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des Jiſterzienſers Aare von heiſterbach | (kum 1240)

In deutscher Abertragung herausgegeben

von Profeſſor Dr. O. Hellinghaus, Geh. Studienrat, Symnaſialöſrektor i. R.

1925 Deutſchherren⸗ Verlag, Aachen

III

Vorwort

Es iſt das große Verdienſt des bekannten rheiniſchen Dichters und Forſchers Alexander Kaufmann, nicht nur durch ſeine noch immer wertvolle Schrift „Cäſarius von Heiſterbach. Ein Beitrag zur Kultur⸗ geſchichte des 12. und 13. Jahrhunderts“ (2. Aufl. Köln 1862) eine ge⸗ rechte Würdigung dieſes bedeutenden Ziſterzienſers angebahnt, ſondern auch zahlreiche ſeiner wunderbaren und merkwürdigen Geſchichten aus dem Lateiniſchen ins Deutſche überſetzt zu haben, nachdem einzelne ſchon durch Hermann Cardauns u. a. übertragen worden waren. Weil ſeine Aberſetzungen aber nur in den „Annalen des hiſtoriſchen Vereins für den Niederrhein“ (Heft 47 und 53, Köln 1888 und 1891) erſchienen ſind, ſo haben ſie die verdiente Verbreitung nicht gefunden, und jetzt ſind dieſe

Hefte längſt vergriffen und kaum noch antiquariſch aufzutreiben.

Die vorliegende, für die weiteſten Kreiſe der Gebildeten, auch für die reifere Jugend beiden Geſchlechtes beſtimmte Auswahl von hundert der ſchönſten und anziehendſten und dabei inhaltlich verſchieden⸗ artigſten Geſchichten aus dem erzählenden Hauptwerk des Cäſarius, ſeinem Dialogus miraculorum (Zwiegeſpräch über wunderbare Geſchichten), dieſer „geiſtlichen Novellenſammlung voll Anmut in der Darſtellung und reich belehrend für Kultur⸗ und Sittengeſchichte“, wie ihn der Hiſtoriker Joh. Friedr. Böhmer mit Recht bezeichnet hat, dürfte daher allgemein will⸗ kommen geheißen werden.

Wie Kaufmann habe ich Geſchichten, „die ſelbſt bei nicht prüden Leſern Anſtoß und Argernis erregen würden“, grundſätzlich nicht aufge⸗ nommen.“) Cäſarius war eben, wie jener mit Recht bemerkt, „Lehrer der Moral und zwar einer äußerſt ſtrengen Moral: er wollte auch beſſern und konnte ſomit nicht umhin, auf die ſittlichen Schäden ſeiner Zeit ein⸗ zugehen.“ Ebenſo habe ich nach dem Vorgange Kaufmanns die Zwiſchen⸗

„) In dieſer Beziehung ſteht meine Auswahl in ſchroffem Gegenſatze zu der von Ernſt Müller⸗Holm (Berlin, 1910), der einzigen, die außer der Kaufmanns bisher meines Wiſſens erſchienen tft.

IV

fragen des Novizen und die angeknüpften theologiſchen und philoſophiſchen Erörterungen ausgelaffen, weil ſie für weitere Kreiſe wenig Intereſſe haben. |

m übrigen ſchließt ſich die Übertragung, abgeſehen von Kürzungen, möglichſt genau dem lateiniſchen Original an, unter ausgiebiger Ver⸗ wertung der im ganzen trefflichen Überfegung Kaufmanns; auch meine Anmerkungen gehen zum Teil auf die Erläuterungen dieſes hervorragenden Kenners der rheiniſchen Kulturgeſchichte zurück (wörtliche Entlehnungen bezeichnet ein . Für die mir dazu durch ſeinen Sohn, den Herrn Archiv⸗ direktor Dr. Alexander Kaufmann in Danzig gütigſt vermittelte Ermäch⸗ tigung ſage ich auch an dieſer Stelle herzlichen Dank.

Die Einleitung bringt das Weſentliche über Leben und Werke des Cäſarius, beſonders über den Charakter und die kultur⸗ und ſitten⸗ geſchichtliche Bedeutung ſeiner Geſchichten.

Findet meine Auswahl den erhofften Anklang, ſo werde ich ihr bald ein zweites Bändchen folgen laſſen, das auch aus ſeinen anderen Schriften ſchöpfen ſoll.

Münſter (Weſtf.), 1. Mai 1925. O. Hellinghaus.

Einleitung

Seben und Werbe des Cäſarius von Heiſterbach

Über das Leben des Cäſarius find nur wenige Nachrichten auf uns gekommen. Wahrſcheinlich war er gegen 1170 in Köln geboren.“ Wohl ſchon früh entſchloſſen, Geiſtlicher zu werden, beſuchte er hier die Domſchule und die Stiftsſchule an der St. Andreaskirche. Zugleich empfing er in Köln, das ſchon im 12. Jahrhundert nach dem Zeugniſſe des berühmten Geſchichtsſchreibers Otto von Freiſing (F 1158) „an Reich» tum, Pracht der Gebäude, Glanz und Größe die erſte Stadt von ganz Frankreich und Deutſchland“ geworden war, eine Fülle von Anſchau⸗ ungen, Kenntniſſen und Erfahrungen aller Art, die ihm ſpäter beim Unterricht und bei ſeiner ſchriftſtelleriſchen Tätigkeit ſehr zu ſtatten kamen. Gegen 1198 unternahm er auf ein Gelübde hin eine dreimonatige Wall⸗ fahrt zur Marienkirche in Rocamadour bei Cahors (im franzöſ. De⸗ partement Lot), einem der damals berühmteſten und beſuchteſten, durch viele Legenden verherrlichten Gnadenort. Zurückgekehrt begab er ſich, ohne daß einer ſeiner Freunde davon wußte und ohne irgend eine be⸗ ſondere Veranlaſſung, „allein auf den Auf und die Mahnung der Barm⸗ herzigkeit Gottes“ (Dialog !, 17) nach Heiſterbach, um hier in den Ziſter⸗ zienſer⸗Orden zu treten. Wenn er auch dieſen Schritt ganz ſelbſtändig, aus innerem Drange, unternahm, ſo hatte er doch die erſte Anregung dazu von dem damaligen Abte von Heiſterbach Gevard empfangen. Nach

4

) Vgl. A. Kaufmann, Cäſarius von Heiſterbach. Ein Beitrag zur Kulturgeſchichte des 12. und 13. Jahrhunderts (2. Aufl. Köln 1862). Derſelbe, Wunderbare und denkwürdige Geſchichten des Cäſarius v. H. in den Annalen des hiſtoriſchen Vereins für den Niederrhein (Heft 47 und 53). A. Meiſter, Fragmente der libri VIII miraculorum des C. v. H. (Römiſche Quartalſchrift, Supplement 13). A. Schönbach, Studien zur Erzählungsliteratur des Mittelalters. VII. Über C. v. H. Sitzungsberichte der Wiener Akad. der Wiſſenſchaften Bd. 144, 159 und

onderausgabe.) Ferner die Biographien von Cardauns in der All⸗ gemeinen deutſchen Biographie, Keſſel im Kirchenlexikon, Weizſäcker in Herzogs Realeneyklopädie. Andere einſchlägige Veröffentlichungen find in den Fußnoten angegeben.

2) nicht erſt 1180, wie man früher annahm. Vgl. H. Höfer, Annalen des hiſt. Vereins für den Niederrhein, 65, 337.

VI

feinem eigenen Bericht (Dialog I, 17) hatte ihn dieſer vor der Wallfahrt nach Rocamadour auf einer Reife dringend ermahnt, Mönch zu werden, und ihn endlich durch die Legende, wie einſt, als die Mönche von Clair⸗ vaux zur Zeit der Ernte im Tale Garben ſchnitten, die Mutter Gottes mit der hl. Anna und der hl. Maria Magdalena in leuchtendem Glanze ins Tal hinabgeſtiegen ſeien, den Mönchen den Schweiß abgetrocknet und mit den Ärmeln Kühlung zugefächelt hätten, fo gerührt, daß er ihm verſprochen hatte, wenn ihn Gott überhaupt zum Ordensſtande berufen würde, in ſein Kloſter einzutreten.

Der Orden der Ziſterzienſer war im Jahre 1098 in der Einöde von Citeaux (Cistercium daher der Name! im Departement Cöte d'Or) vom hl. Robert von Molesmes als Abzweigung des Benediktinerordens geſtiftet worden. Seiner Verbreitung hatte anfangs ſeine Strenge im Wege geſtanden, aber nachdem 1112 der h. Kirchenlehrer Bernhard mit etwa 30 Genoſſen eingetreten und 1115 Abt des in dieſem Jahr gegrün⸗ deten Kloſters zu Clairvaux geworden war, begann nach den Worten des Cäſarius der neue „Weinberg des Gottes Zebaoth zu wachſen und ſeine Ausläufer von einem Meere bis zum andern zu verbreiten, ſodaß bald die Erde davon erfüllt war“ (Dialog l, 1.). Gegen Ende des Mittel⸗ alters zählte er bereits über 700 Klöſter. Durch Lehre und Beiſpiel, Seelſorge und Jugendunterricht, Pflege von Wiſſenſchaft und Kunſt (be⸗ fonders der Baukunft), Urbarmachung des Bodens, Acker⸗ und Weinbau wirkte er beſonders während feiner 200jährigen Blütezeit (etwa 1134 1342) überaus ſegensreich und genoß daher das größte Anſehen. Päpſte und andere hohe Kirchenfürſten, bedeutende Gelehrte und Schriftſteller ſowie zahlreiche Heilige ſind aus ihm hervorgegangen.

Auch um die Kultur und Geſittung Deutſchlands hat ſich der Orden ſehr verdient gemacht. Seine erſte deutſche Niederlaſſung war das 1122 gegründete Kloſter Altenkamp (im Rheinland, Kreis Mörs). Ihr folgte u. a. 1134 das Haus Himmerod (in der Eifel, unweit Manderſcheid), wegen ſeiner engen, von waldigen Bergen eingeſchloſſenen Lage von Cäſarius nach dem Vorgange des hl. Bernhard gern das „Kloſter“ (elaustrum) ſchlechthin genannt. Von hier aus wurde 1188 eine Nieder⸗ laſſung auf den Stromberg entſandt, eine etwa 350 m hohe Kuppe des Bonn gegenüber ſich erhebenden Siebengebirges, die fortan nach der dortigen Kapelle des hl. Petrus den Namen Petersberg erhielt. Weil ſie aber zu rauh und abgelegen war, ſo überſiedelten die Mönche bereits 1191 nach dem nördlich von ihr gelegenen, quellenreichen und waldum⸗ rauſchten Tale von Heiſterbach, dem Tal des h. Petrus, wie es fortan hieß.

Wie der ganze Orden, ſo blühte zur Zeit des Cäſarius auch beſon⸗ ders die junge, aber ſchon weithin angeſehene Abtei der h. Maria im Peterstal noch in „voller Friſche klöſterlicher Zucht und Frömmigkeit, bei eifriger Pflege des Gottesdienſtes, ernſter, aber verſtändiger Abtötung, aufrichtiger Liebe zur Armut, großer Wohltätigkeit und regem wiſſen⸗

ſchaftlichen Streben, alſo vollkommener Erfaſſung und Durchführung der

VII

vom h. Benedikt und h. Robert geſtellten Aufgaben.“) Noch heute er⸗ innern die maleriſchen Ruinen des Chores der Abteikirche in dem idylliſchen Tale an die große Zeit Heiſterbachs.

Bei ſeiner eigenen tiefen Frömmigkeit und ſeinem beſchaulichen, nach innen gerichteten Weſen fühlte ſich Cäſarius in ſeinem Kloſter bald ſo überaus heimiſch und dauernd glücklich, daß ihn weder in ſeinem No⸗ viziate (Probezeit vor der Gelübdeablegung, novitius = Neuling) noch ſpäter jemals die Verſuchung beſchlichen hat, ins Weltleben zurückzu⸗ kehren. „Der Weltlauf gewährte für ihn nur die Begleitakkorde zu der ſüßen Melodie der Erlebniſſe der Frömmigkeit, und daraus erklärt ſich auch die Naivität, die er feiner Zeit und ihrer Geſchichte entgegenbringt.“

Seine trefflichen Abte Gevard (1195 1208) und Heinrich (1208 1244) würdigten ihn ihres Vertrauens und ihrer Freundſchaft. Unter jenem erhielt er das wichtige Amt des Novizenmeiſters (magister novitiorum), der die Novizen in die Regel, den Geiſt und die Einrichtungen des Ordens einzuführen hat, unter dieſem um 1228 das des Priors, des Gehilfen und Stellvertreters des Abtes, dem er deshalb im Range zu⸗ nächſt ſtand. Beide nahmen ihn mit auf ihren Reiſen zur Viſitation (Reviſion) der Böchterklöſter. Im übrigen führte er hinter den ftillen Kloſtermauern ein frommes, ſtillfrohes Gelehrtendaſein. Allmählich erwarb er ſich eine große Beleſenheit ſowohl in der Bibel und in theologiſchen Schriftſtellern wie in vielen anderen, beſonders auch in lateiniſchen Klafe fikern. Im Gebrauche der lateiniſchen Sprache erlangte er eine ſolche Fertigkeit und Gewandtheit, daß er ſeine ſämtlichen Schriften in ihr abgefaßt hat und der Geſchichtsſchreiber Joh. Friedr. Böhmer) von ihm rühmt, er ſei damals in ihr neben Thomas Oliver, dem berühmten Kreuze prediger (F 1225 als Kardinal, vorher Biſchof von Paderborn), „der geſchmachvollſte Schriftſteller des Niederrheins, wohl auch Deutſchlands“ geweſen. Auch das Griechiſche und Hebräiſche blieben ihm nicht fremd. In erſter Linie benutzte er ſein reiches Wiſſen zur Erbauung und Be⸗ lehrung ſeiner Ordensbrüder, beſonders der ſeiner Obhut anvertrauten Novizen, und dieſem Zwecke war auch ſeine Schriftſtellerei hauptſächlich gewidmet. Er ſtarb etwa 1240.

Cäſarius war eine ſchlichte und klare, weiche und liebenswürdige, dabei, wie wir ſchon ſahen, beſchauliche Natur; ihren Grundzug bildete ſeine aus vollem Herzen quellende Milde, Barmherzigkeit und Sanftmut, Tugenden, die er auch andern ſo gern und ſo eindringlich empfiehlt.

Von ſeinen Schriften, die ihn ſchon zu Lebzeiten rühmlichſt bekannt machten, entfallen bei weitem die meiſten in das Gebiet der Theologie;

) Vgl. H. Unkel, Die Homilien des C. v. H. und ihre Bedeutung für die Kultur- und Sittengeſchichte des 12. u. 13. Jahrhunderts (An⸗ nalen ꝛc. 34, 1—69).

2) Schönbach, II, 42. ) Reg. imp. Stauf. LXX.

VIII

am bedeutendſten von dieſen find feine „Homilien“.!) Von feinen ge⸗ ſchichtlichen iſt hervorzuheben die Lebensgeſchichte des h. Erzbiſchofes Engelbert von Köln (1216— 1225), deſſen Biograph Julius Ficker fie „dem Beſten an die Seite ſtellt, was von Werken gefchichtlicher Kunſt aus jenen Zeiten auf uns gekommen iſt.“ )

Am berühmteſten aber iſt er geworden als Erzähler und zwar in erſter Linie durch fein Hauptwerk: den Dialogus mir aculorum) (Zwiegeſpräch über Wunder). In Handſchriften wie ſpäter in Drucken fand der Dialog eine außerordentliche Verbreitung. Böhmer bezeichnet ihn treffend als „eine geiſtliche Novellenſammlung, voll Anmut in der Darſtellung und reich belehrend für Kultur⸗ und Sittengeſchichte“), und Wattenbach“) beſtätigt dieſes Urteil. Viele feiner Geſchichten gehören ſogar zu den ſchönſten der Erzählungskunſt. Beſonders wohltuend be⸗ rührt der hohe ſittliche Ernſt und der warme Ton der Darſtellung, aber auch an rheiniſchem Humor fehlt es nicht.

Er hat ihn verfaßt um 1222 und zwar, wie er im „Prolog“ bemerkt, auf das Drängen ſeiner Novizen, die es als einen unerſetzlichen Verluſt be⸗ zeichneten, wenn ſeine ihnen erzählten Geſchichten der Vergeſſenheit an⸗ heimfallen würden, obgleich ſie auch der Nachwelt zur Erbauung dienen könnten, und auf das ausdrückliche Erſuchen ſeines Abtes. Folgendes iſt der Inhalt. Ein Mönch und ein Novize unterhalten ſich über Wunder und wunderähnliche oder doch merkwürdige Vorfälle aller Art. Der Mönch erzählt ſie und knüpft daran Belehrungen, meiſtens im Anſchluß an die Fragen des wißbegierigen Novizen, und dieſer zieht dann ge⸗ wöhnlich aus dem Gehörten kurz die Nuzanwendung. Vorbilder für dieſe Form waren die Dialoge des h. Papſtes Gregors des Großen.

Der Dialog zerfällt in zwölf Abſchnitte (Distinctiones): 1. Von der Bekehrung (de conversione), d. h. dem Eintritt der verſchiedenſten Perſonen in den Orden, ihren Beweggründen uſw., 42 Geſchichten. 2. Von der Reue (de contritione, 35 Geſch.). 3. Von der Beichte (de confessione, 53). 4. Von der Verſuchung (de tentatione, 103). 5. Von den Dämonen (de daemonibus, 56). 6. Von der Einfalt (de sim- plicitate, 37). 7. Von der h. Maria (de sancta Maria, 59 anmutige Marienlegenden). 8. Von verſchiedenen Geſichten (de diversis visi- onibus, 97). 9. Vom Altarsſakrament (de sacramento corporis et sangui- nis Christi, 67). 10. Von Wundern oder wunderähnlichen Vorfällen (de miraculis, 72). 11. Von Sterbenden (de morientibus, 65). 12. Von dem Lohne Verſtorbener (de praemio mortuorum, 59).

1 a oben S. VII Anm. 1. Eine kritifche Ausgabe derſelben nod). 2) Engelbert der Heilige, Erzbifchof von Köln. Köln 1853. 204. ) Leider entſpricht die neueſte Ausgabe von J. Strange (Köln 1851) nicht den wiſſenſchaftlichen Anforderungen.

4

a. a. O. ) Deutſchlands Geſchichtsquellen Il“ 485.

fehlt

IX

Infolge des großen Beifalles, den der Dialog fand, wurde Cäſarius von ſeinem Abte veranlaßt, eine zweite Sammlung ähnlicher Geſchichten ab⸗ zufaſſen. So begann er 1225 noch „acht“ weitere „Bücher von Wun⸗ dern“, die aber leider unvollſtändig vorliegen.!)

Nicht wenige ſeiner Geſchichten, beſonders ſoweit ſie die Geiſterwelt berühren, lauten ſo ungeheuerlich, daß man ſogar ſeine Wahrhaftigkeit bezweifelt oder ihn doch unentſchuldbarer Leichtfertigkeit bei ihrer Auf⸗ nahme geziehen hat. Mit Unrecht! Für ſeine ernſte, lautere Liebe zur Wahrheit bürgt ſchon feine ganze Perſönlichkeit, und auch aus dem treuherzigen Tone der ganzen Darſtellung leuchtet ſie hervor. Nun zer⸗ fallen aber feine Geſchichten ihrer Herkunft nach in zwei Hauptgattungen.?) Die der erſten entſtammen ſchriftlichen Quellen oder älteren Über⸗ lieferungen; zum Teil gehören ſie zum Gemeingute der damaligen Zeit; mehrere tragen ſogar einen internationalen Charakter und haben eine weite Wanderung hinter ſich, auf der ſie ihr urſprüngliches Gewand natürlich verändert haben.

Die der zweiten Hauptgattung, welcher der bei weitem größte Teil des Dialoges angehört, ſind ihm, ſoweit er ſie nicht ſelbſt erlebt hat, aus mündlichen Quellen zugefloſſen. Ihr Schauplatz iſt meiſtens ſeine engere oder weitere Heimat, oder ſie haben ſich doch zu ſeiner Zeit zu⸗ getragen. Ohne Ausnahme aber ſind ſie ihm von Perſonen (meiſtens Ordensleuten) berichtet worden, die er für durchaus zuverläſſig hält, und nie verfehlt er, wenn es die Rückſicht auf Perſonen und Verhältniſſe nicht verbietet, ſie anzugeben oder doch zu charakteriſieren. Die Dar⸗ ſtellung geht mehr ins einzelne und wird dadurch anſchaulicher. Sie ſind nach der treffenden Bezeichnung Schönbachs die „echten“ Geſchichten des Cäſarius, die der ganzen Sammlung ihren eigentlichen Wert verleihen, auch für die Kultur⸗ und Sittengeſchichte. Aber mit derſelben Gewiſſen⸗ haftigkeit hat er alle Geſchichten inhaltlich ſo wiedergegeben, wie er ſie vorgefunden oder gehört hat, obgleich er keineswegs eine Sammlung geſchichtlicher Tatſachen bringen wollte, ſondern nur ein Exempelbuch zu erbauender und belehrender Unterhaltung.) „Der Herr iſt mein Zeuge“ verſichert er im „Prolog“ des Dialoges, „daß ich auch nicht ein einziges Kapitel erdichtet habe. Sollte ſich aber irgend etwas anders zugetragen haben, als ich geſchrieben habe, ſo mag man vielmehr denen die Schuld zumeſſen, die es mir ſo berichtet haben!“ Und an einer andern Stelle (III, 33) bemerkt er: „Dieſer Laienbruder hat noch viel Großes getan, was aber nicht zu meiner Kenntnis gekommen iſt. Einiges davon habe ich zwar noch ſagen hören, aber ich mochte es nicht aufzeichnen, weil ich es minder treu behalten habe. Ich halte es nämlich für beſſer, Wahres zu verſchweigen als Falſches aufzuzeichnen.“

J gem Bol. A. SCHE i a. en nbach, eilungen es nftitutes für öſterreichiſche = if ung. 13, 660. . 3 m chiſch eiſter XXII.

X

Mit vollem Rechte ſagt daher S. Boifjerde!): „Man kann leichtgläubig und abergläubiſch und doch dabei ein wahrhaftiger Mann, d. h. ein ſolcher ſein, der nichts angibt, wovon er weiß, daß es unwahr iſt. In dieſem Sinne, denken wir, dürfte ſich bei einer ſtrengen Prüfung ſeiner Werke die Wahrhaftigkeit unſeres Heiſterbacher Mönches bewähren.“

Leichtgläubig in Bezug auf Wundergeſchichten und Ahnliches war er allerdings in hohem Grade. Aber hierin war er eben ein echter Sohn ſeiner Zeit, des Mittelalters. Nun war aber gerade da⸗ mals der Hang der naiven mittelalterlichen Volksſeele zum Abenteuer⸗ lichen, Wunderbaren, Myſtiſchen durch die romantiſche, die Phantaſte des Volkes mächtig erregende und ſchon frühzeitig ſagenumſponnene Re⸗ gierungszeit Kaiſer Friedrichs Il. (1212 1250) ins Ungemeſſene geſteigert worden.) Mehr als je lechzte man geradezu nach viſionären oder fonftigen wunderbaren Vorgängen, ja man hatte unwillkürlich das Bedürfnis, ſolche an ſich ſelber oder andern zu erleben, und ſo wurden ſelbſt harmloſe Vorgänge von der überreizten Phantaſie guten Glaubens phantaſtiſch ausgeſchmückt und ins Reich des Überfinnlichen erhoben. Daher fehlte es Cäſarius weder an neuen Stoffen, noch an derſelben gläubigen Empfäng⸗ lichkeit bei Hörern und Leſern, wie er ſie ſelbſt beſaß. Seine eigene geht freilich ſo weit, daß er ſogar, wenn er Geſchichten in Widerſpruch mit der Bibel findet, ihnen dennoch, trotz ſeiner ſtreng⸗kirchlichen Geſinnung, falls ihm ihre Quellen zuverläſſig erſcheinen, Glauben beimißt und nun jenen Widerſpruch ſchier gewaltſam zu löſen ſucht. Doch gibt er ander⸗ ſeits ausdrücklich zu, daß angebliche Geſichte oft Trugbilder find.)

In der Tat iſt nicht daran zu zweifeln, daß viele der von ihm er⸗ zählten Wunder, Geſichte uſw. mehr oder weniger Erzeugniſſe der Phan⸗ tafte find; tft doch gerade hier „der Täuſchung und auch pathologiſchen Zuſtändlichkeiten ein weiter Spielraum gegeben.“) Indeſſen darf man in dieſer Beziehung auch nicht zuweit gehen. Wer dem Standpunkt des Chriftentums gemäß Wunder, Geſichte, das Hineinragen der Geiſterwelt in die unſerige überhaupt für möglich hält, der wird die Geſchichten des Cäſarius nicht ohne weiteres ſämtlich in Bauſch und Bogen ablehnen. Zudem „bietet“ nach den treffenden Worten Kaufmanns“) „das myſtiſche Leben, wie es ſich im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts am reichſten in den Niederlanden, aber auch in den Rheingegenden entfaltet hatte, durch wunderbare Steigerung der Seelen⸗ und Körperkräfte die außer⸗ ordentlichſten Erſcheinungen, die nicht nach gewöhnlichem Maßſtabe zu ſind.“)

nen der rheiniſchen Altertums freunde XII, 131.

9 Meiſter XXXI.

90 Olalog It, 25. Vgl. XII,

9) M. Grabmann, an und erklingen der kathol. My 5 Mün⸗ chen 1922) 37. Vgl. O. Zahn, Einführung in die chriſtli yſtik. (Paderborn 1918) 391—680.

8) Einleitung 5. ) Vgl. besonders Zahn a. a. O.

XI

Von unſchätzbarem Werte ſind ſeine Erzählungen, beſonders die des Dialoges, für die mittelalterliche deutſche und beſonders rheiniſche Kultur⸗ und Sittengeſchichte.!) In buntem Wechſel treten uns in ihnen die Ver⸗ treter ſämtlicher Stände entgegen: Kaiſer, Päpſte und andere geiſtliche und weltliche Fürſten und Würdenträger, Weltgeiſtliche und Ordensleute, Ritter, Bürger und Bauern, Freie und Hörige, Herren, Angeſtellte und Knechte, Gläubige und Ungläubige, Greiſe und Kinder, Kloſterfrauen und Weltdamen, alle aus dem vollen Leben gegriffen mit ihrer Eigenart, ihren Sitten und Gebräuchen. Und wie anſchaulich ſpiegelt ſich in ihnen ab das geiſtige und bürgerliche Leben des damals mächtig emporblühenden heiligen Köln,) das er ja ſelbſt jo lange vor Augen gehabt hat!

Am liebſten aber führt er uns in die ihm ans Herz gewachſenen Häuſer ſeines Ordens, beſonders nach Heiſterbach und Himmerod, und überaus rührende und erbauliche, zartſinnige und anmutige, ja poetiſche Bilder ſind es zumeiſt, die er von dem Kloſterleben entwirft.

Wie er aber gern bei den Lichtſeiten ſeiner Zeit verweilt, ſo geißelt er auch unerbittlich ihre Mißſtände und Gebrechen: Fehde und Gewalt⸗ tat, Ungerechtigkeit und Untreue, Betrug und Wucher, Trunkſucht, Spiel⸗ wut und Unzucht, Schwelgerei und Kleiderpracht. Mit beſonderer Wärme macht er ſich zum Anwalt der Armen und Bedrückten gegen jegliche Unbarmherzigkeit und Vergewaltigung, wie er auch keine Tugenden lieber rühmt als Barmherzigkeit, Milde und Sanftmut, von denen wir ihn ſelbſt beſeelt ſahen. Dabei kennt er kein Anſehen des Standes und der Perſon; ſelbſt den höchſten geiſtlichen und weltlichen Würdenträgern hält der einfache Prior mit unerſchrockenem Freimute ihre Verfehlungen vor, und auch ſeine Ordensbrüder entgehen ſeinem Tadel nicht, wenn ſie ihn verdienen.

Auch erhalten wir reiche Belehrungen über Rechts⸗ und Volksbräuche, Kirchen⸗ und Schulweſen, ſoziale Verhältniſſe verſchiedener Art, Hof⸗ und Alltagsleben, Bau⸗ und andere Kunſtwerke.

Von großem Werte ſind endlich die Erzählungen für die Mytho⸗ logie, Sagen⸗,Märchen⸗ und Legendenkunde.“) Vieles läßt ſich in dieſer Beziehung zurückverfolgen bis in die germaniſche, einiges ſogar bis in die indogermaniſche oder ſemitiſche Urzeit. Altgermaniſchen Urſprungs ſind vor allem zum guten Teil ſeine Teufel (diaboli) oder, wie er meiſtens ſagt, Dämonen (daemones). Wie nämlich unſere Altvorderen nach ihrer Bekehrung die lichten Züge ihrer Götter auf den Chriſtengott und ſeine Engel und Heiligen übertrugen, ſo die finſtern und boshaften auf den Teufel und ſeinen Anhang. Manche unholde Geiſter, wie Mahre und Alpen, Druden und Trolle, Hexen und Pilwize (männliche Hexen), ver⸗ wandelten ſich mehr oder weniger ganz in Teufel. Andere dagegen, wie

1) Vgl. u. a. Kaufmann, n 48—126, Meiſter und Unkel a. a. O., N Vgl. Kaufmann 26—77 u. Vgl. u. a. Kaufmann 126156 (zum Teil veraltet).

XII

Riefen und Zwerge, Kobolde und Elfen, wurden im Volksglauben auch wohl zu Teufeln beſonderer Art: zu gefallenen Engeln, die ſich zur Em⸗ pörung gegen Gott lediglich von ſchlimmeren haben verführen laſſen. Auch von ihnen ſind manche zu verſtockten Teufeln geworden und ſuchen wie dieſe den Menſchen zu ſchaden. Andere aber haben noch einen Teil ihrer urſprünglichen beſſeren Natur bewahrt: ſie bereuen ihren Abfall von Gott und würden ſich mit Freuden den größten Peinen unterziehen, wenn fie damit ihre Begnadigung erreichen könnten;!) auch fie necken wohl die Menſchen, aber im Grunde ſind ſie ihnen doch hold und hilfs⸗ bereit. Alle dieſe Arten von Teufeln ſind bei Cäſarius vertreten, und ſie tragen nicht wenig dazu bei, germaniſche Mythen zu beleuchten und zu erklären.

Eine beſondere gelehrte „Kunſt“ gab es, wie man glaubte, Teufel zu beſchwören: die Nekromantie?) oder, wie Cäſarius ſagt, Nigromantie, eine Art Vorläufer des Spiritismus. Man lehrte ſie an einzelnen hohen Schulen, beſonders in Toledo, wo ſie erfunden ſein ſollte, oder auch aus „ſchwarzen“ Büchern, und daher wurde ſie faſt nur von gewiſſenloſen Theologen gelernt und ausgeübt, ſo von dem von Cäſarius wiederholt genannten rheiniſchen Teufelsbanner Philipp. Natürlich galten alle, die ſich mit derlei „Künſten“ befaßten, als von der Kirche ausgeſchloſſen und ſtrafbar.

Übrigens offenbaren manche Teufelserſcheinungen bei Cäſarius fo recht feine Leichtgläubigkeit.

1) Ein berühmter gefallener Engel dieſer Art iſt bekanntlich der Abbadona in WWeiſterbe „Meſſias“ geworden. ) Toten⸗, Geiſterbeſchwörung.

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l. Aus dem Rlofterleben.

1. Wie Ritter Walewan in voller Nüſtung in den | Orden trat.

Ein Ritter namens Walewan wollte in unſern Orden treten. Er kam aber mit ſeinem Schlachtroſſe in voller Rüſtung nach Himmerod, trat, noch bewaffnet, in das Kloſter, ging, wie mir unſere Senioren, die dabei geweſen ſind, erzählt haben, vom Pförtner geleitet, mitten durch das Chor und opferte ſich am Altar der hl. Jungfrau ihr zu eigen, zum großen Er⸗ ſtaunen des Konventes, welchem dieſe neue Art von Konverſion höchſt verwunderlich vorkam. Nachdem er dann die Waffen niedergelegt, nahm er das Ordens kleid. Es ſchien ihm nämlich angemeſſen, dem weltlichen Kriegerſtande da zu entſagen, wo er in den geiſtlichen einzutreten beabſichtigte. Noch heute lebt er als guter, frommer Mann; anfangs unter den Mönchen Novize, wurde er ſpäter aus Demut Laienbruder.

2. Don einem Domheren in Küttich, der infolge einer Predigt des hl. Bernhard ins FNloſter getreten war, und dem ein Engel in Möunchsgeſtalt beichten wollte.

Als zur Zeit des römiſchen Königs Konrad der hl. Bernhard in Lüttich das Kreuz predigte, lag ein dortiger Domherr einmal im Gebet verſunken vor einem Altar. Da vernahm er eine Stimme vom Himmel: „Gehe hinaus und höre: das Evangelium iſt wieder lebendig geworden!“ Alsbald erhob er ſich vom Gebet, ging hinaus und vernahm, wie der Heilige das Kreuz gegen die Sarazenen predigte; einige zeichnete er dann mit dem Kreuz, andere nahm er in ſeinen Orden auf. Tief ergriffen und durch die Salbung des heiligen Geiſtes innerlich erleuchtet, nahm auch der Domherr

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2. e Aus dem Klofterleben.

503 Kreuz, aber 1 am Zug über das Meer, ſondern das Ordenskreuz, indem er es für heilſamer erachtete, der Seele ein langwährendes Kreuz aufzudrüchen als für eine gewiſſe Zeit ein Kreuzchen an das Kleid zu heften. Er folgte nun mit einem Gefährten namens Walter dem hl. Bernhard nach Clairvaux, und beide wurden dort Mönche.

Es geſchah um dieſe Zeit, daß von Clairvaux ein Konvent nach Aulne, einem Kloſter der Regularherren, ausgeſchickt wurde, indem die dortigen Mönche beſchloſſen hatten, die Ordens⸗ regel von Citeaux anzunehmen. Der Lütticher hatte die größte Luft, mitzugehen; er ſcheute ſich jedoch, dem Abte dieſen Wunſch auszuſprechen, indem er fürchtete, derſelbe könne für leichtfertig erklärt werden. Er betete daher zu Gott und bat um Erleuch⸗ tung, wie er ſich zu verhalten habe. Da vernahm er eine Stimme, welche ſprach: „Bitte, und es ſoll dir gewährt werden!“ Nun begab er ſich zum Abt und erklärte freien Mutes: „Vater, wenn es Euer Wille iſt, möchte ich gerne mit jenen Brüdern nach Aulne gehen.“ „Gehe mit ihnen in Gottes Namen!“ erwiderte der Abt, und jo wurde er nebſt Walter mitgeſandt. Bald nach- her wurde er daſelbſt Prior. |

Als ihm eines Tages ein dortiger Mönch durch ein Zeichen andeutete, er wünſche zu beichten, gab ihm der Prior, der gerade die Sept unſerer lieben Frau ſingen wollte, zu verſtehen, er möge ein wenig warten. Inzwiſchen läutete es zur Sept, und beide betraten das Chor. Als der Prior hier ſeinen Stuhl ein⸗ genommen hatte, warf ſich ein Engel daß es ein ſolcher ge⸗ weſen, hat ſich nachher herausgeſtellt in Geſtalt und Kleidung jenes Mönchs vor ihm nieder, als wolle er beichten; als er ihn jedoch aufheben wollte, war er verſchwunden. Da erkannte der Prior, daß es der Schutzengel des Mönchs geweſen ſei, der ihm gewiſſermaßen einen Vorwurf habe machen wollen, weil er deſſen Beichte nicht ſofort abgenommen habe. Nach Beendigung der Hore rief er dieſen herbei und ſprach: „Lege jetzt deine Beichte ab!“ Der Mönch erwiderte: „„Herr, ich kann bis morgen warten.“ „Ich werde keinen Biſſen zu mir nehmen,“ verſetzte der Prior, „bevor ich deine Beichte gehört habe.“ Es war näm⸗ lich Eſſenszeit. Jetzt gehorchte der Mönch. Der Prior aber

Aus dem Kloſterleben. | 3

machte Gott das Gelöbnis, wenn er das Zeichen des Beichtens ſehe, ſich durch keine Beſchäftigung, durch keinerlei Anlaß ab⸗ halten zu laſſen, ſofort die Beichte zu hören. Als er hochbetagt wegen Körperſchwäche das Priorat nicht mehr verwalten konnte, vertauſchte er die Tätigkeit der Martha mit der Ruhe der Maria: er gelobte Gott nämlich, täglich den ganzen Pſalter zu ſingen.

So iſt er reich an Tugenden zum Herrn gepilgert und in die Chöre der Heiligen eingetreten. Bevor noch ſein Sehnen, „aufgelöſt zu werden und bei Chriſtus zu ſein“ erfüllt war, betete er täglich: „Wann werde ich kommen und vor dem An⸗ geſichte Gottes erſcheinen?“ Und wie ſein Landsmann Walter unſerem Abt Heinrich und dieſer mir erzählte, erwiderte ihm einſt eine Stimme vom Himmel: „Deine Augen werden den König ſehen in ſeiner Herrlichkeit.“ Als er ſtarb, zeigte ſich über der Stätte, wo er verſchieden, bei lichtem Tage ein glänzender Stern, der in der ganzen Landſchaft geſehen wurde, zum Zeichen, daß ſeine heilige Seele in ihrem großen Tugendglanze mit Chriſtus, der Sonne der Gerechtigkeit, vereinigt worden ſei.

3. Die wunderbare Seſchichte von der hl. Jungfrau Bildegundis, die ſcheinbar als Mann in den Orden trat.

In der Stadt Neuß, die fünf Meilen von der großen Stadt Köln liegt, wohnte ein Bürger, der eine ſchöne und von ihm ſehr geliebte Tochter beſaß, namens Hildegundis. Als ſeine Frau geſtorben war, nahm er das noch ſehr junge Kind mit ſich zu einer Pilgerſchaft in das heilige Land, nach Jeruſalem. Auf der Heimkehr wurde er krank, und zu Tyrus ſtarb er. Sterbend empfahl er die Tochter und ſeine Habe der Treue eines Dieners. Dieſe aber bewährte ſich nicht, vielmehr ſchlich der gottloſe und habgierige Menſch in einer Nacht aus dem Hauſe, ließ das junge Mädchen allem Elend ausgeſetzt im Stich und ſchiffte ſich heimlich ein. Als Hildegundis am Morgen entdeckte, ihr treuloſer Hüter ſei mit der ganzen Habe ihres Vaters davongeſegelt, geriet ſie in höchſte Beſtürzung und wußte nicht, was ſie tun, und wohin ſie ſich wenden ſollte. Der Landes⸗ ſprache unkundig, verging ſie faſt vor Hunger. Ein Jahr lang

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4 Aus dem Kloſterleben.

ſuchte ſie als Bettlerin die Schulen der Stadt auf. Als dann Pilger aus Deutſchland ankamen, klagte ſie dieſen ihre Not und bat fie unter Tränen, ſich ihrer zu erbarmen. Der Reichſte von ihnen, ein guter, edler Mann, tröſtete die Troſtloſe, nahm die Verlaſſene in ſein Fahrzeug auf und brachte die Fremde, nachdem er ſie mit allem Nötigen verſehen hatte, in ihre Heimat zurück. Um dieſe Zeit war im Erzbistum Trier unter den beiden Erwählten, dem Archidiakonus Volmar und dem Dompropſt Rudolf ein heftiger Zwiſt ausgebrochen; den erſteren begünſtigte Papſt Lucius (III.), den andern Kaiſer Friedrich (I.). Wegen der Nachſtellungen von ſeiten der Kaiſerlichen war es äußerſt ſchwierig, an den Papſt, der ſich damals in Verona aufhielt, Briefe gelangen zu laſſen; nun hatte aber die Kölner Kirche, die auf ſeiten eines der Erwählten ſtand, ſoeben einen reitenden Boten mit einem Schreiben an den hl. Stuhl abgefertigt. Dieſer fürchtete jedoch für ſein Leben, und da er Hildegundis wegen ihres kurzgeſchorenen Haares und ihrer Kleidung für einen Jüngling hielt, bat er ſie, den Stab, in welchem das Schreiben eingeſchloſſen war, zu befördern, indem er meinte, ein Fußgänger zöge weniger die Aufmerkſamkeit der Leute auf ſich als ein Reiter; und ſie übernahm den Auftrag.

In der Nähe von Augsburg traf ſie mit einem Diebe zu⸗ ſammen; er bat, ſie begleiten zu dürfen, und ſie, nichts Böſes ahnend, gewährte ihm die Bitte. Nachdem ſie eine Weile mit⸗ einander gewandert, glaubte der Dieb, Verfolger hinter ſich zu hören. Raſch legte er ſeinen Sack mit dem geſtohlenen Gut neben die Jungfrau hin, und einen Vorwand ergreifend, um ſich für einen Augenblick zu entfernen, verſchwand er im nahen Gehölz.

Die Jungfrau wird ergriffen, mit dem geſtohlenen Gut vor den Richter geſchleppt und zum Galgen verurteilt. Da der Augenſchein gegen ſie zeugte, mußte ſie einſehen, daß Bitten und Vorſtellungen nichts fruchten würden; ſie bat deshalb nur um einen Prieſter. Dieſem erzählte ſie nun, wie es ihr ergangen und fie zu ihrer Botſchaft gekommen jet; ſie deckte die Bosheit des Diebes auf und zeigte dem Prieſter, um die Wahrheit ihrer Ausſage zu beglaubigen, den Stab mit dem Schreiben an den

Aus dem Kloſterleben. 5 Papſt; fie fügte hinzu, wenn man raſch nach dem Dieb ſuche, werde man ihn noch finden. Auf Betreiben des Prieſters holte man Netze und Hunde, umzingelte den Wald, und der Dieb wurde richtig ergriffen und ebenfalls dem Richter vorgeführt. Als man den Schurken durch Folterqualen zum Geſtändnis bringen wollte, erklärte er: „Ich werde widerrechtlich durch Qua⸗ len gezwungen, etwas zu geſtehen, was ich nicht begangen habe; jene iſt mit dem Raub gefunden worden und ſomit nach bürger⸗ lichem Recht zu verurteilen.“ Das Mädchen behauptete dagegen, derſelbe ſei ihr in boshafter Abſicht hingelegt worden. Da er⸗ widerte der Dieb: „Ich leugne, daß der Sack mir gehört. Eines Mannes Rede iſt keines Mannes Rede!“ Hierauf verſtummte die Jungfrau. Da warf ſich der Prieſter als ihr Verteidiger auf und erklärte, die Jungfrau ſei unſchuldig und nur durch die Bosheit jenes Menſchen in dieſe traurige Lage verſetzt. „Wenn ihr“, ſchloß er, „meinen Worten nicht Glauben jchenkt, jo iſt es leicht, durch die Probe mit dem glühenden Eiſen an den Tag zu bringen, wer der Schuldige und wer der Un⸗ ſchuldige iſt.“ Dieſem Vorſchlag ſtimmten alle bei die Hand des Diebes wurde verbrannt, die der Jungfrau blieb unverletzt. Alsbald wurde der Dieb gehängt. Hocherfreut nahm der Beicht⸗ vater und Befreier der Jungfrau ſie in ſein Haus auf. Aber ſiehe da! auf Antrieb des Teufels, welcher ſich über die Ret⸗ tung der Hildegundis ärgerte, gelang es der Verwandtſchaft des Gehängten, die über den ſchmählichen Tod eines der Ihrigen in Wut geraten war, die unſchuldige und durch das Gericht Gottes befreite Jungfrau aus dem Hauſe des Prieſters zu locken und an Stelle des Diebes, den ſie abſchnitten, am Galgen auf⸗ zuknüpfen. Da erſchien ein Engel des Herrn und hielt die Jungfrau ſo, daß ihr der Strick nicht den geringſten Schaden oder Schmerz zufügte; auch erquickte er ſie durch den wunder⸗ baren Wohlgeruch, der von ihm ausſtrömte. Ja, nicht nur empfand ſie gar keinen Schmerz, ſondern ſie glaubte ſich ſogar im Zuſtand höchſter Wonne zu befinden, und in der Nacht ver⸗ nahm ſie eine ſo liebliche, anmutige und wechſelreiche Muſik, daß kein Chor von Menſchenſtimmen oder Inſtrumenten an Süßig⸗ keit ihr gleich kam. Als die Jungfrau den Engel fragte, was

6 | Aus dem Kloſterleben.

die Muſik bedeute, antwortete er: „Die Seele deiner Schweſter Agnes wird ſoeben durch eine Schar Engel in den Himmel gebracht, und du wirſt das Glück haben, ihr nach zwei Jahren zu folgen.“ In dieſer Weiſe verbrachte die Selige zwei Tage. Da kamen Hirten, welche in der Gegend weideten, und be⸗ ſchloſſen in ihrer Barmherzigkeit, die Leiche herunterzunehmen und zu beſtatten. Sie fiel jedoch nicht, wie es beim Ab⸗ ſchneiden gewöhnlich iſt, mit Wucht nieder, ſondern ſchwebte, noch immer vom Engel gehalten, langſam zu Boden. Hierüber erſchraken die Hirten und liefen davon. „Nun biſt du frei“, ſagte jetzt der Engel. „Gehe, wohin es dir beliebt!“ „Ich wollte nach Verona“, entgegnete Hildegundis, und im Nu war ſie in die dortige Gegend verſetzt. „Verona“, ſagte der Engel, „it jetzt nur noch drei Meilen entfernt.“ Von Augsburg aber nach Verona zählt man ſieben Tagereiſen!

Hildegundis verrichtete daſelbſt ihren Auftrag, und als ſie auf der Heimkehr in die Diözeſe Worms gekommen war, er⸗ langte ſie, nicht undankbar für die ihr von Gott erwieſene Barm⸗ herzigkeit, auf Bitte und durch Mithülfe einer gewiſſen ehr⸗ würdigen Klausnerin, daß ſie vom Abt Theobald in das Kloſter Schönau als Novize aufgenommen wurde. Es iſt aber dieſes Schönau ein äußerſt anmutiger Ort, welcher von der Schönheit ſeiner Lage den Namen erhalten hat.

Da der Abt glaubte, Hildegundis ſei ein junger Mann, nahm er ſie einſt zu ſich aufs Pferd. Während des Rittes fiel ihm auf, daß der Novize eine ſo weibliche Stimme hatte. „Bruder Joſeph“, fragte er, „du haſt wohl deine Stimme noch nicht ge⸗ wechſelt?“ „Die werde ich auch wohl niemals wechſeln“, antwortete die Jungfrau. Sie hatte ſich aber den Namen des hl. Joſeph beigelegt, weil ſie wußte, wie viele und ſchwere Verſuchungen derſelbe im Kampf gegen den doppelten Feind, das Fleiſch und den Teufel, glücklich überwunden hatte.

In das Probejahr eingetreten, „ſtreckte ſie ihre Hand aus nach dem Starken“. Sie ſchlief unter Männern, und trank mit Männern und entblößte vor Männern ihren Rücken zur Züchtigung. Obwohl ſie ein ernſtes Mädchen war, gab ſie ſich doch, damit ihr Geſchlecht nicht erkannt werde, dann und

Aus dem Kloſerleben. 7

wann ihren Genoſſen gegenüber den Schein eines gewiſſen Leichtſinns. So führte ſie einmal in Abweſenheit des Novizen⸗ meiſters den Mönch Hermann er war damals ein Knabe von vierzehn Jahren wie er uns ſelbſt erzählt hat, zu ihrem Trinkgefäß und ſagte: „Hermann, ſchauen wir einmal in dieſes Glas, um zu ſehen, wer von uns beiden der ſchönſte iſt!“ Und als ſie ihre ſich darin ſpiegelnden Geſichter betrachteten, fragte Hildegundis: „Nun, wie gefällt dir mein Geſicht?“ „Dein Kinn“, erwiderte Hermann, „ſieht aus wie das eines Mädchens.“ Da ging ſie ſcheinbar erzürnt hinweg; hernach aber bekamen beide, weil ſie das Gebot des Schweigens übertreten hatten, ihre Schläge.

Als ſich die Zeit ihrer Auflöſung näherte, wurde ſie krank und mußte wegen großer Schwäche zu Bett gebracht werden. Der Prior wurde gerufen, um ihre Beichte zu hören. Er fragte ſie, ob ſie ſich jemals mit einem Weibe vergangen habe. Sie erwiderte: „Niemals, o Herr, noch mit einem Manne.“ Letzteres fügte ſie ihres Geſchlechts wegen hinzu. Dann erzählte ſie ihm, wie es ihr im Leben ergangen, verſchwieg jedoch auch jetzt ihr Geſchlecht. Der Prior ſtaunte und ſagte: „Bruder, was du mir da erzählt haſt, überſteigt allen Glauben welchen Beweis kannſt du mir für die Wahrheit deiner Erzählung geben?“ „Heute“, erwiderte die Jungfrau, „ſind die zwei Jahre abge⸗ laufen, die mir der Engel, da ich am Galgen hing, als Lebens⸗ friſt vorausgeſagt hat. Ich weiß, an wen ich geglaubt habe: Ich habe den Glauben bewahrt; im übrigen iſt mir die Krone der Gerechtigkeit hinterlegt. Bin ich tot, ſo wird ſich etwas offenbaren, worüber ihr erſtaunen werdet; und ihr dürft mit Recht der göttlichen Allmacht Dank ſagen.“ Nachdem ſie dies geſprochen, iſt ihre heilige Seele am 20. April 1188, einem Mittwoch in der Oſterwoche, aus ihrem jungfräulichen Leihe geſchieden und zum Herrn hinübergegangen. Es wurde die Tafel geklopft: der Abt und die übrigen Brüder eilten ins Sterbezimmer.

Beim Waſchen der Leiche entdeckte man das Geſchlecht Alle ſtaunten über ein ſo unerwartetes, neues Wunder, und man ſetzte ſogleich den Prieſter, welcher das Totengebet ver⸗

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richten ſollte, davon in Kenntnis; er änderte nun den Text, indem er ſtatt Mönch Nonne, ſtatt Bruder Schweſter las. Als man ſie in das Totenbuch des Kloſters eintrug, ſchrieb man, weil man ihren Namen nicht kannte: „Am 20. April ſtarb zu Schönau eine Dienerin Chriſti.“ | |

Bald regte ſich jedoch unter den Brüdern der Wunſch, den Namen der Seligen in Erfahrung zu bringen, und ſo ſchickte man Kundſchafter ins Kölniſche, weil ſie dieſes als ihre Heimat angegeben hatte. Dort forſchte man eifrig nach ihrer Verwandt⸗ ſchaft, und mit Gottes Hilfe fand man endlich eine alte Frau, die erklärte, mit der Seligen verwandt zu ſein, und auch ihren Namen Hildegundis angab. Als vor ein paar Jahren zu Schönau eine neue Kirche eingeweiht wurde, haben die Leute, die zu dieſem Feſte aus den verſchiedenſten Gegenden zuſammengeſtrömt waren, nachdem ſie von den Tugenden der Seligen gehört hatten, zahlreich ihr Grab beſucht; beſonders haben ſich die Frauen ihrer Fürbitte empfohlen und Gott wegen ſo vieler Wunder geprieſen; und auch wir, Brüder, wollen mit ihnen unſern Heiland loben, daß er zu unſerer Zeit und in unſerm Orden zu ſeinem Ruhm und zu unſerer Erbauung ſo Großes hat geſchehen laſſen, er, der da lebt und regiert mit dem Vater und dem h. Geiſte von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

4. Was Erzbischof Philipp von Köln gejagt hat, als er unſer Haus gründete.

Als unſer Konvent durch den Herrn Erzbiſchof Philipp auf den Stromberg berufen wurde, machten ihm verſchiedene Leute aus der dortigen Gegend, welche für ihre Erben fürchteten, große Vorwürfe und Einwendungen. Ihnen gab er die ſchöne, ja heilige Antwort: „Wollte Gott, in jedem Dorfe meines Sprengels wäre ein Kloſter dieſer Gerechten, die beſtändig den Herrn prieſen und für mich und meine Herde beteten! Es ſtände dann beſſer um meine Kirche, als es jetzt ſteht: keinem würden ſie ſchaden, aber vielen nützen, keinem das Seinige nehmen, aber

allen von dem Ihrigen mitteilen.“

Aus dem Klofterleben. 9

5. Don der Baftlichkeif der Mönche von Laach.

Im Maifeld, einem Teil der Diözeſe Trier, liegt ein Kloſter des ſchwarzen Ordens, Laach genannt, welchen Namen es nach einem See führt. Es iſt reich an Perſonen und Beſitzungen, und an Frömmigkeit blühender als die übrigen Klöſter unſeres Landes. Dorthin kam eines Tages als Gaſt ein Sachſe, und man nahm ihn ſo überaus liebreich auf, daß er wahrhaft erbaut aus dem Kloſter ſchied.

Nicht lange nachher machte ein dem Tode entgegenſehender, reicher Landsmann desſelben in ſeinem Beiſein ein Teſta⸗ ment, wobei er äußerte: „Ich möchte auch etwas für meine Seele vermachen, wüßte ich nur, welchem Zwecke es am beſten zu⸗ gewandt wäre.“ Da erwiderte jener: „In der Nähe von Köln liegt ein ſehr frommes Kloſter, in welchem in Wahrheit Männer Gottes leben, und das ſich, wie ich ſelbſt bezeugen kann, durch Gaſtfreundſchaft beſonders auszeichnet. Keiner anderen Stätte könnt Ihr Eure wohltätige Stiftung beſſer und für Eure Seele nützlicher zuwenden als dieſer.“ Auf ſeinen Rat hin vermachte der Sachſe, wie ich meine, vierzig Mark Silbers und verſchied dann. Durch einen Diener wurde das Geld nach Köln geſchickt, da jedoch während des Zwiſtes zwiſchen den Königen Otto und Philipp die Verhältniſſe in der Kölner Diözeſe unſicher waren, ließ er das Geld in Köln und begab ſich zu Fuß nach Laach, um dem Abt ordnungsmäßig über die Sache zu berichten. Dieſer ſchickte dann ſeinen Kellner in jene Stadt und nahm ſo das Vermächtnis in Empfang. Das iſt mir von einem frommen Laienbruder unſeres Ordens erzählt worden.

6. Don der Mildtätigkeit unſeres Daujes im Tale des hl. Petrus.

In der Zeit jener gewaltigen Hungersnot, welche im Jahre 1197 nach der Menſchwerdung des Herrn über uns kam und viele Menſchen hinraffte, hat unſer Haus, obwohl damals noch arm und jung, dennoch vielen geholfen. Wie diejenigen, welche die Zahl der Armen an der Pforte geſehen haben, behaupten, find bisweilen an einem Tage fünfzehnhundert Almoſen aus⸗

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geteilt worden. An einzelnen Tagen vor der Ernte, an denen der Fleiſchgenuß erlaubt war, ließ Herr Abt Gevard in drei Ofen einen Ochſen mit allenthalben geſammeltem Gemüſe kochen und mit Brot unter die einzelnen Dürftigen verteilen; ebenſo geſchah es mit Schafen und anderem Vieh. So wurden mit Gottes gnädiger Beihilfe die Armen bis zur Ernte unterhalten. Wie ich aus dem Munde des genannten Abts vernommen habe, fürchtete er damals, das für die Dürftigen beſtimmte Ge⸗ treide möge nicht ausreichen, und warf dem Bäcker vor, er mache die Brote zu groß. Der aber entgegnete: „Glaubt mir, Herr: im Trog ſind ſie äußerſt klein, im Ofen aber werden ſie groß; klein werden ſie hineingeſchoben, groß kommen ſie heraus.“ Dieſer Bäcker, nämlich Bruder Konrad der Rote, der noch am Leben iſt, hat mir ferner erzählt, nicht allein das Brot in den Ofen ſei gewachſen, ſondern auch das Mehl in den Säcken und Gefäßen habe zugenommen, ſo daß nicht bloß die Bäcker darob erſtaunten, ſondern auch die Armen ſelbſt, welche davon unterhalten wurden. „Herr Gott“, pflegten ſie zu ſagen, „woher kommt nur all das Getreide?“ Noch in demſelben Jahre hat der reiche Gott die Mildtätigkeit ſeiner Diener hundertfältig ver⸗ golten. Magiſter Andreas von Speyer nämlich, welcher am Hofe des Kaiſers Friedrich und in Griechenland reiche Schätze geſammelt hatte, kaufte das große Allod zu Plitters dorf und ſchenkte es uns. Woher kam ihm dieſer Gedanke, wenn nicht von Gott?

7. Don der gleichzeitigen Mildfätigkeit des Hauſes

zu Dimmerod.

In derſelben Zeit hat ſich unſer Mutterhaus nicht weniger mildtätig, ja ſeinem größeren Beſitz entſprechend noch mildtätiger gegen die Bedürftigen erwieſen, auf denen die Hungersnot ſo ſchwer laſtete. Chriſtus aber, eingedenk des Wortes: „Gebet, und es wird euch gegeben werden!“ hat das Kloſter, weil es freigebig war im Geben, auch freigebig wieder bedacht. Denn als Gerhard, der Probſt von St. Simeon in Trier ſtarb, ver⸗ machte er dem Kloſter Himmerod ſechshundert Mark Silbers, von denen hundert für die an der Pforte bettelnden Armen

Aus dem Kloſterleben. 11

verwendet werden ſollten. Als der Pförtner dieſe Summe aus⸗ bezahlt erhielt, erwarb er dafür in Koblenz ebenſoviele Malter Weizen, womit er den Armen bis zur Ernte helfen konnte.

8. Don einem weſtfäliſchen Rloſter, welchem Gott doppelt erſetzte, was es für die Armen ausgegeben hatte.

Unfer Bruder Godeſchalk von Volmarſtein hat mir er⸗ zählt, er ſei nach der großen Teuerung im Jahre 1197 dem Kellner eines weſtfäliſchen Ziſterzienſerkloſters begegnet; auf die Frage, wohin er gehe, erhielt er die Antwort: „Zum Wech⸗ ſeln: vor der Ernte haben wir der Not der Armen wegen unſer Vieh getötet, unſere Kelche und Bücher verpfändet, jetzt aber hat der Herr uns einen Helfer geſandt, der uns ſoviel Gold gegeben hat, daß es das doppelte deſſen beträgt, was wir ver⸗ ausgabt haben. Darum eile ich jetzt, das Gold in Silber um⸗ zuſetzen, um das Verpfändete einzulöſen und unſern Viehſtand wieder zu ergänzen.“

9. Wie das flehentliche Sebet der Rloſtergemeinde zu Dimmerod das Herz des Raijers Friedrich I. erweichte.

In der Zeit des Schismas zwiſchen den Päpſten Alexander (i) und Calixtus (I) unter Kaiſer Friedrich, welcher der Urheber und Begünſtiger dieſes Schismas geweſen iſt, wurden ſämtliche Kirchen im römiſchen Reich durch kaiſerliche Erlaſſe aufgefordert, dem Calixtus, welchen der Kaiſer zum Papſt er⸗ koren hatte, zu huldigen und Gehorſam zu ſchwören; Wider⸗ ſtrebenden wurde Verbannung angedroht. Ein ſolcher Erlaß wurde auch dem Konvent von Himmerod zugeſtellt; die Brüder erklärten jedoch einſtimmig, ſie wollten ſich von der Einheit der Kirche nicht losſagen, und ſo kam ihnen der Befehl zu, ſo ſchnell als möglich den Boden des Reiches zu verlaſſen. Die frommen Männer fürchteten jedoch mehr den göttlichen Zorn als die Drohung des Kaiſers.

Als ſie ſchon ihre Kleidungsſtücke und ſonſtigen Habſelig⸗ keiten gepackt hatten, indem ſie in verſchiedene franzöſiſche Klöſter verteilt werden ſollten, ſagte einer zu dem ehrwürdigen

12 Aus dem Kloſterleben.

Prieſter David, einem dortigen Mönche: „Weißt du nicht, Vater, daß wir alle dieſe Stätte verlaſſen müſſen?“ Dieſer war nämlich ſtets ſo verſunken in himmliſche Dinge, daß er nie etwas von dem wußte, was ſich in der irdiſchen Welt begab. Er ſtaunte daher und fragte nach der Urſache; als der Bruder ihm dieſe mitgeteilt hatte, entgegnete der fromme Mann in ſeinem Gottvertrauen: „Bleibt ſtark, Brüder! Der Herr verläßt nicht die, ſo auf ihn hoffen. Singt nur in der kommenden Nacht, ſtarkmütig und unter Tränen, die Antiphon zum Magnificat, und der Herr wird euch tröſten!“ Es war aber der Sonntag vor Advent, und die Antiphon lautete: „Der Du hältſt die Throne des Himmels und durchſchauſt die Abgründe; der Du die Erde hältſt in Deiner Hand, erhöre uns in unſern Seufzern!“

Der Heilige trat in die Kirche und ergoß die ganze Inbrunſt ſeines Herzens in ſein Gebet, indem er mit vielen Tränen um das göttliche Erbarmen flehte. Die Brüder folgten ſeinem Rate und ſangen dieſelbe Antiphon, und zwar um ſo flehentlicher, je ſchwerer Angſt und Bekümmernis auf ihnen laſtete und ſie zum Singen antrieb. Und der Herr ließ ſich durch die Bitten ſeiner Diener erweichen und änderte des Kaiſers Sinn: es kam ein Eilbrief, ſie könnten bleiben und möchten für das Reich beten.

10. Don den drei Pfefferkörnern, mit welchen Abt Giſilbert die Speiſen der Mönche zu würzen pflegte.

In der Zeit, in welcher jene hochachtbaren und in der Welt viel⸗ genannten Ritter Ulrich Flaſſe, Gerhard genannt Waſchart, Karl und Markmann, ſämtlich aus Köln, ſowie manche reiche Geiſtliche und Laien zu Himmerod eingetreten waren und ſich im Orden bewährten, ſagte ein Freund jener Ritter, ein Laie, zu dem Abt Giſilbert ſeligen Andenkens: „Ich kann mich nicht genug darüber verwundern, wie ſo verwöhnte Weltkinder euer ungewürztes Gemüſe, Erbſen und Linſen, genießen können.“ Der Abt er⸗ widerte: „Ich tue drei Pfefferkörner hinzu, welche dieſes ge⸗ ſchmackloſe Gemüſe ſo würzen, daß faſt nichts in den Schüſſeln übrig bleibt.“ Jener erſtaunte und ſagte, das verſtehe er nicht. „So will ich es dir erklären“, fuhr der Abt fort. „Das erſte

Aus dem Kloſterleben. 13

Pfefferkorn ſind die langen Nachtwachen, das zweite iſt die Arbeit, das dritte aber der Umſtand, daß ſie nichts Beſſeres bekommen. Siehe, das ſind die drei Pfefferkörner, welche unſere Koſt ſo ſchmackhaft machen.“

11. Wie Godefrid, Mönch zu Dillers, in den Orden trat und von ſeinen Iffenbarungen.

Im Kloſter St. Pantaleon des ſchwarzen Ordens zu Köln lebte ein junger Mann, namens Godefrid, ausgezeichnet durch ſeine Reinheit, der nie den Brüdern Veranlaſſung zu Klagen oder Tadel gegeben hatte. Da jedoch die Schrift ſagt: „Wer ge⸗ recht iſt, werde noch gerechter, und wer heilig iſt, werde noch heiliger“, ſo erfaßte ihn mehr und mehr Sehnſucht nach himm⸗ liſcherem Leben; von der Überzeugung durchdrungen, er könne dies in dem genannten Orden nicht erreichen, kam er zu uns und bat demütig und inſtändig, in die Reihe der Unſerigen aufgenommen zu werden. Unſer Abt jedoch fürchtete, es liege dieſem Geſuch mehr Unbeſtändigkeit als wirklicher Beruf und Frömmigkeit zugrunde, und nahm ihn daher leider nicht auf. Nachdem er ſo bei uns eine Fehlbitte getan hatte, begab er ſich nach Villers, und hier wurde alsbald ſein Wunſch erfüllt.

Wie fromm, wie heilig, wie eifrig er dort im Orden geweſen iſt, das bezeugt Gott noch heute an den Reliquien des Seligen. Bei einem Beſuch, welchen unſer frühere Prior, Abt Karl von Villers, uns einſt machte, hatte er den verehrungswürdigen Mann bei ſich; und wie diejenigen, welche ihn geſehen, mir erzählt haben, war ihm von Gott eine ſolche Gnade der Inbrunſt wäh⸗ rend der Darbringung des hl. Meßopfers verliehen, daß ſeine Tränen reichlich auf ſeine Bruſt und auf den Altar floſſen. Er beſaß auch den Geiſt der Weisſagung, ſo daß er den Brüdern oftmals bevorſtehende Verſuchungen vorausſagte und ſie er⸗ mahnte, ſich dagegen zu ſtählen. Wie viele Tröſtungen, wie viele wunderbare Geſichte ihm zuteil wurden, weiß nur jener, der ſie ihm gewährt hat. Ich will nur mitteilen, was mir ein Mönch von Villers über ſie erzählt hat.

Als Godefrid einſtmals in der Küche die Woche hatte, mußte er dem Brauch nach am Sonnabend den Mönchen die Füße

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waſchen. Nach Beendigung der Komplet wollte er die Kirche ſchließen, denn er war auch Sakriſtan; ſiehe, da erſchien ihm, als er eben im Begriff war, ſich zur Fußwaſchung bereit zu machen, der Heiland mit einem linnenen Tuch und einem Schwamm in der Hand und ſagte: „Setze dich nieder, damit ich deine Füße waſche, wie du ſo oft die meinigen gewaſchen haſt!“ Erſchrocken weigerte ſich Godefrid; der Heiland aber drängte ihn, zu gehorchen, und wuſch ihm mit gebeugten Knien die Füße; dann verſchwand er.

An einem Montag nach Palmſonntag ſtand Godefrid einſt im Chor, und als der Konvent andächtig den Pſalm fang: „Meine Seele verlanget nach dir, o Gott“, ſiehe, da kommt die glor⸗ reiche und jungfräuliche Mutter des Herrn aus dem Presby⸗ terium, gibt, wie der Abt das Chor durchwandelnd, den Mön⸗ chen ihren Segen und geht zwiſchen den Stühlen des Abtes und des Priors hindurch auf das Chor der Laienbrüder zu. Godefrid geht ihr nach, um zu ſehen, wohin ſie verſchwindet, erblickt ſie jedoch nicht mehr. Am erſten oder dritten Tage nach⸗ her fing er an, ſich krank zu fühlen. Aber obſchon am Fieber leidend, blieb er doch bis Oſtern im Konvent, geißelte ſich noch den Rücken und wuſch mit den andern die hl. Tücher; endlich ſtieg ſein Leiden zu einem ſolchen Grade, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte.

Als er bereits im Sterben lag, ſagte um die Zeit des Mittag⸗ eſſens der ihn pflegende Bruder: „Ich mag nicht zum Eſſen gehen: Ihr könntet inzwiſchen ſterben.“ „Geh nur“, erwiderte ruhig der Sterbende, „ich werde dich vorher noch ſehen.“ Wäh⸗ rend der Bruder nun bei Tiſche ſaß, öffnete Godefrid die Tür des Refektoriums, blichte den Mönch an und ſegnete ihn; dann ging er zur Kirche. Betroffen fuhr der Bruder auf, weil er glaubte, der Kranke ſei auf wunderbare Weiſe geneſen. Da wurde die Tafel geklopft, und nun erinnerte er ſich, was ihm der Sterbende verſprochen hatte.

Als man den Leichnam wuſch, fand man den Rücken ſo gelb und blau von den vielen Schlägen ſeiner Geißel, daß alle ſtaunten. Neulich hat man auf eine Offenbarung hin ſeine Gebeine er⸗ hoben, und fie werden in der Sakriſtei als Reliquien aufbewahrt.

Aus dem Klofterleben. 15 12. Wie ein Saienbruder zu Coccum Thriſtum mit fünfzehn Brüdern in der Luft am Rreuze hängen Jah.

Zu Loccum lebte, wie ich vom dortigen Mönch Adam erfahren habe, ein guter und gewiſſenhafter Laienbruder namens Rudolf, dem von oben manches offenbart worden iſt. Als er in einer Nacht nach Beendigung der Matutin, noch bevor der Tag angebrochen, ſich im Freien beſand und einige Gebete verrichtete, ſah er Chriſtum hoch in der Luft am Kreuze hängen und um ihn fünfzehn ebenfalls gekreuzigte Männer. Zehn da⸗ von waren Mönche, fünf Laienbrüder, aber alle Rudolf wohl⸗ bekannt, da ſie ſeiner Kongregation angehörten. Die Luft glänzte infolge der Gegenwart Chriſti in ſolcher Helle, daß er die einzelnen leicht unterſcheiden konnte. Erſtaunt betrachtete er die ſo wunderbare Erſcheinung, der Herr aber rief vom Kreuze herab: „Weißt du, Rudolf, wer diejenigen find, die um mich. am Kreuze hängen?“ „Ich kenne ſie wohl, Herr“, antwor⸗ tete der Laienbruder, „ich weiß jedoch nicht, was die Erſchei⸗ nung bedeuten ſoll.“ Da ſprach der Herr: „Dieſe ſind von der ganzen Kongregation die einzigen, die mit mir gekreuzigt ſind, indem ſie ihr Leben nach meiner Paſſion eingerichtet haben.“ Alle fünfzehn leben noch bis auf einen, der bereits im Herrn entſchlafen iſt. Sie haben aber ihr Leben nach Chriſti Paſſion eingerichtet durch Gehorſam, Abtötung, Demut, Verzicht auf jegliches Eigentum und auf den eigenen Willen. Das und ähnliches macht ja die Mönche zu Martyrern.“

13. Wie ein Saienbruder vom Teufel der Boffart verſucht wurde, das Rloffer zu verlaſſen, aber durch einen Engel von der Derſuchung befreit wurde.

Zu Himmerod war ein Laienbruder aus Köln namens Liffard, ein ziemlich demütiger und ſanfter Mann. Sein Dienſt war, die Schweine des Kloſters zu hüten. Gegen Ende ſeines Lebens aber wurde er, wie mir der damalige Herr Abt Hermann erzählt hat, vom Geiſte der Hoffart ergriffen. Obwohl ſchon alt und in ſeinem Dienſte ergraut, fing er an, bei ſich zu er⸗ wägen: „Was treibe ich hier? Ich gehöre einer guten Familie

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an, aber wegen dieſes gemeinen Dienſtes verachten mich alle meine Freunde. Ich werde ſie jedoch nicht länger damit ärgern, daß ich in dieſem Hauſe Schweinehirt bin; gibt man mir keinen andern Dienſt, ſo gehe ich fort.“ Nicht länger imſtande, der Verſuchung zu widerſtehen, faßte er den Entſchluß, ſchon am nächſten Morgen ſein Vorhaben auszuführen. In der Nacht aber, als er auf feinem Lager noch wachte, erſchien ihm eine Perſon von Ehrfurcht gebietendem Außeren und gab ihm mit der Hand ein Zeichen, ihr zu folgen. Liffard erhob ſich alsbald, legte ſeine Schuhe an und folgte der Erſcheinung. Die Türe des Dormitoriums öffnete ſich wie auf göttlichen Wink; ebenſo ging es bei der Pforte der Kirche; ſie traten ein und gingen mitten durch das Chor der Laienbrüder. Der Führer drängte durch Zeichen und Winke, und Liffard mußte ihm unwillkürlich folgen. Als er ſich vor dem Altare des hl. Johannes des Täufers tief verneigte, tat es auch der Führer. „Das war recht, daß du dich ſo tief verneigt haſt“, ſagte er dann. Als ſie zur Südpforte kamen, welche in das Kloſter führt, ſahen fie auch dieſe geöffnet und ebenſo die Türe, durch welche man auf den Kirchhof gelangt. Alle dieſe Zugänge aber werden ſonſt bei Nacht ſorgfältig verriegelt und verſchloſſen. Bruder Liffard ver⸗ wunderte ſich über alles das nicht wenig, wagte jedoch nicht, jeinen Führer zu fragen: „Wer bift du, und wohin führft du mich?“ Kaum aber hatten ſie den Kirchhof betreten, ſo öffneten ſich plötzlich alle Gräber. Der Führer brachte ihn vor das Grab eines erſt vor kurzem Verſtorbenen und ſagte: „Siehſt du dieſen Menſchen? Bald wirſt du ſein, wie er wohin willſt du nun gehen?“ Als er ihn noch zu anderen entſtellten und übel⸗ riechenden Leichen bringen wollte, widerſetzte ſich der Bruder und rief: „Verſchonet mich, o Herr, verſchonet mich! Ich kann den Anblick nicht mehr ertragen.“ Da erwiderte der andere: „Kannſt du nicht anſehen, was du ſelbſt in kurzem ſein wirſt? Warum willſt du denn um eines bißchen Hoffart willen den Hafen deiner Seligkeit verlaſſen? Willſt du, daß ich dich ver⸗ ſchone, ſo verſprich mir, in dieſem Hauſe zu bleiben!“ Liffard verſprach es. Sofort ſchloſſen ſich die Gräber, und es ſchloſſen ſich auch hinter ihnen die einzelnen Pforten. Als ſie wieder an

Seliges Sterben im Orden. 17 dem Altare der Laienbrüder vorüberkamen und der Bruder ſich wieder verneigte, belobte ihn der Führer abermals und legte ſo an den Tag, wie ſehr Gott ſolche Ehrfurchtsbezeugungen ge⸗ fallen. Nachdem ſie den Schlafſaal betreten hatten, ſchloß ſich auch hier die Türe; ſobald ſich jedoch der Bruder auf ſein Lager geſtreckt hatte, verſchwand die Erſcheinung, und von dieſer Stunde an waren auch die Verſuchungen verſchwunden.

Il. Seliges Sterben im Orden.

14. Dom Code des Prieſters Meiner zu Dimmerod.

Einſt fand im „Kloſter“ ein großes Sterben ſtatt, indem ſich der Herr diejenigen erlas, welche ein beſonders heiliges Leben empfahl, wie Tauben ausgewählt werden, die ſich von beſſeren Körnern genährt haben. Unter dieſen Erleſenen befand ſich auch ein Prieſter namens Meiner, ehedem Stiftsherr an der St. Simeons kirche zu Trier, und ſeiner Zeit durch die heilſame Mahnung des hl. Bernhard beſtimmt, in den Orden zu treten. Mehr als dreißig Jahre hatte er darin gewirkt und war nach vielen Mühſeligkeiten zu einem hohen Gipfel der Heiligkeit gelangt. Nachdem man ihn ſeiner Tüchtigkeit wegen zu den verſchiedenſten Amtern berufen hatte er war nämlich Prior, Kellner, Oko⸗ nom und Novizenmeiſter geweſen und hatte alle dieſe Stellen tadellos verwaltet erkrankte er ſchwer, und heftige Schmerzen ſagten ihm, daß ſein Ende bevorſtehe. Da der Abt ſah, wie er litt, wies er ihm ein abgelegenes Gebäude zum Aufenthalte an und beſtimmte vier Perſonen zu ſeiner Pflege. Die Stille und Einjamkeit taten zwar Herrn Meiner wohl, aber er trauerte doch über die ihm erwieſene Ehre und ſagte zum Abt: „Dieſe Brüder ſind ermüdet durch Nachtwachen und Arbeiten, und mir ſind ſie nicht notwendig. Ich liebe die Einſamkeit und bin nie we⸗ niger allein, als wenn ich allein bin; denn nie iſt derjenige allein, welchem Gott Herr und Hüter iſt. Mag ich auch des Dienſtes der Menſchen entbehren, ſo wird mir doch, wie ich überzeugt bin, der Schutz des Himmels nicht fehlen.“ Und als der Abt wegging, ohne ſolchem Begehren Folge zu leiſten, befahl

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18 Seliges Sterben im Orden.

Meiner ſelbſt den Brüdern, wegzugehen und das Licht auszu⸗ löſchen. In demſelben Hauſe verſammelten ſich auf Befehl des Priors diejenigen, welchen zur Ader gelaſſen war, zu den Horen, und weil es Winter war, wurde Feuer angemacht. Nach der Matutin beſuchte der Prior den Kranken, und auch die Brüder fanden ſich an ſeinem Bette ein. Da ſprach er zu ihnen: „Die ganze Nacht war bei mir ein Feſt. Beſäße ich hundert Zungen, ich könnte meine innere Freudigkeit nicht beſchreiben. Ich ſah das göttliche Licht, hörte die göttlichen Harmonien, vernahm die Chöre der himmliſchen Sänger. Ach, wie rhythmiſch, wie deut⸗ lich und würdig haben ſie geſungen! Es waren zwar viele und verſchiedene Stimmen, aber wie auf der Zither die ver⸗ ſchiedenen Saiten doch nur eine Harmonie hervorbringen, ſo klang auch jene vielſtimmige Einheit zu einer Melodie harmoniſch zuſammen, die über alle menſchlichen Begriffe entzückend ſchön war. Während tiefe Stimmen begleiteten, ſangen Knaben die Melodie in der Oktav. Die menſchliche Schwäche vermag es nicht, die Süßigkeit ſolcher Muſik ihrem vollen Werte nach zu ſchätzen.

Als ich hierüber in Staunen und höchſtes Entzücken ge⸗ raten war, ſtand plötzlich jemand vor mir in Ehrfurcht gebietender Tracht und ſagte: „„Worüber ſtaunſt du? Dies iſt das Lob des göttlichen Wortes.“ Dann geſellte auch er ſich zu den Sängern und ſang ſelber kräftig mit. Hierauf wurde mir noch ein lieb⸗ liches Schauſpiel zuteil: ich ſah über mir eine prächtige Straße, welche von der Erde zum Himmel führte; plötzlich betrat ſie einer aus der Mitte der Unſerigen; jubelnd und preiſend, von einer Schar Engel begleitet und ohne jegliche Gefährde wurde er in den Himmel aufgenommen. Der Name dieſes Bruders iſt mir nicht genannt worden.“ Augenſcheinlich hat er mit jenem Bruder ſich ſelbſt in zarter Weiſe bezeichnet und klar angedeutet, daß er, obgleich vom Tode überraſcht, ohne Gefahr hinübergehen würde aus den Bedrängniſſen zur Herrlichkeit, aus dem Tod zum Leben, aus der Welt zu Chriſto, dem Ehre und * gebührt in alle Ewigkeit. Amen.

Seliges Sterben im Orden. 19

15. Dom Tode des Gakrijtans Jjenbard.

In demſelben Klofter erkrankte der Prieſter Iſenbard, der Sakriſtan der Kirche, ein Mann, welcher mehr als dreißig Jahre im Orden gewirkt hatte. Als er nun ſeinem Ende entgegen ging, hörten ihn ſeine Pfleger, die bei ihm wachten, um Mitter⸗ nacht leiſe mit ſich ſprechen. In der Furcht, er könne, wie Sterbende öfter zu tun pflegen, irre reden, legten ſie ihr Ohr an den Mund des Kranken, vernahmen jedoch nur erhabene und erbauliche Worte über die Herrlichkeit des Himmels und die unausſprechliche Freude der Seligen. Da fie es für angezeigt erachteten, einen geeigneten Zeugen für dieſe Mitteilungen herbei⸗ zuholen, gaben ſie dem Abt Kunde hiervon. Obwohl dieſer ſelbſt erkrankt war, folgte er doch alsbald ihrem Rufe. Eben war die Uhr abgelaufen. Hiervon nahm der Sterbende Veranlaſſung, alſo zu ſprechen: „Ach, welch eine ſchöne Nacht habe ich durchlebt! Welch ein herrliches Schlagwerk habe ich aufgezogen! Welch eine ſüße und liebliche Muſik habe ich gehört! Ich war bei den Chören der Engel: ach, wie harmoniſch, wie entzückend haben ſie geſungen! Unſer Geſang leidet an Mißklängen, an Unluſt, an Läſſigkeit drüben iſt alles weit anders. Unermüdlich ſind ſie in ihren Lobgeſängen; je mehr ſie lobpreiſen, um ſo mehr ſteigert ſich ihre Luſt daran; und dieſes unaufhörliche Preiſen des Schöpfers erhöht in unausſprechlicher Weiſe die Süßigkeit der Ruhe, welche ſie genießen. Dort ſah ich auch Leute unſeres Ordens viele andere an Würde und Gnade überragen. Je mehr man ſich nämlich hier demütigt und um Chriſti willen mit Ge⸗ ringem begnügt, um ſo glorreicher jubelt man dort, deſto größer iſt die Fülle des Troſtes. Ihr Antlitz ſtrahlt, ihre Haltung iſt erhaben, ihre Gewänder ſind herrlich. Ich verkehrte in vertrau⸗ lichſter Weiſe mit ihnen, und ihr freundſchaftliches Geſpräch er⸗ quickte mich. Dort erſchienen mir auch unſere Brüder, Herr Prior Werner und Herr Michael und Herr Arnold und Herr Kuno, endlich der an Ehren noch höher ſtehende Herr David, alle in blendend weißen Gewändern, deren Glanz wie der Blitz⸗ ſtrahl für meine Augen zu ſtark war. Entzückt über die Herr⸗ lichkeit dieſer Gewänder, fragte ich beſorgt, ob wohl auch mir

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ein ſolches zuteil werden würde? Und ſie antworteten: „„Wer tadellos lebt, darf auf ein ſolches Gewand hoffen; wer ſich aber ein Vergehen zuſchulden kommen läßt, auf deſſen Kleide wird ſich ein Flecken zeigen; ein reines Kleid wird alſo nur derjenige tragen, welcher ſich ſelbſt von Flecken rein gehalten hat.““ Ich fragte: „„Was ſind das für Flecken?““ Sie entgeg⸗ neten: „„Murren, Zerſtreutheit, Neid, Läſſigkeit, und was die Reinheit des Herzens trübt und befleckt. Die ſolches ſich zu ſchulden kommen laſſen, bringen Flecken in die Reinheit ihres Gewandes. Du aber wirſt für deine vielen Mühen und deinen tadelloſen Lebenswandel ein ähnliches Gewand erhalten.““ In⸗ folge der langen Rede war ſein Gaumen trocken geworden und ſeine Kraft erſchöpft; das Wort verſagte ihm. Nachdem man ihm Waſſer eingeflößt hatte, kam er wieder zu ſich und verſuchte weiter zu reden. Zur Freude ſeiner Zuhörer fuhr er fort: „O, daß mich doch der Herr ſo lange leben ließe, bis ich euch, ihr Herren, alles, was Gott mich ſehen ließ, vollſtändig erzählt hätte! Ach, welch ein Bote der Freude würde ich ſein! Wieviel Wonniges, wieviel Staunenswertes könnte ich erzählen, das ich geſehen, gehört und empfunden habe, was alles Gott denen bereitet hat, die ihn lieben und in ſeinem Lobe wach find!" „Bruder“, fiel hier der Abt ein, „wie haſt du dieſes alles ge⸗ ſehen?“ „Viermal“, erwiderte der Sterbende, „wurde ich in dieſer Nacht vor Gott entrückt; meine Bruſt öffnete ſich, und meine Seele wurde hinausgeführt, und ſofort befand ich mich unter den Chören der Engel und ſah unſere liebe Frau in ihrem höchſten Glanze, umgeben von vielen heiligen Jungfrauen, und fie verſprach mir ihre Hilfe in Bedrängniſſen und Nöten; ich ſah auch den hl. Michael, wie er in Begleitung zahlreicher Engel bereit war, mir beizuſtehen. Seinem Altar und feinem Gedächt- niſſe pflegte ich nämlich immer die gebührende Ehre zu erweiſen. Eine Menge Perſonen, welche mir früher nie zu Geſichte ge⸗ kommen waren, habe ich ſofort erkannt.“ Aufs neue an Geiſt und Kräften ſchwächer geworden, hörte er wieder auf zu ſprechen; die Umſtehenden drängten ihn, etwas Kräftigendes zu ſich zu nehmen, und dieſes koſtend, ſagte er: „O wie ſüß iſt der Herr denen, welche ihn koſten! O wie reichlich ſtrömt die Fülle ſeiner

Seliges Sterben im Orden. 21

Lieblichkeit, wie groß und überſtrömend an allen Wonnen: mit denen er mich in dieſer Nacht zu erquicken geruht hat! O dieſe Süßigkeit, dieſe lieblichſte, wünſchenswerteſte, köſtlichſte Süßigkeit! Wie eigenartig iſt ſie, wie herrlich, wie unausſprech⸗ lich! Im Innerſten meines Herzens fühle ich ſie noch, kann ſie aber nicht mit Worten ſchildern; was ich empfinden konnte, vermag ich nicht auszuſprechen: die Größe des Genuſſes über⸗ wältigte mich. Gegen eine ſolche Erquickung iſt diejenige, welche ich ſoeben von euch empfangen habe, nichts. Dieſe gewährt nur eine geringe, vorübergehende Kräftigung; jene erquickt und ſättigt für alle Ewigkeit. O wie glücklich ſind die, welche ſie immer genießen!“ Auf Befehl des Abtes wurden einige No⸗ vizen herbeigerufen, die vordem in der Welt berühmt geweſen waren, da ſie ſich im Kriege ausgezeichnet hatten. Alſo ſprach er ihnen Troſt ein: „In Wahrheit, ihr ſeid glücklich, daß ihr von eurem eitlen Treiben weggerufen worden ſeid, um dereinſt oben bei den Gerechten euere Wohnung zu finden. So ihr ausharrt, iſt euer Heil geſichert. Herr David betet unaufhörlich und inſtän digſt zum Herrn für euch, damit ihr dasjenige, was ihr zu eurem Heile begonnen habt, auch einem glücklichen Ende zuführet.“ Von einem von ihnen, den er mit Namen nannte, ſagte er, er würde den Pforten des ewigen Todes nicht entgangen ſein, wenn er nicht in die Pforten des Kloſters ein⸗ getreten wäre. Es wurden auch Gäſte herbeigerufen, die ſich des Eintrittes in den Orden wegen dort aufhielten, jedoch, all⸗ zuſehr in der Liebe zum Weltlichen befangen, ſich noch nicht entſchließen konnten, den letzten, ſchweren Schritt zu tun. Ver⸗ trauensvoll nahten fie ſich dem Manne Gottes und bekannten ihm die Schwankungen ihrer Seelen; das Wollen des Guten ſei zwar vorhanden, aber noch nicht das Vollbringen, ſie baten ihn, ſie durch ſeine Fürbitte zu unterſtützen, damit ſie ſich im Guten befeſtigten. Zu ihnen ſagte er: „Solang ihr noch im Herzen an der Welt hängt, könnt ihr Gott nicht vollkommen gefallen noch im Guten befeſtigt werden; denn euer Wille haftet noch am Böſen. Darum ſagt euch gänzlich von dem los, was ihr nicht zu eurem Frommen liebt, und die Gnade unſeres Heilandes wird euch nicht fehlen! Hättet ihr geſehen, was ich

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geſehen, ſo würdet ihr alle Herrlichkeit der Welt für nichts achten.“ Manche erkundigten ſich noch nach Einzelheiten: der eine nach ſeinem Vater, ein zweiter nach einem Bruder, ein dritter nach ſeinem künftigen Zuſtand, ein vierter nach ſeinem jetzigen; der Mann Gottes wußte für jeden eine ſolche Antwort zu geben, daß er ſich als Offenbarer von Geheimniſſen und als Gewiſſens⸗ kundiger bewährte.

Auf den Ruf Gottes löſte ſich endlich feine heilige Seele vom Leibe, um nicht mehr zu den Schmerzen des Körpers zurückzukehren, ſondern um, wie wir glauben, mit dem Glanze der Unſterblichkeit bekleidet und durch die Süßigkeit der ewigen Freuden erquickt zu werden.

Dieſe beiden letzten Geſchichten und die drei folgenden fand ich durch jemand aufgezeichnet, der ausdrücklich erklärt, er habe das Erzählte gehört und geſehen; ich wollte aber dieſe Aufzeich⸗ nungen nicht untergehen laſſen. Es gibt übrigens auch andere und zwar noch lebende Zeugen dafür.

16. Dom Tode des Mönches Giger.

In demſelben Klofter lebte ein junger Mönch und Prieſter Giger, ein großer Freund des Ordens, der feinen Leib ftreng kaſteite und ſich auch in anderen Tugenden übte. Er war ein eifriger Verehrer der Mutter Gottes und bemühte ſich, auf jede Weiſe auch andere für die gleiche Verehrung zu gewinnen. Als nun die Stunde feines Heimganges herbeikam, indem er krank und äußerſt ſchwach geworden war, hatte ein Laienbruder, welchen Gott häufig mit geheimen Tröſtungen begnadigte, folgendes Geſicht. Es ſchien ihm, als ſei die Totentafel geklopft worden, und er beeile ſich, dem ſterbenden Bruder in deſſen letzten Augen⸗ blicken beizuſtehen. Da war es ihm, als durchſchreite er einen wunderbaren Palaſt, und in demſelben erblickte er eine ehrfurcht⸗ gebietende Frau; aus ihrem Antlitz leuchtete himmliſche Güte, und ihr Gewand glänzte weißer denn Schnee. Er heftete ſeine Augen auf dieſe Erſcheinung und war ſofort gewiß, ein himm⸗ liſches Weſen vor ſich zu haben. Ohne Furcht, die Erſcheinung zu beleidigen, indem gerade das Himmliſche an ihr ihm Mut

Seliges Sterben im Drden. 23

einflößte, ging er auf ſie zu und redete ſie vertraulich an: „Liebſte Herrin, was führt dich zu uns, da es doch Frauen nicht er⸗ laubt iſt, zu uns einzutreten?“ „Wenn ich in dieſes Haus eintrete, bin ich vollſtändig in meinem Rechte: ich beſuche meine Freunde und Hausgenoſſen.“ In frommer Sorge um ſeine Brüder fuhr jener fort: „Siehe, nacheinander ſterben ſo viele unſerer Brüder von uns weg: Jünglinge, Greiſe und Männer im beſten Alter, ohne jedes Anſehen der Perſon; was ſollen wir da machen?“ „Was ihr da machen ſollt?“ entgegnete jene. „Ihr ſollt das Te deum laudamus ſingen!“ Sie ſagte noch anderes, aber als ſchlichter und wenig gelehrter Mann hat er nichts weiter behalten. Nun aber ſchlug man wirklich die Tafel, und das vorbedeutende Geſicht war verſchwunden. Wir glauben: die h. Mutter Gottes hat als Mutter der Barmherzig⸗ keit ihren Getreuen im Tode nicht verlaſſen und ihm ein Zeichen ihrer Anweſenheit geben wollen.

17. Dom Tod eines jungen Saien, mit dem Eugel redeten.

Um die Zeit, da der Mönch Siger ſtarb, kam ein junger Laie zum „Kloſter“ und bat um Aufnahme. Er war rein dem Verderben der Welt entronnen und hatte ſein Fleiſch unbefleckt erhalten, was eine große Wohltat der göttlichen Erbarmung iſt. Aber kaum hatte er ſich dem Kapitel vorgeſtellt, da wurde er von einer ſchweren Krankheit ergriffen und erhielt die letzte Olung. Während dies geſchah, verſchied ein anderer, und ſämt⸗ liche Konventualen, auch die Krankenwärter, wohnten der Be⸗ ſtattung bei. Da hörte jener Jüngling, wie Chöre von Engeln bei derſelben mitwirkten, und er erfreute ſich höchlich an der Süßigkeit ihres Geſanges. Es traten aber einige von ihnen zu ihm und redeten ihn an: „Was ſagſt du hierzu, Freund? Möchteſt du nicht in gleicher Weiſe zu uns gelangen?“ „Ich wünſche von ganzem Herzen“, erwiderte er, „der bal⸗ digen Auflöſung entgegen zu gehen und bei Chriſto zu ſein.“ „Halte dich bereit“, ſagten darauf die Engel; ene die “r quien vorüber find, wirft du mit uns gehen.“ a

24 Seliges Sterben im Orden.

Der Jüngling, der bei dieſer Verheißung die Anfänge der künftigen Freuden im Herzen bereits vorempfand, erzählte wohl⸗ gemut und heiter dem zurückkehrenden Krankenwärter, was ſich inzwiſchen mit ihm zugetragen hatte. „Legt die Matte hin“, fügte er hinzu, „laßt die Tafel klopfen und bereitet möglichſt raſch alles vor, denn ich gehe jetzt zum Herrn!“ So geſchah es auch.

Ein anderer Kranker, der ihm zunächſt lag und nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt war, hat es gehört, wie die Engel mit ihm redeten, und iſt dafür noch heute ein zu⸗ verläſſiger Zeuge, deſſen Ausſage durch ein löbliches Leben be⸗ glaubigt wird.

18. Dom Tode des Bruders Hildebrand, deſſen Seele in Geſtalt eines Jchönen Nuaben emporgetragen wurde.

Als Bruder Hildebrand im Sterben lag, eilte der Konvent auf das Klopfen der Tafel herbei. Während man den Ster⸗ benden umgab und die üblichen Bräuche vornahm, wurde ein Bruder, der dabei war, folgenden Geſichtes gewürdigt. Siehe, es kam noch ein zweiter Konvent weißgekleideter Männer; der⸗ ſelbe holte von dem Platze, wo der Sterbende lag, einen ſehr ſchönen Knaben hinweg und verſchwand mit ihm unter Jubelgeſängen. So wurde das Doppelweſen dieſes glücklichen Bruders durch einen doppelten Konvent heimgeführt: die Seele durch den Konvent der dazu erſchienenen Weißgekleideten zur ewigen Ruhe, der Leib durch einen Konvent ſolcher, die dereinſt zu jenen Weißgekleideten gehören werden, in die Kirche; beide aber ſangen dabei Gottes Lob, wenn auch in verſchiedener Weiſe.

19. Dom Tode des Zaienbruders Mengoz, der auf Befehl des Abfes Bifilberf wieder lebendig wurde. In demſelben Kloſter befand ſich ein Laienbruder namens

Mengoz, ein ſchlichter, frommer Mann, der in der Konvents⸗ küche Dienſte verrichtete. Da geſchah es einſt, daß er mit einem

Seliges Sterben im Orden. 25

jungen Mönche, der die Woche hatte, Holz ſpaltete, und da Mengoz den Fuß etwas unvorſichtig vorſtellte, hieb ihm jener denſelben entzwei. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, und weil ſeine Schmerzen übermäßig groß waren, gab man ihm die h. Olung. Es war gerade die Zeit des Generalkapitels. Da ſagte Herr Abt Gifilbert ſeligen Andenkens zu ihm: „Bruder Mengoz, du darfit jetzt nicht ſterben, ſondern wirft meine Rück⸗ kehr abwarten!“ „Liegt es an mir“, erwiderte der Kranke, „fo werde ich es tun.“ „Ich befehle es dir“, ſchloß der Abt, reifte zum Kapitel und blieb ziemlich lange aus. Als er heim⸗ kehrend an die Kloſterpforte kam, klopfte man die Tafel und läutete die Glocke. Er erkundigte ſich, für wen, und der Pförtner erwiderte: „Für Bruder Mengoz.“ „Mit dem hab' ich doch noch zu ſprechen“, verſetzte der Abt, als er jedoch ins Krankenhaus kam, war Mengoz bereits verſchieden. Da beugte er ſich über ihn und rief mit lauter Stimme: „Bruder Mengoz!“ Aber es war weder Stimme noch Atem mehr in ihm; und als der Abt nochmals: „Bruder Mengoz, Bruder Mengoz!“ rief, ſagte der Prior: „Herr, müht Euch nicht ab, er iſt tot!“ Da lehnte ſich der Abt dicht an das Ohr des Toten: „Ich hatte dir befohlen, nicht eher zu ſterben, bis ich zurückgekommen ſei. Ich befehle dir nochmals, dich zu verantworten.“ Auf dieſes Wort öffnete jener, wie aus einem tiefen Schlaf erwachend, die Augen und ſeufzte ſchwer auf: „Ach, Vater, was haſt du mir angetan! Mir war ſo wohl warum rufſt du mich zurück?“ „Wo biſt du geweſen?“ „Ich war im Paradieſe, und es war mir ein goldener Sitz bereitet zu den Füßen der h. Jung⸗ frau, und als Ihr mich zurückrieft, kam unſer Sakriſtan Herr Iſenbart, zog mich weg von dieſem Sitze und ſagte: „Hier iſt noch nicht der Platz für dich; ungehorſam gegen deinen Abt biſt du hierher gekommen: kehre zurück zu ihm!“ Und fo bin ich zurückgekehrt; es iſt mir jedoch verſprochen worden, man wolle jenen Sitz für mich aufbewahren.“ Er bezeugte auch, er habe Herrn David dort geſehen und manche andere unlängſt dort Verſtorbene; einige würden binnen dreißig Tagen aus dem Fegfeuer erlöſt werden. Nachdem er dieſes und noch an⸗ deres erzählt hatte, bat er um die Erlaubnis, zurückkehren zu

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dürfen. Der Abt ſagte: „Nun fahre hin in Frieden!“ und ſeg⸗ nete ihn. Bei dieſen Worten ſchloß er die Augen und verſchied.

20. Don der Baud eines Schreibers zu Arnsberg.

Zu Arnsberg, in einem Prämonſtratenſer⸗Kloſter, lebte, wie ich von einem Prieſter dieſer Kongregation gehört habe, ein Schreiber namens Richard, von Geburt ein Engländer. Dieſer hatte in dem Kloſter viele Bücher mit eigener Hand geſchrieben, den Lohn erſt im Jenſeits erwartend. Als er ſtarb, wurde er an einer leicht kenntlichen Stelle beigeſetzt. Nach zwanzig Jahren öffnete man ſein Grab, und da fand man ſeine rechte Hand ſo unverſehrt und friſch, als ob ſie von einem lebenden Körper abgeſchnitten wäre, während das übrige Fleiſch ſchon vermodert war. Als Zeugnis für dieſes Wunder bewahrt man die Hand noch heute in jenem Kloſter auf.

Il. Fromme Einfalt in der Welt.

21. Aus dem Leben des blinden Engelbert.

Vor einigen Jahren ſtarb ein Mann von heiliger Einfalt namens Engelbert, der aus der Gegend von Zülpich ſtammte. Blindgeboren, war er um verſchiedener Gaben willen, mit welchen die göttliche Gnade ſeinen inneren Menſchen geziert hatte, weit⸗ hin bekannt und von vielen und hohen Perſonen beiderlei Geſchlechts verehrt. Sommer und Winter ging er in einem einfachen Mantel und Gewande barfuß einher und beſuchte ſo oft, von einem Knaben geleitet, weit entfernte Stätten der Hei⸗ ligen. Niemals genoß er Fleiſch, auch bediente er ſich keines Bettes, ſondern lag bei Nacht auf einer Lage Stroh oder Heu.

Als er einmal in ſeiner Jugendzeit im Hauſe einer wohl⸗ habenden Tante mit ihren Dienern ſich zur nächtlichen Ruhe begeben hatte, brachen in der erſten Hälfte der Nacht zwei Diebe ein, die ein Loch in die Mauer gebrochen hatten. Nachdem ſie das Feuer wieder angefacht und Licht daran entzündet hatten,

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öffneten ſie die Kiſten und redeten dabei miteinander ganz ſorg⸗ los und ohne Scheu. Als Engelbert ſie gehört, merkte er gleich, daß es Diebe ſeien, und da er die auf beiden Seiten des Ge⸗ machs ſchlafenden Knechte nicht wach bringen konnte, bewaffnete er fich mit einem dicken Knüttel. Da er jedoch als Blinder die Einbrecher nicht ſehen konnte, verfolgte er ſie mit Gottes Hilfe dem Gehör nach, und indem er feinen Knüttel ſchwang und damit, einem Naſenden gleich, um ſich ſchlug, verfolgte er ſie bis an jenes Loch und vertrieb ſie aus dem Hauſe; dann legte er eine Leiter vor dieſe Offnung. Jene waren anfangs in hohem Grade verdutzt; da ſie aber merkten, daß er allein wach ſei, beſchloſſen ſie, den Verſuch noch einmal zu wagen. Als Engelbert dies an der Bewegung der Leiter merkte, legte er das eine Ende derſelben auf eine in der Nähe befindliche Kornkiſte, das andere aber hielt er mit beiden Händen feſt. Nachdem die Diebe bis zu den Hüften hereingekrochen waren, ließ Engelbert die Leiter auf ſie fallen und preßte ſie mit der⸗ ſelben ſo gewaltig, als wenn ſie unter einer Kelterpreſſe lägen, ſo daß ſie weder vorwärts noch rückwärts konnten. Da ſie nun fürchteten, am Morgen gefangen genommen zu werden, flehten ſie um Gnade. Nachdem ſie einen ſchweren Eid geleiſtet, Engelbert niemals etwas zu leide zu tun, auch das Haus nie wieder betreten zu wollen, wurden ſie von ihm freigelaſſen. Nach vielen Jahren kamen dieſelben Diebe, durch den Ruf und die Tugenden Engelberts angezogen und, wie ich vermute, durch ſeine Gebete bußfertig geworden, noch einmal zu ihm, gaben ſich ihm zu erkennen und führten ſeitdem ein tugendhaftes, frommes Leben. Über dieſes Wunder und die fernern, die ich noch erzählen werde, und die mir durch andere Perſonen mit⸗ geteilt worden ſind, habe ich ihn ſelbſt befragt, und er hat mir in ſeiner ſchlichten Einfalt bezeugt, daß alles ſo geſchehen ſei.

Weil aber der Herr mit den Einfältigen redet, gab er ihm auch den Geiſt der Weisſagung, damit ihm der Verluſt des äußern Geſichtes durch die Klarheit des innern erſetzt werde. Einſt zur Herzogin von Sachſen, der frommen Gemahlin des Herzogs Heinrich, beſchieden, hat er ihr neben vielem andern auch vorausgeſagt, einer ihrer Söhne würde Kaiſer werden.

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Wir ſahen dies hernach in Otto (IV), dem Nachfolger Kaiſer Heinrichs (VI.), erfüllt. Als ſich dieſer einmal nach ſeiner Wahl in höchſter Bedrängnis befand und beinahe von allen verlaſſen war, da hat ihm jener Blinde Mut eingeſprochen, indem er ihm verficherte, alles würde ganz fo kommen, wie es Gott voraus⸗ beſtimmt habe.

Als Engelbert einmal durch eine Straße Kölns ging, be⸗ gegneten ihm mehrere Frauen dieſer Stadt, die zur Kirche wollten. Während ſie miteinander plauderten, rief Engelbert: „Bleibt doch einmal ſtehen, ihr Herrinnen!“ Sie blieben ſtehen, und er redete weiter: „Spreche doch die noch einmal, die ſoeben geſprochen hat!“ Da die Frauen nicht wußten, welche er meine, redete jede von ihnen ein paar Worte, während die andern ſchwiegen. Als die Reihe an Aſtrada kam, die heute Nonne zu Walberberg iſt, ſprach er, nachdem er ſie reden gehört, die prophetiſchen Worte: „Dieſe wird ſich mit ihrem ganzen Hauſe Chriſto weihen.“ Dies iſt bald nachher geſchehen, indem ſie mit Gatten, Sohn und Tochter dieſe iſt heute Abtiſſin des genannten Kloſters nebſt Knecht und Magd in unſern Orden getreten iſt. Häufig ſprach er über Seelenzuſtände, und niemals, wie behauptet wird, hat ihn der Geiſt des Irrtums oder die Schwäche des menſch⸗ lichen Geiſtes getäuſcht.

Als er im Sterben lag, ſagte feine Mutter unter heißen Tränen: „O liebfter Sohn, bald ſcheideſt du von mir und läßt mich in ſo ſchwerem Siechtum zurück!“ Er antwortete: „Mutter, die heilige Maria wird dich davon befreien.“ Und noch in der Stunde, in welcher er verſchied, war ſie von einem ſchweren Übel, an dem fie neun Jahre gelitten hatte, befreit.

22. Hus dem Leben des Herrn Ensfrid, Dechanten an der St. Andreaskirche in Nöln.

Ensfrid, Dechant zu St. Andreas, ſtammte aus dem Bistum Köln und war ein ſchlichter, gerader und durch Werke der Barm⸗ herzigkeit ausgezeichneter Mann. Gelehrigen Geiſtes und eifrig im Lernen, hatte er ſchon in frühen Jahren einen ſo guten Grund gelegt, daß er, wie ich von ihm ſelbſt gehört habe, bereits als

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junger Mann Schulen leitete und viele durch Wort und Beiſpiel nicht bloß im Lernen, ſondern, was mehr iſt, auch in tugendhaftem Lebenswandel unterwies. | Ä

Prieſter geworden, erhielt er die Kirche zu Siegburg, eine gute, mit reichlichem Einkommen verſehene Pfarrei, in welcher er ſein Können ſo recht betätigen konnte. Kein Fremdling blieb draußen: ſeine Tür war jedem Wanderer offen; er war der Vater der Witwen, der Tröſter der Waiſen, die Feile der Sünder.

Dann wurde er Stiftsherr und bald darauf Dechant an der St. Andreaskirche in Köln. Auch hier führte er ein tadelloſes Leben; beſonders zeichnete er ſich aus durch die Tugenden der Reinheit und Barmherzigkeit. In der St. Paulus⸗Pfarrei, die zu St. Andreas gehört, gab es keine arme Witwe, deren Häus⸗ chen er nicht kannte, die er nicht unterſtützte. Von ſeinem Tiſche wurde ſoviel Brot den Bettlern gereicht, foviel Geld wurde von ihm in der Schatzkammer Chriſti, d. h. in den Händen der Armen niedergelegt, daß ſich viele, die ſeine Einkünfte kannten, darüber verwunderten.

Als Ensfrid eines Tages nach der St. Gereonskirche ging, ich glaube zu einer Feſtlichkeit dieſes h. Märtyrers, verfolgte ihn ein Bettler mit ungeſtümem Geſchrei. Da der Dechant aber nichts bei ſich hatte, befahl er dem ihn begleitenden Schüler, eine Weile vorauszugehen; er ſelbſt aber begab ſich in einen Winkel bei der Kirche der h. Gottesgebärerin Maria, wo die Biſchöfe am Palmſonntag dem Volke den Ablaß zu erteilen pflegen, löſte, da er ſich keines andern Kleidungsſtücks entäußern konnte, ſeine Beinkleider und ließ ſie vor den Augen des Bett⸗ lers fallen. Dieſer hob ſie auf und eilte erfreut von dannen. Obwohl der heiligmäßige Mann dieſe mildherzige Handlung verbergen wollte, iſt ſie doch nach dem Willen Gottes auf den Leuchter geſtellt worden, um den Nachkommenden ein Beiſpiel zu fein. Vom h. Gereon heimgekehrt, ſetzte er ſich nämlich in die Nähe des Feuers; da er aber nicht, wie er ſonſt wohl pflegte, um ſich zu wärmen, fein Oberkleid aufhob, ſagte fein Neffe Friedrich, der Stiftsherr an derſelben Kirche war, zu ihm: „Hebt doch Euer Pelzwerk auf und wärmt Euch!“ Es war nämlich kalt, und Ensfrid war ſchon ein alter Mann. Als er erwiderte: „Es

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iſt nicht nötig“, fuhr jener fort: „Ich glaube wahrhaſtig, Ihr habt keine Hoſen an!“ er ſchloß das aus der Verlegenheit des Dechants; endlich bekannte dieſer, die Hoſen ſeien ihm ent⸗ fallen, und verſuchte auf ſolche Weiſe ſeine gute Handlung zu verbergen. Der andere lachte, und durch ihn wurde die Sache bekannt.

Wegen dieſes und ähnlicher Vorfälle behaupten manche, nie von einem Menſchen geleſen zu haben, welcher ſo mitleidig, barmherzig und gütig gegen die Armen geweſen ſei. Seine Keider verteilte er ohne Unterſchied an Bedürftige, und wenn er fror und ihm andere Kleider geſchickt wurden machte er es ſtets wieder ſo. Immer hatte er jenes Wort des Heilands im Herzen: „Gebet, und es wird euch gegeben werden!“ Der ehr⸗ würdige Pfarrer von St. Jakob, Herr Everhard, welcher mit Ensfrid ein Herz und eine Seele im Herrn war, hatte Mitleid mit ihm, und als er ihm einſt ein Kleid zu längerm Gebrauch ſchenken wollte, ſagte er daher: „Es iſt Euch aber nur geliehen.“

Bei einer gewiſſen Feſtlichkeit lud ihn Herr Adolf, damals Domdechant, nachher Erzbiſchof von Köln, einſt zur Tafel. Ens⸗ frid dankte jedoch, da er ſelbſt hohe Gäſte zu Tiſche habe. Als er nach ſeiner Meſſe heimeilte, bemerkte der Notar des Dom⸗ dechants, Godefrid, der mir den Vorgang ſelbſt erzählt hat, von einem Fenſter im obern Stockwerk der Pfaffenpforte (porta clericorum) aus, wie eine Schar von Armen dem Dechant folgte, darunter Lahme und Blinde; da ſie aber über die Steine in jener Straße nicht gut wegkommen konnten, reichte Ensfrid, obwohl ſelbſt bejahrt und kränklich, den einzelnen die Hand. Sofort rief Godefrid ſeinen Herrn ans Fenſter und ſagte: „Sehet da, Herr, das ſind die hohen Gäſte, welche der Dechant zu Tiſche geladen hat!“ Beiden gereichte dies zu N geringer Erbauung.

Aus ſeinen Einkünften unterhielt Ensfrid auch gottesfürchtige Perſonen, um an deren Verdienſten teil zu haben. Er pflegte aber die Armen die „himmliſchen Schätze“ zu nennen, „die weder durch Roſt noch durch Motten verzehrt und von keinen Dieben ausgegraben und geſtohlen werden.“ Arme Knaben mit ſchwä⸗

Fromme Einfalt in der Welt. 31 renden, vernachläſſigten Händen nahm er, wenn er allein ſpeiſte, an feinen Tiſch und mit ihnen aus derſelben Schüffel. Ein Bürger Kölns namens Lambert, der in ſeiner Nach⸗ barſchaft wohnte, war ſehr befreundet mit ihm. Als dieſer ein⸗ mal bei dem Notar Godefrid ſpeiſte und man ſich über die Wohltätigkeit des Herrn Ensfrid unterhielt, vernahm ich, wie Lambert ſagte: „Hört, wie er mich einmal bewirtet hat! Er hatte mich und meine Frau zum Eſſen eingeladen. Als wir nun mit ihm bei Tiſche ſaßen, warteten wir vergebens darauf, daß ein Gericht aufgetragen werde, denn wir hatten nichts weiter als Brot vor uns. Da ich aber ſeine Art und Weiſe kannte, rief ich einen feiner Diener zu mir und flüſterte ihm zu: „Sag mir, guter Freund, bekommen wir auch etwas zu eſſen?“ Er erwiderte: „Wir haben nichts mehr; es war hinlänglich für euch geſorgt, aber vor der Eſſensſtunde kam mein Herr in die Küche und verteilte, obwohl wir Einſprache erhoben, alles an: die Armen.“ Lachend ſchickte ich den Diener in mein Haus und ließ ſoviel Speiſen holen, wie für die Tiſchgeſellſchaft nötig war. Ein anderes Mal kam ich in feine Küche, als eine Anzahl Gänſe gebraten wurde; ich dachte ſchon bei mir: „Der Dechant hat heute einmal gut für feine Leute geſorgt.“ Als. aber die Gänſe fertig waren, erſchien er, zerlegte fie in Stücke, verteilte dieſe auf einzelne Schüſſeln und ſchickte alles an arme Witwen und ſonſtige Bedürftige.

Als er bei ſeiner Hinfälligkeit und ſeinem hohen Alter fühlte, daß die Stunde ſeines Todes herannahe, hatte er, damit ſeine arme Seele nicht beim Hingang durch weltlichen Beſitz beſchwert ſei, ſein Haus verkauft und den Kaufpreis eigenhändig unter die Armen Chriſti verteilt. Als der Käufer des Hauſes, Konrad, geiſtlicher Stiftsherr an St. Andreas, zu ihm ſagte: „Herr, ich möchte nun aber auch in den Beſitz des Hauſes gelangen“, er⸗ widerte Ensfrid in ſeiner Einfalt: „Lieber Konrad, ich bin ein hinfälliger Mann und ſterbe bald; warte nur noch eine kurze Weile, und du wirft das Haus ſchon bekommen! Wo ſoll ich inzwiſchen wohnen?“ Jener gute Mann machte aus der Not eine Tugend und wartete geduldig Ensfrids Hinſcheiden ab.

Von ſolcher Menſchenfreundlichkeit war der Selige, daß er:

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oft, wenn er in der Vorhalle der Kirche ſaß und arme Leute mit im Walde geſammeltem Moos und Reiſig vorübergehen ſah, ihnen dasſelbe abkaufte, nicht, weil er deſſen bedürftig war, ſondern um die Armen ihrer Laſt zu entledigen. So erzählte mir auch unſer Mönch Reiner, ehemals Scholaſtiker an St. Andreas: als einmal ein Armer in der genannten Vorhalle Wedel feilgeboten und keine Abnehmer gefunden, habe Ensfrid zu ihm geſagt: „Reiner, kauf doch dieſe Wedel!“ „Herr, ich brauche keine“, erwiderte Neiner. „So kaufe fie und verſchenke ſie an gute Freunde!“ Reiner kauſte ſie, weil er wußte, jenes Begehren entſpringe der Mildtätigkeit ſeines Dechants. So reich war ſein Herz an Barmherzigkeit, daß er nicht duldete und ſo viel wie möglich verhütete, daß jemand hart behandelt verde.

Niemals vergalt er Böſes mit Böſem, weil taubengleiche Einfalt in ihm wohnte. Wenn er aber auch, wie geſagt, eine wunderbare Barmherzigkeit beſaß, ſo brannte in ihm doch nicht weniger die Liebe zur Gerechtigkeit. Damit verband er großen Eifer für Zucht und Ordnung; bis auf unſere Tage hat die Zucht unter keinem Dechanten ſo geblüht wie unter ihm.

Noch in hoch vorgerücktem Alter, ja bis kurz vor ſeinem Tode unterließ er keine Woche den ihm obliegenden Dienſt. Beim Meſſeleſen mußte er ſich oft durch Freundesarme unter⸗ ſtützen laſſen. Verließen andere die Kirche, ſo blieb er meiſtens noch darin, ausgenommen wenn er zu Tiſche gehen mußte, und im Gebet vor dem h. Kreuzaltar verbrachte er Stunde auf Stunde.

Für öffentliche Büßer war er ſo zugänglich, daß er ſich in der Vorhalle zu ihnen ſetzte, ihre Urkunden prüfte, ihnen Troſt zuſprach und fie Bußgebete aufſchreiben ließ. Von ſolcher Demut war er, daß er, obwohl an Alter und Würde der erſte, im Chor faſt immer den letzten Platz einnahm. Seine Kleider waren äußerſt unſcheinbar und gering; nie trug er koſtbares graues oder buntes Pelzwerk, ſondern nur einfache Gewänder und Pelz⸗ werk von Schafswolle; von demſelben Stoffe war auch ſein Hut.

Am Vorabend von Chriſti Auferſtehung, als man, weil er den Wochendienſt hatte, auf ihn wartete, begannen plötzlich ſeine Kräfte ſo nachzulaſſen, daß man den obengenannten Reiner rief.

Eudariftifde Wunder. 33

Als diefer den Puls gefühlt, merkte er, daß der Tod vor der Tür ſtehe; er forderte ihn auf, ſich die letzte Olung geben zu laſſen, und flößte ihm etwas Stärkendes ein. Aber Ensfrid ſpie dies aus und ſagte: „Ich will im Konvente die Meſſe leſen.“ Hierauf erwiderte Reiner: „In dieſem Leben werdet Ihr keine Meſſe mehr leſen!“ Nunmehr ließ er ſich die h. Olung geben und ſang noch mit den Prieſtern Pſalmen und eine Litanei. Um die neunte Stunde gab er Chriſto ſeinen Geiſt zurück, damit er mit den Geiſtern der Gerechten vereinigt werde.

Nach ſeinem Tode fehlte es nicht an Zeichen. Ein Prieſter und Pfründner ſeiner Kirche namens Adam, welcher mir das Folgende ſelbſt erzählt hat, litt eines Tages an heftigem Kopf⸗ ſchmerz. Da begab er ſich zum Grabe des ſeligen Ensfrid und betete alſo: „Herr, um der Verdienſte dieſes Heiligen willen mäßige den Schmerz meines Hauptes!“ Und ſofort wurde er erhört: der krank gekommen war, ging geſund hinweg. Noch viele andere Wunderzeichen hat jener Gerechte gewirkt, die ich aber, um nicht weitſchweifig zu werden, mitzuteilen unterlaſſe.

IV. Euchariſtiſche Wunder.

23. Die ein Nitter durch die Rraft der h. Rommuniou in einem Zweikampfe ſiegte.

Ludwig, Graf von Looz, der Vater des jetzt lebenden Grafen, beſaß auch die Grafſchaft Rieneck. Ein ritterlicher Dienſtmann von guter Geburt benutzte ſeine Abweſenheit, ihm in dieſer Grafſchaft möglichſt Schaden zu tun: er eignete ſich gräf⸗ liche Güter zu und plünderte die Untertanen aus. Hierüber er⸗ grimmt, ſagte der Graf eines Tages zu einem Edlen, welcher ein Lehen von ihm beſaß: „Warum nehmt Ihr mir den Räuber nicht gefangen?“ „Ich würde ihn gefangen nehmen“, ent⸗ gegnete der Edele, „wenn ich ſicher wäre, daß Ihr ihn nicht am Leibe ſchädigtet.“ Der Graf ſagte dus zu, ließ jedoch mit tük⸗ kiſcher Spitzfindigkeit ein Grab maden und den gefangenen Ritter, in weiche Kleider gehüllt, bin inlegen; der Unglückliche

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34 Euchariſtiſche Wunder.

wurde dann mit Erde bedeckt und erſtichte. Die Verwandten des Gemordeten führten nun bei Kaiſer Friedrich (I.), dem Groß⸗ vater des jetzt regierenden Kaiſers, heftige Klagen wider jenen Edelmann, indem ſie behaupteten, derſelbe habe, durch den Grafen beſtochen, den Ritter ausgeliefert. Der Kaiſer geriet in Zorn und wollte eben das Strafurteil über den Unſchul⸗ digen ausſprechen, da ſtieg ein ehrbarer Ritter auf eine Bank und bat um die Erlaubnis, ſprechen zu dürfen; als er ſie er⸗ halten, ſagte er: „Herr, Ihr habt kaum die Hälfte der Sache gehört. Wäre der angeklagte Ritter hier zugegen, ſo würde er ſich ſchon zu rechtfertigen wiſſen.“ „Ich erlaube dir, ihn zu holen“, erwiderte der Kaiſer, und der Ritter holte den Edelmann. Nachdem ſich dieſer durch einen Anwalt verteidigt hatte, ant⸗ wortete der Kaiſer, noch durch die Gegner beeinflußt: „Das ſind nur Worte er wird ſeiner Strafe nicht entgehen.“ Da wider⸗ ſprach der Ritter, welcher den Edeln herbeigeholt hatte, indem er erklärte: „Herr, wenn Ihr ihm ein Leid zufügt, wird man fernerhin Euren Worten keinen Glauben mehr ſchenken.“ Hier⸗ durch umgeſtimmt, ſagte der Kaiſer: „So mag er denn für jetzt frei und ohne Strafe entlaſſen werden; wird er jedoch ſpäter von mir oder einem der Meinigen ergriffen, ſo muß er die Strafe für ſeinen Verrat erleiden!“ Als der Edelmann an das Tor des Palaſtes gekommen war, blieb er ſtehen und bedachte, daß Könige lange Arme beſitzen; er kehrte daher in den Ge⸗ richtsſaal zurück und ſprach: „Herr, ich vermag Eurer Hand nicht zu entgehen, ich vertraue jedoch auf meine Unſchuld und die Barmherzigkeit Gottes: ich bin bereit, mich ſofort zu ver⸗ teidigen, wie das Geſetz es vorſchreibt, und verzichte auf mein Recht als Edelgeborener.“ Da ſagte der Kaiſer: „Nun redeſt du wie ein wackerer Mann!“ Von den Gegnern wurde nun ein ſehr ſtarker Kämpe gewählt, der ihn in einem gerichtlichen Zweikampf beſtehen ſollte.

Am andern Morgen beichtete der Edelmann und empfing den Leib des Herrn; auf das h. Sakrament vertrauend, betrat er den Kampfplatz. Der Gegner, wie geſagt, ein ſehr ſtarker Mann, drang heftig auf ihn ein und trieb ihn hald hierhin, bald dorthin; als ſie aber in die Nähe des Kaiſers gekommen

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waren, da hörten dieſer und die anweſenden Fürſten, wie der Kämpe laut zum Edelmann ſagte: „Sprich, haſt du heute etwas genoſſen?“ „Jawohl, den Leib des Herrn.“ „Und wenn du den Teufel gefreſſen hätteſt“, verſetzte der Elende, „ſo würde ich dich heute zu Boden ſtrecken!“ Der liebe Gott aber, welcher die Kraft ſeines Sakramentes bewahrheiten wollte, beraubte nach dieſen gottesläſterlichen Worten den Gottesläſterer ſeiner Stärke, kräftigte dagegen ſo den Ritter, daß er ſeinen Gegner wie einen Knaben vor ſich herjagte. Endlich konnte dieſer nicht mehr ſtandhalten und ergab ſich. So trug der gläubige Edle durch den Genuß des h. Leibes den Sieg davon und kehrte ruhmvoll und von jeder weiteren Klage befreit nach Hauſe zurück. Dies hat mir unſer Mönch Dietrich, der frühere Graf von Wied, er⸗ zählt, der ſelbſt bei dem Zweikampfe zugegen geweſen iſt und alles, was ich berichtet, geſehen und gehört hat.

So iſt alſo die h. Kommunion ein Stärkungsmittel für Leib und Seele. |

24. Wie ein Ritter vor dem Seibe des Herrn im Schmutz niederkniete, ohne daß Spuren davon an ſeinen Rleidern haften blieben.

Während des zwifchen den Königen Philipp und Otto herrſchenden Thronſtreites wurde der Herr Kardinal Wido, vor⸗ mals Abt von Citeaux, nach Köln geſchickt, um die Wahl Ottos zu beſtätigen. Bei dieſer Gelegenheit hat er dort gute Ein⸗ richtungen getroffen. Er befahl nämlich, daß bei Erhebung der h. Hoſtie das Volk in der Kirche, ſobald die Schelle ertöne, auf die Knie fallen und ſo bis nach der Erhebung des Kelches verbleiben ſolle. Ferner ſchrieb er vor, wenn der Leib des Herrn zu einem Kranken gebracht werde, ſolle ein Schüler oder der Glöckner mit einer Schelle vorausgehen und durch Klingeln das Zeichen geben, daß das heiligſte Sakrament nahe, um den Leuten auf der Straße wie in den Häuſern Gelegenheit zu bieten, den Heiland zu verehren. Bei dieſer Veranlaſſung erzählte der Kar⸗ dinal einen Vorfall, der ſich in Frankreich ereignet habe. Dort

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war ein frommer Ritter, welcher, jo oft er den Leib des Herrn erheben oder einhertragen ſah, ſoſort niederkniete und ihn au⸗ betete. Da geſchah es eines Tages, daß er in ſeinen Pracht⸗ gewändern in eine Stadt ritt. In einer ſehr kotigen Straße begegnete er dem Leibe des Herrn, und er ſagte ſich: „Was willſt du jetzt tun? Wenn du in dieſem großen Schmutze nieder⸗ knieſt, ſind deine prächtigen Kleider hin; ſteigſt du nicht ab, ſo wird dein Gewiſſen dich fort und fort anklagen, daß du eine fo heilſame Gewohnheit außer Acht gelaſſen haſt.“ Die Fröm⸗ migkeit ſiegte: er ſprang vom Pferde in den Kot, und auf den Knien liegend, betete er den Leib des Herrn mit emporgehobenen Armen an. Weil aber der liebe Gott diejenigen, welche ihn ehren, nicht bloß im jenſeitigen Leben belohnt, ſondern ihnen oft auch ſchon in dieſem Leben Ehre für Ehre erweiſet, ſo bewirkte er durch ſeine Macht, daß an den Kleidern auch nicht das ge⸗ ringſte Tröpfchen Kot haſtete. Hocherfreut und im Glauben geſtärkt, beſtieg der Ritter wieder ſein Pferd und pries den Herrn für dieſes Wunder. Etwas Ahnliches iſt einer Frau hierzulande begegnet.

25. Wie ein Nnäblein erkaunte, daß eine Hoſtie nicht der Zeib des Herrn ſei.

Unſere Mönche Ludolf und Heidenreich haben mir einen Vorfall erzählt, der ſich mit einem leiblichen Bruder von ihnen, einem kleinen Knaben, zugetragen hat. Während einer Krank⸗ heit verlangte er, angeregt vom h. Geiſte, nach dem Leibe des Herrn. Als die Eltern ihm dies auszureden ſuchten, rief er mit Ungeſtüm: „Gebt mir den Leib des Herrn! Gebt mir den Leib des Herrn!“ Man teilte dies einem Prieſter mit, dieſer erklärte, es ſei nicht ratſam, einem ſo jungen Kinde, welches noch nichts von der Sache begriffe, den wirklichen Leib des Herrn zu reichen, und er brachte deshalb eine ungeweihte Hoſtie mit den Worten: „Siehe, da haſt du den Leib des Herrn!“ Damit jedoch „aus dem Munde der Kinder und Säuglinge das Lob des Herrn bereitet“ und die Böswilligkeit vieler, welche über das heiligſte Sakrament verkehrte Anſichten haben, zu Schanden gemacht

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werde, gab der Herr dem Knaben ein, zu erwidern: „Warum wollt Ihr mich täuſchen? Das iſt nicht der Leib des Herrn, was Ihr mir da reichen wollt.“ Der Prieſter ſtaunte, und in der Annahme, der Knabe habe infolge göttlicher Eingebung ge⸗ ſprochen, gab er ihm die wirkliche h. Kommunion, welche der Kleine mit größter Andacht empfing.

26. Wie Godeſchalb von Dolmarſtein Thriſtum in Geſtalt eines Rindes in ſeinen Händen Jah.

Es war bei uns ein Mönch, der Godeſchalk hieß und aus der Burg Volmarſtein ſtammte. Ehedem war er Domherr zu Köln und, bevor er in den Orden trat, den Weltfreuden ergeben, doch nicht unſittlichen. Er beſaß wenig gelehrte Kenntniſſe, ge⸗ langte aber im Orden durch den Geiſt der Geduld und der Frömmigkeit zu nicht geringer Vollkommenheit.

Als er vor ſechs Jahren am Weihnachtstage ſeiner Gewohn⸗ heit nach mit vieler Andacht und unter Tränen an einem Neben⸗ altar die Meſſe las: „Ein Kind iſt uns geboren“, da erblickte er nach der Wandlung in ſeinen Händen nicht die Geſtalt des Brotes, ſondern ein ausnehmend ſchönes Kind, ja das aller⸗ ſchönſte, „welches zu ſchauen ſelbſt Engel gelüſtet.“ Von Liebe zu ihm entzündet und von ſeiner wunderbaren Schönheit hin⸗ geriſſen, umfaßte und küßte er es. In der Furcht jedoch, die h. Handlung könne ſich für die Beiwohnenden zu lange hin⸗ ziehen, legte er es auf das Korporale, wo es ſich, damit die Meſſe vollendet werden könnte, wieder in die ſakramentale Ge⸗ ſtalt verwandelte. Solange aber der fromme Mann die Geſtalt des Kindes erblickte, ſah er nicht die Geſtalt des Brotes, und umgekehrt. Er ſelbſt hat dieſes Geſicht mehreren mitgeteilt, jedoch unter Verſchweigung ſeines Namens.

27. Wie man in Dimmerod während der Wandlung in den Händen des Prieſters CThriſtus ſah. Zu Himmerod ſtarb vor wenigen Monaten ein alter Prieſter namens Heinrich, ein heiligmäßiger Mann, der lange Zeit dort Sakriftan geweſen war. Als er eines Tages im Chor der Laien⸗

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brüder am Altare des h. Johannes des Täufers die h. Meſſe las, erblickte einer der Brüder während der Wandlung in ſeinen Händen den Heiland in menſchlicher Geſtalt. Heinrich ſelbſt hat ihn nicht geſehen. Dieſes iſt uns von den älteren Mönchen des Kloſters erzählt worden.

28. Wie CThriſtus einer frommen Drabanterin mit eigener Hand die heilige Rommunion gereicht hat.

Es iſt noch nicht zwei Jahre her, da wurde eine fromme Brabanterin namens Uda, aus dem Dorfe Thorembais, von hef⸗ tiger Sehnſucht nach dem heiligen Sakramente ergriffen und bat demütig und inſtändig einen Prieſter, ihr dasſelbe zu reichen. Als er es jedoch abſchlug und erklärte, Frauen aus dem Laien⸗ ſtande dürften nicht nach Belieben kommunizieren, ſondern nur zu beſtimmten Zeiten, da weinte ſie und ſeufzte laut auf. Der höchſte Prieſter jedoch nahm Rüchſicht auf dieſes heiße Ver⸗ langen und erfüllte ihren Wunſch. In der folgenden Nacht lag ſie noch wach in ihrem Bett und betete; da trat der Heiland lichtumſtrahlt in ihr Schlafgemach und brachte eigenhändig die Büchſe, welche in der Kirche die verwandelten Hoſtien bewahrt. Um ihn verbreitete ſich ein wunderbarer Wohlgeruch, und es umringten ihn viele Engel, welche die Antiphon fangen: „Speci- osus forma prae filiis hominum.“ Die fromme Frau geriet über dieſe Herrlichkeit in hohes Erſtaunen; der Herr aber trat vor ſie hin und ſprach: „Weil der Prieſter dir meinen Leib verweigert hat, ſo reiche ich ihn dir mit meinen eigenen Händen.“ Und dies tat er auch: er nahm eine Hoſtie aus der Büchſe und reichte ſie ihr; dann ging er weg. In demſelben Zimmer lag noch eine andere fromme Frau; auch ſie wachte gerade und ſah daher alles, was ich eben erzählt habe. Da Uda glaubte, ihre Gefährtin habe geſchlafen, fragte ſie dieſelbe am Morgen, ob ſie etwas geſehen habe. Sie erwiderte: „Ja, dies und das habe ich geſehen.“ Nunmehr war Uda ſicher, eine Erſchei⸗ nung gehabt zu haben. Solches hat mir unſer Mönch Johannes mitgeteilt, der zu jener Zeit aus dem genannten Dorſe kam und ſich überzeugt hatte, daß alles ſich wahrhaftig ſo begeben habe.

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29. Wie Christus jelbſt der Witwe Bildegundis das h. Abendmahl gereicht hat.

Zu Liblar, einem Dorfe zwei Stunden von Köln, lebte eine ehrbare und fromme Wittib namens Hildegundis, eine Freundin unſeres Abtes Heinrich. Nach dem Vorbild jener Wittib im Evangelium war ſie faſt immer im Gotteshaus und diente Gott durch Faſten und Beten. Sie hatte einen Sohn mit Namen Wilhelm; dieſer junge Ritter erwies der Mutter jedoch wenig Achtung, Zuneigung und Troſt. Obſchon er reich war, ließ der unnatürliche Sohn ſie darben, und uneingedenk des Wortes der h. Schrift: „Verflucht iſt von Gott, wer ſeine Mutter er⸗ bittert,“ kränkte er fie auf jede Art und Weiſe. Ebenſo litt ſie von ihrer Schwiegertochter, der Frau dieſes Sohnes.

Als Hildegundis nun ſchwer erkrankte und zu ſterben fürchtete, ſagte ſie zu ihrer Magd: „Mache, daß ein Prieſter mir die h. Kommunion reiche!“ Die Magd hinterbrachte dies der Schwieger⸗ tochter: „Meine Frau verlangt nach einem Prieſter.“ Verdrieß⸗ lich erwiderte ſie: „In der und der Woche hat ſie ja noch den Leib des Herrn empfangen und iſt doch immer noch am Leben.“ Endlich ſagte ſie heftig: „So geh denn und hole einen!“ Als nun endlich der Prieſter kam, um der Kranken das h. Abend⸗ mahl zu bringen, fragte dieſe: „Warum ſeid Ihr . Herr?“ „Um Euch die h. Kommunion zu bringen.“ „Die werd' ich von keinem Menſchen mehr empfangen, BE, der Herr, nach welchem ich Verlangen trug, iſt ſchon bei mir ge⸗ weſen und hat mir eigenhändig die h. Kommunion gereicht.“

Nach wenigen Tagen ſtarb ſie, und weil geſchrieben ſteht: „Wer Vater und Mutter nicht ehrt, wird an ſeinen Kindern keine Freude haben“, raffte der Herr noch in derſelben Woche den älteſten Sohn Wilhelms hinweg, und auch ſeine übrigen Kinder, gegen zwölf an der Zahl, ſind binnen kurzer Friſt nach⸗ einander geſtorben.

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30. Don der Beimſuchung Frieslands wegen Derunehrung des Seibes des Herrn.

Im Jahre des Heiles 1218 trat in Friesland das Meer aus ſeinen Grenzen und überſchwemmte große Strecken Landes. Ortſchaften wurden vernichtet, ſteinerne Kirchen ſtürzten zuſam⸗ men, und über hundertiaufend Menſchen gingen zugrunde. So gewaltig erhoben ſich die Fluten des Meeres, daß ſie Turmhöhe erreichten und die ſich drängenden Stürme dem ganzen Lande eine Sündflut zu drohen ſchienen. Unſerem Abt, welcher in dem genannten Jahre zur Viſitation nach Friesland gegangen war, erzählte man, die wütenden Fluten würden bis Köln gekommen ſein, hätte nicht derjenige, welcher ſie erregt, auf Bitten ſeiner Mutter, wie gleich berichtet werden ſoll, Stillſtand geboten.

Es lebte nämlich in Friesland ein Mann, welcher ſeines Gewerbes ein öffentlicher Fechter war, ein Trunkenbold, der, ſo oft er berauſcht aus der Schenke nach Hauſe kam, ſeine Frau ſchlug und in ſonſtiger Weiſe mißhandelte. Aus Furcht vor ihm ſtellte ſich die Frau einmal krank, und um weniger bemerklich zu machen, daß die Krankheit nur Verſtellung ſei, begehrte ſie, man möge ihr die h. Kommunion reichen laſſen. Als der Prieſter kam, begegnete ihm der trunkene Klopffechter mit einer Kanne Bier in der Hand und wollte ihn nötigen, zu trinken. Der Geiſtliche aber erwiderte: „Ich kann jetzt nicht trinken, denn ich trage den Leib des Herrn.“ Da wurde der Frieſe zornig und ſchlug mit ſeiner Kanne ſo heftig auf die Büchſe, daß die Hoſtien herausfielen und auf dem Boden umherlagen. Die Frauen aber, die der Kranken Geſellſchaft leiſteten, erblickten auf jeder Hoſtie einen glänzenden Sternenſchein. Tief erſchüttert und ſeufzend ſammelte der Prieſter die Hoſtien und entfernte ſich. Der Frieſe wurde vor den Dekan geladen und mit dem Banne belegt; er kümmerte ſich jedoch nicht viel darum. Endlich aber wurde er dazu gedrängt, für ſein großes Verbrechen das Kreuz zu neh⸗ men, und er kam mit jenem Prieſter, welcher es gleichfalls ge⸗ nommen hatte, nach Rom. Als er daſelbſt dem Herrn Papit Honorius (III.) beichtete, legte dieſer ihm die Buße auf, über das Meer zu fahren und drei Jahre lang unter Chriſti Fahnen

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zu dienen. Er fuhr alſo mit dem Prieſter über das Meer, und beide ſtarben vor Damiette.

Als nach ihrem Tode, wie oben erzählt wurde, der Herr ihr Geburtsland mit einer fo entſetzlichen Plage heimſuchte. dem Volk aber die Urjache davon noch unbekannt war, da zeigte ſich einer frommen Frau, welche dem Herrn mit Faſten, Beten, Wachen und Almoſen diente, einer Tante des Herrn Abtes Witbold von St. Bernhard, die h. Mutter Gottes, welche hierzu durch die Tränen der frommen Frau und den Jammer des Volkes bewogen war, und ſprach zu ihr alſo: „Um der Be⸗ leidigung willen, die meinem Sohne im Sakrament ſeines h. Leibes zugefügt worden iſt, hat die Uberſchwemmung euer Land heimgeſucht, und es werden noch ärgere Plagen über Friesland kommen, wenn keine entſprechende Sühne erfolgt“. Die Mutter der Barmherzigkeit fuhr dann fort: „Erhebe deine Augen dem Meere zu!“ Als die Frau dies tat, ſiehe, da erblickte fie weit auf den Fluten jene Büchſe ſchwimmen, welche der Mann zerſchlagen hatte, und als dieſe ſo nahe gekommen war, daß man ſie ge⸗ nauer ſehen konnte, ſprach die h. Jungfrau: „Siehe, da iſt der Leib meines Sohnes! An der Stelle, wo ihm die Schmach widerfahren ift, ſoll eine Kirche gebaut und wie das Grab des Herrn geehrt werden! Wille nun auch, daß beide tot find, der Fechter wie der Prieſter; der erſtere iſt, weil ohne Reue geſtorben, in der Hölle begraben, der andere iſt im Reinigungs⸗ ort.“ Als Herr Biſchof Dietrich von Münſter, zu deſſen Sprengel der größte Teil Frieslands gehört, von jenem Geſichte Nachricht erhalten, ſandte er durch den Kellner von St. Bernhard, Bdida, wie uns dieſer ſelbſt erzählt hat, einen Erlaß dahin und gebot eine allgemeine Landesbuße. Daß ſie aber nicht genügt hat, ergibt ſich daraus, daß im verfloſſenen Jahre wiederum eine Heimſuchung über Friesland gekommen iſt und abermals viel⸗ tauſend Menſchen durch Aberſchwemmung zugrunde gegangen find. Eine reiche Frau hat die Wohnung jenes Kämpen in eine Kirche umbauen laſſen.

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V. Wunder unſerer lieben Frau.

31. Aus dem Seben des Deren Walter von Birbach.

Herr Walter ſtammte aus dem Orte Birbach und war ein reicher, mächtiger Mann von hoher Herkunft, ein Verwandter des Herzogs Heinrich von Löwen. Schon in blühender Jugend, als er dem weltlichen Kriegsdienſte ergeben und als tapferer Ritter hoch angeſehen war, hatte er unſere liebe Frau, die h. Jung⸗ frau und Gottesgebärerin, ſtets aufs fleißigſte angerufen, ſie von ganzem Herzen geliebt und ihr durch Faſten, Almoſengeben und Aufopferung von Meſſen ſeine Verehrung an den Tag gelegt. War er alſo auch mit dem Körper kriegeriſchen Ubungen er⸗ geben, ſo diente er doch mit der ganzen Seele der h. Jungfrau.

Als er einſt in Begleitung vieler Ritter zu einem Turnier eilte und ſie an einer Kirche vorüberkamen, forderte Walter ſeine Gefährten auf, einzutreten und eine h. Meſſe zu hören. Sie weigerten ſich jedoch, weil keine Zeit mehr zu verlieren ſei. Da ließ er ſie ziehen, beſtellte eine h. Meſſe zu Ehren der Mutter Gottes und wohnte ihr bei. Dann eilte er ſeinen Gefährten nach. Da begegneten ihm Leute, die von dem Turnier kamen, und er fragte ſie: „Hat es ſchon angefangen?“ „Jawohl“, erwiderten ſie. „Wer iſt bis jetzt der Tapferſte?“ erkundigte ſich der Ritter weiter. „Herr Walter von Birbach. Er iſt im Munde aller, wird über alle andern geſtellt, von allen ge⸗ prieſen.“ Noch andere kamen und ſagten das gleiche aus. Da geriet er in Erſtaunen und wußte nicht, was das bedeuten ſollte. An dem Ort des Kampfſpieles angelangt, bewaffnete er ſich und ritt in die Schranken, zeichnete ſich jedoch nicht be⸗ ſonders aus. Nach Beendigung des Spieles ſuchten ihn aber mehrere Ritter in ſeiner Herberge auf und baten ihn, nicht zu ſtrenge mit ihnen zu verfahren. „Wie kommt ihr zu dieſer Bitte?“ erwiderte Herr Walter. „Ihr habt uns ja heute ge⸗ fangen genommen, und wir bitten Euch, uns gut zu behandeln.“ Walter ſagte: „Ich weiß nichts davon, daß ich euch gefangen genommen habe.“ Sie beſtanden jedoch darauf und erklärten,

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nochmals: „In der Tat, wir haben Euch heute die Rechte dargeboten, wir haben Eure kriegeriſchen Abzeichen geſehen, haben Eure Stimme gehört.“ Und er erkannte nunmehr, daß er das der Gnade der h. Jungfrau verdanke, die er am Morgen in der Meſſe verehrt hatte. Wirklich war ſie während ſeiner Abweſenheit in wunderbarer Weiſe für ihn eingetreten.

Als er ein anderes Mal jene verwerflichen Zuſammenkünfte aufſuchte und vorher, von anderen Rittern umgeben, die h. Meſſe hörte, ſah der Prieſter, als er bei der Wandlung den Kelch er⸗ hob, unter deſſen Fuße ein goldenes Kreuz, an dem ein Perga⸗ mentblatt hing mit den Worten: „Bringe dieſes Kreuz in meinem, nämlich der Gottesmutter Maria, Namen meinem Freunde, dem Ritter Walter von Birbach!“ Der Prieſter beſtieg nach Beendigung der Meſſe die Kanzel und fragte: „Iſt unter euch ein Ritter, der ſich Walter von Birbach nennt?“ „Der ſteht hier“, erwiderten einige. Der Prieſter nahm ihn beiſeite, über⸗ gab ihm das Kreuz und teilte ihm mit, wo er es geſunden, und wer es geſandt habe. Mit Freude empfing es der Ritter, und als er zu Himmerod in den Orden getreten war, ſchenkte er es dem Abte. Das Gold daran beſitzt einen ſolchen Glanz, daß alles andere Gold daneben fahl ausſieht.

Als Walter, noch während er in der Welt lebte, die vielen Wohltaten überdachte, welche ihm die h. Mutter Gottes ſchon erwieſen hatte, wurde ſeine Liebe zu ihr ſo mächtig, daß er in einer armen Liebfrauenkirche, unter Mitwiſſen des dortigen Geiſt⸗ lichen, ſich einen Strich um den Hals legte und ſich ihr vor dem Altar als Hörigen opferte; zugleich verpflichtete er ſich zu einem jährlichen Zins, wie ihn andere Hörige entrichten. Weil er ſich aber zu Ehren der Himmelskönigin jo tief gedemütigt, hat ſie ihren Liebling erhöht.

An den Tagen vor allen Marienfeſten pflegte er bei Waſſer und Brot zu faſten, oft auch Freitags aus Ehrfurcht vor dem ihr geweihten Samstag.

Als er vernommen hatte, der Orden der Ziſterzienſer ſei der h. Jungfrau geweiht, gab er alles, was von dieſer Welt iſt, nämlich Reichtum, Ehren und Freunde aus Liebe zu ihr auf und nahm in Himmerod, deſſen Ruf damals wie heute

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der glänzendſte war, das Mönchsgewand. Wie demütig er in dieſem Kloſter gelebt hat, wie eifrig und gehorſam er geweſen iſt, wie hingebend im Dienſte der h. Jungfrau, das können alle Mönche der Abtei bezeugen. Er hatte im Probejahr den Pſalter, die Hymnen, andere Geſänge und viele Gebete an die h. Jungfran gelernt und wiederholte ſie mit nie ermüdendem Eifer. Stets wollte er der täglichen Meſſe zu Ehren unſerer lieben Frau bei⸗ wohnen. Faſt alles, was er ſprach, war erbaulich. Weil aber nicht bloß durch ſeine Reden und ſeinen Anblick, ſondern auch durch den Wohlgeruch ſeines Rufes viele angezogen und erbaut wurden, machte man ihn zum Hoſpizmeiſter.

Weil er ferner mit dem Adel des Landes bekannt war und von ihm, teils ſeiner vornehmen Geburt, teils feines heiligen Lebens wegen, hoch geehrt wurde, ſo verwandte man ihn gern. wenn auch gegen ſeine Neigung, bei auswärtigen Geſchäften der Abtei. Als er ſo einmal auf einem mit Wein beladenen Fahr⸗ zeug des Hauſes mitfuhr und man nach Seeland gekommen war, erhob ſich ein heftiger Sturm, der allgemeine Furcht hervor⸗ rief, da er das Schiff hin und herwarf. Zu der einen Gefahr geſellte ſich noch eine andere: es näherten ſich Seeräuber und verſuchten, das Fahrzeug zu kapern. Aber ſiehe, nach Gottes Ratſchluß wurden zwei Fäſſer durch den heftigen Sturm heraus⸗ geſchleudert und warfen das Schifflein der Seeräuber um, ſodaß dieſe in der Tiefe des Meeres verſanken. Solches geſchah am Vorabende von St. Nikolaus, nach Mitternacht. Alle zitterten für ihr Leben. Walter aber verließ die Kajüte und beichtete abſeits ſeinem Diener, den er mitgenommen hatte. In die Kajüte zurückgekehrt, ſtellte er ein elfenbeinernes Bild der h. Jungfrau, das er immer bei ſich hatte, vor ſich hin, warf ſich vor ihr auf die Kniee und betete. Während des Gebetes ent⸗ ſchlummerte er ſanft. Da war es ihm, als ob er in ſeinem Kloſter wäre und Herrn Arnold, einen ebenfalls heiligmäßigen Mann von erprobtem Lebenswandel, die Zither ſchlagen höre, und die Süßigkeit der Klänge weckte ihn auf. Es war aber um die Zeit der Matutin. Sofort erkennend, daß in dieſer Stunde ein Gerechter für ſie bete, ſtieg er beruhigt auf das Ver⸗ deck und tröſtete die andern, indem er ſagte: „Fürchtet euch

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nicht! Keine Gefahr kann uns etwas anhaben, denn ich höre unſern Mönch Herrn Arnold die Zither ſchlagen.“ Durch die Wacht Gottes und auf die Fürbitten der h. Jungfrau, die Walter angerufen hatte, und des Herrn Arnold legte ſich bald der Sturm. Als dies Herrn Prior Hermann nach der Rückkehr erzählt wurde, rief er alsbald Herrn Arnold, der noch nichts von allem wußte, zu ſich und erkundigte ſich bei ihm, was er wohl in der St. Nikolausnacht während der Matutin gedacht oder getan habe. Er erwiderte: „Ich habe Zither geſpielt.“ „Wieſo?“ fragte der Prior. „Wenn ich keine rechte Andacht finde, ſo bewege ich unter der Kutte die Hände, als ob ich Zither ſpielte, und rühre mit dem Herzen die Saiten, und fo weche ich den ſchla⸗ fenden Geiſt zur Andacht.“ Der Prior verwunderte ſich höchlich, als er ſolches vernahm.

Um von Walters Liebe zu den Brüdern zu ſchweigen, mit den Armen beſaß er ſolches Mitgefühl, daß er ihnen auf der Straße ſchon von dem ihm mitgegebenen Gelde Almoſen reichte, bevor ſie noch darum gebeten hatten. Als ihm an einem recht kalten Tage ein Schüler begegnete, der barfuß ging, hielt er ihn an, ſtieg vom Pferde und gab ihm ſeine eigenen Schuhe; er ſelbſt zog dann andere an, die er im Mantelſacke bei ſich hatte; dann ſtieg er wieder auf und ritt weiter. Dies iſt in meinem Beiſein geſchehen. Zwiſtige verfühnte er, Wider⸗ ſpenſtige brachte er zum Gehorſam zurück, Ungeduldige und Zornige beſänftigte er; diejenigen, welche unter Verſuchungen litten, kräftigte er durch Beiſpiele, die er ſtets in Menge bei der Hand hatte.

Eines Tages vom Prior befragt, was er wohl bei Tiſche denke. da er die Leſungen nicht verſtehe, gab er, wie ich von jenem gehört habe, folgende Antwort: „Ich habe meine beſondere Leſung. Fange ich an zu eſſen, ſo denke ich daran, wie zu meinem Heile der Sohn Gottes durch den Engel ver⸗ kündigt worden iſt, und wie ihn die Jungfrau vom heiligen Geiſte empfangen hat; das iſt die erſte Seite meines Buches. Dann ſtelle ich mir vor, wie er unter dem Geſange der Engel geboren wurde und, in Windeln eingewichelt, in der Klippe lag; das iſt die zweite Seite. In derſelben Weiſe betrachte ich

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die Beſchneidung, die Ankunft der Magier, die Darbringung im Tempel, die Taufe, das Faſten, das Leiden, die Auferſtehung, die Himmelfahrt, die Herabkunft des h. Geiſtes und ſchließlich das jüngſte Gericht; das iſt meine tägliche Leſung, und wenn ſie zu Ende iſt, ſo iſt auch das Eſſen beendigt.“ Wie er aber in dieſem Buche geleſen, das bezeugen die Tränen, welche er bei Tiſche vergoß.

Endlich erkrankte Herr Walter und ging dann voll Glauben und Liebe, nachdem er reumütig gebeichtet, auf den Ruf der h. Jungfrau aus der Finſternis hinüber zum Lichte, aus dem Glauben zum Schauen, aus der Arbeit zur Ruhe, aus dem Verdienſte zum Lohn, aus der Fremde in die Heimat, in die auch uns der Sohn Gottes, unſer Herr Jeſus, führen möge!

32. Wie ein reuiger adeliger Jüngling, welcher CThriſtum verleugnet hatte, durch die h. Jungfrau wieder zur Gnade gelangte.

Während der letzten fünf Jahre lebte in der Nähe von Flo⸗ reffe, einem Kloſter des Prämonſtratenſer⸗Ordens im Lütticher Sprengel, ein junger Adeliger, welchem ſein angeſehener und mächtiger Vater viele Reichtümer hinterlaſſen hatte. Um weltlichen Ruhm zu erlangen, wurde er Krieger, geriet jedoch binnen kurzer Zeit in Armut, da er aus Ehrgeiz eifrig an Turnieren teilnahm und hier mit allzu freigebiger Hand Gaukler und Spielleute beſchenkte. Weil ſeine Jahreseinkünfte zu ſolcher Verſchwendung endlich nicht mehr ausreichten, ſah er ſich genötigt, ſein väter⸗ liches Erbe zu veräußern. In ſeiner Nähe wohnte nun ein reicher und ehrenwerter Ritter, welcher jedoch Dienſtmann war. Dieſem verkaufte er teils ſeine Eigengüter und Lehen, teils ver⸗ pfändete er ſie ihm. Als aber nichts mehr zu verkauſen oder zu verpfänden da war, beſchloß er auszuwandern, indem er es für minder hart hielt, unter fremden Leuten zu betteln, als unter Verwandten und Bekannten Armut zu erdulden.

Er beſaß aber einen böſen Meier, der nur dem Namen nach, nicht in Wahrheit Chriſt war, ſondern ſich ganz in den Dienſt des Teufels geſtellt hatte. Als dieſer ſeinen Herrn ſo traurig ſah,

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da fragte er eines Tages: „Herr, wollt Ihr wieder zu Reich⸗ tum gelangen?“ „Sehr gern“, antwortete der Ritter, „Doch darf es nicht ohne den Willen Gottes geſchehen.“ Der Meier er⸗ widerte: „Angſtigt Euch darum nicht; folgt mir nur, und es wird alles gut werden!“ So folgte denn der junge Mann ſeinem Verführer, wie Eva dem Worte der Schlange oder ein Vöglein dem Lockruf des Vogelſtellers, und ſo geriet er bald in die Schlinge des Teufels. Noch in ſelbiger Nacht führte der Meier ſeinen Herrn durch einen Wald an eine ſumpfige Stelle, wo er alsbald mit jemand in ein Geſpräch zu geraten ſchien. „Mit wem redeſt du?“ fragte der Jüngling. „Schweigt“, erwiderte der böſe Meier, „und kümmert Euch nicht darum, mit wem ich rede!“ Als aber das Geſpräch wieder anging und der Ritter ſeine Frage wiederholte, antwortete er: „Mit dem Teufel.“ Da erfaßte den jungen Mann gewaltiges Entſetzen. Wen ſollte es auch an ſolchem Ort, in ſolcher Stunde, bei ſolchem Geſpräch nicht grauſen! Der Meier aber ſprach zum Teufel: „Herr, ich habe Euch meinen edlen Herrn zugeführt und bitte, Euere Ma⸗ jeſtät wolle geruhen, ihn in feine früheren Ehren und Reich⸗ tümer wieder einzuſetzen.“ „Wenn er mir ergeben und treu fein will“, erwiderte der Teufel, „werde ich ihm große Reichtümer geben und ihm außerdem zu Ruhm und Ehren verhelfen, wie ſeine Vorfahren ſie nie beſeſſen haben.“ Der Meier verſetzte: „Wenn er das erlangt, wird er Euch gehorſam und treu ſein.“ „In dieſem Falle“, hub der Teufel wieder an, „muß er fofort dem Allerhöchſten abſagen.“ Der Jüngling aber weigerte ſich, dies zu tun. Da redete jener Mann des Verderbens ihm zu: „Was fürchtet Ihr Euch, dieſes eine Wörtchen auszuſprechen? Sprecht nur: Ich ſage ab!“ Endlich ließ ſich der arme Jüng⸗ ling bereden, ſchwur ſeinem Schöpfer ab und huldigte durch Handſchlag dem Teufel. Nachdem er dieſes Verbrechen begangen hatte, ſuhr der Teufel fort: „Die Sache iſt noch nicht ganz im reinen. Er muß ſich auch von der Mutter des Allerhöchſten losſagen; denn fie iſt es, die uns große Verluſte zufügt. Hat der Sohn in ſeiner Gerechtigkeit jemand verworfen, ſo verſchafft ihm ſeine allzu barmherzige Mutter wieder Verzeihung.“ Wieder⸗ um ziſchelte die Schlange in des Jünglings Ohr, er möge ſeinem

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neuen Herrn darin gehorchen, daß er, wie den Sohn, ſo auch die Mutter verleugne. Bei diefen Worten jedoch entſetzte ſich der Ritter noch mehr als vorher und ſagte: „Das werde ich niemals tun“ „Warum denn nicht?“ erwiderte der Verführer. „Ihr habt das größere getan, jetzt tut auch das kleinere! Der Schöpfer iſt mehr als das Geſchöpf.“ Der Ritter aber erklärte: „Ich werde ſie nie und nimmermehr verleugnen, ſollte ich auch mein Leben lang von Türe zu Türe betteln gehen müſſen.“ Hierauf beharrte er, und beide gingen heim, ohne etwas erreicht zu haben, aber mit ſchwerer Sündenlaſt: der eine als Verführer der andere als Verführter.

Auf dem Rückweg kamen fie an einem Gotteshaus vorbei, deſſen Türe vom Glöckner halb offen gelaſſen war. Alsbald ſprang der Jüngling von ſeinem Pferde, übergab es dem Meier und ſagte: „Warte hier, bis ich herauskomme!“ Der Tag war noch nicht angebrochen, als der Ritter die Kirche betrat, ſich vor dem Altar niederwarf und mit ganzem Herzen die Mutter der Barmherzigkeit anzuflehen begann. Auf dem Altare befand ſich nämlich ein Bild der h. Jungfrau und Mutter, das Kind in ihrem Schoße haltend. Und ſiehe, um der Verdienſte des herr⸗ lichen Meeresſternes willen begann im Herzen des Jünglings der wahre Morgenſtern aufzugehen: der Herr geruhte, dem jungen Manne, zu Ehren der Mutter, die er nicht verleugnet hatte, eine ſolche Reumütigkeit zu gewähren, daß er laut weinte und mit ſeinem Schluchzen und Jammern die Kirche erfüllte.

In derſelben Stunde ging, wohl durch Einwirkung Gottes, der Ritter, welcher jetzt die Güter des jungen Mannes beſaß, an jener Kirche vorbei, ſah die Türe offen und trat ein, weil er glaubte, es würde Gottesdienſt gehalten, dann aber auch wegen der Klagetöne im Innern. Da fand er den ihm be⸗ kannten Jüngling in Tränen aufgelöſt, und weil er annahm, er weine über ſeine unglückliche Lage, verbarg er ſich hinter einer Säule, um zu beobachten, was ferner geſchehen werde. Und als nun der junge Mann nicht wagte, die furchtbare Ma⸗ jeſtät deſſen, welchen er verleugnet hatte, zu nennen oder anzu⸗ rufen, ſondern ſich mit von Tränen erſtickter Stimme nur an die erbarmungsreiche Mutter des Herrn wandte, da ſprach, ſo

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daß beide Ritter es vernehmen konnten, die hl. hocherhabene Fürbitterin der Chriſten durch den Mund ihres Bildes alſo zu ihrem Sohne: „Süßeſter Sohn, erbarme dich dieſes Menſchen!“ Das Kind aber erwiderte nichts, ſondern wandte ſein Angeſicht ab. Wiederum bat ſie: der Unglückliche ſei doch nur verführt worden da wandte das Kind der Mutter den Rücken zu und ſprach: „Jener Menſch hat mich verleugnet; wie kann ich da etwas für ihn tun?“ Bei dieſen Worten erhob ſich das Bildnis, ſtellte den Knaben auf den Altar und warf ſich vor ihm nieder: „Sohn, ich flehe dich an: verzeihe ihm ſein Verbrechen um meinetwillen!“ Da hob das Kind die Mutter empor und antwortete: „Mutter, niemals habe ich dir etwas abſchlagen können; deinetwegen ſei ihm alles verziehen!“ Die Sünde verzieh es der Reue wegen, die Strafe für die Sünde ließ es nach, weil die Mutter für den Sünder eingetreten war. Der Jüngling ſtand nun auf und verließ die Kirche, noch tief betrübt wegen ſeiner Schuld, aber hoch erfreut, weil ſie ihm nachgelaſſen war. Nach ihm ging auch der Ritter heimlich hinaus und fragte ihn dann, ſcheinbar ohne vom Vorgefallenen etwas zu wiſſen: warum ſeine Augen ſo feucht und geſchwollen ſeien? „Vom Winde“, entgegnete der junge Mann. Der Ritter aber fuhr fort: „Herr, ich kenne recht wohl den Grund, warum Ihr ſo niedergeſchlagen ſeid. Nun beſitze ich eine einzige Tochter; wolltet Ihr ſie zur Gattin nehmen, ſo würde ich mit ihr Euch all das Eurige zurückerjtatten und Euch zugleich zum Erben meiner Reichtümer einſetzen.“ Erfreut ſagte der Jüngling: „So Ihr das tun wolltet, würde ich mich im höchſten Grade freuen.“ Der alte Ritter erzählte nun ſeiner Frau das ganze Erlebnis, und ſie billigte ſein Vorhaben; es wird Hochzeit gehalten, und der junge Mann erhält ſeinen geſamten Beſitz zurück als Heiratsgut der ihm Angetrauten. Wie ich glaube, lebt er noch, und es leben auch noch ſeine Schwiegereltern, nach deren Tode auch ihr Vermögen dem Schwiegerſohne zufallen wird.

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33. Wie die h. Jungfrau einen ſeines Dienſtes entjetsten eiſtlichen wieder in denjelben einſetzte.

Harderad, ein Edler aus dem Geſchlecht der von Merenberg. war Stiftsherr zu St. Gereon in Köln, aber auch Pfarrer zu Derlar, einem Dörfchen an der Lahn. Da er ſehr freigebig war und deshalb viel verbrauchte, reichten ſeine Einkünfte nicht aus, und es kam ihm in den Sinn, ob er nicht von ſeinem Vikar an der Kirche in Derlar, der, wie er meinte, viel Geld haben müßte, etwas erpreſſen könne. Es war ihm bekannt, daß der⸗ ſelbe ein einfältiger, ungelehrter Mann war.

So nahm er denn eines Tages den Dechanten von Limburg mit und trat am Sonntag in der Dreikönigsoktav, der ein ſehr ſchweres Offizium hat, während der Geiſtliche ſich noch anklei⸗ dete, in deſſen Kirche, ſcheinbar nur, um die Meſſe zu hören. Der arme Vikar erſchrak nicht wenig, als er die vornehmen Herren wahrnahm. Nachdem er das „Confiteor“ gebetet hatte, hub er, weil er das Offizium des Tages nicht kannte, den In⸗ troitus von der Muttergottesmeſſe an. Da ſtimmte aber Har⸗ derad, um ihn in Verwirrung zu bringen, mit der Miene eines eifrigen Pfarrherrn die Tagesmeſſe an. Als aber der Celebrant nicht ſolgte, hörte er ſcheinbar beſchämt auf. Nach Beendigung der Meſſe fuhr er jedoch den Prieſter hart an: „Herr, was für eine Meſſe habt Ihr denn heute geleſen?“ „Die von unſerer lieben Frau“, antwortete jener; „war ſie etwa nicht recht?“ „Hütet Euch“, verſetzte Harderad, „von heute ab in meiner Kirche noch einmal Meſſe zu leſen!“ Er ernannte ſtatt ſeiner ſofort einen andern Vikar und entfernte ſich.

Da erſchien die Mutter der Barmherzigkeit, welche mit dem nun in große Not verſetzten Prieſter Mitleid ſühlte, dem Stiſts⸗ herrn, als ſich dieſer nach der Matutin allein in der Kirche des hl. Gereon befand, und redete ihn mit folgenden ſtrengen Worten an: „Warum haſt du in deiner Habgier meinen Kaplan ver⸗ ſtoßen? So du ihn nicht ſofort in ſeinen Dienſt wieder einſetzeſt, werde ich dich des Gebrauchs deiner Zunge berauben.“ Harderad ſtürzte ihr zu Füßen, bat um Verzeihung und verſprach völlige Genugtuung. Am Morgen ſetzte er durch einen beſondern Boten

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den Prieſter wieder in ſeine Stelle ein und ließ ihm ſagen, er möge nur an jedem Tage die Meſſe der h. Jungfrau leſen und darin für ihn beten. Der Prieſter lebt noch und ſteht jetzt einem Nonnenkloſter vor, das er ſelbſt gegründet hat.

34. Wie die h. Jungfrau Peter dem Einäugigen, Abt von Llairvauz, im Münſter von Speier den Segen gegeben hat. a

In einer Angelegenheit unſeres Ordens wurden einige Abte desſelben an den Kaiſer Heinrich, den Sohn Friedrichs (), ab⸗ geſandt. Unter ihnen befand ſich der ſowohl durch feine Heilig⸗ mäßigkeit als durch feine Würde hervorragende Herr Abt von Clairvaux, Peter der Einäugige. Der Herr Abt von Citeaux, der verhindert war, mitzugehen, ließ ſich durch ſeinen Prior vertreten. In Speier angekommen, verrichteten ſie in der dortigen Kirche unſerer lieben Frau, einem Bau von erſtaunlicher Größe, ihr Gebet und erhoben ſich dann, das Bauwerk zu beſehen; nur Abt Peter, deſſen Gedanken ſich weniger mit vergänglichen Ge⸗ bäuden als mit dem Bau des himmliſchen Jeruſalem beſchäf⸗ tigten, an dem allein er Freude hatte, blieb, in ſein Gebet ver⸗ ſunken, zurück. Endlich gingen alle hinaus, und in der Vorhalle der Kirche wurden ſie von den Stifts herren derſelben ehrenvoll empfangen und dringend zum Eſſen eingeladen. Einer der Abte ſtellte die Frage, zu welches Heiligen Ehre die Kirche geweiht worden ſei. Man erwiderte: „Zu Ehren unſerer lieben Frau.“ Da entſchlüpfte dem Abt von Clairvaux die Außerung: „Das habe ich ſchon gewußt.“ Dem Prior von Citeaux fiel ſie auf; doch ſchwieg er für den Augenblick. Als ſie bald hierauf die Stadt verließen, erinnerte er ſich derſelben und fragte den Abt: „Sagt mir doch, Herr Abt, woher Ihr wußtet, daß das Münſter zu Speier unſerer lieben Frau gewidmet ſei!“ Dem Abt Peter war jene Außerung jetzt leid, und er gab zur Ant⸗ wort: „Es ſchien mir nur recht und billig, daß zur Patronin eines ſo wunderbaren Baues die Mutter Gottes und Königin der Himmel gewählt worden ſei.“ Der Prior aber, welcher die

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Heiligmäßigkeit des Abts kannte und aus dieſer Antwort ſchloß, es müſſe ihm in der Kirche eine Offenbarung zuteil geworden ſein, fuhr fort: „Ich vertrete auf dieſer Reiſe den Abt von Citeaux und befehle Euch kraft deſſen Autorität, mir die volle Wahrheit zu ſagen.“ Durch den Gehorſam gezwungen, ent⸗ gegnete der Abt ſchüchtern: „Als ich, vor dem Altar niederge⸗ worfen, wegen meiner Sünden und etwaiger Verſäumniſſe auf der Reife inſtändigſt um Verzeihung betete, erſchien mir die h. Jungfrau und ſprach über mich den Segen, welchen unſer Orden über heimkehrende Reiſende zu ſprechen pflegt: „„Allmächtiger, ewiger Gott, erbarme dich dieſes deines Dieners, und was ihm auf der Reiſe durch Sehen von Böſem oder durch Anhören unnützen Geredes zugeſtoßen iſt, das rechne ihm nicht an in deiner unausſprechlichen Barmherzigkeit! Durch Chriftum unſern Herrn!“ Das hat mir ein frommer Abt erzählt, bei welchem Abt Peter öfters eingekehrt iſt.

35. Die die Nitter Sibodo und Baldemar beſtraft wurden, weil fie die h. Jungfrau beleidigt hatten.

Im verfloſſenen Jahre überfielen zwei Brüder, die Ritter waren, Miniſterialen des Pfalzgrafen bei Rhein, von welchen der eine Sibodo, der andere Baldemar hieß, mit vielen Bewaff⸗ neten das Dorf Kuſel, plünderten aus Haß gegen den Grafen Walram von Luxemburg daſelbſt den Jahrmarkt aus und führten eine Menge Vieh nebſt andern Gegenftänden als Beute hinweg. An dem Tage fand jedoch in dem Ort eine dreifache kirchliche Feſtlichkeit ſtatt: es war Sonntag, Mariä Geburt und Kirchweih⸗ feſt. In der Nacht vorher aber hatte ein Genoſſe Sibodos folgen⸗ des Geſicht gehabt: Er ſah die h. Jungfrau, wie ſie vor Chriſto einen Fußfall tat und deutlich ſagte: „Ich beklage mich, mein Herr und Sohn, über Sibodo und ſeine Mitſchuldigen, denn ſie haben das Feſt der Einweihung meiner Kirche gewaltſam geſtört und die Leute, welche dazu gekommen waren, des Ihrigen beraubt und obendrein weder deinem Tag, noch dem Tage meiner Geburt die ſchuldige Ehrfurcht erwieſen.“ Sie ſtellte

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nämlich das Bevorſtehende als bereits geſchehen dar. Der Ritter machte, höchſt erſchrocken über dieſes Geſicht, Sibodo davon Mitteilung; dieſer aber legte ihm keine Bedeutung bei, vielmehr äußerte er, der Erzähler möge wohl geträumt haben, und zwang den Widerſtrebenden, ihm zu jenem Überfall zu folgen.

Der Herr aber, welcher, um Juda zu demütigen, den Na⸗ buchodonoſor aus Chaldäa herbeigeführt hat, führte, um die ſeiner Mutter angetane Beleidigung zu züchtigen, den jüngern Walram herbei. Ganz unerwartet kam dieſer an jenem Tage um die neunte Stunde mit bewaffnetem Gefolge nach Kuſel, wo er ſeit einem halben Jahr nicht mehr geweſen war. Die Beraubten brachten ihre Klagen gegen Sibodo vor, und als Walram fragte, wohin er gegangen ſei, und wo er ſich jetzt aufhalte, erwiderten ſie: „Herr, er macht vier Meilen von hier Raſt“, wobei ſie den Ort nannten. Seine Empörung unter⸗ drüchend, ſagte der Graf: „Heut iſt ein Marienfeiertag; da dürfen wir nicht Krieg führen.“ Er befahl jedoch, den Pferden Futter zu geben; auch ſollten ſie etwas ausruhen, um ſich zum bevor⸗ ſtehenden Kampf zu kräftigen. Kurz vor Sonnenuntergang ſtieg man zu Pferde und verfolgte die Räuber; in der Nacht wurden ſie überfallen: einige gefangen, andere getötet; kaum einer ent⸗ floh, wie jener Ritter, welchem ſich die Erſcheinung gezeigt hatte. Plötzlich kam eine Frau zu Walram und ſagte: „Herr, drüben liegen noch die beiden Rädelsführer.“ Dieſe hatten ſich nämlich in ein etwas entfernt vom Dorf liegendes Gehöfte zurückgezogen und ſchliefen darin. Alsbald wandte man ſich gegen ſie; man riß die Zäune um, ſchlug das Tor ein und ließ das Feldgeſchrei Walrams ertönen. Entſetzt wollte Sibodo die Flucht ergreifen, konnte aber nicht aufſtehen; denn die Füße verſagten ihm den Dienſt. Als Baldemar drängte: „Steh auf, Bruder, laß uns fliehen“, antwortete er: „Entfliehe du! Ich kann nicht auf⸗ ſtehen; denn auf meinen Knien liegt es wie Blei!“ Baldemar aber verſetzte: „Ohne dich entfliehe auch ich nicht!“ Beide wurden gefangen und getötet und büßten ſo den Gott und der h. Gottes⸗ gebärerin angetanen Frevel.

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36. Wie eine vornehme Frau durch die h. Jungfrau ihr von einem Wolf geraubtes Töchterlein zurückerhielt.

In der Burg Veldenz wohnt eine vornehme und fromme Frau, namens Jutta, die ein altes, wundertätiges Bildnis der h. Jungfrau mit dem Jeſukinde auf dem Schoße, das ſich in der Burgkapelle befindet, beſonders verehrt, es häufig beſucht und davor kniet und betet. Einſt hatte ſie ihr dreijähriges Töch⸗ terchen in einem benachbarten Dorf in Pflege gegeben. Als ſich das Kind nun auf einem Spielplatz befand, kam ein Wolf, ergriff es angeſichts vieler Menſchen und rannte mit ihm in den nahen Forſt. Mehrere ſtürzten dem Tier unter Schreien und Lärmen nach, kehrten aber traurig zurück, weil es ihnen nicht gelungen war, dem Untier ſeine Beute zu entreißen. Einer von ihnen rannte auf die Burg und teilte der gerade bei Tiſch ſitzenden Mutter die Unglückskunde mit: „Frau, Euer Töchterlein iſt von einem Wolf gefreſſen worden!“ „Nein“, erwiderte die Mutter, wenn auch höchlich beſtürzt, „der Wolf hat mein Kind nicht gefreſſen.“ Sie hob die Tafel auf und ging in ihrer Seelen⸗ qual zur Kapelle; hier nahm ſie das Bildnis des Heilands vom Schoß der Mutter und brach unter Tränen in die Worte aus: „O Herrin, nie werdet Ihr Euer Kind wiederbekommen, wenn Ihr mir nicht mein Kind unverletzt wiederſchafft.“ Wunder⸗ bare Herablaſſung der Königin des Himmels: als fürchte ſie, ihren Sohn zu verlieren, wenn ſie jener Mutter ihr Kind nicht wiederverſchaffe, befahl ſie alsbald dem Wolf, das Mädchen fahren zu laſſen, und das Tier gehorchte. Einige Leute aus dem Dorf, welche die Wolfsſpuren verfolgt hatten, um die Über⸗ reſte des Kindes zu finden und zu beſtatten, trafen es, wie es bei einem Gehölz auf und ab ging. Als ſie fragten: „Woher kommſt du, liebes Kind?“ erwiderte es: „Der Mummart hat mich gebiſſen.“ Es zeigten ſich wirklich an der Kehle noch Spuren von den Biſſen des Wolfes, und als Zeugnis für das Wunder find fie geblieben. Man brachte das Kind zur Mutter, und dieſe lief hocherfreut und von tiefſtem Dank erfüllt zu dem h. Bildnis, um ihm den Knaben zurückzugeben mit den Worten: „Weil du mir mein Töchterchen wiedergeſchafft haſt, ſo gebe ich dir

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deinen Sohn wieder!“ Dies wurde mir durch den Abt Her⸗ mann von Marienſtatt erzählt, welcher das Kind geſehen und den Vorfall aus dem Munde jener Frau gehört hat.

37. Die die Feſſeln des Ritters Dietrich durch Dermittlung der h. Jungfrau gelöft wurden.

Zur Zeit, da Herr Engelbert, Erzbiſchof von Köln, gegen den Edeln Gerhard von Braubach die Burg Fürſtenberg erbaute, wurde ein junger Ritter aus dem Heer des letztern namens Dietrich, welcher ſich einen Namen hatte machen wollen, vor dieſer Burg gefangen genommen. Lange dort eingekerkert, wurde er, nachdem er ein Löſegeld verſprochen hatte, aus dem Kerker in den obern Teil der Burg gebracht; man legte ihm jedoch Feſſeln an, und es wurden Knechte beſtellt, ihn zu be⸗ wachen. Um die Füße hatte er Eiſenringe und um den Arm eine eiſerne Handfeſſel, die mit einer Kette an der Wand be⸗ feſtigt war.

In einer Nacht, als er zwiſchen einem halben Dutzend Sol⸗ daten lag, welche ihn und noch andere Gefangene bewachten, rief er, ſeiner Gewohnheit nach, unſere liebe Frau und mehrere Heilige um ihren Beiſtand an und entſchlief dann wieder. Im Traum ſah er ſich in unſer Kloſter verſetzt, und als er es, der Feſſeln wegen in Frauenweiſe zu Pſerde ſitzend, wieder verlaſſen wollte, ſagten ihm zwei von unſern Mönchen, Manegold und Heinrich, die Blutsverwandte von ihm waren: „Geh nicht fort, ſondern kehre zurück: die h. Maria von Heiſterbach hat dich befreit!“ Über dieſe Worte hocherfreut, erwachte er; und während er noch über das Geſicht nachdachte, ob es ein wahres oder ein einge⸗ bildetes geweſen, langte er, um die Sache zu prüfen, mit der Hand nach dem einen Fuß, und ſiehe, er zog ihn ohne Schwie⸗ rigkeit aus der Feſſel; mit derſelben Leichtigkeit befreite er auch die Hand von der Kette. Früher hatte er beides ſchon öfter verſucht, aber immer ohne Erfolg. Durch das Klirren der Feſſeln war einer der Knechte aufgewacht; erſchreckt wollte der Ritter die Kette wieder anlegen, konnte es jedoch nicht. Nun erſt überzeugt, daß durch die Vermittlung der h. Jungfrau ein Wun⸗

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der an ihm gewirkt worden ſei, ſtand er, nachdem der Knecht wieder eingeſchlafen war, leiſe auf, und an dem einen Fuß noch die Feſſel tragend, ließ er ſich an einem Leintuch zum Fenſter hinab und entfloh. Als der Knecht dies bemerkte, ſchlug er Lärm und machte die Flucht kund. Aber menschliche Macht vermochte den nicht mehr zu erfaſſen, welchen die göttliche Macht in ihren Schutz genommen hatte. Viele eilten ihm zwar mit Hörnern und Hunden nach, konnten ihn aber nicht finden, ob⸗ gleich er ſich öfters ganz in der Nähe ſeiner Verfolger unter Strauchwerk verborgen hielt. Er gelangte dann zu uns, brachte die Feſſel als Zeichen der Dankbarkeit dem Altar der h. Jung⸗ frau dar und erzählte uns, wie es ihm ergangen war. Dies iſt geſchehen im Jahre des Heils 1219.

38. Wie die h. Jungfrau einem Prieſter zu Polch erſchien und ihm die Gewitterfurcht nahm.

Zu Polch, einem Dorf in der Diözeſe Trier, verwaltet die Pfarrei ein Prieſter, der, ſoweit es ſeine Mittel erlauben, ſehr gaſtlich iſt. Als er einſt einen unſerer Laienbrüder beherbergte, ſagte er unter anderm zu ihm: „Euren Orden liebe ich in hohem Grade, da ich demſelben viel Gutes verdanke. Jene herrliche Antiphon Salve Regina habe ich durch ihn kennen gelernt, und was mir damit einmal begegnet iſt, will ich Euch zur Erbauung erzählen. Ich hatte die Gewohnheit, dieſe An⸗ tiphon in alle meine Horen einzulegen. Als ich nun eines Tages über Feld ging, um einer Klausnerin, die neben einer einſamen Kirche lebte, einen Beſuch zu machen, entſtand plötzlich ein ſo heftiges Gewitter, daß Schlag auf Schlag folgte und ich kaum mehr weiter konnte. Mit großer Angſt und Mühe ge⸗ langte ich endlich bis zur Kirche, trat ein, und vor dem Altar mich niederwerſend, flehte ich unſere liebe Frau um Schutz an wider das Unwetter. Und ſieh dal eine Frau mit jungfräulichem Antlitz und von hoher Schönheit kam vom Altar auf mich zu, und als ich voll Erſtaunen überlegte, wer ſie wohl ſein könnte, redete ſie mich an und ſprach: „Weil du die Antiphon Salve Regina gerne und häufig ſingſt und beteſt, werden Donner und

Wunder unferer lieben Frau. 57

Blitz, vor denen dich oftmals Furcht befällt, dich niemals ver⸗ letzen.“ Zum Altar zurückkehrend, entſchwand ſie meinen Blicken; ich aber wußte ſofort, daß fie jene clemens, pia, duicis Maria geweſen war. Von dieſer Stunde an bis auf heute bin ich durch die Vermittlung der h. Jungfrau von jener Gewitterfurcht, unter welcher ich früher ſo gelitten habe, gänzlich befreit.“

39. Wie kranke Saienbrüder von der h. Jungfrau bei Nacht beſucht und geſegnet wurden.

Als unſer Laienbruder Heinrich einſt im Krankenhauſe auf dem Bette ſaß und, während die übrigen ſchliefen, ſeine Gebete verrichtete, ſah er, wie unſere liebe Frau und Herrin in ſtrahlen⸗ der Geſtalt ins Krankenzimmer trat; ein Mönch, den ich nicht nennen will, ging ihr voran, zwei ehrwürdige Frauen folgten ihr. Nachdem ſie ihre Hand auf des Mönches Haupt gelegt, beſuchte ſie die Betten der Kranken und ſegnete die Schlafenden; dann kehrte ſie zu jenem Mönche zurück, legte nochmals die Hand auf deſſen Haupt und ſprach: „Gott ſegne alle, welche hier ausharten!” Mit dieſen Worten verſchwand fie.

40. Wie der Mönch Adam durch die h. Maria von einem Nusſchlag geheilt wurde.

Der Pater Adam von Loccum, der meine Freude an wun⸗ derbaren Ereigniſſen kennt, hat mir in ſeiner Liebe eine Ge⸗ ſchichte erzählt, welche ihm ſelbſt begegnet iſt. „Als ich“, ſo lautete ſie, „noch ein Knabe war, litt ich an einem ſolchen Kopfausſchlage, daß ſich meine Schulgenoſſen des üblen Ge⸗ ruches halber weigerten, neben mir zu ſitzen oder mit mir aus einem Buche zu leſen.

Das erſte Gebet aber, welches ich gelernt und als Knäbchen ſchon gerne gebetet habe, war der engliſche Gruß. Später kam ich nach Münſter in Weſtfalen zum Studium und mußte hier, wenn ich mich zur Schule oder zum Morgengottesdienſt begab, durch eine Kloſterkirche gehen. Niemals verſäumte ich dann, vor einer der h. Mutter Gottes geweihten Kapelle drei Knie⸗

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beugungen zu machen und ebenſo oft den engliſchen Gruß zu ſprechen. In einer Nacht ſtand ich, da ich glaubte, es habe ſchon zur Meſſe geläutet, zu früh auf, und als ich an das genannte Kloſter kam, fand ich die Kapelle noch verſchloſſen. Dennoch machte ich meine Kniebeugungen und begrüßte unſere liebe Frau mit dem engliſchen Gruße. Als ich mich dann erhob, war plötz⸗ lich die Kapelle offen, und es ſtrahlte ein Glanz heraus, als ſchiene die Mittagsſonne. Nachdem ich erſtaunt eingetreten, ſah ich vor dem Hauptaltar ſieben wunderſchöne Frauen und eine in der Mitte, welche noch glänzender leuchtete als die ſechs andern, die ihr zur Rechten und Linken ſaßen. Sie aber rief mich, und als ich mich ihr genähert, fragte ſie: „Gutes Kind, warum trägt man keine Sorge für deinen Kopf?“ Ich erwiderte: „Herrin, meine Freunde haben ſich ſchon viele Mühe damit gegeben, aber es hat nichts geholfen.“ „Weißt du, wer ich bin?“ fragte ſie weiter. „Nein, Herrin“, entgegnete ich. „Ich bin die Mutter Chriſti und die Herrin dieſes Gotteshauſes. Weil du ſo fleitzig meiner gedenkſt, will ich Sorge für dich tragen. Nimm die Früchte von harzigem Holze und laß dir damit heute vor der Meſſe dreimal den Kopf waſchen im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geiſtes, und du wirſt ſofort geheilt ſein!“ Dann befahl ſie: „Tritt zu mir heran!“ und ich gehorchte. Und als ich vor ihr niederkniete, legte ſie mir die Hand aufs Haupt und ſprach: „Von dieſer Stunde an bis zur Stunde deines Todes wirſt du niemals an Kopſſchmerzen leiden.“

Noch an demſelben Morgen erzählte ich dies alles meiner Pflegerin. Sie ging in ein benachbartes Tal, ſammelte jene Früchte, wuſch mir in der angegebenen Weiſe den Kopf und jofoıt war mein Ausſchlag verſchwunden. Von jener Stunde an habe ich auch niemals wieder an Kopfſchmerzen gelitten, was in unſerem Orden etwas ſehr Merkwürdiges iſt.

41. Wie die h. Jungfrau für den ermüdeten Zaienbruder Hermann die Tageszeit betete und ihm ſein Ende vorausſagte.

Im Kloſter Himmerod befand ſich ein Laienbruder namens Hermann, dem auf einem der Kloſterhöfe das Arbeiten mit dem

Wunder unferer lie ben Frau. 59

Waldpfluge oblag. Er führte einen tadelloſen Lebenswandel, und der Herr begnadigte ihn im geheimen durch mancherlei Tröſtungen, von denen jedoch nur wenige bekannt geworden ſind. Zu ſeiner Arbeit gebrauchte er neben anderen Ochſen einen jungen, ſtörriſchen, wilden Stier, den er nur mit größter An⸗ ſtrengung regieren konnte. Als er ihm einmal das Joch auſ⸗ legen wollte, das Tier ſich jedoch mit allen Kräften dagegen ſträubte, ging er unwillig in den Wald und ſchnitt ſich einen Knüppel, um den Widerſpenſtigen damit zu züchtigen. Drohend kam er mit dieſem Knüppel zurück; da eilte der Stier ich weiß nicht, auf welchen Antrieb ihm entgegen, warf ſich vor ihm nieder und bat, zwar nicht mit Worten, doch mit Gebärden und Bewegungen demütig um Verzeihung, Als der Mann Gottes dies ſah, unterdrückte er ſeinen Zorn und ſagte: „Du flehſt um Barmherzigkeit, und ich werde ſie dir nicht verſagen. Steh auf, aber nimm dich in acht, daß du mich fernerhin nicht mehr erzürneſt!“ Von dieſem Tage an legte der Stier alle Wildheit ab und ſtand an Willfährigkeit keinem ſeiner Gefährten im Joche nach. |

Als ſich einſt dieſer Bruder, erſchöpft durch die Tagesarbeit, nach der Komplet auf die Streu gelegt hatte, um etwas aus⸗ zuruhen, fiel ihm plötzlich ein, daß er eine Tageszeit, die er zu Ehren der Jungfrau zu beten pflegte, dringender Arbeiten wegen aufgeſchoben, aber nachzuholen vergeſſen hatte. Er ſprang daher von ſeinem Lager auf, um ſie nachträglich zu beten. Aber die Herrin der Welt hatte Mitleiden mit ihrem erſchöpften Diener; plötzlich ſtand ſie vor ihm und gebot ihm, zu ruhen; fie ſelbſt würde das Verſäumte nachholen.

Als nun der Herr beſchloß, ihm für ſeine vielen Mühen und Anſtrengungen den gebührenden Lohn zuteil werden zu laſſen, ließ er ihn am Körper krank und elend werden, nahm ihm jedoch nicht ſein frohes Herz und den geiſtigen Troſt. Nach⸗ dem er ſchon einige Tage krank geweſen, kam der Abt, um ihn, wie die übrigen Leidenden, zu beſuchen. „Schämſt du dich nicht, Bruder Hermann“, ſcherzte er, „Bruder Godeftid früher als dich in das himmliſche Reich eingehen zu laſſen?“ Er zeigte dabei auf einen kranken Laienbruder, der kaum ſein drittes Jahr

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im Orden vollendet hatte. „Mit nichten, Herr“, antwortete Her⸗ mann; „wird ihm von Gott Gutes erwieſen, ſo freue ich mich nur.“ „Du mußt doch immer lachen“, verſetzte der Abt das Geſicht des Bruders zeigte nämlich ſtets eine lächelnde Miene. „Du haſt hiermit Erlaubnis, in das Chor und zur Arbeit zu gehen!“ „Ich gehe dahin, wohin der Herr es will.“ „Und wohin wirft du gehen?“ „Ins himmliſche Reich.“ „Wann wirſt du denn ſterben?“ „Nach zwei Tagen. Beim Beginn der dritten Meſſe am dritten Tage werde ich noch hier ſein; auch noch, wenn das Evangelium anfängt; bevor es jedoch zu Ende iſt, bin ich in jenes Reich hinübergegangen, und es ſcheinen mir dieſe drei Tage länger und ſchwerer als die ganze Zeit, die ich auf Erden zugebracht habe.“ „Woher weißt du das alles?“ „Die h. Jungfrau, unſere Herrin, war bei mir und hat mich getröſtet. Aber ich bin auch in den Himmel ent⸗ rückt worden, und es wurde mir gnädig gewährt, die Seligkeit zu ſchauen, die mir Gott in ſeiner Huld verleihen wird.“ Von nun an beſuchte ihn der Abt ſehr häufig.

Bald war der dritte Tag gekommen, und vor Beginn der dritten Meſſe kam Bruder Dietrich de Cellario ſeligen Andenkens, welcher den Kranken bediente, zu ihm und fragte: „Bruder Her⸗ mann, kann ich wohl zur Meſſe gehen?“ Es war aber der erſte Sonntag in den Faſten. „Nein“, erwiderte Hermann, „laßt andere gehen! Ihr bleibt bei mir und ſorgt für warmes Waſſer, damit ich gewaſchen werden könne.“ Und nach einer Weile: „Laßt die Matte ausbreiten und ruft zwei Brüder zum Beiſtand; es iſt Zeit, dahinzufahren!“ Bei Beginn des Evan⸗ geliums wurde die Tafel geklopft: der Konvent eilte herbei, allen voran der Abt, und wie Hermann vorausgeſagt hatte, wurde ſeine heilige Seele, noch bevor das Evangelium zu Ende war, von ihrer leiblichen Hülle befreit.

42, Die einer ſterbenden Nonne die h. Jungfrau erſchien.

Eine fromme Schweſter des St. Mauritius⸗Kloſters in Köln lag im Sterben. Da ſahen ihre Mitſchweſtern, welche um ihr Bett ſtanden, wie ſich plötzlich ihr Antlitz verklärte, und alle hörten, wie ſie lächelnd in die Worte ausbrach: „Willkommen,

Wunder unferer lieben Frau. 61

füßefte Herrin, hochwilldtommen!“ Dann ſchloß fie die Lippen und verſchied. Sie war aber eine große Verehrerin unſerer lieben Frau geweſen und hatte es daher verdient, ſie in jener ſchreck⸗ lichen Stunde zu ſehen und mit ihr in den Saal des Himmels einzutreten. |

43. Eine ähnliche Geſchichte.

Im Kloſter Loccum wurde ein junger Laienbruder, ein Frieſe, der ſtets ſchlicht und lauter, demütig und ſanftmütig geweſen war, von einer tödlichen Krankheit ergriffen. Während er im Sterben lag, ſah man, wie mir ein Bruder, der gegenwärtig war, erzählt hat, daß er plötzlich zu lächeln begann. Da fragte einer der Umſtehenden: „Pfau“, ſo hieß nämlich der Sterbende, „warum lächelſt du ſo?“ „Warum ſoll ich nicht lächeln?“ antwortete er. „Iſt doch unſere liebe Frau da, um meine Seele in Empfang zu nehmen.“

44. Wie der ſterbende Rreuzfahrer Nuno von der h. Maria getröſtet wurde.

Ein ehrenwerter Bürger von Zülpich namens Kuno gelangte beim jüngſten Kreuzzug mit andern Kreuzfahrern bis ans Meer. Hier wurde er ſchwer krank; als aber ſeine Todesſtunde heran⸗ kam, erfüllte ihn plötzlich eine auffallende Heiterkeit. Als man ihn nach dem Grund derſelben fragte, gab er zur Antwort: „Wa⸗ rum ſollte ich nicht froh fein? Seht, unſere liebe Frau iſt hier und hat mir geſagt: Kuno, weil du um der Ehre meines Sohnes willen Weib und Kinder, Haus und Hof verlaſſen und dich in Gefahren geſtürzt haſt, ſo will ich es dir auf das reichlichſte ver⸗ gelten.“ Sodann rief er: „Ich ſehe den Himmel offen und in ihm einen Sitz für mich bereitet, zu dem ich bald emporſteigen werde.“ Darauf begehrte er das h. Abendmahl und die letzte Olung. Dann ſtreifte er die irdiſche Hülle ab und empfing als echter Pilger im himmliſchen Vaterlande den Lohn für ſeine Mühſale. N

62 Heiligen legenden.

VI. Deiligenlegenden.

45. Wie einem Dirtenknaben durch den h. Nikolaus der Tod vorausgeſagt wurde.

Im Dorfe Leichlingen, ungefähr zwei Meilen von Köln, ereignete ſich vor ſieben Jahren folgende Geſchichte: Ein ſchlichter Knabe, welcher die Schafe einer dortigen Frau hütete, liebte den h. Nikolaus ſo ſehr, daß er Tag für Tag ihm zu Ehren die Hälfte ſeines Brotes den Armen gab. Auch richtete er häufig Gebete an den Heiligen, um ſich ſeiner gütigen Fürbitte zu empfehlen. Erfreut über dieſe Verehrung erſchien ihm der Bi⸗ ſchof einſt in Geſtalt eines ehrwürdigen Greiſes und ſprach zu ihm: „Gutes Kind, führe deine Herde heim!“ „Herr“, er- widerte der Knabe, „es iſt noch zu früh: meine Herrin würde mich ſchelten.“ „Tue, was ich dir geſagt habe“, fuhr der alte Mann fort, „du wirſt noch heute vor Untergang der Sonne ſterben!“ Der Knabe erſchrak heftig und fragte: „Herr, wer ſeid Ihr?“ „Ich bin der h. Nikolaus“, lautete die Antwort, „zu dem du ſo oft beteſt, und mit dem du dein karges Eſſen zu teilen pflegſt. Ich komme, dich dafür zu belohnen. Geh alſo nach Haus, empfange den Leib des Herrn und bereite dich auf den Tod vor!“ Damit verſchwand die Erſcheinung.

Als der Knabe mit feinen Schaſen heimkehrte und ihre Eigentümerin ihn fragte, warum er ſchon ſo bald zurückkomme, erwiderte er: „Die Notwendigkeit hat mich gezwungen: noch vor Sonnenuntergang muß ich ſterben.“ „Was ſchwätzeſt du für albernes Zeug?“ ſagte die Frau. „Geh ruhig mit den Schafen zurück auf die Weide warum ſollteſt du ſterben?“ Der Knabe legte ſich jedoch zu Bett und bat um einen Prieſter, als dieſer kam, ſagte die Frau: „Dem Jungen muß ein Spuk be⸗ gegnet ſein. Fragt ihn doch, was er geſehen hat, und warum er ſolche Reden führt!“ Der Prieſter tat es, und der Knabe erzählte ihm nun den ganzen Vorſall. Und nachdem er aus ſeinen Händen die h. Kommunion empfangen hatte, ſtarb er um die vorhergeſagte Zeit.

Heiligen legenden. 63

46. Wie der h. Jakobus einen Pilger vom Galgen f befreite.

Ein Bürger aus Utrecht machte mit ſeinem Sohne eine Wallſahrt zum h. Jakobus. Da geſchah es, wenn ich mich recht erinnere, daß in einem Orte ihr Gaſtwirt etwas verloren hatte und auf gewiſſe Verdachtgründe hin jenen Bürger vor dem Stadtrichter als Dieb anklagte. Der Pilger leugnete und ſagte: „Gott weiß es, und der h. Jakobus iſt Zeuge, daß ich niemals ein Dieb oder ein Diebshehler geweſen bin.“ Der Richter glaubte ihm jedoch nicht, ſondern verurteilte den Unſchuldigen zum Gal⸗ gen. Als der Sohn ſich überzeugt hatte, daß auch die Bitten und Beteuerungen der anderen Jakobsbrüder ohne Erfolg blei⸗ ben würden, trat er weinend und ſchluchzend vor den Richter und ſprach: „Ich flehe Euch an, Herr, um Gottes und des heiligen Jakobus willen hängt mich auf, entlaßt aber meinen Vater! Ich weiß, daß er unſchuldig iſt.“ Den Tränen und Bitten des jungen Mannes endlich willfahrend, gab der Richter den Vater frei, ließ jedoch den Sohn aufknüpfen. Tief betrübt zog der Vater mit den andern Pilgern weiter, beſuchte die ge⸗ weihte Stätte des Heiligen und betete daſelbſt für die Seele des Erhängten. Als ſie auf dem Heimwege zu dem Richtplat ge⸗ kommen waren, ſagte er zu den Pilgern: „Seht, dort hängt mein armer Sohn! Ich bitte euch: halten wir eine Weile, bis ich ihn beerdigt habe!“ Aber der Sohn vernahm die Stimme des Vaters und rief: „Sei willkommen, lieber Vater! Ich bin noch am Leben.“ Er wurde heruntergenommen, und auf die Frage, wie ſich dieſes erſtaunliche Wunder zugetragen habe, erzählte er: „Von der Stunde an, da man mich aufgeknüpft, bis eben jetzt hat mich der heilige Jakobus mit ſeinen Händen gehalten. Ich habe nicht gehungert, nicht gedürſtet und keinen Schmerz empfunden; ja, in meinem ganzen Leben habe ich mich nicht ſo wohl gefühlt.“ Sofort eilten Vater und Sohn zu dem h. Apoſtel zurück, der Sohn, um fein Gelübde zu löſen, der Vater, um feinen Dank darzubringen. Dann find fie wohl⸗ behalten wieder in Utrecht eingetroffen, und wie mir unſer Mönch Wilhelm, früher Stiftsherr daſelbſt, erzählt hat, iſt das Wunder in der ganzen Stadt bekannt.

64 Heiligen legenden.

47. Die dem Rranken Meiſter Johannes die Heiligen | Martin, Sodehard und Bernward zu Hilfe Ramen.

Als Meiſter Johannes, der Dechant von Aachen, ſich noch auf der Schule befand, wurde er einmal ſchwer krank. Er beichtete daher und empfing die h. Olung; doch ſchien keine Hoff⸗ nung mehr vorhanden, ihn dem Tode zu entreißen. Schon ſtieg ihm die Materie ins Gehirn. Wie er nun ſo allein dalag, geriet er in Verzückung und ſah drei ihm unbekannte Männer ein⸗ treten. Sie hatten Wagſchalen in den Händen und legten kurze, viereckige Hölzer vor ihn. Während ſie an der einen Seite des Bettes ſtanden, erſchienen drei berühmte Bekenner, nämlich der h. Biſchof Martin von Tours, der h. Biſchof Godehard von Hildesheim und der h. Bernward und ſtellten ſich an die andere Seite des Bettes. Jetzt legten jene Männer den Knaben Jo⸗ hannes auf die eine Wagſchale und beſchwerten die andere mit den Hölzern. Als jedoch die Wagſchale, auf welcher der Kranke lag, als die leichtere in die Höhe ging, legten die h. Bekenner zu dem Knaben noch einen kleinen Bettelbuben in die Schale, und nun ſannk dieſe als die ſchwerere weit tiefer als die mit den Hölzern beladene. Sofort kam Johannes, wie er mir ſelbſt erzählt hat, in Schweiß; es erfolgte die Kriſis, und in kurzer Zeit war er von der Krankheit geneſen. Jenem kleinen Bettel⸗ buben hatte Johannes öſters Brot geſchenkt und ihn auch der Mildtätigkeit ſeiner Mutter empfohlen. Die drei Männer waren vermutlich Teufel, die ſich ſo gern bei Sterbenden zu ſchaffen machen; die Hölzer waren des Knaben Sünden. Da dieſe nun ſchwerer erſchienen als ſeine Verdienſte, ſo legten die heiligen drei Bekenner, die er gern anrief, noch den von ihm unterſtützten Knaben in die Wagſchale, und ſeine Barmherzig⸗ keit gegen dieſen rettete ihn alſo.

48. Wie zwei Nonnen über Johannes den Täufer und Johannes den Evangeliſten miteinander jtriften. Im Klojter Lautern, in der Trierer Diözeſe, lebten und leben

noch, wie ich glaube, zwei Nonnen, von welchen die eine dem h. Johannes dem Täufer, die andere dem h. Johannes dem

Heiligen legenden. 65

Evangeliſten ganz beſondere Verehrung zollte. So oft ſie zu⸗ ſammenkamen, ſtritten ſie miteinander, wer von ihnen der Größere ſei, ſo daß die Meiſterin ſie oft kaum zur Ruhe bringen konnte. Jene hob alle Vorzüge ihres geliebten Heiligen hervor, während dieſe die Vorrechte ihres Heiligen verfocht.

In einer Nacht nun, vor der Matutin, erſchien der h. Jo⸗ hannes der Täufer ſeiner Verehrerin im Traum und ſprach: „Wiſſe, liebe Schweſter, daß der h. Johannes der Evangeliſt größer iſt als ich! Niemals war ein Menſch reiner als er, ſo jungfräulich an Seele und Leib; ihn hat Chriſtus zum Apoſtolat berufen; ihn hat er mehr als alle andern Apoſtel geliebt; ihm hat er den Glanz ſeiner Verklärung gezeigt. Er war ſo glück⸗ lich, beim letzten Abendmahl an der Bruſt des Herrn zu ruhen; er war bei deſſen Tode zugegen; ihm, dem Jungfräulichen, hat der jungfräuliche Herr ſeine jungfräuliche Mutter anvertraut. Er hatte einen höhern Flug als die andern Evangeliſten, und die Augen ſeines Geiſtes feſt auf das Weſen Gottes richtend, hat er ſein Evangelium mit den Worten begonnen: „Im Anfang war das Wort.“ Er ſchrieb auch die Geheime Offenbarung, welche an göttlichen Bildern geheimnisvoller iſt als irgend ein anderes Buch. Sehr viele Qualen hat er auch um Chriſti willen erlitten: Geißelhiebe, ſiedendes Ol, Verbannung. Sieh, um dieſer und anderer Vorzüge willen iſt er größer und würdiger als ich. Ruſe deshalb, ſobald es Tag geworden, deine Mitſchweſter zu eurer Meiſterin, und vor jener auf die Knie fallend, bitte ſie um Verzeihung, daß du ſie wegen meiner ſo oft erzürnt haſt!“ Beim Zeichen zur Matutin erwachte die Schweſter und fing an, über die Erſcheinung nachzudenken.

Nach Beendigung der Matutin aber, als ſich die Schweſtern wieder zur Ruhe begeben hatten, erſchien auch der h. Johannes der Evangeliſt ſeiner Verehrerin und redete ſie mit folgenden Worten an: „Wiſſe, Schweſter, daß der h. Johannes der Täufer weit größer iſt als ich! Wie Chriſtus ſelbſt bezeugt, iſt unter allen, die vom Weibe geboren ſind, kein Größerer erſtanden als er. Er war Prophet und mehr als Prophet. Von einem Engel iſt er verkündigt, von einer unfruchtbaren Mutter em⸗ pfangen, im Mutterleib übernatürlich geheiligt worden; in der

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66 Beichtgeſchichten.

Wüſte hat er ohne jede Sünde gelebt. Das kann von mir nicht geſagt werden. Nach Gewinn trachtend, lebte ich als Welt⸗ kind weltlich unter den Weltkindern. Auf den Heiland, welchen er ſchon im Mutterleib erkannte, hat er unter den Menſchen⸗ ſcharen mit dem Finger gedeutet, und er hat ihn im Jordan mit heiligen Händen getauft. Er ſah den Himmel offen, hörte des Vaters Stimme, ſah den Sohn in Menſchengeſtalt, den h. Geiſt in Geſtalt einer Taube. Endlich hat er für die Ge⸗ rechtigkeit den Tod des Märtyrers erlitten. Darum iſt er größer als ich. Rufe daher noch heute deine Mitſchweſter vor die Meiſterin und bitte ſie auf den Knien um Verzeihung, daß du ſie in eurem Streit ſo oft erzürnt haſt, indem du mich dem Vorläufer des Herrn vorzogeſt!“

Am Morgen kamen beide zur Meiſterin und erzählten, was ſie geſehen; dann warfen fie iſich gleichzeitig voreinander auf die Knie und baten ſich gegenſeitig um Verzeihung. Die Mei⸗ ſterin aber ermahnte ſie, künftig nicht mehr über die Verdienſte der Heiligen zu ſtreiten, da ſie nur Gott allein bekannt ſeien.

VII. Beichtgeſchichten.

49. Wie einem Deibe, das ſich in der Beichte als gerecht darſtellte, ein kluger Beichtoater zeigte, daß ſie mehrere ſchwere Sünden begangen hatte.

Als Hermann, der Dechant von Bonn, noch Pfarrer an St. Martin in Köln war, kam einmal in der öſterlichen Zeit eine Frau zu ihm, um zu beichten. Nachdem ſſie ſich nieder⸗ gekniet hatte, hub ſie an, alles Gute, was ſie getan, aufzuzählen und ſich gleich dem Phariſäer im Evangelium ſelbſt zu rühmen: „Herr, an ſo und ſo vielen Feiertagen pflege ich bei Waſſer und Brot zu faſten, ich gebe Almoſen, ich beſuche die Kirche uſſ.“ „Warum ſeid Ihr denn gekommen?“ erwiderte der Pfarrer. „Wollt Ihr etwa für jene guten Werke eine Buße empfangen? Warum beichtet Ihr nicht Eure Sünden?“ Als ſie zur Antwort gab: „Ich bin mir keiner bewußt“, fragte der

Beichtgeſchichten. | 67

Pfarrer: „Was für ein Geſchäft betreibt Ihr denn?“ „Ich handle mit Eiſenwaren.“ „Pflegt Ihr nicht bisweilen kleine Stücke Eiſen unter die großen zu mengen und ſie miteinander zu verkaufen?“ „Das tue ich bisweilen.“ „Seht, das iſt eine ſchwere Sünde, weil es Betrug iſt. Pflegt Ihr nicht auch bisweilen zu lügen, zu ſchwören und ſogar falſch zu ſchwören, Euere Zunftgenoſſen zu verwünſchen und jene zu beneiden, welche mehr Kunden haben als Ihr? Das alles ſind ſchwere Sünden, und wenn Ihr dafür nicht die gebührende Buße leidet, ſeid Ihr bald für die Hölle reif.“ Im höchſten Grade beſtürzt über dieſe Worte, erkannte ſie, wie ſie geſündigt, und was ſie künftig zu beichten habe.

50. Wie ein Pfarrer einen Wucherer und einen Totſchläger in der Beichte durch ſanfte Worte zur Bußfertigkeit brachte.

Als derſelbe Dechant während der Oſterzeit in ſeiner Pfarr⸗ kirche einer alten Frau Beichte hörte, ſah er ſich gegenüber zwei ſeiner Pfarrkinder ſitzen und ſich unterhalten; der eine war ein Wucherer, der andere ein offenkundiger Totſchläger. Die Alte entfernte ſich, und nun kam an den Wucherer die Reihe zu beichten. Da ſagte der Pfarrer: „Lieber Freund, wir beide wollen heute einmal dem Teufel einen Streich ſpielen: bekenne du ganz genau deine Sünden mit dem reuevollen, feſten Vorſatz, künftig nicht mehr zu ſündigen, und folge dann meinem Nat; ich verſpreche dir dafür das ewige Leben, und ich werde dir eine Buße geben, die nicht allzu ſchwer iſt.“ Er wußte näm⸗ lich, welche Sünde auf dem Beichtenden laſtete. Der Wucherer entgegnete: „Wenn Ihr das, was Ihr mir verſprecht, auch haltet, jo werde ich mich herzlich gern Eures Rates bedienen.“ Dies beteuerte ihm der Beichtvater. Als der Mann ſein Be⸗ kenntnis beendigt, dem Wucher abgeſchworen und ſeine Buße erhalten hatte, traf er ſeinen Genoſſen, den Totſchläger, und ſagte ihm: „Wahrhaftig, wir haben einen ſehr guten Pfarrer: ſeine eindringlichen Worte haben michzbeſtimmt, Buße zu tun.“ Ermuntert durch dieſes Beiſpiel, ging der Totſchläger auch zur Beichte, und da er die gleiche Liebe auch ſeiner Seele gegenüber

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68 Beichtgeſchichten.

erkannte, übernahm auch er reuevoll die ihm auferlegte Buße und erfüllte ſie auch. |

51. Wie ein Abt zu St. Pantaleon in Röln dadurch arm wurde, daß er ſeinem Bruder Rlojtergelder zuwandte.

Im Kloſter St. Pantaleon zu Köln war ein Abt, welcher ſeinen Bruder, einen dortigen Bürger, in hohem Grade liebte. Mehrere Male ſchenkte er ihm Gelder, obwohl ſie nicht ihm, ſondern dem Kloſter gehörten. Der Beſchenkte ſah die Gelder ganz als ſein Eigentum an und machte damit Geſchäfte; wo und wie er ſie aber auch verwendete, immer kam er zu Schaden. Es wurde ihm, ohne daß er es merkte, das Kloſtergeld zum Feuer und ſein eigenes Vermögen zu Stoppeln. Da er in Han⸗ delsgeſchäften ſehr erfahren und umſichtiger war als die meiſten andern Kaufleute der Stadt, ſo wunderte er ſich nicht wenig über deren Glück und feine Verluſte. Höchſt betrübt wegen dieſes fortwährenden Mißgeſchicks, gab der Abt weitere Sum⸗ men her; es half jedoch nichts: der Bruder verlor immer mehr und mehr, und zuletzt verarmte der Abt ſelbſt. „Aber, Bruder“, ſagte er einmal, „was machſt du nur? Wie verſchleuderſt du ſo leichtſinnig dein Vermögen und bringſt dadurch mich und dich in die größten Ungelegenheiten?“ „Ich lebe äußerſt ſparſam“, erwiderte der Bruder; „ich beſorge meine Geſchäfte mit größtem Fleiß und weiß durchaus nicht, warum es mir ſo ſchlecht geht.“ | Endlich ging er zu einem Prieſter und beichtete ihm alles. Dieſer ſagte: „Befolge meinen Rat, und bald wirſt du reich werden! Das Geld deines Bruders iſt entwendetes Geld und hat deshalb auch das deinige verſchlungen. Nimm fernerhin nichts mehr von ihm an; mit dem wenigen aber, das noch übrig iſt, betreibe dein Geſchäft weiter, und du wirſt die gütige Hand Gottes über dir ſehen! Von deinem Gewinſt gib die eine Hälfte deinem Bruder, von der andern lebe du ſelbſt, und dies tue ſo lange, bis du dem Kloſter ſein Geld vollſtändig zurückerſtattet haſt!“ Wunderbare Milde Gottes: der Mann befolgte den Rat feines Beichtvaters und wurde binnen kurzem

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wieder ſo reich, daß er nicht allein für ſich genug hatte, ſondern auch dem Bruder die geſchenkten Summen zurückgeben konnte. Als ihn der Abt einſt fragte: „Woher kommen plötzlich dieſe Reichtümer, Bruder?“ entgegnete er: „Solang ich das Geld deiner Brüder erhielt, war ich arm und elend: du haſt eine ſchwere Sünde begangen, als du mir gabſt, was nicht dein war, und ich ſündigte, als ich fremdes Gut annahm. Seit ich aber Reue darüber empfunden und jene Entwendungen verab⸗ ſcheut habe, bin ich von Gott geſegnet und wieder reich ge⸗ worden.“ Siehe, was ein guter Rat in der Beichte vermag!

52. Don zwei Kaufleuten in Röln, denen in der Beichte geraten wurde, nicht mehr zu ſchwören und zu lügen, und die dadurch reich wurden.

Zwei Kölner Bürger hatten neben andern Sünden auch zwei gebeichtet, die zwar an ſich ſchwer ſind, aber, infolge der Gewohnheit, beſonders von Kaufleuten als kleine oder gar keine angeſehen werden: Lüge und Meineid. „Herr“, ſagten ſie, „wir können faſt nichts kaufen oder verkaufen, ohne lügen, ſchwören und oft gar falſch ſchwören zu müſſen.“ Der Pfarrer erwiderte ihnen: „Das ſind ſchwere, vom Heiland ſelbſt verbotene Sünden, der da ſagt: Eure Rede ſei ja, ja nein, nein!“ Die Kaufleute erklärten jedoch: „Bei unſern Handelsgeſchäften können wir dieſes Gebot nicht befolgen.“ Da verſetzte der Prieſter: „Folgt meinem Rate, und es wird euch zum Glück ausſchlagen! Lüget nicht mehr, ſchwöret nicht mehr! Preiſet eure Ware nur an, wie ihr ſie wirklich verkauft!“ Sie verſprachen, dies ein Jahr lang verſuchen zu wollen. Aber vom Teufel, der ſtets ein Feind der Wohlfahrt der Menſchen iſt, beeinträchtigt, konnten ſie in dieſem Jahre faſt nichts verkaufen. Nach Verlauf der Friſt kamen ſie wieder und teilten dem Pfarrer mit: „Wir ſind Euch ein Jahr lang gehorſam geweſen, aber zu unſerm äußerſten Schaden: die Kunden haben ſich von uns zurückgezogen; es iſt uns unmöglich, irgend etwas abzuſetzen, ohne zu lügen und zu ſchwören.“ „Fürchtet euch nicht“, ſagte der Prieſter, „das iſt nur eine Verſuchung! Bleibt ſtandhaft und laßt euch

70 Beichtgeſchichten.

durch keine Widerwärtigkeit, durch keinen Schaden von euerm Vorhaben abhalten; der Herr wird es euch ſegnen!“ Auf Gottes Eingebung verſprachen ſie ihm, ſeinem Rat ihr Leben lang zu folgen, wenn ſie auch zu Bettlern werden ſollten. Und wunderbar: alsbald machte Gott jener Verſuchung ein Ende; die Leute fingen wieder an, ſie mehr als andere Kaufleute auf⸗ zuſuchen, und ſie wurden in kurzem ſo reich, daß man ſich all⸗ gemein darüber verwunderte. Da gingen ſie zu ihrem Beicht⸗ vater und ſagten ihm Dank, daß ſie infolge ſeines heilſamen Rates nicht nur von ſchweren Sünden frei, ſondern auch an irdiſchem Beſitz reich geworden ſeien. Dieſe Geſchichte hat mir der Dechant Hermann von Bonn erzählt, und er hat ver⸗ ſichert, er habe ſie ſelbſt von jenem Pfarrer gehört.

53. Wie ein Bauer im Sterben einen glühenden Grenzſtein über jeinem Ropfe ſah, aber durch die Beichte von dieſem Geſicht befreit wurde.

Im Dorfe Pütt der Diözeſe Köln war ein Bauer namens Heinrich. Als es mit ihm zu Ende ging, erblickte er über ſich einen großen, glühenden Stein. Der Sterbende litt unter der Hitze, welche der Stein ausſtrömte, ganz entſetzlich und brüllte: „Seht doch, ſeht doch! Der Stein über meinem Kopf wird mich noch ganz verbrennen!“ Man holt einen Prieſter; der, Mann beich⸗ tet, aber es hilſt nichts. Da ſagte der Geiſtliche: „Beſinn dich doch noch einmal, ob du nicht jemand durch einen Stein ge⸗ ſchädigt haſt!“ Jener beſann ſich und erwiderte dann: „Ich erinnere mich, daß ich, um meine Acker zu erweitern, einen ſolchen Stein auf das Grundſtück eines meiner Nachbarn gerückt habe.“ „Jetzt wiſſen wir die Urſache der Erſcheinung!“ ant⸗ wortete der Prieſter. Der Mann beichtet noch einmal und ver⸗ ſpricht Genugtuung, und ſofort iſt er von jenem ſchrecklichen Geſichte befreit.

Beichtgeſchichten. 71 54. Wie ein Prieſter vom Teufel durch die falſche Dorherſagung jeines Todes getäuſcht, aber durch die Beichte von ihm befreit wurde.

In unſerer Gegend lebte oder vielmehr lebt noch ein äußerſt frommer und ſeiner Verdienſte wegen hochgeſchätzter Prieſter, der eine Pfarrei verwaltet. Wegen ſeiner Gnaden war ihm der Teufel in hohem Grade aufſäſſig; er wollte ihm jedoch nicht als offener Verſucher beikommen, ſondern hoffte, ihn wirkſamer durch den Schein des Guten für ſich gewinnen zu können. Der Diener der Finſternis verwandelte ſich daher in einen Engel des Lichtes, begab ſich dann zu jenem Prieſter und ſprach: „Mann Gottes, ich bin zu dir geſandt worden, um dir deine Zukunft zu verkündigen; bereite dich vor noch in dieſem Jahre wirft du ſterben!“ Der Prieſter, der an keinen böſen Engel dachte, ſondern glaubte, dieſe Vorausſage würde ſich erfüllen, begann ſich ſorgfältig auf den Tod vorzubereiten, reinigte ſein Gewiſſen und kaſteite den Leib durch Faſten, Nachtwachen und emſiges Beten; endlich ſchenkte er ſeine Früchte und Hausgerätſchaften den Armen. Als ſich die Leute erkundigten, weshalb er ſo Hab und Gut verſchleudere, bekannte er einem von ihnen im Ver⸗ trauen den wahren Grund, indem er ſagte: „Ein Engel des Herrn hat mir offenbart, daß ich noch in dieſem Jahre ſterben werde.“ Jener aber konnte nicht reinen Mund halten, ſondern teilte es einem Freunde mit, und ſo war die Sache bald zur Kenntnis der geſamten Pfarrgemeinde gelangt. Das Jahr lief ab, der Prieſter lebte noch, und der Teufel hatte ſich als falſchen Propheten erwieſen. Weil aber denen, die Gott lieben, alles zum beſten gereicht, wurde der fromme Mann durch den Trug des Teufels erhöht denn da er ſich vor den Leuten ſchämte, ſo be⸗ trogen worden zu ſein, und nichts mehr zu leben hatte, gab er ſeine Pfarrei auf und trat in eines unſerer Ordens häuſer, deſſen Name mir entfallen iſt.

Nachdem er Novize geworden, ſtellte ſich der Teufel wieder bei ihm ein und bemäntelte in folgender Weiſe, ſeine betrügeriſche Abſicht: „Beunruhige dich nicht, Mann Gottes Fdaß du nicht geſtorben biſt, wie ich vorausgeſagt habe! Gott hat in ſeiner

72 Beichtgeſchichten.

Fürſorge dein Leben verlängert, um noch viele zu erbauen. Er hat mich abermals zu dir geſandt, damit ich dir beiſtehe, dich unterweiſe und dich behüte.“ Wiederum ſchenkte der Geiſtliche dieſen Verſicherungen Glauben. Der Teufel beſuchte ihn von nun an häufiger und ermahnte ihn, wie dem Manne ſpäter eingefallen iſt, ſtets zum Bequemeren und Leichteren, wenn ihn ſein Eifer bisweilen antrieb, mehr zu beten, zu wachen und zu arbeiten als die übrigen, machte ihm der Verſucher Vorwürfe und ſagte: „Die Tugend des Maßhaltens ift die Mutter aller Tugenden. Du kannft noch lange leben und mußt dich daher ſchonen, damit du noch lange Gott dienen kannſt.“ Wenn er einen größeren Stein aufheben wollte, ſagte der Teufel: „Dieſer Stein iſt zu ſchwer für dich, nimm jenen leichteren!“ Nachdem der Novize Mönch geworden war, riet ihm der Teufel: „Bitte den Prior um Erlaubnis, für dich allein arbeiten zu dürfen, dann können wir uns ungeſtörter unterhalten!“ Der Prior ge⸗ währte dieſe Erlaubnis.

In einer Nacht aber wollte der Teufel den ſo lange hin⸗ gezogenen Trug vollenden. Bei einem Unwetter trat er um Mitternacht an das Bett des Mönches und weckte ihn: „Stehe auf, der Herr will endlich deine großen Mühen belohnen! Begib dich ins geheime Gemach und hänge dich an einem Balken desſelben mit deinem Gürtel auf, damit du als Mar⸗ tyrer vor den Herrn treteſt!“ Als aber der Mönch dies hörte, entſetzte er ſich, ſpie aus gegen den Teufel und rief: „Weiche von mir, Verruchter, jetzt weiß ich, wer du biſt!“ Und als er das Kreuz ſchlug, entfloh der Teufel. Der Mönch aber ſtand auf, eilte zum Lager des Priors, weckte ihn und gab ihm durch ein Zeichen zu verſtehen, er wolle beichten. Der Prior winkte: er möge bis zum Morgen warten; da jedoch der Bittende nicht nachließ, ſtand er auf und ging mit ihm in den Kapitelſaal. Hier warf ſich der Mönch ihm zu Füßen und beichtete, wie er ſo lange Zeit vom Teufel in Geſtalt eines Engels ge⸗ täuſcht worden ſei, bis er ſich durch den Rat, er ſolle ſich er⸗ hängen, verraten habe. Auch alle ſeine ſonſtigen Sünden beichtete er. Der Prior legte ihm eine Buße auf und ermahnte ihn, künftighin vorſichtiger zu fein; dann ging er wieder auf ſein

Allerlei Wundergeſchichten und Geſichte. 73

Lager. Der Mönch aber mußte das geheime Gemach aufſuchen, und als er ſich auf einem der Sitze niedergelaſſen hatte, erblickte er den über die Beichte erbitterten Teufel, wie er mit geſpanntem Bogen und einem Pfeil auf ihn zielte und ſchrie: „Zu deinem Unheil haſt du meine Pläne vernichtet ſiehe, jetzt werde ich dich töten!“ Der Mönch aber entgegnete: „Fahr hin, du Verfluchter, ich fürchte dich nicht mehr!“ Dann bekreuzigte er ſich, und bei dieſem Zeichen entfloh der Böſe. Durch die Kraft der Beichte befreit, hat der Mönch den Teufel nie wieder geſehen.

VIII. Allerlei Wundergeſchichten und Geſichte.

55. Wie der Pilger Winand in einer Stunde von Jeruſalem ins Sütfiche zurückgebracht wurde.

Im Sprengel von Lüttich liegt ein Dorf Elzelo. Dort wohnte ein frommer Laie namens Winand, von mütterlicher Seite der Oheim und auch der Pate unſeres Mönches Winand. Einſt pilgerte er mit anderen Leuten ſeiner Gegend nach Jeruſalem. Als ſich nun dieſe am Oſtertag nach Beendigung der feierlichen Meſſen zur Heimkehr anſchickten, riet ihnen Winand als gottes⸗ fürchtiger Mann, ſie möchten an einem ſo heiligen Tage ruhen und ſämtliche Tageszeiten anhören. Er konnte ſie jedoch nicht dazu beſtimmen, ſondern ſie machten ſich auf, um ſo bald als möglich den Hafen zu erreichen. Winand aber blieb zurück, feierte alle Tageszeiten des hohen Tages mit und machte ſich erſt am folgenden Morgen auf den Weg. Da begegnete ihm eine Perſon von höchſt ehrwürdigem Ausſehen, grüßte ihn und fragte: „Guter Mann, warum reiſeſt du ſo allein, und woher kommſt du?“ „Von Jeruſalem“, antwortete Winand; „jo und ſo iſt es mir ergangen.“ Da ſprach der andere: „Setze dich hinter mich aufs Pferd: wir wollen deinen Genoſſen folgen!“ Winand ſtieg auf und wurde noch an demſelben Tage bei ſeinem Dorfe abgeſetzt. „Weißt du, wo du bift?“ fragte hier der Fremde. „Die Gegend kenne ich“, antwortete Winand,

74 Allerlei Wundergeſchichten und Geſichte.

„aber ich begreife nicht, was mit mir vorgeht.“ Da ſprach der Reiter: „Weil du Chriſtum geehrt haſt, bin ich geſandt worden, dich heimzubringen. Siehe, da iſt dein Haus; gehe hinein und erzähle das Wunder, das ſich mit dir zugetragen hat!“ Als die Bekannten Winand ſahen, fragten ſie: „Wo bleiben deine Mitpilger?“ Er erwiderte: „Heute war ich noch in Jeruſalem; geſtern haben ſie mich verlaſſen und ſind vorausgeeilt.“ Jene aber ſchenkten dieſen Worten keinen Glauben, ſondern ſagten: „Der alte Mann redet irre.“ Um dem Geſpött ſeiner Mitbürger zu entgehen, begab ſich Winand mit dem Gelde, das ihm ſein himmliſcher Reiſegefährte erſpart hatte, nach St. Jakob, und von dort kam er zurück, als auch die andern heimgekehrt waren. Ein doppeltes Zeugnis, nämlich das der Pilger, welche ihn am Oſtertage in Jeruſalem zurückgelaſſen, und das der Ortsangehörigen, die ihn am folgenden Tage in Elzelo geſehen hatten, beſtätigte nun das von ihm Erzählte; alle prieſen den Herrn und verkündigten weit und breit das große Wunder.

56. Wie auf das Gebet eines Caienbruders ein zerſprungener Topf wiederhergeſtellt wurde.

Zu Himmerod war ein guter Laienbruder namens Everhard, der Hüter der mittleren Pforte. Dieſer ging im Winter bis⸗ weilen mit den Brüdern Zimmerleuten in den Wald, um deren Gerätſchaften zu bewahren und für ſie zu kochen. Als er eines Tages ſpäter als ſonſt aufgeſtanden war, indeſſen die Brüder ſchon zur Arbeit hinausgegangen waren, beſchleunigte er ſein Gebet, damit er ihnen um ſo raſcher ihre Koſt bereiten könne. Im Walde angekommen, ſetzte er, während er noch betete, den eiſernen Topf aufs Feuer, vergaß aber, Waſſer hineinzugießen. Als er nun nach einer Stunde das Gemüſe hineinlegen wollte, fand er ihn glühend. Dadurch wurde er ſo verwirrt, daß er, um den Topf zu retten, kaltes Waſſer hineingoß. Natürlich zerſprang dieſer nun in Stücke; weil aber kein anderer vorhanden war, ſiel der Bruder auf ſeine Knie und betete flehentlich zu Gott: er möge Erbarmen mit ihm haben und ihm einen Nat

Allerlei Wundergeſchichten und Geſichte. 75 eingeben, wie er den im Dienſte Gottes arbeitenden Leuten zu ihrer Mahlzeit verhelfen könne. Der liebe Gott beachtete das demütige Flehen ſeines Dieners und erhörte ſein Gebet. Als er ſich wieder erhob, ſah er den Topf ganz unverletzt vor ſich ſtehen. Gott preiſend, goß er Waſſer hinein, ſetzte ihn wieder aufs Feuer, legte das Gemüſe hinein und kochte es ſo raſch als möglich. Als es gar war, gab er das Zeichen für die Eſſens⸗ ſtunde; die Brüder kamen, beteten und nahmen ihr Mahl ein. Nach Tiſch aber erklärten ſie, während der ganzen Zeit, die ſie hier verbracht, noch kein fo gutes Gemüſe gegeſſen zu haben; auch wunderten ſie ſich, daß die Eſſenszeit ſo raſch herbeige⸗ kommen ſei, während er gefürchtet hatte, ſie würden über ihn ärgerlich ſein, daß er die rechte Stunde verpaßt habe.

57. Wie eine Witwe mit Rrügen ihr Baus vor dem

Feuer ſchützte.

In der Stadt Duisburg lebte eine Witwe, welche Bier braute und ausſchenkte. Als nun einſt ein großer Brand in der Stadt ausbrach und das Feuer ihrem Hauſe näher und näher kam, da nahm ſie, weil keine menſchliche Hülfe zu erwarten ſtand, ihre Zuflucht zur göttlichen. Sie ergriff ihre Maßkrüge, mit denen ſie ihren Kunden das Bier zu meſſen pflegte, ſtellte ſie vor der Tür den Flammen entgegen und betete in ihres Herzens Einfalt: Gerechter und barmherziger Herrgott, wenn ich je in dieſen Gefäßen falſches Maß gegeben habe, mag dies Haus verbrennen! Tat ich jedoch, was recht iſt in deinen Augen, ſo flehe ich zu deiner Gerechtigkeit: ſchaue in dieſer Stunde barmherzig auf meine Not, und gnädig verſchone mich und meine Habe!“ Merhwürdiger Glaube der Frau, wunder⸗ bare Barmherzigkeit des Allmächtigen! Er, der geſprochen hat: „Mit welchem Maße ihr ausmeſſet, mit dem wird auch euch gemeſſen werden“ gebot auf die Bitte der gläubigen Witwe dem alles umher verzehrenden Feuer plötzlich Halt, und alle erſtaunten, als die wilde Lohe die brennbaren Stoffe zwar be⸗ leckte, aber nicht in Brand ſetzte.

76 Allerlei Wundergeſchichten und Gefiihte

58. Wie aus dem Kruzifix zu St. Goar, als es verwundet wurde, Blut floß.

Um die Zeit der Kämpfe zwiſchen den Königen Otto und Philipp flüchteten ſich Landleute in die Kapelle des h. Beken⸗ ners Goar, welche im Trieriſchen gelegen iſt und durch ihre Lage wie durch ihren Bau großen Schutz bot. Als dies der mächtige und reichbegüterte Werner von Bolanden erfuhr, ließ er, um ſich der Kapelle zu bemächtigen, Sturmböcke und andere Belagerungswerkzeuge herbeiſchaffen und berannte fie, jedoch ohne Erfolg. Die Belagerten ſtellten ans Fenſter ein hölzernes Kruzifix in der Hoffnung, die Feinde würden aus Ehrfurcht vor ihm die Beſchießung aufgeben. Einer der feindlichen Schützen aber kümmerte ſich um das Kruzifix nicht, ſondern unwillig über die Aufſtellung desſelben ſchoß er einen Pfeil ab und verſetzte damit dem heiligen Bildnis eine tiefe Wunde am Arm. Da erneuerten ſich die Wunder der Vorzeit: plötzlich begann aus der Wunde wie aus einer menſchlichen Ader Blut zu fließen. Hierüber in höchſtem Grade erſchrocken und entſetzt, ließ ſich Werner mit dem Kreuze zeichnen zur Teilnahme an einem Kreuzzuge. Als Herr Philipp, Abt von Otterburg, von dem wunderbaren Vorfall Kunde erhalten hatte, begab er ſich ſofort nach St. Goar, um ſich von der Wahrheit der Sache zu überzeugen. Alle be⸗ ſtätigten ihm das Wunder. Noch wird der Pfeil dort bewahrt, noch werden Wunde und Blutſpuren dort gezeigt.

59. Die der Derfaſſer dieſes Buches durch die Braft des h. Taufwallers genefen iſt.

Als ich einſt als junger Schüler heftig an einem Fieber litt und zweimal rückfällig geworden war, geſchah es, daß ein von meiner Tante gekauftes heidniſches Mädchen von ungefähr zehn Jahren getauft wurde. Da wurde meiner Mutter geraten, mich in das naſſe Linnen einzuſchlagen, in welchem das Mädchen aus dem Taufbad geſtiegen war; alsbald würde mir die Gnade der Geſundheit zuteil werden. Man tat ſo, und kaum hatte das geheiligte Waſſer mich berührt, ſo brach der Schweiß aus, und ich war geneſen.

Allerlei Wundergeſchichten und Geſichte. 77

60. Wie vor einem Ritter, der aus Siebe zum h. Nreuz einen Feind verſchont hatte, ein Rreuz ſich verneigte.

Zu unſerer Zeit und in unſerer Gegend hatte, wie ich gehört, ein Ritter den Vater eines anderen Ritters getötet. Der Zufall wollte, daß der Sohn des Getöteten den Mörder gefangennahm. Er zog das Schwert, um den Vater zu rächen. Da warf ſich jener ihm zu Füßen und rief: „Um des h. Kreuzes willen, an welchem Gott ſich der Welt erbarmt hat, flehe ich Euch an, Herr, erbarmt Euch meiner!“ Dieſe Worte trafen den andern; er hielt inne mit dem Streich und überlegte, was er tun ſollte. End⸗ lich ſiegte die Barmherzigkeit; er hob den Knienden auf und ſprach: „Siehe, zu Ehren des h. Kreuzes, und damit derjenige, welcher daran hing, mir meine Sünden verzeihe, laſſe ich dir nicht bloß deine Schuld nach, ſondern will fortan dein Freund ſein.“ Und er gab ihm den Friedenskuß. Bald nachher nahm dieſer Ritter das Kreuz und fuhr übers Meer; als er nun mit anderen ehrenwerten Pilgern ſeiner Gegend in die h. Grabes⸗ kirche trat und ſie an einem Altare vorübergingen, da neigte ſich das auf demſelben ſtehende Bildnis des Gekreuzigten tief vor ihm. Einige der anderen bemerkten es, wußten jedoch nicht recht, wem eigentlich dieſe hohe Ehre gegolten habe; ſie gingen daher nach Verabredung einzeln noch einmal an dem Altare vorbei, aber vor keinem andern verbeugte ſich das Bildnis als vor jenem. Nun fragten ſie nach dem Grunde; auch er erklärte ſich jedoch der Ehre für unwürdig. Plötzlich kam ihm der oben mitgeteilte Vorfall wieder ins Gedächtnis, und als er ihnen denſelben erzählt, erſtaunten alle über eine ſolche Herablaſſung Gottes, denn ſie erkannten, die Verbeugung habe der Barm⸗ herzigkeit gegolten, welche der Ritter an ſeinem Feinde geübt

hatte.

61. Wie Nichmudis am Tage der Erſcheinung des Herrn CThriſtum in der Krippe ſah und die an ihn gerichteten Worte ſeines Daters hörte.

Vor ungefähr drei Jahren ſtarb eine Jungfrau, welche Rich⸗ mudis hieß. Sie kleidete ſich weltlich, führte jedoch ein frommes,

78 Allerlei Wundergeſchichten und Geſichte.

geiſtliches Leben. Sie war äußerſt eifrig im Faſten und Beten; auch hatte ſie oftmals Geſichte, wurde gewürdigt, in die Ge⸗ heimniſſe des Himmels Einblicke zu tun, und ſah bisweilen ſogar den König des Himmels mit den Himmelsbürgern. Einſt, am Tage der Erſcheinung des Herrn, wohnte ſie in Walberberg dem Morgengottes dienſte bei, und als die Abtiſſin das zwölfte Reſponſorium begonnen hatte, fiel fie, während ſie wachte Hund betete, in Verzückung und erblickte den Heiland als Kind in Windeln gehüllt und in der Wiege liegend. Über ihm aber ſchwebte, ähnlich einem Regenbogen, ein luftiger Baldachin, und zu beiden Seiten ſtanden viele Engel, welche mit erhobenen Händen das Kind anbeteten und ihre Augen unverwandt auf es gerichtet hielten. Als man an die Worte kam: „Und ſieh, eine Stimme vom Himmel ſprach“, da hörte die Begnadigte, welcher die äußern Sinne verſchwunden waren, nicht den Konvent, ſondern den Vater, wie er ſprach: „Dieſer iſt mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe!“ Es war aber der Sohn Gottes von ſolcher Schönheit und die Stimme des Vaters von ſolcher Süßigkeit, daß es ſich gar nicht aus⸗ drücken läßt. Als ich ſie fragte, wie die Engel ausgeſehen hätten, antwortete ſie: „Sie haben menſchliche Geſtalt, ihr Ant⸗ litz iſt denen von Jungfrauen ähnlich; ihre Wangen gleichen roten Roſen, im übrigen übertreffen ſie den Schnee an Weiße.“

62. Wie Chriſtus einem Saienbruder Rlagte, daß man ihn geſtoßen habe.

Es iſt noch nicht lange her, da wollte ſich ein Armer in ſeiner Not an den jetzt noch lebenden Herzog Heinrich von Löwen wenden und machte daher einen Verſuch, bei ihm vorgelaſſen zu werden. Einer der Kämmerer aber, hierüber erzürnt, faßte ihn bei der Schulter und ſchlug ihn ohne Erbarmen mehrmals mit ſeinem Stabe. Ein Laienbruder unſeres Ordens ſah dieſes und ſtieß einen tiefen Seufzer aus; ſein Mitleiden mit dem Armen war ſo groß, daß er gar in Tränen ausbrach. In der folgenden Nacht zeigte ſich ihm während des Traumes der Heiland auf einem Altar in voller Herrlichkeit und ſprach: „Ich

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danke dir, daß du geſtern, als der Kämmerer des Herzogs mich ohne Grund ſo unbarmherzig ſchlug, ein ſo tiefes Mitleid mit mir empfunden haſt.“ Der Laienbruder wachte bei dieſen Wor⸗ ten auf und erkannte, daß Chriſtus noch heute in ſeinen Glie⸗ dern leidet.

63. Wie unſer Bellner Nichwin durch einen Donnerſchlag von Näubern befreit wurde.

Als während des Thronſtreites der beiden Könige Philipp und Otto unſer Kellner Richwin einmal aus Köln ritt, ſah er nicht weit von der Stadt auf der einen Seite der Landſtraße zu ſeinem nicht geringen Schrecken mehrere bewaffnete Reiter. Einer derſelben ſprengte an ihn heran, ergriff ſein Pferd beim Zügel und ſagte barſch: „Steigt ab, Herr Mönch! Euer Pferd kann ich beſſer brauchen!“

Kaum hatte er dies geſagt, da antwortete ihm der Herr für ſeinen Diener, aber nicht mit Worten, ſondern mit einem Donner⸗ ſchlag. Obwohl man den ganzen Tag über keinen Donner gehört hatte, erdröhnte plötzlich ein ſo heftiger Schlag, daß das Pferd des Soldaten in die Knie brach und dieſer ſelbſt auf dem Rücken des wankenden Tieres ſich kaum zu halten ver⸗ mochte. Augenblicklich ließ er den Zügel fahren und ſagte demütig: „Gehet in Frieden, denn Ihr ſeid ein guter Mann!“ Richwin dankte und ritt frohen Gemütes weiter; er erkannte, daß er durch göttliches Eingreifen befreit worden war. Ich habe den Vorfall von ihm ſelbſt gehört.

IX. Nurzweilige und ergößhliche Geſchichten.

64. Don einem betzeriſchen Jrrtum des Sandgrafen audwig von Thüringen hinſichtlich der Borherbeſtimmung. Wie ich von einem frommen Manne erfahren habe, war

Landgraf Ludwig von Thüringen, der Vater des vor zwei Jahren verſtorbenen Landgrafen Hermann, in einen nicht bloß für ſeine

80 Kurzweilige und ergötzliche Geſchichten.

eigene Seele, ſondern auch für das Wohl ſeiner Untertanen höchſt gefährlichen ketzeriſchen Irrtum verfallen. Er war übrigens ein Räuber und großer Tyrann, der ſein Volk oft mit den härteſten Auflagen bedrückte und viele Kirchen ihrer Beſitzungen beraubte. Wenn ihm nun wegen dieſer und anderer Untaten fromme Leute Vorwürfe machten und Prieſter ihm in der Beichte die Strafe der Böſen und die Herrlichkeit der Auserwählten vorſtellten, gab er die unſelige Antwort: „Wenn ich vorher dazu beſtimmt bin, vermögen keine Sünden mich um das Himmelreich zu bringen; wenn nicht, ſo vermag keine gute Tat mir in dasſelbe zu ver⸗ helfen.“ Sagten aber gottesfürchtige Leute: „Herr, ſorget für

Euer Seelenheil; höret auf zu ſündigen, damit nicht der Herr,

durch Eure Vergehen herausgefordert, den Sünder inmitten ſeiner Vergehen töte“, dann erwiderte er: „Wenn die Stunde meines Todes gekommen iſt, dann muß ich ſterben; ich kann dieſe Stunde weder durch gutes Leben hinausſchieben, noch durch ein böſes beſchleunigen.“ Gott aber in ſeiner Barmherzigkeit wollte ihn von dieſem ketzeriſchen Irrtum zurückbringen und wieder auf den richtigen Weg führen und ſchlug ihn daher mit einer gefährlichen Krankheit. Sein Arzt wurde gerufen, ein recht⸗ ſchaffener und gewiſſenhafter und nicht bloß in der Arzneikunde, ſondern auch in der Gottesgelahrtheit wohlbewanderter Mann. Der Fürſt ſprach zu ihm: „Wie du ſiehſt, bin ich ſchwer krank; gib dir Mühe, daß ich geneſe!“ Der Arzt aber, jener Ketzerei gedenkend, entgegnete: „Herr, wenn die Stunde Eures Abſterbens da iſt, ſo vermag meine größte Sorgfalt nicht Euch dem Tode zu entziehen. Iſt es jedoch beſtimmt, daß Ihr an dieſer Krank⸗ heit nicht ſterben ſollt, jo iſt auch meine Arzneikunde überflüf- ſig.“ „Wie kannſt du mir eine ſolche Antwort geben?“ verſetzte der Landgraf. „Wird mir nicht eine ſorgfältige Pflege und die richtige Nahrung verordnet, ſo kann von mir oder von uner⸗ fahrenen Perſonen etwas vernachläſſigt werden, und ich ſterbe vor der Zeit.“ Dieſe Antwort kam dem Arzte höchlichſt erwünſcht, er ergriff die Gelegenheit und erwiderte: „Herr, wenn Ihr glaubt, durch die Wirkung einer Arznei könne Euer Leben verlängert werden, warum ſperrt Ihr Euch dann, das gleiche von der Reue und den Werken der Gerechtigkeit, dieſen Heilmitteln der

Kurzweilige und ergötzliche Geſchichten. 81

Seele, zu erwarten? Ohne dieſe ſtirbt die Seele, ohne ſie ge⸗ langt niemand zum Heile des künftigen Lebens.“ Auf den Landgrafen machten dieſe Worte Eindruck; er ſah ein, daß der Mann vernünftig geſprochen habe, und ſagte: „Gut, künftig ſollſt du auch der Arzt meiner Seele ſein, weil durch das, was du als Arzt meines Körpers geſagt haſt, Gott mich von einem großen Irrtum befreit hat.“ Aber es blieb bei dieſen Worten, an der Tat ließ er es fehlen. Wie ſein Ende geweſen, das wird ſich zeigen, wenn auf ſeine Strafe im Jenſeits die Rede kommen wird.

65. Wie die Frau eines Ritfers, durch die Derſuchung beſiegt, froh ſeines Verbotes in einen Pfuhl feat.

Heinrich von Wieda war ein ſehr reicher, mächtiger und angeſehener Dienſtmann des Herzogs Heinrich von Sachſen. Noch leben manche, die ihn gekannt haben und ſich des Vor⸗ falles, den ich erzählen will, noch wohl erinnern. Er beſaß eine Frau von vornehmer Herkunft, die er ſehr lieb hatte. Einſt kam unter ihnen die Rede auf die Schuld der Eva; da fing ſie an, wie es bei Weibern öfters der Fall iſt, die Mutter des Menſchengeſchlechtes zu ſchmähen und der Unenthaltſamkeit und des Leichtſinnes zu beſchuldigen, weil ſie um eines Gaumen⸗ genuſſes, um eines elenden Apfels willen Strafe und Mühſal über das ganze Menſchengeſchlecht herabgerufen habe. Der Ritter entgegnete: „Urteile nicht zu ſtreng über fiel Du hätteſt vielleicht in gleicher oder ähnlicher Lage dasſelbe getan. Ich will dir etwas befehlen, was zu befolgen weit leichter iſt, und doch wirſt du nicht mir zuliebe gehorchen.“ „Worin be⸗ ſteht dieſer Befehl?“ erwiderte die Edelfrau. „An dem Tage“, fuhr der Ritter fort, „da du ein Bad genommen haſt, ſollſt du nicht mit bloßen Füßen in den Pfuhl in unſerm Hofe treten; an jedem andern Tage ſteht es dir frei.“ Dieſer Pfuhl aber war ein übelriechendes, ſchmutziges Waſſer, in welches aller Unrat des ganzen Hofes zuſammenfloß. Die Frau lachte; ſie entſetzte ſich ſogar vor einer Übertretung dieſes Verbotes. Aber Heinrich ſagte weiter: „Wir wollen eine Strafe bedingen. Wenn

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82 Kurzweilige und ergöglihe Geſchichten.

du gehorſam biſt, wirſt du von mir vierzig Mark Silbers er⸗ halten; wenn nicht, zahlſt du mir vierzig Mark.“ Und ſie er⸗ klärte ſich damit einverſtanden. Der Ritter ſtellte nun, ohne daß ſie es merkte, Leute auf, welche den Pfuhl immer im Auge behalten jollten.

Wunderlich! Von nun an konnte die ehrbare, ſittſame Frau nie über den Hof gehen, ohne auf jenen Pfuhl einen verſtoh⸗ lenen Blick zu werfen, und ſo oft ſie ein Bad nahm, kam die Verſuchung über ſie. Endlich, als ſie eines Tages die Bade⸗ ſtube verlaſſen hatte, ſagte ſie zu ihrer Dienerin: „Ich ſterbe, wenn ich nicht in dieſen Pfuhl trete.“ Dabei blickte ſie um ſich, ob niemand ſie beobachte. Nachdem ſie dann ihre Begleiterin fort⸗ geſchickt, zog ſie Schuhe und Strümpfe aus und watete bis an die Knie in das kotige Waſſer; um ihrem Gelüfte volles Ge⸗ nüge zu tun, ging ſie ſogar ein paarmal in demſelben auf und ab. Dies wurde ſoſort dem Ritter gemeldet, der ſich höchlich darüber freute. Sobald er ihr begegnete, fragte er ſie: „Wie geht's, liebe Frau? Bift du heut im Bad geweſen?“ „Ja⸗ wohl“, entgegnete ſie verlegen. „In der Badewanne oder vielleicht gar in unſerm Pfuhl?“ Höchſt betroffen gab ſie hierauf keine Antwort, da ſie merkte, ihr Ungehorſam ſei ans Tageslicht gekommen. „Wo iſt nun, liebe Frau“, fuhr der Ritter fort, wo iſt nun dein feſter Wille, dein Gehorſam, dein Tugendſtolz? Deine Verſuchung war weit geringer als die Evas, und doch haft du ſchwächer widerſtanden und biſt ſchmählicher gefallen. Jetzt zahle mir aber auch, was du mir ſchuldig biſt!“ Da ſie jedoch jo viel nicht hatte, nahm er ihre koſtbaren Kleider weg und verteilte ſie. So ließ er ſie, für einige Zeit wenigſtens, eine empfindliche Strafe erleiden.

66. Wie ein Diener gegen das Derbof feines Deren eine Düchfe öffnete und dadurch deſſen Bunft verſcherzte.

Ein Herr befaß einen treuen Diener, welcher ihm bei Ver⸗ waltung ſeines Eigentums die nützlichſten Dienſte leiſtete. Es kam einmal zwiſchen ihnen auf den Ungehorſam Adams die Rede, der gegen den Willen Gottes vom Apfel gegeſſen, und

Kurzweilige und ergötzliche Geſchichten. 83

der Diener äußerte ſich höchſt mißbilligend über deſſen Unent⸗ haltſamkeit: „Ich will von Gott ſchweigen, aber käme mir auch von Euch ein Verbot, ich würde es nicht übertreten!“ Der Herr erwiderte nichts darauf.

Ein paar Tage nachher, als der Diener an die Sache und ſein Urteil über Adam nicht mehr dachte, reichte ihm jener eine mit einem Dechel verſehene, jedoch nicht verſchloſſene Büchſe mit den Worten: „Ich empfehle dieſe Büchſe deiner Obhut. Offneſt du ſie, ſo kommſt du um deinen ganzen Lohn und haſt dich für immer um meine Huld gebracht.“ Er ſchärfte ihm dies mehrere Male ein, und der Diener begab ſich mit der Büchſe in ſeine Kammer. Hier ſtellten ſich ſchon bald Verſuchungen ein, zu erfahren, was wohl in der Büchſe ſtecken möge. Er drehte ſie hin und her; dann ſchaute er ſich um und ſagte bei ſich: „Wie, wenn ich ſie doch öffnete? Ich bin ganz allein, niemand ſieht es; fragt man mich, ſo leugne ich. Es iſt kein Zeuge da, der mich überführen könnte.“ Überwunden endlich von der Verſuchung, öffnete er die Büchſe, und heraus flog ein Vöglein, welches der Herr darin verborgen hatte. Nun merkte der Diener, was dieſer mit dem geheimnisvollen Verbote beab⸗ ſichtigt hatte. Zerknirſcht warf er ſich zu ſeinen Füßen und bat um Verzeihung, erlangte ſie jedoch nicht. „Du böſer, ungehor⸗ ſamer Knecht“, ſagte jener, „der über den Ungehorſam unſeres Stammvaters ſo ſcharf geurteilt und mir feinen eigenen Gehor⸗ ſam ſo gerühmt hat: du ſelbſt haſt dir dein Urteil geſprochen. Weiche von mir und laß dich nie mehr vor meinen Augen ſehen!“ Dies hat mir ein Stiftsherr von St. Severin in Köln erzählt, ein alter, frommer und in allen ſeinen Reden wahr⸗ hafter Mann.

67. Wie eine Schlange die Wunde eines Rriegers ausſog und ihn Jo heilte.

Heinrich von Foreſt, ein ehrenwerter und wahrheitsliebender Ritter, hat mir folgende merkwürdige Geſchichte von einer Schlange erzählt. Ein Kriegsmann in unſerer Nähe, ſo lautete die Erzählung, wurde im verfloſſenen Jahre an der Seite ver⸗

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84 Kurzweilige und ergötzliche Geſchichten. wundet und ſo ſchlecht geheilt, daß ihn der fortwährend aus⸗ brechende Eiter in hohem Grade quälte. Eines Tages lehnte er ſich mit der entblößten Seite über einen abgehauenen Baum⸗ ſtamm, um den Eiter auslaufen zu laſſen, und darüber ſchlief er ein. Während er ſchlief, kam eine Schlange herbei und ſaugte an der Wunde. Als er erwachte, ſchleuderte er das Tier mit Entſetzen weg, indem er fürchtete, vergiftet zu ſein. Er fühlte ſich jedoch bald weit beſſer, und ſo gab man ihm den Rat, an derſelben Stelle und in derſelben Weiſe der Schlange Gelegen⸗ heit zu bieten, noch einmal an der Wunde zu ſaugen; dies könne ihm vielleicht zu vollſtändiger Geneſung verhelfen. So geſchah es denn auch.

Die Schlange hatte jedoch eine ſolche Zuneigung zu dem Geneſenen gefaßt, daß ſie, wo er auch ſchlafen mochte, zu ihm an ſein Bett kam. Dem Manne graute vor dieſer Kamerad⸗ ſchaft, und dieſe beſtimmte ihn endlich, für einige Zeit den Wohn⸗ ſitz zu wechſeln. Ein halbes Jahr lang hörte und ſah er nun nichts mehr von der Schlange; kaum jedoch heimgekehrt, wurde er wieder von ihr verfolgt. Da ſie aber in ſein Schlafgemach nicht eindringen konnte, legte ſie ſich vor die Türe desſelben, wo man ſie dann morgens fand. Man riet ihm, das Tier zu töten, indeſſen er entgegnete: „Ich werde doch ein Tier nicht töten, welches mir Heilung gebracht hat!“ Endlich aber wurde ihm die fort⸗ währende Beläſtigung durch die Schlange unerträglich; er tötete ſie und machte ſich dadurch von ihr frei.

68. Don dem in einem Dechte gefundenen Ringe des Propſtes Ronrad von Kanten.

Konrad, der Propſt von St. Severin in Köln, war zugleich Propſt in Xanten. Als er einmal zu Schiffe nach dieſer Stadt fuhr und mit der Hand ins Waſſer tauchte, glitt ihm ein ſchöner goldener Ring vom Finger in den Rhein. Im folgenden Jahre machte er dieſelbe Fahrt, und wie er an die Stelle kam, wo er jenen Ring verloren hatte, begegnete er einigen Fiſchern und ließ ſie fragen, ob ſie nichts gefangen hätten. „O ja“, erwiderten ſie, „einen ſchönen Hecht, der aber dem Propſt von Kanten zu⸗

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kommt wir dürfen ihn deshalb nicht verkaufen.“ „Der Propſt von Kanten ſteht ja da“, lautete die Antwort. Und nun lieferten ſie ihm den Hecht ab. Der Koch zerlegte ihn, und in den Eingeweiden fand ſich ein Ring. Der ehrliche Koch wies ihn dem Propſt, und dieſer erkannte in ihm zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen ſofort ſeinen im vorhergehenden Jahre ver⸗ lorenen Ring.

X. Schuld und Strafe im Diesjeits.

69. Wie dem Pfalzgrafen Otto von Dittelsbach eine Stimme von oben befahl, den erſten, der ihm begegnen würde, zu hängen.

Pfalzgraf Otto von Wittelsbach war ein fo ſtrenger Richter, daß er Diebe ſchon um eines Pfennigs willen am Leben ſtrafte. Wie ich von einem Abt gehört habe, band er ſich, ſo oft er ausging, Striche an den Gürtel, um fofort die Strafe ausführen zu können.

Eines Tages ſtand er früh auf und knüpfte gewohnheits⸗ mäßig einen Strich an ſeinen Gürtel. Da vernahm er von oben eine Stimme: „Otto, denjenigen, welcher dir beim Hinaus⸗ gehen aus deiner Burg zuerſt begegnen wird, den knüpfe mit dieſem Striche auf!“ Der Pfalzgraf ſah hierin eine Weiſung von oben, und kaum hatte er die Burg verlaſſen, ſo war der erſte, der ihm begegnete, einer ſeiner Schultheiße. Bei ſeinem Anblick wurde er tief betrübt, da er den Mann lieb hatte. „Wie leid iſt es mir“, ſagte er, „daß ich gerade dir begegne!“ „Warum, Herr?“ „Weil ich dich aufknüpfen muß.“ „Weshalb ſoll ich denn aufgeknüpft werden?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht; aber beichte und ordne all das Deinige, weil ich einem Rufe, der von Gott kommt, mich nicht widerſetzen darf!“ Als der Schultheiß ſah, daß es nicht zu ändern ſei, ſagte er: „Gerecht iſt unſer Gott. Ich habe verſchiedene Per⸗ ſonen, welche in mein Haus kamen, getötet, andern habe ich das ihrige genommen; ich hatte kein Mitleid mit den Armen, und Euch, Herr, bin ich nie treu geweſen.“ Dieſes Bekenntnis

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erregte allgemeines Erſtaunen; nun erkannte man, ſein Tod ſei als Strafe ſo vieler Verbrechen von Gott ſelbſt angeordnet worden.

Weil aber jener Pfalzgraf ohne Barmherzigkeit richtete, ſo flehte er ſelbſt vergeblich um Erbarmen, als er zur Strafe dafür, daß er König Philipp ermordet hatte, vom Marſchall Heinrich getötet wurde. Es iſt nicht gerecht und nicht von Gott vorge⸗ ſchrieben, eine kleine Schuld zu beſtrafen wie eine große!

70. Wie Nitter beſtraft wurden, welche ihre Feinde in einer Nirche getötet haften.

In der Grafichaft Berg entſtand vor etlichen Jahren unter zwei ritterlichen Geſchlechtern eine ſolche Feindſchaft, daß es bis zu Einkerkerung und Mord kam. Als nun eines Tages meh⸗ rere Perſonen des einen Geſchlechtes in der Kirche zu Wies dorf zuſammenzukommen beabſichtigten, wurde dies ihren Feinden durch ein altes Weib verraten. Die Alte verſprach zugleich: „Damit ihr wiſſet, wie viele kommen, werde ich, ſobald einer eintritt, die Glocke ziehen.“ Dies geſchah auch, und es fand ſich eine ziemliche Anzahl ein, jedoch unbewaffnet. Als nun die bewaffneten Gegner über ſie herfielen, griffen ſie nach den Bild⸗ niſſen der Heiligen und hielten ſie den Schwertern der Feinde ent⸗ gegen, in der Hoffnung, um derentwillen verſchont zu bleiben. Die Angreifenden aber, die keine Scheu vor dem heiligen Orte, keine Ehrfurcht vor den h. Bildniſſen beſaßen, dürſteten ſo nach dem Blute ihrer Gegner, daß ſie die ihnen entgegengehaltenen Bildniſſe zerſchlugen und ſogar einem Kruzifix die Arme abhieben. Un⸗ gefähr acht Ritter wurden in der Kirche ermordet. Aber dieſe frevelhafte und gottesläſterliche Tat iſt ſchwer beſtraft worden: ſchon binnen kurzem wurden durch die Verwandten der Ge⸗ töteten die meiſten Mörder ums Leben gebracht; kaum zwei ſind dem Tode entgangen. Das alte Weib aber, welches den Verrat verübt hatte, ſtarb während der Erntezeit infolge übermäßiger Hitze den Erſtickungstod.

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71. Die eine Wölfin zu Rerpen einen grauſamen Schüler umbrachte.

Abt Daniel hat uns folgende merkwürdige Geſchichte von einer Wölfin erzählt. In Kerpen, wo er damals Scholaſter war, erhielten die Schüler einſt Erlaubnis, in den Wald zu gehen. Als ſie dort eine Wolfshöhle gefunden, warfen ſie die jungen Wölfe heraus, und einer hieb ihnen mit einer Doppelaxt die Füßchen ab. Kaum waren die Knaben fort, da kam die Wölfin zurük, ſah, was ihren Jungen geſchehen war, und rannte den Schülern nach, verfolgte jedoch mit ihrer Wut einzig und allein den Täter. Dieſer kletterte in ſeiner Angſt auf einen Baum. Die Wölfin aber, welche ihn dort nicht erreichen konnte, begann ſofort die Wurzeln um den Baum auszuſcharren, und als ihr dies nicht ſofort gelang, rief ſie noch andere Wölfe herbei.

Inzwiſchen waren auf den Lärm der Schüler Leute mit Schwertern, Spießen und Prügeln herbeigeeilt, verjagten die Wölfe und führten den Knaben in ihrer Mitte dem Dorfe zu. Die Wölfin ließ ſich jedoch nicht verjagen, ſondern machte immer wieder Verſuche, ſich zu rächen. Und als ſie dem Dorfe bereits nahe waren, durchbrach ſie trotz der Gefahr, welche ſie bei dieſer Rachſucht bedrohte, die Schar der Bewaffneten, packte den Knaben bei der Kehle und erwürgte ihn ſofort, worauf fie er⸗ ſchlagen ward.

72. Wie ein Saienbruder durch den Nuckucksruf getäuſcht wurde.

Im verfloſſenen Jahre hat uns Abt Theobald von Eberbach ſeligen Andenkens folgende Geſchichte erzählt. Ein Kloſter⸗ bruder ging einmal aus, wohin weiß ich nicht, und hörte im Walde, wie der Vogel, der nach ſeinem Ruf Kuckuck heißt, mehrmals nacheinander dieſen erſchallen ließ. Der Bruder zählte, und als er zweiundzwanzig Rufe gezählt hatte, nahm er die Zahl als Vorbedeutung auf für die Zahl der Jahre, die er noch zu leben habe. „Heiſa“, ſagte er, „ſo lebe ich alſo mit Sicher⸗ heit noch zweiundzwanzig Jahre. Was ſoll ich mich während einer ſo langen Zeit im Orden abquälen? Ich kehre zur Welt

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und ihren Freuden zurück. Zwanzig Jahre lang werde ich ſie genießen; in den zwei noch übrigen Jahren widme ich mich dann der Buße.“ Ohne Zweifel iſt es der Teufel geweſen, welcher ihm heimlich geraten hat, dem Vogelruf Glauben zu ſchenken. Aber der Herr, welcher ſolche Vorzeichen nicht will, fügte den Ausgang nicht ſo, wie der Bruder gemeint hatte: die beiden zur Buße beſtimmten Jahre ließ er den Bruder in den Genüſſen der Welt leben, zog ihm dagegen die zwanzig für dieſe Genüſſe beſtimmten Lebensjahre nach gerechtem Urteils⸗ ſpruch ab; denn ſchon nach zwei Jahren ſtarb er. Siehe, ſo ſind die Verheißungen des Teufels!

73. Don einem Mann, der, weil er feine Mutter betrogen hatte, eine Schlange um den Hals tragen mußte.

Ein junger Mann weltlichen Standes, der von der Moſel ſtammte und, wenn ich nicht irre, den Namen Heinrich führte, umſtrickte ſeine Mutter, eine Frau von etwas einfältigem Sinn, mit ſüßen Worten, aber in giftiger Abſicht folgendermaßen. „Mutter“, ſprach er zu ihr, „leiſte doch auf deine Güter, Lehen wie Allodien zu meinen Gunſten Verzicht, ich werde dadurch in den Stand geſetzt, eine vornehme Frau zu heiraten! Übrigens bleibt alles Meinige dein, und ich werde aufs beſte für dich Sorge tragen.“ Die Mutter ahnte im Sohne nicht die Liſt der Schlange und erfüllte ſeine Bitte ſo vollſtändig, daß ſie ſich nicht einmal eine Nutznießung vorbehielt, uneingedenk jenes Spruches des Weiſen: „Es iſt beſſer, daß deine Kinder dich bitten, als daß du auf die Hände deiner Kinder blicken mußt.“ Die junge Hausfrau kommt die alte muß das Haus verlaſſen; man ließ ſie Mangel leiden, und wenn ſie ſich beklagte, verſchloß der Sohn ſeine Ohren, um ihre Seufzer nicht hören zu müſſen.

Als er einſt mit ſeiner jungen Frau bei Tiſch ſaß, vernahm er die Stimme der Mutter, welche an der Haustür Einlaß be⸗ gehrte. Zornig rief er: „Sieh, da iſt der Satan wieder mit ſeinem Gekreiſch!“ Und zugleich befahl er dem Diener: „Bring das Hühnchen weg, bis ſie wieder fort iſt!“ Nachdem dies geſchehen, wurde die Mutter eingelaſſen. Sie klagte wieder und bat ihren

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Sohn, ſich doch ihrer zu erbarmen, wurde jedoch unter einem Sturm von heſtigen Worten genötigt, ſich wieder zu entfernen. „Bring uns jetzt das Hühnchen wieder!“ befahl nun der Sohn dem Diener. Als dieſer jedoch die Truhe, in welcher er das Hühnchen in der Eile geborgen hatte, öffnete, fand er in der Schüſſel ſtatt des Hühnchens eine zuſammengeringelte Schlange. Entſetzt berichtete er dies ſeinem Herrn, und auch deſſen Magd, die hinausgeſchickt wurde, wollte dasſelbe geſehen haben. Der Herr glaubte jedoch, man wolle ihn zum beſten haben, und ſagte zornig: „Wenn es der Teufel ſelbſt wäre ich hole die Schüſſel!“ Er eilt hinaus; als er ſich aber über die Truhe neigt, um die Schüſſel in die Höhe zu heben, ſpringt ihm die Schlange an den Hals und windet ſich, um feine Doppelzüngigkeit ent⸗ ſprechend zu beſtrafen, doppelt um denſelben. Wenn er fortan aß, ſie mit, und ſo oft man ſie entfernen wollte, ſchnürte ſie ſeine Kehle derartig zuſammen, daß ihm das Geſicht anſchwoll und die Augen beinahe aus ihren Höhlen traten. Dies iſt vor ungefähr dreizehn Jahren geſchehen. Selbiger Heinrich wurde in einem Wagen zu allerlei Gnadenorten unſeres Landes ge⸗ bracht, und viele haben ihn da geſehen. Die Mutter, welche tiefſtes Mitleid mit dem ſo ſchwer Beſtraften fühlte, war ſeine Be⸗ gleiterin.

74. Wie ein Mann, der die h. Afche verjpoftet hatte, im Staube erſtickte.

Unſer Mönch Dietrich, vormals Graf zu Wied, hat uns folgenden merkwürdigen Vorfall erzählt. „Ich kannte“, ſo lautete ſeine Erzählung, „in Koblenz einen tüchtigen Metzger“ er nannte dabei deſſen Namen. „Als dieſer Mann einmal am Faſtnachtsdienstag beinahe die ganze Nacht bei Schmauſereien zugebracht hatte, ging er am Morgen mit einem Genoſſen noch einmal in eine Schenke, um gewiſſermaßen das Fleiſch hinunter zu ſpülen. Eben wurde zur Meſſe geläutet, und die Gläubigen, ſelbſt viele Gäſte aus der Schenke, eilten zur Kirche; nur der Metzger blieb mit ſeinem Genoſſen beim Trunk. Da ſagte dieſer endlich: „„Wir warten zu lange; gehen wir in die Kirche,

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uns äſchern zu laſſen!““ Der Metzger erwiderte ſpottend: „„Bleib ſitzen: ich werde dich äſchern und du mich!““ Er ging, holte Aſche vom Herd und ſtreute ſie dem andern auf den Kopf. Aber ſieh da, ſofort ereilte ihn die Strafe für den Hohn. Er fühlte plötz⸗