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52. 7 a272

Zulewipoeg, ine: Efnifde Sagt,

F. Artatſwald,

verdeutſcht von

— — | . €. Reinthal und Dr. Bertram,

Heraudgegeben bon

der gelehrten Eftnifchen Geſellſchaft in Dorpa t.

—— RE —— —

&; ; Dorpat, I86T. Drud von Heinrich Laakmann.

4 Pe .

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Der Drud wird unter ber Bedingung geftattet, daß nad) Beendigung deffeiben der Abgetheilten Cenſur in Dorpat bie vorſchriſtmäßige Anzahl Exem⸗ plare zugeftellt werbe.

Dorpat d. 1. Auguſt 181.

(Nr. 75). Für den Abgethellten Emfor : Lector Midwitz.

Borwort.

J. gelehrte Eſtniſche Geſellſchaft zu Dorpat, die es ſich nach ihren Statuten zur Aufgabe gemacht hat, „die Kenntniß der Vorzeit und Gegenwart des Eſtniſchen Volkes, ſeiner Sprache und Literatur zu fördern”, mußte unter den Gegenſtänden, die ſich ihrer Unterfuhung darboten, die Sagen und Lieder der Eſten mit befonderem Intereſſe betrachten, da fie das einzige felbft- erzeugte xedende Denkmal der Bergangenheit dieſes Volkes bilden, deſſen Befreiung aus feiner früheren Leibeigenſchaft nichts weniger als günftig zu fein feheint, diefen einft fo blühen, den Zweig feiner geiſtigen Productivität, nachdem er Jahrhun⸗ derte hindurch mit feinen unbekannten Erzeugern und Pflegern in tauchgefchwärzten Hütten ſich frifch erhalten und manchen neuen Trieb entwidelt hatte, anzuerkennen und weiterzufördern. Wir fönnen in dieſem Verfall der Volkspoeſie Feinen Zortichritt auf der Bahn naturgemäßer Entwidelung erbliden, fondern müffen ihn entfchieden als einen Rüdfchritt auf derfelben anfehen. Unter den mannichfachen Urfachen, die, wie anderwärts gezeigt worden, hier lähmend eingewirft haben, verdient befonders hervorgehoben zu werden das eitrige Streben unferer Nationalen nach Deutfcher Bildung, ein Streben, das fie gegen alles Nationälgefühl voll⸗ kommen abgeftumpft zu haben ſcheint. Der Efte hat wie der Rabe in der bekannten Zabel fein eigenes glänzend ſchwarzes Gefieder ausgerupft und ftolzirt mit fremden bunten Federn ein- ber, ohne auch nur eine Ahnung zu haben von der läcdherlichen Gimpelhaftigkeit, die er vor aller Welt zur Schau trägt, indem er fein koſtbares Eigenthum in aberwigiger Verblendung für nichts achtet und das Fremde, bloß weil es fremd ift, für allein fchön und preiswürdig hält. Die abfurdeften Machwerfe verdentichter Eften, in einer Sprache gefchrieben, die fih in den lächerlichften

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naturwidrigen Verrenkungen der eigenen ſchoͤnen Formen gefällt, überſchwemmen ſchon ſeit geraumer Zeit den Markt der Eſtniſchen Literatur und werden von dem Volke begierig verſchlungen, wenn fie nur die lockende Firma „aus dem Deutſchen überſetzt⸗ auf dem Aushängefchilde führen. Unter diefen Umftänden wurde es aber zugleich dringende Pflicht der gelehrten Eftnifchen Geſellſchaft, die vorhandenen Weberbleibfel der nationalen Poeſie der Eften zu jammeln und bevor das Völlchen felbft, von zwei mächtigen Polen angezogen, völlig abforbirt worden vor dem gänzlichen Unter gange zu, fihern, und mehreren Mitgliedern diefer Gefellfchaft, die fih der Sache mit anexkennungswerthem Eifer hingaben, vers danken wir bereits die Veröffentlichung einzelner Sagen, die man auch in weiteren Kreifen fo ſchoͤn gefunden hat, daß einzelne Kritifer, die dem Eſtniſchen Genius nicht fo viel Poeſie zutrauen, die Acchtheit derfelben in Zweifel ziehen. Sie vergeflen dabei 3. Grimm's treffendes Wort, das er in feiner Deutihen Mythos logie ausfpriht: „Jede Kritik Lähmt und zerftört fi, die damit anhebt, zu läugnen oder zu bezweifeln, was in einer unter dem Bol Tebendig gebornen und fortgepflanzten Sage enthalten ift und vor Augen liegt.“ | |

Die großartigfte Schöpfung in der Eſtniſchen Vollspoeſie bildet aber die Sage vom Kalewipoeg, dem „Sohn des Kalew.“ Selbft der verfümmerten, fagenfeindlichen Gegenwart ſchwebt noch Manches von den Thaten Ddiefes Nationalhelden im Gedachtniß. Es exiſtiren im Munde des Volkes freilich nur zertruͤmmerte Ruinen der ganzen Heldenſage, Ruinen, die die Herrlichkeit des Ganzen mehr ahnen, als deutlich erfennen laſſen; die zerftreuten lieder deuten aber jedenfalls auf eine hohe, majeftätifche Geftalt bin. Nachdem der legte Laut der Sage in des Volles Munde längft verflungen fein wird, werden noch Steine, Hügel, Flüſſe und Seeen unferer heimiſchen Flur auf die tiefen Spuren hinweis fen, die der Fräftige Gang. des Helden zurüdgelafien hat, und Diejenigen anflagen, die eifrigft bemüht waren, fein Gedächtniß

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mit allen Erinnerungen an die heidniſche Vorzeit ans dem Her⸗ zen jener Enkel zu verwifchen. . Jeder Zug des Helden in .den vorhandenen Brucftüden trägt das unverlennbare Gepräge des wumündigen, Tindifchen Zeitalterd feiner Dichter an fi, fo ſicht⸗ bar, daß wahrlid nur ein von Vorurtheilen verbiendetes Auge bier die Züge einer fäljchenden Hand zu erbliden glaubt und an „Macpberfonfchen Zug und Trug“ erinnert wird. Der Kalewide it fein Held des Tlaffifchen Alterthums, aus dem unfere Dichter ihre Ideale borgen. Unſere aus der Schule der Alten hervorge⸗ gangene Zeit wäre gar nicht im Stande, ein ſolch unbeholfenes, antediluvianifches Ungeheuer zu zeichnen, wie die Volksſage den Efinifyen Rationalhelden darftellt, deſſen Körperfraft jedes Maag überfchreitet und die Wahrſcheinlichkeit weit überbietet, während feine aeiftigen Faͤhigkeiten jo beſchränkt find, dag er z. B. Vögel‘ und fleine vierfüßige Thiere in den allereinfadhften Dingen, die fid) von felbft verfichen, um Rath fragt und ihrem Rathe folgen za müfjen glaubt. Seine die Gränzen des Möglichen überſchrei⸗ tenden Thaten finden wir hie und da nur noch in der Kalewala der Finnen überboten. Während aber die Finnifhe Sage einen völlig organifirten, von zahlreichen Geftalten belebten heidniſchen Götterftant vor unferen Augen aufichließt, verftattet die Eftnifche Kalewifage auch nicht einen Blick in die heidnifche Götterlehre der alten Eften, da nur gelegentlid) ein paar anflingende Namen eingeflochten find. Die in der Eftnifchen Poeſie überhaupt vor herrſchende elegifhe Richtung ift auch in der Kalewidenfage vers treten, und zwar in marlirteren Zügen, als die Träftige Riefenges falt des Helden erwarten läßt, deflen ‚Charakter durch und Durch ein tragifcher ift. Eine höhere Nothwendigkeit regiert alle Ereig⸗ niffe, die ſich auf ihn beziehen und mit feinen Handlungen im Zufammenhange ftehen, und läßt endlich den auf ihm laftenden Fluch an ihm in Erfüllung gehen, da die göttliche Gerechtigkeit die blutige That des Helden an einem Unjchuldigen nur durch des Thäters eigenes Blut fühnen kann. Der fonft überall uns

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befiegbare Held gebt im Kampfe mit den Mächten des Schick⸗ ſals unter. | Bereits in. einer der erften Sitzungen der damals eben erft in's Leben getretenen gelehrten Eſtniſchen Gefellfhaft im 3. 1838 - war die Kalewifage zur Sprache. gefommen, und namentlich hatte mein verewigter Freund Dr. Fählmann eine Reihe Fragmente aus derfelben zum Beten gegeben, die fpäter in Dr. Kruſe's „Urgefchichte übergegangen ift, ohne daß hier die Quelle genannt wird, ans der der DBerfafter feine Mittheilungen gefchöpft hat. Diefe Fragmente machten damals großes Aufiehen und man war fehr gefpaunt, mehr davon zu hören. Die größte Begeifterung aber für diefen Fund legte der Dr. Georg Schulg aus St. Pers teröburg an den Zag, der über dieſen Gegenftand in einer [päs teren Sitzung derfelben Geſellſchaft einen eben fo geifireichen als warmen Bortrag hielt, in weldhem er der Kalewiſage noch eine große Zukunft prognofticirte. „Denken Sie ſich,“ fagte er unter andern, „denken Sie fih, wel erhebenden Einfluß auf ein Bolt das erwachte Bewußtfein gefchichtliher Exiſtenz und Größe haben muß! Ginge es ihm nicht wie jenem Bettler, dem man, plößlich jagt: Du bift ein Königsfohn! Denn beweift wohl irgend Etwas unwiderfprechlicher die geihichtliche Bedeutung eines Volles, als der Beſitz einer_Epopde? Uns aber, als den Beförderern der geiftigen Wiedergeburt diefes Volkes, und, den Phileſthonen, gebührt es, dieſen Torfo, der verftümmelt und von fpätern Zufäßen verunftaltet in den entlegenften Winkeln der Provinz einer Anerkennung entgegenharrt, diefen in abgelegenen Thälern und tiefen Wäldern verhallenden Gefang auf eine feiner würdige Art in die Reihen der glänjenden Erzeugniſſe des menſchlichen Geifted einzuführen. Dadurch Fönnte es vielleicht gelingen, das Volk zum Bewußtfein zu bringen, ihm Selbfigefühl einzuflößen. und indem man ihm die Erbſchaft einer großen Ver⸗ gangenheit übergiebt es von der erbärmlichen Tendenz zurüdzus bringen, in ein copirtes Zwittergeſchlecht auszuarten.“ — Ich

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muß gefiehen, diefe Fühnen Hoffnungen des Redners nicht theilen zu können. In meinen Augen hat das Eftenvolf feine Fähigkeit mehr zur felbftändigen nationalen Productivität, fein Ohr mehr für einfache, ungefünftelte Raturpoefie, nachdem es durch die ihm aufgedrungenen Erzeugniffe der Schulmeifters und Küfterfchrifte fellerei verſchroben und verdorben ift. Ueber den Inhalt der Kalewifage fpricht Dr. Schulg weiter: „Sie fchließt ſich einerfeite an die düſteren Götterfagen in den nordiſchen ungeheuerlichen Sagas, amderjeit3 an die afintifhen Phantasmagorieen an. Gie iſt über unſere europäifchen Begriffe hinaus koloſſal, ohne Dimen⸗ fion, phautaſtiſch, wie die Erzeugniſſe jener erſten Schöpfung ſelbſt. Das Finnifhe Rordroß, von deffen einem Ohr, zum andern das Eihhörnchen einen Monat lang fpringen mußte, das unterixdifche Mammuth der Zungufen, dem die Gebirge wie Maulwurfshügel - ihre Entſtehung verdanfen, das taufendgliedrige Ungeheuer der Kalmüdenfage, deflen verblichene Gebeine den Himalaya bilden, und Kalew's Sohn, der die Welt umpflügt, find Gefchwifterfinder einer afiatiſch⸗phantaſtiſchen Gefühlsweife und Aeußerungen eines vorgeichichtlihen, und unverftändlichen Kraftgefühls u. |. w. — Sämmtliche Anwejende, die dieſen Vortrag gehört hatten, waren für die Sache electrifirt worden, unter ihnen befonders Dr. Hueck nud Dr. Faͤhlmann. Beide fhrieben mir damals begeifterte Epifteln über den Vorſchlag des Dr. Schul, indem fie mich zus glei aufforderten, die mir befannten Einzelheiten der Salewifage niederzufchreiben und gleichzeitig durd) Freunde und Belannte in ERland neue Beiträge fammeln zu lafien. Dr. Zählmann ſchloß einen feiner Briefe mit der Erklärung, er habe ſich's „zur Le⸗ beusaufgabe gemacht, Die zerfirenten heile in ein Ganzes zu vereinigen.“ Der Tod vexeitelte befanntlich die Ausführung feis nes Vorhabens und manches intereffante Sagenbruchfläd, Das er nur im treuen Gedächtniß bewahrte, ging mit ihm für immer verloren.

Rad Dr. Fählmann's Tode machte die gelehrte Eſtniſche Geſellſchaft mir den Antrag, die Ausführung des Zählmannjchen

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Projects zu übernehmen, da fie mit Grund vorausſetzte, daß ich in den Plan, den ſich der Verewigte vorgezeichnet hatte, vollkom⸗ men eingeweiht fein müfle, und mir binlänglihe Keuntniß der Sprache und Sitten des Volkes zutraute, um eine Arbeit zu Stande zu bringen, Die mid) ftet3 lebhaft intereffirt hatte und zu deren Gunften ih - Jahre lang ſchon als Schüler der Hochſchule auf meinen Ferienreiſen und bei andern Gelegenheiten, die mich mit den Nationalen in nähere Berührung brachten, unaufhörlich bemüht gewefen war, Materias lien zu fammeln und zur gelegentlichen Benugung aufzufhichten und zu ordnen. Ich durfte den ehrenvollen. Antrag nicht zurüd, weifen, um der guten Sache willen ſchon, deren Förderung mir gewiß nicht weniger am Herzen lag, als irgend einem andern Mitgliede der gel. Eftnifchen Gefelihaft, dann aber auch, weil ih mir bewußt war, manche unverdiente Auszeichnung von Seiten der Geſellſchaft empfangen zu haben, für deren Zwede ic) Bisher nicht fo viel geleiftet Hatte,. als man von mir zu erwarten bes rechtigt war; ich erklärte Daher meine Bereitwilligfeit, mid den Wünſchen der Gefellfchaft zu fügen, babe aber weder bei der Zuſage, noch im DBerfolg der Arbeit felbft jemals das Gefühl unterdrüden Tönnen, wie wenig meine Kräfte hinreichten, um die fhwere Aufgabe auch nur den befcheidenften Anforderungen gemäß zu löfen. Alles im Archiv der gelehrten Eſtniſchen Gefellfchaft angefammelte den Gegenftand betreffende Material ward mir auf meine Bitte nebft den bezüglihen Papieren aus Dr. Fählmann's Rachlaß fofort zugeftellt und id) begann meine Arbeit, ohne den Erfolg abzuwarten von der mittlerweile an das Publikum ergans genen Aufforderung, durch geneigte Mittheilungen das Unterneh? men fördern zu helfen. Diefe Aufforderung ift denn aud wirklich, wie ich ſchon hätte vorausfehen können, nicht allein erfolglos ges weſen, fondern hat auch noch in öffentlihen Blättern Aeußerun⸗ gen hervorgetodt, die das ganze Unternehmen und die dabei Betheiligten von verfchiedenen Seiten in ein ungünftiges Licht zu fiellen verfuchten ; aber dieſe Theilnahmlofigkeit und beziehungs«

IX weife Ungunft des Publikums bat den Fortgang der Arbeit nicht hindern Tönnen, da ich einerfeits fo reichen Stoff zur Benußung befaß, als ich vorläufig nur wünſchen konnte, anderſeits zu tief in die Sade eingedrungen war, um durch Tleine, wenn aud) mitunter recht boshafte, fo doch in der That nicht zutreffende Stidheleien mich weiter ftören zu laflen.

Alles, was mir feit meiner Jugend von der Ralewifage im Gedähtniß zurüdgeblieben war und was ih in fpäteren uhren von Kımdigeren gehört hatte, war ſchon vor dem Pact mit der gel. Eftnifchen Geſellſchaft vollftändig zu Papier gebracht worden. Nachher wurde diefe Sammlung durch manches wichtige Sagens bruchſtück vermehrt von dem verewigten Paftor Kolbe in Werro, der ans dem Bartholomäifchen SKirchfpiele, wo er geboren war, Bieles mitzutheilen wußte, und von einem in Werro anfäffigen Nationalen aus dem Laisſchen Kirchfpiele, der mir auch in ſprach⸗ fiher Hinfiht von großem Nutzen gewefen if. Raͤchſt Dielen beiden Quellen boten die Pleskauſchen Eften das reichhaltigfte Material zu meiner fehon vorhandenen Sammlung, namentlid an Liedern. Die Pleskowiter hüteten fi aber, dieſe Lieder als ſolche zu bezeichnen, die vom Kalewipoeg handeln, als ob es ſtreng verpoͤnt geweſen waͤre, dergleichen zu beſitzen oder zu ver⸗ breiten. Auch der Herr Reviſor Roſenpflanzer machte dieſe Er⸗ fahrung an einem Pleskauſchen Eſten, der ihm Mittheilung von Kalewiliedern nur unter der Bedingung verſprach, daß Niemand von dieſer Mittheilung erführe, und namentlich der Ortsgeiſtliche uud der Bezirksverwalter nicht. Ungeachtet ihm die Bedingung zugefagt worden war, ließ fih der Pleskowiter doch nicht wieder ſehen. Manchen interefianten Beitrag erbielt ih auch Tpäterhin aus Lais, Torma und Tarwaſt. Die Tarwaſtſchen waren meiſt kurze Bruchſtücke, die aber oft ſo genau zu Pleskauſchen Eſten⸗ liedern paßten, daß dieſe erſt durch jene ihre Ergänzung zu er- halten ſchienen, als wenn ſie von ihnen abgebrochen geweſen und durch irgend ein Ereigniß weitweg fortgeſchleudert worden wären.

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Die Sichtung des aufgeipeicherten Materiald war feine leichte Arbeit.” Es boten fi dabei manchmal Schwierigkeiten dar, die erſt nach langem Befinnen und Erwägen einen Entſchluß reis fen ließen. Diele Bruchſtücke z. B. wollten weder unter fi,

noch mit irgend einem Gliede des projectirten Ganzen zufammens paſſen, da die bindenden Mittelglieder entweder ganz fehlten, oder, durch Vermiſchung mit fremdartigen Stoffen verunftaltet, fo uns fenntlich geworden waren, daß man fie im erften Augenblid für nichts weniger als Brucdftüde der Kalewifage erkannte. Go famen, namentlich in den Beiträgen aus dem Kellinfchen, Deutfche Märchen und Teufelsgeſchichten, chriſtliche Legenden und anderes nicht Hierhergehoͤrige oft genug vor, mit Merkmalen indeſſen ver⸗ miſcht, Die bei genauerer Prüfung fie unverkennbar für die Ka⸗ iewifage in Anfpruch nahmen. Thaten 3. B., die fonft überall dem Kalewipoeg zugefchrieben werden, läßt man in einem Bruch⸗ ſtücke der bezeichneten Herkunft den Teufel verrichten. In einer andern Mittheilung derfelben Kategorie wird der Kalewsfohn mit feinem berühmten Roſſe identificirt, defien befannte Hufsfpuren man für die Zußftapfen des Helden erklärt. Wittheilungen aus der jüngften Zeit waren natürlich am meiften verunftaltet. Nächſt ‚Wierland und Jerwen haben die Kicchfpiele Lais, Bartholomäi, Torma und Koddafer und der Pleskauer Eftenfreis die von den Borfahren überfommenen Sagen am reinften bewahrt. Hier fans den fich wenigftens feine fremdartigen Elemente mit hineingemifcht, wenn es ſich auch traf, daß eine und diefelbe That des Helden einmal fo, ein andermal anders erzählt wird, während eine andere gar nicht an die vorhandenen Glieder anzureihen war. In dem erfteren Kalle machte ich zuweilen Plab für beide Lesarten hinter einander, im zweiten Kalle venoncirte id) ganz auf die Benutzung. Bon den mir zugegangenen und zur Einflehtung in das Ganze fi nur theilweife eignenden Liedern wählte ich, wenn mehrere Lesarten dawaren, natürlih nur Die befferen aus und warf die ſchwächeren über Bord.

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Auch bei den Ortsbeſtimmungen für die einzelnen Begeben⸗ heiten kam ich nicht ſelten in Verlegenheit, da ich einzelne Thaten des Kalewiden, die im ganzen Volke bekannt ſind, bald an ver⸗ ſchiedene Localitäten angeknüpft, bald ohne ‚allen Anhaltspunkt gelaffen gleichſam in der Luft ſchwebend antraf, bald ſogar mit Orten in Verbindung geſetzt fand, deren Lage zu der Begeben⸗ heit ſelbſt nicht pafien wollte. Am haufigſten werden Orte mit einander verwechfelt, die von dem Wohnorte des Erzählenden ent fernt find, da dann oft fchon Der kurze Zwifchenraum von zwei oder drei Kirchipielen hinreicht, um die wunderlichften Fehlgriffe in dieſer Hinficht zu begehen. Erzählt der Wierländer oder ers ‚wenfer von Begebenheiten, die er in die Nähe von Dorpat oder wohl gar hinter Dorpat verlegt, dann iſt's vollends aus mit ſei⸗ ner Geographie, und der Dorpater Efte ift fchon deshalb nicht im Stande die nöthige Aufklärung zu geben, da er den Kalewi⸗ poeg faum dem Namen nad Fennt und von defjen Thaten 'gar nichts weiß. Hier gab es für mich nur zwei Auswege, entweder die erzählte Begebenheit ganz ohne fpecielle Iocale Unterlage zu laſſen, oder aber fle mit einer Localität zu verfnüpfen,, deren natürlihe Beichaffenheit mit derfelben in Webereinflimmung zu bringen war. Erftere Maxime beobachtete ich bei den in Finland, letztere bei den zwifchen Dorpat und Werro fpielenden Abenteuern unferes Helden. So z. B., wo die BWierländifche Sage eines Bächleins » hinter -Dorpat« erwähnt, das fie rafusvja (Blafens baͤchlein) nennt und das feine Entftehung angeblich einer natürs lihen Ausleerung des Kalewipoeg verdankt, übereinitimmend mit der Pleskauſchen Sage, in welcher dieſes Bachlein pufira » jüfe Cwahrfcheintich aus dem Kuſſiſchen myasaps gebildet) heißt, wäh. zend in Dörptihen Landen Fein Flüßchen dieſes Namens anzus treffen ift, erlaubte ich mir, dem Flüßchen, welches die Thalſchlucht Tilli⸗ orn bei Warbus durchfließt, die ehrenvolle Abſtammung von dem Eſtniſchen Nationalhelden zu vindiciren, da der Name der Thalſchlucht an den Ausdruck tilli-oja erinnert, wie man in

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Eftland ſcherzweiſe die kleinen Ueberſchwemmungen nennt, mit denen Knäblein das Bett oder den Fußboden zu beſchenken pfle⸗ gen, auch in der Nähe dieſer Schlucht ſich ein Durſtſee (janu⸗ järw) befindet nebft einigen alten Eftengräbern, was ſich alles uns gezwungen in Die bezeichnete Babel der Kalewifage mit verwehen lieg. Hoffentlich wird auch die ftrengfte Kritif, wenn fie nur gerecht fein will, mir ein ſolches Verfahren bei der Ausführung der mis übertragenen Arbeit nicht als eine abfichtliche Entſtellung

der Sage oder wohl gar als eine willfürlihe Fiction anrechnen!

Derfelden Marime folgend nahm id) das Factum der Gage, daß der Kalewide eine Brücke über den „heiligen Fluß“ (püha⸗ jögi) gebaut haben ſoll, um mit ſeinem Heere auf das jenſeitige Ufer zu gelangen, für den Woo⸗Fluß, der in früheren Zeiten Wöhanda hieß, in Anſpruch, da unter dieſem heiligen Fluß weder der Embach, noch die Aa gemeint fein ann, aus dem eins fahen Grunde nicht, weil beide Zlüffe in der Sage überall unter

ihren eigenthümlichen Namen vorgeführt werden und der Woo⸗

Fluß wirklich den heidnifhen Eften heilig war und noch im chriſtlichen Zeitalter, ja bis auf unfere Tage hinab, die Eften diefem Fluſſe heimlih Opfer brachten. Beiläufig erwähne ich bier einer diefen Brückenbau betreffenden Bariante, die ich nicht babe benugen können, da fie mir nicht zeitig genug eingeliefert worden war. Hiernach war der Sohn des Kalew jo eben im Begriff, den Bau“einer fleinernen Brüde zu beginnen, wozu er fhon einige Schooßvoll Feldfteine zufammengebradht hatte, als ihm ein Üuger Vogel in's Ohr flüfterte: „puu on fergem, Tui fimi® (Holz ift leichter, ald Stein). Schnell befann er fi, lieg die Steine unbenugt liegen, ging auf der Stelle in den. nächften Wald und brachte Balken zur Brüde herbei.

Unferes Helden berühmte Schwimmpartie über den Finnis fhen Meerbufeu habe ich genau nad) den Umriffen der Sage ge- zeichnet. Weder bei der ungenannten kleinen Infel, wo er aus, ruhte und ein Liebesabenteuer beftand, noch bei dem Tode der

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Injelmaid, deſſen Motive die Sage nicht weiter aufflärt, habe ich irgend eine Gonjectur geltend gemacht ımd darum Die in den Liedern gebrauchte Bezeichnung der Ertrunkenen als „fdfar« (Schweſter) beibehalten, obzwar dadurch die Identität der betrefs fenden PBerfon in Zweifel gezogen werden könnte, wenn man nicht annehmen wollte, daß die Inſelmaid wirklich die unbekannte Schwer fter des Helden gewefen fei und über ihr verwandtichaftliches Vers haͤltniß zu ihm unterrichtet den Tod in den Wellen gefucht habe. In den vorhandenen Sagen und Xiedern ift Diefes legtere Mos ment in feiner Weife betont, und Dr. Loͤnnrot, den ih am ges fälligen Aufſchluß aus der verwandten Finnifchen Sage befragte, hat auf meinen Brief bis jegt nicht geantwortet; ich bin aber fehr geneigt, gerade das Gtillihweigen der Sage über diefen Gegenſtand ald eine zarte Schonung, der unwiffentlich Irrenden und ald eine heilige Scheu vor der Entfchleierung der furchtbar⸗ ften aller Berirrungen anzufehen und in diefer Meinung noch ber Kärkt worden durch Schiefner's „Kullerwo Epifode des Finniſchen Epos Kalewala“, die mir vom Berf. freundlichft in einem Sons derabdrud aus der St. Petersb. Zeitung 1852 mitgetheilt wurde.

Die Gründe, die mich beftimmten, den Namen Linda für die Mutter unferes Helden in Anfpruch zu nehmen, waren für mich zu gewichtig, als dag ich auf die abweichende Meinung der oben erwähnten Kritifer hätte Rüdfiht nehmen können, die ſich über diefen Gegenftand mit mehr Aufwand von Witz als Gelehr⸗ ſamkeit ausgeſprochen haben. Der Name, offenbar der Kalewi⸗ ſage angehörend, kommt allerdings ſelten vor; aber wo er er⸗ fhent, bleibt mir wenigftens fein Zweifel übrig, wen man dar⸗ unter zu verftehen habe.*) Ich muß es mir verfagen, bier eine ausführliche Rechtfertigung meiner Auflcht zu verſuchen, da id

2) Schon im 3. 1821 fie mir ber Name Linda in einem Meinen Boftstiede im Haggersfchen Kirchſpiel auf; damals uber freitidy hatte Ich nod) keine Ahnung davon, daß berfelbe irgendwie mit der Kalewiſage in Verbindung ſtehen könne. Erft 26 Jahre fpäter gelangte ein Sagenbrudyftüd zu meiner Kennt- nig, twortn der bon der Wittwe geweinte „Dberefee bei Reval „Linda pifarate

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für wohlmollende Freunde meines Unternehmens ſchon genug ges fagt habe, die Wegner. aber zu überzeugen, vergeblihe Mühe fein würde. : Dem Helden felbft laſſe ich die Bezeichnung Kalewi poeg, Kalewi noorem poeg, Kalew's Sohn, Kalew's jüngfter

Sohn, wie fie die gangbarften Lieder haben, obzwar er in einer

Aufzeichnung von Dr. Zählmann Sohni, in einer andern von Dr. ©. Schultz Soini genannt wird. : Beide letztere Namen find aber im Volle unbefannt geblieben.

Ueber die Darftellungsform, die ich gewählt habe, ift in der vorläufigen Ankündigung des verewigten Präftdenten der gelehrten Eſtniſchen Gefellfhaft, Oberlehrer Santo, in dem hier unten in Der Anmerkung citirten Heft der Verhandlungen bereits das Nöthige gefagt worden und ich darf hier nur hinzufeßen, daß die Form des genuinen Volksliedes fi mir ſchon deswegen als die geeignetfte empfahl, weil erftli fo vieles für die Sage von mir Benußte in diefer Form ſchon fertig dalag, und wir zweitens bis jept noch feine genuine Eftnifche Profa befigen und, fo wib die Sachen ſtehen, auch wohl in Zukunft nie befigen werden. Auf Santo’s Rath habe ich die felbfteigenen Liederworte des Bolles mit einem Sterndien zu Anfang und am Ende bezeichnet. Die vielen Res

järw‘ genannt wird. Unter den Mittheilungen,, bie aus dem Urchiv ber gelehrten Eftnifdyen Geſellſchaft mir zugingen, fand id; nur ein einzigesmal unfere® Hel- den Mutter mit dieſem Gigennamen bezeichnet, und zwar von Herm Dr. G. Schul mit den Worten: „Kalew, der Niefentönig bed Nordens, und Linda erzeugen 12 Söhne“ Drei Monate fpäter, als meine Arbeit in ihrer erften Faſſung der gelehrten Eſtniſchen Geſellſchaft abgeliefert worden war, erhielt Id) and dem Piedfaufchen das Lied, worin Salme und Linda ald Pflegeſchweſtern neben einander auftreten. Diefer wichtige Yund mar bie nädyfte Veranlaf- fung dazu, die ganze Sage fpäter umzuarbeiten. Durch freundfihe Mittheilun⸗ gen meined verehrten Freundes‘ und Kollegen, des Hm. Dr. Wold. Schul In Dorpat, waren unterbeffen Beiträge aus dem Kobbaferfchen, fo wie durch Hru. 2agod dergleichen aus dem Tarwaſtſchen Kirchſpiele eingelaufen, melde bad Wert fchr erweiterten. Aus den 12 Befängen der erften Bearbeitung wurden nun 20 Gefänge, und die Vorgabe in 4 Befängen, von denen drei ausſchließlich Dr. Fählmann's Eigenthum enthalten, mußte wegen zu beengten Raumes weg⸗ fallen. Vergl. den Yufjag von G. M. Santo im 1. Heft deb 3. Bande der Verhandlungen ©. 79 u. folgg.

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miniicenzen aus Volksliedern, die außerdem noch vorfommen, haben diefe Marke nicht erhalten, weil die Häufung derfelben für den Leſer ftörend geweſen fein würde, da ich fie an vielen Stellen auch dort eigentlich. hätte anbringen müſſen, wo die Verfification mir gehört. Denn id; habe es mir ſtets angelegen fein laflen, die in Profa dem erzählenden Eften wörtlich nachgefchriebenen Sagenbruchſtücke nicht bloß in einzelnen Wörtern, fendern auch in ganzen Redensarten möglichft treu wiederzugeben, fo daß ich mit wohlbegründetem Rechte fagen kann: der Salewipoeg, mie er in dieſer Bearbeitung erfcheint, ift durch und durch nad) Form und Inhalt Mar, Knothen, Fleifh und Blut des Eftnifchen Volks und nicht bloß „in fo fern ein Eftnifches Erzeugniß zu nennen, weil der Herausgeber ein Efte ift. «

Den vielen Freunden und Beförderern des Werkes, die mir durch Mittheilungen aller Art fo fleißig in die Hände arbeiteten, indbefondere dem Herrn Dr. Wold. Schultz in Dorpat für feine Beiträge aus dem Koddaferfehen Kirchſpiele, fage ich meinen innigfien Dank. Denn id Tann nicht läugnen, daß mir das Wühlen in den Echäßen unferes Volles wahrhaftes Vergnügen | gewährt hat und dag die mofaifartige Zufammenftellung von vielen zerftreuten und äußerlich wenig zufammenhängenden Bruchſtücken der Kalewiſage zu einem größeren Bilde, in weldem der Lebens⸗ lauf und die Abenteuer des Efinifhen Nationalhelden in der Sprade und dem Rhythmus des genuinen VBolfsliedes in nmrlirs ten Zügen zur Anfchauung kommen und durch angemeffene Staf- fage ausgefhmüdt und abgerundet werden follten, für mich eine Arbeit war, bei der ich ſtets Erholung fand und zu der id) fo gern flüchtete, wenn das Herz in ſchweren und trüben Zeiten nad Troft und Beruhigung verlaugte. Seht, da die Arbeit fertig vor mir liegt und ihr Anfang fo eben in die Welt treten foll, erfläre ich, daß die Eoncurrenz zur Abfaffung eines Eftnifchen Nas tionalepos, wie es Dr. ©. Schulg im Geifte fih abgebildet hatte, für Sedermann offen bleibt. Mein Kalewipoeg wenigftens macht

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nicht den geringiten Anſpruch an fo hochtrabenden Titel und will fein poetiſches Kunſtwerk fein, ſondern nur eine Sammlung von wirklich im Munde des Volles lebenden Sagen, die ich verſucht habe in einer gewiffen Ordnung an einander anzureiben.

Die Deutſche Ueberfeßung, die hier neben dem Eſtniſchen Original erfcheint, gehört dem Heren Paftor Earl Reinthal an. Bon der gelehrten Eftnifhen Geſellſchaft dazu aufgefordert, hat er fich der Arbeit, deren Schwierigkeit jeder Sachkenner zu würs digen wiffen wird, mit Luft und Liebe bingegeben und es ſich eifrigft angelegen fein laffen, ein treue Konterfei des Originals zu liefern. Seine Arbeit ift fozufagen unter meinen Augen ent ftanden, da er mir die nach und nad fertig gewordenen Gefänge einzeln in der Reinfchrift mittheifte und erft meine Billigung abs wartete oder. meine Ausftellungen daran berüdfichtigte, che fie dem Drud übergeben wurden, defien letzte Gorrectur ih aud noch zum Weberfluß beforgte. Der Hautpgrundfaß, den er bei der Ueberſetzung befolgt hat, nämlid den Inhalt des Originals in deffen eigenthümlichem Versmaaß fo wiederzugeben, daß fein Gedanke verloren ging, den der Genius der Deutfchen Sprache wiedergeben konnte, ohne fih eine Zwangsjade anzulegen, bie feine freie Bewegung hinderte*), hat allerdings den Umstand zur Folge gehabt, dag eine fogenannte wörtliche Werereinftimmäng zwiſchen Original und Ueberfegung nur felten ftattfindet; dafür tieft fi) aber die Ueberſetzung felbft faft durchgängig als Original, und wo Das nicht der Fall ift, da hat der Ueberfeger augenfcheins lich darnach gerungen, den Gedanken des Tertes, es koſte was ed wolle, zu retten.

Werro, im März 1857. F. R. Arentzwalb.

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7) So hat ſich der Neberſetzer es auch einſtweilen verſagen müffen, bier die der Eſtniſchen Poeſte eigenthümliche Alliteration wiederzugeben. Vielleicht gelingt ed einem ſpäteren Ueberſetzer, dab Verſäumte nachzuholen.

Der Kalewsſohn.

B — Ru

Anruf.

a mir deine Harfe, Wannemuine! Herrliche Mühr? beweget das Herz mir, Und aus dem Schag der alten Zeiten Treibt's mich mächtig ein Lied zu fingen.

Grauer Borwelt Stimmen, erwachet ! Regt euch, geheime Zauberfagen,

Die ihr von befleren Zeiten finget Und von dem Reize fchönerer Tage !

Komme, du kundige Tochter des Sängers ! Eilig entfteige den Wogen des Endla ’); Biel zu lang’ fchon im filbernen Spiegel Haft du das feidene Haar dir geglättet.

Helfet mir malen, ihr grauen Schatten, Malen die längft entfchwundenen Züge Kräftiger Helden, mächtiger Zauberer Und die Fahrten des Kalewsſohnes.

Schweift mit mir in den beiteren Süden, Dann zurüd in den trüberen Norden, i Wo in des Haidefrauts heimlichem Weben Herrlihe Sagen dem Boden entiprießen.

Was ih auf heimifhen Fluren gefammelt, Anfgepflügt aus dem Boden ter Fremde, Was mir die Winde zugemehet,

Zuftig die Wellen an’d Ufer geſpület;

Was ich lange im Herzen getragen, Heimlih im Bufen mir verborgen,

Ach ! und worauf ich jo mandyes Jahr fchon Einfam gene im Belfenborfte :

Bill ich verkünden im fcehallenden Liede Zaut vor den Ohren fremder Hörer,

Da meines Frühlings theure Gefpielen Längſt fhon unter dem Rafen fchlummern,

Wo nicht des Sängers fröhliche Lieder, Nicht feined Kummers Schmerzendlaute, Noch feiner Sehnfuht heißes Flehen Zu der Schlummernden Obr gelangen.

Einfam fing’ ich in Zreudentönen, Einfam verhallen meine KHlagen®9, _ Einfam fchwelg’ ich in füßer Sehnſucht,

Bis ih dahinwell' auf dem Felde.

BT

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Bum Verſtandniß

Reget euch, ihr alten Sagen, Sagen von dem Salewiden, Kalma’d Hügeln zu entfteigen,

Aus dem Nebel euch zu formen, Aus dem Morgengran zu fchwellen, Aus dem Haidelraut zu fprießen, Aus dem Sumpfmoor aufzudampfen, Wo die Schatten in der Stille Zange Kummerjahre bergen

Und der Zeiten ſchwere Drangfal Sn des Staubes Bufen deden, Wo in Uffo’8 Schooß fie träumen , An Maria’d Bufen fchlummern !

Nicht der Mittangsfonne Strahlen, Nicht des goldnen Kuckuks Rufen, Noch der Böglein Neftgezmwitfcher Dringet nedend durch den Raſen.

Aus der Höhe fcheint das Mondlicht, Schau’n des Himmeld Sterne nieder ; Doc beleuchten ihre Etrahlen Nur die Hüter dieſer Geifter,

Nur die Schatten ihrer Gräber, Die ald weite Todtenfittel,

Als ein Schmud der legten Ruhſtatt Sanft umhüllen jene Todten,

Die ein ew’ger Schlaf umfangen.

Kommt der Sturm herangezogen, Zreibt das Meer zu wilden Aufruhr: D fo bring’ er Grüffe mit fich,

Zum Verſtändniß.

Kunde von dem Allertheuerften, Das vergeffen fhläft im Grabe, Defien Niemand fih erinnert

Und das faum am Abendhiminel Aufbligt nach des Tages Schwüle Und fih mit.den Dünften mifchend Nur in Nebelbildern auffteigt. Spüte Geifterflinge ziehen

Eid zurüd in diefes Düfter, - Miſchen fi mit Regenwolfen

An dem Saum des Abendhimmels, Wo fie in der nächt'gen Kühle Epielend ihre Blüthen treiben, Goldne Fäden träumend fpinnen.

Sieh dem Spiele zu, o Knabe, Laufch? dem Weben, holde Sungfrau, Laßt fein Wort verloren geben, Jedes ift dem Sänger heilig !

Ah, fo wie die Dämmerftunde, Bor dem Morgenroth gewebet,

Dir entführt den fügen Nachttraum : Alfo bringt der frühen Lerche, Bringt der Nachtigall Begrüßung Und des goldnen Kuckuks Rufen Mit fih fort die nächt'gen Bilder.

Schnell entfliehen unfre Tage, Schnell wie Roffe unfre Stunden. Eilig ſtreben fie dem Grabe,

Eilig zu der Ruhſtatt Kalma's In dem graufgen Zodtenbette. _ Keine Heimath bat der Wandrer, Kein Aſyl der Erdenpilger

Zu begrüßen, als das Grab nur!

* Dft erregt der Sturm die Harfe Wie das Rauſchen in den Wipfeln, Wenn die Windsbraut Maften brechend Durch die Wälder heult und wüthet; Dod am linden Sommerabend

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Zum Verſtändniß.

Rührt ein fanfter Weſt die Saiten, Wie er in den Birken lispelt,

Mit der Espe Blättern fpielet,

Daß fie wie des Diebes Krallen, Wie des Mörders Glieder zittern. Leif’ ertönen dann die Klänge

Wie im Zlugeder Bremfen Summen,

Wie der Fliegen leichtes Schwirren

Oder wie das Spiel der Müden, Dem der Käfer brummend zufliegt. * Nur die luſt'gen Schmetterlinge Flattern durch die Luft geräuſchlos.

Alle Töne weiß der Kund’ge, Weiß der Kenner ſich zu deuten,

Hört die Freuden, hört die Schmerzen, Hört die Klagen des Bedrängten

Aus der Vorzeit Liedern tönen,

Die mit ihren fremden Weifen,

Shren Bildern ihn entzücken. —

Freud’ und Trauer, Zwillingsſchweſtern,

Gleich berechtigt feit der Schöpfung, Wandern Hand in Hand durch's Leben, Eilen gleihen Schritte fürder 5; Eines Vaters Kinder Beide, Lagen fie an Einem Bufen, Schlummerten in Einer Wiege.

Wenn der Abendfonne Glühroth

Wolkenſchleier dicht umfäumen

Und an ihren PBurpurrändern

Goldne Seidenfranzen wallen :

Ahnſt du, Sohn, was in der Wollen Tief verborgnem Schooß fich reget? Feur'ge Blitze, Donnerkrachen, Hagelſturm und Schlofſſenwetter, Wirbelwinde, Schneegeſtoͤber, Morgenfroſt im Blüthenmonat Schlummerten im Schooß der Wollen, Wo fle tüdifch ſich verborgen.

Yun Verſtaͤndniß. 7

Kennft du wohl den Thau der Augen, Zropfen, die die Wimper netzen? Ob die Wonne dich beraufchte, Ob der Schmerz dich niederdrüdte: Zhränen waren ſtets die Zeugen Deiner Wonne, deines Schmerzes. 110 Geht das Herz dir auf vor Freude ; Brich''s im Kummer dir zufammen : Oeffnen fih der Thränen Quellen Und benegen deine Wangen Deines Herzens Sturm bezeichnend. Greift der Sänger in die Saiten, Lieder zu den Tönen fingend : Bietet bald das Reich der Träume — Bald die Wirklichkeit den Stoff ihm, Leiht er hier ſein Ohr der Sage, 120 Knüpfet dort an's Selbfterlebte Die Gedanken ſeiner Seele. Rauſcht ſein Lied in goldnen Strömen Wohllaut tönend, Wahrheit firablend, . Wahrheit, die den Weifen feffelt : Dann befränzt die Welt den Sänger, Bil nur feine Lieder hören. * Einftmald hört’ ich Mardus jammern, Hört ihn fchluchzen in dem Walde ; Hörte tief im Forſt ihn Hagen. 130 Was bewegt fein Herz zum Jammern, Bas entlodt ihm bittre Thränen, Zwingt ihm ab die Klagelaute, Preßt ihm aus die ſchweren Seufzer ? Er beweinet feiner Brüder Blut'gen Tod nach bittern Leiden, Nah dem thränenreichen Sammer In dem ſchweren Sklavenjoche. Mardus lieſt's im Wolkenſaume, Sieht's am Himmel abgebildet. * 140

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Anm. Die mit Sternchen ein eſchlofſſenen Stellen find bier wie überall im Buche feibfteigene Worte auß Eftnffchen ra —

Aum Rerftändniß.

Kummer birgt ſich gern im Zinftern, Schmerz Tiebt tief fi zu veriteden, — Und der Sänger ſucht mit Mühe Licht, wo dunfle Schatten walten.

Doch die trüben Wolkengeifter, Eingehüllt in Nebelfchleier,,

Nah’n in ungewiffen Schritten

* Und verkünden blut'ge Kämpfe,

Schwerterfpiel im Handgemenge, 150 Keulentanz im Mordgewühle

Und der gier’gen Flamme Wüthen

Sn den Wohnungen des Hungers,

In den peftverheerten Dörfern,

Singen nur in Zrauerliedern

Bon der Kummertage Seufjern,

Bon der Marterzeiten Thränen. *

Für des Vaterlandes Freiheit Kämpfend mit den Unterdrüdern Wurden ‘ganze Heldenftämme,

160. Die Bewohner ganzer Gauen Hingemäht in grauer Vorzeit. “ Welches Elend fie erlitten, Welchen Qualen fie erlagen, D das bleibt uns ewig heilig, Bleibt und ewig unvergeßlich. *

Dben in Attvaters Wohnung In Gefellfhaft weifer Götter Sagen fräffige Männer einftmals,

170 Helden, die zu Gaſt gekommen, Um den Zeuerherd gelagert Und gedachten alter Zeiten. Kalew's Sohn, der Starken Stärffter, Weltberühmter Königsfprößling, Saß in diefer Männer Mitte Auf die Hand geftüßt die Wange Und vernahm der Sänger Lieder Und der Harfenfpieler Weifen, Die von feinen Heldenthaten,

Zum Verſtaͤndniß.

Eeinen Abenteuern jangen,

. eine Wunderkämpfe priefen

Und die rief’ge Kraft des Leibes, Die er bis zur leßten Etunde Seines Lebens ſich bemahret — Alles, wie fies einit vernommen Aus den längſt verfiung’nen Sagen, Ward mit goldnen Dichterworten Dort beim Feuerſchein befungen. *O ſchon werd ih Worte finden, Werde goldne Fäden fpinnen, Dazu Silberfiten dıeben

Und auf Kupferipuhlen winden, Die fih zum Gewebe fügen,

Bo Geftalten fih bewegen, Abenteuer fihhtbur werden, Große Thaten fich verkörpern. *

Sieb’, im dunfeln Schooß des Waldes,

In dem Echatten dichter Büſche,

Unterm Schug von Thränenerlen

Meberragt ven Trauerbirken

Heben fieben Zodtenhügel,

Sieben moo8bededte Gräber

Sidy empor von wüſtem Anſehn,

Nicht von Enfeln unterhalten,

Nicht geſchmückt von Freundeshänden,

Nicht bewacht von treuer Sorgfalt,

Noch gepflegt von zarter Liebe.

* Eines birgt des Kummers Thränen,

Eines dedt der Knechtſchaft Feſſeln,

Eines die gefall’nen Krieger.

In dem vierten ſchlaͤft der Hunger,

In dem fünften die Entehrung,

In dem fehsten und im leßten

Ruh'n der Peſt und Seuchen Opfer. * Bor dem Sammer feiner Vorzeit

Fand der Ehſte endlich Rettung

Unter Rußlands Adlerfittig. —

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Zum Berftändnig.

Führt dich einft des Glüdes Zufall Dder zarter Elfen Lodung

Oder Mardus' Hilferufen

Zu den ſieben Todtenhügeln,

Dieſen dichtbemoosten Gräbern:

»O fo pflanze, Sohn, zu Ehren Deines Baters dort ein Bäumchen, Deiner Mutter eine Blume,

Einen Rofenftrand der Schweiter, Für den Bruder einen Kirſchbaum, Einen Faulbaum für den Nachbar. Leo? die Pflanzung an mit Eorgfalt, Laß die Wurzeln Nahrung finden In der angemeßnen Tiefe,

Dap die Pflänzchen fröhlich wachjen Und mit ihrer Blürhenfülle

Eine Zierde fein der Gräber

Und ein Schmuck der Schlummerftätten, Der fie frifch und neu erhalte

Als ein Denkmal theurer Zodten.*

Pen bedeckt der NRafenhügel, Weſſen Rubftatt ift Das Grab dort?

Rafenhügel, Grabes Ruhſtatt, Modergruft im Schooß der Erde Birgt die theuren Zeugen alle Unſrer laͤngſt entſchwundnen Vorzeit, Unfres einſtgen Glückes Blüthen, Unſre alten reichen Sagen,

Unſrer ſchönen Vorzeit Lieder.

In dem Mutterſchooß der Zeiten Birgt die Decke des Vergeſſens, Huͤllt der Mantel des Betruges Und verſteckt der Wahn der Blindheit Alles, was die Peſt gewürget,

Was die Graufamfeit gemordet, Was das biut’ge Schwert erichlagen, Hingeftredt aufs Bett des Todes, Wo es in der Tiefe fhlummert.

Zum Verftändniß.

Einf in meinen jungen Zahren -

Als ich noch mit Knabenſinne

Munter unfrer Heerde nadlief,

Auf dem Anger Kurni fpielte,

Mid als kecken Schaufler zeigte —

Traf ſich's, daß ich fohlummermüde

An. dem Feuer einer Nachthut

Eingeſchlafen war im Buſche

Unmweit unferd SanisStädtchens.

Unter fügen Bonnefchauern

Sah ich lebende Seftalten

Sich im Zraumgefiht bewegen,

Das in wunderbaren Bildern

Bor des Schläfers Augen aufging. Kräft'ge Krieger, edle Greife,

Heitre jugendliche Sänger,

Kunſtgeübte Harfenfpieler,

Schoͤne goldgelodte Jungfraun

Schwebten von den Todtenhügeln,

Um am mitternächt’gen Feſte

Einen Reigen aufzuführen.

Kaum berührten ihre Füße

Schüchtern leifen Tritts den Nufen,

AlS fie immer näher famen

Und mit Winfen und Gebertden

In mich drangen, mid) bejtürmten,

Daß ich in.den Schlaf fie fünge.

Schlummert denn, vergeßne Wefen,

Schlaft, verwitterte Geftulten ! Schlafet einen goldnen Echlummer, Bis eudy einft in beffern Tagen Eine fhön’re Morgenröthe Auferwedt in Taara's Hallen !

*Sünglinge, mannhafte Sproffen,

Bierlands und Jerwens Erzeugte, Harrien’s Tieblihe Schweitern, Pernau's zierliche Mägdlein, Strand» und Inſelbewohner,

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gum Verſtaͤndniß.

Hoͤret, o hört meine Worte! Aelterer Jahre Geſtalten, Schatten verklungener Vorzeit, Frühere glückliche Tage, Längſt getrocknete Thränen, Einſtige goldene Sagen, Lieder verſchollener Sänger Zauchen auf in meiner Seele

“ Und entflanmen meine Blide.*

Höret mich begeiftert fingen

Bon des Salewiden Eagen,

Bon des Alewiden Thaten,

Bon des Olewiden Werfen,

Bon des Sulewiden Schidjal :

*Wie mir’ bald die Eberefche,

Bald des Faulbaums Blüthendolden, Bald der Stamm der Taaraeiche, Wie mir’d manche Zauberformel,

Manches Wort aus grauer Vorzeit,

Sept der Leibgurt Wannemuinens,

Jutta's Haar jeßt zugeflüftert.* Alles, was ich aufgelanmelt,

Oft der Wind mir zugetragen,

Spann id) aus in zurte Fäden

Und verwebte fie zum Bilde,

Das den Kalewiden darftellt.

Erſter Gefang.

Sr, du beredter Eänger, Lenke des Geſanges Schifflein, Deiner Lieder ſchlankes Fahrzeug, Ken?’ es dorthin an das Ufer, Wo die Adler goldne Worte, Wo die Raben Silbermährchen, Schwäne kupferne Gefänge

Alter Zeit verborgen haben, Ausgeftreut in frühern Zagen. - Zhuet fund, ihr Flugen Vögel, Saget's laut, ihr Meereswogen, Winde, theure, offenbaret’s :

Wo der Kalewiden Wiege,

Wo der Helden Yugendftätte, Ihre Heimath ift zu finden ? Singe, Sänger, ei fo finge ! Barum fingft du niht? Du fehweigeft !

Singen foll ih Trauervogel! Kann ich's — mit gebrochnem Herzen ? Meine Jugend ift gefchwunden, Liegt umraufcht von Zrauerbirfen Hingewelkt im Haidefraute !

Als ich mit der MWeidenflöte Sauchzend noch durchftrich die Auen, Meiner Lieder Silberfüden Sich zu Goldgeweben fügten,

Wuß! ich fcherzhaft mir zu deuten Die geheimen Wunderfräfte In der Elemente WBalten.

Windesmutter regt die Flügel: Und der Sturm bricht durch die Wälder, Zwingt die Wogen aufzubraufen Und das weite Meer zu peitfchen, Zreibt mit Blig und Donnerfhhlägen Bor fich her die fcheuen Wolten.*

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Erſter Geſang.

Sah ich von beblümten Hügeln In der lieben Sonne Antlig,

Gleich ermahten in der Seele - Mir die Bilder alter Zeiten.

“Nicht fo ſchweigſam, muntre Bächlein, Kommt, erzählt mir, traute Hügel, Wälder, müßt ja Vieles wiflen, _

Habt fo viel gefehn, ihr Haine !*

Glänzend bricht das Lied die Bahn fid, Wie die Sonne dringt durch Wolfen, Dringt durh Mark und Bein erwärmend, Führt die Seele zur Begeif’rung.

In der Ferne fieht mein Geift fhon Dort die Burg der Kalewiden,

"Rund umpflanzt mit mädt’gen Eichen, Die ſich an die Mauer fhmiegen Untermiſcht mit Baulbaumbüfchen.*

Ich vernehme fhon das Rauſchen Don den breiten Meeredwogen,

Die fih an dem Felſen brechen, Den fein Sturm nody je erfchüttert, Kein Orkan zum Weichen bradte, Keine Springfluth je zum Wanfen.

Laßt uns denn die Worte wenden Auf den Pfad der alten Sage,

Auf der Eifenzeiten Fußfteg !

In dem Land der Kalewiden Fand man fonft vom Götterftamme Sproffen bier und da in Dörfern Und in Einzeihöfen fprießen,

Die als Pflänzchen höh’rer Weſen,

Als die Nachzucht kräft'ger Helden

Aus dem Schooß von Landestoͤchtern

In die Welt getreten waren. Weitberühmte Götterföhne,

Große Meiſter in den Künſten

Und Vollbringer großer Thaten

Ließen zu der Menſchen Töchtern

Erſter Belang.

Sich herab mit ihrer Kiebe,

Und der Leib der ſchlanken Mägdlein Wölbte fih zum Mutterfchooße. Solcher Goͤtterlieb' entiproß auch Das Gefchlecht der Kalewiden, Diefer riefgen Eifenmänner,

*H0h im Norden bob ein Hausftand Sich empor aus Felfentrünmern Dicht an Taara's Eichenhaine,

Halb verftedt im Waldesdunfel, Halb begränzt von offner Fläche.

Hier entfprang ein Knabendreiblatt, Kräft'ge Brut aus Götterfumen. Einer wanderte nah Rußland,

Nach dem Nordland zog der andre, Auf den Rüden eines Adlers Schwang der dritte fid) der Brüder.

Der nad) Rußland ausgewandert, Buchs heran zum tücht’gen Kaufmann Und gefchidten Bortenweber ;

Der nad) Nordland war gezogen, Ward ein Krieger, der die Streitart Kräftiglich zu führen wußte.

Der ſich auf des Adlers Rüden Zum Emporflug aufgefhwungen, Führt' ein vielbewegtes Leben, Drang nah Süden und nad Oſten Bor auf feinem Adlerfluge, Kreuzte die Gewäſſer Finlands Und durchſtrich der Wiek und Wierlands Unwirtbbare Meeresfluthen, Bis fih fein Geſchick erfüllte Und nad) Gottes weifer Fügung Ihn fein Aar am Felfenftrande Wierlands unfanft niederfegte.*

Kaum in unfer Land getragen

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Erfter Geſang.

Map er feines Reiches Gränzen Corgfam aus in weitem Umfang Und erbaute fih den Wohnfig, Wo die Zügel der Regierung Eid) in fräftger Hand vereinten. - Mehr berichten unfre Auen, Mehr auch unfre weiten Moore Nichts in alten Liederfagen Ueber Vater Kalew's Walten, ALS den Anfang feiner Herrfchaft. Wie er um die Braut geworben, Um als Weib fie heimzuführen, Davon fingt nur eine Sage: Aus den Ehftendörfern Plesfau’s, Und. wir geben, was wir hörten, Mit den überfommnen Worten.

“In der Wiek lebt' eine Wittwe, Jugendlich, doch ftil und einjam Wie ein unbewohntes Stübchen,

Wie ein Hüttchen ohne Schirmdach.

Auf der Viehtrift ſchritt fie Sonntags Und, wie es ſich fügte, fonft auch Sorgſam felbft der Heerde folgend.

Und was fand fie einft am Wege, Auf der Trift in Rinderfpuren, - Auf den Schaukelplatz des Dorfes ? Fand das Küchlein an dem Wege, Fand das Birkhuhnei im Huftritt, Bor dem Dorf die junge Strähe.

Und die Wittwe nahm das Küchlein

Und verbarg das Ei im Bufen, Nahın fie, um die Wittwentrauer Und den langen Echmerz zu fühnen, Mit nah Haufe zum Erxziehen,

Und die junge Krähe warf fie Auch nod mit in ihre Schürze.

Erſter Geſang

Alle Drei brach' fie nah Haufe, Zrug fie in die nahe Kleete,

Die von Steinen aufgebaut war, Und ergriff den Korb mit Wolle, Machte drin zurecht ein Brutneft Für das Ei und .für das Hühnchen Und verfchloß fodann den Dede.

. Und nachdem fie diefen Brutforb

Auf des Kaſtens Rand gehoben, Warf fie auch die junge Kraͤhe An den Binfel hinterm SKaften.

Brütend ward das Hühndyen größer, Bald erreicht? es fchon den Dedel Eipend auf dem Ei des Birfhuhns. Und es wuchs, ward immer größer, Wuchs Bis in den dritten Monat, Wuchs auch noch vom vierten Monat Ein’ge Tage in die Höhe.

Muß doch in die Kleete gehen Meine Pfleglinge zu ſchauen! Ei, was fand fie unterm Dedel?

Statt des Huhns ein ſchönes Mägdlein, Statt des Ei's ein zweites Mägdlein. So war Salme aus dem Küchlein, Linda aus dem Ei entftanden.

Was war aus der jungen Krähe Hinterm Kaften denn geworden ?

Ah, ein armes Waiſenmädchen, Cclavin für des Tages Mühen, Bränder auf dem Herd zu fehüren, Unterm Eimerjoch zu Feuchen !

Salme ward beftürmt von Freiern. Fünf und fechs, die brachten Branntwein, Sieben fandten Werbeboten,

Acht geheime Kundfchaftsboten. Endlich famen hohe Freier :

Erft der Mond und dann die Sonne, Endlih auch der Sternenknabe.

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Erfter Belang.

Mondesfreier, noch ein Züngling, Schmädtig, zart, von bleicher Farbe, Kam heran mit funfzig Roffen Und mit fechzig Roffelenfern.

Salme wünfcht er fih zum Weibe, Will die Sungfrau fich verloben.

Salme hörte fein Begehren Nur von Kerne aus der Kleete,

Rief von dort ihm zu die Antwort : „Wünſch' den Mond mir nicht zum Gatten, Mag ihn nicht, den Nachtbeleuchter ! Er hat mir zu viel der Aemter,

Biel noch nebenher zu fchaffen.

Bald erfcheint er noch vor Tage,

Bald des Abends fpät am Himmel, Bald erft wenn die Sonne aufgeht. Bald ermüdet er ſchon Morgens,

Eh’ der Tag noch angebrochen, Manchmal hält bei Zag’ er Wache, Zauert am Himmel bis zum Mittag.“

Zraurig ging der Mond nad) Haufe, Sah fo bleich herab beim Weggehn.

Drauf erfchien der Eonnenfreier Als ein Jüngling feur’gen Blickes,

Kam heran mit funfzig Roffen Und mit ſechzig Roffelenfern. Salme wünſcht er fih zum Weibe, Wil die Jungfrau fid) verloben.

Salme hört e8 und ermwidert : „Wollt' den Mond ich nicht zum Gatten, Mag noch wen’ger ich die Sonne !

Viel zu unbeftändig ift fie, Immerfort verändert fie fich.

Menn fie manchmal heiß gefihienen, Wechſelt plöglich fie das Wetter. Mitten in der fchönften Heuzeit Meberrafcht fie und mit Regen ; Will man eben Hafer fäeı,

Erſter Geſang⸗ 19

Dann gerade bringt ſie Duͤrre, Läßt die Haferſaat verfommen, Dörrt die Gerſte in der Erde, Beugt den Flachs im Halm darnieder, Drückt die Erbſen in die Furchen, Läßt das Haidekorn nicht wachſen, Schoten nicht die Linſen bringen. Wenn der Roggen weiß zur Ernte, Glüht fie und verſagt den Nebel 20 Dder laßt den Regen ftrömen.* Tief gefränft verſchwand die Sonne, Glühte feurigroth im Abgehn Und erzitterte vor Zornwuth. . Endlih kam der dritte Freier, Nahte fi) der Sternenfnabe, Des PVolarfterns ältftes Söhnen, Auch mit funfzig feur'gen Roffen Und mit ſechzig Roffelenkern. Salme wünfht aud er zum Weibe, 20 Bill die Jungfrau fi) vermählen, Schnell rief Salme aus der Kleete, Eprad aus ihrer Kleiderkammer: „Führt das Roß des Sternenknaben In den Stall zur beſten Raufe, Wo der Milchtrank ſchon bereitet, Wo die Waͤnde, ſchoͤn geglättet, Nicht das Thier verletzen können. Werft ihm reichlich dufl'ges Heu vor, Bringt ihm von dem beſten Hafer, 230 Zräntt es mit dem reinſten Tranfe, Miſchet reichlich Mehl darunter, Quirlt e8 af zu weißem Schneefhaum. Bettet es im feinften Linnen, - Gebt ihm ein bequemes Lager Und bededP3 mit feidner Dede. Ruhen muß fein Kopf in Sammet Und in Haferfpreu die Hufen. Diefen Freier will ich nehmen, 3*

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Erſter Gefand.

Meine Hand den Sterne reichen, Wil ihm treue Gattin werden. Sternenauge blinft fo heiter, Steriienfinn ift fo beftändig ! Sterne thun der Saat fein Xeides Und verderben feine Ernte.

„Sept den Sternenfreier gaftlich An die reingewafchne Tafel, Daß er an die Wand den Rüden,

- Auf die Bank die Füße ftüße,

Und bededt die breite Tufel Mit noch nie gebrauchtem Tiſchtuch. Tragt dann auf die beiten Fifche, Stellt dem Gaft das Fleiſch recht nahe, Bietet ihm die zartften Palten, Auch recht oft von Hochzeitäfuchen Und den beften Lindenhenig. Bier im Kruge darf nicht fehlen, Noch: der füße Meth in Becher.” Und man Ind den Stern in's Zimmer, Bat am Tiſch ihn Plag zu nehmen Und es ſprach die Wittwe alfo : „Sb, mein Sterndyen, trink, mein Sternchen, Sei, mein Sternchen, heitern Sinnes!“ Heftig aufgeregt, daß rafſelnd Schmuck und Waffen ſich berührten Und die mächt'gen Sporen klirrten, Sprach der Stern Ten Boden flampfend : „Mütterchen, ich will nicht eflen, Mag, o Mütterchen, nicht trinfen, Kann nicht heitern Sinnes werden, Wenn ihr nicht mein Liebchen herbringt, Salme nicht bei mir erſcheinet.“ Salme höret fein Begehren, Hört den Wunfc des Sternenfreierd Und erwidert aus der Kleete, Aus der Ferne alfo fprehend: — „Zrauter mein, du füßer Knabe,

Erſter Befang. 21

Lieber Gaſt aus weiter Ferne, Gabft du Zeit mir aufzuwachfen, Zeit mir groß und fchön zu werden, — 300 Ei fo gieb der Salme Zeit auch Sich zu kleiden, fih zu fchmüden ! „Eile, Linda, raſchen Laufes, Fliege, Schwefterchen, zur Sammer, Zu dem Koffer mit dem Brautfhmud ! Bringe mir die wollnen Röcke Und die zarten Seidenhemdchen Mit den goldgewirkten Nerneln, Strümpfe mit den bunten Zwideln, Linnentücher goldgeflittert, 310 Seidentücher buntgewürfelt !« Nochmals bat aus ihrer Ede, Aus der Kammer ihn die Wirthin: „36, mein Sternchen, trink, mein Sternchen, Sei, mein Sternchen, heitern Sinnes, Frohe Zage ftehn bevor Dir!“ Sternenfreier hört’ die Worte Und erwiderte befänftigt :- „Kann nicht efien, Tann nicht trinken, Kann nicht heitern Sinnes werden 329 Ob der künft'gen frohen Tage, Bis mein Liebchen ich geſehen.“ Darauf bat die Wirthin wieder: „Willſt, mein Sternchen, etwa ſchlafen, Dich vielleicht zur Ruh' begeben?“ Ohne Jaudern ſprach der Freier, Sprach der Stern die klugen Worte: „Bill, o Muͤtterchen, nicht ſchlafen, = Bill und kann der Ruh? nicht pflegen. Sternenauge fchlummert nimmer, 3% Schließet nie die müden Lider, Senkt die Wimpern nie zum Schlafe. Bringt mein Liebchen her in's Zimmer, Laßt mir Salme hier erfcheinen, Will mein liebes Hühnchen fehen !“

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Grfter Geſang.

Darauf brachte man die Brant ihm, Führte Salme in das Zimmer.

Und die Wittwe fannte fie nicht, Kannte nicht das eigne Pflegkind, Das in der verborg’nen Sammer Einft der Hansgeift umgebildet, Aufgefhmüct die Waldesnymphen. Drum die Wittwe zweifelnd fragte: „ft der Mond es, iſt's die Sonne,

Iſt es eine Nebeljungfrau ?

Ausgerüftet ward die Hodjzeit Und man [ud der Gäfte viele An dem Feſte theilzunehmen. Denn die Eiche auf der Gränze Und die Erle in dem Städtchen Fanden fih mit ihren Wurzeln, Mit den Gipfeln bier zufammen. Und fie fehwenkten fih im Kreuztanz, Taumelten im Wierſchen Wirbel, Daß der Kiesſand Funfen ſprühte Und der Aeſtrich ächzend dröhnte ! Sternentna$ und Jungfrau Salme Hielten luſtig ihre Hochzeit! Kam der Mond zum zweitenmale Auf den lauten Hochzeitsjubel An das Haus der Wiekſchen Wirthin, Kam heran mit funfzig Roſſen Und mit fechzig Roſſelenkern, Wollte nun die Birkhuhnsjungfrau, Linda, fih zur Braut gewinnen. Und die Hochzeitsburſche priefen Und auch Salme diefen Freier ; Aber Linda mocht' den Mond nicht Und ließ alfo aus der Baditub, Bon dem Lager, wo fie ruhte,

Bon dem Flanme fl) vernehmen :

„Nicht den Mond will id) zum Gatten, Nicht der Nächte König mag ih !

Erfter Geſang.

Sechs der Nemter muß er pflegen, Außerdem noch fünf befondre

Und ein Dugend Nebenämter; Manchmal ficht er früh am Himmel,

Manchmal wenn’s fhon Tag geworden.

Bald verfinft er in dem Nebel, Hüllt fih in des Thaues Schleier, Bald verbirgt er fih in Wolfen.

Einmal kommt er mit der Dämm’rung,

Einmal wenn fie fhon begonnen,

Sa er kommt auch manchmal garnicht,

Läßt das Reich ganz ohne Wächter.“

Traurig ging der Mond von dannen.

Kummer fprach aus feinen Zügen, Ziefer Schmerz aus feinen Bliden.

Und fie fchwenkten fih im Kreuztanz,

Zaumelten im Wierſchen Wirbel,

Naften in dem Harrifhen Hopfer, Das der Kiesfand Funken ſpruͤhte Und der Aeftrich ächzend dröhnte.

Sternenfnab’ und Sungfrau Salme Hielten Iuftig ihre Hochzeit!

Da kam auch der zweite Freier Auf den lauten Hochzeitsjubel Noch einmal fein Glück zu proben, Kam die Sonne zu dem Feſte, Kam mit funfzig muth’gen Roffen Und mit fechzig Roſſelenkern, Selbft zu Roß auf feurtgem Hengſte, Wünſchte Linda zu gewinnen, Birkhuhnsjungfrau fi zum Weibe; Und die Hochzeitsburſche priefen Und auch Salme diefen Freier; Aber Linda dachte anders Und ließ aus der Badftub? alfo Bon dem Lager, wo fie rubte, Bon dem Flaume fi) vernehmen : „Mag die Sonne nicht zum Wanne,

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Erfter @efang.

- Mag ihn nicht, den Herrn des Tages !

Biel des Böfen thut die Eonne: Hemmt den lache in feinem Wachsthum, Bringt der Haferfaat Berderben,

KXäßt die Gerfte nicht gedeihen,

Läßt das MWeizenfeld verdorren Und das Noggenfeld verfümmern ; Brennt den ganzen langen Sommer, Heizt im Winter nicht die Stube.« Schnaufend wand fih ab die Sonne, Sprühte zornig Feuergluthen. Und fie ſchwenkten fich im. Kreuztanz, Zaumelten im Wierſchen Wirbel, - Raften in dem Harrifchen Hopfer, ‚Wütheten im Wiekſchen Walzer, Daß der Kiesfand Funken fprüfte Und der Aeſtrich ächzend dröhnte. Sternenfnab’ und Jungfrau Salme Hielten Iuftig ihre Hochzeit ! Da erfchien der dritte Freier Auf den lauten Hochzeitsjubel, Wogt’ heran der Wafferfreier, Kam mit funfzig glatten Roffen Und mit fechzig Roſſelenkern Hoch zu Roß auf einen Schimmel, Wünfchte Linda zu gewinnen, Birkhuhnsjungfrau fih zum Weibe. Salme und die Hochzeitsburſche Priefen laut den Wogenfönig; Aber Linda war dem Waſſer Nicht fo hold; drum aus der Badftub’ Bon dem weichen Lager ſprach' fie, Bon dem Pfüble diefe Worte: „Waſſerfreier mag nur gehen, Will ihn nicht zu meinem Gatten ! Schrediih ift der Wogen Rauſchen, Furchtbar ift des Meeres Tiefe,

Erſter Geſabu

Sparſam rieſelt nur die Quelle Und der Strom ſchwelgt im Verſchwenden.“ 450 Waſſerfreier, nah dem Weinen, Wälzte ſich betrübt nach Hauſe, Rauſchte traurig durch die Pforte. Und fie ſchwenkten ſich im Kreuztanz, Taumelten im Wierſchen Wirbel, Raften in dem Harriſchen Hopſer, Wütheten im Wiekſchen Walzer, Tobten in dem Jerwſchen Juchzer, Daß der Hiesfand Funken fprühte Und der Aeſtrich ächzend dröhnte! 400 Sternenknab' und Jungfrau Salme Hielten luſtig ihre Hochzeit! Kam heran der vierte Freier Auf den lauten Hochzeitsjubel, Kam der Wind herangewirbelt. Mit fih führt er funfzig Roſſe, Rofjelenter waren fechzig, Und den Sturmhengft ritt er felber. Wünſchte Linda zu gewinnen, Birfhuhnstöchterhen zum Weibe. 470 Alle Hoczeitöburfche priefen Und auch Salme diefen Freier ; Aber Linda dachte anders, Wollte nicht den Wind zum Manne, Darum rief fie aus der Badftub?, Rief ihm zu von ihrem Lager, Sprad von ihrem meirhen Pfühle: „Mag mich nicht dem Wind vermähfen, Bil den Luffgen nicht zum Manne ! D wie kann des Windes Heulen, 480 Wie das Toben der Orkane Zarten Frauen je gefallen !« Zifhend zog der Wind von dannen, Doch der Kummer nagt? nicht fange An des wind’gen Freiers Herzen. Und fie fhwentten fih im Kreuztanz,

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Erſter Geſang.

Taumelten im Wierſchen Wirbel, Raſſten in dem Harriſchen Hopſer, Wütheten im Wiekſchen Walzer, Tobten in dem Jerwſchen Juchzer, Drehten fich im Dörptſchen Dreitakt, Daß der Kiesſand Funken ſprühte Und der Aecſtrich ächzend droöͤhnte! Sternenknab' und Jungfrau Salme Hielten luſtig ihre Hochzeit! Kam heran der fünfte Freier Auf den lauten Hochzeitsjubel An der Wiekſchen Wirthin Pforte, Kam des Kunglakönigs Erbe, Kam mit funfzig ſchmucken Roſſen Und mit ſechzig Roſſelenkern, Selber einen Goldhengſt reitend, Wollte Linda ſich gewinnen, Birkhuhnstöchterhen zum Weibe. Ale Hochzeitögäfte ſtimmten, Auch die Schweſter, für den Freier. Linda felbft verſchmaͤht' auch diefen Und erwidert' aus der Badſtub', Bon dem Lager, mo fie ruhte, Don dem weichen Pfühle alfo : „Nein, ich nehme feinen König, Mag des Kunglakönigs Sohn nicht: Boͤſe Töchter hat der König, | Die den Fremdling haflen würden.” Kunglakönigs Sohn erbofte Und ging flubend aus der Pforte. Und fie ſchwenkten fih im Kreuztanz, Zaumelten im Wierfhen Wirbel, Naften in dem Harriſchen Hopfer, MWütheten im Wiekſchen Walzer, Tobten in dem Jerwſchen Juchzer, Drehten fi im Doͤrptſchen Dreitakt, Jeder zeigte, was er konnte,

Erfter Befang.

Daß der Kiesfand Funken fprühte Und der Aeftrih ächzend Dröhnte ! Sternenfnab’ und Jungfrau Salme Hielten luſtig ihre Hochzeit ! Da erfchien der ſechste Freier Auf den lauten Hochzeitsjubel, Kam der riefenfräfttge Kalew, Auch mit funfzig tücht'gen Kleppern Und mit fehzig Pferdefnechten, Ritt heran auf feur’gem Hengfte Und bewarb um Linda's Hand fi,

Wünfht das Birkhuhnskind zum Weide,

Alle Hochzeitsgäfte murrten,

Auch die Wittwe war dawider ;

Aber Linda fühlte anders !

Linda rief aus ihrer Badſtub',

Sprach herab von ihrem Lager,

Von dem weichen Pfühle alſo: „Dieſer tft nach meinem Sinue,

Diefen nehm? ich gern zum Manne !« Kalew ward nun eingeladen

An dem Tifche Plag zu nehmen,

An dem reingewafchnen Tiſche

Auf dem Sige an der Holzwand,

Die mit Linnen weiß behängt war;

Bor ihm ftand die Silberkanne

Und der blanfe goldne Becher

Angefüllt mit füßem Trante,

Dben Schaum und unten Honig,

Bier, fo roth wie Blut, dazwiſchen. Brot zu nehmen, bat Die Wittwe,

Salme, feinen Mund zu negen:

„Gfiet, Kalew, trinfet, Kalew,

Raft’8 an unſerm Tifch euch ſchmecken,

Trinft aus unferm Hochzeitsguge,

Aus der bunten Branntweinsfanne !

Freut euch, Kalew, frent euch mit uns

An dem frohen Hochzeitöfefte !«

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Erſter Geſang.

Kalew, innerlich erbebend,

Daß das Schwert in ſeiner Scheide Und die Kette und die Sporen,

Ja das Gold im Beutel, klirrten, Sprach doch mit Bedacht die Worte: „Mütterchen, ich mag nicht eſſen, Mag nicht trinken, junges Weibchen, Mag nicht koſten eure Speiſen,

Euren Branntwein nicht verfuchen, Kann nicht froh fein mit den Frohen; Bringt mein Liebchen erft in's Zimmer, Zafjet Linda hier erjcheinen,

Hier im frohen Hochzeitäfreife !«

Linda hört’ e8 und erwidert : „Trauter mein, du holder Züngling, Gabſt du Zeit mir groß zu werden, Ließt geduldig mich zur Jungfrau, : Mich, dein braunes Mädchen, aufblühn: Sieb auch Zeit jegt, mich zu fchmüden ! Baterlofe ſchmückt fih langſam, Mutterloje darf wicht eilen,

Brauchet Zeit, um fid) zu gürten,

Zeit, die Aermel aufzufraufen;

Keine Mutter hilft mich ſchmücken,

Stehet rathend mir zur Geite, Kleinen Glückwunſch bringt ein Blutsfreund, Keine Schwefter theilt die Sorgen.

Weiber feh’ ich aus dem Dorfe,

Alte Frauen mich bedienen.

Lau ift nur des Dorfes Glückwunſch, Fremde Herzen find von Eifen.“

Kalew trank nicht einen Tropfen, Gtärfte fi mit feinem Biffen,

Nahm nicht Theil am Hochzeitäjubel.

Linda's Stimme aus der Kleete Ließ jebt bittend fi) vernehmen : „Komm, o Krähe, arme Waife, Unbemerftes Sclavenmädchen,

Erſter Gefang.

Aufgewachſen hinterm Kaſten, — 600 Flieg' in Teichtbefchwingten Schritten Hin zu meinem Kleiderfaften ! Bring’ das nene Nebelhemd mir, Um den fchlanfen Leib zu deden, Hemdchen, weiß wie Birfenginde, Weißer, ald der fchlunfe Leib noch; Bringe den Befag von Perlen, Um des Hemdchens Saum zu frängen; Aud den buntgeblünten bringe, Für den Saum des Unterrödchens ; 610 Und den abornblüthnen Gürtel, Daß id meine Lenden gürte Oberhalb der Schwanenhüften ; Und das ausgenähte Mieder, Um den Bufen zu verhüllen; Und das fchuppenfarbne Tüchlein, Daß ich's übern Saum des Mieders Um den zarten Hals mir fchlinge 5 Und den Rod, den goldgewirkten, Und den goldbetreßten Kopfſchmuck!“ 620 Aus der Kammer bat die Wirthin, Bat die Pflegemutter freundlich: „Eſſet, Kalew, trinket, Kalew, Nehmet, Kalew, frohen Antheil An dem heitern Hochzeitsfeſte; Sternenknab' und Jungfrau Salme Halten lange frohe Hochzeit!“ Kalew hört' es und erwidernd Sprach der ſtarke Mann mit Nachdruck: „Mag nicht eſſen, mag nicht trinken, 630 Kann nicht frohen Antheil nehmen. An dem heitern Hochzeitsfefte. Bringt mein Liebchen in das Zimmer, Her zur Stelle bringt mir Linda Zu den frohen Hochzeitsgäften !- Darauf brachte man das Mädchen, Birkhuhnsjungfrau in das Zimmer *

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Erſter Belang.

Zu den frohen Hochzeitsgäften. Doch die Wirthin Fannte fie nicht, Nicht die eigne Pflegetochter,

Die im Stillen in der Kammer Einft der Hausgeift umgewandelt, Waldesnymphen aroß gezogen.

Denn fie fragte voll VBerwundrung : „Iſt der Mond es, iſt's die Sonne, Iſt's des Abendſternes Tochter %-

Linda hört es und erwidert: „Richt der Mond ifl’8, nicht die Sonne, Nicht des Abendfternes Tochter,

ESift das Kind, das du erzogen, Das dem Birkhuhnsei entfprungen.“

Kalew nahm das Kind zum Weibe, Macht's zu feines Haufes Hühnchen, Trug es ftet3 auf feinen Händen, Kofrte zärtlich mit dem Liebling.

Ausgerüftet ward die Hochzeit Und man Iud der Gäfte viele An dem Feſte theilzunehmen ;

Denn die Eiche auf der Feldmark Und die Erle in dem Städtchen Fanden fi mit ihren Wurzeln, Mit den Gipfeln bier zufammen.

Gebt im Kreuztanz euch die Hand,

Wirbelt Wieriſch luſtig fort,

Rapt im Harrifchen Hopfer zu,

Zliegt im Wielihen Walzer bin,

Laßt den Jerwſchen Juchzer fort,

Tanzt den eignen Dorfestanz,

Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird,

Den die Heerde kaum durchwatet,

Und die Preißelbeeren kniehoch

Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen! Kalew hielt mit Sungfrau Linda Unter Jubeln feine Hochzeit !

Sternenfnab’, zum Abzug fertig,

Erſter Befang.

Muß mit Salme von dem Kelle, Bon dem Brautgemach fih trennen, Das von alten Stügen eiligft

Und von dürren Erbienftangen

Man zur Hochzeit hergerichtet. 680

Und fo trat er vor die Wirthin, Dankte für das Felt und fngte: „Lebet wohl nun, liebe Mutter ! Lebet wohl, ihr Hochzeitsgüfte ! Lebe wohl, mein Schwager Salem ! Lebe wohl, du junge Schwefter ! Eure Salme nehm’ ich mit mir, Mit mir fort das junge Wieſel: Nie wird ihre Pflegemutter, Nimmer fie die Schwefter fehen. 690 Weinet, Wierlands junge Männer, Weinet, Wierlands junge Mädchen, Sulme muß nun von euc fheiden, Wird fich hinter Wolfen, bergen, Wird, zum Sterne umgewandelt, An dem Abendhimmel ſchimmern.“ Salme rief mit naffen Augen Aus dem Schlitten noch die Worte: „Mutter, Mutter, liebe Mutter, . Muß für immer von dir fheiden 2700 Wie das Gaͤnschen aus der Heerde, Wie das Birkhuhn aus der Kelte, Wie der Schwan von den Geſpielen. Deine Ente folgt dem Strome, Tort bringt deinen Schwan der Schlitten, Fort ſchwimmt längs dem Fluß dein Herzblatt, Fort dein Herzblatt lingd dem Moore; Nur ein Windhaud kommt zurüd dir, Um dir Hilfe zuzufächeln!“ Aus dem Hofe rief die Schwefter, 710 Mütterlein aus ihrer Kammer Und die Hausmagd von der Ede:

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Erſter Geſang. „Wohin bringt man unſre Salme,

Trägt der Habicht unſer Hühnchen ?*

Nur der Windhauch brachte Grüffe, Sreudenthränen nur der Regen, Zrauerfunde ach ! der Thau nur. Nimmer kam fonft andre Botfchaft. —

Kalew's Hochzeit nahm indeffen Munter ihren weitern Fortgang.

Gebt im Kreuztanz euch die Hand,

Wirbelt Wieriſch luſtig fort,

Raſſt im Harriſchen Hopſer zu,

Fliegt im Wiekſchen Walzer hin,

Laßt den Jerwſchen Juchzer fort,

Tanzt den eignen Dorfestanz,

Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird,

Den die Heerde kaum durchwatet,

Und die Preißelbeeren kniehoch

Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen! Kalew hielt mit Jungfrau Linda Unter Jubeln ſeine Hochzeit!

Während, Mägdlein, du hier ſchwaͤrmeſt, Suchten Freier dich zu Haufe,

Fünf und ſechs mit Branntweinsfrügen, Gieben fandten Werbeboten, Acht geheime Kundfchaftsboten.

„Ei was kümmern mich die Freier ! Meines Bruders Pfoften werden An der Pforte und am Brunnen Müde nicht, das Pferd des Freiers An dem Kupferzaum zu halten.

Und wenn auch noch mehr als einer,

Wenn and) fünf und fechje fämen,

Sieben Werbeboten ſchickten,

Acht geheime Kundſchaftsboten, —

Laßt fie alle, alle gehen,

Darf id) länger bier nur weilen!“ Gebt im Kreuztanz euch die Hand, - Wirbelt Wierifch luſtig fort, j

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Erſter Geſang.

Raſ't im Harriſchen Hopſer zu,

Fliegt im Wiekſchen Walzer hin,

Laßt den Jerwſchen Juchzer fort,

Tanzt den eignen Dorfestanz,

Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird,

Den die Heerde kaum durchwatet,

Und die Preißelbeeren knieyoch

Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen!

Kalew hielt mit Jungfrau Linda

Unter Jubeln ſeine Hochzeit! 760 „Komm, o Krähe, Waiſenmädchen,

Sclavin für des Tages Mühen,

Nur zur Arbeit auferzogen, ne

. Bring’ das Eimerjody zur Stelle,

Häng’ daran die Waſſereimer

Und bring’ Waffer aus dem Meere,

Schoͤpf' auch Waſſer aus dem Kiuffe

Und auch aus der Quelle hurtig !

Während fih die Eimer füllten,

Blieb gedanfenvoll ich fiben, 770 Schaute zu dem Spiel der Zifche,

Sah die Quappen flink fih wenden,

Für die Brut die Hechte forgen

Und die Bleierweibchen tändeln,

Und verweilte wohl ein Stündchen

Selbſtvergeſſen bei dem Spiele.

Endlich trieben mich die Töne Aus dem Hochzeitsſaal zur Rückkehr,

Und die Wirthin, mir begegnend, Sragte, wo die lange Nacht ich, 780 Wo den halben Tag vermeilet ?

„Ach du liebe, theure Mutter, Kennft du denn der Jugend Art nicht, Richt die Luft der Waifenfinder ? Fünfmal fäumt man ohne Urſach, Sechsmal fühlt man ſich gefeſſelt, Siebenmal gehemmt die Schritte! Sieh, ſo blieb ich träumend fißen,

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Erfter @efang.

Sah gedanfenlos in's Wafler, Scaute zu dem Spiel der Fifche, Sah die Quappen flink fi wenden, Für die Brut die Hechte forgen Und die Bleierweibchen tändeln, Und verweilte wohl ein Stündehen Selbſtvergeſſen bei dem Spiele.” Gebt im Streuztung euch die Hand, Tanzt den eignen Dorfestanz, Bis der Aeftrih zum Moraft wird, Den die Heerde faum durchwatet, Und die Preißelbeeren kniehoch Durch der Tänzer Zehn gewachfen ! Kalew ſchickt fih an zur Rückkehr, Mahnet Linda aufzubredyen, Birkhuhnstöchterchen an's Scheiden, Seinen Schwan, die Luſt zu enden. Linda rief auch von der Schwelle: „Laufburſch, tränfe rafch Die Roſſe, Hausknecht, lege das Gefchirr auf,

‚ Herold, wende du den Schlitten z

Mit den Fiemern unter’d Fenfter,

Mit den Seiten an die Schwelle,

Mit dem Rüden gegen Often!« Darauf trat fie bin zur Wittwe,

Ahr den Abfchiedsgruß zu fagen:

„Lebe wohl, du theure Mutter,

Muß auf immer dich verluffen,

Muß ein Echwan von den Gefyielen,

Aus dem Horft ein Adler fcheiden.

Ah mir wird fo fehwer die Trennung

Don den Menfchen, die ich liebe,

Bon den trauten Plägchen allen,

Bon den liebgewordnen Höfen!

Muß mid von dem frohen Streije,

Bon dem Hochzeitöfeite trennen,

Darf nicht mehr mit euch die Mahlzeit

An der lauten Zufel theilen.”

Erfter Geſang.

Darauf fprang fie in den Schlüten, In den Schlitten zu dem Gatteı, Der mit feiner linfen Eeite Warm ſich an fern Weibchen fihmiegte, Mit dem rechten Zuße fteuernd., Kalew, mit den Sporen raffelnd, Mit der golduen Kette klirrend Sprach: „O Linda, meine Theure, Was haft du zu Hauf’ vergeffen ? Dreierlei haft du vergeflen : Erft den Mond vor eurem Haufe, -Und das ift dein alter Bater ; Dann die Sonne vor der Kleete, Und das ift dein alter Oheim; Dann die Birken vor dem Zenfter, Und das find die blüh’nden Brüder Und die Bettern aus dem Wäldchen.” — „Mag ich fie vergeflen haben, Ufo wird mir fle erſetzen; Bo ein Weg ift zum Betreten, Bo ein Fußſteg an das Ziel führt, Bird fich auch der Führer finden !- Zraurig fah der Mond hernieder, Trüben Blickes ſchien die Sonne, Sahn die Birfen in das Fenſter. Linda’ Herz ward wieder ruhig Und vergaß die Trennungdfchmerzen, Flog im Arme des Geliebten, Unterm Schutz des theuren Gatten Ueber weite Schneegefilde Und durch Dichte Nadelwälder, Zags im hellen Schein der Sonne, Nahts vom Silbermond beleuchtet Immer zu der Wohnung Kalew’s, Ro in fliller feidner Kammer . Ihr ein nettes Bettchen winkte Ruh’ im weichen Flaum verfprechend. *

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- Bieriter Geſang.

Wen mich's treibt ein Lied zu fingen,

Zreien Kauf dem Strom zu Taffen,

Der in alten Weiſen hinbrauft:

D dann hält mich feine Leine,

Hält mich feine, hemmt mich feine,

Sliegen nicht die Wolfenfegler,

Noch die Strahlenpfeile fehneller.

Dörfer laufchen meinen Worten,

Sinnend ſchaun mir nady.die Schlöffer,

Deutſche herchen gruppenweife

Und mit Mißgunſt ſelbſt die Städte. * Um des Lebens jungen Mittag

Bor dem Wendepunkt der Jugend

War das Weib des edlen Kalem

Schon mit Früchten reich gefegnet,

Und es hatte Linda dann fchon

An der nimmer leeren Wiege

Kräftae Knaben eingefungen,

Kalew's treue Ebenbilder.

Als die Knaben an den Brüften

Ihrer liebereihen Mutter

Satt getrunken, rankten fuftig

Sie hinauf, den Hals der Mutter

Zu umklammern, an des Vaters

Breiter Bruft hinanzullettern,

Und errangen ſchnell die Freude,

Sicher auf den eignen Füßen,

Ihren Eltern ſchon zu dienen.

Von den Söhnen waren zwei noch

An des Vaters Lebensabend

Kleine Knäbchen bei den Eltern. Alle andern waren längſt ſchon Bald des Windes Führung folgend,

Zweiter Geſang.

Bald dem Pfad von Vöoͤgelſpuren In die Fremde ausgewandert, Einen Plag fih zu erfümpfen, Eine Heimath fih zu gründen. Denn das eingefchränkte Laͤndchen Bot mit feinem magern Boden Nicht für ale Raum zum Leben, Konnte alle nicht ernähren.

Und was fonft das Leben heifchet Für fo viele nicht‘ erzeugen.

Vater Kalew's Wille war es, Wie er deutlich ausgeſprochen: Sein erworbenes Beſitzthum Einem Sohne nur als Erbe Ungetheilt zu hinterlaſſen.

Ob auch Kalew's Soͤhne ſämmllich, Hochgewachſen wie der Vater, Sich durch ihre Leibesſtaäͤrke Frühe ſchon bemerklich machten; Einer doch vor allen andern War das Ebenbild des Vaters, Ueberragte alle Brüder Bie an Wuchs und Kraft und Schönheit, So an geiftiger Begabung : Kalew's letztes zarte Neftlind, Jener vaterlofe Spätling,

Welcher nad) des Vaters Zode Erft das Licht der Welt erblidte.

Bon dem jüngften Sohne Kalew’s Finden fih aud) jebt noch Spuren In dem-Lande feiner Vaͤter,

Die fein Angedenfen fichern.

Eine von den vielen Sagen,

Die von diefem Riefenhelden

In dem Ehftenvolfe leben, Nennt ihn unterfcheidend Sohni, Während diefer Name nirgend Sonft in alten Sagen vorkonmt.

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Zweiter Geſang.

Ueberall pflegt man den Helden Nur den Kalewsſohn zu nennen.

* Auf den Spuren diefes Sohnes Werden muntre Bächlein murmeln, Meereswogen leuchtend rauſchen, Wolken vor dem Sturmwind fliehen, Werden duf'ge Blumen ſprießen, Voͤglein in den Zweigen ſingen Und der goldne Kuckuk rufen. * Diefen jüngften Sohn des Haufes, Der das Ehftenyolf beberrichte, Preift das Lied der alten Sänger Und verherrlichet die Enge. Schwerlich giebt e8 wohl ein Dörfchen Dder ein entleg’ned Häuschen,

Wo fid, Ehftenfnaben finden,

Muntre Ehftenmädchen blühen,

Die nicht aus der Eltern Munde

Se gehört von alten Sagen,

Die vom Kalewsſohn erzählen.

Seh’, mein Cohn, hinab nach Pernan, Zieh’ von dort hinauf nach Jerwen, Wende dich alsdann nad Harrien Und betritt die Wieffhen Moore, Sp wie Wierlands Ecegeftude ;

Seh? dann quer durchs Land nach Plestan Hinter Taara's Cichenhaine,

Dann zurüd durch Allentacken

Bis zur fernen Gränze Finland’s : Aller Orten wirft du Eagen

Bon dem Kalewsſohne finden.

*Mit dem Than dem Haidefraute Und dem Nebelreich entiirömend ä Dringt die Kalewidenſage

Durch die engſten Dedenwege,

Setzet über eh’rne Pforten, Ueberfpringt aus Felſenkeſſeln

Auch die breiteften der Mauern

Zweiter Befang.

Und die hochſten Eifenthürme, * - Nur in Dörptfhen Landen fchweigen Alter Zeit Erinnerungen.

Einſt an einem felgen Adend In des Lebens Dämmerftunde Sußen beide Eltern traufich Auf der Ofenbank zufanımen, Und da ſprach der alte Salem

"Reife flüfternd zu dem Weibe :

„Linda, meine füge Blume, Meine goldne Wiefenzierde, Die du in den Frühlingstagen Und im Sommer unſrer Xiebe Kräfttge Söhne mir geboren, Sie gefäugt an deinen Brüften, Auf den Armen fie geſchaukelt: Noch im Herbfte unfrer Liebe Wird fi) deinem Mutterfchooße Eine junge Frucht entwinden. Sieh nun, Linda, theure Gattin, Blümchen aus dem Wierjchen Haine, Süßes eientfproffnes Birkhuhn: Haft fhon wiederum die Tage, Bo fih an die fehwerern Tritte Theure Hoffnungsträume hängen, Freud'gen Muthes angetreten, Biſt ſchon wieder jeden Morgen

Schlau bedacht die Schuh zu wechſeln,

Um den Böſen zu verwirren,

Der dir etwa tüdifch nachſchleicht;

Und nicht lang' nach dieſen Tagen Wirſt ein wunderholdes Knaͤblein Du an deinen Buſen drücken

Und in ſüßen Schlummer wiegen.

„Dieſes Söhnchen, unſer Neſtei,

Unſer letztgebornes Lämmchen,

Wird dein Liebeswerk beſchließen. Nach der ew'gen Götter weiſem,

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Zweiter Gefung.

Längft vorher beftimmtem Rathſchluß

Wird mein Auge diefes Söhnchen

Nicht mehr fehn vor meinem Hingang;

Doc wird diefer legte Sprößling,

Diefes letzte Ei im Korbe,

Diefer Spätling unfrer Liebe

Mehr, als unfre andern Kinder,

Seinem Bater Ehre maden.

Und es werden fpäte Enkel

Heilig halten das Gedächtniß

Seines Namens, feiner Thaten.

Hat er mit dem Mannesalter

Seine Herrſchaft angetreten,

Dann wird eine Zeit der Blüthe,

Eine goldne Zeit des Zriedens

In dem Ehftenlande aufgehn.

Durch des Reiches Theilung will ich

Unfer Ländchen nicht zerftüdeln

Und die Macht des Königs fchwächen:

Darum ſei's in feinen Gränzen

Unverfehrt nur Eines Sohnes

Sich'res ungetheiltes Erbtheil.“ Diefen Gegenftand befprechend‘

Fügte noch hinzu der Alte:

„Bleibet ungetheilt da8 Ganze

Eines einz’gen Sohnes Erbtheil,

So behält es feine Wehrkraft

Wie der unverfehrte Felſen,

Der zertheilt in viele Splitter

Nichts mehr ift, ale eben Splitter.

Iſt der jüngſte Sohn erwachfen,

Mögen alle Brüder loofen,

Wer von ihnen fei zur Herrſchaft

Ueber unfer Fleines Ländchen

Bor den übrigen berufen.

Wie die Götter 's mögen lenken,

Die in ihrer ew’gen Weisheit

Unfere Gefchide fügen,

Zweiter Belang. -

Wird's am beiten fein für alle.

* Und die andern Brüder mögen In der Fremde fid) verfuchen, Sich auf Zelfen niederlaffen, Stuben auf dem Winde bauen, Wohnungen am Saum der Erde, Häufer auf den Beerenfträuchern, Hütten auf den Klettenblättern, Badeftuben in den Wolfen, Schwitzgerüſte unterm Regen.

Land giebt's überall auf Erden, Jedes hat zum Dach den Himmel, Und der fräft’ge Mann bereitet

An der Noth fein Neit aus Wolfen Wie der Aar in Felfenflüften. Stride binden nicht den Starfen, Zefleln hindern feinen Gang nicht.“ *

Ber lag in der falten Kammer

In den Tod erflarıt am Boden,

Hingeftredt auf reinem Langſtroh?

Bater Kalew's Niefenkörper,

Der lag in der falten Kammer

In den Tod erflarıt am Boden,

Hingeftredt auf reinem LZungftroh. * Bald nad) jenem Zwiegefpräche,

Das die Eltern leife flüfternd

Einft gepflogen ob des Landes

Künft’ger Wohlfahrt, mußte Kalew

Sich aufs Krankenlager werfen,

Das der fieggewohnte Kämpfer

Auch nad langem fchweren Kampfe

Siegreich nicht beftehen ſollte. *Wohl ließ Linda ihre Spange

Schwebend fih am Zaden dreben

Und den Erlenfäfer fliegen:

„Dreh? dich, Spange, fliege, Käfer,

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Iweiter Sc ang.

Zummelt euch umd bringet Hilfe ! Schafft den Windarzt her zur Stelle, z Laßt den Sprucharzt eilig kommen!“ Spange wirbelt’ fieben Zage, Erlentüfer flog gehorfam Ueber Länder, über Meere, Flog durch dreier Könige Neiche Und noch weiter hin nach Norden. Und wer fam ihm da entgegen ? Nur der Mond, der eben aufging Raſch den nächſten Sternen folgend. „Grüß dich, Mond, du Quell des Wohlſeins, Defien fanfte, bleiche Strahlen Kraft, Geduld und Muth verleihen ! Sprid), wird BVäterchen gefunden, Wird er bald das Bett verlaffen % Ernfthaft Schaut’ der Mond bernieder Und ging ohne Antwort weiter. Spange wirbelt fieben Tage, Erlentäfer flog gehorfam Ueber Länder, über Meere, Ueber dreier Könige Reiche Und noch weiter bin nad) Norden ; Flog durch viele dichte Wälder

Und berührte auch den Goldberg,

Ob ihm Jemand möcht’ begegnen.

Kam ihm Niemand fonft entgegen, Als der Abendftern am Himmel.

„Grüß dich,“ ſprach der Erlenkäfer, „Grüß dich, Stern, du Weithinſchau'nder! Gieb, o Sohn des Himmels, Runde: Wird das PVäterchen gefunden,

Wird der Held das Bett verlaffen ?«

Blinzelnd hört? der Stern die Bitte, Doc verjag® er ihm die Antwort Und erlofdy am Himmelsrande.

Spange wirbelt’ fieben Tage, Erlenkaͤfer flog gehorſam

Zweiter Befang.

Ueber Länder, über Meere,

Ueber dreier Könige Reiche

Und noch weiter hin nach Norden,

Ueber weite Haideflichen,

Ueber dunfle Kiefernwälder

Und berührte anch den Goldberg,

Ob ihm Jemand möcht? begegnen. Nur die Sonne fah er aufgehn,

Sah das Licht der Welt erfcheinen. „Grüß dich, Eonne, Allgeliebte!

Gieb mit Kunde, Strahlenauge,

Laß mich willen, Himmelsleuchte :

Bird das Bäterchen gefunden,

Wird ter Held Das Bett verlaffen?« Gtäh’nden Blickes hört's die Sonne,

Hört es und ging fchweigend weiter. Linda ließ die Spange wirbeln

Und den Erlenfäfer fliegen :

„Dreh? dich, Spange, wirble, Spange,

Zliege, fliege, Erienfäfer !

Zummelt euch und bringet Hilfe!

Schafft den Windarzt her zur Stelle, °

Laßt den Sprucdarzt eilig fommen

° Und gewinnt den Manaweiſen!“ Spange wirbelt' fieben Tage,

Erienfäfer flog gehorfam

Ueber LXünder, über Meere,

Ueber dreier Könige Reiche

Und noch weiter hin nad Norden,

Ueber weite Haidefldchen,

Ueber dunkle Kiefernwälder

Und berührte auch den Goldberg. Und wer fam ihm da entgegen ? Kam der Windarzt ihm entgegen

Und aus Finland auch der Sprucharzt

Und der Manameife felber. „Seid willkommen, weiſe Meifter!

Gebet Antwort meiner Frage,

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Zweiter Gefang

Laßt mich nicht vergebens bitten : Sprecht, wird Bäterchen gefunden, Wird der Held das Bett verlaffen? Schon hab’ ih den Mond gebeten, Schon die Sonne angerufen, Auch den Abenditern befragt ſchon, — Niemand gab mir eine Antwort.“ Drauf erwiderten die Weifen, Sprachen wie aus Einem Munde: „Was der glüh’nde Haud) der Dürre Auf dem Felde ſchon verfengte, . Was das Mondlicht weiß gebleicht fchon Und verwelkt gefehn die Sterne, — Das erhebt fi nicht mehr wieder, . Kann nicht mehr als Pflänzchen grünen.“ * Eh die Spange ausgewirbelt Und der Käfer noch vom Ausflug

Mit der Antwort beimgefehret,

Bar für immer Bater Kalew In den Zodesfchlaf gefunfen.

Seine Linda war nun Wittwe, Fühlte für den theuren Gatten ' Schmerz nur noch und bittres Wehe Und beneßte unter Schluchzen Seine kalte Schlummerftätte Mit den Thränen, die fie weinte.

"Ihrer Zrauer hingegeben

Saß fie fchlaflos fieben Nächte,

Sieben Tage ohne Speife, .

Sah nur durch den Thränenfchleier

Siebenmal die Sonne aufgehn,

Und es fenkte ſich fein Schlummer

Auf Die rothgeweinten Augen,

Deren offne Thränenquelle

Tief im Herzen nicht verfiegte. * Linda, die verlaffne Wittwe,

Wuſch den flarren Leib des Todten

Mit den eignen Schmerzensthränen,

Zweiter Belang.

Mit der Salzfluth aus dem Meere, Mit den Strömen aus den Wolken, Mit dem Wafler aus der Quelle. _ * Strich fein Haar mit zarten Fingern, Glättet' es mit Silberbürften, KHämmt es mit dem goldnen Kamme, Deſſen einft die Waſſernixe

Sid bedient ihr Haar zu glätten. Zog ihm an ein Seidenhemde

Und ein Todtenkfleid von Sammet Ueber den betresten Leibrod

Bon dem Silbergurt umfchlungen. Nebelflor bededt? fein Lager,

‚Mebelflor fein bleiches Antlig. *

Linda, die verlaffne Wittwe, Grub dem Todten felbft die Gruft nun Und bereitete das Bett ihm Dreißig Ellen unterm Rafen. als fie fo auf kühlem Lager An der ftillen Schlummerftätte Ihren Gatten wohl gebettet, Schüttete fie Grant und Kiefel In die Gruft, bis fie gefüllt war, Bis zur grünen Rafendede.

*Und der Rafen auf dem Grabe Grünte bald von ſammtnen Gräfern ; Nur des Todten Hals trieb Thaugras, Seine Wangen rotbe Blumen,

Seine Augen blaue Glödchen, Engelblumen feine Xider. *-

Zinda, die verlafftne Wittwe,

Zrauerte um ihren Gatten,

Beinte um den Hingefchiedien

* Einen Monat und den zweiten, “ Einen Theil vom dritten Monat, Auch vom vierten manchen Tag noch, Sühnte ihren Schmerz mit Thränen,

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Zweiter Geſang.

Ihren Kummer mit den Perlen,

Die aus ihren Augen tropften. * Täglich trug die arme Wittwe

Steine auf das Grab zufammen,

Um ein Denfmal aufzurichten,

Das den Söhnen und. den Töchtern

Aller fommenden Gefchlechter

Noch den Ort bezeichnen follte,

Bo der Held begraben worden,

Wo der alte Kalew ruhte.

Wer in Reval je geweſen Und die Stadt ſich recht beſehen, Sah gewiß auch Kalew's Grabmal, Das ein jüng'res Menſchenalter

RKunſtvoll mit Paläften ſchmückte

Und mit einem ſtolzen Dome.

Unſre Zeitgenoſſen nennen

Diefen Ort jetzt Reva's Domberg.

Dort ruht noch der alte Kalew,

Schlaͤft dort feinen ew'gen Schlummer. Linda, die betruͤbte Wittwe,

Die, des Mannes Grab zu ſchmücken,

Steine emfig ſelbſt herantrug,

Hatte einſtmals in der Ferne

Einen gar gewaltigen Felsblock

Für das Grab ſich aufgeladen.

Diefer drüdte ſchwer die Schulter,

Daß fie feuchend ſich bewegte

Und die Kräfte ſchon verfagten,

Als fie kaum den Weg begonuen

Und zum fernen Grabeshügel

Noch fehr weit zu gehen hatte.

Und da flieg mit müdem Zuße

Wankend fie an einen Baumftumpf,

Daß das Gleichgewicht verlierend

Ihr der Stein aus feinen Banden,

Die bisher ihn feftgehalten,

Krachend vor die Füße hinflel.

Zweiter Geſang.

—

Bon dem langen Schmerz entfräftet, Der die Trauernde verzehrte,

Die dem Kindbett nicht mehr fern war, Konnte fie den Stein nicht heben,

Um ihn weiter fortzutragen.

* Und fie feßte auf den Stein ſich,

Um ein wenig audzuruhen.

Und da füllten ſich die Augen Wiederum mit bittern Thränen.

„Bin ich,“ fprad) die Arme fchluchzend,

„Richt am Strauch ein fpätes Beerlein,

Nicht ein Stübchen ohne Grundftein, Eine Hütte ohne Schirmdadı, Nicht ein Ader ohne Feldzaun, Allen Stürmen, allen Fluthen Btoßgeftellt und preisgegeben! Niemand auf der weiten Erde Steht mir bei in meinem Elend ! Wie der Herbſt die folge Erle Und den duft’gen Faulbaum plündert, Wie der Sturm die Apfelblüthen Und die Birfenfigchen wegführt, Wie er bier die ſchlanke Espe, Dort die breitgezweigte Eiche Und die Ulmen und die Eſchen Bis auf ihre nadten Zweige Sraufam ihres Schmuds berauhet — Alfo hat auch ohn' Erbarnen Alles mir der Tod entriffen, Was mich ftolz und felig machte, Und den Schmerz mir nur gelaffen !« * Linda, die verlaff’ne Wittwe, Beinte bittre Wittwenthränen, Thränen nie gefannten Schmerzes, AS fie einſam auf dem Felsblod Ihre Lage überdachte.

Und der Thränenftrom der Augen Kann zu ihren Züßen nieder

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Zweiter Befang.

Und erzeugte eine Lache, Floß zu einem See zufammen. — Diefen See aus Linda's Thränen, Die fie auf dem Felsblock weinte, Könnt noch heutzutag ihr fehen, Wenn den Dberfee ihr anfchaut, Deflen Wellen auf dem Laaksberg Rauſchend an die Ufer fehlagen. Auch der Zelsblod fteht anı fer, Wo fie fchluchzend faß, die Arme, Als fie ihre Thränen weinte. Alfo war in grauer Vorzeit Aus den Thränenftrömen Linda’s, Aus der Wittwe Schmerzenszähren Einft der Oberfee entftanden. = * Wenn der Zufall dich, mein Bruder, Auf den Weg bringt, der am See hin Nah der Stadt fid) heiter fchlängelt, Und du haft erreicht das Ufer: Laß daſelbſt dein Pferdchen grafen Und fi laben an dem Waſſer, Während du am Zeldblod rafteft Denfend an die graue Vorzeit,

An des alten Kaley 3 Fahrten ! ‚

Sieh dir an das ew’ge Denkmal, Welches die verlaffne Wittwe Ihrem Kummer ausgegoflen, Daß fih drin die ew'ge Sonne In den ew’gen Zluthen fpiegle !

* Schon erfüllten fi) die Tage, Neigten bald ſich fchon zum Abend ;

Linda fühlte ſchon die Stunde

Angftvoll immer näher kommen, Schonungsloſer ſich beeilen, Groͤßere Gefahren drohen; Und ſie ließ die Badſtub' heizen,

Zweiter Gefang. 49

Einen Platz fürs Lager räumen, Sid das Wochenbett bereiten, Eine Ruhebank beforgen Und den Nothſtuhl fertig machen. Weiber nus dem Dorfe heizen, Mägde tragen Waflereimer, 490 Andre find beim Bett befchäftigt, Andre beffern an dem Notbftuhl. Arme- Kreißende, du gehft wohl Zaufendmal durch alle Zimmer, Hundertmal den Weg zur Badftub?, Wanderft zehnmal wohl zum Brunnen, Um die Zunge Dir zu neben ! Auf dem Gange haft vor Schmerzen Du den Gürtel losgebunden, Deine Haube abgeriffen, 600 Schickeſt Seufzer auf zu Ukko, Und befhwörft den Röugutaja : „Komm, o fomm, du Gott der Winde, Eine Kranke fomm’ zu baden, Einer Leidenden zu helfen, Eine Jammernde zu tröften !« Ale Winkel deines Zimmers Nebteft du mit deinen Thränen, Ale Wände deiner Kammer | Griffft du ab in deinen Schmerzen ; 610

. Sahft mit Neid die Ofenfimfe

Und die Bänfe an mit Scheelfucht, Knieteft Gruben in den Aeſtrich, Riefft verzweifelnd auf zu Uffo Und beſchwurſt den Röugutaja : „Gott der Binde, fomm’, o komme, Eine Kranke komm' zu baden, Einer Leidenden zu helfen, Eine Jammernde zu tröften ! Komme, komme zu der Armen, 620 Sie vom Knäblein zu befreien 1« Alles meinte in dem Haufe,

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Zweiter Befang.

Alt und Yung in allen Winkeln Und die Weiber aus dem Dorfe. Nur der bingefchiedne Gatte Hörte nicht der Gattin Jammern. Und die Kreißende, die Arme, Rannte rafend durch die Wälder, Ihrer Schmerzen 108 zu werden. Faulbaum wuchs im erften' Walde,, Ahorn wuchs im zweiten Walde, Kreuzdorn wuchs im dritten Walde, Ebereſche in dem vierten

‚Und der Kirſchbanm in dem fünften.

Faulbaum nimmt den Sram vom Herzen, Heft’ge Schmerzen lindert Ahorn, Stiche bleiben an dem Kreuzdorn, Kopfſchmerz an der Eberefche, Schwindel an dem Kirſchbaum haften. Doch die Leiden famen wieder, Um das arme Weib zu foltern, Kehrten heftiger nur wieder, Mohr fie jammern auf dem Stuble Oder feufzen vor dem Dfen Dder auf dem Bette wimmern. Und fie feufzte ſchwer zu Uffo, Flehte zu dem Röugutaja : „Gott der Winde, tritt in's Zimmer, Eine Kranke komm' zu baden, Einer LZeidenden zu helfen, Eine Jammernde zu tröflen! Komme, fomme zu der Armen, Sie vom Knäblein zu befreien !« Alles in dem Haufe weinte, Alt und Yung in allen Winkeln, Weiber aus dem Dorfe fchluchzten. Nur der hingefchiedne Gatte Hörte nicht der Gattin Jammern. Arme Kreißende, wer hilft dir, Hilft Dir tragen deine Schmerzen !

Zweiter Geſang.

Ah ſchon wanfft du, Schwergeprüfte, Müde deiner Gruft entgegen,

Der du nicht mehr zu entrinnen, Richt mehr auszuweichen hoffeſt!

Doc kann Uffo dir noch helfen, Röugutaja dich noch retten!

Diefe himmlifchen Gewalten Hören auf des Kranken Bitten!

Und fhon war fie da, die Stunde, Traf die Hreißende am Ofen, 670 Solgt’ ihr bald auc auf das Lager. Dorthin ſchwankte fie, die Arme,

Halb befinnungslos in Thränen

Und ſank zitternd dann zufammen.

Seufzer fandte fie zu Ufo |

Und befhwor den Röugutaja:

„Bott der Winde, komm' hernieder,

Eine Kranfe komm’ zu baden,

Einer Leidenden zu helfen,

Eine Jammernde zu tröften! 680 Komme, komme zu der Armen,

Ihr im Kindbett beizuftchen !«

Ukko Hört’ es in der Kammer, Röugutaja in der Niege,

Beide hörten ihren Wehruf Und vernahmen ihre Bitten.

Da trat Ukko in das Zimmer, Nöugutaja in die Kammer, Zraten Beide an den Ofen, Beide an das Kranfenbette. 580 Einer trug ein Bündel Langftroh, Kiffen unterm Arm der Andre. Daraus machten fie ein Lager Für die fchwererfrantte Wittwe, Legten fanft fie auf die Kiffen Und bededten fie mit Linnen Und mit weichen wolnen Deden.

Und es regten bald im Bette

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Zweiter Befang.

Sich zwei Köpfe auf dem Kiffen Und vier Arme und vier Schenkel Schmiegten warm fid) an einander. Uffo öffnete die Thür dann Und es riefen Beide fröhlich: „Werft in's Schloß des Grabes Thore Und vermacht des Sarges Dedel ! Unfre Stranfe in dem Bette Liegt auf zarten weißen Linnen Mit zwei Köpfen auf dem Kiffen, Und vier Arme und vier Schenkel Schmiegen unter warmer Dede Sanft und warm fid) an einander.“ Danf dem Bäterchen im Himmel, Danf den gnadenreichen Göttern, Dank den Helfern in den Nöthen ! Eine Stunde waren Beide, Utko und der Röugutaja, Nur am Kranfenbett gewefen. Biſt gerettet, liebe Kranke! Darum bebe deine Hände, Hebe dankend fie gen Himmel, Daß den Kampf du überftanden ! *

Als ein Troſt in ihrer Trauer, Trocknend ihre Schmerzensthränen Uud verfiheuchend ihren Kummer, Wuchs heran das theure Söhnchen. Kräftig fog der kräft'ge Knabe An den mütterlichen Brüften,

Trank am Quell der Mutterliebe Kräftgen Balfam, der den Säugling Förderte in Kraft und Wahsthum.

*Merket auf, ihre jungen Männer, Gebet Acht, ihr frifchen Buben, Praͤgt's euch ein, ihr klugen Frauen, Mer in jener Wiege jchlummert,

Zweiter Befang. 53

Wer, wenn ihn die Windeln drüden, Schreiend feinen Aerger kundthut! Linda’ Trauerknabe ift es, Der den Bater nie gefehen, Den die Winde gehen lehren, 2 Regenfchauer wachfen machen, 640 Kalter Morgenthau erquidet, Nebelwolken unterftüßen. Einft ſaß Linda an der Wiege Und verfuchte emfig ſchaukelnd Und ein Liedchen dazu fummend

Ihren Buben einzufchläfern.

Doch vergebens, denn der Knabe

Sperrte fih, gewalfig freifchend.

Und fo fuhr er fort zu fhreien

Tag und Nacht durch viele Wochen, 650 Daß das Licht in Linda’s Kammer

Nicht erloſch an feiner Wiege. Aengſtlich forfchte in dem Dorfe

Linda nach dem Thränenftiller,

Der mit fräft’gen Zaubermitteln

Ihren aufgeregten Säugling Zu beſchwichtigen vermöchte.

Erft nach mondelangem Schreien

Ward der Stnabe endlich ftille,

Sprengte feine engen Windeln, 080 Riß das Windelband in Fepen

Und zertrümmerte Die Wiege,

Um den Neftrich zu erreichen,

Bo er rafch auf allen vieren

Zortzufriechen ſich bemühte.

Und nachdem er cin’ge Monden

Auf dem Aeftrich ſich getummelt,

Konnt' er aufrecht flehn und gehen.

Kräftig fog der kraͤft'ge Knabe

An den Brüften feiner Mutter, 670 Ward ihr Stolz und ihre Freude,

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Zweiter @efang:

Ward ihr Troft in Kummertagen Und ihr Beiftand in Gefahren. * Bis zum dritten Lebensjahre Säugte Linda felbft den Knaben, Eh’ fie ihn der Bruft entwöhnte, Und das Snäblein ward zum Buben, Der fehr bald in allen Stüden Seinem Namen Ehre machte Und des alten Kalew's Ausfprud Slänzend einft erfüllen follte. Täglih übt er feine Kräfte, Täglich ward er größer, flärker. Bater Kalew's edler Sprößling Ward ein flinfer Hüterfnabe, Dann ein tücht’ger Pflügerbube,

Schoß wie eine junge Eiche

Schlanf und fräftig in die Höhe

Und verhieß des Vaters Ausſpruch

Glänzend einſtmals zu erfüllen.

Täglich bt? er feine Kräfte,

Zäglidy ward er größer, ftärfer.

* Auf dem Hofplag fpielt? er Kurni,

Radfpiel auf dem weiten Anger.

Wenn cr feine Kurniflöße

Aufgeftelt am untern Rande

Und vom obern Rand fein Knittel

Saufend durch den weiten Hofraum

Traf die aufgeftellten Kloͤtze,

Hei wie flogen längs dem Anger .

Bis zur fernen -Kälberfoppel

Dann die aufgeftörten Klötze

Weit und breit bin aus einander !

In den Wäldern, an den Hügeln

Und zerſtreut auf weiter Zlähe —

Ja im Meere fand man mandje. * Seine Kurnmikloͤtze find noch

Heutzutage anzutreffen

Auf dem Spielplag feiner Jugend,

Zwelter Befang.

Die man Yungferniteine nennet, 110 Kloͤtze, die der Riefenfnabe Selbſt fih aus Granit gehauen. Kalew's jüngfter Riefenfprößling Warf aus ſelbſtgemachter Schleuder Steine in die fernfte Weite. Gern verweill’ er auch am Strande, Wo er flache Steinchen fuchte, Die er längs den Waſſerſpiegel Weithin fortzufchleudern liebte. Seine Steinchen waren freilicd) 720 Große dide Fliefentafeln ; Aber feiner Hand entflogen Hüpften fie wohl eine Werft weit Luftig längs dem Meeresſpiegel. Auf dem Kopfe ftehend fehaute Er dann felber nach dem Steine, Bis er unterfanf im Meere. Dftmals fah man auch den Knaben Auf dem Hofplag feiner. Mutter Sich aus hohen ſchlanken Birken, 70 Die er aus der Erde rupfte, Als wenn’s dünne Halme wären, Kleine nette Cchlittchen machen Dder Kapenkörbihen flechten. Es verfloffen unter Spielen Rafch die Jahre feiner Kindheit Und der junge Kalewide Steuerte mit vollen Segeln, Die die Mutterliebe blühte, In das Meer der reifern Jahre. 740 Bater Kalew’s jüngfter Sprößling Map bald volle Manneslänge, Schritt vorbei den ältern Brüdern Und erreichte bald den Bater. Alfo wuchs im ftillen Hofe Seines väterlihen Hauſes Kalew's jüngftgeborner Spröfling

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Zweiter Befang.

In der Mutter Wittwenjahren Still heran zum roſ'gen Blünyhen Und zugleich zum ftarfen Eihbaum Und zum Feld in Ungewittern, MWeit die Brüder überragend,

Und verhieß des Vaters Ausfprud Glänzend einftmals zu erfüllen.

Laßt und jet den Strom des Liedes Nur auf furze Augenblide An vergangne Zeiten lenken,

Wo den Lebenstag des Helden, Deſſen Thaten wir befingen, Morgennebel noch umhüllten.

* In dem Hof der Wittme Kalew's Früh noch vor dem Morgengrauen Wogt's von dichten Menfchenmaffen, Die zum Abzug fich bereiten.

Abgewiefne Freier find es,

Die wohl zehnmal vor der Dämn’rung, Funfzigmal vor Zagesanbruch, Hundertmal im Lauf des Morgens Sich ſchon leife abgewedhfelt,

Freier, die nach Kalew's Tode

Seine Bittwe frech umfchwärmten, Ihre Liebe zu gewinnen.

Denn faum war er abgefchieden, Kaum fein treues Herz erfaltet,

Seines Xebens Licht erlofchen, Drängten ſich zur reichen Wittwe Freier fchon in hellen Haufen,

Die mit Flaſchen und mit Krügen Theils für ſich und theils für Andre Um die Hand der Wittwe warben. Alle diefe Leute lodte

Nur der reichen Wittme Habe,

Hier die Angel auszuwerfen

Und ihr Gluͤck einmal zu proben.

Zwelter Geſang.

Doch die Wittwe ſprach entſchieden:

„Nie wird Linda fich vermählen,

Nie das Hühnchen, nie das Birfhuhn Einen zweiten Gatten wählen, Schwälbchen fi) fein Neft mehr bauen, Schwanenweibrhen feinen Schwan mehr, Täubchen feinen Tauber fuchen.

as ich liebte, nahm der Tod mir, Und mein Schap liegt tief im Grabe, Schlummert unterm Rafenhügel.“

Darum fchleichen dort vom Hofe Still fid) fort die jungen Männer ; Denn verftummt find ihre Bitten, Ihre Hoffnungen zertriimmert.

Keine Hochzeit winft den Buben Und fein frober Tanz den Mädchen. *

ALS der dichte Schwarm der Freier

Endlich ſich verlaufen hatte, Linda Ruh? zu finden hoffte, Ham aus weit entleg’nen Landen Unerwartet noch ein Freier, Finland's windefund’ger Zaubrer, Der ſich Kalew's Vetter nannte Und mit reihen Gaftgefchenfen Seine Werbung unterftüßte.

Ohne fi nur zu bedenken, Wies die fchwergeprüfte Wittwe, Die als Wittwe fterben wollte, Ernft zunid des Vetters Antrag.

Das verdroß den Zaubrer alfo, Daß er Flüche murmelnd drohte: „Weib, die Schmad) vergeff ich nimmer, Die dein Hochmuth heut’ mir zufügt. Glaube mir, die Zeit wird fommen,

Wo ich dir's vergelten werde !«

Auf des Windefund’gen Drohung Sagte lächelnd Wittwe Linda:

„Deine Rache, Windekund'ger,

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Zeiler Befang. _

Hab’ ich wahrlich nicht zu fürchten, Denn es wachen mir im Haufe Noch drei Söhne, junge Adler, Wohl verfeh’n mit fcharfen Krallen ! Diefe werden ſchon die Wittwe, Werden fchon die Mutter fügen !

Jahre waren hingegangen Unaufhaltfam fehnellen Zluges Und die Gluth der Freier wurde Immer Fühler mit den Jahren, Bis fie ganz erloſch am Ende, Roß und Reiter Ruhe fanden.

Doc wer einft, fein Glüd zu proben, Sih um Linda’8 Hand beworben, Der verfäumte nicht, den Freunden Etwa alfo vorzufingen :

* „Lieben Freunde, lieben Brüder, Freiet nicht nad) einer Wittwe,

Nehmt fein Weib aus Kalew's Haufe ! Schwere Spangen, Münzen, Berlen, Alles von dem reinften Silber, Klappern ihr am welfen Bufen;

Doch find eifern ihre Zaͤhne,

Ihre Worte Feuerzungen.

Nehmt fein Weib aus Kalew's Haufe ! Mit der reihen Gattin bringt ihr Einen Feuerbrand in's Haus euch !

Baut zur Werbung lieber Schiffe, Baut euch lieber Brautfahrtöboote, _ Reich umfpannt von feidnen Segeln, Seidnen Segeln, goldnen Tauen.

Geht mit folhem Schiffe werben, Laßt's von tücht'gen Männern lenken !

Steuert, Männer, rudert, Buben, - Segelt nach dem Strande Kinlands, Lenkt das ftolze Schiff nad) Norden !

Dort ftehn an dem Zelfenufer Aufgeftellt in Reih'n die Mädchen;

Zweiter Belang.

In der erſten Perlenmädchen, In der zweiten Thalermädchen, Links die reihen Ringelmädchen, Rechts die goldnen Bändermädchen, Hie und da verftedt die Waifen, Die nur Glasforallen ſchmücken.

Geht vorbei den PBerlenmädchen, Achtet nicht der Thalermädchen Und verfhmäht die Ringelmädchen; Auch die goldnen Bändermädchen 870 Laſſet unbeachtet ſtehen, Und erwählt die arme Waiſe, Die nur Glaskorallen fhmüden : Dann befommt ihr eine Hausfrau, Die euch Ehre bringt und Freude !

Freiet nicht nach einer Wittwe, Nehmt kein Weib aus Kalew's Haufe ! Bittwen werden fchlechte Frauen. Ausgefogen find die Brüfte: Eines leeren Brunnens Dedel - 880 Iſt des Hemdes ſchwere Spange. Sie verlangt nad) ihrem Todten, Ihr nad einem jungen Weibchen. Freiet nicht nach einer Wittwe!“*

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Dritter Grfang.

En an einem heißen Tage

Saß am hohen Meeresufer

Bater Kalew's jüngfter Sprößling

Und verfolgte mit den Augen

Sehnfuchtsvoll das Spiel der Wellen

Bor dem leifen Haud des Windes.

Ploͤtzlich hüllte fi der Himmel

Ein in ſchwarze Wetterwolfen

Und ein Sturm brach 108, der heulend

Sich in's Spiel der Wellen mifchte,

Daß fie ſcheu ſich überftürzten.

* Raſſelnd fuhr der Gott des Donners

Mit den erzbefchlagnen Rädern

Ueber hohe Eifenbrüden,

Daß die Zunfen graufig fprühten,

Und entfandte, mit den Sturme

Unaufhaltfam fürder eilend,

Big auf Bliß aus feiner Rechten. * Böfe Geifter hörten zitternd

Ihres NRichterd Donnerftimme

Und entwichen feinen Bligen

In die aufgethürmten Wogen ;

Aber fliehend noch verhöhnten

Sie den Gott mit feden Worten,

Als fie von dem hohen Ufer

Kopflings in die Tiefe ftürzten

Und im Schaume fich verbargen. Ueber ihre feige Keckheit

Tief ergrimmt warf Kalew's Sohn ſich

Ihnen nad mit Blipesfchnelle

In das Meer, das fie geborgen.

Und nachdem er fie wie Krebſe

Aus den Höhlen eingefangen,

Dritter Gefang.

Bracht' er einen ganzen Sad voll

Mit fih an die Oberfläche

Und dem Ufer näher fchwimmend

Warf er aus dem Sad die Wichte Mächtigen Schwunges auf den Feldrand, Bo des Donnergotted Race Sie zerdrofch zu eller Speile,

Die die Wölfe felbft verfchmähten.

Einftmald waren Kalew’s Söhne Alle drei hinausgegangen,

Um im Wald umberzufchlendern. Nur die Mutter blieb zu Haufe Als die Wiächterin der Truhen Und der vollen Vorrathskammern Und der ftraffen Thalerfäde.

Als die Mittagszeit heranfam, Hob den Kefjel fie aufs Feuer, Schürte fleißig felbft die Bränder Und bewachte, wie's der Hausfrau, Diefer Königin des Herdes,

Wohl geziemt, die Flamme forgfam, Daß fie nicht dem rothen Hahne Einen Beg zum Dache weile.

* interdeflen ftreiften rüſtig Ihre Söhne durch die Wilder Achtend auf des Wildes Spuren. Eifrig ſuchten fie den Bären Und die Spur des Elenthieres, Sahn fi aud nad Auerochjen Und nah Wölfen um im Walde.

Kürzlich war der Bär im Hafer Und beim Bienenftod gewefen,

Und man hatte au) das Elen Nah?” beim Noggenfeld geſehen. Bolf und Fuchs und Hafe hatten Sich gezeigt an vielen Orten.

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Dritter Geſang.

Mit fih führten unfre Jäger Drei der ftärkiten Bärenhunde: Irmi, Armi und den Würger.

In des Waldes Dickicht fanden Sie mit Hilfe ihrer Hunde Nach der Spur des Bären Lager. Irmi zerrt' ihn, Armi zauft ihn, Würger brach ihn vollends nieder, Und den todten Bären band nun Sich der Züngfte auf die Schulter, Daß er mit den Hinterbeinen Längs dem Rüden ihm herabhing. Unzerlegt wollt’ er die Beute - Ganz allein nad) Haufe tragen.

Als fie auf die Fläche famen, Wo Das Roggenfeld zu fehn war, Trabt' mit breiten Schaufelhörnern Auf fie zu ein ftolzes Elen.

Kaum gewahrten es die Hunde, AS fie ihm am Naden hingen. Irmi zerrt’ es, Armi zaufl es, Würger brach es vollends nieder, Und das todte Elen band nun Sich der Jüngſte auf die Schulter, Daß es neben feinem Bären Längs den Nüden ihm herabhing. Unzerlegt wollt?’ er die Beute

Ganz allein nad Haufe tragen.

Sn dem nächften Föhrenwalde

Fanden fie den Auerochfen,

Deflen Spuren ihre Hunde

Auf der Haide ausgewittert.

Irmi zerrt’ ihn, Armi zauft ihn, Würger brach ihn vollends nieder, Und den todten Ochfen band nun Sich der Züngfte auf die Schulter, Daß das Thier in ganzer Xänge Auf dem Rüden ihm berabhing.

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Dritter Belang.

Unzerlegt wollP er die Beute Ganz allein nach Haufe tragen. Kalew’s ftarfe Söhne fchweiften Aus dem Walde auf die Flaͤche Und erreichten ein Geftrüppe, Wo fie ganze Rudel Wölfe, Diefer Wüſtenhunde, trafen. Ihre Meute flürzte wüthend In die Heerde diefer Räuber. Irmi zerrt' fie, Armi zauſt' fie, Würger brach fie vollend's nieder, Toͤdtete fie dutzendweiſe. Und der jüngfte Bruder eitte, Alle Wölfe abzuhäuten, Deren er fünf Dubend zählte, Und als er fein Werk vollendet, Band er, eh’ fie weiter gingen, Ale Baͤlge an den Köpfen Rafch in einen Bund zufammen. Diefen ſchnürt' er auf den Bären Und begleitete die Brüder.

Auf dem Wege, der durd) Hochwald

Und durch niedre Büſche führte, Sahn fie eine Heerde Füchſe Scheu ſich auf die Seite ſchleichen. Dieſe ſollten nicht entkommen. Irmi, Armi und der Würger Stürzten heulend auf die Füchſe Und nach kurzer blut'ger Ardeit War nicht Einer mehr am Leben. Auch die Füchſe abzuhäuten

War bereit der jüngſte Bruder. Und als mit dem fünften Dutzend Raſch Die Arbeit er beendet

Und die Brüder Eile hatten, Band im Gehn er feine Bälge In ein Ränzdyen nett zufammen, Womit er fein Elen ſchmückte.

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Drikter Btfang.

Kalew's ftarfe Söhne gingen Immer weiter durch die Wälder, Bis fie auf die Fläche kamen, Bo fie auf dem Roggengrafe

10 Eine Menge Hafen funden. Da ging's wieder an ein Megeln Unter diefen Espenwäldlern. Irmi zaufte, Armi zerrte, Würger würgte unermüdlich, Daß wohl Dupende von Hafen, Hunderte das Feld bededten. Auch die Hafen abzuhäuten War der jüngfte Bruder willig, Und als bis zum fünften Dutzend 100 _ Mit der Arbeit er gefonmen Und die Brüder Eile hatten, Band im Gehen er die Zelle In ein’ Eättelchen zufammen, Womit er den Ochſen fchmücdte.

Alle drei beeilten fih nun

Bald nad) Haufe zu gelangen. *

—— -

*O du ſchlauer, liſt'ger Freier,

Du verſchmitzter Wittwenjäger! Was hat Dich hieher gezogen?

170 Was bewog dich, über Felſen, Ueber die bewegte Meerfluth, Ueber unwegſame Berge Und durch dicht verwachſ'ne Thaͤler Dich in's Haus hineinzuſchleichen, Wo der Thalerſchatz verſteckt war? Biſt wohl ein recht ſchlauer Freier, Ein recht liſt'ger Wittwenjäger! O ich weiß wohl, was dich lockte, Daß du überſtiegſt die Felſen,

1800 Ueber's breite Meer dich wagteſt! Darum ward der Weg fo leicht dir,

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Dritter Belang.

Drangft du durch verwachſ'ne — Ueberkletterteſt die Berge Hieher in das Haus des Kalew, Wo die Pfennige aufgeſchüttet, Eingeſackt die Thaler liegen: Weil des Hauſes Silberfnäufe, Die die Dächer und die Pforten, Wohnhaus, Kleeten, Vorrathskammern, Hof und Kälberkoppel zierten, Glänzend dir in's Ange flachen. Darum fand den Weg der Zreier, Wußte ſich der Fuchs zu fchleichen In das Neſt, aus dem die jungen Adler mit den fcharfen Krallen Ausgeflogen und die Mutter Unbefchügt zurückgelaſſen.* Finlands windefund’ger Zaubrer ! , Wohl haft mit geheimen Plänen Und mit fhändlihen Entwürfen Du den Kopf dir lang’ zerbrochen, Wie die Wittwe zu berüden ! Wohl haft du nicht weit vom Ufer ,. Hinter einem Zelfenvorfprung Jeden Schritt in Ralew’s Haufe Ausgefpäht und ftill belauert! Wohl haft, ſchlauer, liſt'ger Freier Und verfchmigter Wittwenjäger, Du den Zeitpunkt abgemartet, Der am günftigften dir dünkte, Kalew's Wittwe wie ein Räuber Anzufallen und das ſchwache . Weib gewaltfan zu beftriden ! Auf der Lauer lag dein Fahrzeug Wohl verftedt nicht weit vom Ufer, Und du felber fpähteft gierig Aus dem Fahrzeug nad) der Bente. . Zinlands windekund'ger Zaubrer Freute fi auf feiner Lauer,

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Dritter Gefang.

Daß die Söhne aus dem Haufe Nah dem fernen Walde gingen, Denn er wußte num ganz ficher, Daß jetzt unbewacht die Wittwe, Ohne Schutz und ohne Beiftand - Ganz allein zu Hau gebfieben Und auf bald’ge Hilfe nimmer Bon den Söhnen rechnen fonnte. Dieje hatten weit vom Hanfe In den Wäldern ſich zerftreuet, So daß fie der Mutter Schreien, Ihren Hilferuf in Nöthen Und ihr Flehn in Räuber Krallen Wohl nicht hätten hören fönnen. Sept ift, fügte fih der Zunbrer, Jetzt ift mein die ganze Habe! * Ohne Stüße war das Stübchen, Ohne Dad) das leere Häuschen, Jedem Winde preisgegeben, Ohne Schu vor Schnee und Regen. Ausgeflogen aus dem Nele . Sind die Krallen und die Schnäbel, So daß leichtes Spiel die Diebe, Freie Hand die Räuber haben. * Finlands windefund’ger Zaubrer Stieß fein Boot jekt ab vom Kelfen, In das offne Meer das Fahrzeug, Band die Ruder an die Dullen, Um das Fahrzeug zu regieren Und e8 ficher fortzutreiben, Und beſpannt' e8 mit dem Segel, Daß e8 rafcher fich bewege. Und das Schifflein luſtig tangend Auf den fraufen Meereswellen Kam dem Ufer immer näher, Wo die Kalewiden hauften. Finlands windefund’ger Zaubrer Landete nun ganz geräufchlos

Dritter Geſang.

Unter Kalew's Kälberfoppel

Und verbarg fein Boot am Strande,

Ro fih Kalew's Grab befindet,

Sprang dann aus dem Boot behende

Und betrat das Felfenfifer.

Auf geheimen Diebeswegen

Und auf Räuberfpuren fchlidh er,

Bald im hohen Graſe Friechend,

Bald fich bergend Hinter Steinen —

Bie die Kage auf der Lauer —

Seinem Ziele immer näher. Ungefehen fchlih der Zaubrer

An des Hofes niedre Pforte,

Meberfietterte fie Seife

Und gelangte auf den Hofplag.

Diefen überfchritt er eilig -

Und betrat des Haufes Schwelle,

Wo er fih noch einmal umfah,

Eh’ er in das Zimmer flürmte. Kalew's Wittwe fand. am Feuer

Emfig ihre Suppe kochend,

Als der Gaft fie überrafchte,

Der einft Rache ihr gefhworen

Und vor dem fie in der Angſt fich

Jetzt nicht mehr zu retten wußte.

Ohne nur ein Wort zu reden,

Krallte ſich mit ſcharfen Klauen

Frech der Gaſt an ihren Guͤrtel,

Um das Weib als gute Beute In ſein Fahrzeug abzufuͤhren.

Ob nun zwar die keuſche Wittwe Kräft'gen Widerſtand verſuchte Und am Räuber bald die Fäufte, Bald die fcharfen Nägel prüfte - Und die wohlerhaftnen Zähne, . Fuͤhlte fie doch bald die Kräfte In dem ungewohnten Rampfe Mit dem frechen Unhold fchwinden, _

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Dritter Geſang.

Der mit feinen Zauberſprüchen

Shren Biderftand befämpfte,

Ihre Leibeskraͤfte lähmte

Und ſie gänzlich wehrlos machte. Finlands windekund'ger Zaubrer

War ein mächtiger Beſchwoͤrer

Und der Zuuberformeln fundig,

Wußte hundert Murmelfprüche,

Andre hundert kräft'ge Wörter,

Noch dazu ein Drittes hundert,

Die die eigne Kraft erhielten,

Sie im nöth’gen Zall vermehrten

Und ihm ſtets den Sieg. verichafften.

Andre taufend Wörter wuß® er,

Die des Gegners Kräfte ſchwaͤchten,

Seine Macht gefangen nahmen,

Seine Stärke heimlich brachen,

- Und mit diefen Mitteln konnt’ er

Stets den Gegner überwinden. Linda’, diefer armen Wittwe, Helles Angftgefchrei und Weinen Und ihr lautes Hilferufen Brachen fi, ein Spiel der Binde, An des Meeres Wogenbergen, Drangen machtlos in's Geſtrüppe, Zönten aus den Hainen wieder Und erlofchen an den Felſen;

Aber in das Ohr der Söhne ; Schlug auch nicht ein Ton der Klage. Linda flehte fo beweglich,

Bat den Zaubrer um Erbarmen, Rief die Thiere felbft des Waldes, Alte Menfchen, die fie Fannte, Freund und Zeind rief fie zu Hilfe, Nief zu Hülfe alle Geifter

Und den Schatten ihres Mannes, Bat um Schuß die guten Götter,

Dritter Geſang.

Und rief Uffo an mit Indbrunft - Und des Donnergottes Schatten ! Zinlands windelund’ger Zaubrer, Reich an mächt'gen Hegenformeln, Mußte fih das Ohr verfchließen, Daß der Wittwe kläglich Ziehen Und ihr herzzerreißend Jammern Ihn nicht wanfend machen möchten. Doch die Götter, die zu helfen Richt den Willen bloß bewahren, Sondern auch die Macht befiken, Hörten Linda's Hilferufen, Das Geſchrei der armen Wittwe Und ihr flehentliches Bitten. Und der alte Göttervater Kam ihr felber aus den Wolfen, Aus des Himmeld Höh’n zu Hilfe. Finlands windefund’ger Zaubrer Hatte faum mit feiner Beute Erft den Iruberg beitiegen Und war im Begriff, von dort aus Grade an den Strand zu geben, Bo das Boot für ihn bereit lag, Als der Donnergott dem Räuber Plöglich Frachend aus den Wolfen Einen Bligftrahl in den Weg warf. Raſſelnd über Eifenbrüden Polterte der Donnerwagen Feuerflammen um ſich jprübend. Finlands windefund’ger Zaubrer Wurde von dem Bliß getroffen, Daß die Glieder ihm erftarrten Und ihm alle Sinne fchwanden. In die Nacht der Ohnmacht finfend Stürzt' beſinnungslos er nieder Und blieb liegen wie ein Todter.

Und der Schug der maͤcht'gen Götter

Und des Himmels kraͤft'ger Beiſtand

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Dritter Geſang⸗

Metteten das arme Hühnchen Aus des Habichts feharfen Krallen. Auf der Flucht vor dem Berfolger

Ward die feufhe Wittwe Kalew's

Sach in einen hohen Felsblod

Auf dem Sruberg verwandelt.

Ihres Lebens zarte Fäden

Löften fih von einem Dafein,

Das nur Schmerz und Trauer kannte, Thränen nur des Kummers weinte. Und der böfe Zaubrer durfte

Nicht ihr keufſches Bett befleden.

Zinlands Zauberer erwachte Erft nad einer langen Weile Aus den Fefleln feiner Ohnmacht, Seines Todtenfchlafes Banden.

Lange rieb er fid) die Augen,

Eh’ er fi befinnen -Fonnte,

Um fich forfchend umzufehen,

Wo fein theurer Schaß geblieben,

Wohin Linda fi geflüchtet,

Wo fein. Hühnchen ſich verborgen.

Doch er fonnte nichts entdeden,

Birkhuhns Töchterchen nicht finden. Kalew's treue Hausfrau Linda

In den Zeljenblod verwandelt

Könnt ihr heute noch erkennen,

Könnt fie fehen und betaften.

Auf dem Jruberge figt fie,

Die dem Birfhuhnei Entfproßne,

Sipet Linda nah am Wege,

Wie die Neifenden wohl wiffen,

Wenn auch unfre Zeitgenoſſen,

Unbefümmert um die Vorzeit,

Kaum den Namen Linda hörten.

Iru's Schwiegermutter hört man

Meiftentheils den Felsblock nennen.

Leder, der nach Reval wandert,

Dritter Geſang.

Muß auf feiner erften Reife Irn's Schwiegermutter grüßen Und zum Zeichen feiner Achtung Sie mit feinem Hut bededen.

Obwohl Niemand ar dem Felsblod

Lebenszeichen je gefunden Dder ihn fi regen fehen, Ging doch, wie noch alte Leute Sich aus früh’rer Zeit erinnern, Sonft von Mund zu Mund die Sage, Der man guten Glauben fchentte, Daß im Innern dieſes Felsblocks Eine Lebenskraft fid) vege, Die auf feinen Urfprung hinwies. Wer, fo hieß es, von dem Berge Abends in das Thal ihn rollte, Fand’ am nächften Morgen ficher Ihn an feinem alten Plage Ruhig unverändert ftehen.

Darum ſäume nicht, o Wandrer, Iru's Schwiegermutter freundlich Und mit Achtung zu begrüßen ! Sep? ihr höflich deinen Hut auf Und umbalfe fie mit Ehrfurcht: Niemand wird zur Schmach dir's rechnen, Nie ein Menſch darob dich tadeln!

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* Kalew’8 Söhne trabten munter Alle Drei des Weges. fürder Bald auf ausgetretnen Pfaden Dder über Flächen fchreitend, Bald im tiefen Sande watend Dder dur) bemooste Sümpfe. Drauf beraten fie die Wälder, Bier gehegte lichte Wälder. Hohe Zannen trug der erfte Und Der zweite kräftige Eichen,

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Dritter Gefang.

Schlanke Birken trug der dritte Und der vierte Trauererlen.

Der Bezirk des Tannenwaldes Ward der Königswald geheißen ; Zaara war der Boden heilig,

Den der Eichenwald bededte; Aungfernwald hieß man das Wäldchen, Bo die ſchlanken Birken ftanden ; Und das Erlenwäldchen endlich War den Trauernden geheiligt, War der Wald der armen Waiſen.

In dem hohen Tannenwalde, Der der Königswald geheißen, Setzte ſich der Altfte Bruder Unter einem Baume nieder Und begann ein Lied zu fingen Kräftiglih aus voller Kehle:

Daß die Blätter an dem Laubholz Herrlicher al8 je erglänzten

Und die Nadeln an den Foͤhren Sich zu Geidenbüfcheln formten, Und die Zapfen an den Tannen Purpurn in der Sonne glühten, Eicheln an dem Eichbaum fproßten, Zarte Kätzchen an der Rirfe, Andre Bänme fih mit füßem, Duffgem Blüthenfchnee bededten, Der in Eonnenfcheine glänzte Und die helle Mondnacht würzte, Daß die Wülder wiederhallten Und die Anen und die Wiefen Seine Töne in fih fogen

Und des SKunglafönigs Töchter Thränen des Entzückens weinten.

In dem Birfenwäldchen ſetzte Sid; der zweite Bruder nieder Unter einer Trauerbirke Und begann ein Lied zu fingen

Dritter Oeſung.

Kräftiglich aus voller Kehle

Und aus tief bewegtem Herzen, Daß die Blüthen ſich erfchisfien Und die Blumen weich ergfühten, "Daß die goldnen Achren quollen Und fich rötheten die Aepfel, Nüffe fih mit Kernen füllen, Kirfchen ſüßes Zleifch gewannen, Rothe Beeren an den Hägeln, Biaue auf dem Moore fproffen,

Schwarze an des Sumpfes Rändern,

Gelbe auf bemooften Himpeln, Und mit glüh’nden Purpurtrauben. Sid die Ebereſchen fhmüdten, — Daß die Wälder wiederhallten: Und die Auen und die. Wiefen Seine Töne in fih fogen Und die zarten Baffernigen Thränen des Entzückens weinten. In dem Eichenwalde fehte Sid der jüngfte Bruder nieder, In dem heilgen Haine Taara's Unter einem edlen: Eichbaum

Und begann ein Lied zu fingen

Kräftiglich aus voller Kehle

Und aus tiefbewegtem Herzen Und mit jugendlichen Feuer, Daß das Wild im Erlenwalde, Weibchen in dem Birkenhnine, Männchen in dem Zaunenforfte, Scheues Wild im Foͤhrenwalde, Liſtiges im Eichenwalde

Sich verſammelten zum Horchen. Auch der Kuckuk ließ ſich hin Und die Tauben girrten i ‚ «, Und die bunten Elſtern ſth.Atzten. Bögel in dem Neſtern piepten, Lerchen trillerten im- Beide,

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Dritter Gefang.

Süßer. zwitfcherten die Schwalben. Schwäne kamen angefhwommen, Enten fohnatterten am Prahme, Gänſe an dem Queflenrande. Auch die Nachtigallen lernten Erft von ihm mit Flötentönen Süße Nächte, ftile Morgen, Spätes Abendroth ergögen. Wenn er fang, fo fehlugen lauter An den Zeld die Meereswogen, Beugten fit der Binme Wipfel, Zitterten die grünen Hügel,

Und es theilten fich die Wolfen, Weil der Himmel laufchen wollte. Und des Eifenkönigs Tochter Und die zarten Waldesnymphen Und die goldgelodten Nigen Beinten Zhränen des Entzückens, Glühten für den fehönen Sänger, Sehnten fih nad feiner Xiebe. *

Ziefer neigte fi) die Sonne Und der Windhauch wurde frifcher, Fühlbar ſchon Die Abendfühle. Mit dem Zuge ging’ zu Ende Und die Jagdluſt war befriedigt, Darum fäumten nicht die Brüder, Ihren Rüdweg anzutreten.

Alles Wild, das fie erbeutet, Trug allein der jüngfle Bruder Unverdrofien auf den Schultern, Die die fchwere Laſt nicht fühlten.

Raſch nach Haufe zu gelangen, Eilten alle drei im Sturme Ueber weite Haideflächen Immer nach dem Rauche fpähend, Als dem ficherften Beweife,

Dritter Geſang.

Daß zu Haufe unterm Keffel i Zuftig ſchon das Ferner brenne; | Doc, fie konnten nichts entdeden.

Raſch dem Haufe fih zu nähern, 560 Eilten alle drei im Sturme | Durch den tiefen Sand der Haide,

Darauf nur den Blid gerichtet, Rauch vom Kochherd zu entdeden, Dampf vom Keflel zu erjpähen. Doch e8 ließ fein Rauch fich fehen, Ward fein Dampf vom Suppenteffel Auch dem fehärfften Sinn bemerkbar. Schon erreichten fie den Anger, Stürzten durch die öffne Pforte, 670 Flogen durch den weiten Hofraum ' Unaufhaltfam Dis zum Eingang Und betraten raſch die Schwelle. Laͤngſt erlofchen ſchien das Feuer, Längſt erfaltet ſchon der Kochherd ; Sichres Zeichen für Die Brüder: Daß die Königin des Herdes, Daß des Feuers treufter Wächter Zängre Zeit ſchon nicht daheim fet. Sprach der jüngfte von den Brüdern: 680 - „Diefer Fluß führt ab vom Wege, Diefer Pfad gebt in die Fichten ! Hier im Hauſe iſt's nicht richtig ! Offen fteht Die Angerpforte, Dffen auch die Thür des Haufes. Fremde Spuren auf dem Hofe. Hier ift etwas vorgefallen, Hat ein Unglük ſich ereignet.“ * Und es ſchlugen Lärm die Söhne Und erhoben ihre Stimmen, 6500 Daß ihr Ruf in weite Kernen | Durch des Abends Stille tönte : „Bieb uns Antwort, liebe Mutter! Nur ein Wort, 9 füßes Herzchen,

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Einen Ton nur, liebes Voglein!

Sprich, wo bift du, theures Birkhubhn ?- Aber ftumm blieb ihre Mutter,

Ließ Fein Wörtchen von: ſich hören.

Nur das Echo gab die Antwort,

Nur die Haiden hallten wieder

Und die Wälder nah und ferne

Und die Infeln in dem Meere

Bis nad) Defel hin und Dagö. Nochmals ſchlagen Lärın die Söhne

Und erhoben ihre Stimmen,

Daß ihr Ruf in weite Fernen |

Dur die ſtille Nacht erfchallte:

„Gieb und Antwort, liche Mutter,

Nufe, rufe, füßer Kuduf, |

Zheurer Schwan, o finge, finge !

Sprich, wo bift du, liebes Birkhuhn 9 Aber ftumm blieb ihre Mutter,

Keine Antwort gab das Birkhuhn.

Nur das Raufchen von dem Strande,

Wo fih an den fteilen Felfen

Tag und Nacht die Wogen brechen,

Unterbrach die tiefe Stille.

Und zum dDrittenmal erhoben Zaut die Söhne ihre Stimmen, Daß ihr Ruf in weite Fernen Durch die ftile Nacht erfchallte :- „Sieb uns Antwort, liebe Mutter, Glucke, glude, füße Henne,

Nur ein Wörtchen, du Berlorne, Gieb zur Antwort unferm Rufen, Deiner Kinder lautem Flehen!“

Keine Antwort gab die Mutter, Keinen Laut das Birkhuhn von fich. Hühnchen hatte ausgegackert, Schwanenweibhen ausgefungen !

Wo der Söhne Rufen hindrang, Barften Felfen aus. einander; .

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Dritter: Geſang.

Bo es durch die Wälder halkte, Streckten fi) die Baͤume nieder; Wo es über's Meer dahinflog, Hoben ſich die ſcheuen Wellen, Krachten dunkle Wetterwollen.* Mütterchen war nicht zu finden, Nicht der Henne trantes Glucken, Nicht des Birkhuhns füßes Kullern, Nicht des Kuckuks helles Rufen War zu hoͤren von den Auen, Bon den weitgefireifen Mooren Dder aus den Meaereswellen,

„Riht aus Dichten Waldgeflrünpe,

Noch von offneng Hatdeflägen. * immer ftiller ward’s und ftiller An des Abends Schlinnmerfktunde. Da begaben ſich die Brüder Durch die Pforte auf den ‚Anger Und von dort zur Kuͤlberboppel, Um der Mutter Spar zu- fuchen Und den Räuber zu entdedfen. Einer ging hinab den Anger, In die Koppel trat der zweite Und der jüngfte fhritt zum Strande. Und ber ältee der Brübder, Der den Angermeg gegangen, Konnte nichts von feiner Mutter, Nicht das Meinfte Merkmal finden. Auch der zweite von den Brüdern Fand auf feinem Stoppelmege Weder eine Spur der Mutter, ' Noch des Feindes, der fie raubte, Nichts was ihm verrathen hätte, Wo das Hühnchen war geblieben, Bo das Böglein Hingeflogen Doch der jüngfte von den Brüdern, ‚Der fi) an den Strand begeben, Fand Dort Spuren vor.und Zeichen,

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Dritter Gefang.

Die ihm zu verratben fhienen, - Bo das Mütterchen geblieben, Wie das .Hühnchen fich verloren. Finlands liſt'ger Zaubrer nämfih Hatte fih vom offnen Waſſer Hinter einen Feld geflächtet Und mit eingetrener Rüdfluth Heimlich den Verſteck verlaffen, Erft nahdem er viele Tage, Diele lange dunkle Nächte Dort im tief verborgnen Winkel Wie ein Dieb gelauert hatte. * Dies beftärkte noch die Brüder In dem fchnell erwachten Argwohn, Daß der abgewieſ'ne Freier, Der ihr Rache einſt geſchworen, Seine Drohung jetzt erfüllet Und geraubt die theure Mutter. Da fie deshalb noch beriethen, Sprach der älteſte der Brüder: „Laßt und einen Biffen Brotes Unverweilt zum Abend nehmen, Um den müden Leib zu flärken, Und uns dann zur Ruhe legen. Möglich, dag uns noch ein Zraumbild Auf die Spur der Mutter leitet. Morgen gehn wir dann fle fuchen.“ Diefen Vorſchlag unterftühend Sprach der zweite Bruder alſo: „Während wir im Schlummer ruhen,

Kann ja wohl des Himmels Weisheit, -

Kann uns Uffo offenbaren,

Wie wir -im bethauten Graje

Eh? die Sonne aufgegangen

Der Berlornen Spur entdeden, Wie wir unfer theures Hühnchen, Wie wir das geraubte Vöglein Aus des Näubers Krallen retten.“

Dritter Gefang.

Als fie lange ſich berathen Und das Klügſte ausgefunden, - -Debnten ſich die beiden Brüder Und begaben fid) zur Rube.

Dod der jüngfte von den Brüdern Und der Stolz der Kalewiden, Der der Mutter Wittwenthränen Dft als guter Sohn getrodnet, ' Fühlte anders, als die Brüder Und gedachte für die Mutter Raſcher, kräft'ger aufzutreten.

Er, der kräftigſte der Brüder, Dachte ſo in ſeinem Sinne: „Was du heute kannſt verrichten, Wirf auf morgen nicht bei Seite! Jeder Tag bat feine Nechte, Jede Stunde ihre Pflichten, Ihrer Sorgen-eigne Bürde, Ihres Strebens eigne Wege. Soll dir eine Stunde nüthen, Einen reihen Fung dir bringen, Mußt du keine Zeit verfäumen, Did nicht lang' erft vorbereiten. Ber das Glück fucht, darf nicht weilen. * Zunf Verlufte hat der Säum'ge, Der Bedächt’ge ſechs Gefahren, Sieben Kämpfe zu beftehen.« *

Der Berluft der theuren Mutter Ging dem Sohne an die Seele, Ließ ihn feine Ruhe finden.

Als nun feine ältern Brüder

Sich auf ihrem Lager dehnten, Draͤngt' es ihn hinaus in's Freie, Eilig trat er aus dem Haufe, Veberfchritt den Hof im Zuge

Und gelangte auf den Anger.

Hier die eigen Schritte hemmend . Zrat er an das Grab des Vaters.

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Dritter Belang.

* Kalew's jüngfigeborner Sprößling_ Angelommen an dem Grabmal Warf fih auf den Zodteuhügel Mit gepreßtem Herzen nieder. Fragt der Vater aus der Ziefe: „Wer bewegt fi) auf dem Sande, Tritt das Grab wit feinen Füßen ? In das Auge rinnt der Sand mir, Grus mir auf die Augenlider. “

. Hört’8 der Sohn und giebt zur Antwort:

„Ich, dein jüngfter Sohn, ein Knabe, Liege weinend hier im Sande,

Lieg' auf meined Vaters "Grabe,

Troft mir in der ſchwerſten Drangjal Für's gepteßte Herz zu fuchen.

Ach, fteh” auf, mein lieber Vater ! Komm, o komm’, mein Bater, komme ! Komme mir den Weg zu zeigen,

Daß ich meine Mutter finde !“

Sprach der Vater unterm Rafen, Ließ fi) aus der Grabedtiefe, Alfo aus der Gruft vernehmen: „Kann nicht aufitehn, junges Söhnen, Kann nicht aufftehn, kann nicht kommen! Sieh, es laften auf der Bruft mir,

Auf den Gliedern ſchwere Zellen, Engelblumen auf den Xidern,

Blaue Glörfchen auf den Augen, Rothe Blumen auf den Wangen ! Mög’ der Wind den Weg dir zeigen, Mög’ ein fanfter Weft dic) leiten, Dich der Sternenhimmel führen !« *

Bon dem Grabe Ienfr? er’ eilig Nah dem Meere feine Schritte Und betrat das Felfenufer,

Um von dort der Mutter Spuren,

Der verborgmen, aufzujuchen. Bon dem Räuber war am Zellen,

Dritter Befang.

Wo noch jüngft fein Fabrzeug ſchwanlte,

Keine Spur mehr zu entdecken.

Kalew's jüngſtgeborner Sprößling Schaute von dem hohen Felsrand Bei dem letzten Abendſchimmer Auf das Meer zu ſeinen Füßen, Ließ den Blick, ſo weit er reichte, In die weitſte Ferne ſchweifen, Ob er auf dem Meeresrücken, Den ein leiſer Weſt bewegte, Nicht den Dieb entdecken könnte; Ob nicht irgendwo ein Zeichen, Wär's auch noch ſo unbedeutend, Ihm des Räubers Spur verrathe; Ob von der verlornen Mutter Nicht der Abdruck ihres Fußes Irgendwo zurückgeblieben!

Eine Welle treibt die andre Vor ſich her und wälzet ſchäumend Sich zuletzt an's ſteile Ufer,

Wo ſie an dem harten Felſen Machtlos anfchlägt und zerſchellet. Aber keine bringet Nachricht,

Keine giebt auch nur ein Zeichen, Wer ſich durch das Spiel der Wellen

Heute auf dem Meeresrücken

Mit dem Raube fortgeſchlichen. Auch die Sterne ſchauen heiter Auf das Wellenſpiel hernieder, Aber keine Zunge regt ſich, Um den Räuber zu verrathen. Alſo wogt das Spiel der Wellen Auf der weiten Meeresfläche Immer ruhig auf und nieder, Nie und nimmer darnach fragend, Wer in ihren feuchten Armen, Ihrem Schooß den Tod gefunden ! Nein, der Wogen Schaufeljpielen

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- Dritter Geſang.

Und der Waſſer füßes Raufchen “ Und des Sternenbimmels Blinfen Fragen nichts nach unfern Freuden, Nichts nach unfern Seelenſchmerzen! — Eine Welle treibt die andre Bor fi her und mwälzet ſchäumend Sic, zulegt an's fteile Ufer, Wo fie an dem harten Felſen Machtlos anfchlägt und zerfchellet Und in feuchten Staub fi auflöft; Aber feiner unfrer Kragen Bringt fie jemals eine Antwort. Eine Welle treibt die andre Vor fi) her und wälzet fhäunend Sich zuletzt an's Felfenufer, Wo fie an dem Stein zerfhellt! Alfo treiben unfers Lebens Wogen fpielend an das Ufer, Wo im kühlen Abendrothe Srabeshügel einfam glühen, Und des Himmels heitre Sterne Und des Mondes bleiches Antlig Und der Sonne goldne Strahlen Schauen auf die Rafenhügel. Doc find ſtumm und fill die Gräber Und die Sterne fohweigen ewig Und der Mond hat feine Zunge, Keinen Mund die liebe Sonne, Cine Antwort und zu geben.

Anmerkungen.

Anruf.

1) Wanemuinens, des Gefangesvaters, Pflegetochter Jutta fand, über ihres Geliebten Endel Hinfcheiden trauernd, in dem nad ihm benannten @udla = Eee ihren Tod. Ihr Geiſt dirigiert Die Reife der anfommenden und abziehenden Bugvögıl und wird bisweilen in ber Johannisnacht gemweihten Augen in den aufiteigenden Nebeln des See's ſichtbar.

2 Der Kuckuk ſpielt die Rolle eines Leihen: und Trauervogels. Sein omindjes Rufen im Frühling, zum eritenmal gehört, beitimmt die Bahl der noch übrigen Lebensjahre, während feine Annäherung an die Wohnſtaätten als firhere Todesbotfchaft gilt. Selbſt fein Erſchei⸗ wen im Traum foll bevorfkehenden Schmerz und Kummer anbeuten. Wenn er im Früblingsconcert und anderweitig kuldne kägu (golduer Kuduf) genannt oder angeredet wird, jo will man damit nicht ſowohl feine Verehrung für ihn ausdrücken, als vielmehr ihm ſchmeicheln nnd feine Gunſt zu gewinnen fuchen.

Zum Verſtandniß.

V. 3. Die Finniſche Gottheit Kalma muß den Eſten bekannt geweſen ſein, dafür ſpricht die Reval⸗Eſtniſche Benennung „Kalm u⸗ bauad«, Kalma's Gräber, für Begräbnißſtätten aus dem Heiden⸗ thum, während die chriſtlichen Gräber ſchlechtweg hauad oder ſurnu hauad genannt werden. Vergl. Caſtren Vorleſungen über die Fin⸗ niſche Mythologie p. 109, 127 und 174.

V. T2. Unter dem Namen Ukko ſcheint man den Xitvater, wana iſa, als einen die Ernten und die Fruchtbarkeit beſchuͤtzenden Bott verehrt zu Haben. Auch befchügte Ukko mit feinem Fittig oder in feinem Exhooße (Beides mit Dim bezeichnet) die in den Grüf- ten Schlummernden.

2. 69. Aaw, die Espe, heißt auh warga puu, Diebe: baum. Es foll der Sage nach einft ein arger Dieb, als er in der Klemme war und zu Kreuz kroch, von fchügenden Göttern in die

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Espe verwandelt worden fein. Das hörbare Bittern der Blätter auch beim geringiten Zufthauche giebt ein Bild Davon, wie der Arme bei ber Entdeckung feiner Uebelthat gezittert und gebebt hat.

2.102. Kite war eine Gemwittergottheit, denn Aike ſe wihm und Aikeſe pilwed werden noch heutige Tages Gemwitterregen und @ewitterwolfen genannt. ‚Dem Donnergotte, Kdu, Pilne, Pik— fer, wird eine Armbruft zur Waffe gegeben, vermittelt deren er feine Pfeile abſchießt. Bismweilen fchlägt er aber auh raud nuiaga (mit eijerner Keule) auf die böfen Geifter lo, Nah Eaftren bieß Ukko bei den Lappen Aija, Aije, Aijeke (Legtered Diminutivum von Aije), verwandt mit dem Finniihen Aija, Großvater. Bergl. Caſtreén Vorlefungen über die Finniſche Mythologie. p. 47 seqq.

Wegen Köou ebendafelbft p. 12 seqq. j

V. 128. Mardus ift eine Geilterftimme im Walde, die ber Morzeit Leid und Sammer am ftillen Abenden beflagt. Vergl. Boec⸗ ler p. 146 segg.

V. 213. Nah der gegenwärtig vorkommenden Beggnnung taud, eine böſe Seuche, möchte ich in dem Tauts, wie er fich in Volksliedern erhalten Hat, einen Beberrfcher der Seuchen erfennen.

V. 218. Hallifad in Verbindung mit mets find Waldniren, mit wefi Wailerniren. Die jungen Töchter der erfteren fommen ges wöhnlih in Schaaren vor, während die eigentlihe Waflerfungfrau, nat, mur einzeln erfcheint. Die Embachsnixe mar früher häufig fihtbar. Wielleiht haben die Mufenföhne Dorpat’s fie eingefchüchtert, - daß fie jeßt zurüdhaltender geworden ift.

V. 263. Saanislin ift eine alte Eitenburg tief im Walde und von Morälten umgeben innerhalb der Gränzen ded Gutes Poll im Niſſiſchen Kirchipiel. Ich babe fie im Jahre 1819 beſucht.

Erfter Gefang.

DB. 15. Wiker, nah Sfjögren mit Piker, dem Donnerer, identifh. Wikerlane und Wilerlafe poeg wird nicht felten als ebrender Beiname von Helden gebraudt.

. 82. 30. Zuule ema, Wintesmutter, Beherrſcherin der Winde. Zuule ema nutab, vergl. Boecler p. 147. Die windefundigen Bauberer, die Windfahrer, die mit Stürmen und Wirbelwinden reifen, beißen tuule ema poead, Edhne der Windesmutter, fonft auch tuulestargad, die Windweifen, die Windefundigen.

2.62. Kalewallas, von Kalewald, das Heimathsland der Riefen.

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V. 90. Pöohia kotkas, deb Nordens Kar, Häufig in Sagen and Xiedern vorfommend, wird als eine unheilbringende böfe Macht.

gedacht.

V. 126. Die Wiekſchen Eften rühmen ſich heutiges Tages noch: meie oleme ema poolt Kalewi poea fugulafed, wir find von mütterlicher Seite ber mit dem Kalewsſohn verwandt. Daraus fiebt man, wie beitimmt die Meinung im Molfe wurzelt, Daß die Mutter unferes Helden in der Wiek ihre Heimath Hatte.

8.170. Sula neitfi, wörtlid die ‚Hüffige Jungfrau, wie libe neitfi, die glatte Jungfrau, können im weit hervorgefuchten mythologiſchen Einne als Beherrfcherinnen oder- Perfonificationen des Waſſers und des @ifes, des Flüffigen und des Starren, aufgefaßt werden.

DB. 341. Muru eit, die Rafenmutter, eine Schutzgöttin des Hauſes, deren Obhut befonders der Hofraum und Garten anvertraut war. Ihre Töchter, muru eide tütred, dürfen nicht mit merfa piigad, Baldjungfrauen, verwechſelt werden, welche Letztere den Mets⸗hallifjas, den Waſſernix, zum Vater hatten.

V. 499. Kungla kuningas, ber König von Kungla, von deiien Reichthum und Schaͤtzen in Sagen und Liedern viel Aufhebens gemacht wird, ſcheint ein Maͤchtiger des Nordens geweſen zu ſein; ob in der Wirklichkeit, oder bloß in einem fabelhaften Eldorado, das laßt ſich nicht mit Eicherheit beftimmen. In einem Liede wird er ſpeciell als SIufellönig angeführt. Vergl. Mythiſche und magijche Lieder p. 30.

V. 843. Daß die noch kurz vorher ald Freier aufgeführten Sonne und Mond jept als Oheim und Pater der Linda auftreten, gehört wieder einmal zu den räthielhaften Wunderlichkeiten und Sneonfequenzen, zu denen der Eftnifche Eanger ſich hinreißen laßt. Mielleicht fol dadurch die höhere Abitammung der dem Birfhuhngei Entſproſſ enen angedentet werden, wobei man freilich wieder nicht be⸗ greift, in welchem Sinne die Birken Brüder und Bettern der Linda genannt werden

Zweiter Geſang.

B. 26. Der an eines ſtarken Mannes Bruſt gelegte Säug⸗ ling ſoll beſonders ſtark werden. Vergl. Boecler p. 54.

V. 66. Dieſer Name (Sohni) unſeres Helden findet ſich in ten von Dr. Fählmann aufgezeichneten Sagenbruchſtücken; im Munde bes Volkes ift er mir nie vorgefommen.

3.136. Tühi und wana Tühi, wörtlih : der Leere, ber alte Leere, Nichtsbedeutende, ift eine Bezeichnung des Böfen, namlich

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des perfonifieicten Böfen, des chriftlihen Teufels. Vergl. Mythiſche und magiſche Lieder der Eften. p. 88. Das Wehfeln der Schuhe Echmwangerer findet fih in Boecler p. 4b.

V. 218. Eit pani fdle ſdudemaie, die Mutter lieh die Epange rudern, war eine dem Krpuslöma verwandte Wahrjagerei. Cine Beuftfpange wird an einem Zwirnfaden aufgebangt und in ?reifende Bewegung geſetzt. Während der langiamer werdenden Bewegung ftellt man die Frage, deren Beantwortung man wünſcht und die ent weder bejahend oder verneinend verlangt wird. Hört nad) der geſtell⸗ ten Sage die Bewegung auf, fo it die Antwort eine nerneinende, dauert fie noch fort, eine bejahende. Des Erlenkäfers Flug prädteirt einen günftigen Erfolg, fobald er nah Süden gerichtet iſt, nad) Nor⸗ ben gerichtet einen ungünftigen.

V. 295. Targad, Heillünitler, Zauberer und Weiſe, werden je nach ihrer Macht in verjchiedene Klaijen getbeilt. Ihre Reiben: folge ift bier im Driginal unrichtig zufammengeftelt. Auf der un: teriten Stufe ftehen namlih die Söna⸗, Soola⸗ und Tühfa⸗ Targad, die vermittelft ihrer Zauberſprüche Krankheiten hindern, aber auch Menſchen und Vieh böjen Schabernad fpielen fünnen. Ihnen folgen in der Rangorduung die Tuule-Targad, die Wind: weißen, deren oben in der Anmerkung zu V. 3U des erften Befanges bereit8 Erwähnung gefhehen. Sie find in Allem mächtiger, als ‘Die Eöna:Fargad und können mit der Schnellpoft des Windes Läns der und Meere durchfliegen. Die dritte Klaſſe, Mana⸗Targad, bilden die Häupter der ganzen Bunft. Ihnen ijt gegeben alle Macht, fie können jeglichen Bauber binden und löfen. Nach Caſtren ift ihre Benennung verwandt mit der der Finnifchen Gottheit Mana. Ders gleihe über Mana Eaftren p. 23, 61, 127 segq.

V. 505. Zuulejumal, astu tupa, Windesgott, tritt in die Etube! Ganz übereinftimmend mit der bei den Eften herrſchenden Vorftellung, daß die Winde in allen Krankheiten und Schmerzen Hei⸗ lung und Xinderung bringen. Vergl. Boecler p. 106—109. Der Röugutafa im vorigen Verſe und an verfchiedenen anderen Stellen ift eine die Kreißenden, Wöchnerinnen und Neugeborenen fehügende Gottheit. Vergl. Boecler pp. 18, 42, 43, 53 und 104.

B. 539. Der Gang durch die verfhiedenen Haine ſteht im Bufammenhange mit der Vorſtellung der Eſten, daß man gewöhnliche Schmerzen, Zahnweh und dergl., Durch Anwendung von Bauberfprüchen ‚in die Bäume ableiten und bannen könne. Die Schmerzen der freißenden Lin da waren aber ganz anderer Art, fie waren natürliche Wehen, und darum half die bier angewandte Procedur nichts.

B. 655. Rutumdtjad, auch lapfe raugutajad, von rauguma, befänftigen, flillen, befchwichtigen, wurden Weiber ger

87 nannt, Die es verftanden, fchreiende Kinder mit Anmenbung von Bauber: ſprüchen zu beruhigen.

V. 659. Kifasfun, GSchreimonat, und nutunädalad, Ahränenwochen, nennt man des Kindes erſtes Säuglingsalter, mo das Kind gewöhnlid am Zage ſchläft und in der Nacht fchreit.

V. 727. Tamme faswatama, die Eiche wachlen laſſen, ein befanntes Bubenfpiel, bei dem man fich mit Kopf und Händen auf den Boden ftügt und die Beine nad oben Fehrt.

V. 734. Sakſa faanid, zierlihe Meine Schlittchen, umd fasfi märsſikeſed, Katzenkörbchen, find aus Grashalmen und Beidenrinde geflochtene Kinderfpielfahen. Det Kalewi Knabe bedient fh dazu ganzer Bäume ſammt den Wurzeln.

4

Der Drud wird unter ber Bedingung geftattet, daß nad) Beendigung beffelben ber Abgetheilten Cenſur In Dorpat die vorferiftmäßige Anzahl Egem- plare zugeftellt werde.

Dorpat, ben 29. März 1857. .

(Rr. 30.) Mbgetheilter Genfor de la Croix.

Vierter Geſang.

Mur „Kuckuk, goldner Vogel, Laß dich hören, Silberjchnabel, Kupferzunge, wel’ das Echo! Bring’ aus alfer Zeit und Nachricht, Laß es durch die Wälder jchallen, Bas du birgft in deiner Stehle

Don dem Schaß der heil'gen Vorzeit!

Rufſt du nicht, fo ruf! ich felber, Wenn auch nur mit heiter Stimme, Und verfünde, was die Schwäne Mir in fiebenfachen Weiſen Aus der alten Zeit gefungen, Wie fle felbft e8 einit vernommen Bon den Robben auf den Schollen, Bon den Zellen an dem Strande, Bon den ſchmucken Waflernigen, Bon der Königin der Fluthen, Aus des Mondes bleihen Mienen, Aus des Infelvaters Klagen, Aus der Inſelmutter Thränen. Deutlich hörten es die Felſen Und die breiten Wogen jahen’s Und die Sterne waren Zeugen, Wie der jüngfte Sohn des Kalew Seiner Mutter Spur zu fuchen, Birkhuhns Wegen nachzufpüren, Nie betretne Pfade einjchlug, Nicht von feinem Hengft getragen, Nicht vom Sattel um ſich fpähend. (11)

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Bierter Geſang.

Mancher würde drob erfchreden, Manches Mütterhen wohl feufzen, Manche Jungfrau Thränen weinen, Benn den Kalewidenfprößling

Sie auf weiten wüften Meere Unter den empörten Wogen

Und umfäumt von ihrem Schwalle Einfam dur die Nacht auf ödem Meeresweg gewahren würden. *

Als er fih am fleilen Ufer Scharfen Blicks noch umgefehen, Aber nirgend von der Theuren Eine Spur entdecken konnte,

Warf der Jüngling von dem Glintrand Sich hinunter in die Bogen,

Die in ihrem breiten Bette

Mächtig raufhend ihn empfingen. *Mit den Händen kräftig rudernd Steuert er mit feinen Füßen,

Läßt das Haar als Segel wehen

Und beginnt der Käfte Finland's Nördlich haltend zuzuſtreben;

Denn im Norden hofft er ſicher

Seine Mutter aufzufinden,

Birkhuhn aus dem Garn zu Töfen, Linda fiher zu befreien.

Sehnlihft wünfhht er, Finland's Zaubrer, Diefen windelund’gen Schurken, Diefen Gauner abzuprügeln,

Zu zerwalken feinen Rüden,

Um der Brut der Weiberdiebe

Eine wohl verdiente Lehre -

Für die Zukunft einzublänen.*®

Bon dem Himmelddome blinkten Schon der alte Sternenwagen Und der fchwed’ihe Bär hernieder Und der helle Stern des Nordpols, Feſt an einen Punkt gebeftet.

Merter Belang. 91

Alle wieſen ihm die Richtung Auf der naſſen Bahn nach Finland, Nach dem hohen Kelfenufer. 70 Denn der Schwimmer auf dem Meere Findet feinen andern WBeifer, Keine Dörfer, feine Krüge, Keines Aderwächters Hütte, Bo er nad dem Wege fragen, Einen Führer miethen fönnte.

Er durchſchnitt mit kräft'gen Armen Die bewegte Oberfläche, Und der Wellen Schaufelwiege Wälzte die gewalt’gen Glieder 80 Des entichloffnen, fihern Schwimmers Woge aufs und Woge abwärts Immer weiter hin nah Norden, Seinem Ziele immer näher.

D du ftarfer Sohn des Kalew, Seiner Wittwe Troft und Stüße! Nichts vermochte deinen Eifer, Nichts dein Streben zu ermüden Dder deine Kraft zu lähmen, ALS dein Tiebend Herz dich antrieb, 90 Deiner Mutter Spur zu fuchen, Der Berlornen nachzufpüren. Sterne kamen, Sterne gingen; Nur der glänzende Polarftern Und der alte Wagen hielten Unverändert Wacht am Himmel.

Deine ſtarken Arme peitfchten Fort und fort des Meeres Rücken Und der Bellen Schaufelwiege Trug dafür den ftarfen Jüngling, 100 Trug den nimmermüden Schwimmer Woge aufs und Woge abwärts Immer weiter hin nah Norden, Zinland’3 Ufern immer näher.

Kalew's bochgepriefner Sprößling

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Vierter Geſang.

Strebte immer rüfl’ger vorwärts, Um die Mutter bald zu finden Und am Räuber file zu rächen. *An des Herzens Liebesgluthen Kochten feine Rachepläne, * Wuchſen feine Riefenkräfte,

Auf der weiten WBaflerreife Unermüdet auszubarren.

*Die Plejaden ſanken tiefer Und Orion war fohon fihtbar,*

Um die Mitternaht war’3 etwa, Dbwohl nirgendwo ein Weder Dder fonft ein Stundenweifer Zeichen auf dem Meere angiebty Um die Zeit danach zu meſſen. Keinen Hahn hörft du bier frähen, Keine Henne traulich gadern. Fiſche haben Feine Stimme,

Ihre Zungen feine Sprade.

Endlih taucht aus Fraufen Wellen Hüpfend auf ein fehwarzes Pünktchen, Das ſich vor dem rüftgen Schwimmer Bald zu einer Infel ausdehnt Und im Angeficht der Inſel

Rührt er rafcher noch die Glieder.

Er durchſchnitt mit kräft'gen Armen Die bewegte Meeresfläche, Und der Wellen Schaufelwiege Wälzte die gewalt’gen Glieder Des entfchloffnen, fihern Schwimmers Woge aufs und Woge abwärts Immer weiter bin nad Norden, Immer näher zu der Inſel.

Kalew's hochgeprief’ner Sprößling Wollte fih ein Rubeplägchen Auf der Meinen Inſel fuchen, . Um ein wenig zu verfchnaufen.

Er durchſchnitt mit fräftigen Armen

Vierter Befang.

Die bewegte Meeresfläche, Und der Bellen Schaufelwiege Wälgzte den gewalt’gen Schwimmer An des Eifands Feljenufer. Kalew's Träftger Niefenfprößling Lehnte bald den müden Rüden Und die Hüften waflertriefend An den Borfprung eines Felfens, Deſſen untre flache Moosbant Ihm in ihrem weichen Schooße Einen Ruhefeflel darbot, * Seine Füße wohlbehaglich Noch den Wellen überlafjend, Die um feine Zehen Eoften Und mit weihen Schaum die Sohlen Und die Sinöchel fpielend Füpten. * Er verfuchte nun ein wenig, Seine müden Augen fchließend, Sei's auch nur ein Viertelſtuͤndchen, Sich dem Schlummer hinzugeben. Aber eh' des Traumes Feſſeln, Die Begleiter fügen Schlummers, Ihm den Geift gefangen nahmen, Seine Sinne jedem äußern Eindruf unempfindlih machten, Ziegen aus der nächt’gen Stille, Die die Finfterniß beherrfchte, Aus dem Schooß des tiefften Friedens Liedertöne fich vernehmen, Die durch's Ohr in's Herz ihm drangen. * Eines Mägdleins reine Stimme, Angehaucht vom Schmelz der Jugend, Sang in füßen Flötentönen, Sang fo kunſtlos wie ein Voͤglein, Wie der Kuduf im Gehege, Wie die Nachtigall im Wäldchen. Kalew's hochgewalt'ger Sprößling Horchte athemlos dem Liede,

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Vierter Befang.

Um vom Sinn der goldnen Worte Und vom Silberton der Stimme, Die fo mächtig an fein Herz ſchlug, Keinen Laut zu überhören. E Aus des Mägdleind Kehle Drangen In des Laufhers Obr die Worte: „Weit entfernt ift mein Geliebter, Hinterm Wafler mein Erforner, Unerreichbar meinen Bliden. Zwifchen mir uud meinem Zrauten Thürmen fi) des Meeres Wogen, Liegen weitgeftredte Seeen Und unzähl’ge Haideflächen, Dehnen Aecker fih und Wiefen, Zriften fih und Angerpläße, Wälzen Ströme ihre Zluthen Und entfpringen taufend Quellen. Ad, wer nennt die Dinge alle, Die mich nicht zu ihm gelangen, Ihn zu mir nicht kommen laffen! Nicht in Monden, nicht in Jahren Hör ich feine traute Stimme,

Seh’ ich in fein treue Auge,

Darf ich mich in feinen Armen Seiner Liebesgluth erfreuen.

„Weit entfernt ift mein Geliebter, Hinterm Waſſer mein Erforner, Unerreichbar meinen Bliden,

Gegen mich und meinen Zrauten Hat fih Meer und Land verfehiworen. Bring’ ihm, Lüftchen, meine Grüfle, Flüſtr' ihm zu, Daß ich ihm liebe! Ah ihr Wolken, ſchützt fein Leben! ' Meereswogen, Regenſtroͤme,

Rauſcht ihm Wonne zu und Freude! Lehr' ihn weile fein, o Himmel,

La ihn ohne Sorgen leben,

Seine Pflichten freudig üben!

Vierter Befang.

Bring’ ihm von mir fo viel Grüſſe,

Als wie oft ich an ihn denle;

Bring' ihm von mir fo viel Grüße,

Als ich Wünfche für ihn hege;

Bring’ ihm von mir fo viel Grüßle,

Als das Erlenwaͤldchen Biätter,

Käpchen zählt das Birlenwäldchen,

Radeln unfre Zaupen wiegen;

So viel, fo viel, fo viel Gräfe,

Als du Wellen ſiehſt um Meere,

Sternlein an dem Himmelsbogen !« * Athemlos dem Liede lauſchend

“Hatte ſich der Sohn des Kalew

Abgemüht mit dem Verſuche,

Auch die Saͤngerin zu ſehen.

Ihn verlangte feine Blicke

In des liederreichen Voͤgleins

Braunes Auge zu verſenken.

Tiefe Nacht war's und das Dunkel

Lag gedrückt von dichtem Nebel

Undurchdringlich auf den Eiland.

Nur ein weithin ſchimmernd Zlammchen

Loderte auf einem Punlte,

Einen Eichbaum ſchwach beleuchtend,

Deſſen Fuß der Fenerherd war.

In dem Scheine dieſes Feuers

Saß das liebe Sangesvoͤglein,

Eine Jungfrau zart und lieblich.

Reiche Locken deckten ringelnd

Ahr den Nacken und den Bufen.

* Sie war’s, die in Flötentänen

Wie die Nachtigal im Wäldchen

Die Gefühle ihres Herzens,

Ihre Sehnſucht kundgegeben.

An dem Feuer ſaß das Mägdlein,

Hielt gewiffenhaft die Nachthut,

Hütete der Mutter Linnen,

Das in langen weißen Streifen

Vierter Belang.

Auf dem Rafen Tags die Sonne, Nachts des Thaues Perlen bleichten. Dazu hatte fie im Winter Selbſt das feine Garn gefponnen, Das fih fpäterhin am Webſtuhl Unter ihren fleiß’gen Händen In Die Leinwand umgewandelt. * Während fle die Leinwand webte, Fäden ordnnend mit den Fingern, Mit den Fuͤßchen dazıı tretend, Sang fle ftet6 mit heller Stimme. Kalew's hoher Sprößling fühlte Sich zum Wettlampf aufgefordert Und begaun ein Lied zu fingen, Das des Mägdleins Herz beftridend Sich im fehallenden Geſange Alfo an fie felber wandte: „Traure nicht um den Entfernten, Den die Meerfluth von Dir trennet! Sag’ dich 108 von dem Verlornen ! Barum willft du, feines Mägdlein, Einen naben Freund verfchmähen? Einen Freund, den du jebt höreft, Einen Freund, in defien Armen Sanft und warm fih’3 ruht, o Theure? Nichts ift, was dich von ihm feheidet, Was dic hindert, ihn au lieben; Nicht die unbegränzte Meerfluth, Keine ausgedehnten Seeen, Keine Haiden, feine Wüften, Keine Zriften, keine Aecker Trennen Dich von feinem Herzen, ‚ Keine ſchnellen Strudelbaͤche, Steine Quellen, falt und fumpfig. Nah’, dag du ihn fehen könnteſt, If der Jüngling wärmern Herzens; Heiß’te Liebe fühlt fein Bufen, Süß’re Freuden bietet er dir.

Bierter Geſang. 97

Ganz in deiner Nähe ift er, Dieſer zärtlichere Buhle, Und ein Mann aus edlem Stamme, Seines Hauſes einz'ger Erbe. | Nerv’ge Schenkel, Träft’ge Floſſen 300 Trugen über's weite Meer ihn, Deſſen fhaumgefrönte Wogen Sanft ihn an dies Eiland mwälzten, Eilands Mägdlein eine Freude, Eilands Töchtern eine Wonne.“ Eilands zartes, feines Mägdlein, ‚ Zaufchteft fo geipannt dem Schmeichler, Seinen trügerifchen Worten, Muͤhteſt dich, du Feiner Heuchler, 310 Wie von ungefähr den Sänger | Halben Blides zu entdeden, Deflen Lied fo nah? dich anging. Armes Kind, du tratft fo fchlichtern Lauſchend einen Schritt ihm näher, Zhatft gang unverſehn's den zweiten, Merkteft gar nicht, da das Herzen Dir fo laut im Bufen pochte, Daß du zu den erften Schritten Noch zehn andre, ja noch hundert Und wohl mehr noch Ängftlich fügteft. 3% Ah, du wollteft ja nur fehen, Ob aus Finland ein Verwandter, Dder auch ein Wierfcher Freier Mit Gefchenfen angekommen! Fliehe, zartes Eilandsmaͤdchen, Such' dich eilig zu verbergen, Eh’ der Blick aus fchönen Augen Feſt did bannt mit feinem Zauber, Daß du nicht mehr von der Stelle Weichen fannft, du armes Hühnchen !* 330 Eilands Mägdlein, zart und Tieblich, Burde bald gewahr den Jungling, Wie er dalag auf der. Moosbank,

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. Mierter Befeng.

Ad, und floh — night feine NEpe | Eh’ der Morgen angebtochen,

Wurden Worte ſchon gewechſelt,

War im,Gange das Geſpräch fen,

Und es webten fich die Fäden

Unfihtbar, Doch ſchnell und ſicher,

Die die jungen Herzen Beider

Wie mit Zaupermacht umfkridten.

Eilandsmägdlein felbftvergefien

Sant in füßer Unbewußtheit

Und in findli reiner Unſchuld

Abfichtölos und ohne Bangen

An die Bruft des ſchoͤnen Fremdlings. Mägdleia mit ben braunen Augen,

Kind, was ift dir widerfahren,

Daß ein Schrei ſich Dir entwindet,

Daß du bittre Thräuen weinend,

Jammernd laut um Hilfe zufeft ?

Iſt im Arm des SKalewiden,

Wo du warm und felig ruhteſt,

*Dir ein ſchweres Leid begegnet?

Ward die Schulter dir verrenfet,

Dir verlegt die zarte Hüfte?

Hat er Streit wit Dir begonnen,

Dir ein Weh gethan, der Fremdling 9 * Bater hört den Schrei der Tochter,

Mutter ihres Kindes Wehruf,

Wachten auf aus ihrem Schlummer

Und ermunterten fi) völlig,

Jedes bei ſich felber meinend,

Daß ein böfes Traumgeſicht

Ihr Gehör im Schlaf geäffet.

Doch des Mägdleins Klagelaute

Und. ihr Weinen und ihre Schluchzen

Trafen au Die wachen Ohren. Juſelvater fpraug vom Lager

Raſch die Dee von ſich werfend,

Nahm zur Hand die ſchwere Keule

Vierter Belang.

Und begab fih aus ber Hätte, Um au fehen, was dem Kinde Kür ein Unglüd widerfahren, Und, ob nicht ein boͤſer Bube Freventlich der Mutter Erbe Bei der Nachthut ihr enirifien 7 ALS des Inſelvaters Augen Nun den riefgen Jüngling trafen, Sant ihm aus der Hayd die Keule Und erftarb dad Wort im Munde. Blei und flarr bei feinem Aublick Blieb er ſprachlos vor ihm. fliehen. Einfam wie am Prahm die Ente Stand fein Kind ihm gegenüber Und vermochte nicht das Auge, Bon dem Boden zu erheben, Nicht die thränenfchweren Wiypern

“ Bor dem Bater aufjufählagen

Dder nur ein Wort zu Sprechen. Doch der flarfe Sohn des Kalew, Auf der Moosbank hingegofien,

Schaut ihm ruhig in das Auge

Und erkundigte ſich arglos,

Ob nicht geſtern ſpät am Abend

Finland's windekund'ger Zaubrer Von dem Wierſchen Strande kommend Auf dem Wege nach der Heimath Hier vorbeigeſegelt wäre?

„Nein,“ erwiderte der Alte, „Finland's windelund’gen Zaubrer Hab’ ich ſchon feit vielen Tagen, Schon feit Wochen nicht gejehen. Doch vergieb mir, edler Fremdling, Daß id) das Berlangen fühle, Etwas über deine Herkunft,

Deine Heimath zu erfahren ! Welchem Stamm bift du entiproffen ? Welches Weib hat dich geboren,

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410

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Bierter Befang.

Dih im Mutterfhooß gefchaufelt, Did gefäugt an ihren Brüften Und zum Helden auferzogen ? Daß die Götter Dich erzeugten, Taara's Erbtheil dir verliehen, Iſt aufs Antlitz Dir gezeichnet, Strahlt aus deinem Feuerblide, Sprit aus jedem deiner Züge. *Auf des Infelvaters Frage Gab ihm Kalew's Sohn zur Antwort : „In dem buchtenreichen Wierland Und an Harrien’s Felsgeftaden Und im Sand des Wiekſchen Strandes Wurde mancher Weg befchritten, Mancher Fußſteg ausgetreten, Manche Spur zurückgelaſſen. Einer dieſer vielen Wege, Den ich ſchon als Bübchen kannte, Iſt der liebſte mir von allen, Iſt der Weg in meine Heimath, Führt auf meines Vaters Hofplatz, In die Koppel meiner Mutter, An die Pforte meines Bruders. Dort entſproß ich einem Eichſtamm, Wuchert' aus des Stubbens Wurzeln, Wuchs heran zum Einzelbäumchen. Dort ſtand meiner Kindheit Wiege, Dort mein Neſt in Fels gehauen. Dort blieb meiner Kinderjahre Schöner Traum am Raſen haften. Der im Ebbett mich erzeugte, Der in's Dafein mich gerufen, War der Bater ftarfer Männer ; Meine kinderreihe Mutter, Deren volle Bruft mich fäugte, Ward in Wiefland’s Erlenbüfchen Aus dem Birkhuhnsei geboren. Findeſt du an mir ein Zeichen,

Vierter Befang. 101 J

Daß ich von den Goͤttern ſtamme, Könnte ja wohl Taara's Sproͤßling, Sener ftarfe Bater Kalew, _ 450 Einen Sohn gezeuget haben, Der hierher verfchlagen worden ! Wär's nit möglich, dag der Spätling, Jenes legte Neftlind Linda’s, Hier fi) deinen Bliden zeigte ?" * Eilandsmägdlein, zart und lieblich, Die des Fremdlings Rede hörte, Schrak zufammen und erbleichte, Als er Kalew feinen Vater, Linda feine Mutter nannte. 400 * Das erfchro’ne holde Weſen, Eilandsmägdlein, zart und Tieblich, Schwankte an den nahen Abgrund, Bo der Fels in's Meer hinabfällt, Und ihr Fuß that einen Fehltritt, Und das Gleichgewicht verlierend Stürzte fie vom hohen Felsrand In die dunkle Wogenbrandung Und verfanf im Schooß des Meeres. Eine Welle raufchte ſchaͤumend 470 Ueber das verfunfne Mägdlein Und begrub ihr junges Xeben ! Bellen raufchten und begruben Inſelmutter einz’ges Kindlein, Inſelvaters kleines Taͤubchen! Lautes Wehgeſchrei erhebend Rang der Vater ſeine Hände. Aber ſtumm warf ſich der Jüngling, Kalew's Sohn ihr nach vom Felsrand, Die Verſunkne aufzufiſchen, 480 Die ertrunkne Maid zu retten, Sie den Wogen zu entreißen. Doch der weite Grund des Meeres Und das kuͤhle Bett der Fluthen Und der Tiefe Schlummerſtaͤtte

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Bierter Belang.

Hielt das Kind bei fich gefangen, Gab fie nicht Heraus, die Kleine, Aus dem falten, feuchten Schooße.* Ah allein nur kehrt' er wieder, Taucht' er auf, der Sohn des Kalew, Doc betrat er nit die Infel, Sondern rief hinauf zum Felfen : „Eilandsvater, muß nun feheiden !

Lebe wohl, du armer Bater !

Dir entriß das Meer die Tochter, Mir der Dieb die liebe Mutter, Unglüdsbrüder find wir Beide, Gleiches Loos hat ung getroffen! —

Sprachs und mit den ftarfen Armen Weite Bogen um fich greifend Rückt' er weiter vor nach Norden, Seine Reife fortzufegen.

Bon der Anfel fi entfernend Schwand der Sohn des flarfen Helden Mit den Wogen vor dem Winde

Aus des Anfelvaters Augen.

Er durchſchnitt mit Eräfttgen Armen Die bewegte Oberfläche, e Und der Wellen Sthaufelwiege Wälzte die gewalt'gen Glieder Des entfchloffnen, fihern Schwimmers Woge aufs und Woge abwärts Immer fort in grader Richtung,

Dem Geftade immer näher.

Auf's Gefchrei des Infelvaters Seinem Hilferufe folgend Sprang die Mutter auf vom Lager Und begab fih aus der Hütte,

Um zu fehn, was ſich begeben.

*O du liebe alte Mutter ! Sprangft aus deinem warmen Bette, Warfit Die weiche Dede von dir,

Um die ſchaurigkalte Botfchaft,

Bierter Geſaug.

Um die eifge Trauerkunde,

Um die hagelfroft’ge Nachricht

Aufzunehmen, die im Herzen

Dir das Blut erflarren machte !

In den Wogen fhläft dein Liebling,

Hat dein Kind fein Meines Bettchen,

Das die Fifchlein jeßt umfpielen,

Auf dem Meeredgrund fein Stäbchen.

Schlechte Wärter find die Wellen,

Wiegen ungefchieft und unfanft,

Und die Zifchlein viel zu flüchtig

Und zum Spiel zu ernſt die Waſſer! Arme, arme alte Mutter !

Kamft fo früh ſchon aus dem Bette,

Aus dem Bett’, noch eh? es graute,

Todesbotſchaft zu empfangen !

Ad, die deine- Mutterliebe

Sanft und zärtlid auferzogen,

Eingelult am warmen Munde,

An der treuen Bruft gefäuget,

Sorglich auf dem Schooß gegängelt,

Und gewiegt auf beiden Händen:

Schlummert unter kalten Wogen,

In dem feuchten Bett der Tiefe! Eile, eife, alte Mutter,

Nimm den kanggeftielten Rechen

Mit dem längften Stiel von Kupfer,

Mit den allerhöchften Zinken,

Die zu Stahl gehärtet worden,

Geh’ damit das Meer zu rechen

Und die Wellen umzuwenden

Und den Schlammgrund aufzuharfen !

Infelvater, nimm die Rebe,

Nimm die neuften, nimm die flärfften

Und verfuche einen Glückszug!

Könnteft Spuren deines Kindes,

Könnteft es wohl jelder finden

Auf des Meeres tiefem Grunde !*

103

104 Wierter Befang.

* Singft hinaus das Meer zu fegen Und den Meergrund umzuwühlen Und die Wogen aufzuharken.

Zrugft in deiner Hand den Rechen, Langgeftielt mit hoben Zinken. Kupfern war. der Stiel des Rechens, Stählern feine blanfen Zinfen ‚Und fein Griff von fehweren Eifen. 670 Sieh doch, was du aufgeharft, Was der Rechen dir gewonnen! Schau, ed wird ein Eichbaum fichtbar ! Ei, auch noch ein Föhrenbäumchen! Bring’ die Eiche und die Föhre Flugs nach Haufe in Die Koppel!

Gingſt hinaus das Meer zu fegen Und den Meergrund umzumühlen Und die Uſtr aufzuharken.

Sührteft in der Hand den Rechen 680 Mit den hohen blanfen Zinken

Und dem Griff von fohwerem Eifen.

Und was fandft du in dem Kehricht,

Was im aufgeharkten Schlamme ?

Fandſt das Adlerei im Kehricht, Und den Eiſenhnt im Schlamme. . Gluͤcklich eilteft du nach Haufe,

Bargft den Fund in deiner Kammer.

Gingft hinaus das Meer zn fegen - Und den Meergrund umzuwühlen,

690 Meeresufer aufzuharken, Meereögruben zu durchfuchen.

Und was fandft du in dem Kehricht, Was im aufgeharkten Schlamme ? Einen Fiſch fandft du im Kehricht,

In dem Schlamm die Sitberfchale. Und das Fifehlein mit der Schale Hobft du forgfam auf im Keller.

Gingft hinaus das Meer zu fegen

Und den Meergrund umzuwühlen

Vierter Befang. 105

Und die Bogen aufzuharken 600 Und die Gruben auszufehren Und im Uferfchlamm zu fuchen : Ob du nicht dein Hühnchen fändeft, Nicht dein Mägdlein in den Wellen ? Hört doch, hört, ihre Trauerleute ! . Hört e8 fingen aus den Wogen! - Hört doch, hört, ihr Schwerbetrübten, Ihr vom Schmerz zerfchlagnen Herzen, Hoͤrt's vom Meere ber ertönen, Wie es fingt im WBogenfchwalle, 610 Zlötet in. dem Waflerwirbel ! Dort, wo fih die Wogen bäumen, Dort wird der Gefang geboren, Dort ans tiefem Meeresbette Läßt es alfo fich vernehmen: Maäͤgdlein wol im Meere fchaufeln, Wollt' im Wellenfpiele fingen ; Ließ die Schuhe auf dem Steine Und den Roſenkranz am Baume Und die Bänder auf dem Sande 620 Und die Ringe auf dem Felſen Und begann im Meer zu fehaufeln, Wogenlieder anzuflimmen. Was erblidte fie im Meere, Sah fie glänzen in den Wellen? Goldſchwert blinfte aus dem Meere, Silberfpeer im Wellenfpiele, Kupferarmbruft aus dem Grunde. Zrat heran, das Schwert zu faflen, Nach dem Silberfpeer zu langen, 630 Kupferarmbruft aufzuheben. Kam ein Männchen ihr entgegen, Altes Männchen, Kupfermännchen, Kupferhütchen auf dem Kopfe, Kupferhemdchen auf dem Leibe, Kupfergürtel um die Hüften, Kupferhandfhuh an den Händen, (1) 9

106

670

Vierter Geſang.

Kupferſtiefel an den Füßen, Kupferſporen an den Stiefeln, Kupferbuckeln auf dem Guͤrtel, Kupferzierat auf den Buckeln. Kupfern war ſein Leib, ſein Nacken, Kupfern auch Geſicht und Augen. Fragt der Kupfermann das Mägdlein: „Ei was ſucht im Meer das Mägdlein, Was die Kleine in den Wellen, Was das Hühnchen unter Fifchen Fr Mägdlein hört’ es und erwidernd Sprach die Fleme Ente alfo: „„Ging zu fchaufeln in dem Meere, In dem Wellenfpiel zu fingen, Und ich ſah das Goldfchwert funfeln, Sah die Silberlange leuchten Und die Kupferarmbruft fhimmern. Wollte nach dem Schwerte langen, Nah dem Schaft der Lanze greifen Und die Armbruft mir erwerben.”« Sprach der Kupfermann entgegen, Sprach mit feiner Supferzunge : „Soldichwert wird dem Salewiden, ©Silberfpeer dem: Dlewiden, Armbruft wird dem Sulewiden Aufbemahrt im Meereösgrunde. Kupfermann bewacht die EChäße, Iſt des goldnen Echwerts Bewahrer, Sft der Silberlanzge Wächter Und der Kupferarmbruft Hüter. Nimm den Kupfermann zum Gatten, Sei des Schwertbewahrers Weibchen, Cei des Lanzenwächters Gattin, Sei des Armbrufthüterd Liebchen: Dann foll Goldfchwert dir gehören, Dein fein Olew's Silberlanze, Dann folft du die Armbruſt haben, Sollft den ganzen Schatz befigen.«

Vierter Geſang

Mägdlein hört’ e8 und erwidernd Sprach die Meine Ente alfo, Sang ihm zu die Liederworte : „„Feldbebauers junge Tochter, Dorfbewohners Fleines Lämmchen Nimmt den Mann vom feften Lande, Den Geliebten aus den Pflügern,

. Den Gefährten aus dem Dorfe.“"

Kupfermännkhen lachte höhnifch. Mägdlein that mit ihren Züßchen Einen Fehltritt unverfeheng,

Glitt ein wenig aus am Boden

Und gerieth in eine Grube,

Sant hinab in's Reich der Filche,

In die düftre Meeresgrotte,

In der Wogen weite Kammer.

Und das Meer empfing das Mägdlein, Dedt’ es zu mit feinen Wogen

Und begrub’3 in feinen Tiefen.

Kommt der Vater, grambeladen, Kommt die Mutter, fie zu fuchen, Forfchen nach auf ihren Spuren,

Wo ihre Hühnchen fei geblieben, Ihres Hofes nettes Gänschen. Hat der Habicht, diefer Räuber, Hat die Krähe, diefe Diebin, Hat etwa ein frecher Bube Hühnchen aus dem Neft geftohlen, Gänshen aus dem ftillen Weiher, Mägdlein aus dem trauten Stübchen ? — Auf dem Stein fand man die Schuhe, Fand den Rofenfranz am Baume Und die Bänder auf dem Sande Und die Ringe auf dem Selfen, Alen Schmuck zerftreut am Strande : Mägdlein felber fand man nirgend, Konnte nirgend fie erfpähen. Niemals fah’n fie ihre Tochter,

9 %

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Vierter Geſang.

Nie das liebe Kind mehr wieder. Sie verfan? im Meeresgrunde, Hühnchen fchläft im Echlamm der Tiefe, Schlummert in dem Wogenbette.

Und fie riefen fie beim Namen, Riefen angftvoll ihrem Hühnchen : „Komm nach Haufe, liebe Tochter, Kehre wieder in dein Stübdhen, Komm’ nad) Haufe, füße Kleine !«

Tochter hört es, und erwidert‘, Ließ fich geifterhaft vom Meere, Klagend alfo fi) vernehmen :

„Kann nicht fommen, lieber Vater, Mich nicht retten, theure Mutter ! Meerestaft liegt auf den Xidern, Wogenwucht mir auf den Wimpern, Auf der Bruft die ganze Tiefe.

ALS ich ging im Meer zu fehaufeln Und zu fingen in den Wellen

Und zu plaudern mit den Waflern, Ließ ich auf dem Stein die Schuhe, Meinen Rofenfranz am Baume, Meine Bänder auf dem Sande,

Auf dem Felfen meine Ringe, Meinen Halsfhmud an den Zweigen.

. Kieß mich. dann vom Meere wiegen

Laute Wellenlieder fingend

Nach den alten Meercsweifen.

Sah im Meer das Goldfhwert bligen Und die Silberlanze glänzen

Und die Kupferarmbruft fchimmern. Und ich langte nad) dem Schwerte, Miühte mich den Speer zu faflen Und die Armbruſt zu ergreifen. Tauch' hervor ein altes Männchen, Altes Männchen, Kupfermännden, Kupferhütchen auf dem Kopfe, Kupferhemdchen auf dem Leibe,

Vierter Befang. 109

Kupferhandfchuh an den Händen, KHupferftiefel an den Füßen, Kupferfporen an den Stiefeln, Kupfergürtel um die Lenden, Kupferſchilder auf dem Gürtel, Kupferzierat auf den Schildern. Supfern war fein Leib, fein Naden, Kupfern, das Gefiht die Augen. i Fragte mich das Kupfermännchen: 700 Ei was fuht im Meer das Mägdlein, Bas die Kleine in den Wellen, Bas das Hühnchen unter Fifchen, Bas das Gänschen in den Schluchten ? Ich verftand ihn und erwidernd Sprach ich keck wie eine Ente, Sang ihm gadernd wie ein Hühnchen, Laut ihm zu die Liederworte : „Sing zum Meere, um zu fchaufeln, Um im Wellenfpiel zu fingen, . 770 Zu dem Wogentanz zu pfeifen. Sah des goldnen Schwertes Bligen Und der Silberlanze FZunfeln Und der Kupferarmbruft Schimmern. Wollte nad) dem Schwerte langen, Nach dem Silberfpeere greifen, Mir die Kupferarmbruft Holen. «

Sprach der Kupfermann erwidernd,

Eprach mit feiner Kupferzunge :

Goldfhwert wird dem Salewiden 780 Silberfpeer dem Olewiden

Armbruft wird dem Sulewiden

Sorgfam aufbewahrt im Meere.

Kupfermann bewacht die Schäge,

Iſt des Goldfchwerts treuer Hüter,

Iſt des GSilberfpeers Bewahrr .

‚ Und der Supferarmbruft Wächter.

Altes Männchen, Kupfermännchen, Bollte mid zum Weibe nehmen,

110 Vierter Gefang.

790 Mich zu feiner Hausfrau wählen, Mid zum Spielzeug ſich erwerben, Bot als Brautfhag mir das Goldfchwert, Mir den Silberfpeer als Löfung Und zum Liebespfand die Armbruſt, Wenn id) feiner Werbung folgte, Ihm die Hand zum Bunde reihte. — Und ich fperrte mich nach Kräften, Gab den Sünglingen des Landes, Meines Dörfchens jungen Burfchen 800 Ohne Hehl vor ihm den Vorzug. Kupfermann, der lachte höhniſch. Und da that ich einen Fehltritt, Glitt ein wenig aus am Boden Und gerieth in die Vertiefung Und verſank in's Reich der Fiſche, In des Meeres finſtern Abgrund. Mägdlein ward der Wellen Beute, Hühnchen von dem Meer verſchlungen. Hier ließ ich mein junges Leben 810 Wie ein Hühnchen in der Wildniß, Wie das Böglein in der Schlinge, Wie das Fifchlein in der Reufe. Ging zum Meere um zu fchaufeln, Um im Wellenfpiel zu fingen, | Um zum Wogentanz zu pfeifen, Um das Goldfchwert zu gewinnen, Um den Siiberfpeer zu fuchen, Kupferarmbruſt zu erwerben. Glitt ein wenig aus am Boden 820 Und gerieht in die Vertiefung, Sant hinab in's Reich der Fifche, In die ſchaur'ge Meerestiefe. Dort verfhwand das arme Hühnchen, Haucht' das Voͤglein aus fein Leben, Sand fein Grab das junge Mägdlein, Welkn es hin, das Meine Blümchen ! Meine nicht, du theure Mutter !

Vierter Befang.

Klage nicht, o lieber Vater ! In dem Meer hab’ ich ein Häuschen, Zief im Grund ein trautes Stäbchen. Bing in's Meer um mich zu fchaufeln, Um im Bellenfpiel zu fingen, Um zum Wogentanz zu pfeifen, Und gerieth in eine Grube Und verfant in’d Neid) der Kifche, An des Meeres dunkle Tiefe. Dort verfhwand ich armes Hühnchen, Mupt’ ich kleines Voͤglein fterben, Haucht' ich ans mein junges Leben, Wellt' ih bin in meiner Blüthe, Schloß ich meine braunen Augen. Weine nicht, du liebe Mutter ! Klage nicht, du theurer Vater ! In dem Meer hab’ ich ein Häuschen, Sn dem Grund ein trautes Stübchen, Eine Kammer in der Tiefe. Ging in's Meer, um mid zu fchaufeln, Um im Wellenfpiel zu fingen ; Ging das Schwert mir zu gewinnen, Silberfpeer und Kupferarmbruft ‚Aus der Tiefe mir zu holen. Als ih Kupfermann verfchmähte, Lachte Kupfermann fo höhniſch. Da verfant ich in die Tiefe, Sn die düſtre Meerestiefe. Dort verfhwand das arme Hühnchen, Starb es hin, das kleine Voͤglein, Haucht' ih aus mein junges Leben, Wellkte meine Zugendblüthe, Schloſſen fih die braunen Augen, Schloſſen fih im Todesfchlafe. Meine nicht, du theure Mutter ! Klage nicht, mein lieber Vater ! An dem Meer hab’ ich ein Häuschen, Auf dem Grund ein trautes Stübchen,

5%

111

112 Vierter Befang.

Eine Kammer in der Tiefe, In dem Schlamm ein weiches Nefichen. Ging das Goldfchwert aus dem Meere,

Aus den Wellen mir zu holen,

870 Silberlanze mir zu fuchen, Kupferarmbruft zu gewinnen; Da verfehwand ich armes Hühnchen, Starb ich armes Feines Voͤglein, Haucht' ich aus mein junges Xeben, Wellt' ich hin wie eine Blume, Schloſſen fid) die braunen Augen, Schloffen fi im Todesfhlummer Täubchens Augen ach ! für immer.

„Weine nicht, du theure Mutter! 8 Klage nicht, mein lieber Pater ! | In dem Meer hab’ ich ein Häuschen, Auf dem Grund ein traute® Stübchen, Eine Kammer in der Tiefe, In dem Schlamm ein weiches Neſtchen. Kühl fehläft ſich's in meinem Bette In der feuchten Wellenwiege, Und an meinem Lager fingen Alewiden Wiegenlieder, Kalewiden Schaukellieder, 890 Sulewiden Schlummerlieder.« *

Fünfter Gefang.

Dion beginnt die Morgenröthe Als des jungen Tages Herold

Hart des Himmeld Saum zu fürben, Schon der funfelnden Geftirne: Licht ein wenig zu erbleichen,

* Ind man hörte ſchon den Hahn Auf des Morgens Schwelle frahen, Sah die Henne traulich gadernd Schon ihre Tagewerk beginnen. *

Und der flarfe Sohn des Kalew Zummelt fi noch in den Wellen, Die in weitgehöhlten Bogen Sich der Küfte Finland's nähern. Mährrgen Arms bricht er fih Bahn Auf des Meeres fraufem Rüden,

Und der Wogen Schaufelwiege

Waͤlzt fih mit dem Eräfttgen Züngling, Mit dem nimmermüden Schwimmer, Woge aufs und Woge abwärts Immer weiter hin nad) Norden,

Wo die Uferfelfen ftarren.

Unterm Glühn der Morgenröthe Zärbt ringsum das Meer fih purpurn, Schimmern leuchtend auf die Wogen. Schon erfcheint in weiter Ferne Finland's felögefröntes Ufer Und erhebt fih immer höher Bor des Schwimmers freud'gen Bliden.

114

Bünfter Geſang.

Dieſer peitſcht mit ſtarken Armen Die bewegte Meeresfläche,

Und der Wogen Schaukelwiege Schleudert ihn, den kühnen Schwimmer, Von der Woge ſchwankem Nacken

Zu dem Kamm der nächften Woge, Dem Geftade immer näher.

Und als kaum der junge Morgen Sich; des Frühroths Arm entwindend it den erften Sonnenftrahlen Die erwachte Welt begrüßte Und die grünen Meereönigen Mit den ausgeftreuten Flittern Haar und Bänder eilig fhmüdten, Faßte ſchon der Sohn des Kalew, Diefer edle Riefenfprößling,

Feſten Fuß an Finland's Strande. Etwas müde von der Reife

Nahmn er Plag auf einem Felſen, Um fi) nach der weiten Meerfahrt Kurze Ruhe nur zu gönnen.

Und die frifyen Morgenlüfte,

Die vom leichtbewegten Meere

Sanft des Felſens Rand beftrichen,

Kühtten feine heißen Wangen,

Und mit jedem Athemzuge,

Den er auf dem Felfen ruhend

Aus der kühlen Seeluft fchöpfte,

Sühle er frifcher fih und flärker. Finland's windelund’ger Zaubrer

Hatte kurz vorher fein Fahrzeug

Unter einem Zelfenvorfprung

An dem Ufer feftgefettet,

Daß das tüf’fche Spiel der Wogen,

Bon dem Sturme aufgeftapelt

Zu vernihtungdrohndem: Grimme,

Ihm den Nachen nicht zerbreihe. Schmetternd brachten ſchon die Voͤglein

Fünfter Geſang.

Ihren Gruß der Morgenſonne, © Stieg die Lerche froͤhlich trillernd Auf zum hohen Himmelsdome, Schlug die Nachtigall im Wäldchen, Nief der Kuduk im Gehege, Braten alle Waldesvöglein, Jedes laut in feiner Weiſe, Shren Dank dem Göttervater, Bater Zaara Preis und Ehre. * Sonft war auf der mweiten Fläche An dem felfenreihen Strande Kein Geſchöpf noch in Bewegung, Sah man von den Strandbewohnern Niemand noch den Pfad betreten, Keine Seele noch fich regen. | Selbſt die Wälder, Berg’ und Aeder Ruhten noch im Morgenfchlunmer An des jungen Tages Schwelle. Kalew's Sohn erhob das Auge Und verfuchte zu erfpähen, Ob er nicht von Finland’3 Zaubrer Irgendwo ein Lebenszeichen, Eine Spur entdeden Fönnte. Do im weiten, weiten Umfreis War fein Zeichen von ihm fichtbar, Keine Spur von ihm zu fehen. Stiller Morgenfrieden dedte Rings. das Land und die Gewäfler Und die Strandbewohner ruhten Warn noch unter feinem Fittig. Auch der ftarfe Sohn des Kalew Fühlte fih) vom Hauch des Friedens Angeweht und ſchloß das Auge Und verfant in fügen Schlummer, Während Luft und Sonne fi Wechfeldweife drum bemübhten, "Die Gewänder ihm zu trocknen, Und der Schlummergott vergebens

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116 Fünfter Befang.

Faͤden fuchte anzufpinnen, Um ein Zraumbild zu geftalten. Kalew’3 edler Riefenfprößling ! Während du auf hartem Fels Deinen müden Augenlidern 110 Kurzen Schlummer nur gewähreft, Weilt im Geift des Sängers Auge Auf den heißen Kampfeswegen, Die in Finland dir bevorftehn ; Sieht den Yüngling, den im Schlummer Sanft das Morgenroth befcheinet,, Bald des Sturmes Wuth erreichen Und im ungeftümen Angriff Ale Schreden der Vernichtung Gegen ihn in Aufruhr bringen ! 120 Drohend rollt der Donnerwagen | Und die Wolle fchleudert Bliße Auf den Pfad, den du betreten; MWüfter Waffenlärm ertönt, Kampfgefchrei fteigt auf zum Himmel Und das Blut auf deinen Spuren Riefelt in das Wäldchen Flagend : Daß zum Mörder Du geworden. Du indeffen ruh' im Frieden ! Während deines fanften Schlummers 10 Hebt auf feines Liedes Schwingen Sid der Sänger in die Lüfte, Um ein andres Bild zu ſchauen. Als der gute Infelvater Und die liebe Infelmutter Nicht ihr Kind im Meere fanden, Aber aus des Mägdleins Liede, Jener geifterhaften Stimme, Shres Hühnchens Tod erfuhren, Sie im Meer geborgen wußten, 10 Singen weinend fie nach Haufe, Um die ausgefifchten Bäume,

Fänge Gefang. 117

Eich' und Föhre, zu befchauen. »Nahmen von dem Hof die Eiche Mit den breitgezweigten Aeſten, Zrugen mühfam auf Den Anger Sie zur Schaufel, wo noch jüngfl Sich ihre Töchterchen ded Abends Fröhlich zu vergnügen pflegte, Und verpflanzten dort die Eiche Zum Gedächtniß ihres Hühnchens. „Wachſe, Eihbaum, ftolz und fröhlich 150 Mit den Zweigen in die Lüfte, In die Bolfen mit der Krone!” Und die Foͤhre aus der Koppel Pit den breitgezweigten Xeften Trugen gleichfalld auf den Anger Sie zur Schaufel, wo noch jüngft Kröhlich fich ihr Kind des Abends Und vergnügt zu fchaufeln pflegte, Und verpflanzten dort die Zöhre Dicht am Pfoften diefer Schaufel 160 Ihrem Töchterchen zu Ehren, Zum Gedächtniß ihres Hühnchens. - „Wachſe, Köhre, und gedeihe, Wachſ' hinauf zum ſtolzen Baume, Mit den Zweigen in die Lüfte, Mit dem Wipfel in die Wollen !« Als der Eihbaum feinen Plab Und die Zöhre ihre Stelle Bei der Schaufel eingenommen, Sedes auf der andern Seite 170 Dicht am Schaufelpfoften prungend, Bing das Bäterchen in's Zimmer, Ging das Mütterchen zur Kammer, Nach dem Adlerei zu fehen, Ob es ſchon im Eifenhute Glücklich ausgebrütet worden. Eiſenhut war kalt und feucht, Kalt das Ei im kalten Hute:

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Fünfter Bfang.

Saß dod Niemand da zum Brüten Auf dem Ei im Eifenhute !

Nahm das Ei die Mutter mit, Stellt’ ed an die warme Sonne, Nahm's zur Nacht zu fich in's Bette, Hegt' es warm im eignen Schooße.

Bater eilte zu der Eiche,

Mutter zu dem Zöhrenbaume. Beide Bäume fchoffen luſtig, Hundert Faden ſchoß die Eiche, Zehn die Foͤhre in die Höhe.

Gingen Beide dann nah Haufe, Und der Bater in den Seller,

Um zu fehn, ob auch fein Fifchlein, Fifchlein in der Silberfchale,

Etwas größer ſchon geworden.

Und ihm brach fein Vaterherz.

„Ah, ich hatte, jprach er weinend, „Einen Apfel, ſchön und duftend, Eine füße, zarte Deere,

Weiß wie Schnee und roth wie Nofen, Und mein Apfel fiel in's Meer,

Meine Beere in die Fluthen.

Und ich ging fie aufzufuchen,

Ging mein Töchterhen zu retten, Wühlt' im Schlamm bis an die Kniee, Stieg in's Meer bis an die Schultern. Und was fühlt ih an dem Knie ? Ah, ed war ein Feiner Fiſch nur! Was kann mir das Fifchlein werden 9

Fifchlein hört’ es und erwidert, Sprach mit zarten Schmeidhelworten : „„Gieb das Fifchlein, gieb's den Wellen, Gieb es feinen Spielen wieder !

Liebe Eltern, flinfe Brüder, 2 Zarte Schweftern harten feiner,

Und das goldgefchuppte Liebchen

Wartet fehnfuchtsvoll am Strande.““ —

Fünfter Geſang. 119

Snfelvater bracht? es fort, Gab dem Fifchlein feine Freiheit i Und begab fi dann zur Schaufel, 2% Um die Bäume zu betrachten. Und die Eiche und die Foͤhre Strebten mit den folgen Wipfeln Himmelan bis in die Wolfen, Gleich als. wollten fie den Himmel Und die Wolken fühn durchbrechen. Aus dem Ei entfprang ein Junges, Ward ein fräfger junger Adler, Den die Infelmutter pflegte, Bis er einftmald ihr entwifchte 230 Und davonflog in die Weite. Gingen dann zu ihrer Eiche. Immer mächt'ger ſtrebt die Eiche In die Luft hinaufzuklimmen, Strebt die Wollen zu zerſtreuen, Wil den Himmel felbft zerfpalten. Vater ging den Zaubrer fuchen, Ging den mächt’gen Zaubrer dingen, Der die mädht’ge Eiche fälle Mit den weitgezweigten Aeften. . 20 Mütterhen ging auf die Wiefe, Um das Grummet einzuernten Und die Lefe aufzuharken, Goldnen Reden auf der Schulter, Rechen mit dem Supferftiele, Rechen mit den Silberzinken Und den goidnen Ringelhafen. - Und fie nahm fchon eine Schwabe, Nahm die zweite auf, die dritte; Und was fand fie in der dritten? 250 Sand den Adler in der Schwabe, Den des Tags die Sonnenftrahlen, Nachts im Bett ihr warmer Schooß Aus dem Eie ausgebrütet. Und fie trug ihn froh nach Haufe,

120

270

Yünfter Befang.

Hielt im Zimmer ihn agfangen.

Und was barg er unter'm Flügel? Barg ein Männchen unter'm Zlügel, Barg ein Männchen, defien Höhe Kaum zwei Spannen meflen mochte. Und was trug der Zwerg in Händen? Trug ein Aextlein in den Händen. *

Kalew's Sohn, du trauter Bruder, Wollteft nur ein kurzes Stündlein Deine Augenlider fließen 5 Wollteft, um dich zu erholen,

Nur im Morgenfchlummer träumen ; Doch die Herrfchaft der Ermüdung Siegte über deinen Vorſatz,

Beugte deinen ftarfen Willen.

Lagſt den ganzen Tag im Schlafe, Schliefſt auch fort die ganze Nacht, Schliefft bis an den hellen Morgen.

Nach des zweiten Tages Frühroth,

Als die Sonne jadenhod)

Schon am Himmel aufgeftiegen

Und die Meeresfluth beftrahlte,

Wand der flarfe Sohn des Kalew Sic) erft aus des Schlummers Fefleln. Länger ließ es ihm nicht ruhn,

Länger nicht. dem Schlafe fröhnen. Rüftig fprang er auf vom Lager

Und begann mit fohnellen Schritten Sich vom Meere zu entfernen ; Schritt auf unbefannten Wegen

Eilig immer weiter landwärts,

Immer tiefer in die Berge.

Auf und nieder wand fein Weg Zwiſchen Bergen fih und Felfen

Bald durch Triften, bald durch Schluchten, Ueber weitgeftredte Wiefen

Und durch finftre Nadelwälder,

Fünfter Befang.

Ueber offne Haideflächen Und an Zlüffen bin und Seeen In das Herz des Felfenlandes. ° Kalew's ſtarker Riefenfprößling Immer eil'ger fürder ſchreitend Sah fich um nad allen Seiten, Ob er im bethauten Graſe Nicht der Mutter Spuren fände ? Smmer höher flieg die Sonne, Seit er feinen Weg begonnen, Und den Mittag bald erreichend Schien fie heiß.auf feinen Rüden,

Daß es von der Stirn ihm tropfte.

Aber ruͤſtig fehritt er fort, Ohne Ruhe fi) zu gönnen, Ueber hohe Bergesrüden Und durch tiefe Felfenklüfte,

Um in's Innre zu gelangen, Nicht der Sonne Gluth beachtend,

Die ihm auf die Schultern brannte.

Finland's windekund'gen Zaubrer Konnt er dennoch nicht erreichen, Noch der theuren Mutter Spuren Auf der Wanderung entdeden. Kalew's ftarker Sohn bedadhte Klug die Wege umd die Stege, Die ihn fiher anf die Spuren Der verlornen. Mutter führten, Daß er endlich fie erreiche . Und die Theure aus den Klauen Des verruchten Mäubers rette.

Und im Sturmſchritt eilt er fürder,

Schreitet Kalew's edler Sproͤßling

Durch die Wieſen, durch die Thaͤler,

Ueber weite Haideflaͤchen

Immer tiefer in's Gelände,

Nicht der Sonne Gluth beachtend,

Die ihm in's Geſicht ſchon brannte. lui]

e

310

121

122

Yünfter Befong.

So erreichte Kalew's Sprößling Einen Berg, von deflen Fuß Er durch hohe Kelfenblöde Sich zum Bipfelpunit hinaufwand, Um von dort fi) umgufchauen.

Als er von dem hoͤchſten Kamm Weit umber die Blicke fandte, Kiel dem flarfen Sohn des Kalew Ein bebautes hal in’d Auge, Das ein muntrer Bach durchſtroͤmte. Hier an eines Wäldibend Saum Zag der Hof des Windekund'gen, Ro der Räuber heimlich haufte Und ſich wohlgeborgen wähnte.

Freudig flürmt der Sohn des Salem

Nun hinab die fteilen Selen, Strebt dem Thale zu im Fluge Und durchfchreitet raſch den Anger Bis zur Pforte des Geböftes. An der Leinen Bforte hier Hemmt der Eil'ge feine Schritte, Um nur einen Blid hinüber In des Räubers Hof zu werfen, Deflen ftattlihe Gebäude Bon des Wirthen Wohlkand zeugen. i An dem Schatten feines Hanfes' Lag der Zaubrer auf dem Nafen Friedlich bingeftredt und ſchnarchte. An den Anger ftieß die Koppel Und ein faubres Eichenwäldchen. In der Koppel angelommen Zog der edle Sohn des Salem Eine von den ſchlankſten Eichen. Mit der Wurzel aus den Boden, _ Sie als Keule zu gebrauchen, Schnitt die langen Aeſte weg, Lieb am Staume nur die Stümpfe Einzeln ſtehn und rundete

Yünfker Gefang. 123

Dann zum Knauf die knorr'ge Wurzel.

Schließlich wog er feine Keule, 370 Sie am Gipfelende faflend, _

Prüfend in der Fräft’gen Rechten,

Ob fie wohl geeignet wäre,

" Seiner Mutter Raub zu rächen.

Kalew's Sprößling jo bewaffnet Ueberſchreitet rafh den Anger, Um in das Gehöft zu dringen. Unter feinen Eifentritten Drdhnt ringsum die ganze Gegend Und der Boden ſcheint zu ſchwanken, 380 Berg und Thal vor Angft zu beben.

Finland's windefund’ger Zaubrer Aus dem Schläfchen halb erwachend Fahrt erfchroden in Die Höhe Wie vom Donner aufgerättelt, Wenn der Gott auf feinem Wagen Ueber ſchwarze Wetterwolfen Blige ſchleudernd zornig hinfährt. Blinzelnd öffnet er die Angen Und erblidt, fat ſtarr vor Schreden, 390 In der Pforte Linda's Mächer, Deſſen fchwere Eifentritte Ihn gewedt aus feinem Schlummer. Co im Schlafe übereumpelt Bar der Zaubrer außer Stande Sich in irgend einem Winkel Bor dem Feinde zu verfteden Dder auf des Windes Flügeln Seinem Grimme zu enttommen.

Denn fchon hat der Sohn des Kalew 400 Selten Schritts den Sof betreten Und mit hochgeſchwungner Keule Seine Beute‘ wahrgenonmten.

Finland's windefund’ger Zaubrer Konnte nur in aller Eile Eine Handvoll Flaumenfedern

*10*

124

410

4%

Bänfter Geſang.

Aus der Bufentafche holen.

Diele blied er vor ſich hin,

Daß in wirbeinder Bewegung

Und die ganze Luft erfüllend .

Sie im Schweben fi erhielten.

Dazu ſprach er Zauberworte, -

Deren Macht den todten Federn

Plöglich Ddem gab und Leben:

Denn fobald der Windekund'ge

Ceine Sprüche bergemurmelt,

Wurden aus den Federn Krieger. Nur ein Werk des Augenblides

War es, und auf Windes:Schwingen

Raffelten im Hagelwetter

Theild zu Zuß und. theils zu ‘Pferde

Krieger auf den Plaß hernieder,

Die zu Zaufenden fich fchaarten,

Um dem Zauberer zu dienen. Maflenweife wälzten fich

Diefe Iuftgefchaffnen Schaaren

Als Sukkurs des Windekund'gen

Auf den Anger jetzt heran,

Stroͤmten drängend durch die Pforte

Und dem Helden auf den Hals

Wie ein Wald im Niederſtürzen.

Mücken in der Abendſonne,

Schnacken in der Dämmerung,

Bienen, die den Stock verlaſſen,

Stürzten diefe Zauberföldner,

Eine dichte Wolkenmaffe,

Die in Strömen ſich ergießt,

Auf den edlen Sohn des Salem,

Um den göttergleichen Helden

Durch die Laſt ſchon zu erdrüden. Kalew's hoher Riejenfprößling

War bereit fie zu empfangen.

Kluge Einfiht, ſcharfe Sinnen,

Heldenmuth und Niefenftärke

Fünfter Befang.

Gaben auch zu diefem Stampfe Ihm des Sieges Zuverficht. Seine mächt'ge Keule ſchwingend Dringt er in den dichten Haufen Und aus feiner Rechten regnet's Hiebe hin nach allen Seiten Wie beim Drefhen auf der Tenne. Ad, wie wurden fie gefuchtelt, Wie zerrupft und wie zerdrofchen, Diefes geifterhafte Fußvolk, Diefe zauberſpuck'gen Reiter ! Während feine Keule fehmetternd Raſ'te, rief er felbft dazwiſchen: *,Zücht euch nicht, ihr Raubgefindel, Hexenmeiſters Diebsgenoſſen, Luftige Geſpenſterrotten, Die ein Zauberſpruch erſchaffen, Noch des Teufels Helfershelfer Und die Macht der böfen Geiſter; Fürchte feinen ſtärkern Meifter, Beuge mich vor keinem Höhern ! Hab’ noch Mark in meinen Knochen Und ein Paar gefunde Fäufte, Angeerbt von meinem Vater Und genährt von meiner Mutter !«* Wo ein Hieb des Riefenjünglings Mit der ganzen Wucht der Keule Hinftel oder auch nur ftreifte, Sanfen Dann und Roß zufammen. Seinen hageldichten Streichen Konnte Niemand widerftehen. Gleich dem Siemann auf dem Ader Streut er aus mit jedem Schritte Sihre Saat des bleichen Todes Und die nimmermüde Keule Sauft in feiner kräft'gen Rechten Rechts und links und fchmettert nieder, Bas nur Ddem bat und Leben.

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126:

510

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Fünfter Gefang.

Welcher Eichſtamm hat wohl je, Welche fampfbereite Keule, Welcher Knittel im Gemepel Sp gefauft im Windeswirbel, So unzählig viele Opfer In das Todtenreich gefendet ! * Männer fallen bier im Kampfe So wie Tropfen aus den Wolfen, Wie der Hagel auf das Saatfeld, Wie der Schnee auf die Gefllde. Wer beihirmt vom blinden Zufall Unbefchädigt niederfiel, Nahm die legte Kraft zufammen, Um fih duch die Flucht zu retten. * Kaum war das Gefecht im Gange, Unfer'm Helden nur ein Spiel,

So erloſch ed auch ſchon wieder,

Ging der biut’ge Kampf zu Ende,

War es aus mit dieſem Kriege.

Denn den weiten Wahlplag deckten

Leichen nur und Schwerverlekte,

Die im Todesfampfe lagen.

+ Bis zum Gürtel flieg der Blutſtrom,

Sa bis an die Bruft hinan,

Der fih durch die Pforte wälzte

Und den Anger überftrömte,

Bis er in der fernen Koppel

Sich zu einem See vertiefte. *

Was nur hatte fliehen Lönnen,

War geflohen und zerftoben. Finland's windefund’ger Zaubrer,

Der mit feinen Hexenſprüchen

Sonft ſich ſtets den Sieg erzwang,

War doch diesmal völlig rathlos

Und befand ſich in der Klemme.

Als er feine Söldnerfchaaren

Aufgerieben fah, entſchwand ihm

Auch) der lebte Strahl der Hoffnung.

Fünfter Geſang 137

Darum trat e Demuth heucheind

Und mit Honig auf der Zunge

Bor den Sieger bin und fießte: „Theurer Sproß aus Kalew’s Stamm, Linda's treuefter Beſchuͤßer!

Hab’ Erbarmen, fei verfähnlich

Und vergieb wir, daß ich fehlte !

Laß uns Frieden ſchließen, Theurer, Und vergiß, daß ich dich kraͤnkte,

Da ich reuig vor dir ſtehe! 5% Ich gefteh’ es, ich vergaß mich Ghegeftern und verfuchte

Einen Schag mir zuzueignen,

Der mir nicht gehören wollte.

Bon der böfen Luſt geftachelt

Schlich ich wich in eure Wohnung

Un) betrat das Neft des Adlers

Zu dem günft’gen Augenblicke,

AS die Jungen ansgeflogen.

Sa, ih raubte deine Mutter, 540 Trug fie fort in meinen Armen,

Trug das Hühnchen mıs der Kammer. Ihren Widerfland bezwang ich

Durch die Macht ven Zauberfprüchen, Behrlos fiel das ſchwache Weib

In die Schlinge meiner Künſte.

Als mit meinem Schag beladen

Ich hinab zum Boote eilte,

Um auf fraufem Meeresrüden

Ihn nad Finland zu entführen, 650 Trat mir auf dem Sruberge

Mit vernichtendem Gepolter

Der erzürnte Gott des Donners Furchtbar drohend in den Weg.

Dig auf Blitz, dag ich geblendet

Nicht das Auge öffnen konnte,

Fuhren feine Wetterſtrahlen

Ziſchend anf den Schuld'gen nieder,

128.

670

Fünfter Geſang.

Warfen ſchmetternd mich zu Boden

Und beraubten mich der Sinne,

Daß ich einem Zodten gleich

Eine regungelofe Maſſe

Auf dem Gipfel liegen blieb.

Wer des Todes Schritt gemeflen, Ihn verfolgt bis zum Entfchlummern, Wer dem Todesſchlaf im Brabe Seine Dauer nachgerechnet,

Mag die Dauer meiner Ohnmacht

Zu beftimmen fich vermeflen.

Als ich endlich felbft erwachte

Und die Augen öffnete,

Schaut ic aus nach allen Eeiten, Wo dein Mütterhen geblieben ; Forſcht' ich nach des Hühnchens Spuren, Nach des theuren Birkhuhns Wegen, Um das Böglein zu entdeden,

Meinen Flüchiling einzufangen.

Weiß nicht, ob auf Windes Flügeln Dder in dem Arm des Lufthauchs Unterm Schuß geheimer Mächte Kalew's Witwe mir entflohen !

Oder barg ein tüd’fcher Kobold

Sie vor mir im Schooß des. Berges ? Weit und breit war nichts zu fehen, Keine Spur von ihr zu finden. Sehnſucht nah dem theuren Flüchtling, Furcht vor ihren Adlerjungen

Trieben mich vom Iruberge,

In der Ferne fie zu ſuchen.

Nicht die Müdigkeit beachtend,

Die mir in den Bliedern lag,

Floh ich eilig an's Geftade,

Um mein Fahrzeug zu befteigen,

Das am Ufer meiner harrte. Doch auch hier die Rache fürchtend Führt? ich zitternd nur das Ruder u

Beier Befang. 129

Und regierte auf den Waſſern Ungeſchickt mein oͤdes Fahrzeug. Erft als fchon der Morgen graute, | Stieß mein Boot an's heim’fche Ufer”. 600 Kalew's edler Heldenfprößing Hörte nur mit halben Ohren Und mit fraufer Stirn die Rede Bon der glatten Heuchlerzunge, Und den Grimm nicht länger zügelnd Brach er 108 in diefe Worte: „Du verruchter Weiberdieb, Öleißnerifcher, glatter Kügner, . Der du einer frommen Wittwe Keuſches Lager zu befuden - - 610 Lift und Ränke aufgeboten ! | Hoffeft du, mit Schmeichelworten Deine Unthat zu verföhnen, Mid mit Lügen abzufinden ? Glaube nicht, fo leichten Kaufe Deinem Schidfal zu entrinnen ! Uebervoll ift längft dein Maaß! Nimm, was du verdient, du Räuber, Deinen Lohn, du Dieb, empfange !« Sprach's und ſchmetternd traf die Keule, 620 Die er ſchwang in ſtarker Hand, . Daß fie wie der Sturmwind faufte, Des verrudten Zaubrers Stirnbein Zwifchen feinen bufch’gen Brauen ! Finland's windefund’ger Zaubrer Stürzte wie ein Sack zu Boden, Ohne einen Schmerzenslaut PR Dder auch nur einen Geufzer . Mit dem Leben auszuhauchen. Nicht einmal fein Auge zudte, 60 Als die Seele ihm entfuhr. Kalew's ſtarker Sohn betrat Eilig jetzt die Wohnung felber, Um die Mutter dert zu fuchen. x u

130

670

Günfler Gejeng-

Er durdftrid das ganze Haus

Kreuz und quer und unterfudhse

Mehrmals jeden Raum befonders.

Jede Ede ward durchſtochert,

Ausgeftäbert jeder Winkel,

Aus der Stube ging's zur Kammer,

Aus der Sammer in den Keller,

Aus dem Seller auf den Boden.

Jede Thür ward eingefchlagen,

Jedes Schloß ward aufgebroden,

Und was ihr nur widerftand,

Schlug die Fauſt in tauſend Trümmer !

Das Getöfe feiner Schläge

Und den Schall von feinen Tritten

Hörten zitternd alle Leute

Meilenweit um's Haus herum.

Weithin fchallte das Gepsiter

Ueber ausgedehnte. Flächen

In die ferngeleg’nen Wälder,

Hallte wieder an den Felſen

Und ertönte bis an’3 Meer,

Wo's die breiten Wogen hörten.

Alle Vögel in den Wäldern,

Alle Thiere in der Wüfte

Fliehen ſcheu aus ihrer Heimath,

Ja ſogar die Fiſche ſchlüpfen

In die tiefern Meeresſchluchten.

Aengſtlich läuft das Bolk zuſammen,

Denn ed wähnt des Krieg's Getuͤmmel

Und der Schlachten blut'ges Toben

In de Nähe zu vernehmen.

Doch der theuren Mutter Spuren,

Des entfloh’nen Birkhuhns Pfade

Blieben ihrem treuen Sohne,

Ihrem Rächer noch verborgen. Schon beginnt der Sohn des Aalaw

Seinen Ungeftüm zu fchelten

Und die Zornwuth zu bereuen,

Fünfter Gefang. 131

Die er in der Uebereilung An dem Zaubrer ausgelaffen, Der auf immer nun verfiummt Ihm nicht mehr geftehen Tonnte, Wo die Mutter er verborgen, Daß ter Sohn fie wiederfände. * Hefttger Zorn führt in's Verderben, Denn er raubt die Heberlegung, 680 Giebt auch ſchwachem Gegner Borfprung. Lenkt der Zorn des Roſſes Züge, Geht e8 durch mit feinem Reiter. * Nalew's edler Sohn vermochte In dem Zwielpalt der Gefühle Sich nicht ruhig zu beſinnen. In verwirrter Haft durchlief er Nochmals Haus uad Hof und Seller, Rannt im Sturme durch die Aleeten, Durch die Vieh⸗ und Pferdeftälle 690 Und ducchfuchte hundertmal Jeden Winfel, den er antraf, Bis des Abends dunkle Schatten Seinem Toben Halt geboten, Seine haft’gen Schritte hemmten.

: Weinend um die theure Mutter, Die Berlor’ne, die er fuchte, Aber nirgend finden Fonnte, Warf der Sohn fih auf das Lager. Nichts vermochte feinen Kummer, 700 Seinen Seelenfchmerz zu flillen.

Endlih unterlag der Starke ° Den unzähligen Strapazen Und verfant in fügen Schlaf. Eines Traumes fanftes Fächeln Linderte mit weichen Hauch Seinen Schmerz und feine Zrauer.

* Es erfchien ihm feine Mutter In der Blüthe ihrer Jugend, Wie fie einft am Hochzeitötifche 710

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740

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Bänfter Geſang

Alle Herzen fi) gewann, Aus den Zeiten, wo fie heiter Wie ein unfchuldsvolles Böglein Auf der Schaufel ſich vergnügte Dder fröhlid) durch das Wäldchen Und durch Hof und Koppel ftreifte Bei der Wiekſchen Pflegemutter. Birkhuhnstöchterchen zu wiegen Flog die Schaufel in die Xüfte, Flog mit Luft fo hoc) fie konnte ! Dazu fang das muntre Voͤglein Heitern Sinnes diefe Worte: „Rüft’ge Schaufler, liebe Brüder, Laßt die Schaufel höher fehwingen ! Herrlich ift e8, aus der Höhe Ueber’8 ganze Land zu fehauen ! Schwingt fo hoch mich in die Lüfte, Daß die Wellen mich erbliden, Daß die Wollen meinen Kopfſchmuck Mit den Zlatterbändern küfſſen, Daß mein Kleid im Kunglalande, Sein Befaß dem Donnergotte Und den Sternen fichtbar werde. Dann verfammeln fih die Freier, Werben Sonne, Mond und Sterne Um der Birkhuhnstochter Liebe, Kommt felbft Kalew mich zu freien.“ * Die Geftalt der iheuren Mutter, Die der Traum ihm offenbarte Aus der Zeit, wo fie als Jungfrau Auf der Schaufel ſich vergnügte, Schaute nicht aus den Gefllden, Wo die Blumen blühn und welfen; Nein, fie fam aus fel’gern Höhen, Kam herab aus Ulko's Wohnfl, Wo die Freude ewig währet. Kalew's edler Sohn erwachte Früh am Morgen aus dem Schlafe,

Fünfter Gefang. 133

Ehe nod die Sonne aufging, Und begann des naͤcht'gen Traumes 750 Tiefer'm Sinne nachzudenken. Endlich feinen Sinn erfaflend Brad er aus in diefe Worte: * „Mütterchen ift heimgegangen, Hat auf immer mich verlaffen, Böglein ift Davongeflogen, Hühnchen feh’ ich nimmer wieder! Hühnchen ging nad Heidelbeeren, Sucht' im Moor nad) Preißelbeeren, Und da fam der böfe Habicht, 700 Kam die Krähe, diefe Diebin, Fielen Hühnchen an wie Räuber, Braten Hühnchen in's DVerderben. Döglein konnte ſich nicht retten, Unterlag den Räuberfrallen ! Niemand hörte ihre Klagen, Niemand fah ihr letztes Ende.“ * Kalew's ſtarker Sohn erlannte Sicher aus des Traumes Bildern, Daß fein Mütterlein geftorben. 710

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Sehhster Geſang.

Kliews ſtarker Sohn verbrachte Einen Tag in ſchweren Sorgen, Auch den zweiten noch im Schmerze Ob dem Tode ſeiner Mutter; Doch am dritten vor der Sonne, Vor des Morgens erſtem Grauen, Sah man rüftig auf dem Heimweg Ihn dem Meere zu fihon eilen. Aus den Winden angeflogen Kamen frifchere Gedanken,

Aus den frifhen Morgenſuͤften Ihm aud) frifchere Entichlüffe.

- Auf den Marken Finland’s lebte Ein berühmter Schmiedemeifter, Der Erzeuger edler Waffen, Blanker Klingen kund’ger Schöpfer.

„Eh' ich in die Heimath ziehe, Sprad der Sohn des Kalew finnend, . „Muß ich mir ein Schwert beforgen, Eine Waffe mir verichaffen,

Einen tüht’gen Kampfgenoſſen.“

* Augenblids die Richtung wechjelnd Ging