor dir auf mein Antlitz niederwerfe !

Hsiao Pai. Du brauchst dich nicht vor mir niederzuwerfen, mein Sohn.

Meng-chiao. Welch ein Jammer, daß ich, da du solchem Unheil verfallen bist, die Pagode nicht zertrümmern und dich befreien kann ! Das ist eine Schuld, die zehntausendfachen Tod verdient.

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HsiaoPai. Auch das ist meine Bestimmung, daß dem so ist. Setz dich einstweilen, mein Sohn !

Meng-chiao. Ich danke dir, Mutter. Wie ist es denn gekommen, Mutter, daß dir ein solches Unheil zuteil ward ?

Hsiao Pai. Laß mich dir erzählen, was sich in früheren Zeiten zugetragen hat!

Meng-chiao. Bitte, Mutter, erzähle!

Hsiao Pai. Ach, mein Sohn! (Singt:) Die Tränen strömen mir, bevor zu reden ich begann. Mein Kind, vernimm, was hier zugrunde lag! Die Hei-feng-hsien war meine Freundin einst im Tao. Auf jenem 0-mi Berge übte ich die Erkenntnis (bodhi) tausend Jahre lang. Da mahnte sie mich, daß ich mich um keinen Preis betören ließe durch irdische Begierde. Ich aber sehnte mich nach einer Liebeständelei. Als Anlaß diente ein geliehener Schirm. Auf dauernd Eheglück hatt' ich gehofft. Wie könnt' ich ahnen, daß er sich undankbar erweisen würde? Als er einst ging, um frommen Herzens ein Gelübde zu erfüllen, da wurde von Fa-hai das Ganze aufgedeckt. Nachdem er meinen Ursprung aufgedeckt, wollt' er durch seinen Zauber mich gefangen nehmen ; so kämpft' ich mit dem kahlgeschorenen Bonzen. Als ich dann Wasser- fluten auf den Goldberg lenkte, band er in Haß und Feindschaft mit mir an ; doch ward durch Buddhas und der Götter Beistand ich gerettet. Da lebte ich im Hause deines Onkels in Lin-an^). Dein Vater, scheinbar gut, war schlecht in seinem Herzen; den Worten jenes Dämons 2) schenkte er Glauben und kümmerte sich nicht um mich. An seine Pflicht als Gatte dacht' er nicht, und durch die Worte Güte, Liebe hatt' er einen Strich gemacht. Da kam er eines Tags nach Hause, geheimen Zauber mit sich führend, durch den er mich ins Innere der Pagode bannte. Tausendfältigen Kummer hab' ich hier durchgemacht, mein Sohn. Wer weiß, wann mir be- schieden ist, mich zu befreien ? Wohl dacht' ich dran, durch Zauber zu entfliehen ; doch fürchtete ich mich dem göttlichen Gebot zu widersetzen und eine Schuld auf mich zu laden, die schwer zu sühnen. Gelänge mir's, dem Gatten mich in Treue zu verbinden, in Ruhe wollt' ich dann dem Tod entgegensehen. Wohl war dies Wiedersehen ein Glück; doch doppelt schmerzlich steht die Trennung mir bevor.

(Noch ehe Mutter und Sohn sich über das Gefühl der Trennung vollständig ausgesprochen,

spricht der Geist.)

Der Geist. Vernimm, o Genius Pai, was dir beschieden: die Stunde hat geschlagen; tritt wieder ein in die Pagode. (Spricht :) Geh rasch wieder in die Pagode hinein !

Hsiao Pai. Ja. 0 mein Kind!

Meng-chiao. Hier bin ich.

Hsiao Pai. Hsü Meng-chiao!

Meng-chiao. Hier bin ich.

Hsiao Pai. Ach, mein Sohn! (Ab.)

Meng-chiao. 0 Mutter! Sieh nur, wie ein Windstoß die Mutter in die Pagode hinein- geweht hat! Die Trennung von der Mutter schneidet mir ins Herz wie mit unzähligen Schwer- tern. Nun muß ich einstweilen wieder heimkehren. Ihr Leute I

Die Leute. Hier!

Meng-chiao. Wir kehren wieder heim. 0 meine Mutter! 0 Mutter! (Ab.)

^) Name von Hang-chou zur Zeit der Sunj ^) Nämlich Fa-hai.

22

II. Die Grundlose Höhle/)

(Wu ti tnng.)

Personen :

Der Himmelskönig (Virüpäksha).^) Sun Wu-k'ung.'^)

Sein Torbeamter. Chu Pa-chieh.*)

Der Planet Venus. Himmelssoldaten.

No Cha."'') Ein kleiner Dämon.

Der Mönch Hsüan Tsang. Ein kleiner Dämon in der Höhle.

Der Mausdämon.

Himmelskönig. (Tritt auf. Seine Generäle stehen zur Seite. Rezitativ:) Ich halte die Pagode hoch in der Hand empor. Ein einziger Befehl von mir erschreckt die Geister. Ich vertraue meinem himmlischen Speere mit dem Pantherschweif. Weggekehrt hab' ich die Dä- monen, Frieden herrscht in diesen oberen Regionen. (Spricht :) Ich bin der Himmelskönig Li Ching. Durch allerhöchste Gnade bin ich zur Würde eines Königs erhoben vrorden. In diesem Wolkenpalast unterstehen mir Zivil- und Militärbeamte. Angesehen ist meine Stellung. Ich habe das Recht, über ein von mir verhängtes Todesurteil erst nachträglich Bericht zu er- statten. Doch soll hiervon nicht die Rede sein.

Der Torbeamte. (Tritt auf.) Ich melde untertänigst, daß der Planet Venus mit einem allerhöchsten Edikt eingetroffen ist. Der dem Himmel gleiche große Heilige^) ist mit. Ich bitte um Weisung, was geschehen soll.

Himmelskönig. Warte, ich will das Edikt in Empfang nehmen. (Ab.) Wo ist der Planet Venus?

Planet Venus. Wo ist der Himmelskönig?

Himmelskönig. Ich bitte. (Beide treten zusammen auf.)

Planet Venus. Es ist ein allerhöchstes Edikt angekommen. Hört knieend seine Ver- lesung an !

Himmelskönig. Heil und langes Leben seiner heiligen Majestät!

Planet Venus. Der Erlaß lautet: „Der die Pagode haltende Himmelskönig hat zuge- lassen, daß seine Tochter in Mausgestalt den Lebewesen Schaden zufügt. Das darf nicht ohne Strafe bleiben. Das Genauere ergibt sich aus der Originaleingabe des Sun Wu-k'ung; die möge er selbst lesen!" Bedankt euch für die Gnade!

^) Übertragen von Emil Krebs. Das Stück stellt eine Episode aus dem Roman Hsi yu chi dar, der die Reise des Mönches Hsüan Tsang der T'ang-Dynastie nach Indien zum Gegenstande hat. Vgl. Giles, Biographical Dictionary, No. 801; sowie dessen History of Chinese Literature, pp. 281 287; auch A. Smith, Proverbs and Common Sayings, p. 275 und Grube, Zur Pekinger Volkskunde, S. 128—129.

2) Vgl. Mayers, Chinese Reader's Manual, No. 520, p. 161.

^) In Affengestalt, Gefährte des Hsüan Tsang auf seiner Reise; der »große Heilige" genannt. Vgl. A. Smith, Proverbs and Common Sayings, p. 276.

^) In Schweinegestalt, gleichfalls Gefährte des Hsüan Tsang. Vgl. Smith, 1. c, p. 277.

■'') D. i. Sun Wu-k'ung.

23

Himmelskönig. Langes Leben seiner heiligen Majestät! Da ich nicht wußte, daß ihr kommen würdet, bin ich euch zu spät entgegengekommen. Ich bitte wegen dieses Vergehens um Entschuldigung,

Planet Venus. Aber ich bitte sehr! Auch ich bin ja in Schuld, da ich so ohne wei- teres in eueren Palast drang.

Himmelskönig. 0, bitte sehr!

Planet Venus. Lebt wohl! (Ab. Himmelskönig geht mit ab und tritt wieder auf.)

Himmelskönig. Nun will ich die Eingabe lesen. (Dreimalige Flötenmusik.) Ah, so verhält es sich also ! (Singt :) Voll Zorn sperre weit ich meine Augen auf und rufe laut : du kleiner Dämon Affe ! Es ärgert mich, daß du mich angeklagt, ich hätte zugelassen, daß meine leibliche Tochter, in ein Gespenst verwandelt, den Geschöpfen Schaden tue. Ich habe drei Söhne und nur eine Tochter, die alle dem Gesetz gehorsam und wissen, was gerecht und schick- lich ist. Mein ältester Sohn Chin Cha hat sich dem heiligen Buddha^) angeschlossen, von früh bis abend liest er heilige Bücher und vervollkommnet sich in Buddhas Lehre. Mein zweiter Sohn Mu Cha wohnt jetzt im Meer des Südens 2), wandelt den Tugendpfad in der Kuan-yin Gefolge. Mein dritter Sohn No Cha geht nie mir von der Seite und übt bei mir an jedem Tag die Kunst des Krieges. Die einzige Tochter ist erst sieben Jahre; sie ist ein kleines Kind, unschuldig und unwissend noch. Sie leichtsinnig verdächtigen, daß sie als Dämon den Menschen schade, und mir den falschen Vorwurf machen, ich duldete solch widerrechtlich Treiben, ohne Zeugnis und Beweis daraufhin eine Klageschrift einreichen, trägt dir, du Dämonaffe, nach dem Gesetz die Strafe ein, die solch Verbrechen nach sich ziehen würde. Ich habe das Recht zu melden, erst wenn ich bereits gestraft. Es ist für mich nicht schwer, dir deinen Affenhals zu ducken ; so will ich meine Macht entfalten und die nötige Weisung geben.

No Cha. (Tritt auf. Singt:) Ich trete vor und melde die Geschichte. Königlicher Vater, hör mich an ! (Spricht :) Vater, beruhige deinen Zorn ! Eine weiße Maus hatte einmal ein wohlriechendes Tempellieht heimlich gefressen und wurde dabei erwischt. Wir brachten es damals nicht über uns, daß ihr ein Leides geschehen sollte, und schenkten ihr Freiheit und Leben, worauf sie sich in die Grundlose Höhle flüchtete. Dort hat sie eine Tafel aufgestellt, auf der der Name meines königlichen Vaters steht. ^) Es ist dem Dämonenaffen daher nicht zu verdenken, wenn er die Anklage erhob.

Himmelskönig. Nun gut! Es soll Befehl gegeben werden, daß die himmlischen Heer- scharen auf die Welt herniedersteigen, um diesen weiblichen Dämon zu greifen. (Beide ab.)

(Der Mönch*) und der Dämon treten auf.)

Der Dämon. (Rezitativ:) Auf ehelichen Bund mit dir bedacht, habe ich das Herz nicht, dir ein Leids zu tun. (Spricht :) Ach, Mönch, Bruder, ich leiste dir lachenden Gesichts Gesell- schaft. Warum wartest du mir nur mit finsterer Miene auf? (Singt:) Ich, Mäusedämon, lächle dir zu. Doch warum bleibst du immer noch so gefühllos? Seit ich dir unterwegs begegnet, hat sich die Liebe in mein Herz genistet. Doch du zeigst nicht die mindeste Neigung mir ; du siehst vielmehr entsetzlich traurig aus. Wenn du an meinem Eifer um dein Wohl dich so gar nicht freust, so weiß ich nicht, was die Veranlassung mag sein.

Mönch. (Spricht.) Ich denke an die heiligen Bücher, die ich holen soll.

Dämon. (Singt:) Also, die heiligen Bücher willst du holen, nach Indien gehen, Buddha anzubeten? Kein Mensch lebt hundert Jahre lang. Warum ißt du nicht, warum trinkst du nicht? Du solltest, meine ich, die frische Jugendzeit benutzen. Laß uns die Ehe schließen! Sei du der Herr im Hause ! Ich werde dir gehorsam sein. Sind einige Jahre dann vergangen und ist ein lieblich Knäblein uns geboren, dann wird, auch wenn wir einst ins Jenseits über- siedeln, der Rauch der Ahnenopfer unsres Hauses niemals ein Ende nehmen. Als ich die letzte Nacht mich mit dir ehelich verbinden wollte, kam's nicht zur Vereinigung, obwohl ich mich

1) Ju-lai = Tathagata. ^) P'u t'o shan. ^) Aus Dankbarkeit für den Lebensretter.

*) Nämlich Haüan Tsang und die Maus.

24

die ganze Nacht bemühte. Heute ist nun wieder ein glückbringender Tag; was hindert uns denn, heute die glückliche Vereinigung zu knüpfen? Mit ausgestreckter Hand halt' ich dich fest. Komm mit ! "Wir wollen ins seidene Brautbett gehen !

Mönch. (Singt:) Ich stoß dich mit der Hand zurück und wehr dich ab. (Spricht:) Was soll das denn heißen?

Dämon. Ich meine, du wirst mir heute nicht entgehen.

Ein kleiner Dämon. (Tritt auf.) Ich melde der Gebieterin: es steht schlimm! Sun Wu-k'ung ist an der Spitze vieler Mannschaften in die Höhle gedrungen.

Dämon. Ihr kleinen Dämonen, bewacht den Mönch, während ich gehe, um jenen heim- zuschicken ! (Ab.)

Mönch. Ach, ich bin zu Tode erschrocken! Da will ich mich in Sicherheit bringen! (Ab.) (Der Dämon und Sun Wu-k'ung treten zusammen auf.)

Sun Wu-k'ung. Du braver Dämon! Gebt acht auf meine Stange!

Dämon. Nur heran, komm nur heran ! (Großer Kampf. Sun Wu-k'ung unterliegt, flieht. Tritt dann wieder auf.)

Sun Wu-k'ung. Dämon, verfolge mich nicht! Ich gehe. (Ab.)

Dämon. (Tritt auf.) Wohin läuft er denn? Wart, ich will ihm nachsetzen. (Ab.) (Himmelskönig und No Cha mit den Himraelssoldaten treten auf.)

Himmelskönig. In der Höhle dröhnt großes Geschrei. Es wird nicht lange dauern, da wird der Dämon herauskommen. No Cha, vernimm meinen Befehl!

No Cha. Hier!

Himmelskönig. Nach kurzer Zeit wird der Dämon herauskommen. Du darfst ihn nicht entkommen lassen, sondern mußt ihn lebendig gefangen nehmen.

No Cha. Zu Befehl! (Alle ab. Der Dämon tritt auf und kämpft mit No Cha; dann alle ab. Sun Wu-k'ung tritt auf.)

Sun Wu-k'ung. Himmelskönig, gib acht! Der Dämon kommt.

Himmelskönig. (Tritt auf.) Mach dich einstweilen beiseite!

Sun Wu-k'ung. Jawohl. (Ab.)

Dämon. (Tritt auf.) Wo ist denn der Aifenkopf hin?

Himmelskönig. Du Mausdämon, tue nicht so großspurig! Ich bin hier.

Dämon. Ach, mein königlicher Vater ist gekommen! 0 mein Vater! (Kniet nieder.)

Himmelskönig. Du brauchst gar nicht so zu jammern. Du hast jetzt ein Unheil an- gerichtet und auch mich in Mitleidenschaft gezogen. Das konntest du aber nicht wissen. Ihr Himmelssoldaten !

Himmelssoldaten. Hier.

Himmelskönig. Führt den Dämon beiseite und bindet ihn!

Himmelssoldaten. Jawohl. (Führen den Dämon beiseite und binden ihn.)

Himmelskönig. Wo ist der große Heilige?

Sun Wu-k'ung. Hier bin ich.

Himmelskönig. Großer Heiliger, sei mir nicht mißgünstig! Ich habe den Dämon bereits festgenommen und werde ihn zum Himmel mitnehmen, wo ich dem Yü-ti das Weitere über- lassen will. Nimm es mir nur um Gottes willen nicht übel !

Sun Wu-k'ung. Aber wo denkst du denn hin, Himmelskönig? Ich bin dir schweren Dank schuldig, wie sollte ich dir da etwas nachtragen? Himmelskönig, bitte, kehre in den Himmel zurück. Ich will inzwischen den Meister suchen. (Ab.)

Himmelskönig, Sieh, nun ist der Große Heilige fort. Ihr Himmelssoldaten, wir wollen den Dämon zurück nach dem Himmel nehmen und Bericht erstatten ! (Ab.)

Chu Pa-chieh. (Tritt eilends auf.) Bruder Affe! Nicht so eilig! Ich hab' dir etwas zu sagen.

Sun Wu-k'ung. (Hinter der Szene.) Dahinten redet Chu Pa-chieh. Wo ist denn der hergekommen? Ich will ihn einmal fragen. (Tritt auf.) Nun, du Freßsack! Woher kommst du denn?

25

Chu Pa-chieh. Ich will es dir nicht verheimlichen. Als ich den Eingang zur Höhle bewachte, da habe ich einen kleinen Dämon, der die Aufsicht in der Höhle hatte, festgenommen. Den fragte ich, wo der Meister untergebracht sei. Er sagte, er wisse es. Da du die Himmels- soldaten herbeigeboten hattest, fürchtete ich deren Grimm, und da, wenn sie dem kleinen Dämon etwa den Garaus gemacht hätten, es uns vielleicht schwer geworden wäre, den Meister zu finden, so habe ich ihn nach einem menschenleeren Platz gebracht und gebunden. Nachdem die Himmels- soldaten jetzt fort sind, wollen wir den Meister suchen, und der Kleine soll uns führen. Was meinst du dazu?

Sun Wu-k'ung. Gut so! So wollen wir also mit ihm gehen. (Ab; tritt wieder mit dem kleinen Dämon auf.)

Chu Pa-chieh. Kleiner Dämon! Kleiner Dämon. Hier!

Chu Pa-chieh. Unser Meister ist in der Grundlosen Höhle. Jetzt führe uns, damit wir ihn suchen !

Kleiner Dämon. Jawohl; ich weiß Bescheid.

Chu Pa-chieh. Zeige den Weg! (Ab. Treten wieder auf.)

Sun Wu-k'ung. Kleiner Dämon, jetzt sind wir in der Höhle; die ist ungefähr drei- hundert Meilen lang. Weißt du denn, wo unser Meister untergebracht ist?

Kleiner Dämon. Großer Heiliger! Seid unbesorgt und laßt mich euch vermelden! (Singt:) Ich rufe: Großer Heiliger, hört an, was ich euch alles melde! Um von der Höhle hier zu sprechen, so ist sie gar weit ausgedehnt, mehr als dreihundert Meilen lang, voll von Löchern und Unebenheiten ; der ganze Boden ist durchlöchert, wie Meeresschlünde, groß und klein, ein jedes Loch wie eine Höhle; von keinem kennt man seine Tiefe. Ringsum ist eine Eisenmauer, die wieder lauter Löcher hat. Drinnen sind Söller und Terrassen ; doch sind nach außen sie nicht sichtbar. Ohne mich als Führer würde niemand sich hineinwagen. Folgt nur mit euren Blicken meiner Hand ; da seht ihr im Südosten einen Schlund ; drei Löcher sind an dieser einen Stelle; das in der Mitte ist das gefährlichste. Da drinnen befindet sich ein Haus, das drin in hellem Glänze strahlt. Die Türme auf den Toren sind vierzig Fuß hoch, von Stein gehauen oben wie auch unten. Die Zimmer haben eine solche Tiefe, daß keine Grenze finden kann der Blick; rein und idyllisch schön ist rings das Ganze; der Menschen Fuß verirrt sich nicht dahin. Dort hält den Meister man verborgen ; auch in zehn Jahren würd' er nicht ge- funden, wenn nicht ein Mensch der Führer ist, der das Geheimnis kennt. Unmöglich war' es, ihn zu finden, weil von dem Blick ringsum die Augen sind geblendet. Vergeblich würd' ein Mensch die Augen wandern lassen ; denn dunkel ist das Loch und tief, und eines Menschen Stimme dringt nicht weit.

Sun Wu-k'ung. (Singt:) Nachdem ich dies gehört, ruf laut ich aus: Laß nur das Prahlen und führe lieber uns rasch hin, damit wir dahin kommen, wo bald wir unsern Meister finden wollen !

Kleiner Dämon. (Singt:) Hierauf erwidre ich: Herr, so folget mir!

Sun Wu-k'ung. (Singt:) Dicht folg' ich hinterdrein.

Chu Pa-chieh. (Singt:) Indem ich rufe, folg' auch ich ihm nach und halte mich nicht fern von ihm.

Sun Wu-k'ung. (Singt:) Indem ich gehe, schaue ich aus. (Spricht:) Ach, da sind wir im Tor! Das ist wirklich idyllisch! Grüner Wald und üppige Zweige! Klares Wasser strömt vorüber! Seltene Blumen und seltsame Kräuter ergötzen den Blick! Diese Höhle hat einen besonderen Himmel für sich; gerade in der Mitte ist ein Saal, schön und bunt verziert, mit prächtigem Balkenwerk und rotgestrichenem Erker. Weibliche Dämonen gehen kichernd und plaudernd ab und zu. Keine Frage, daß der Meister sich hier befindet. Ich will hinein- gehen ! (Ab. Hinter der Szene :) In der Tat ist der Meister hier. Meister, rasch fort !

Mönch. 0, Sun Wu-k'ung ist da! Führe mich hinaus!

Sun Wu-k'ung. Rasch fort! (Tritt mit ihm auf.)

Abb. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVIII, 1. Abb. 4

26

Chu Pa-chieh. Ah, da ist der Meister! Wart', ich will euch auf dem Kücken aus der Höhle hinaustragen.

Mönch. Ja. (Ab.)

Sun Wu-k'ung. Hier hast du, kleiner Dämon! (Schlägt den kleinen Dämon tot.) Nachdem die Dämonen jetzt alle umgebracht sind, will ich dem Meister nacheilen, um zusammen mit ihm nach dem Tempel Chen-hai-sze zurückzukehren und dort die Pferde zu satteln und das Gepäck zurechtzumachen ! (Rezitativ :) Bezwungen ist der Dämon aus der Grundlosen Höhle, der Mönch gefunden. Auf nach Chen-hai-sze! (Ab.)

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Stücke Taoistischen Inhalts.

Chin-hua

Der Schwarze Stein

Der Weiße Stein

Die Schwarze Füchsin

Die Weiße Füchsin [ Dä-

Die Kröte

Der Tausendfuß

Der Skorpion

Die Eidechse

Die Rote Schlange

Chao Kuo-sheng.

Ein Gastwirt.

Frau Ch'en Su-chou, geborene

Han. Fu Ch'eng-ch'un, ein Fischer. Fu Wan-nien, sein Sohn. Seine Frau. Mo-ch'ing, Diener des Chao

Kuo-sheng. Chang Chieh, der T'ien-shih^). Hsüan-t'an Ling-kuan Kaiser Chia-ching (1522—66). Vizepräsident Chao Chün-

ch'unsr.

Geister.

I. Die Chaosbüchse ^).

(Hun yüan ho.)

Personen:

General Lu Fing. Chang Tao-ling. Zwei Dorfälteste. Fräulein Sung. Liu Shao-tsung. Hauptmann Liu Tsze-chung,

sein Vater. Fan Ts'e-hsien, Student. Der Planet Venus. Sun Ta-sheng2). Ha Ch'ing-yü, muha,mmedani-

scher Hammelschlächter. P'ang Hsiu-hsing, seine Frau. Zwei Brüder derselben. Deren Vater.

Wu Jen, Präfekt vonT'ung-chou. ZweiPolizeidienerinT'ung-chou. Liu Hai. Frau Tiao, Inhaberin eines

Freudenhauses. Frau Su Ch'iao-yün. Li Ch'ang-shou, Bohnenhändler. Li Fei-ts'ai, sein Vater. Frau Li, geborene P'i, seine

Mutter.

Witwe Ts'ao, geborene Li. Ts'ao Jung, ihr Enkel. Liu Liu.

Der Hahn, Bewohner des Mao- Gestirns. Frau Han Yu-mei. Die Göttin Kuan-yin. Shan-ts'ai, ihr Diener. Der Pfirsichgeist. Der Alte im Monde. Der Göttliche Weidenbaum. Der Eunuch Liu Huan. Das Mara-Gestirn. Minister Yen Sung. Vizepräsident Wei Yu. Boten. Zofen.

Dienende Dämonen. Diener. Bootsleute. Burschen. Pförtner. Soldaten. Tempellehrlinge.

Die Handlung spielt zur Zeit der Ming-Dynastie unter der Regierung des Kaisers Chia-ching (1522 66).

^) An der Spitze der taoistischen Priesterschaft steht der , Himmlische Gebieter" (T'ien shih), der auf dem Lung Hu Shan (, Drachen- und Tigerberg") in der Provinz Kiang-si residiert und der irdische Vertreter des höchsten Gottes Yü-huang shang-ti ist. Der Begründer dieser Würde war Chang Tao-ling (geboren 34 n. Chr.). Das Amt kann als das eines Reichsexorzisten bezeichnet werden und ist in der Familie Chang erblich. Das vornehmste Zaubermittel in der Hand dieses obersten Würdenträgers der taoistischen Kirche ist die „Chaosbüchse", so genannt, weil sie mit dem ursprünglichen chaotischen Weltäther gefüllt ist, aus dem alle Dinge hervorgegangen sind, und dem kein dämonisches Wesen wider- stehen kann (vgl. W. Grube, Zur Pekinger Volkskunde, S. 69 und Religion und Kultus der Chinesen, S. 115 ff.). Der Roman Wu tu chuan „Die Geschichte der fünf giftigen Tiere", in dem die Wundertaten des Chang T'ien-shih phantastisch geschildert werden, bildet wahrscheinlich die Grundlage für den Stoff dieses Dramas.

2) Der aus dem buddhistischen Roman Hsi yu chi („Geschichte einer Reise nach dem Westen", d. i. Indien) bekannte Affe Sun Wu-k'ung (vgl, Grube, Zur Pekinger Volkskunde, S. 129 und oben S. 22).

4*

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Chin-hua. (Tritt auf. Rezitativ:) Seit ungezählten Jahren führ' ich ein asketisch Leben; als Erd' und Himmel entstanden waren, war ich das erste "Wesen auf der Welt. Die Anhänger der ketzerischen Sonderlehre stehen unter meiner Leitung; der Poyang-See ist mein Gebiet, ich herrsche dort über die Dämonen. (Spricht :) Ich bin die Göttin Chin-hua und gehöre zu den Jüngerinnen der Nü-wa. Ich leite die Anhänger der ketzerischen Lehre und gebiete über den Poyang-See. Das Dämonenheer, das unter meinem Befehl steht, ist nicht gering.

Ein Bote. (Tritt auf mit einem allerhöchsten Erlaß.) Ich melde der Göttin, daß ein allerhöchster Erlaß gekommen ist.

Chin-hua. Dann will ich mit Weihrauch aufwarten! (Ab. Tritt wieder auf.)

Der Bote. Ein allerhöchster Erlaß ist gekommen. Kniee nieder und höre zu, während ich ihn verlese! Also lautet der Erlaß: „Da der Kaiser Chia-ching seine Pflicht außer Acht läßt, den Reden seines Günstlings, des Gerbers T'ao Ch'ien, Vertrauen schenkt, einzig auf die Herstellung des Elixieres des langen Lebens bedacht ist und zu dem Zweck mutwillig dreitausend Jünglinge und dreitausend Jungfrauen ums Leben gebracht hat, ist Yü-ti in großen Zorn ge- raten und beauftragt dich, die Schar der Dämonen hinabzusenden, auf daß sie drunten Wirren und Empörung stiften. Wenn er dann nicht imstande ist, sich der Dämonen zu bemächtigen, so wird es auch der Tüchtigste nicht vermögen." Ich bin mit der Verlesung des aller- höchsten Erlasses zu Ende. Verneige dich vor dem Edikt und bedanke dich für die er- wiesene Huld !

Chin-hua. Möge des heiligen Herrschers Lebensdauer ohne Grenzen sein! Vergib mir, daß ich, von deinem Eintreffen nichts wissend, zu spät zu deinem Empfange kam.

Bote. 0 bitte! Auch mich trifft eine Schuld, indem ich ohne Umstände in dein See- gebiet eindrang.

Chin-hua. Du bist sehr gütig. Ihr kleinen Dämonen, richtet ein Mahl her!

Bote. Nicht doch, ich muß wieder gen Himmel zurückkehren, um Bericht zu erstatten.

Chin-hua. Dann darf ich dich nicht länger aufhalten. Leb wohl!

Bote. Leb wohl! (Ab.)

Chin-hua. (Tritt ab und dann wieder auf.) Indem ich an den allerhöchsten Erlaß denke, der mir befiehlt, den Kaiser Chia Ching in Verwirrung zu stürzen, kommt mir plötzlich eine Angelegenheit in den Sinn. Schon seit drei Generationen besteht mit dem Oberhaupt der großen Lehre eine Feindschaft, ohne daß ich bis jetzt imstande gewesen wäre, Rache zu nehmen. Was hindert mich, diese Gelegenheit zu benutzen, um mir Rache und Genugtuung zu verschaffen? Was stünde dem im Wege? Ihr kleinen Dämonen, hißt das Versammlungs- banner und rührt die Versammlungstrommel, auf daß die Dämonen sich versammeln! (Die Dämonen rühren die Trommel, worauf neun Dämonen erscheinen.)

Die neun Dämonen. Erhabene Meisterin, wir werfen uns vor deinem Antlitz nieder.

Chin-hua. Erspart euch die Förmlichkeiten!

Die neun Dämonen. Dürfen wir fragen, Meisterin, welche Weisung du uns zu erteilen hast, da du uns riefst?

Chin-hua. Stellt euch zur Seite auf und vernehmet, was ich euch zu befehlen habe! (Singt:) Die ihr am Fuß der Treppe stehet, vernehmet aufmerksam, was ich euch mitzuteilen habe ! Weil Kaiser Chia Ching keine menschliche Regierung mehr übt, sondern nur dem Studium der Magie und der Erlangung langen Lebens sich mit ganzer Seele hingibt, dem T'ao Ch'ien Gunst und Vertrauen schenkt und dadurch alle Lebewesen ins Verderben zieht, ist nun der höchste Herr in großen Zorn geraten. In einem allerhöchsten Erlaß hat er mir befohlen, den Kaiser zu betören und euch vom Berg hinabzusenden. Da fiel mir plötzlich etwas ein : wie wär's, wenn ich bei der Gelegenheit ein Unrecht sühnte? Voll Bosheit ist Chang Chieh, der großen Lehre Oberhaupt; drei Menschenalter schon lieg' ich mit ihm in Feindschaft, und noch immer blieb sein Frevel ungesühnt.

Die Dämonen. (Sprechen:) Was für ein Frevel ist es, der gesühnt werden soll?

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Chin-hua. (Singt:) Als eure Patriarchin Nü-wa einst, heimkehrend vom Gelage, des süssen Weines voll, im Walde rastete, kam just Chang Tao-ling des Wegs daher auf seiner Himmelsrunde. Da regte sich in jenem Kerl das böse Herz ; ihre Wolkenschuhe streifte er der Schlafenden ab. Aus ihrem Rausch erwacht, erkannte unsre Herrin gleich, daß er sein himm- lisch Wächteramt mißbraucht und Ungehöriges getan. Vor Scham geriet sie in unmenschlichen Zorn. Bis jetzt hab' ich den Frevel noch nicht rächen können : da sich jetzt die Gelegen- heit zur Rache bietet, sollte ich sie ungenutzt vorübergehen lassen? Nur weiß ich nicht, wäret ihr bereit sie auszuführen?

Die Dämonen. Wehe! (Singen:) Alle miteinander heben wir zu reden an und schmähen laut der großen Lehre Oberhaupt, so voller Bosheit !

Die weiblichen Dämonen. (Singen:) Des Chang Tao-ling Frechheit geht zu weit, und gar zu sehr betrügt er alle Welt! Beschimpft hat er die Göttin, welche Strafe sühnt den Frevel ?

Alle Dämonen. (Singen:) Erst dann sind wir beruhigt, wenn wir lebendig ihn ver- schlungen haben ! Laßt uns den Chang Tao-ling greifen und in Stücke hacken !

Die weiblichen Dämonen. (Singen:) Laßt uns Chang Chieh greifen und das Herz ihm aus dem Leibe reissen !

Die Dämonen. (Singen:) Sei, Herrin, unbesorgt; gleich steigen wir vom Berg hinab, mit hochgezogenen Brauen, zornig blickend machen wir uns auf den Weg.

Chin-hua. (Singt:) Von meinem hohen Sitz herab red' ich zu euch; ihr aber hört genau, was ich befehle ! (Spricht :) Schwarzer Stein und Weißer Stein, vernehmet meinen Auftrag !

Der Schwarze und der Weiße Stein. Hier sind wir.

Chin-hua. Ihr beide sollt in der Pfirsichblütengrotte ^) in der Straße des Schwarzen Steines warten, bis Chang Chieh vorbeikommt, und ihn dann festnehmen. Das soll euch als außerordentlich verdienstliche Tat angerechnet werden.

Der Schwarze und der Weiße Stein. Zu Befehl. (Ab.)

Chin-hua. Schwarze Füchsin, tritt vor und vernimm meinen Auftrag!

Die Schwarze Füchsin. Hier bin ich.

Chin-hua. Du sollst auf dem Turme Wang-yüeh-lou der Poststation Shih-li Ch'ang-sha warten, bis Chang Chieh kommt; dann offenbare deine Wunderkraft und nimm ihn fest!

Die Schwarze Füchsin. Zu Befehl. (Ab.)

Chin-hua. Weiße Füchsin, vernimm meinen Auftrag!

Die Weiße Füchsin. Hier bin ich.

Chin-hua. Du sollst dich auf dem hinteren Söller des Tempels Li-erh-sz6 niederlassen und warten, bis Chang Chieh kommt. Dann achte darauf, daß du ihn festnimmst. Gehe nun deiner Wege !

Die Weiße Füchsin. Ja. (Ab.)

Chin-hua. Kröte, vernimm meinen Auftrag!

Die Kröte. Hier bin ich.

Chin-hua. Du sollst im Brunnen Pa-pao-liu-li-ching auf dem Rindermarkt in T'ung-chou warten, bis Chang Chieh kommt. Dann achte darauf, ihn festzunehmen!

Die Kröte. Zu Befehl. (Ab.)

Chin-hua. Tausendfuß, vernimm meinen Auftrag!

Der Tausendfuß. Hier bin ich.

Chin-hua. Dusollst im westlich von der Residenz gelegenen Tempel Sien-hua-sze warten, bis Chang Chieh kommt, und dann die Rache an ihm vollziehen!

Der Tausendfuß. Zu Befehl. (Ab.)

Chin-hua. Skorpion, vernimm meinen Auftrag!

Der Skorpion. Hier bin ich.

Chin-hua. Du sollst im Freudenhause in der Mauerritzengasse warten, bis Chang Chieh kommt, und ihn festnehmen !

1) Ein euphemistischer Ausdruck für Bordell.

1

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Der Skorpion. Zu Befehl. (Ab.)

Chin-hua. Eidechse, vernimm meinen Auftrag!

Die Eidechse. Hier bin ich.

Chin-hua. Du sollst in der Gasse der Bohnenschößlinge warten, bis Chang Chieh kommt, und ihn dann festnehmen !

Die Eidechse. Zu Befehl. (Ab.)

Chin-hua. Wo ist die Rote Schlange?

Die Rote Schlange. Hier.

Chin-hua. Vernimm, was ich dir auftrage! (Singt:) Von meinem hohen Sitz herab Sprech' ich zur Roten Schlange : Paß auf und präg dir's gründlich ein ! Um hinabzusteigen und den Chang Chieh zu erwarten, ist jedem die Richtung angewiesen, wo er sich aufzuhalten hat, und sobald sich Gelegenheit zur Rache bietet, sofort ans Werk zu gehen. Zeig du nun deine Wunderkraft, doch laß es nicht an Vorsicht fehlen ! Chang Chieh ist reich an wunder- baren Zauberkünsten ; doch auf das Siegel der fünf Donnergötter, das er stets am Leibe trägt, verläßt er sich besonders. Drei Zaubermittel will ich dir verleihen, die trag verborgen stets am Leibe : die Tragstange der drei Mächte mit den neun Drachen, sowie die beiden Yin-yang-Eimer voll geheimer Wunderkraft. Du darfst nicht säumen, mach dich schleunigst auf den Weg ! (Spricht:) Ich verleihe dir die Stange der drei Mächte mit den neun Drachen und die beiden Yin-yang-Eimer. Wenn sich die Gelegenheit bietet, wird sich ihr Gebrauch von selbst er- geben. Nun geh !

Die Rote Schlange. Jawohl. (Ab.)

Chin-hua. (Spricht:) Somit wären sie abgefertigt. Ihr kleinen Dämonen, richtet in der hinteren Höhle das Mahl her! (Rezitativ:) Der Frevel, der drei Menschenalter ungerächt geblieben, wird nun gesühnt in diesem Leben. Sollt' es mir nicht gelingen, mich des Chang Chieh zu bemächtigen, so sei es aus mit mir! (Ab.)

IL

Chao Kuo-sheng. (Tritt auf. Rezitativ:) Zehn Jahr lang hab' ich armer Studio mich eifrig abgequält; der Kopf steckt mir von Schätzen voll, und an Talenten fehlt mir's nicht. Jetzt gilt es nur, die höchste Staffel zu erklimmen^), den blauen Kittel mit dem Drachenkleide zu vertauschen. 2) (Spricht:) Ich bin Chao Kuo-sheng und in meiner Väter Heimat, dem Dorfe Chao-chia-ts'un ansäßig, das vor dem Tore Shui-hsi-men der zur Präfektur Nan-ch'ang-fu ge- hörenden Bezirksstadt Chin-hsien-hsien gelegen ist. Leider sind meine Eltern beide tot, ich besitze weder Brüder noch Weib und Kind und stehe ganz allein. Ich habe den Kopf voll Gelehrsamkeit und bin bereits Student. Da in dieses Jahr die großen Staatsprüfungen fallen, will ich mein Haus abschließen und mich in die Residenz begeben, um mich zum Examen zu melden. (Ab.)

Der Gastwirt. (Tritt auf. Rezitativ:) Es kommen Gäste tausend Meilen weit daher, um in dem Gasthof „Meng Ch'ang-chün tsze"') abzusteigen. (Spricht:) Ich habe bei der Post- station Shih-li Ch'ang-sha eine kleine Herberge eröffnet, und das Geschäft steht in schönster Blüte. Da dies das Jahr ist, in welchem die großen Staatsprüfungen stattfinden, sind der Kandidaten nicht wenige, die sich in die Hauptstadt begeben, um das Examen zu machen. So kommt es, daß mein Gasthof voll von Gästen ist. Ich will gehen und das Tor abschließen. (Ab. Gleich darauf tritt er mit Chao Kuo-sheng zusammen auf.)

Chao Kuo-sheng. Guten Tag, Freund.

Der Gastwirt. Guten Tag. Ihr seid ja so hastig, Herr, was ist euer Begehr?

Chao Kuo-sheng. Ich möchte eine Frage an euch richten.

1) pu ts'ing yün, s._ Petillon, Allusions litteraires, p. 460.

*) Sc. des Hsiu-ts'ai (Baccalaureus).

3) Vgl. Giles, Biographical Dictionary, No. 1513.

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Der Gastwirt. Dann gebt mir einen Scheifel heraus.^)

Chao Kuo-sheng. Hm, worauf sich meine Frage bezieht, ist nicht eine Metze, sondern ein Wort. 2)

Der Gastwirt. Ach so, ein Wort meint ihr! Wonach wollt ihr denn fragen?

Chao Kuo-sheng, Das ist doch hier ein Gasthof?

Der Gastwirt. Da habt ihr mit eurer Frage das Richtige getroifen, Herr, ich bin der Gast des Gasthofs. 3)

Chao Kuo-sheng. Was soll das heißen?

Der Gastwirt. Der Wirt, wollt' ich sagen.

Chao Kuo-sheng. In diesem Falle möchte ich hier übernachten.

Der Gastwirt. Das geht nicht, Herr.

Chao Kuo-sheng. Weshalb nicht?

Der Gastwirt. Heuer ist das Jahr der großen Staatsprüfungen, und da gibt es der Kandidaten, die nach der Hauptstadt unterwegs sind, nicht wenige; in diesem Gasthof sind deren eine ganze Anzahl abgestiegen. Ich habe keinen Platz, sucht anderswo ein Unter- kommen.

Chao Kuo-sheng. (Sich umsehend.) Erst möchte ich euch doch fragen: jenes hohe große Hintergebäude scheint ja ein mehrstöckiges Haus zu sein, dort wird es doch, sollt' ich meinen, ein Unterkommen für eine Nacht geben ?

Der Gastwirt. Meint ihr jenes Haus dort, Herr?

Chao Kuo-sheng. Freilich. (Der Wirt fällt zu Boden.) Was soll denn das bedeuten? Macht geschwind, daß ihr wieder aufsteht!

Der Gastwirt. (Sich aufrichtend.) Herr, haben wir beide denn jeder noch seinen Schädel ?

Chao Kuo-sheng. Wie könnte wohl einer reden, wenn ihm der Schädel fehlte?

Der Gastwirt. Also ist es jener Turm dort, nach dem ihr fragtet?

Chao Kuo-sheng. Ja freilich.

Der Gastwirt. In früheren Zeiten pflegte ich dort allerdings Gäste einzuquartieren; aber jetzt wage ich es nicht mehr zu tun.

Chao Kuo-sheng. Weshalb denn nicht?

Der Gastwirt. In jenem Turme spuken Harngeister.*)

Chao Kuo-sheng. Ihr meint wohl Gespenster?

Der Gastwirt. Stimmt, stimmt, Gespenster. Wenn dort einer wohnt, so wird er auf- gefressen, und sind es zwei, so werden alle beide aufgefressen. Aus diesem Grunde wage ich dort keine Gäste einzuquartieren.

Chao Kuo-sheng. Ich bin nicht einer, der sich vor Gespenstern fürchtet.

Der Gastwirt. Ha, ihr könnt da nicht wohnen.

Chao Kuo-sheng. Ich heiße Chao der Kühne^), ich bin kein Hasenfuß.

Der Gastwirt. Ha, da dürft ihr dort erst recht nicht wohnen ! Chao der Kühne, Chao der Kühne ! Wenn euch die Gespenster erst gefressen haben, wird nichts als eure beiden Augen von euch übrig bleiben !

Chao Kuo-sheng. Ich heiße Chao Kuo-sheng.

^) Es handelt sich hier um ein unübersetzbares Wortspiel. Die Worte des Chao Kuo-sheng : chieh wen i sheng bedeuten wörtlich übersetzt: ,darf ich einen Ton fragen?" Der Wirt antwortet mit einem Kalauer, indem er sheng Ton im Sinne von sheng Metze (ein Getreidemaß, welches 10 Scheffel, tou, enthält) auffaßt. Ein Sprichwort lautet: chieh jen i sheng, huan jen i tou. ,Hat man sich eine Metze geliehen, muß man einen Scheffel dafür zurückerstatten", d. h. sich dankbar erweisen. Den Satz chieh wgn i sheng mißversteht der Wirt absichtlich, daher seine Antwort.

2) Wörtlich: »Das sheng, wonach ich frage, ist das sheng von sheng-yin (Ton)".

3) Auch dieser Wortwitz ist unübersetzbar. Der Wirt sagt tien-hsi („der Westen der Herberge* = Gast), während er tien-tung („der Osten der Herberge" = Wirt) meint.

*) Ein Wortspiel: niao-ching für yao-ching.

5) Chao Ta-tan, d. h. Chao, der große Galle (Mut) hat.

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Der Gastwirt. Ha, um so schlimmer! Chao Kuo-sh6ng, die Gespenster werden euch auffressen, daß auch nicht der geringste Rest von euch übrigbleibt, i)

Chao Kuo-sheng. Ich bin nicht einer, der sich fürchtet. Führt mich geschwind hin und geht voran !

Der Gastwirt. Ich spasse nicht! Gebt acht: die Gespenster fressen euch auf!

Chao Kuo-sheng. Macht nichts. Führt mich geschwind hin!

Der Gastwirt. Nun, wenn ihr keine Angst habt, so folgt mir denn hinauf!

Chao Kuo-sheng. Geht nur voran und zeigt mir den Weg!

Der Gastwirt. So folgt mir!

Chao Kuo-sheng, Ich komme. (Beide ab. Treten wieder auf.)

Der Gastwirt. Nehmt Platz, Herr! Wünscht ihr etwas zu essen?

Chao Kuo-sheng. Ich habe schon vorhin gegessen.

Der Gastwirt. Ist sonst noch etwas gefällig?

Chao Kuo-sheng. Einen Krug Chuang-yüan Wein und eine Lampe; sonst brauche ich nichts.

Der Gastwirt. Heda, Kellner! Einen Krug Chuang-yüan Wein und eine Lampe ! (Ab. Erscheint sofort wieder.) Der Wein ist gekommen und die Lampe ist auch da.

Chao Kuo-sheng. Dann bemüht euch nicht weiter!

Der Gastwirt. Gut. (Ab. Hinter der Szene:) Nun werde ich morgen den Gespenster- mist auskehren können !

Chao Kuo-sheng. Ich bin so müde, daß mir der Wein kaum durch die Kehle geht. Ich will einen Augenblick schlafen und hernach weitertrinken.

(Es schlägt die Stunde der dritten Nachtwache. Die Schwarze Füchsin tritt auf.)

Die Schwarze Füchsin. (Rezitativ:) Unsichtbar komm' ich, spurlos ist mein Gehen. Öffne ich die Hand, kommt Regen, schließe ich die Hand, kommt Wind. Fragt Jemand, wer ich sei : ich bin der Dämon, den man Schwarze Füchsin nennt. (Spricht :) Ich bin die schwarze Füchsin und habe von der Göttin Chin-hua den Befehl erhalten, hier auf den Chang Chieh zu warten, um eine Schuld zu sühnen, die schon drei Menschenalter alt ist. Auf dem Turme Wang-yüeh-lou sollte ich mich niederlassen. Hier ist er schon, nun will ich eintreten. Ha ! Was ist denn das für ein Mensch, der verwegen genug war, in mein Nest einzudringen? Da will ich doch gleich eintreten und ihn bei lebendigem Leibe verschlingen !

(Der Sterngott K'uei tritt auf und spielt mit dem Scheffel.*)) Ha ! Vor diesem Menschen spielt der Sterngott K'uei mit dem Scheifel. Da kann ich mich nicht nähern. Gewiß ist es kein geringes Glück, das ihm beschieden ist. Weß Geistes Kind er wohl sein mag? Ich muß ihn doch einmal betrachten. Ha, wie wunderbar! (Singt:) Da ich beim Schein der Lampe ihn aufmerksam betrachte, vermag ich erst die Schönheit seines Angesichts zu würdigen. Wie ich just sehe, trägt er die viereckige Mütze der Studenten. Weiß ist sein Antlitz, wie gepudert ; die offne Stirne ist ein Zeichen hohen Standes, und das breite runde Kinn zeigt, daß ihm großes Glück bevorsteht. Der blaue Kittel sitzt wie ange- gossen, und an den Füßen trägt er weißbesohlte schwarze Stiefel. So ohne Makel sind Gestalt und Antlitz, daß er selbst einen Ping-ling-kung^) beschämen könnte, und eines Künstlers Pinsel

^) Ein Wortspiel, das auf der Verwechslung des sheng in Chao Kuo-sheng, welches , blühend" bedeutet, mit sheng , übrigbleiben, Rest" beruht.

2) Der K'uei-hsing ist eine der Schutzgottheiten der Literatur. Er gehört zu den siderischen Gott- heiten und hat seinen Sitz innerhalb der vier Sterne a, ß, y, d, welche das Viereck im Sternbilde des großen Bären bilden, wie schon aus dem Schriftzeichen k'uei hervorgeht, das aus einer Verbindung der beiden Zeichen kuei „Dämon" und tou , Scheifel" besteht, mithin soviel wie , Dämon des Getreide- scheffels" bedeutet (cf. DeGroot, Les fetes annuellement celebrees ä Emoui, pp. 172 ff.). Tou, Scheffel, ist bekanntlich der chinesische Name für das Sternbild des großen Bären. Die hier gebrauchte Wendung ist offenbar gleichbedeutend mit dem gebräuchlicheren Ausdruck: „K'uei-hsing tritt auf das Tou", der darauf zurückzuführen ist, daß der K'uei-hsing oft auf einem Getreidescheftel stehend oder einen solchen haltend dargestellt wird.

3) Held aus dem Roman Feng-shen-yen-i.

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kaum die schmucke Form zu konterfeien vermöchte. Wo ließe sich in aller Welt ein Bild von solcher Schönheit finden? Indem ich ihn so von der Seite her betrachte, geraten Herz und Sinne mir in Wallung. 0 könnt' ich doch mit ihm verbunden sein, gern wollte ich im Tode dann die Augen schließen ! Wie wär's, wenn wir als Gatten uns zusammentäten ? Stärkte ich so mein Wesen durch seinen Samen, würde auch ich teilnehmen können an den Versammlungen der Unsterblichen. So sei es, fest steht mein Entschluß! (Spricht:) Da seh nur einer, wie unvergleichlich schön dieser Mensch ist ! Sicherlich wird er bei der bevorstehenden Prüfung den höchsten Grad erringen. Warum sollte ich mich nicht ihm in freier Liebe verbinden und mir durch die Vereinigung des männlichen mit dem weiblichen Fluidum eine glückliche Wieder- geburt sichern? Wart', ich will ihn wecken! ... ha, nicht doch! Ich fürchte, wenn ich ihn in dieser meiner Dämonengestalt wecke, wird von einem Ehebunde nicht die Rede sein, da ich ihn dadurch vielmehr zu Tode erschrecken würde. Was soll ich nun tun? . . . Ha, nun hab' ich es! Wie wäre es, wenn ich die Gestalt eines Mädchens aus dem Volke annähme? Wenn ich ihn dann wecke, wird ein Wort das andere geben. Erst will ich aber eine andere Gestalt annehmen. (Ab. Erscheint gleich darauf in verwandelter Gestalt.) Nun will ich an- klopfen. Macht auf, macht auf!

Chao Kuo-sheng. Hm, mitten in der Nacht, um die dritte Nachtwache, klopft jemand. Ich muß doch fragen, was das zu bedeuten hat. Wer ist es, der da klopft?

Die Schwarze Füchsin. Ich bin es.

Chao Kuo-sheng. Wer bist du?

Die Schwarze Füchsin. Ich bin die jüngere Schwester des Wirtes.

Chao Kuo-sheng. Wenn das der Fall ist: „Mann und Weib dürfen nicht in persön- liche Berührung kommen".^) Es ist im höchsten Grade unpassend, mitten in der Nacht an die Tür zu klopfen. Kehre nur geschwind wieder heim !

Die Schwarze Füchsin. Öffnet nur immerhin! Ich war am Tage im Turmzimmer mit einer Handarbeit beschäftigt und habe dort meinen Nähkorb liegen lassen. Ich bin ge- kommen, um ihn zu holen.

Chao Kuo-sheng. Wenn es das ist, so will ich ihn durch die obere Türspalte reichen.

Die Schwarze Füchsin. Das wäre was! Was liegt nicht alles in meinem Korbe darin ! Da wäre es was Rechtes, wenn so ein Mannsbild ihn anfaßte. Öffnet geschwind, ich werde ihn schon selber holen.

Chao Kuo-sheng. Ist mir auch recht; so will ich dir denn öffnen. (Er öffnet die Tür, und der Dämon schlüpft ihm unter der Armhöhle durch.) Die Tür ist ja offen, nun mach rasch! Hm, wie kommt es denn, daß da kein Mensch ist? Ja so, ich komme schon dahinter ! Heute am Tage sah ich, daß der Wirt ein rechter Spaßvogel ist : sicherlich war er es, der sich als Frauenzimmer verkleidet hat, um mich zu foppen. Ich will ihn nicht weiter beachten, sondern die Tür wieder zumachen und mich schlafen legen, und damit basta ! (Sich umblickend:) Nanu? Wie bist du denn hereingekommen, Mädchen?

Die Schwarze Füchsin. Ei, während der Herr die Tür öffnete, bin ich ihm unter der Armhöhle durchgeschlüpft.

Chao Kuo-sheng. Das war freilich ein schlauer Streich! Nun mach' aber auch schnell, daß du fortkommst!

Die Schwarze Füchsin. Ei, warum nicht gar! Weshalb die Eile? Ich lasse mich nicht fortjagen, sondern will mich im Gegenteil häuslich niederlassen.

Chao Kuo-sheng. Man sucht sie fortzutreiben, sie aber setzt sich nun gar noch nieder!

Die Schwarze Füchsin. Der Turm ist mein, und da werde ich mich allerdings setzen. Es beliebt mir so.

Chao Kuo-sheng. Nun, so sitz!

Die Schwarze Füchsin. Ei, Herr, warum redet ihr denn kein Wort?

Chao Kuo-shöng. Ich habe nichts zu reden. Mach nur geschwind, daß du fort- kommst !

*) Zitat aus Meng-tse. Abb. d. philos.-philol. u. d. bist. Kl. XXVIII, 1. Abb.

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Die Schwarze Füchsin. Darf ich euch nach Herkunft und Namen fragen, Herr? Von wannen kommt ihr, und wohin geht ihr?

Chao Kuo-sheng, Scher dich geschwind, ich will schlafen!

Die Schwarze Füchsin. Sagt es mir, so will ich gehen.

Chao Kuo-sheng. Also du fragst mich wirklich?

Die Schwarze Füchsin. Wie könnt ihr nur so reden ! Wenn Menschen vorüberziehen, lassen sie ihren Namen zurück, wenn Wildgänse vorüberziehen, lassen sie ihre Stimme ertönen. Wenn ein Mensch vorüberzieht, ohne seinen Namen zurückzulassen, weiß man nicht, ob es Hinz oder Kunz war, und wenn Wildgänse vorüberziehen, ohne ihre Stimme ertönen zu lassen, weiß man nicht, ob's Frühling oder Herbst ist.

Chao Kuo-sheng. Ich sage dir: mach auf der Stelle, daß du fortkommst!

Die Schwarze Füchsin. Sage mir's erst, dann will ich gehen.

Chao Kuo-sheng. So vernimm denn: meine Heimat ist das Dorf Chao-chia-ts'un, das vor dem Tore Shui-hsi-men der Bezirksstadt Chin-hsien-hsien in der Präfektur Nan-ch'ang-fu gelegen ist; ich heiße Chao Kuo-sheng und begebe mich zu den Prüfungen in die Residenz. So, nun hab' ich dir alles gesagt, und nun geh deiner Wege!

Die Schwarze Füchsin. Ei, Herr, ihr sprecht ja so hastig, daß ich nicht ein einziges Wort verstanden habe. Obwohl ihr mir alles gesagt habt, müßt ihr mir's doch noch einmal hübsch deutlich wiederholen.

Chao Kuo-sheng. (Langsam redend:) So vernimm denn: meine Heimat ist das Dorf Chao-chia-ts'un, das vor dem Tore Shui-hsi-men der Bezirksstadt Chin-hsien-hsien in der Prä- fektur Nan-ch'ang-fu gelegen ist; ich heiße Chao Kuo-sheng und begebe mich zu den Prüfungen in die Residenz. So, nun habe ich dir alles gesagt, und nun geh deiner Wege !

Die Schwarze Füchsin. Ei, Herr, nachdem ich euch gefragt habe, müßt ihr nun doch auch mich fragen !

Chao Kuo-sheng. Nanu, du hast mir doch eben gesagt, daß du die jüngere Schwester des Wirtes bist, wonach soll ich dich denn noch fragen?

Die Schwarze Füchsin. Ich bin nicht die jüngere Schwester des Wirtes.

Chao Kuo-sheng. Wer bist du denn, wenn du nicht die jüngere Schwester des Wirtes bist?

Die Schwarze Füchsin. Hört mich an, Herr. (Singt:) Bevor zu reden ich beginne, spielt mir ein Lächeln übers Antlitz. Wie Vogelsang erklingt's von meinen Lippen: Herr! Des Wirtes jüngere Schwester bin ich keineswegs; östlich von hier bin ich zu Hause, mein Geschlecht heißt Hu ; ich habe weder ältere noch jüngere Brüder, meine Eltern haben all ihr Leben lang nur mich allein gezeugt. Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt, mein Name lautet Hu Ts'ui-chu, und Phönixe zu malen und zu sticken, darauf versteh' ich mich gar wohl und weiß gewandt mit Garn und Nadel umzugehen. Bis jetzt bin ich noch unvermählt, hab' immer noch mein jungfräulich Gemach. Wenn ihr mein garstig Antlitz nicht verschmäht, möcht' ich wohl gern heute nacht in freier Liebe mich mit euch vereinen. Bei diesen Worten werf ich ihm verliebte Blicke zu. Da seh' ich plötzlich einen Weinkrug auf dem Tische stehen; aufs Trinken, Herr, scheint ihr euch zu verstehen ! Wie war' es, wenn ich euch dabei Gesellschaft leiste ? Mit diesen Worten greif ich nach der Kanne. (Spricht :) Ei, Herr, warum trinkt ihr den Wein im Kruge nicht? Wie wär's, wenn ich euch Gesellschaft leiste?

Chao Kuo-sheng. Oho! es scheint ja, daß ihr euch aufs Trinken versteht, Fräulein?

Die Schwarze Füchsin. Es ist nicht der Rede wert, nur ein klein wenig.

Chao Kuo-sheng. Ein klein wenig ist auch schon genug. Darf ich euch wohl drei Becher kredenzen?

Die Schwarze Füchsin, Wie dürfte ich euch bemühen? Gebt mir nur den Krug, so will ich mir selber einschenken.

Chao Kuo-sheng. Ihr müßt nicht gar zu bescheiden sein. Wartet, ich schenke euch ein. Bitte, bedient euch !

Die Schwarze Füchsin. Gut denn, ich nehme die drei Becher von euch. (Sie leert die drei Becher nacheinander.) Ei, Herr, ihr könnt euch auch einen Becher füllen und ihn

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austrinken; die Kanne aber gebt mir, ich setze sie an die Lippen und mach' es wie das Nas- horn, das den Mond anblickt, derweil ihm das Wasser zum Munde herausläuft.

Chao Kuo-sheng, Nun das ist recht! (Der Dämon sinkt trunken zu Boden.) Trinkt doch noch einen Becher, Fräulein, trinkt noch einen Becher! Sieh da, sie ist ja schon voll- ständig trunken! Das Mädchen ist toll und kennt keine weibliche Zucht. Schon ist sie in tiefen Schlaf versunken und schnarcht wie Donnergetöse. Beim Scheine der Lampe betrachte ich ihr Antlitz. Ha, wie wunderbar! (Singt:) Beim Lampenschein betrachte ich sie aufmerk- sam. Sie hält die Wange auf die Hand gestützt, so daß ihr Angesicht hindurchblickt; wie lieblich ist's und zart, just wie die Yang kuei fei^), da sie vom Wein berauscht war! Kunst- voll modern frisiert ihr rabenschwarzes Haar, an Nephritringen hängen die Juwelen ihres Ohr- schmucks, in frischer Schönheit prangen ihre schelmischen Mandelaugen ! Sie trägt rot Ge- wand mit Stickerei, ein Unterkleid von grüner Gaze, achtfach gerändert ist der Seidenrock, der sich um ihre Taille schmiegt, und die Füßchen, just zwei Zoll groß, lugen unter ihm hervor. War' ich nicht grade unterwegs, zur Prüfung mich zu melden, ich nahm' sie sicherlich zum Weibe! Doch während ich so in Gedanken mich versenke, ereignet sich ein seltsam Ding: des Mädchens Mund speit Rauch und glühende Funken tummeln sich darin, die sie dann wieder einzieht und hinunterschluckt ; ein Mal ums andre tut sie das, wie seltsam ! Das macht mich stutzig, ha, ich hab's 1 Dies Mädchen ist gewiß nicht menschlicher Natur, ein Dämon ist's, die Menschen zu bestricken. Da gilt es Vorsicht und Behutsamkeit. Da ich sie auf- merksam und unverwandten Blicks betrachte, wird mir das plötzlich klar: ich weiß, woran ich bin. (Spricht:) Halt! Der Dämon stößt einen Feuerstrahl aus seinem Munde und zieht ihn dann wieder ein. Man sagt, daß kein anderer als der Fuchsdämon über solchen Zauber zu verfügen vermag. Mir däucht, daß einst Tung-pin^), als er auf dem Yüeh-yang-lou des süßen Weines voll war, den Fachszauber verschlang und dadurch magische Kraft erlangte und unsterblich wurde. Warum sollte ich nicht, wenn die Füchsin abermals einen Feuerstrahl aus- stößt, ihn hinunterschlucken? Wäre das nicht schön? (Der Dämon stößt einen Feuerstrahl hervor, den Chao Kuo-sheng verschluckt.) Ha! da ich ihn verschlungen habe, durchglüht mir ein vierfaches Feuer den Leib ! Ha ! ich mache eine Wendung und fühle mich vollkommen frisch! Jetzt will ich mich schlafend stellen und aufpassen, was sie tun wird, wenn sie wieder erwacht.

Die Schwarze Füchsin. (Erwacht.) Ha! Da hab' ich einen guten Schlaf getan. Hm, wie kommt es nur, daß mir die Glieder so schwer sind? Ich will mich einmal umdrehen. Hm, wie kommt es nur, daß der Fuchszauber nicht zu sehen ist? 0, ich verstehe schon ! Da sehe ich den jungen Herrn mit seinem von rotem Schein übergossenen Antlitz; sicherlich ist er es, der meinen Fuchszauber verschlungen hat. Ich will ihn aufwecken und meinen Zauber zurückverlangen. Wachet auf, Herr, wachet auf!

Chao Kuo-sheng. Hm, ich schlafe hier, weshalb das Gelärme?

Die Schwarze Füchsin. Gebts nur wieder her!

Chao Kuo-sheng. Was denn?

Die Schwarze Füchsin. Das Kleinod!

Chao Kuo-sheng. Was für ein Kleinod? Einen grünen Carneol?

Die Schwarze Füchsin. Nein.

Chao Kuo-sheng. Einen roten Carneol?

Die Schwarze Füchsin. Nein.

Chao Kuo-sheng. Eine Koralle? Einen Achat?

Die Schwarze Füchsin. Nein.

Chao Kuo-sheng. Etwa das Kleinod, durch welches man sich in der Welt be- rühmt macht? 3)

1) Berühmte Schönheit aus der chinesischen Geschichte. Vgl. G lies, Biographical Dictionary, No.2394.

2) Einer der acht taoistischen Genien; vgl. W. Grube, Religion und Kultu.s der Chinesen, S. 106 ff. 8) Dieser Ausdruck wird in tadelndem Sinne gebraucht, etwa wie: eine feine Nummer!

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Die Schwarze Füchsin. Ach Herr! (Singt:) Bevor zu reden ich beginne, seufz' ich tief. Leiht mir ein aufmerksames Ohr, o Herr! Ich bin mit nichten eine Jungfrau aus dem Volke, ein Schwarzer Fuchs bin ich, der Zauberkraft besitzt, bin eine Jüngerin der Göttin Chin-hua, des Poyang-Sees Gebieterin. Sie lebt in Feindschaft mit dem Oberhaupt der großen Lehre und hat mich gleich den anderen vom Berg herabgesandt, auf daß ich hier auf ihren Widersacher laure, um ihm, sobald ich ihn gepackt, die Augen auszukratzen. Da kamt ihr unvermutet her, ich aber wollte die günstige Gelegenheit benutzen, euer "Weib zu werden. Nur weil ich gar zu gierig nach dem Becher griff, hab' ich versäumt, worauf es ankam, und spur- los ist mein Zauberkleinod nun verschwunden. Vermutlich habt ihr es verschlungen? 0, habt Erbarmen, gebt es mir zurück ! Mit diesen Worten sink' ich auf die Kniee nieder, vom Kummer übermannt, vergieß' ich Tränen ! 0 gebt mir's wieder, guter Herr !

Chao Kuo-sheng. Hinweg! (Singt:) Da solches ich vernehme, sperr' ich die Augen auf und rufe zürnend : Du Fuchsgespenst, treib nichts Unschickliches ! Du suchst mich hier zu bestricken und zum Narren zu halten ! Mit diesen Worten ziehe ich mein gefeites Schwert hervor. (Spricht :) Du sauberes Gespenst, du nimmst ja den Mund gar voll mit törichtem Ge- schwätz. Wirst du wohl auf der Stelle machen, daß du fortkommst ! Nimm dich vor meinem Schwert in acht ! (Er versetzt dem Dämon einen Hieb, worauf jener auf einer Wolke emporfährt.)

Die Schwarze Füchsin. Daß du, braver Chao Kuo-sheng, meinen Fuchszauber ver- schlungen hast, ist zwar verdrießlich, aber laß nur gut sein ! Wenn du erst ins Examen steigst, will ich dir deine Arbeit in Fetzen reissen ! (Ab.)

Chao Kuo-sheng. So hätte denn ein Schwertstreich genügt, um den Dämon in die Flucht zu treiben. Jetzt will ich noch ein Weilchen ruhen und mich dann auf den Weg machen.

(Es schlägt die fünfte Nachtwache. Der Wirt tritt auf.)

Der Gastwirt. Es ist schon hellichter Tag. Vorwärts, wollen wir den Gespenstermist auskehren ! Öffnet, öffnet, ihr müßt jetzt aufbrechen !

Chao Kuo-sheng. Wartet, ich öffne.

Der Gastwirt. (Auf die Kniee sinkend.) 0 Herr, ihr seid eines gewaltsamen Todes gestorben und nun erscheint euer Geist vor mir! Ich bin furchtsamer Natur, erschreckt mich nicht !

Chao Kuo-sheng. Ich bin doch ein Mensch, was fällt euch ein, mich für einen Geist zu halten ?

Der Gastwirt. Seid ihr denn nicht von Gespenstern aufgefressen worden?

Chao Kuo-sheng. Durchaus nicht.

Der Gastwirt. Nicht von Gespenstern aufgefressen! Habt ihr denn aber ein Gespenst gesehen ?

Chao Kuo-sheng. Ein Gespenst, meint ihr?

Der Gastwirt. Freilich.

Chao Kuo-sheng. Das habe ich euch weggefangen.

Der Gastwirt. Wie sah denn das Gespenst aus, das ihr gefangen habt?

Chao Kuo-sheng. Es hatte einen Kopf wie ein aus Weidenzweigen geflochtener Eimer.

Der Gastwirt. Wie groß waren die Augen?

Chao Kuo-sheng. So groß wie Teetassen.

Der Gastwirt. Wie hoch war es von Statur?

Chao Kuo-sheng. So hoch, daß der Kopf in den Himmel ragte, derweil die Füße die Erde berührten.

Der Gastwirt. Wie groß war der Mund?

Chao Kuo-sheng. Der Mund war so groß wie ein Feuerbecken.

Der Gastwirt. Wie dick war der Hals?

Chao Kuo-sheng. Der Hals war so dünn wie ein Faden.

Der Gastwirt. Ihr flunkert ja, Herr! Wenn der Kopf so groß wie ein geflochtener Eimer war, dann hätte ja der Hals, der so dünn wie ein Faden war, brechen müssen.

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Chao Kuo-sheng. "Wißt ihr denn nicht, daß Gespenster von absonderlichem und un- gewöhnlichem Aussehen sind?

Der Gastwirt, Das stimmt schon.

Chao Kuo-sheng. Da, empfangt eure Zeche!

Der Gastwirt. Nanu? Ihr habt mir das Gespenst dingfest gemacht, Herr, und meine Dankbarkeit dafür hat keine Grenzen. Das fehlte noch, daß ich Geld von euch annähme I Das gibt's nicht !

Chao Kuo-sheng. Nun denn, da ihr das Geld nicht haben wollt, so gehe ich meiner Wege.

Der Gastwirt. Lebt wohl, lebt wohl! Wenn ihr wiederkommt, will ich euch mit Glückwünschen begrüssen. (Beide ab.)

III.

(Der Schwarze und der Weiße Stein treten auf.)

Der Schwarze und der Weiße Stein. (Rezitativ:) Plump sehen wir aus mit unserem Zackenkopf.

Der Schwarze Stein. (Eezitativ:) Wir sind der Schwarze und der Weiße Stein, selbst der Athlet mit gelbem Turban möchte uns nicht von der Stelle rücken. Die Göttin Nü-wa^) ist's, die uns zusammenschweißte. (Spricht:) Ich bin der Schwarze Stein.

Der Weiße Stein. Ich bin der Weiße Stein.

Der Schwarze Stein. Wir haben von der Göttin Chin-hua den Auftrag erhalten, in einem Freudenhause der Straße des Schwarzen Steins auf den Chang Chieh zu warten, um ihn, sobald er kommt, festzunehmen und den Frevel, den er vor drei Menschenaltern beging, gehörig zu sühnen. Mein jüngerer Bruder I

Der Weiße Stein. Ja, mein älterer Bruder?

Der Sehwarze Stein. Als wir gestern auf unserem Spaziergange bei Ch'en-liu-chün^) vorbeikamen, begegneten wir zufällig der Frau Han, Gattin des Ch'en Chien-yüan. Sie ist fürwahr von vollendeter Schönheit und in jeder Beziehung anziehend. Wie wäre es, wenn wir einen Plan ausheckten, um sie mit vereinten Kräften in unsere Höhle zu locken und zum Weibe zu nehmen ?

Der Weiße Stein. Da hast du recht, Bruder; nur wüßte ich nicht, auf welche Weise wir ihrer habhaft werden könnten.

Der Schwarze Stein. Höre, Bruder! (Singt:) Seit wir vom Berg herabgekommen, warten wir beständig auf den Feind, tagein tagaus müßig in unserer Höhle sitzend. Lustwandelnd kamen gestern wir in diese Gegend.

Der Weiße Stein. (Singt:) Ganz ziellos schlendernd kamen wir nach Ch'^n-liu-chün, wo wir das schöne Antlitz der Frau Han erblickten.

Der Schwarze Stein. (Singt:) Das Weib ist wirklich schön; von Zehnen, die sie sehen, verlieben sich wohl Neun.

Der Weiße Stein. (Singt:) Da wir nun mal vom Berg herabgestiegen sind, so laß uns die Gelegenheit benutzen und uns hinbegeben !

Der Schwarze Stein. (Singt:) Wir können uns auf diese Art nach Herzenslust ergehen und zweitens einen schlauen Plan ersinnen.

Der Weiße Stein. (Singt:) Heute ist ja just das Mittherbstfest, da wird Frau Han gewiß im Garten sich am Mondenschein ergötzen.

Der Schwarze Stein. (Singt:) Wie aber sollen wir sie fassen? Da gilt's vor allem, einen sichern Plan ersinnen.

Der Weiße Stein. (Singt:) Es ist der Weiber Art, daß sie die Blumen lieben; so laß uns denn in Schmetterlinge uns verwandeln und die Holde an uns locken I

1) Zur Göttin Nü-wa vgl. Giles, Biographical Dictionary, No. 1578.

2) Alter Name für K'ai-feng fu.

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Der Schwarze Stein. (Singt:) Wir müssen sie durchaus in unsere Höhle locken und für den Ehebund mit uns gewinnen.

Der Weiße Stein, (Singt:) Ist sie bereit, darauf einzugehen, so bilden wir zwei Lotus- blumen, die an einem Stengel wachsen.

Der Schwarze Stein, (Singt:) Der Liebe Freuden früh und spät genießend und dem Yin das Yang verbindend, schaffen wir die Pille der Unsterblichkeit.

Der Weiße Stein. (Singt:) Der Plan steht fest, nunmehr geschwind ans Werk! (Spricht:) So wollen wir uns denn in ein Paar Schmetterlinge verwandeln und sie in unsere Höhle zu locken versuchen !

Der Schwarze Stein. Recht so, ans Werk I

Der Weiße Stein. Ans Werk! (Ab.)

Frau Han. (Tritt auf. Rezitativ:) Im Mondschein spielt der Bambusschatten auf den seidnen Fensterscheiben. Allein sitz' ich hier im Gemach, und trüb ist mir ums Herz ; mich flieht der Schlaf, und lockten mich die schönsten Träume ! Hell tönt die Äolsharfe, da der Windhauch sie berührt! (Spricht:) Ich, Han Su-chen, bin gerade dreiunddreißig Jahre alt. Mein Gatte Ch'en Chien-yüan ist ein Baccalaureus, und in all den Jahren, seit ich ihm gefolgt bin, hat eitel Friede und Eintracht zwischen uns geherrscht. Leider haben meines Gatten Eltern das Zeitliche gesegnet; auch hat er weder ältere noch jüngere Brüder. Wenn auch unser väter- liches Erbe nicht gerade sehr reichlich genannt werden kann, so haben wir doch unser Aus- kommen. Aber ach, schon sind wir beide über die Dreißig hinaus und haben noch immer keine Kinder! Nun bin ich seit mehr denn einem halben Jahre gesegneten Leibes und will nur hoffen, daß ich einem Sohne das Leben gebe, auf daß das Ahnenopfer des Hauses Ch'en dauernden Bestand erlange. Mein Gatte ist einer Einladung des Rentners Li gefolgt, wie er sagt, um mit ihm Doppelverse zu dichten. Noch immer ist er nicht zurück, das beunruhigt mich. (Singt:) Allein in meinem Zimmer sitzend, sinn' ich für mich hin. Ich überleg' mirs ein Mal um das andre: schon eine ganze Anzahl Jahre ist es her ich zähl' es an den Fingern ab , daß ich mit meinem Mann vereint bin. Die schönste Eintracht waltet zwischen uns, der Mann ist's, der den Ton angibt, die Frau stimmt ein; so fühlen wir uns wohl wie Fische im Wasser. Gemeinsam sitzen wir beim Mahl und teilen unser Lager; kommt Langeweile über uns, so heitert uns beim Becher Wein das Schachspiel auf, und haben wir just nichts zu tun, so machen wir Gedichte, reimen Doppelverse. Daß heute mein Gatte aus- gebeten ist, füllt mich mit Angst und Sorge; die Furcht verläßt mich nicht, er könnte nach dem Weingenuß sich unwohl fühlen ; denn schwächlich, wie er einmal ist, wie sollt' er Wein vertragen? Heute ist ja grade Mittherbstfest, das jedermann im Kreis der Seinen feiert; drum halt' ich Wein und Speisen in Bereitschaft und warte auf die Heimkehr meines Herrn, um dann vereint mit ihm im Garten zu lustwandeln, in Blumenduft und Mondenschein dem Becher zuzusprechen. Doch kehrt er immer noch nicht heim, und unvermerkt hat sich der rote Sonnenball hinter des Westens Berge schon gesenkt. Da will ich wenigstens mein Mädchen rufen. (Spricht :) Mädchen !

Die Zofe. Hier bin ich, was wollt ihr, Herrin?

Frau Han. (Spricht:) Heute ist ja Mittherbstfest, Es ist schon dunkel, und der Herr ist noch immer nicht heimgekehrt. Wir wollen im Garten einen Opfertisch herrichten und zu Himmel und Erde beten, daß sie unser ganzes Haus beschirmen und uns allen Gesundheit schenken mögen. (Beide ab. Treten sogleich wieder auf.) Folge mir mit den Räucherkerzen, Mädchen ! (Singt :) Das Mädchen heiße ich vorangehen, tripple selbst behend zur Tür hinaus auf meinen kleinen Füßchen. Es währt nicht lange, und wir sind am Ziel. Ich trete an den Opfertisch heran, das Mädchen zündet schnell die Weihrauchkerzen an und bringt das Räucher- becken, es mit beiden Händen haltend. In tiefster Andacht sink' ich auf die Kniee und spreche frommen Herzens also : 0 Yü-huang, du erhabener Herrscher Chang, ihr Genien der Mond- stationen und ihr Geister alle ! Ich bring' euch Weihrauch dar, um keines andern Zweckes willen, nur weil mein Gatte Ch'^n Chien-yüan geschwisterlos allein dasteht; denn seine Eltern gaben ihm allein das Leben. Schon ist er mehr denn dreißig Jahre alt; lang dauert's nicht, und sein Geschlecht stirbt aus. Behütet meinen Gatten Ch'en Chien-yüan, auf daß er frei von

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Unbill lange lebe ! Gewährt auch mir Kraft und Gesundheit, auf daß ich meinem Herrn und Meister diene früh und spät ! Zu Ende ist nun mein Gebet, ich richte mich wieder auf und spreche nun zum Mädchen: Komm schleunigst in die inneren Gemächer 1 (Spricht:) Nachdem ich mein Gebet verrichtet habe, wollen wir uns eiligst wieder in die inneren Gemächer zurück- ziehen, denn es ist schon dunkel geworden.

Die Zofe. Jawohl. (Schmetterlinge fliegen umher.) Holla! Herrin! Was für zwei schöne Schmetterlinge das sind !

Frau Han. "Wahrhaftig, das sind ein Paar schöne Schmetterlinge!

Die Zofe. Wollen wir die Schmetterlinge fangen, Herrin, und sie dann auf Draht stecken; wäre es nicht hübsch, wenn jede von uns einen davon im Haare trüge?

Frau Han, Gut, wollen wir sie haschen! (Die Schmetterlinge nehmen Frau Han auf den Rücken und fliegen mit ihr davon.)

Die Zofe. 0 weh! Die Herrin reitet ja auf den Schmetterlingen himmelan! Steigt nur schnell herab, es ist kein Spaß ! Nehmt euch in acht, ihr stürzt noch herab ! 0 weh, die Herrin ist spurlos verschwunden! Was nun? Ha, ich hab's schon. Ich gehe ins östliche Dorf und melde es dem Herrn, damit er die gnädige Frau gehörig suchen lasse. Das ist eine böse Geschichte ! (Ab.)

(Die beiden Steine treten auf und setzen Frau Han ab.)

Die beiden Steine. Ihr kleinen Dämonen, weckt die Frau Han auf!

Dienende Dämonen. Hu! Wach auf, wach auf!

Frau Han. Ich bin wohl gar behext? Ja, ich bin behext! Hm, was ist denn dies für eine Gegend? Aha, jetzt komm' ich schon dahinter! Ich brachte doch noch eben im Garten ein Räucheropfer dar, vermutlich werde ich dadurch bei den Blumengöttern Anstoß erregt haben, und nun haben sie mich hierher gebracht, um mich zu züchtigen. Da bleibt mir nichts übrig als ihr Mitleid anzurufen. (Niederknieend:) 0 Blumengötter, habt Erbarmen mit mir!

Die beiden Steine. Hahaha! Wir sind keine Blumengötter, wir sind etwas Größeres als Blumengötter! (Singen:) Wir sprechen zu Frau Han von unserm hohen Sitz herab: ver- nimm genau und aufmerksam, was wir dir sagen ! Wir sind der Göttin Chin-hua Jünger, und unsere Namen stehen auf der Liste der Unsterblichen. Es ward uns der Befehl, auf Wind und Wolken uns vom Berg herabzulassen, um dann dem Chang Chieh aufzulauern, auf daß wir Rache an ihm üben ohne Nachsicht. Da gestern wir auf unserer Fahrt bei Ch'en-liu-cbün vorüberkamen, erblickten wir dein holdes Angesicht und lockten dich vereint in unsere Höhle. Nun gibt es eine Angelegenheit, die wir mit dir besprechen möchten. 0 sei nicht widerspenstig, füge dich ! Verbürgt sei dir dein Leben lang dann Freude ohne Ende. Laß dich herbei und werde unser Weib, bekräftige den Bund im Angesicht des Himmels und der Erde. Bist du bereit und einverstanden ?

Frau Han. (Singt:) Schreck übermannt mich, da ich solches höre. Zitternd und zagend heb' ich an zu reden. Ehrwürdige Geister, hört mich an, ich bitt' euch driim. Ich bin ver- heiratet und habe einen Gatten : ein morscher Stamm ist nutzlos gleich den welken Kätzchen der gefällten Weide. Wie könnt' ich euch ehrwürdigen Geistern mich verbinden ? Ich fleh' euch an, erbarmt euch meiner, laßt mich los ! Ihr würdet mir dadurch ein neues Leben schenken. 0, wenn ich meinen Gatten wiedersehen könnte, mein Leben lang wollt' ich euch dafür danken ! Genug der Worte, immer wieder werf ich mich vor euch auf mein Antlitz nieder. (Spricht :) Ich bin ja das welke Kätzchen einer gefällten Weide und eines Mannes Eheweib; ich hoffe, erhabene Geister, ihr laßt mich wieder heimwärts ziehen!

Die beiden Steine. (Sprechen:) Weigere dich nicht länger, sondern wirf dich sofort mit uns zusammen vor Himmel und Erde auf dein Angesicht! (Die Dämonen zerren Frau Han an sich, worauf diese ihnen einen Schlag versetzt.)

Frau Han. Pfui über euch, Dämonen, die ihr seid! Mitten im tiefsten Frieden und bei hellichtem Tage ein Weib zu rauben ! 0 ihr Dämonen, ihr Dämonen ! Wißt ihr denn nicht, daß es vor aller Augen ein Gesetz, im Verborgenen aber Geister gibt? (Singt:) Weit reiß' ich meine Mandelaugen auf und schmähe euch! Ein wehrlos Weib zu rauben ist höchsten Absehens wert !

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Die beiden Steine. (Singen:) Du solltest dich nicht gar so wild geberden, füg dich und schließ den Ehebund !

Frau Han. (Singt:) Ich bin doch eines Mannes Weib, sollt' ich wohl euch Räubern zu lieb die Treue brechen?

Einer der beiden Steine. (Singt:) Ich mein' es gut mit dir es ist doch unerhört, daß du nicht weißt, was deine Pflicht ist !

Frau Han. (Singt:) Ich rat' euch, laßt mich auf der Stelle los, dann heißt's: Schwamm drüber, und ich rede nicht mehr davon.

Einer der beiden Steine. (Singt:) Wenn du an ein Entkommen denkst, so irrst du dich: nachdem du einmal hier bist, kommst du nimmer fort.

Frau Han. (Singt:) Erfährt mein Gatte das, so wendet er sich sicher ans Gericht, und lange dauert's nicht, so werden euch die Häscher greifen.

Einer der beiden Steine. (Singt:) Wenn er auch klagt, es hilft ihm dennoch nichts; was kümmern uns die menschlichen Gerichte?

Frau Han. (Singt:) Wohlan, wenn nicht, zerschmettre ich mir den Schädel! Das wäre immer besser noch, als wenn ich meine Pflicht verletzte und euch Dämonen folgte.

Einer der beiden Steine. (Singt:) Ich rate dir um alles in der Welt: gib nach, wirf dich mit uns vereint vorm Angesicht des Himmels und der Erde nieder !

Frau Han. (Singt:) Dafür, daß ihr im tiefsten Frieden mir Gewalt antatet, möge mit fünffachem Donner euch der Himmel treffen !

Die beiden Steine. (Singen:) 0 weh! Wir fürchten nichts so sehr wie das Wort Donner! Elende, sterben sollst du, nimmermehr darfst du am Leben bleiben!

Frau Han. (Singt:) Der Tod dünkt mir eine Heimkehr, sollt' ich mich vor ihm fürchten ? Bringt euer Schwert herbei und trennt das Haupt mir vom Rumpfe !

Die beiden Steine. (Singen:) Zu Tode ärgern kann man sich an diesem bösen Weibe!

Frau Han. (Singt:) Des tiefsten Absehens wert, fürwahr, seid ihr Dämonen!

Die beiden Steine. (Singen:) Daß du den Ehebund verweigerst, ist in Wahrheit hassenswert.

Frau Han. (Singt:) Bin ich etwa ein ehrlos und verworfen Weib?

Die beiden Steine. (Singen:) Mit jedem Worte, das sie spricht, beschimpft sie uns, verdrießlich ist's fürwahr !

Frau Ean. (Singt:) Ihr wollt mich mit Gewalt zur Ehe zwingen, abscheuliche Dämonen?

Die beiden Steine. (Singen:) Es ziemt sich, daß wir dir die Haut vom Leibe ziehen.

Frau Han. (Singt:) Schon längst hab' auf mein Leben ich verzichtet.

Die beiden Steine. (Singen:) In unserm Zorn ziehn wir das Schwert nun aus der Scheide.

Frau Han. (Singt:) Mein Leben geb' ich hin und schließe die Augen.

Die beiden Steine. (Singen:) Noch einmal heben wir zu reden an. (Sprechen:) Daß du, abscheuliches Weib, den Ehebund verweigerst, mag noch hingehen ; daß du uns aber oben- drein noch zu schmähen wagst, kann uns in der Tat zornig machen ! Ihr kleinen Dämonen, fesselt sie an den Pfahl, an welchen die abgeschiedenen Seelen festgebunden werden, zieht ihr die Haut vom Leibe und reißt ihr die Sehnen aus ! (Sie wird von dienenden Dämonen ge- fesselt.) Frau Han! Wenn du in die Ehe mit uns einwilligst, so soll alles gut sein; wenn aber nicht, so lassen wir dir die Hant vom Leibe ziehen und dir die Sehnen herausreissen.

Frau Han. 0 haltet ein und gewährt mir eine Frist, daß ich mir's überlege! (Singt:) Im nächsten Augenblick trennt meine Seele sich von ihrer Hülle ; ich zittere am ganzen Leibe, und unaufhaltsam fließt der Tränenstrom. Die Augen wag' ich kaum zu öffnen und sie an- zusehen. Wenn ich es mir im Stillen überlege : da ich nun einmal den Dämonen in die Hände fiel, furcht' ich, daß ich wohl schwerlich leben bleibe, und nur bereuen kann ich jetzt, daß ich im Garten Räucherkerzen dargebracht. Wie haß' ich die Dämonenbrut, für die es weder mensch- liches noch himmlisches Gesetz gibt! Und immer wieder muß ich meines Gatten denken, der nicht im Traume ahnt, was mir geschieht. Wenn ich nun stürbe, war' es dann nicht aus mit unserm Hause Ch'en und seinem Ahnenopfer? Und dennoch, wollte ich mich fügen wie brächt' ichs übers Herz, die Treue preiszugeben und mich den Dämonen anzutrauen? Wenn

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ich hingegen zögere und mich nicht füge, dann ist's in diesem Augenblicke noch um mich geschehen I

Die beiden Steine. "Was redest du